Blut

Waldemar Bonsels · Kapitel 9 von 14

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Blut

Achtes Kapitel

 

Es war in der Umgebung und im Hause Wendel nicht verborgen geblieben, daß ein junger Herr Enzheim sich im Forsthause von Hildenrot einquartiert hatte. Ereignisse waren in dieser entlegenen Gegend selten, und das nicht eben gewöhnliche Gebaren des Fremden tat das Seine zu allerlei Gerüchten. Anne-Dore mußte sich von Lotte belehren lassen, und sie hörte ihr stumm und lächelnd zu, wenn sie erfuhr, der junge Herr sei gern gesehen in Hildenrot; nicht weil er reich und freigebig wäre, nein, er sei sozusagen zutraulich und behandelte die Leute, als ob sie seinesgleichen wären. Die Dorfkinder von Hildenrot wären ihm befreundet, aber er hätte auch Umgang mit den vornehmen Herrschaften aus der Stadt, denen der Tennisplatz gehörte, und man müßte fast sagen, wenn er zu ihnen kam, war es, als gehörte alles ihm. Aber von Hochmut wäre keine Spur zu finden.

›Ist jemand in der Welt hochmütiger als du?‹ dachte Anne-Dore, und unter Lottes eifrigen Berichten tauchte Mark Enz' Gesicht vor ihr auf. ›Aber auch dies ist wahr,‹ sann sie, ›was träfe nicht zu bei dir?‹ Sie sah ihn vor Friedberg, dann seinen Freunden gegenüber, und dachte an alle wechselvollen Stunden, die sie mit ihm durchlebt. Es war ihr fast, als formte jede neue Umgebung, jede flüchtige Gemeinschaft ihn neu, und doch blieb er im Grunde derselbe, spröder als alle.

War auch etwas von ihren Beziehungen zu ihm bekannt geworden, oder war es ein Irrtum, sahen nur ihre heißen Befürchtungen in Lottes Gesicht eine lauernde Aufmerksamkeit? Jedenfalls wußte Lotte über Enzheim Bescheid. »Mein Ideal wäre er nicht,« meinte sie, »ihm ist doch nicht zu traun, im Grunde, wissen Sie. So den Tag über, da will ich nichts sagen, aber schon, daß er allein lebt. Alle Menschen, die allein leben, sind falsch. Man sieht es auch an den Augen.«

»So?« fragte Dore, um etwas zu sagen, »was treibt er denn?«

»Was er treibt, das ist die Frage eben. Er malt mit dem Stock Figuren in den Sand und verwischt sie wieder, schreibt in Notizbücher und verliert sie. Manchmal starrt er eine Stunde lang ein paar Enten an, oder Tauben ... wirklich! Sehen Sie hier,« fuhr sie geheimnisvoll fort und holte ein kleines Büchlein aus der Schürzentasche.

»Was ist das?« fragte Anne-Dore schnell und erschrocken, »geben Sie her.«

»Wollen Sie es? Man kann nichts lesen. Er hat es verloren.«

»Woher haben Sie das?«

Lotte war erstaunt darüber, daß Anne-Dore plötzlich ihre Gefühle nicht mehr zu teilen schien. Sie war erregt und sprach beinahe ärgerlich. Lotte sagte:

»Von Christel, die alles erzählt.«

»Vom Milchmädchen?«

Lotte nickte. »Im Wald lag es.«

»Laß es zurückbringen«, sagte Anne-Dore ernst. »Heute noch, gleich. Hast du gehört? Wie kannst du wissen, ob es nicht wichtige Dinge enthält?«

Das erschien Lotte sehr übertrieben. Sie zuckte die Achseln: »Wichtige Dinge.« Schließlich gehorchte sie, wie es sich für sie gehörte.

Auch bei Tisch war einmal von Enzheim die Rede. Friedberg bewies Zartgefühl und unterdrückte das aufkommende Interesse so energisch, daß Missionar Wendel aufmerksam wurde. Anne-Dore empfand einen so heftigen Verdruß darüber, daß der Kandidat glaubte, ihr seine Hilfe anbieten zu dürfen, und dadurch ein Bewußtsein von Gemeinschaftlichkeit mit ihr einzuheimsen hoffte, daß sie ihn zwang zu bekennen:

»Sie tun so, als sei Ihnen Herr Enzheim unbekannt«, sagte sie stolz und herausfordernd, »im Garten haben Sie ihn doch als Freund begrüßt?«

Es wäre sicher besser gewesen, sie hätte geschwiegen. Aber irgend etwas übermannte sie. Jener seltsame Mut, den eine geheime tiefe Traurigkeit geben kann, der wenig mit der Erkenntnis und mit der Besinnung eines Menschen zu tun hat. Ihr Herz war seit dem letzten Abend gewillt, alles preiszugeben. Wer wagte es, ihren Schmerz zu teilen?

Friedberg war fassungslos.

Herr Wendel fragte, ob denn der Fremde im Hause gewesen sei.

Anne-Dore klärte ihn auf, in einer Gelassenheit, die dem Kandidaten Schauer von Entsetzen und Hochachtung einbrachten. Es hätte sich um einen Tennisball gehandelt. — Er wußte nicht, ob er es mit Wahrheitsliebe oder mit höchster Frivolität zu tun hatte. Aber er fühlte sich wie mit Fußtritten zurückgestoßen. Da er den Einfluß des Freundes im Gebaren des jungen Mädchens zu spüren glaubte, stachelten sein Haß und seine Scham ihn auf:

»Wenn Sie einen Grund für meine ablehnende Haltung wissen möchten«, sagte er derb, »so suchen Sie ihn bitte in meiner Abneigung gegen die Denkungsart und gegen den Charakter dieses jungen Herrn.«

Anne-Dore sah ihn ruhig und traurig an, so daß er seine Worte bereute und nicht wußte weshalb. Erst als er wieder mit sich allein war, beschloß er ernstlich, den begonnenen Kampf erneut aufzunehmen und ihn mit aller Kraft zu Ende zu führen, nicht seinetwegen, sondern ihretwegen, die er liebte, und um seines Gottes willen, dem er zu dienen glaubte. —

Für Anne-Dore kam an diesem Nachmittag eine der schwersten Stunden, die sie in ihrem Leben durchkämpft hatte. Nur mit großer Mühe war sie noch eben ihrer Tränen mächtig geworden, als ihr Vater seine Hand auf ihren Kopf legte und sie fragte:

»Du bist doch nicht krank, liebes Kind?«

Nein, nein, sie sei es gewiß nicht, nur ein wenig müde. Und mit einem nachdenklichen Gesicht hatte er sie ziehen lassen müssen. Er war seit einiger Zeit besorgt. Da die Stimmung in einem Haushalt sich selten nach denen richtet, die ihn leiten, sondern für gewöhnlich nach denen, die am meisten geliebt werden, lag es seit einigen Wochen wie ein heimlicher Druck auf den Gemütern, eine leise Beklemmung, die zuweilen einer ganz ungewohnten Heiterkeit weichen konnte. Friedbergs Gebaren trug dazu bei, das Verhältnis der Hausgenossen zueinander befremdlicher zu gestalten; seiner beschaulichen Einfalt stand die düstere Grübelei wenig, in der er sich jetzt häufig gefiel. Und da er es nicht liebte, seinen Kummer allein zu leiden, trug er ihn in Gegenwart der anderen zur Schau, hier Mitleid heischend, dort warnend und anklagend. —

Für Anne-Dore rückte nun der Augenblick heran, an dem Mark Enz sie wieder im Wald erwartete. Als sie ihr Zimmer erreichte, brachen ihre Tränen sich mit ungestümer Gewalt Bahn, als hätte die gute Hand ihres Vaters sie gelöst. Draußen war ein Tag, so reich an Sonne und frohem Glänzen, daß es war, als wagte der Kummer sich nicht aus der Brust der Menschen, und als lastete er nun um so drückender. Ach, hinauseilen zu dürfen unter die Bäume, in die Heide! ›Wo gibt es Heilung in der Welt, wenn nicht in der Natur‹, hatte Mark Enz ihr einmal gesagt. Aber es war ihr jetzt die Stimme des Versuchers, die lockte, die sich jedes Mittels bediente, um sie zu überwinden.

Sie warf sich in ihrem Zimmer auf die Knie und betete unter Tränen. Aber mitten in ihren heißen, flehenden Worten übermannte sie ein Taumel von Ohnmacht. Ihre Gedanken verloren sich in einem leeren Schein, sie sah plötzlich ihre kleine silberne Uhr in ihrer Hand vor den getrübten Blicken, und schluchzte auf in einem so heißen Weh, daß sie glaubte, ihre verstörten Sinne würden sich nie wieder zu ruhiger Harmonie zurückfinden.

Mit frohem, spöttischem Lachen hielt ihr Mark Enz die Bibel hin und zeigte ihr Worte darin, die sie verbrannten wie mit Feuer. Seine Hände faßten leicht und gelassen das große Buch, seine Hände, die auch sie gehalten, leicht und froh. Und doch voll Liebe, wie man ein Eigentum hält, das tief und von Ewigkeit her der Seele verbunden ist durch Sehnsucht und durch Blut. So hatte er sie damals gehalten. O sie war sich dessen wohl bewußt geworden, daß sie in jener Nacht in seine Gewalt gegeben war, daß er Macht gehabt hätte, zu nehmen, was immer er nur gewollt hätte. Sie würde damals alles erlitten haben. — Hätte er es getan, dachte sie plötzlich, hätte er mich zerbrochen, dann wüßte ich heute wenigstens, daß er schlecht ist. Er war nicht schlecht. Nie würde sie dulden, daß ein Mensch es sagte. Wie groß, ruhig und einfach erschienen ihr nun plötzlich seine überredenden Worte. Von jenem Verzicht her, in dem er sie geschont hatte, erhielten sie ihr warmes Licht.

Sie empfand klar, daß sie seine Handlungen nicht liebte, weil seine Worte es wollten, sondern daß sie jedes seiner Worte erst durch seine Handlungen recht verstehen gelernt hatte. Er war nicht stark und war nicht schwach, stets schien ihr, als sei er beides zugleich. Und wo ihr Herz blutete im Ringen nach Klarheit, vor den tausend Widersprüchen seines Wesens, da war bei ihm sein freies, zuversichtliches Lächeln. Die ruhige Kraft, in der er dem Augenblick gebot, den er benutzte, die Sicherheit, in der er das Gegenwärtige zum Unabwendbaren umgestaltete, die beinahe kindliche Wahrhaftigkeit, in der er sich auch der kleinsten Regung hingeben konnte, die schienen ihr alle Widersprüche zu jener starken Harmonie zu lösen, der sie wie einer jauchzenden Kraft erlag.

Sie fühlte mit heimlichem Graun: seit seine Stimme sie zum erstenmal erreicht, war ihre Seele wie verwandelt diesem Klang gefolgt. Ihr war, als habe sie sich eingestellt und neu geschickt, um sein Wesen empfangen zu können. Wie einer süßen Gefahr gab sie sich ganz der Erinnerung an seine Worte hin. Sie hatten etwas wie vom Schwung und Blitz sicherer Degenklingen, konnten dennoch warm und liebevoll sein und breiteten ihr Herz vor ihm aus. Überallhin reichten sie, gaben den Dingen ein eigenes neues Licht, schön und kühn erschienen sie ihr, wie sein betörend feiner Mund.

Und nun sah sie ihn traurig und wußte plötzlich, daß er um vieles gefährlicher war, wenn er bekümmert schwieg, und alles erschien so, als warte er auf sie. Als läge es nur an ihr, ihn wieder reich und stark und froh zu machen. Das hatte sie nie gekonnt. Sie hatte nur mit ihm gelitten, denn wenn er traurig war, versank ihr die ganze Welt. Der letzte Halt schien ihr zerbrochen, wenn er bekümmert und ruhlos in seine dunklen Gedanken versank, die sie nicht teilen durfte. Darüber kam ihr in den Sinn, daß er nie über ein Leid gesprochen hatte, das ihn bedrückte. Nur einmal hatte sie ihn gefragt, weil er ihr einsam und verlassen erschien, ob sie ihm nicht Trost geben könnte mit ihrer Freundschaft und Liebe. Sie hatte seine Antwort nicht vergessen, es war sein erstes Geständnis gewesen:

›Die Einsamkeit ist keine Beschaffenheit, die durch Gaben anderer, durch Liebe und Güte, aufgehoben wird, Anne-Dore. Nicht wer keine Liebe findet, ist unter den Menschen einsam, sondern wer nicht lieben kann wie sie.‹

Aber später war sie doch ruhiger geworden. Die Worte konnten ja unmöglich so gemeint sein, als träfen sie auf ihn zu. Mehr wie alle anderen Menschen, die sie kannte, konnte er lieben. Liebte er nicht alles, was ihm begegnete, auf seltsam hingebende Art, die Wälder, den Himmel, ja die kleinsten Pflanzen und Tiere, die man für gewöhnlich kaum beachtete. In ihre neue Beruhigung hatte sich damals wohl ein ferner Zweifel gemischt, als wäre irgendwo ihr Schluß unvollkommen, als habe sie ihn doch nicht verstanden, und endlich, als sei er ihr fremder und unerklärbarer als nur ein Mensch. Aber kein Mißtrauen, kein Grübeln und kein Bewußtsein von Fremdheit taten ihrer Liebe Gewalt an, die emporblühte über seiner Schönheit und Schuld, als bedürfe er auf der Welt nur ihrer noch.

Unvermerkt hatte sie sich angekleidet in einer Hast, die durch ihre letzten Gedanken etwas Frohes empfing. Vor dem Spiegel, als sie ihren Strohhut steckte, fuhr sie zusammen. Aber ehe die Not des alten Kampfes begann, befreite sie ein kurzer Entschluß. Sie wollte zu ihm gehen, um Abschied von ihm zu nehmen. Es wäre unter allen Umständen unschön gewesen, ihn in Unsicherheit und Zweifel zu lassen, er mochte ihr Geständnis anhören. Wie konnten seine Entgegnungen ihr eine Gefahr bedeuten?

Ohne es zu wissen, redete sie laut, sprach sich Mut ein und tröstete sich, zählte auf, was alles für diesen Schritt sprach und wie gewiß Mark Enz sie verstehen und ihre Handlungen billigen würde. Aber ihre Worte gingen in ein Schluchzen über, sie warf sich auf ihr Bett und stöhnte laut.

Da tauchte in ihre verstörten Sinne ein Licht, unaussprechlich wohltätig in seinem Glanz, der sie nicht erschreckte und nicht blendete. Vor ihr erhob sich Christus, hoch und weiß. Ein wenig gebeugt stand er ruhig da, seine Augen und seine Hände suchten sie.

Sie sah die Dornenmarter, seine Kreuzesnot, auf ihre Hände fielen Tropfen von seiner schmerzvollen Stirn. Es war ihr wieder, als spräche dieser göttliche Mund und fragte sie und sagte ihr seine himmlische Liebe, die ihr das Reich einer ewigen Herrlichkeit erschlossen, nicht fern und fremd, sondern heimatlich vertraut und von lauter Frieden hell. Und nun ward seine traurige Mahnung zum Trost: ›Niemand soll dich aus meiner Hand reißen. Mein Vater, der dich mir gegeben hat, ist größer als alles.‹ Sie sah über seinem Haupt den Strahlenkranz des Erwählten Gottes, der überwunden, unter dessen Licht die Ewigkeiten verbrannten wie Minuten und die Zeit nicht mehr war, und Herzeleid und Trübsal nicht mehr waren ... Dann drohten, schaukelnde rote Flammen aus dunklem Rauch, die Verheißungen der Apokalypse am Horizont. Weiß und verklärt, ein fließender Lichtstrom, der den Himmel suchte, zogen die Erwählten des Heils ihrem lieben Herrn entgegen, um bei ihm zu sein für alle Zeit, aber für die Verfluchten begann der Tag der Vergeltung. O keine Marter, die ihr Sinn nur immer erdenken konnte, schreckte sie, alles hätte sie um den Preis ihres irdischen Glücks erduldet, aber daß die Liebe des Herrn Jesu Christi nicht mehr ihr Eigentum sein sollte und nicht mehr ihre Freude, das war schmerzvoller als jede andere Not.

Ohne daß eine Bitterkeit ihre Worte trübte, betete sie leise, als spräche sie zu einem Menschen, dessen Güte sie vertraute:

»Warum quälst du mich so sehr? Gibt es keinen Ausweg für mich? Tu ein Wunder, Herr Jesus.«

War denn in der Welt niemand, der ihr helfen konnte, niemand, bei dem sie Rat und Zuflucht finden würde? — Plötzlich dachte sie an Pastor Jacoby. Sie wollte zu ihm gehen. Wer anders als er würde ihr raten, würde ihr den rechten Weg zeigen und ihr sagen können, was recht und unrecht, was gut und schlecht sei. Sie atmete auf wie erlöst. Da ihr Rettung aus ihrem Plan winkte, betäubte sie jeden Einwand ihres Herzens in einem Aufbruch, der nichts als eine Flucht vor ihrer Einsamkeit und ihren Kämpfen war. Alles würde sie ertragen lernen, nur sollte dieser graunvolle Widerstreit ihrer Seele enden, der sie zerstörte. —

Auf dem Wege in die Stadt stellte sie sich sein Gesicht vor, seine Gebärden, wenn er predigte, seinen tiefen, klaren Ernst, die begnadete Hoheit, die mit seiner Schönheit ausging, als habe der Heiland selber ihn zu seinem Jünger und zum Sachwalter seiner Barmherzigkeit erwählt. — Sie schritt eilig dahin durch die ruhige Straße der kleinen Vorstadt, mit einem ganz eigenen Lächeln auf dem Gesicht und beinahe ein wenig geziert. Wer sie erblickt hätte, dem wäre sicher der Gedanke gekommen: Jugend ist leichtfertig, fröhlich, fähig sich unbedacht einem Glück hinzugeben. —

Anne-Dore nahm sich fest vor, sich nicht auf ihre Worte vorzubereiten. Es sollte alles kommen, wie es nun einmal mußte. Nur eins beschloß sie mit zuversichtlichem Glauben an ihre Kraft dazu, sie wollte Mark Enz nicht preisgeben, ihn weder nennen noch verraten. Sie blieb plötzlich stehen: er wartete bei der Waldlichtung unter Hildenrot, lag sicher wie sonst im Gras am Rand der Heide in dieser Sonne, die auch sie erreichte ... Nun lief sie beinahe. Als sie vor dem Pfarrhause stand, das in einer Nebengasse im Schatten der Nikolaikirche lag, klingelte sie in einer seltsamen Gelassenheit, in einer schläfrigen Bedachtheit, die etwas von den Bewegungen hatte, wie man sie aus Träumen kennt. Sie wartete, daß man ihr öffnen möchte, und wartete im Grunde doch nur auf ein Wunder.

Sie wurde in ein kleines nüchternes Besuchszimmer geführt, das für alle bestimmt schien; nebenan hörte sie sprechen und lachen. Da sie dem Dienstmädchen ihren Namen genannt hatte, begrüßte Pastor Jacoby sie herzlich und ohne Fragen, weil er die geachtete Familie ihres Vaters kannte.

»Ich möchte Sie in einer wichtigen Sache um Ihren Rat bitten,« sagte Anne-Dore.

Er nickte. In seinem Arbeitszimmer spielte sein kleines blondes Töchterchen, und er wandte sich in gleichgültigen Fragen bald an Anne-Dore, bald an sein Kind. Vielleicht hatte er erkannt, daß das junge Mädchen erregt und schüchtern war, und er hoffte so, ihr Gelegenheit zur Sammlung zu geben und die Möglichkeit, sich ein wenig mit der Umgebung und mit den Erscheinungen abzufinden. Er sprach von ihrem Vater, erkundigte sich nach dem Befinden ihrer Mutter, ohne zu ahnen, was in diesen Augenblicken in der Seele Anne-Dores vorging.

War dieser bewegliche und gesprächige Mann mit den etwas zärtlichen, sympathischen Zügen Pastor Jacoby, der Geistliche, der ihr Wesen verändert und ihr Herz so oft in Gluten von Liebe und Andacht getaucht? Sie traute ihren Sinnen nicht mehr und starrte ihn an, als habe er sie tödlich beleidigt. Sie wollte nicht acht haben auf diese Äußerlichkeiten, die ihn ihr in so völlig anderem Lichte zeigten, aber sie drängten sich ihr auf, mit qualvoller nüchterner Deutlichkeit. Jedesmal wenn er mit seiner wohlklingenden Stimme einen Satz gesagt hatte, umglitten seine kleinen weißen Hände einander, als müßte sein großes Wohlgefallen an allen irdischen Dingen, die nun verklärt vom Licht des versöhnten Himmels waren, irgendwie einen Ausdruck finden. Dabei räusperte er sich häufig ganz leise und andächtig tief im Hals mit kurzen Tönchen, die etwa vermittelten: Es gibt auch noch allerlei andere Freuden, die den Gläubigen vom Herrn erlaubt sind. Wir wollen sie gern genießen.

In einem Zorn der Enttäuschung, der ihr fast Tränen in die Augen trieb, stand sie schwer und todmüde auf, wandte sich ab und stellte sich an das Fenster vor die hellen bunten Blumen, die dort in der Sonne blühten. Pastor Jacoby spielte mit seinem Kind.

Ihre Hände suchten sich. Was hatte dieses vergnügte Männlein mit ihrem Herzeleid zu schaffen? Flimmernde Schleier sanken ihr brennend vor die starren Augen. Ich bin allein, dachte sie, die Menschen sind anders. Mir kann niemand helfen.

Da tauchte es schmal aus dem feuchten Glanz vor ihren Blicken, und sie keuchte, jählings gestrafft in einer heldenhaften Traurigkeit:

»Mark Enz, dein Gesicht!« Sie sah es vor sich, bitter von Sehnsucht, von Kämpfen bleich, mit einem Lächeln, als mache Einsamkeit reich, und verzehrt wie von gesühnter Schuld. Und in einem plötzlichen heißen Taumel, der ihr jedes Bewußtsein für Zeit und Ort raubte, wie in der Wut eines stummen singenden Geschreis, fuhr es empor in ihr und riß sie mit:

»Dich, dich lieb ich allein in der Welt! Nie werde ich einsam in deiner Nähe sein. Deine Sünde lieb ich, deine Sünde gehört mir. Deine Schuld und dein Schicksal sind auch meine Schuld, und ich will kein Schicksal für mich, nur deins. Meine einzige Bestimmung in der Welt ist, dein Eigentum zu sein.«

Ihr schwindelte. »Deine Sünde,« sagte sie noch einmal, als läge in dem, was sie so bei ihm genannt, ihr ganzes Heil. Rettung suchend streckte sie die Arme aus wie in einem Traum, der Boden schaukelte wild, das Licht kreiste.

Da hörte sie eine lachende Kinderstimme und die neckischen Zurufe des Pastor Jacoby, der sie unbeachtet gelassen hatte, um ihr Zeit zu lassen. Wie unter einem Stoß kam sie zu sich und tief aufatmend gewann sie Sicherheit.

›Ich will keinen Halt, nur mein glühendes Herz,‹ hatte ihr Mark einmal gesagt.

In hellem Triumph erhob sich ihr neuer Stolz, einsam und fest. Im Glückstaumel eines, der alles verlor und der nun alles zu gewinnen hat, fühlte sie sich unaussprechlich jung und zu jedem Schicksal bereit. Als wären mit allen Gütern, die ihr versunken waren, auch alle Kämpfe um sie für immer dahin.

Da sie sich umgewandt hatte, glaubte Pastor Jacoby, der Augenblick der erbetenen Unterredung sei gekommen. Er nahm sein Töchterchen bei der Hand und führte es aus dem Zimmer. Draußen begann es ein jämmerliches Weinen und er beruhigte es noch durch die Türspalte.

Ernst, mit kleinen festen Schritten, kam er nun auf Anne-Dore zu, reichte ihr erneut die Hand und war jetzt, ihr gegenüber auf einem Sessel ein wenig vorgebeugt, ganz hilfsbereite Aufmerksamkeit. Sein Lächeln war verschwunden und kam nicht wieder, nur spärlich und als Führer einer warmen Güte. Seine Züge nahmen etwas von jenem Ausdruck an, den sie von der Kanzel her bei ihm kannte; dies prophetenhaft Entrückte und jene schmerzhafte Versunkenheit; nicht mehr das Kleine seiner menschlichen Befangenheit und Armut herrschte, sondern die sichere Gegenwärtigkeit und die fast hoheitsvolle Demut dessen, der würdig war, ein Stellvertreter Jesu Christi auf der Erde zu sein. Und unter seinem Angesicht gewannen die Jesusworte plötzlich wieder ihr furchtbar ernstes Leben, das Blut des Heilands rann unter der Dornenkrone nieder über sein Leidensangesicht, dies Blut, das vergossen war auch für sie, ja das vergossen worden wäre nur für sie, so über alles wichtig war dem Vater im Himmel ihr Kindesrecht an sein ewiges Reich. Und ehe ein Wort fiel, empfand Anne-Dore, daß ihre Kämpfe niemals ruhen würden. Eine unaussprechliche Traurigkeit senkte ihr das hilflose Haupt, und sie sagte leise mit strengen Lippen und ohne Willen, ganz in der Gewalt ihrer alten schwermütigen Sehnsucht das Wort des Jüngers, flüsternd, mit toten Lauten und verstörtem Blick:

»Ich habe Lust zu scheiden, um bei Christo zu sein, welches auch viel besser wäre.«

Hatte sie es wahrhaftig gesprochen? Keine Miene des Geistlichen verriet es, auch schaute sie nicht mehr in sein Gesicht. Ein einziger Begriff hielt sie in seinem Bann, breitete sich aus in düsteren Nebeln, rot wie die Sonne am Abend, glühend und allgewaltig: Blut war für sie geflossen, Blut warb um sie. Und nun plötzlich taten ihre Lippen ihr wieder seltsam Gewalt an, preßten einander süß und spitz wie zu einem Kuß. Sie atmete tief auf in schwerem Stoßen ihrer Brust, bis ein einziger Schauer, der kein Glied ihres Körpers verschonte, sie zu einem Gefühl unfaßbar seliger und tödlich wollüstiger Schmerzen befreite.

Pastor Jacoby, der anfangs ruhig gewartet hatte, war aufgesprungen. Ganz gegen seine Gewohnheit eilfertig und befangen und hatte die Magd um Wasser angerufen. Nun reichte er dem Mädchen, das schwer gegen die Lehne des Sessels hing, ein kühles Glas an die Lippen, und sie trank, gierig und stumm.

»Es geht Ihnen schlecht, liebes Kind«, sagte er eindringlich und gütig. »Ich glaube, ich werde Ihnen jetzt wenig bedeuten können. Wollen Sie mir erlauben, Sie heute abend zu besuchen? Sagen Sie es Ihrem Vater, er wird mich willkommen heißen.«

Anne-Dore schüttelte den Kopf. — Wie war nur dieses Fremdartige so rasch gekommen und möglich gewesen? Was war es? Ihr war wohl und nüchtern zumute. Sie antwortete klar und einfach, sie würde morgen kommen, es täte ihr herzlich leid, ihn erschreckt zu haben, auch eile ihre Angelegenheit nicht, und wenn er es erlaube, so käme sie lieber ein andermal.

Besorgt sah er in ihr blasses Gesicht, das ihm wunderschön erschien und wie zum Ruhm des Leids erschaffen, als ahnte er etwas von den geheimen Vorgängen und ihrer Not. Aber er wagte es nicht, in sie zu dringen. Vielleicht war es bei ihm ein Verständnis dafür, daß Blut und Seele einander auf verschlungenen Wegen begegnen, vielleicht hinderte ihn nur die Zurückhaltung eines, der weiß, daß kein schweres Geständnis sich erbitten läßt. Jedenfalls ließ er ihr den Willen, geleitete sie liebevoll und ohne ein flaches Trostwort an die Haustür und reichte ihr väterlich die Hand zum Abschied.

Anne-Dore begriff nicht, wie wohl und leicht ihr zumute war, als sie langsam und ohne daß schwere Gedanken ihre Schatten sandten, müde und froh durch die lebhaften Straßen schritt im Schein der warmen Nachmittagssonne. Unter den alten Kastanien des Kirchplatzes spielten Kinder mit lustigem Geschrei und ausgelassenem Lachen. Sie blieb stehen und schaute ihnen zu. Die Farben der hohen Kirchenfenster der Nikolaikirche erschienen von außen dumpf und erloschen, sie erkannte die Figuren nur undeutlich und betrachtete sie prüfend. Seltsam gelassen erschien ihr alles, das früher so überreich an Beziehungen und Erinnerungen gewesen war. Alle Dinge schienen weit fern, von ihrer Innenwelt getrennt, schön, gut zu betrachten und bereit, ihr auf freundliche Art zu gefallen. Selbst das christliche Vereinshaus, in dem die Bibelstunden stattfanden, war ein Gebäude geworden wie alle anderen, eigentlich war es grau und unfreundlich, wie gut hätte man Pflanzen und Blumen in diesem kleinen Vorgärtchen pflegen können, das kahl und verstaubt, nur ein wenig Rasengrün bot. Wie üppig und fruchtbar war der feuchte durchsonnte Schatten ihres heimatlichen Waldes, wie warm und unberührt, wie wild und dennoch milde die rote Heide. Hoch und grün waren die Buchen von Hildenrot.

Dorthin würde sie nun gehen.

Sie beschleunigte ihre Schritte, faltete plötzlich im Schreiten zitternd vor Glück und Hoffnung die Hände, preßte sie an ihre Brust und sagte:

»Ich komm zu dir. Ich komm zu dir.«