Bunte Steine
Nachwort.
Adalbert Stifter ist einer von den großen Dichtern, die einsam wie erratische Blöcke im weiten Gebiet der deutschen Literatur stehen. Diese Dichter ohne Vorläufer und ohne Nachfolger müssen von Epoche zu Epoche erst immer wiederentdeckt werden. Sie sind zu Lebzeiten wohl berühmt gewesen, aber bald verschwanden sie in den Grüften der Literaturgeschichte, um nur in Sonderlingsbibliotheken oder in den Lesebüchern der Jugend ihre Unsterblichkeit fortzufristen. Bis dann immer einmal ein Tag kam, der sie ausgrub; da blühte in seinem Licht unverwelkte Schönheit auf, das Leben des Kunstwerks strömte in die Menschen, und die Menschen waren beglückt, ein altes Erbe zu erwerben, um es zu besitzen. So ist es den Deutschen mit manchen ihrer Besten ergangen, und auch unsere Gegenwart erfährt jenes Entdeckerglück: man denke an Friedrich Hölderlins frischen Ruhm oder an Matthias Claudius und man denke an Adalbert Stifter.
Mag es auch in keiner Beziehung statthaft sein, diese drei Dichter miteinander zu vergleichen – ihr posthumes Schicksal bringt sie in eine gewisse Verwandtschaft. Als ob die Nachwelt Blick und Gefühl für die ganzen Dimensionen dieser Erscheinungen verloren gehabt hätte, wurden sie, die nicht bequem in Dichterschulen unterzubringen waren, in die Fesseln einer Formel geschlagen, und obgleich das Schlagwort kaum die Kontur des Schaffens zeichnete, den jene großen Gestalten durch die Generationen warfen, blieb es dabei. So war Hölderlin für lange Zeiten als der unglückliche Griechensänger abgetan, so ist Matthias Claudius heute noch den meisten der biedere Hausvater, der manchmal harmlose Verse gemacht hat, und Stifters Geltung beruht im allgemeinen auf einer nachsichtigen Anerkennung für den typischen Erzähler des vormärzlichen Kleinbürgertums, für den Schilderer geruhsamen Lebens mit einer behaglichen und fast pedantischen Liebe zu den kleinen Dingen der Menschen, der Natur, der Welt.
Es ist übrigens merkwürdig, daß diese drei Dichter auch eine Ähnlichkeit ihrer künstlerischen Entwicklung miteinander verbindet. Sie sind nämlich – gerade sie, die man so gern unter die sogenannten Originalgenies zählt – nur sehr allmählich im Verlauf ihres Schaffens zum Ausdruck und zur Verfestigung ihres eigensten Wesens gelangt. Hier, wo nicht der Ort ist, diese Analogie näher auszuführen, sei für Stifter etwa auf den vielsagenden Gegensatz verwiesen, der
innerlich und äußerlich zwischen den »Feldblumen« und »Zwei Schwestern«* besteht und der den Entwicklungsgang des Erzählers überaus gut erkennen läßt. Die »Feldblumen« sind ein Frühwerk des Spätvollendeten und ihre farbenreiche, traumwirre Schönheit, ihre Überschwänglichkeit in Sprache und Empfindung ist ohne das geliebte Vorbild Jean Pauls undenkbar. Die andere der beiden Erzählungen aber ist ein Beispiel für die reifste Prosakunst Stifters, wie sie sich erst im langsamen Wachstum der Persönlichkeit ausgebildet hat. Hier ist alles still und verhalten, wo dort Leidenschaft und Sturm ist, und wie erst alles Glück und alle Schönheit ungemischt und nicht groß genug geschildert werden kann, ist später die überlegene Weisheit tätig; das Ideal bleibt gleich rein und erhaben, aber an die Stelle der Erfüllung tritt die Entsagung … Darnach würde auch der Leser der »Bunten Steine« unschwer feststellen können, daß die letzte Erzählung des Bandes nach ihrer Entstehungszeit den andern der Sammlung vorangeht: sie verrät am wenigsten die charakteristische Kunst des Dichters.
*
Vom Weg und Werden Adalbert Stifters geben uns eben diese Erzählungen, welche, im Lauf eines Jahrzehnts entstanden, unter dem Titel »Bunte Steine« vereinigt sind, ein deutliches Bild. Es deckt sich wie nur immer im Schaffen eines geistigen Menschen mit dem Bild der Persönlichkeit.
Der eben erwähnte Gegensatz zwischen der frühen und der späteren Kunstform besteht notwendig auch zwischen der ungebrochenen Natur des jugendlichen und der geistigen Haltung des alternden Dichters, es ist der Gegensatz romantischer und klassischer Gesinnung. Das Stiftersche Werk ist zur künstlerischen Gestalt gewordene Überwindung dieser Polarität, und jedes seiner Teile enthüllt die ganze Problematik des Werdegangs, der ein schwerer Kampf gewesen ist; ein Kampf zwischen Geist und Natur, in dem der Sieg nur möglich war auf Kosten der verleugneten Realität. Je größer der Triumph des Künstlers war, um so tiefer mußte der Mensch leiden. Aus dem Überschwang des Gefühls, aus dem dichterischen Traum von großartigen und erschütternden Begebenheiten, aus Unfreiheit und Unbefriedigtheit, die im Jenseits der Phantasie erschaffen will, was ihr die schmerzensvolle Gegenwart vorenthält, gewinnt das Werk in zielstrebiger Anspannung eines immer entschiedener werdenden Kunstwollens seine bedeutende Form. Gewinnt es, sich bescheidend und konzentrierend, die Kraft der Liebe, seine starke und zarte Verhaltenheit, seine stille Musik, und die in sich beruhigte, klingende Harmonie.
Man muß daran erinnern, daß diese heiteren klaren Erzählungen aus einem unsagbar einsamen Leben kamen, dem kein tieferes Verständnis und Glück der Wirkung beschieden war. In Armut verlebte Stifter seine Jugend, sein ganzes Leben in ihm verhaßter Einschränkung; eine unglückliche Liebe grub ihre Spur tief in seine Seele, und in einer wenn nicht unglücklichen, so doch glücklosen Ehe gingen dreißig Jahre dahin. Kinderlosigkeit, Leid über Leid in der Familie, Erfolglosigkeit in der Berufsarbeit, Unzufriedenheit mit den politischen und seelischen Zuständen der Gesellschaft, und zuletzt die schwere Erkrankung, die zum Tode führte – das war der düstere Hintergrund, von dem sich das dichterische Werk abhebt; eine selbstgeschaffene Welt des Lebens in Freiheit, Sonne und Wohlstand, des Familienglücks und der Verwirklichung aller Ideale.
Wenn ein Zeitgenosse einst schrieb, Stifter sei wie kein zweiter mit seinen Büchern identisch, so ist das trotz des scheinbaren Widerspruches ein ebenso richtiges wie schönes Urteil. Nur ist das seinen Büchern entsprechende Dasein freilich nicht die Realität des äußeren Lebens, welches dieser stille und tätige, dieser sehnsüchtige und wenig geliebte Mensch auf Erden geführt hat. Nicht etwa, daß er wie ein weltfremder Schwärmer in einem Doppelleben, in einer Traumwelt den illusionären Ersatz für alles Entbehrte gesucht hat – so einfach, wie unsere Psychologen glauben machen wollen, wenn sie das Werden eines Künstlers und seines Werkes mit dem Wort vom Ressentiment erledigen, so einfach ist das Problem eines Dichterlebens sicherlich nicht zu lösen. Das redliche Leben jedes bedeutenden Menschen, nach seinem Ablauf überblickt, verkündet die Macht eines Gesetzes, dem die äußeren und die inneren Ereignisse dieses Daseins gehorchen mußten, um die lebendige Einheit zu gestalten. Angesichts eines solchen Lebens empfinden wir stets ehrfürchtig das Walten der höheren Notwendigkeit, in welche sich die Schicksale und Werke fügten, und keine Wissenschaft kann uns tieferes sagen, als daß hier ein Mensch auserwählt war, im Leid zu sein und im Glück und immer nur im Dienst an seinem Werk.
*
Man nennt Adalbert Stifter mit Recht einen Landschaftsdichter. Die Landschaft ist das eigentliche Thema seiner Erzählungen. Sie ist nicht der Prospekt, vor dem sich das von ihr mehr oder weniger beeinflußte Ereignis abspielt, sie ist kein Akzidens mit der Aufgabe, einen äußeren Rahmen oder eine innere Stimmung zu erzeugen, sie ist der wesentliche und Hauptinhalt dieser Geschichten, und die Menschen und Ereignisse, deren Begegnungen den Stoff der Handlung geben, sind von ihr bestimmt, ja sie sind in ihrer individuellen Erscheinung nur in ihr verständlich und möglich; von der überpersönlichen Natur werden sie nicht bloß umgeben, sondern geschaffen und geleitet. Und weil diese Landschaft, die Stifter vornehmlich schildert, seine heimatliche Landschaft, eine e p i s c h e ist, und Stifter wie wenig andere in der Erde seiner Heimat wurzelte, atmet in seiner Sprache der große Rhythmus dieser Höhenzüge, Ebenen und Waldberge, aus denen er kam und die ihn nie verlassen haben. Das ist aber wiederum nicht so zu verstehen, als ob er das Beispiel eines Heimatkünstlers darstelle, der seine Eigenart aus der mütterlichen Kraft der Scholle nährt und dessen Frucht nur auf dieser Scholle gedeiht. Solche Verengung aufs Bodenständige, aufs Bodenbedingte, die aus unkünstlerischen Tendenzen an vielen versucht wurde, verginge sich gegen Stifters wahre Größe. Denn dieser Provinziale, der in einem entlegenen Winkel des deutschen Sprachgebietes zu Hause war und blieb, hat mit der Kunst seiner Sprache und mit dem Wissen um alle Weiten und Tiefen der menschlichen Natur die Welt gewonnen.
Es wäre im Zusammenhang mit den »Bunten Steinen« besonders vermessen, über die Gesinnung und die Grundprinzipien der Stifterschen Kunst zu sprechen. In dem Vorwort zu diesem Buche hat er alles, was er darüber zu sagen hatte, zusammengefaßt. Fast möchte man es Friedrich Hebbel zu Dank wissen, daß er durch seine verständnislose Beurteilung der »Studien« den Anlaß zu dieser Rechtfertigungsschrift gegeben hat, die uns um ein edles, männliches und weises Bekenntnis bereichert. »Wir wollen das sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht geleitet wird« … – dieser Blick auf das Totale, diese Anschauung aus der Höhe einer weltüberschauenden Weisheit widmet sich nun dem besonderen Einzelnen und setzt es Zug um Zug zum großen Bild des Alls zusammen. Wie wenig angebracht ist es doch, hier mit Unterschätzung oder gar spöttisch von Kleinmalerei zu sprechen! Aus dieser vom Transzendenten zum Irdischen, vom Allgemeinsten zum Begrenztesten gerichteten Bewegung ergibt sich das rätselhafte künstlerische Ereignis, daß – in ihrer Umkehr – jedes Stück zu einem epischen Ganzen wird; denn alles Einzelne, die Steine und Gräser des Feldes und die leisen Regungen in den Seelen der Menschen sind nur Spiegelbilder von kosmischen Zuständen und Bewegungen, welche die Welt beherrschen und bilden.
Eine kleine Erzählung wie »Granit« ist durchleuchtet von dieser großen Kunst. Da gibt es keinen Rahmen, kaum eine Handlung, keine Tendenz, alles scheint naturhafte Willkür; und doch lebt das Ganze in einer vollkommenen Verbundenheit der Motive und Sphären. Wie eine unbedeutende Anekdote aus der Kindheit zum Ausgangspunkt der Erzählung wird – man merkt es kaum –, wie sich das geschichtliche und das landschaftliche Panorama ineinander entfalten, wie die Wanderung durch das Gelände und durch die schweren alten Zeiten geht, und wie schließlich alles wieder in die Gegenwart der Kindheit zurückkehrt, halb Traum, halb Wirklichkeit, das ist epische Dichtung. Episch auch der Untergrund von Volkssagen und Geheimnis und die innige Verwobenheit von Menschen und Landschaft. Schauder der Vergangenheit dringt in den friedlichen Sommertag und die Jugend des Kindes verbindet Gewesenes und Seiendes mit aller Zukunft. Die Sprache hat die Klarheit der Gebirgsluft und ihr Gefüge ist stark und streng wie Granit.
Eine besondere Entdeckung Stifters ist die »arme Schönheit«. Es gibt keine Kreatur auf Erden, und wäre sie die geringste, die gottverlassen ist, und nicht die kahlste und kälteste Öde ist trostlos und ohne Wunder. Der wüsten, traurigen Landschaft gewinnt diese Kunst einen bezwingenden Reiz ab, und der armseligste Mensch enthüllt sich ihr in seiner natürlichen Schöne, wie der bitterlich arme Pfarrer im Kar, der Heilige im »Kalkstein«.
Was in dieser Erzählung geschildert wird, ist die Gestalt eines Menschen. Wie immer, sind auch hier die Elemente der Natur im Einklang mit den äußeren und den seelischen Vorgängen; aber nun ist es die im Mittelpunkt der Handlung stehende Person, welche die ganze Atmosphäre beherrscht. Man könnte sagen, daß sich die Atmosphäre zu dieser körperlichen Erscheinung verdichtet. Sie wird zur Gestalt, zum lebendigen Symbol; aus Einfalt und Armut wächst sie empor zu einem Bildnis der unendlichen Güte, des Heldentums und der Heiligkeit. Der Dichter spricht das freilich nicht aus, seine Worte unterdrücken vielmehr fast ängstlich jeden vollen Ton, alles schimmert nur schwach in den gebrochenen Farben und Schatten der Kalksteinheide; aber die wahrhafte Liebe zaubert aus dieser Kargheit einen luftigen Glanz, der die kahlen Hügel und das Leben in ihnen verklärt, und der die Erscheinung des Pfarrers, dieses armen Glücklichen, ewig umstrahlt.
Es ist ein allerpersönlichstes Thema, das Stifter hier anschlägt: das Hohelied der Entsagung, der opferbereiten Hingabe. Dieser Pfarrer im Kar ist ein Asket, ohne selbstquälerisch und weltflüchtig zu sein, er kasteit sich nicht um der Buße willen, sondern um durch jeden denkbaren Verzicht die Verwirklichung seines humanen Ideals zu fördern, er verleugnet sich selbst, um für die Welt und für sein Werk zu leben, ein Realist wie jeder Fromme und wie der Künstler. Und wenn er sagt, daß »jeder Mensch außer seinem Amte und Berufe noch etwas finden oder suchen soll, das er zu verrichten hat, damit er alles tue, was er in seinem Leben zu tun hat«, so ist damit dem kategorischen Imperativ der Pflicht noch ein übriges hinzugetan, eine Forderung, die nur den Frommen und den Künstler angeht. In diesem Sinne ist der Pfarrer das Gegenbild seines Dichters, und es ist unsagbar rührend, wie aus einzelnen Zügen an jener Gestalt ein Licht ins Innere des Dichters dringt. Der stille Held der Erzählung, der allem leicht entsagt hat, was das Leben erleichtert und verschönt, kann sich von dem einzigen Luxus, den er aus einer fernen Vergangenheit in Wohlstand sich bewahrt hat, von seiner feinen Wäsche nicht trennen, er leidet unter dieser Schwäche und sie macht ihn doch nur liebenswerter und ehrwürdiger. Dieser Zug setzt nun am Eingang der Geschichte ein, geht ganz behutsam durch sie hindurch, verwebt sich mit der hauchzarten Schilderung einer ersten Liebesahnung zweier junger Herzen und wird am Ende dann in den persönlichen Bereich des Erzählers gehoben. Wie er in seiner tiefen Bedeutsamkeit für das Schicksal und Wesen der Hauptfigur immer nur leise angedeutet und niemals gedeutet ist, das zeigt deutsche Prosadichtung auf einer selten erreichten Höhe.
In der Erzählung, die Stifter »Turmalin« benannt hat – ursprünglich »Der Pförtner im Herrenhause« – begibt er sich auf von ihm nicht oft betretenes Gebiet. In den wenigen Worten, die er der Geschichte vorausschickt, spricht er ihren dunklen Sinn so aus: »Es ist darin wie in einem traurigen Briefe zu entnehmen, wie weit der Mensch kommt, wenn er das Licht seiner Vernunft trübt, die Dinge nicht mehr versteht, von dem inneren Gesetze, das ihn unabwendbar zu dem Rechten führt, läßt, sich unbedingt der Innigkeit seiner Freuden und Schmerzen hingibt, den Halt verliert und in Zustände gerät, die wir uns kaum zu enträtseln wissen.« Diese Worte werden hier wiederholt um der Bedeutung willen, die ihnen für die Glaubens- und Gedankenwelt Stifters zukommt. Das Wort S c h i c k s a l ist heute ein altmodischer Begriff geworden, dessen Substrat die moderne Gewitztheit schlankweg im Körperlichen lokalisieren zu können glaubt. (Es fiele ihr gewiß nicht schwer, die Eigenart Stifterscher Charaktere aus der Analyse ihrer Kindheitserlebnisse zu erklären und den dichterischen Erlebnisprozeß als neurotische Erscheinung auszudeuten.)
Was nun vorhin von dem metaphysischen Entwicklungsgesetz gesagt wurde, daß es über dem gerade gelebten Menschenleben sichtbar waltet, das ist das religiöse Grundgefühl, aus dem der Dichter seine Gestalten zu ihren Konflikten und zu ihrer Harmonie gelangen läßt. Der Glaube an die unwandelbare Sicherheit des inneren Gesetzes, von dem der Mensch nicht ohne Gefahr lassen darf, mag dem Dichter den Ruf eines gütigen Optimisten eingetragen haben, aber solche Bezeichnung wird seiner Gesinnung nur sehr oberflächlich gerecht; sie trifft durchaus nicht die Lebensanschauung in ihrer Tiefe. Dort ist G l a u b e n, und das fromme Vertrauen in die schicksalhafte Notwendigkeit ist der Urgrund, auf welchem die Ve r n u n f t die Formen baut, in denen der Mensch seine Maße und Ziele findet. Wer diese Bedingtheit mißachtet, wer sich der Intensität seiner Empfindungen hemmungslos überläßt, muß sich im Labyrinth der eigenen Innenwelt, die ungeformt die eigene Unterwelt ist, verlieren; er verliert sein Weltverhältnis und seine geistige Aufgabe und geht den Weg in die Nacht, die dunkelschön und rätselvoll ist wie die Farbe des Turmalins. Ein solches Schicksal zu schildern, mußte Stifter, der später den Sinn seines Dichtens vornehmlich in der sittlichen Erziehung sah, sehr angelegen sein. Aus diesem Bestreben ist die Geschichte von dem unglücklichen Ratsherrn entstanden, fast eine Novelle. Sie bewältigt freilich das Thema nicht in dem sonst erreichten Maße; es geht ein Riß durch sie, der die Einheit des Ganzen bedroht, und wir vermissen den Schein jener Überwirklichkeit, der über Stifters besten Erzählungen ausgebreitet ist. Die Darstellung bemüht sich mit Erfolg um eine gewisse Naturtreue, die gewöhnlich auf Kosten der künstlerischen Wahrheit erzielt wird. Vielleicht ist es kein Zufall, daß gerade im »Turmalin« das Landschaftliche keine Rolle spielt.
Um so reiner und selbständiger wirkt es sich im »Bergkristall« aus, der berühmten Weihnachtsgeschichte, in welcher die Schilderung der Natur in der Tat zur Handlung erhöht ist. Es ist über diese vollendete Erzählung wenig zu sagen; ihre Schönheit hat je und je den Leser beseligt. Der Dichter selbst hielt sie neben »Katzensilber« für das beste Stück der Sammlung, wenngleich er, nie zufrieden mit seinem Werk, sich die Möglichkeit wünschte, diesen Kristall noch einmal zu reinigen und zu fassen – »er könnte noch ein Diamant werden.« Man muß in der Biographie Stifters das geringfügige Begebnis nachlesen, das den Anlaß zu der Dichtung gegeben hat, in der nicht viel mehr erzählt wird, als daß zwei Kinder, im Hochgebirge wandernd, infolge eines dichten Schneefalls den Weg verfehlen und die Christnacht im Gletschereis verbringen, bis sie am Morgen gerettet werden. Aber das ist nicht mehr dargestellt, sondern das Walten der Elemente nimmt Gestalt an, die Stille der Nacht wird hörbar, wir selber sind die Kinder geworden, die da durch den heiligen Abend gehen und gehen »mit der Unablässigkeit und Kraft, die nur Kinder und Tiere haben«, und wir erleben das Wunder.
Und was soll über das Wunder dieser Sprache gesagt werden? Ihre Einfachheit enthält alle Fülle, ihre Ruhe alle Bewegtheit der Welt. Die Schilderung des Schneefalls ist schon oft verherrlicht worden; und wenn ein alter Kritiker sagte, daß das »Ja Konrad« des geduldig gläubigen Mädchens mehr bedeute als eine ganze Ostermesse von Novellen, so besteht dieses gute Urteil erst heute, in dieser Zeit der Sprachverwilderung, ganz zu Recht.
»Katzensilber« ist unter den Erzählungen dieser Sammlung am spätesten entstanden, eine rein epische Dichtung, die ihre stilistische Fortsetzung in den großen Altersromanen Stifters gefunden hat. Wenn ihr nicht derselbe Beifall beschieden war wie anderen seiner Erzählungen, so rührt das daher, daß das künstlerische Prinzip der späteren Werke unverstanden blieb. So sah man Langatmigkeit, Pedanterie und Unwirklichkeit in einer Darstellungsform, zu deren eigentlichem Wesen das gelassene Nacheinander, das tiefgründig Gründliche, Breite und Realitätssteigerung gehören. Stifter ist seinen schweren Weg unverdrossen gegangen – im »Nachsommer« ist die Höhe gewonnen und »Katzensilber« ist der Vorbote. Der Stoff dieser Geschichte vom braunen Mädchen ist karg, die Handlung fast Nebensache, alles ist zur Form verdichtet, zur Form, der der Dichter nie genug tun zu können glaubte. In dieser Erzählung stehen Sätze von einer vollkommenen Epik; es sind die langen Perioden, deren scheinbare Überflüssigkeit oft belächelt wird; so z. B. wenn der Weg beschrieben wird, der vom hohen Nußberg nach Hause führte, oder wenn der Hausrat aufgezählt oder wenn geschildert wird, wie die Mutter den Kindern, einem nach dem andern der Reihe nach, Erdbeeren auf die Teller legt – da ist das Wesen der Erzählung zum Ausdruck seiner selbst gelangt. Das Gegenständliche tritt so sehr zurück, daß z. B. die Hauptfigur in ihrer tatsächlichen Existenz völlig unerklärt bleibt, wodurch nun ein Mythisch-Geheimnisvolles leise in die Welt der Wirklichkeiten eindringt, um endlich ebenso still und rätselhaft diese Welt wieder zu verlassen. Unvergleichlich aber ist der erste Teil, in dem das Gehen der Menschenkinder, das Gehen der Jahreszeiten und der Jahre mit den einfachsten Mitteln gestaltet ist. »Wäre alles so, wie die ersten Bogen von ›Katzensilber‹, oder wie einige Partien des alten Pfarrers – was könnte das für ein Buch sein!« Das war das eigene Urteil des Dichters.
Es ist schon erwähnt worden, daß »Bergmilch« seine Eigenart am wenigsten verrät. Es ist eine früh entstandene, für eine Zeitschrift verfaßte Erzählung, die nur aus äußeren Gründen den »Bunten Steinen« angegliedert wurde. Freilich enthält auch sie manches Schöne; wie glücklich ist allein das Motiv des weißen Mantels und seiner Wirkung durchgeführt – in einer höchst kriegerischen Szene regt sich ein junges Mädchenherz und die Liebesandeutung spinnt sich unterirdisch durch die Geschichte weiter. Was aber das Auszeichnende an ihr ist, ist das Bekenntnis gegen Krieg und rohe Gewalt, für den Frieden und die Sittlichkeit, und dieses Bekenntnis gibt auch ihr einen Wert in aller Zeit. Denn Stifter, der »Seelenfrieden-Stifter«, war ein Tendenzdichter, und ein Wort von ihm verdient wiederholt zu werden, nicht nur weil es schön, sondern weil es auch für uns gesprochen ist:
»Meine Bücher sind nicht Dichtungen allein (als solche mögen sie von sehr vorübergehendem Werte sein), sondern als sittliche Offenbarungen, als mit strengem Ernst bewahrte menschliche Würde haben sie einen Wert, der bei unserer elenden, frivolen Literatur länger bleiben wird als der poetische; in diesem Sinne sind sie eine Wohltat der Zeit.«
B r u n o A d l e r .
* Diese beiden Erzählungen sind als 3. Sonderdruck der dritten Auswahlreihe des »Volksverbandes der Bücherfreunde« erschienen.
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The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information can be found at the Foundation's web site and official page at http://pglaf.org
For additional contact information:
Dr. Gregory B. Newby
Chief Executive and Director
gbnewby@pglaf.org
Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide spread public support and donations to carry out its mission of increasing the number of public domain and licensed works that can be freely distributed in machine readable form accessible by the widest array of equipment including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
The Foundation is committed to complying with the laws regulating charities and charitable donations in all 50 states of the United States. Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these requirements. We do not solicit donations in locations where we have not received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state visit http://pglaf.org
While we cannot and do not solicit contributions from states where we have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us with offers to donate.
International donations are gratefully accepted, but we cannot make any statements concerning tax treatment of donations received from outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including including checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit: http://pglaf.org/donate Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be freely shared with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
http://www.gutenberg.net
This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, including how to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.