Benfield House
Kapitel 3
Eine Woche später standen Simon und Ottilia in der Eingangstür des Landhauses und sahen zu der Kutsche, die gerade die Anfahrt heraufkam. Tilia war vollkommen aufgekratzt wegen der Ankunft von Nathan Cox. Nervös stand sie neben Simon, trat von einem Fuß auf den anderen und verrenkte sich den Hals nach dem Gefährt. »Oh ich kann es kaum glauben«, sagte sie aufgeregt. »Mr. Cox hat tatsächlich zugesagt und wird für die nächsten Wochen unser Gast sein. Er ist ein sehr sympathischer Mann, du wirst ihn gewiss auch mögen.«
Skeptisch sah Simon zu ihr und verschränkte die Arme vor der Brust. »Hast du ihn denn schon einmal kennengelernt?«
»Ja, das weißt du doch«, erwiderte sie. »Damals, als ich auf Maggies Geburtstagsfeier war, du erinnerst dich sicher noch daran. Er hat mit uns eine Séance abgehalten. Maggie wollte unbedingt noch einmal mit ihrer Mutter sprechen.«
Maggie Reynolds war Tilias beste Freundin, eine Krankenschwester, die im Memorial Hospital arbeitete, wo auch Simon als Allgemeinarzt tätig gewesen war. »Ach daher weht also der Wind«, meinte Simon und hob eine Augenbraue. »Du wolltest ihn unbedingt wiedersehen.«
Tilia errötete und räusperte sich. »Kann sein. Trotzdem kann er uns helfen und das ist der einzige Grund, warum ich ihm telegrafiert habe. Seit einer Woche haben wir hier nicht mehr richtig geschlafen und ich sehne den Tag herbei, an dem ich endlich wieder in meinem eigenen Bett schlafen kann, ohne von irgendwelchen Stimmen oder deinem Geschnarche geweckt zu werden.«
Simon schnaubte. »Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn du in deinem eigenen Bett schläfst, Ottilia. Dann musst du mein Schnarchen auch nicht mehr ertragen.«
Sie legte ihre Hände aneinander wie zum Gebet und sah hinauf in den grauen Himmel. »Oh, wie gerne würde ich das, aber ich stehe Todesängste aus, wenn ich nachts in diesem gottverdammten Haus alleine bin.«
»Ottilia, wie redest du denn? Fluchen schickt sich nicht für eine Dame«, wies er seine Schwester zurecht.
»Es ist doch wahr. Deswegen bin ich so froh, dass Mr. Cox kommt. Er wird dem Spuk ein Ende bereiten und wir werden hier endlich Frieden haben.«
»Und du wirst ihm natürlich schöne Augen machen«, konnte Simon es nicht lassen, seine Schwester zu foppen.
Sie schlug ihm gegen die Schulter und schmollte. »Ach du ...«
In diesem Moment hielt die Kutsche vor der Treppe und Simon war jetzt natürlich besonders gespannt auf diesen Nathan Cox, der seiner Schwester anscheinend den Kopf verdreht hatte.
Zwei Männer stiegen kurz darauf aus der Kabine und sahen sich neugierig um. Beide waren ziemlich groß, trugen dicke Umhänge und dunkle Hüte auf dem Kopf. Einer hielt einen Gehstock in der Hand und stützte sich darauf, sein Blick glitt zu Simon und blieb auf ihm haften. Blaue Augen sahen ihn fröhlich an. Der Mann hatte ein Gesicht wie ein Engel, von blonden Locken umrahmt, die bis über den Kragen fielen. Es war ein junger Mann, nicht älter als fünfundzwanzig. Simons Herz setzte einen Schlag lang aus, nur um kurz darauf wie wild zu pochen. Seine Lippen öffneten sich und ein leises Keuchen entkam seiner Kehle, als dieses Bild von einem Mann sich in Bewegung setzte und mit einem breiten Lächeln die Stufen hinauf kam. Dabei zeigten sich zwei Grübchen in seinen Wangen und seine Augen funkelten.
Dann stand er vor ihm und streckte ihm die Hand entgegen. »Guten Tag Sir, Sie sind bestimmt Simon Butler. Ich bin Nathan Cox, das Medium nach dem Sie geschickt haben.« Er wandte sich zu dem anderen Mann um, der noch bei der Kutsche stand und zu ihnen sah. »Das ist mein Bruder und Assistent Oliver Cox.«
Nathans angenehm tiefe Stimme verursachte Simon eine wohlige Gänsehaut. Er war wirklich sehr groß und Simon musste zu ihm aufschauen. Aus der Nähe betrachtet, waren seine Augen wunderschön. Ein helles Blau, wie er es noch nie gesehen hatte. Simon musste Schlucken und sich ziemlich zusammenreißen, um die Begrüßung zu erwidern. »Angenehm Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich heiße Sie herzlich in Benfield House willkommen.« Sein Lächeln missglückte, wirkte leicht verkrampft. Dieser Mann hatte eine unglaubliche Wirkung auf ihn und die Berührung seiner Hand jagte einen kleinen Stromschlag durch seinen Körper. Simon wusste jetzt schon mit Sicherheit, dass er sich ihm nicht würde entziehen können. Er sollte Nathan Cox auf der Stelle zurück nach London schicken, das war das Gescheiteste.
Doch in diesem Moment sagte Tilia neben ihm: »Mr. Cox, wie gut dass Sie kommen konnten. Sie wissen gar nicht, wie dankbar wir Ihnen sind.« Überschwänglich streckte sie ihm zur Begrüßung die Hand entgegen. Mr. Cox nahm sie und hauchte einen Kuss darauf. Tilia errötete. »Kommen Sie doch herein, mein Bruder vergisst anscheinend seine guten Manieren.« Damit knuffte sie Simon in den Arm und Mr. Cox antwortete: »Sehr gerne, Miss Butler.« Er winkte seinen Bruder zu sich, der mit großen Schritten die Stufen zum Eingang hinauf lief, Simon mit grimmigem Blick auf die Schulter klopfte und sagte: »Vielen Dank für Ihre Gastfreundschaft Mr. Butler. Wir wissen das sehr zu schätzen.« Daraufhin verschwand er mit den anderen im Haus und Simon blieb noch einen Moment verdattert zurück.
Oliver Cox war so ganz anders als sein Bruder, es ging etwas Dunkles und Unergründliches von ihm aus und seine Aura war nicht wirklich zu greifen. Oliver sah seinem Bruder zwar sehr ähnlich, doch das Blau seiner Augen war dunkler, die Züge seines Gesichtes grober, sein Blick eher stechend und beim Lächeln zeigten sich keine Grübchen in den Wangen. Auch war er etwas älter, vielleicht Anfang bis Mitte dreißig. Simon seufzte, straffte dann die Schultern und ging ebenfalls ins Haus. Na das konnte ja heiter werden.
Simon legte sein Besteck weg und wischte sich mit einer Serviette den Mund, während er Tilia und Nathan beobachtete, die in eine lebhafte Unterhaltung vertieft waren.
»Mein Kompliment an die Köchin«, hörte er plötzlich Oliver Cox’ leicht raue Stimme. »Der Rostbraten war wirklich vorzüglich.«
Den ganzen Abend hatte der Mann nicht viel gesprochen, nur schweigend zugehört, wie sich sein Bruder mit Simon und seiner Schwester unterhalten hatte. Nathan Cox hatte jede Menge Fragen bezüglich der ungewöhnlichen Begebenheiten gestellt und Tilia beantwortete ihm alles, was er wissen wollte. Simon erzählte ihm dann auch noch von der Erscheinung im Garten, von der er jedoch nicht genau wusste, ob es vielleicht doch nur eine Halluzination gewesen war, oder der vermaledeite Nebel, der niemals zu weichen schien.
Mrs. Baker kam ins Esszimmer, packte die benutzten Teller und das Besteck auf einen kleinen Wagen, stellte jedem eine Schale mit einem Löffel hin und eine Schüssel mit Früchtekompott auf den Tisch, dann verschwand sie wieder. Doch Simon hatte ihren unruhigen, ja beinahe misstrauischen Blick bemerkt, mit dem sie Nathan und Oliver angesehen hatte.
Während sich Nathan etwas von dem Kompott in seine Schale tat, verkündete er: »Ich werde nach dem Essen eine Begehung des Hauses machen, damit ich die Energien erfühlen kann.«
»Ich werde Sie gerne durch Benfield House führen, Mr. Cox«, entgegnete Tilia schnell und errötete.
Simon presste missbilligend die Lippen aufeinander und sah seine Schwester streng an.
»Da wäre ich hocherfreut, wenn Sie mir das Haus zeigen. Ich werde aber nicht viel mit Ihnen sprechen können, Miss Butler. Ich brauche meine ganze Konzentration, um die Schwingungen aus dem Äther aufzunehmen.«
»Das ist kein Problem, ich möchte nur nicht, dass Sie sich verlaufen und Ihnen am Ende irgendetwas passiert. Sie könnten ja im Dunklen eine Treppe hinunterfallen.«
»Ottilia!«, rief Simon da aus und sah sie empört an. »Natürlich wird Mr. Cox nicht die Treppe hinunterfallen, er wird eine Öllaterne dabeihaben. Auch sonst ist es in diesem Gemäuer sicher. Lass ihn doch seine Arbeit machen, deswegen ist er schließlich hier.«
»Aber ja, sehr sicher ist es hier, Simon«, erwiderte Tilia mit Sarkasmus in der Stimme und sah ihren Bruder verärgert an. »Bis auf diese komischen Geräusche, die Eiseskälte und die Tatsache, dass es hier spukt.«
»Nun nun«, versuchte Nathan zu beschwichtigen. »Ihre Schwester kann gerne mitkommen. Ich habe nicht das Geringste dagegen.«
»Vielleicht sollte Ihr Bruder Sie auf dem Rundgang begleiten, er ist ja schließlich Ihr Assistent.«
Ein freches Grinsen erschien auf Nathans Gesicht. »Oliver ist für andere Dinge zuständig, Mr. Butler. Außerdem kennt er dieses Haus ja gar nicht.«
»Dann sollte wohl doch lieber ich Sie begleiten«, entgegnete Simon und reckte trotzig das Kinn vor.
»Simon«, zischte Tilia und blitzte ihn wütend an. »Ich bin kein kleines Kind mehr. Benfield ist ebenso mein Zuhause wie deines, ich werde Mr. Cox mit Vergnügen begleiten. Es wird aufregend sein, ihn bei der Arbeit zu beobachten.«
»Ja, genauso aufregend, wie wenn du neben mir im Bett liegst und vor Angst zitterst.« Seine Stimme triefte nur so vor Ironie. Aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie Oliver in seinem Kompott herumstocherte, sich auf die Lippen biss und versuchte ein Grinsen zu unterdrücken und Tilia sah ihn genauso entgeistert an, wie Nathan.
Na wunderbar. Simon machte sich hier gerade vollkommen zum Affen. Er gab sich geschlagen und meinte nur: »Nun gut, dann geh eben mit Mr. Cox.« Daraufhin stand er peinlich berührt auf, neigte kurz seinen Kopf, murmelte eine Entschuldigung und verließ das Esszimmer.
Im Kaminzimmer angekommen, ging Simon zuerst zur Feuerstelle und stocherte in den glühenden Kohlen herum. Aus irgendeinem Grund war das Feuer erloschen und im Raum war es frostig. Er ging in die Knie und blies Luft mit dem Blasebalg in die Glut, um sie neu zu entfachen. Nach einer kleinen Weile brannte das Feuer endlich wieder und loderte nach ein paar Minuten richtig auf. Jedoch würde es noch einen Moment dauern, bis das Feuer den Raum wieder ausreichend wärmte.
Als er aufstand rieb er die Hände aneinander und wollte sich gerade einen Portwein von der Anrichte holen und sich in einen der bequemen Ohrenbackensessel setzen, als er Oliver Cox in der Tür stehen sah. Simon stieß vor Schreck einen erstickten Laut aus und sein Herz stolperte einmal. »Mein Gott, Sie haben mich vielleicht erschreckt«, presste er hervor und stellte dann fest, dass Oliver ihn völlig ignorierte. Der Mann stand regungslos in der Tür, und starrte wie gebannt auf eine Stelle in der Mitte des Raumes. Simon sah ebenfalls dorthin, jedoch konnte er dort nichts erkennen, außer dem alten orientalischen Teppich, welcher auf dem Holzfußboden lag. Wieder sah er zu Mr. Cox, musterte den Mann, der den Türrahmen aufgrund seiner Größe fast vollständig ausfüllte. Er trug einen gut sitzenden, rostfarbenen Anzug, eine cremefarbene Seidenweste, ein weißes Hemd, ein passendes Halstuch und schwarze Stiefel. Seine Erscheinung faszinierte Simon irgendwie. Breite Schultern, schmale Hüften und dazu dieser wilde Gesichtsausdruck und diese durchdringenden tiefblauen Augen waren etwas, das er nicht alle Tage zu sehen bekam. Die Ähnlichkeit zu seinem Bruder war da, jedoch war Oliver eine rohere und dominantere Erscheinung, eine beherrschende Präsenz die ganz automatisch die Aufmerksamkeit auf sich zog. Simon spürte wieder diese dunkle Aura, dieses Unergründliche, das Oliver Cox umgab und er fröstelte innerlich.
Da riss Oliver den Blick von dem unsichtbaren Fleck los und blickte Simon an. »Das tut mir leid Mr. Butler«, antwortete er leise und kam dann gemessenen Schrittes auf ihn zu. »Ich wollte Sie gewiss nicht erschrecken. Eigentlich …« Er sah noch einmal zu der Stelle, dann wandte er sich Simon wieder zu. »Eigentlich wollte ich Ihnen ein wenig Gesellschaft leisten, während mein Bruder und Ihre Schwester den Rundgang durch das Haus machen.«
Simon schluckte, nickte dann und zeigte auf einen der Sessel vor dem Kamin. »Gerne. Bitte, nehmen Sie doch Platz. Ich werde uns einen Portwein einschenken.« Nachdem er die Gläser gefüllt hatte, reichte er eines Oliver und setzte sich dann in den anderen Sessel und trank einen Schluck.
Oliver blickte ihn nun eindringlich an. »Sie sind hellfühlig, nicht wahr? Wenn es bei Ihnen auch nicht gerade stark ausgeprägt ist, spüren Sie … gewisse … Dinge.«
Simons Augenbrauen schnellten in die Höhe. Oliver Cox hatte es genau auf den Punkt gebracht. Er nickte. »Ja, wenn Sie das so nennen wollen.«
»Es ist so«, erwiderte er mit Bestimmtheit, hob sein Glas, prostete Simon zu und trank. »Ich sehe es in Ihnen.«
Seufzend lehnte Simon sich zurück. »Sind Sie vielleicht auch so ein Hellseher wie Ihr Bruder?«
Leise lachte Oliver. »Viel schlimmer, Mr. Butler.«
»Was könnte denn noch schlimmer sein?«
Oliver lächelte geheimnisvoll und trank noch einen Schluck. »Dieser Portwein ist gut«, warf er mit einem zufriedenen Laut ein, bevor er weitersprach. »Wissen Sie, mein Bruder macht gerne eine kleine Show. Nate ist gut darin, verdammt gut. Ich hingegen stehe nicht gerne im Rampenlicht. Nathan ist ein gutes Medium, sein Erfolg in dieser Arbeit spricht für sich. Aber auch wenn ich als sein Assistent fungiere, bin ich es, der genau sagen kann, ob wir es tatsächlich mit Geistern und Spukwesen zu tun haben, oder nicht. Ich besitze noch ganz andere Kräfte, Mr. Cox. Eine davon ist, dass ich – im Gegensatz zu meinem Bruder – die Toten sehen kann.«