Blut

Waldemar Bonsels · Kapitel 8 von 14

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Blut

Siebentes Kapitel

 

Mit ihnen schritt ein Dritter durch die Nacht. —

»Hast du mich lieb?« fragte Mark Enz.

Anne-Dore schwieg, weiß wie das Tuch, das ihre Hände preßten. Seine Worte sanken in die blutige Dämmerung ihrer Seelenqual, in ihrer Kühnheit erlösend wie Licht und schmerzhafter als der bittere Tod. Nun war ihr, als habe sie all ihre Zweifel und all ihre Not geliebt, grausamer und allgewaltiger als sie, erschien ihr, was nun kommen sollte. Und als er seine Frage wiederholte, traurig, wie nur er fragen konnte, eindringlich, als hinge sein ganzes Heil von ihrer Antwort ab, stöhnte sie auf, wie ein gemartertes Kind und flüsterte klanglos:

»Hilf mir.«

Wen bat sie? Sie wußte es nicht mehr.

Sie waren des Nachts miteinander im Wald. Nachdem sie in der Laube entdeckt worden waren, hatte Anne-Dore gebeten, er möchte dorthin nicht mehr kommen, und er hatte ihr gesagt, er würde am Waldrand auf sie warten, spät, wenn das Haus schlief. Nun schritten sie miteinander im Mondlicht dahin. Hellgraues Silber legte, geheimnisvoll bewegt, die schmalen Waldwege in lichte Nebel. Wenn sie hinaustraten in die Lichtungen der Waldwiesen, wurden ihre Stiefel naß, es war dort kühler und das Gras duftete, feucht und ein wenig nach verwehtem Rauch. Unter den Bäumen war es noch warm vom Tage, sie schliefen tief in ihren grünen Kleidern, die der Sommer noch nicht gedunkelt hatte.

Er blieb stehen, legte seinen Arm um ihren Hals und um ihre schweren Zöpfe, die kühl und schwarz waren wie Erde; so blieb auch sie stehen, suchte Halt in ihrer heißen Bedrängnis, bis ihre Stirn seine Schulter fand.

Er wußte viel mehr als sie ahnen konnte, sie, die nie zu ihm gesprochen hatte. Wie oft hatte sie erschrocken gelauscht und selig gezweifelt: Woher kannte er sie und den scheuen Weg ihres geteilten Herzens? War ihre Welt ihm nicht fremd?

Er hörte ihren Hilferuf und wußte wohl, was sie verschwieg und um was sie bat.

»Anne-Dore,« sagte er langsam, »ich liebe dich. Mich verlangt nach dir. Du bist Ruhe, Heimkehr, Halt für mich. Du bittest mich um Hilfe und hast gefühlt, wie sehr ich ihrer bedarf. Wenn du deine Liebe nicht schenken kannst, sei gütig. Mein Herz ist zerrissen und meine Hoffnung bei dir, Anne-Dore.«

Er wußte wohl, welcher Worte sie bedurfte, er empfand, wie viel zu schwer sie litt, als daß sie Leiden ungestillt lassen konnte. Und als er sich nun niederbeugte über ihr regloses Gesicht, empfingen ihre Lippen, bleich und kalt, seinen heißen Mund.

»Vertraue mir,« bat er. »Sieh deinen Trost in meiner Heilung. Was soll ich tun, daß du nur einmal lächelst? Kind, sprich, glaubst du, ich wäre nicht bei dir? Die Welt, in der du glücklich warst, kann niemals meine werden. Nie. Aber ich kann uns einen neuen Himmel schenken für den, den ich dir geraubt habe.«

Sie zitterte und machte sich los.

»Nichts hast du mir geraubt,« flüsterte sie angstvoll. »Sprich nicht so. Ich kann nicht dein eigen sein, wenn ich ... ach, versteh mich, Mark. Bin ich ein Kind, sag, bin ich? Ich weiß, wofür ich einstehe, und meine Liebe zu Ihm ist stark durch Seine Kraft. Du bist ihm fremd und feind. Du hast es mir oft gesagt. O, es ist schön, daß du wahr bist, wie lieb hab ich dich darum ...«

Wieder fühlte er, wie oft zuvor, seinen Fehler, sie in diesen Dingen zu ernst genommen zu haben. Aber sein empfindsames Wesen erlag ihrer unschuldigen Wahrhaftigkeit und der Schönheit ihres kindlichen Ernstes. Leicht tat er jedem Hindernis Gewalt an, aber jede Schönheit, die ihm begegnete, war stärker als er. Er hatte im Leben zu viel empfangen, als daß die schale Lust einer blinden Gabe ihm begehrenswert erschien. Was ihm die Seele in Gluten hob, war der Kampf mit jener fernen, lichten Kraft, die es für ihn erst wahrhaftig gab, seit dieses Kinderherz ihrer bedurfte und sie empfing. Ihm war, als gelte es einen Zweifel der eigenen Brust zu überwinden.

So war ihm in heimlichem Grauen und wie in einer Liebe zu unbekannter, neuer Gefahr, als schritte ein Dritter mit ihnen durch den nächtlichen Wald. Ein Spiel mit Schuld und unsichtbaren Waffen glitt wie ein heißes, schmerzendes Feuer durch sein drängendes Blut.

Und wieder wußte Anne-Dore, erbebend, was der geliebte Mann sie gefragt hatte. Wie aufgescheucht floh ihre Seele vor der Antwort, die ihr Blut ahnte und die ihr Mund verschwieg. Sie hätte ihre beiden Hände auf seine Lippen pressen mögen, um seine Worte zu hindern, die sie ersehnte und fürchtete. Und was sie fürchtete und ersehnte, sagte er.

»Anne-Dore, wie klein ist der Himmel deiner Liebe, wenn er meine große Sehnsucht nach dir zurückstößt. Ich weiß, was mich zu dir drängt und ist dein Reichtum so gering, daß du Angst vor dem hast, was du meine Armut nennst?«

»Schweig,« stieß sie hervor. »Du lügst.«

Wie ruhig er blieb.

»Ich kenne mein Herz,« sagte er fest. »Ich lüge nicht, wenn ich seiner Glut die Tore öffne mit jedem Mittel. Aber du — du schwankst und bist nicht kalt noch warm. Dir ist die Gefahr verhaßt, weil du fühlst, wie schwach die Herrlichkeit deiner Heiligtümer ist, die dem Zorn meiner Liebe in dir erliegen. Du hast auf meine Frage nicht geantwortet. Willst du, daß ich dir die Antwort erlaß für alle Zeit und dir deine selbstsüchtige Seligkeit lasse, die über meiner Not triumphiert? Keine Sünde ist größer in der Welt, als der Ungehorsam gegen ein starkes Gefühl. Und dein Gefühl, Anne-Dore, an dem du dich versündigst, gehört mir.«

»Du bist kalt«, sagte sie schwach von Zweifeln.

»Ich verstehe dich nicht«, antwortete er ihr hart und heftig. »Heißt das, ich teilte deine himmlische Liebe nicht, heißt es, ich sei nicht fromm, nicht gläubig wie du? Nein, ich bin es nicht wie du, und werde es nie sein. Sei stolz auf deine lieblose Liebe, wenn du es kannst. Mein Herz ist vielleicht schwächer wie dein's, aber größer und reicher.«

Er trat von ihr zurück und mit veränderter Stimme sagte er aus dem Schatten:

»So geh. Der Friede, den dir dein Gott verschafft, wird dich trösten. Meinen nimmst du für immer mit.«

»Was willst du von mir?« stöhnte sie in Todesangst.

»Dich«, sagte er. Ihre Schultern schmerzten, so fest griff er zu. Aber sie fühlte, daß seine Hände zitterten.

Plötzlich durchfuhr sie, wie ein rotes Licht, grell die Erkenntnis dessen, was seine Ansprüche sein möchten. Wie geblendet, mit blinden Händen, die ihr Ziel verfehlten, suchte sie ihn zurückzustoßen. Die ganze dunkle und drohende Macht der Sünde erschien ihr verkörpert in ihm. Aber gleichzeitig, und wunderbar verschmolzen mit ihrer Todesangst, weckte die Kraft seiner kühnen Hände ein neues Leben in ihrem Blute auf, schwermütig, süß und brennend begann sein singendes Licht. Sie schloß die Augen und stöhnte. Gebrochen hing sie in seinem Arm.

Aber es war ein Dritter mit ihnen im Wald, gleich nah beiden, als liebte er keinen geringer. Mark Enz hob sie auf, zärtlich, liebevoll und fest. Er küßte ihre bleiche Stirn, die schon der Mond vor ihm geküßt, zurückhaltend in jeder Bewegung, stützte er sie auf eine Art, in der sie seine Arme als gut und brüderlich empfand und führte sie zurück zum Haus ihrer Eltern. Wunschlos und wie befreit empfand er nichts als seine Pflicht sie zu schützen, auch vor sich selbst. Kein Zug seines Herzens verwünschte die schöne Schwäche, in der er nicht zu nehmen vermochte, was nicht bewußt gegeben wurde.

Es schoß ihm heiß in die Augen, als sie an der Gartentür bebend fragte:

»Du kommst doch wieder?«

Er nickte nur.

Der Mond tauchte nieder in den Dunst der Heide, versank in ihrem Atem und gab sein Reich den letzten Sternen hin, in deren blassem Glanz der schlafende Wald den neuen Tag erwartete.

 

Herr Missionar Wendel kränkelte in diesem Frühjahr ein wenig. Auch seine Gattin lebte schweigsamer und zurückgezogener als je. Oft schritt er langsam und in Gedanken versunken gebeugt und müde die Wege seines Gartens entlang, den er angelegt, unter den Bäumen hin, die er gepflanzt hatte, und der Ausdruck seines Gesichts stimmte zu seinem grauen Haupt. Gegen Anne-Dore war er zärtlicher als je und so nachsichtig, wie sie ihn noch nie gekannt hatte. Er zeigte sich besorgt um kleine Einzelheiten, die ihr fehlen mochten, einmal fragte er sie sogar, ob es ihr wohl gefallen würde, eine kleine Reise zu machen, das Nötige ließe sich erübrigen, und er lächelte sein gutmütiges Lächeln, etwas herablassend, bedeutungsvoll und doch ein wenig unsicher. Sie lehnte es ab. Er dankte ihr innerlich für ihren bescheidenen Sinn, ohne zu ahnen, welch schwere Bedeutung sein Kind diesem harmlosen Vorschlage beilegte, in dem ihr geängstigtes Herz einen Ausweg zu sehen glaubte, den ihr barmherzig der Himmel erschloß.

Oft sah sie in kleinen Zeichen einen Wink der Vorsehung, in nichtigen Dingen eine verhaltene Drohung. Es kam dazu, daß Friedberg, der trübsinnig und schweigsam seine Tage lebte, die Abendandachten mit ihren Bibeltexten zu offenkundigen Anspielungen mißbrauchte. Als sie nach jener Nacht mit Mark Enz spät aus dem Walde heimkehrte, sah sie Licht in seinem Zimmer; er mußte die Treppe unter ihren zaghaften Füßen gehört haben, es war kein Zweifel, so laut wie sie knackte, in diesen unsagbar stillen Nächten. Am andern Morgen las er mit wehmütiger Überwindung seines Stolzes den Spruch ihrer gemeinsamen Nacht und Anne-Dore hörte es den ganzen Tag: »Niemand wird sie aus meiner Hand reißen.«

Ruhiger Hoheit und fester Güte voll strömte es mit der Feier dieser göttlichen Zuversicht in ihre Seele. Sie konnte sich der überwindenden Gewalt dieses Heilandwortes nicht entziehen, wie in ein Licht sah ihre Seele in den reinen Trost dieser starken Worte empor. —

Eines Abends an einem Wochentage, an dem Pastor Jacoby eine Bibelstunde angekündigt hatte, schritt sie durch die Frühlingsdämmerung mit Friedberg über die Berge in die Stadt. Sie waren es gewohnt, diese Stunden und die mehr persönlich gefärbten als allgemein gedachten Auslegungen des geliebten Predigers miteinander anzuhören, ja, sie hatten bestimmte Plätze, an denen sie niemals fehlten. —

Aus den großen blassen Farben des sinkenden Abends traten sie miteinander in den geräumigen flachen Saal des christlichen Vereinshauses, in dem die Versammlungen abgehalten wurden, die die eifrigsten Gemeindemitglieder vereinigten. Das gelbe, schale Licht der singenden Gasflammen kämpfte an der Flucht der niedrigen Scheiben mit der letzten Sonnenkraft und legte sich unfreundlich und hart in die stillen und bedachten Gesichter der Wartenden. Der Saal war wie gewöhnlich überfüllt, denn Pastor Jacoby war in diesen Wochen bei der Auslegung der Apokalypse angelangt und seine Worte galten auch heute jenen geheimnisvollen und prophetenhaften Visionen des Apostels Johannes. Die Stimmung war gedrückt, in allen Zügen stand ein qualvolles Bewußtsein für den Ernst dieser drohenden Verheißungen, die die Plagen voraussagten, mit denen das Reich des Antichristen heimgesucht werden sollte, vor der Wiederkunft des Herrn Jesu Christi.

Finstere Gestalten, in funkelndes Erz und in die Farben des Feuers getaucht, sprengten dahin wie die Vorzeichen endloser Plagen nach gerechtem Gericht, Sinnbilder einer leuchtenden Macht, der auch der Tod erlag, triumphierende Boten einer ewigen Herrlichkeit.

Anne-Dore hatte die Augen geschlossen und wartete. Neben ihr kritzelte Friedberg in sein Notizbuch. Er schrieb sich alles auf, um es wohl zu behalten. An ihren Augen zogen gigantisch und in umrauchten Farben die Bilder vorüber, die sich aus den letzten Stunden wie für alle Zeit in ihre Seele gegraben hatten.

›Und also sah ich die Rosse im Gesichte, und die darauf saßen, daß sie hatten feurige und bläuliche und schwefellichte Panzer; und die Häupter der Rosse waren wie die Häupter der Löwen; und aus ihrem Munde ging Feuer und Rauch und Schwefel.‹

Dies geschah zu einer künftigen Zeit, in der vier Engel zu ihren Taten gelöst werden sollten, Engel, von denen es hieß, daß sie den dritten Teil aller Menschen töten würden.

Sie hatte nicht verstanden, was diese düsteren Symbole besagen wollten. Konnte je ein Mensch es wissen? Aber die gigantischen Figuren und Gestalten, funkelnd aus Nebel von Flammen, Rauch und Blut, hatten sich ihr unauslöschlich eingeprägt. Ihm, dem Antichristen, dem großen Verführer und dem allmächtigen Feind des geschlachteten Lammes, des himmlischen Erlösers, galt dieser furchtbar gerüstete Zug unüberwindlicher Streiter, ihm und seinen verfluchten Gesellen. Und es galt das Erlösungswerk vollkommen zu machen, das Licht für alle Zeit von jeder Finsternis zu scheiden und denen, die überwunden hatten, von Ewigkeit zu Ewigkeit den leuchtenden Himmel ihres Heils zu bereiten. Den Erwählten, von denen es hieß. ›Und ich sah ein gläsern Meer, mit Feuer gemenget, und die den Sieg behalten hatten, stunden an dem gläsernen Meer und hatten Harfen Gottes.‹

Sie, die erlöst von aller Pein der Erde eingehen sollten in das befreite Reich des Lichtes, in jenes Land, das zwölf Tore hatte wie zwölf Perlen, und dessen Gassen von lauter Gold waren, klar wie durchscheinendes Glas. Kein Tempel war darinnen, und es bedurfte der Sonne nicht und nicht des Mondes, die Herrlichkeit Gottes, verklärt im Blut des Gekreuzigten, durchleuchtete seinen unaussprechlich hohen Frieden. —

Ein Schauer holdseliger Verzückung hob tief und hell die Brust des Mädchens, in ihren Träumen versank die kleine Welt ihrer zeitlichen Kämpfe. Wer auch wollte ihr die Herrlichkeit rauben, die für sie bereitet war, in die ihre Liebe sie hob und die Liebe dessen, der für sie gelitten?

Die Geräusche des Saals dämpften sich, eine Stille der Erwartung trat ein. Als sie aufschaute, stand Pastor Jacoby schon hinter dem kleinen Rednerpult, das auf einem Podium am Ende des Saals unter einem schimmernden Kruzifix errichtet worden war. Er hatte in diesen Stunden seine Amtstracht niemals angelegt, sondern kam in einem schlichten dunklen Rock, der anfänglich seine ganze Erscheinung menschlich näher zu rücken schien, der ihn nahbarer machte und erbittlicher. Auch sprach er für gewöhnlich rascher, ohne jenes eindringliche Pathos, das seinen Kanzelreden die mitreißende Gewalt verlieh, er sprach persönlicher und im Tone eines, der irren konnte, wie alle Menschen. Um so stürmischer aber überwältigte es, wenn mitten im Gang einer wohlgesetzten Rede plötzlich sein heiliger Eifer alle Schranken zerbrach, wenn er plötzlich, hingerissen durch die Glut der Visionen, die seine verzückte Seele schaute, seiner entfesselten Inbrunst allen Sturm ließ. Es schien, als zersprengte sein Wille mitzuteilen und einzuwirken die geschlossene Menge zu seinen Füßen, es war, als redete er nur noch zu einem Menschen, und jeder im Saal hatte erbebend den Glauben, er, er allein, sei jener einzige, den diese Stimme meinte.

Niemals hatte Anne-Dore ihn so gesehen wie heute. Oft blieben seine Arme minutenlang, halb erhoben, in beschwörender Haltung. Bleich und entstellt von Ergriffenheit, ereiferte sich zwischen ihnen sein bewegliches Gesicht, ein erregter Widerschein dessen, was seine Seele erglühen machte. Von den Sünden der Menschheit, die den Zorn Gottes entluden, war er in seiner Rede auf jene eine Sünde gekommen, die nach dem Ausspruch Christi nicht vergeben werden konnte: auf die Sünde gegen den Heiligen Geist.

Seltsam, mitten aus dem Fieber ihrer höchsten Spannung und Hingabe sank die Aufmerksamkeit Anne-Dores plötzlich herab in die Gelassenheit einer völligen Apathie. War es, daß ihre verstörten Sinne nicht mehr die Kraft besaßen zu folgen, oder setzte bei ihr ein Wille ein, der stärker als sie war, sie wußte es nicht, aber die Worte des Geistlichen klangen plötzlich inhaltlos und hohl über sie hin, hatten allen Sinn verloren und wiegten sie nur ein, wie eine erregte, ungeordnete Musik, die aus der Ferne her die Sinne halb verwundet, halb betäubt. Und wie graue Gewitterwolken über hellgrünem, beschienenem Frühlingsland, zogen die dunklen Bilder und ihre Schrecken dahin und verschwammen und ließen ihr Raum für andere Erscheinungen, für die Erlebnisse ihrer letzten Wochen mit Mark Enz.

In einer seligen Ermüdung, von tausend Kämpfen geheilt, gab sie sich ganz dem holden lichten Spiel hin, das für sie kam. Sie sah den geliebten Mann wieder vor sich stehen in der blühenden Heide am Waldrand, sah, wie sie miteinander über die Felder schritten, durch den Wald, bis Hildenrot, wo er wohnte. Er hatte sich dort im Forsthaus ein Zimmer gemietet, und als sie ihn erstaunt fragte, wie denn das käme, und warum er sich gerade dort niedergelassen habe, sagte er einfach: ›Ihretwegen‹. Er hatte sie wiedersehen wollen, denn seit der ersten Begegnung war ihm gewesen, als dürfte er sich nie mehr von ihr trennen, als sei sie für ihn und nur für ihn in der Welt. In der grünen Welt, die er liebte. Welches Glück hatte es für sie bedeutet, mit ihm die Herrlichkeit ihrer schönen Wälder zu teilen. Er liebte sie auf gleiche Art. Ihm war jede Schönheit vertraut, als sei sie sein Eigentum und er das ihre. Niemals hatte sie für möglich gehalten, daß ein Mensch mit so schlichter, wahrhaftiger und warmer Inbrunst die Wälder, die Heide und den Himmel lieben könnte. Freilich ihren Himmel nicht, aber mit wieviel Feingefühl ließ er ihrem Glauben sein Recht, damals, wie ging er vornehm und liebevoll auf alle Regungen ein, die ihr Herz von Anfang kannte, wie achtete er ihre Welt, so fremd sie seiner war. — Aber dann versanken ihr jene ersten Stunden, in denen sie gelernt hatte, ihm zu vertrauen. Gern folgte sie seinem Wunsch, daß sie einander häufig im Wald treffen möchten. Auf wie seltsam selbstverständliche Art wurden aus einzelnen Spaziergängen regelmäßige Zusammenkünfte, Stunden, deren Unterbrechung sie nicht ertrug. Erst als er einmal zur verabredeten Zeit nicht kam, fühlte sie mit Furcht und Schrecken, wie nötig ihr Herz seine Art hatte, die reich und liebevoll und ihrem Wesen verwandt, wie eine ganz neue, selige Offenbarung von Menschengemeinschaft beglückte. — Aber dann hatte sein Verhalten sich langsam verändert und mit ihm sein Gesicht. Dies Gesicht, das ihr schöner erschien als alles, was sie in der Welt kannte, das in edler Nahbarkeit ihr täglich mehr anvertraute, als sein beredter Mund es je gekonnt hatte. Es kam nun oft ein harter, fester Zug hinein, etwas, das war, als fordere er ihren Dank, als wappne er sich zu Taten, die durch alles Vergangene erst eingeleitet worden waren.

Eine bittere Scheu zog in ihre Seele ein, aber mit Zittern fühlte sie, daß er ihr um dieser Kraft willen lieber wurde, die sich wie eine verborgene Drohung ankündigte. — Nun waren sie in der Gartenlaube des Elternhauses. Er beugte sich über sie und küßte ihren Mund. Ein heißer Schreck lähmte sie, bis Tränen sie erlösten. — Der Weg erklang. Friedberg stand im Eingang der Laube. Das war wieder Marks Stimme: ›Ich kann niemandem etwas ersparen, der sich in Liebe zu mir stellt.‹ — Nun zogen wieder Wolken, die Sonnenhelle ihrer Bilder versank. Graue Tage und böse Nächte ohne Schlaf, ausgefüllt mit Zweifeln, Kämpfen und heimlichstem Leid, zogen vorüber, bis jene Nacht kam, deren Ereignisse im Walde grelle Deutlichkeit, unbarmherziges Licht in allen Widerstreit ihrer Seele warfen. Zwei Ufer tauchten auf, ein dunkler Strom riß sie dahin, sie fühlte, daß es unerbittlich galt, sich zu entscheiden, daß es lau war in der Mitte, voller Gefahr zu versinken, falsch und trüb. Ihr einziger vager Trost war, daß in dem dumpfen Rauschen des Stroms, der sie fortriß, etwas erklang wie ein Heimweh nach dem Unendlichen.

Friedberg kritzelte neben ihr in dieser Bibelstunde, in der sie träumte. Einmal, als er flüchtig und vorsichtig zu Anne-Dore hinüberschielte, um sich der Wirkung einer drohenden Verkündigung zu vergewissern, sah er sie lächeln, versunken und glücklich.

›Mein Gott‹, dachte er und machte sich bemerkbar. Aber das junge Mädchen rückte nur ein wenig beiseite.

Plötzlich hörte sie, und die Gasflammen tauchten auf, die Köpfe der Andächtigen, das Kruzifix zu Häupten des Pastor Jacoby:

»Wer aber den Heiligen Geist lästert, der hat keine Vergebung ewiglich, sondern ist schuldig des ewigen Gerichts.«

Emporgerissen erbebte sie und lauschte angestrengt. Wie legte er diese Worte aus, deren Sinn unter dieser Deutung klar wurde wie eine erlebte Wahrheit? Wer die Kräfte des zukünftigen Reichs im eigenen Herzen erfahren hatte, wer alle Herrlichkeit und die göttliche Herkunft Jesu Christi geschmeckt hatte in unantastbaren Gewißheiten und wie von Angesicht zu Angesicht, und wer dennoch abfiel vom Glauben, im vollen Bewußtsein dessen, was er tat, wer in wissendem Frevel zum zweitenmal den Heiland der Welt kreuzigte, in dessen Liebe er geborgen war, der beging jene Sünde, die nicht vergeben werden konnte. Nein, wer sich fragte: ›Tat ich es?‹ in Zweifeln und Sorge, der war ihrer nicht schuldig. Wer sie begangen hatte, der wußte es, klar, ohne Einwand, graunvoll gewiß, teuflisch sicher und ohne einen Schein von Reue. Seine Stirn zeichnete grell, als ein ewiger Haß ohne Rast, der Stempel einer untilgbaren Feindschaft. Wer der Gemeinde der Heiligen angehört hatte auf der Erde, als ein Sachwalter und Verweser des vergossenen Blutes Christi, der konnte sie begehen, kein Ungläubiger, kein Zweifler und Heuchler, kein beliebiger Sünder, nur wer schon versiegelt war zur heiligsten Gemeinschaft und wurde dennoch ein Kind des Satans, des in Ewigkeit Verfluchten. —

Anne-Dore wußte plötzlich, daß sie Markus Enzheim nie wiedersehen durfte.

›Ich bin nicht fromm wie du und werde es nie sein.‹ Sie glaubte seine Stimme zu hören. Und was er geheim von ihr forderte, war Sünde, sie fühlte es erschauernd und bleich von Traurigkeit. Er gehörte jener Schar der Ungläubigen an, aus deren Bereich es für sie keine Wiederkehr mehr gegeben hätte. Und lockte sein drängender Ernst nicht ohne Aufhör ihre Seele in die gelassene Lust seiner Welt? Nie hätte sie halb und unwahr, nie im Segen ihres himmlischen Guts sein Eigen werden können. Erst jetzt erkannte sie die dunkle Gefahr, die ihr gedroht hatte. —

Auf dem Heimwege empfand sie einen so starken Widerwillen gegen den Kandidaten Friedberg, daß es sie fast wie ein körperliches Unwohlsein berührte. Ohne Aufhör zog ihr wieder und wieder der Ruf des Paulus durch den Sinn:

›Ich habe Lust zu scheiden, um bei Christo zu sein, welches auch viel besser wäre.‹