Blut

Waldemar Bonsels · Kapitel 3 von 14

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Blut

Zweites Kapitel.

 

Vielleicht waren es die beschränkten Mittel, vielleicht auch eine übertriebene Besorgnis den Gefahren der fremden, großen Welt gegenüber, daß Herr und Frau Wendel sich nicht entschließen konnten, Anne-Dore für einige Zeit aus dem Hause zu geben. Es boten sich mancherlei Gelegenheiten, aber über zögernden Erwägungen wurden sie verpaßt, und Anne-Dore drängte eigentlich ihre Eltern nicht, da sie keine Abwechslungen begehrte und ihre Heimat liebte. Wohl träumte sie zuweilen von einem andern Leben voller Farben, Glanz und irdischer Freuden, aber ihre durch geduldige Gewohnheiten tiefbegründeten Anschauungen ließen ihr solche Begierden als unziemend und anmaßend erscheinen. Sie hatte kürzlich die Erlaubnis erhalten, einem Vortrag beizuwohnen, der durch eine Fülle von Lichtbildern aus dem Süden Italiens, von den Inseln Capri und Sizilien bereichert wurde. Sie sah dieses üppige und glanzvolle Leben an sich vorüberziehen, die strahlenden Toiletten der beglückten Frauen und Mädchen, für die es solche Herrlichkeiten auf Erden gab, und ihre Gedanken führten sie zuweilen in dieses Land hinüber, an der Seite eines geliebten Mannes, sorglos, frei, ganz in Sonne gehüllt, und dem Grau des Elternhauses für alle Zeit entrückt. Aber diese Sehnsucht schmerzte nicht, sie vertrieb die Zeit und lockte in die Zukunft, im Grunde waren es andere Dinge, die ihr Innenleben ganz in Anspruch nahmen und ihre Stirn in gestaltlose Träume senkten. Aber sie verbarg das Weh ihrer heimlichen Erfahrungen und all ihren Drang nach neuen Klarheiten und Erkenntnissen lange tief in ihrem eigenen Herzen, in einer fruchtbaren und ernsten Geduld, aus der ihre schwerblütigen Hoffnungen lichtlos emporblühten.

Oft, in einer schmerzhaften Ratlosigkeit suchten ihre Blicke im Angesicht des Heilands, aber unberührt und still schaute sein Leidensantlitz über ihre einsamen Kämpfe hin. Und sie fühlte dann wohl, daß die nächtlichen Geheimnisse ihres jungen Körpers und alle drängenden Erwartungen, die sie mit sich brachten, dies heilige Bild befleckten. Sie weinte und verstand ihre Tränen nicht, bis sie sich endlich nach einem verzweifelten Kampf gegen ihren brennenden Stolz in großen Ängsten ihrer Mutter vertraute. Das milde, überlegene Lächeln voll lauer Güte, das ihr dankte, empörte sie bis auf den Grund ihrer Seele. Sie wünschte sich inbrünstig, alles in frechen Lügen widerrufen zu können, aber die Mutter kam ihr umständlich zuvor und klärte sie darüber auf, daß dies eine Strafe sei, mit der Gott alle Mädchen und Frauen züchtige und daß ein geduldiges Ertragen dieser Heimsuchung den Herrn versöhnen würde, dessen heiliges Blut die Menschen von allen Sünden reinwüsche.

Von diesem Tage an haßte Anne-Dore ihre Mutter. Sie verteidigte ihr Herz eigensinnig gegen die Bitternis dieses Gefühls, das brennend emporstieg, aber sie verschloß sich mehr als je und es kränkte sie hart, daß nichts dies geschenkte Vertrauen rückgängig machen konnte.

Draußen blühte die Welt. Anne-Dore flüchtete in dieser Zeit häufiger und oft für viele Stunden in die ruhige Pracht der heimatlichen Heide. Auf verlassenen Wegen, die niemand kannte, ließ sie sich mit einem Buch am Waldesrand nieder, versank im Summen der Bienen in tiefe, warme Gedanken und überließ sich ganz dem goldenen Willen der Sonne. Oft konnte sie lange Zeit dem bedächtigen Gang eines Käfers durch die Sträucher des Heidekrauts folgen, befriedigt und beglückt, aber zuweilen überfielen sie seltsame und fremdartige Gelüste, wie mit einem heidnischen Lachen und doch in einem tiefen Zusammenhang mit allem Drängen und Werden in der Natur, das um sie her glühte. Anfangs widerstand sie furchtsam und gequält, aber je mehr sie empfand, daß kein Sonnenstrahl darüber seine Herzlichkeit, kein Schmetterling seine leichte, selige Farbenpracht verlor, um so mehr folgte sie sorgloser und sorgloser ihren Wünschen. Sie entkleidete sich und legte sich nackt in die Sonne, lachte fröhlich, wenn ein Schmetterling sich ihre kleine, weiße Brust zur Rast ersah und überließ dem Wind und dem Spiel der Gräser und Heidezweiglein ihren jungen Körper. Eine Herzensscheu von unaussprechlicher Keuschheit ließ seine Geheimnisse ruhn, ihr erschien gut und rein, was sie erkannte und sie ergab sich demütig und begierig der blühenden Vollendung, die ihm geschah.

 

Um diese Zeit war es, als eines Morgens Herr Wendel seine Tochter mit einem vielsagenden Lächeln beim Morgenkaffee begrüßte. Anne-Dore verhielt sich seinen neckischen Scherzchen gegenüber meist in etwas abwartender Reserviertheit, diesmal hatte sie aber sogleich den Eindruck, daß es sich um etwas Besonderes handeln müsse. Sie nahmen das Frühstück an den warmen Frühlingstagen, die es schon gab, des Morgens auf der kleinen Veranda ein, in die man vom Wohnzimmer aus gelangte und deren Seiten hellgrüne, durchsichtige Wände aus Efeu und Wein bildeten. Eine schmale Holztreppe führte in den Garten.

Dore setzte sich erwartungsvoll, die Mutter fehlte noch, wie meistens, denn sie schlief häufig des Nachts nicht und versäumte dann selten, die verlorene Ruhe den Morgen hindurch nachzuholen. Es war klarer Frühsonnenschein, die Sperlinge schrien am Dach und Hähne krähten in der blühenden Ferne. Es kam kühl, ein wenig taufeucht und duftend vom Walde herüber zu den beiden.

»Nun?« fragte Dore und goß ihren Kaffee ein.

Die milde weiße Hand des Vaters lag gewichtig auf einem geöffneten Brief, dessen Ecken unter seinen Fingern hervorschauten.

»Wir erhalten Besuch,« sagte er.

»Tante Helene?« fragte Dore enttäuscht.

»Nein, Kind, hör einmal zu.« Und dann begann der Vater umständlich zu berichten, er und die Mutter hätten sich immer schon gesagt, daß das schöne Fremdenzimmer gar nicht so recht zu seiner verdienten Geltung komme, und da sich nun gerade durch die Empfehlung einer lieben und befreundeten Familie Gelegenheit geboten, hätten sie ein Anerbieten angenommen und würden für die kommenden Monate einem jungen Kandidaten der Theologie ihr Haus öffnen.

»Was will der hier?« fragte Dore.

»Kind,« beschwichtigte der Vater die leise Herausforderung, die er in der Stimme seiner Tochter zu finden glaubte, »du weißt, wir müssen ein wenig rechnen und wie die Dinge nun einmal liegen, nicht daß ich unzufrieden wäre, aber der Mutter käme die kleine Pension, die solche jungen Herren zahlen, recht zustatten. Er will sich hier in ländlicher Ruhe auf sein Examen vorbereiten und ich hörte, er sei ein braver und charakterfester Jüngling.«

»Wie heißt er denn?« fragte Dore, etwas versöhnlicher gestimmt.

»Helferich Friedberg ist sein Name. Ich glaube wenigstens ... wenn ich mich nicht irre ...« Und er blätterte das Schreiben hin und her, bis er bestätigen konnte: »Helferich Friedberg, ja.«

Dore rührte ihren Kaffee um, schwieg eine Weile und meinte dann gelassen, wie sie fast immer war: »Helferich? Was ist das für ein Name?«

»Kind, der Name tut doch nichts zur Sache, wie? Ich habe ihn zwar auch noch nicht gehört, aber ...« Das lächelnde Kinn des Vaters neigte sich schräg über seinen Teller nieder und er meinte mit einem milden Handschlag auf die Tischdecke: »Mir scheint, für einen jungen Seelenhirten ist er ganz geeignet.« Er stellte sein Lächeln etwas befangen ein, da Anne-Dore es nicht teilte. »Und Friedberg?« meinte er dann ein wenig unsicher.

»Friedberg geht an«, urteilte Dore.

»Nun, siehst du, mein Töchterchen, und ich hoffe, du wirst dich in die kleine Veränderung fügen, die unserem Hause geschieht. Ich hege die zuversichtliche Hoffnung, daß es beiden Parteien zum Segen ausschlagen wird.«

Dore wollte noch allerlei fragen, aber sie unterließ es, sie klingelte dem Mädchen zur Morgenandacht, und als die drei über dem Bibelkapitel, das für diesen Tag bestimmt war, still um den Kaffeetisch herumsaßen, stieg draußen aus der glitzernden Heide eine Lerche in den sonnigen Himmel empor.

Und während Dores Gedanken dem neuen Gast des Hauses mißtrauisch entgegengingen, hörte sie die Stimme ihres Vaters lesen:

»Aber Gott ist treu, der euch nicht lässet versuchen über euer Vermögen, sondern macht, daß die Versuchung so ein Ende gewinne, daß ihr's könnt ertragen.«

 

Eines Mittags, als Anne-Dore von ihrem gewohnten Heidegang zurückkehrte und den Feldweg an den letzten Büschen ihres Gartens entlangschritt, sah sie durch die Zweige einen großen, schwarzgekleideten jungen Mann auf der Veranda ihres Vaterhauses sitzen. Sie blieb stehen, bog die Äste vorsichtig zur Seite und beobachtete, ob er ihr Kommen bemerkt hätte. Es schien nicht. Er saß ruhig da und schaute in den Garten. Anne-Dore betrachtete ihn neugierig. Sie sah ein sehr großes, weißliches und volles Gesicht mit einem mächtigen Kinn, das ganz unvernünftig weit nach unten ausholte und die kurze dicke Nase und die freundlichen blauen Augen in ihren Rechten zu beeinträchtigen drohte. Ein ganz schmaler, kaum sichtbarer Kragen machte sich unsicher am Halse zu schaffen und suchte mühsam eine Verbindung mit dem dicken schwarzen Gehrock, der nach allen Richtungen hin vom Körper abstrebte. Nur auf den breiten Schultern ruhte er gelassen, offenbar gewann er mit ihrer Hilfe seinen einzigen Halt. Am erstauntesten aber betrachtete das Mädchen die Beine dieses fremden Mannes, von denen eine so redliche Bescheidenheit ausging, daß sie gerührt ihr Köpfchen schütteln mußte. Es kam vielleicht nur durch diese verletzend unschuldige Haltung seiner beiden Füße, deren Spitzen sich derb und gesund näherten, während die beiden Fersen feindselig auseinanderwichen. Dabei berührten sich die Knie zutraulich und boten seinen breiten roten Händen bereitwillig eine Ruhestatt.

Das ist Helferich Friedberg, schloß Anne-Dore.

Nichts sprach gegen sein gutes Herz, aber sie freute sich doch darüber, daß ihr ein Zufall Zeit gelassen hatte, sich an den Anblick des neuen Hausfreundes zu gewöhnen. Wenn er so ganz plötzlich dagestanden wäre ..., dachte sie. Dann ging sie durch die Haustür hinein und wurde im Korridor vom Vater empfangen.

»Unser junger Freund ist gekommen«, sagte er ein wenig verlegen und ein wenig erregt. »Wenn du ihn begrüßen willst? Oder ...« Er sah über Annes Kleid hin, über ihre Figur, mit einem heimlichen Stolz, den er nicht wußte, und seine Blicke blieben an ihren Haaren haften. »Wie unordentlich du aussiehst«, sagte er.

»Ich ziehe mich zum Essen um«, meinte sie.

An der Treppe hielt er sie noch einmal an: »Höre doch, Kind, ich habe es dir immer schon sagen wollen, habe auch mit der Mutter darüber gesprochen, deine beiden Zöpfe kannst du jetzt nicht mehr gut tragen. Du mußt dir die Haare künftig aufstecken. Mutter meinte, auch schon wegen der hellen Sommerbluse wäre es praktischer. Wie?«

Anne-Dore blieb stehen.

»Heute kann ich es nicht mehr gut«, meinte sie zögernd und etwas betrübt. »Ich müßte erst Nadeln und Kämme kaufen.«

»Es eilt auch nicht so«, entschied der Vater, froh darüber, daß sie scheinbar so leichten Herzens von ihrer gewohnten Haartracht ließ. Eigentlich war es ihm selbst ein kleiner Kummer, denn Anne-Dores dunkles Haar war wunderschön und die beiden schweren Zöpfe reichten weit über die Hüften nieder und waren ihr kostbarer Schmuck.

 

Es war in der Tat Helferich Friedberg, der junge Kandidat der Theologie aus Pommern, der auf der Veranda des Wendelschen Hauses Platz genommen hatte und dort auf die Mittagsmahlzeit wartete. Er war einen Tag zu früh erschienen und eigentlich ohne genaue Anmeldung; es lag daran, daß seine gute Mutter daheim das Zimmer, das er bewohnt hatte, einen Tag früher brauchte, und in Missionar Wendels Zusagebrief hatte auch gestanden: »Sie sind uns täglich willkommen, junger Freund.« Er hatte seine Handkoffer selbst gleich mitgebracht, eine Kiste mit Wäsche und Büchern war auf der Bahn unterwegs. Gegen zehn Uhr fand er sich ein und wurde vom Hausherrn in sein kleines Zimmer gebracht, das gottlob schon hergerichtet war. Von dort hatte er sich nach flüchtiger Toilette ins Wohnzimmer begeben und die beiden Herren waren einander in längerem Gespräch nähergetreten. Herr Wendel nahm die Familieneinzelheiten mit Interesse entgegen, in allen Berichten hatte er eine schlichte und rechte Gesinnung zu finden geglaubt, und auch über die innerliche Stellung des Jünglings zu seinem Gott war er schon unterrichtet. Es hatte sich bei einer Gelegenheit, als der Gast vom Tode seines Vaters sprach, so gemacht, daß man das Gespräch unaufdringlich auch auf diesen Gegenstand bringen konnte, und Herr Wendel war in allen Stücken beruhigt und befriedigt. Er teilte dies auch erfreuten Herzens seiner Frau mit. »Man will doch gern wissen, mit wem man unter einem Dache schläft«, meinte er, und sie nickte mit einem weinerlichen Geräusch ihrer belegten Stimme und bekundete damit ihre Übereinstimmung.

Als man sich am Mittagstisch zusammenfand, wurde Anne-Dore vom Vater Herrn Friedberg vorgestellt. Er machte eine tiefe Verbeugung, die über die ganze Länge zweier niederhängender Arme unterrichtete, und die Manschetten sanken ihm auf die Handknöchel. Während des Tischgebets versuchte er sie wieder in die Ärmel einzuschachteln, was Frau Wendel mißfiel. Als dann alle saßen, füllte die Hausfrau die Suppenteller, und mit einem freundlichen: »Nehmen Sie vorlieb«, reichte sie dem Gast zuerst. Er wollte ihn an Anne-Dore weitergeben, aber leider hatte sein Daumen sich zu tief in den Teller gewagt, und er zog ihn deshalb der jungen Dame wieder fort und sagte: »Pardon«. Herr Wendel hoffte mit einem gefälligen Räuspern über diese kleine Unannehmlichkeit fortzuhelfen, was ihm sicher auch gelungen wäre, wenn nur Herr Friedberg gewußt hätte, ob er seinen benetzten Daumen in den Mund oder in die Serviette schieben sollte. Er entschloß sich für den Mund, da das blendende Weiß des frischen Leinens ihn abschreckte, lächelte befangen und schaute Anne-Dore an. Sie erwiderte sein Lächeln, um ihm zu helfen, und weil er ihr leid tat in seinem Ungeschick.

Was für ein freundliches Mädchen, dachte Helferich Friedberg und schaute von nun ab nur noch in das Gesicht des Hausherrn, der ihn in ein Gespräch zog. Es handelte sich um einen für die Gemeinde der Neustadt sehr wichtigen Fall, um die Besetzung der vakanten Pfarrstelle in der Nikolaikirche. Wendels rechneten sich dieser Gemeinde zu, und Herr Friedberg erfuhr, daß schon zwei Herren ihre Probepredigt gehalten, beide eigentlich ohne daß sie ein rechtes Wohlwollen gefunden hatten. Morgen war nun der Sonntag des dritten Bewerbers, eines noch jungen Pfarrers Jacoby, der sich von einer Kreisstadt aus hierher wählen lassen wollte.

Als der Name fiel, kam ein unerwartetes Leben in den Kandidaten.

»Jacoby sagten Sie? Sagten Sie nicht Jacoby?«

Missionar Wendel bestätigte es.

»Ich kenne ihn«, rief Friedberg und schwenkte die Hand. »Ich kenne ihn bestimmt. Oder«, fügte er hinzu, »es müßte ein anderer Pfarrer Jacoby sein.«

Die nächsten Einzelheiten ergaben, daß es in der Tat ein Bekannter war, nicht ein persönlicher Freund, aber er hatte ihn predigen hören. Herr Friedberg begeisterte sich ganz über Gebühr für diesen Mann. »Sie müssen ihn hören«, rief er immer wieder. »Es wäre ein großer Segen für unsere Gemeinde, wenn er erwählt würde.« Sonst wußte er wenig bezeichnende Eigenarten zu nennen, aber es war klar, daß diese Bekanntschaft großen Eindruck auf sein Gemüt gemacht haben mußte. »Ich verdanke ihm viel — alles sozusagen«, versicherte er zum Schluß.

Über der Abmachung, daß alle morgen zusammen den Gottesdienst besuchen wollten, ging man auf ein anderes Thema über. Anne-Dore sprach von den Schönheiten der Gegend, aber sie verriet keine besondere Liebe, sondern rühmte ihre rote Heide unbewußt nur soweit, als sie annahm, daß das gute Herz des neuen Hausfreundes sie würdigen könnte.

Sie ging an diesem Abend mißvergnügt und traurig in ihr Zimmer und wußte keine Erklärung für ihre tiefe Verstimmung. Nachmittags war sie mit dem Kandidaten im Wald gewesen, hatte ihr ruhiges Land und seine Wege preisgegeben, und während sie an dies und jenes dachte, hatte die etwas schnarchende, grobe Stimme des großen jungen Mannes sie ohne Aufhör in ihre matten Töne gehüllt. In der Abendsonne sangen Rotkehlchen und Finken, es glühte von rotem Gold hinter dem jungen Grün und auf den Zinnen ihrer lieben Berge. Ihr silberner Bach dämpfte im Wald die frische Stimme über der braunen Erde und den welken Blättern, frei und lieblich lud die Natur alle Herzen zu sich ein, aber Helferich Friedbergs derbe Schuhe benutzten ungefüge und breit die Wege, die durch sie hindurch führten, und er sprach immer nur von Pastor Jacoby und seiner Wirksamkeit. Ach, wie gern glaubte ihm das Mädchen alles, aber gab es nicht mehr, nicht tausend andere Dinge in der großen Welt, aus der er kam? Ihre Augen suchten in seinem ausdruckslosen und gutmütigen Gesicht, das immer »Pastor Jacoby« sagte. Nein, bei ihm gab es auch nur dies eine, das nun so lange schon ihre Welt bedrängte, und sie empfand etwas, das ihre jugendlichen Hoffnungen tötete, einen feinen Gram und die bitterliche Erkenntnis, daß noch für lange Zeit ihr nichts die stille und graue Welt verdrängen sollte, in der ihre Seele herangewachsen war.

Sie waren dann bald zur Ruhe gegangen, der Herr Kandidat nach manchem schlecht unterdrückten Gähnen, der Vater und die Mutter genau auf die Art, wie sie es schon seit vielen, vielen Jahren taten. Vorher wurde die Uhr aufgezogen, deren Stimme sich auch niemals änderte, und sogar der Schlüssel der Verandatür kreischte geduldig seinen alten Ton im etwas rostigen Schloß.

Nun war es Nacht. Anne-Dore hatte beide Flügel ihrer Fenster weit geöffnet und hörte auf den Wind. Unter den Sternen her kam er über die Heide, ließ ihrem klaren Glanz die ewige Stille und bewegte die Zweige der Bäume, so daß sie flüsterten und sich neigten. Hin und wieder fielen Blüten aus dem Kirschbaum lautlos und langsam auf den dunklen Rasen.