Das Anjekind

Waldemar Bonsels · Kapitel 1 von 14

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Das Anjekind

Erstes Kapitel

Es soll damit begonnen werden, die Geschichte von Anjes Vater zu erzählen, deren grausames Ende den am Leben gebrochenen Mann veranlaßte, das einsame Moorland aufzusuchen, das Anjes Heimat geworden ist.

Nicht weit von der Stelle entfernt, wo der Gurdelbach aus der Einöde tritt und sein ruhiges Wasser, das in den dunklen Moorgründen, die es durchfließt, wie von Trauer und Schwermut erfüllt worden ist, liegt das Dorf Gorching. Gegen Norden erstreckt sich weit jene Moorlandschaft, die die Einöde genannt wird und die als unzugängig und verwildert gilt. In Gorching war Anjes Vater, der Jakob Vinzenz Gerom hieß, trotz seiner Jugend einer der angesehensten Bauern. Nicht allein sein Hof war einer der einträglichsten, sondern seine alteingesessene Familie war geachtet und reich. Er hatte das Anwesen früh und allein geerbt und gut bewirtschaftet, so daß er als wohlbestellt und glücklich von manchem beneidet worden wäre, wenn nicht ein schwermütiger Hang zum Grübeln sein Leben verdunkelt hätte, wie auch eine Unduldsamkeit fast jeder Menschengemeinschaft, die in furchtbaren Jähzorn ausarten konnte. Da die Ausbrüche solcher Wesensart den schlichten Naturen seiner Umgebung unvoraussehbar erschienen, wurde er mehr und mehr gemieden, und es verbreiteten sich Meinungen über die Beschaffenheit seiner Seele, die dazu angetan waren, ihm mehr und mehr das Vertrauen seiner Mitbewohner zu entziehen. Das altbewährte Gesinde und die Tagelöhner seines Hofes, worunter manche ihn schon als Kind gekannt hatten, teilten diese Abneigung der Nachbarn nicht, wohl aber übertrug die Zurückhaltung der Dorfbewohner sich langsam auch auf sie.

Im Anwesen Vinzenz Geroms ging es ruhiger zu, als auf den anderen Höfen, nicht nur, daß er ein umsichtiger und geschickter Mann war, auch seine Gehilfen in den Scheunen und auf den Äckern dienten ihm in einer Art andächtiger Scheu und viel ergebener, als es der Fall gewesen wäre, wenn Gerom auch nur einige jener argen Charakterzüge gehabt hätte, die ihm nachgesagt wurden, denn die Vorbedingung zu einer Ergebenheit, die den Dienenden nicht entwürdigen soll, ist die Gerechtigkeit des Herrn.

Gerom war fünfunddreißig Jahre alt, als die dänische Malerin Angelika Lett nach Gorching kam. Ein städtischer Reisewagen hielt unter der großen Linde, die vor dem einzigen Gasthaus des Dorfes stand, und die ermüdeten Pferde tauchten ihre dunklen Mäuler bedächtig und gierig in das klare Quellwasser des Steinbeckens im Lindenschatten. Man nahm die Fremde befangen und zurückhaltend auf, sie mietete zwei helle Zimmer im Gasthof, und der Kutscher und der Hausknecht schleppten ihr zahlreiches und buntes Gepäck in die Hausdiele. Es war nicht ein einziger größerer Koffer darunter, sondern es bestand aus lauter kleineren Päckchen und Schachteln, die, vom Kreisrund bis zu unförmigen kleinen Ballen, alle Formen aufzuweisen hatten, die irgend denkbar waren. Die junge Dame stand auf den Steinstufen, überzählte alles sorgfältig und lachte den Dorfkindern zu, die, die Morgensonne im hellen Haar und die erstaunten Seelchen auf den offenen Lippen, einen schweigsamen Halbkreis unter der Linde bildeten.

Es hätte wohl niemand von dieser Fremden gesagt, daß sie schön sei, aber ihre Erscheinung gehörte zu jenen seltsamen Frauenwundern, bei denen diese so wichtige und entscheidende Frage durch ein unbestimmbares Etwas aufgehoben wird. Man könnte es vielleicht einen so getreulichen Abglanz ihrer Seele in allem Körperlichen ihres Wesens nennen, daß darüber jede besondere Wertung einzelner Züge oder Bewegungen aufgehoben zu sein schien. Man müßte es der Wärme des Lichts vergleichen oder der heimlichen Wohltat des Windes, bei welchen niemand der äußeren Wahrzeichen bedarf, um die himmlische Zugehörigkeit ihrer Wesen zu verspüren.

Angelika war klein von Figur und nach dem Urteil der meisten etwa dreißig Jahre alt. Sie hob das Mißtrauen und die Besorgnisse der Dorfbewohner, die den Besuch Fremder nicht gewohnt waren, durch große Sicherheit ihres Auftretens und durch eine Selbständigkeit ihrer Handlungsweise auf, die bei aller Zurückhaltung etwas Wohltuendes hatte. Kaspar und Friedel Lindner, die beiden Knaben eines Tagelöhners, wurden ihre Freunde und trugen ihr ihre Staffelei und den Farbenkasten ins Moorgelände. Sie schleppten das leichte Gerüst zu zweien wie eine kleine Trittleiter, und ihre braunen nackten Beinchen stießen abwechselnd an das blanke Holz des schönen Kastens mit seinen blinkenden Schlössern. Angelikas Sommerhut, groß wie ein Schirm, warf seinen runden Schatten voraus, und lange Zeit waren Kaspar und Friedel durch dieses Amt die berühmtesten Knaben in Gorching.

Eines Morgens schickte das junge Mädchen die Knaben bei einem Hof außerhalb des Dorfes mit dem Malgerät ins Gasthaus zurück und blieb vor den Ringmauern und dem hohen Tor der Einfahrt stehen. War sie denn hier noch niemals vorübergekommen, daß sie diese Schönheit nicht früher gesehn hatte? Sie schaute die Birkenallee zurück, die schlecht gepflegte Landstraße zog sich unruhig und doch friedlich über die kaum merklichen Hügel des Geländes dahin, und an ihrem Ende sah man den Turm der Gorchinger Kirche. Die Straße war bewachsen, und nur die beiden Furten, die von den Rädern der Wagen stammten, gaben ihr ihr melancholisches Gepräge, jenen seltenen Reiz des Berührbaren im Unberührten, und zugleich jene Zeitlosigkeit, die nur solchen Menschenwerken anhaftet, die ihr Wesen durch die Jahrhunderte nicht verändern. Der lichte Birkenschatten verschleierte den stillen Zug der Furchen in diesem Bild.

Angelika betrachtete nun die Einfahrt zu jenem Hof, bei dem sie haltgemacht hatte, genauer. Die Jahre hatten das glorreiche Werk ihres Ausgleichs nahezu vollendet und den Steinen der Ringmauern jene Farben und jenes Schimmern verliehen, die nur sie geben können. Hin und wieder brach aus der grünen Gartenwelt, die die Mauer verbarg, ein Rankennetz von wildem Wein durch einen Spalt, oder über ihre Ziegelborde leuchteten die weißen Teller des blühenden Holunders aus dunklen Kuppeln über das Erdgrau dieser ehrwürdigen Wälle. Einzelne große Tannen wirkten beinahe ganz schwarz; zur Rechten, wo die Mauer nach hinten einbog, lag unter Weiden ein großer Teich.

Angelika trat langsam durch den Torbogen in den inneren Hof ein, an dessen Ende das große Bauernhaus lag, das den Eindruck eines alten Herrenhauses machte; es war einstöckig und mit Ziegeln gedeckt, die Terrasse war zur Rechten und zur Linken von Akazien umstanden, und auf dem großen, wohlgepflegten Rasenplatz saßen weiße Tauben in der Sonne. Die Wirtschaftsgebäude und Scheunen zur Linken waren schneeweiß getüncht und mit Stroh gedeckt, sie zogen sich, wie es Angelika erschien, noch weit zur Seite hin, wie es zur Rechten der dunkle Garten tat, der durch einen Bretterzaun vom Hofplatz getrennt war.

Das Wohnhaus fesselte die junge Malerin am meisten; es war von jener schlichten Schönheit, die nur die edle Einfalt der Zweckmäßigkeit und die Menschenerfahrung der Jahrhunderte geben können. Aus seinem Bereich schien alle Willkür des vergänglichen Zeitgeschmacks verbannt, streng und erhaben stand es in seiner freien Klarheit auf dem Erdgrund, und eine unbestimmbare Traurigkeit ging von ihm aus.

Aus einer der Scheunenausfahrten wurde ein Landwagen geschafft, der nicht eben sonderlich vornehm, aber von großer Gediegenheit zu sein schien, die Knechte wuschen mit Schwämmen die gelben Räder, und ein Bursche führte die Pferde hinter dem Stall hervor. Ein wenig beiseit stand ein großer, ernster Mann, der schweigsam ihrem Treiben zusah, sein dunkles Haupt- und Barthaar wirkte beinahe ganz schwarz, seine aufmerksamen Augen hatten bei ihrer verschonten Klarheit etwas grüblerisch Benommenes, man war versucht, es träumerisch zu nennen, wenn solch ein Wort nicht allem an der starken und trotzigen Erscheinung widersprochen hätte.

Es war Vinzenz Gerom, der dort auf seinem Hof stand, und an diesem Morgen lernte Angelika ihn kennen.

Er soll auf sie zugetreten sein, als er sie erblickt hatte, mit einer ganz eigenen Bestimmtheit. Er ergriff ihre Hand zur Begrüßung, ohne zu lächeln, mit einem harten, beinahe verstockten Griff, und hielt sie fest. Die Leute, die ihn heimlich beobachteten, sollen den Eindruck gehabt haben, als sei Angelika eine alte Bekannte von ihm, aber es ist nicht der Fall gewesen, obgleich auch sein tiefes Aufatmen etwas von der Befreitheit nach einer langen Erwartung der Trennung gehabt haben mag. Sie lächelte neugierig und befangen, aber ohne Herablassung über diesen jungen Landmann, dessen hilflose Gastfreundlichkeit sie fesselte, und so war Gerom der erste in Gorching, der Angelika von einer neuen Seite kennenlernte, denn sie begegnete ihm mit einem kindlichen Frohsinn, der die Strenge ihres klugen Verhaltens in Arglosigkeit und Lieblichkeit verkehrte.

Es geschah dann, daß Angelika einige Tage nach dieser Begegnung in das Landhaus Geroms einzog, der ihr die Zimmer des rechten Flügels einräumte, drei hohe, altmodisch hergerichtete Räume, in deren erstem ein dunkler Kamin aus blinkenden Kacheln stand. Die Fenster lagen tief und teilweise verhüllt von grünen Ranken, die nun mit geheimnisvollem Flüstern das Licht und die Stimmen des großen Sommers einließen.

Es ging scheinbar eine entscheidende Wandlung im Wesen Vinzenz Geroms vor sich, im Grunde entfalteten sich nur die verborgenen Kräfte seiner Seele unter dem wehmütigen und kindhaften Lächeln des Mädchens, das in seinem Hause und Herzen zu Gast gekommen war. Angelikas Lächeln, von dem es erschien, als bräche es durch heiße Schleier einer verborgenen Traurigkeit, hatte jene überwindende Forderung des Frauenwesens, der das Gemüt des Mannes in Verlangen oder in Taten zu folgen gezwungen ist. In solchem Frauenlächeln naht den Sinnen die Anklage der Menschenunschuld, die um der Liebe willen zerstört zu werden scheint, und die auch immer zerstört wird, wenn die Liebe nicht darüber wacht, darum ist es, als ob dieses wehmütige Lächeln einer gefährdeten Unschuld Liebe heraufbeschwöre, wie eine edle Handlung die Ergriffenheit der Barmherzigen.

Nach außen hin erschien Gerom beinahe finsterer und verschlossener als zuvor, vielleicht weil er wußte, daß man ihm sein Handeln übel nachsah, und weil er fühlte, daß er es vor anderen so wenig zu erklären oder zu rechtfertigen in der Lage war, wie anfänglich vor sich selbst. Angelika wurde seine Schutzbefohlene. Oft erschien es ihm kaum ausdenkbar, daß sie den Ansturm des Lebens ohne seine Hilfe jemals hatte bestehn können. Er sprach mit niemandem über sie und duldete kaum, daß in seiner Gegenwart ein Wort über sie fiel.

Die hilflose Art, in der der einsame und einfache Mann seine zärtliche Neigung kundtat oder verbarg, nahm auch den Gleichmütigsten die Kraft zum Spott. Es war, als hütete er an der Schwelle der Erdennacht ein Licht, das ihm der Vater im Himmel zum Herzen seines Menschendaseins gesandt hatte. Sein Handeln war von jener Scheu, wie nur die Regungen einer großen Liebe sie kennen, und von der Zartheit, die dem Mann so wohl ansteht, der seiner Kraft so gewiß ist, daß er sie nicht durch Rauheit zu erweisen wünscht. Oft sah man die Beiden an ruhigen und klaren Abenden nebeneinander durch die Felder gehn, deren Ähren hoch standen und das braune Gold wiegten, das die herabgesunkene Sonne im Westen über dem Land zurückgelassen hatte. Nein, es war kein Zweifel, er hatte seinen Arm schützend um sie gelegt, und ihr blonder Kopf ruhte an seiner Schulter. Sie erschien klein in ihrem einfachen weißen Kleid, hilflos und traurig, bis plötzlich ihr Lachen weich und wie aus voller, tiefer Freude kommend erscholl. So war es schwer zu wissen, was beiden geschah, aber da die Menschen selten mehr in andere zu legen verstehn, als ihr eigenes Gemüt enthält, so entstanden böse und häßliche Gerüchte neben Erstaunen oder Rührung.

Als schon der Sommer zur Neige ging, kamen Gerom eines Abends durch den Großknecht Gerüchte zu Ohren, die ihn erbleichen ließen. Er ging vom Hofe fort, ohne seinen Hut, so wie er stand, wortlos hinaus auf die Landstraße, bis er den Pfarrhof von Gorching erreicht hatte, wo er kundtat, daß er sich mit Angelika Lett zu vermählen gedächte, und darum bat, daß dies den Ortsbewohnern bekanntgegeben würde.

Dies hat sich so zugetragen, wie es berichtet wird, und es ist allen unbegreiflich und geheimnisvoll erschienen, denn Vinzenz Gerom war ein einfacher Mann, und obgleich sein Geschlecht alteingesessen war und hohes Ansehen genoß, war doch der Unterschied der beiden Liebenden in Stand und Lebensgewohnheiten sehr groß, und von der Fremden wußte niemand mehr als ihren Namen. Nur eins ist sicher, und es wird vielen eine vollgültige Erklärung sein, Vinzenz Gerom war ein eigenwilliger und selbständiger Charakter und ein Mann von Gefühlskräften und natürlicher Klugheit. Alles übrige bleibt zwischen zwei Menschen eine Frage der Lebensbetrachtung und der äußeren Verhältnisse, Gebiete, auf welchen Charaktere sich leicht einander fügen lernen, und es unterliegt keinem Zweifel, daß Angelika mit der weisen Anmut ihres Anspruchs die heimliche Erzieherin ihres Freundes gewesen ist. Es gelang ihr mühelos, dem stolzen Mann ihre Wünsche und Hoffnungen als seinen eigenen Anspruch hinzustellen und sein Herz ohne Falsch mit Behutsamkeit in die Bewußtseinswelt seines Werts zu heben.

Es war sicher, irgend etwas behielt Angelikas Wesen für sich, es war eine verborgene Welt des Empfindens und der Gedanken, die sie nicht teilen wollte oder konnte. Aber es erschien Gerom nicht als ein Recht, das ihm vorenthalten wurde, weil Angelikas traurige Versunkenheit, mit der sie seine schüchternen Fragen zuweilen abwehrte, ihm heilig war. Wie leicht lassen sich die Geheimnisse einer klugen und verschwiegenen Frau der Wesensart ihres Geschlechts als Tugend zurechnen, wenn das Vertrauen einer großen Liebe alles kleine Forschen verhindert.

So war es gewiß keine ernstliche Sorge, die zuweilen Geroms Stirn umwölkte, sondern eine heimliche Angst, die aus dem Dunkel der Vergangenheit Angelikas emporstieg. Er fühlte, daß niemals etwas geschehn sein konnte, was den Wert des Mädchens herabgesetzt hatte, aber ihm war oft, als seien jene Geschehnisse um so gefahrvoller und furchterregender, je mehr sie den Wert dieser jungen Frau erhöht haben mochten. Wie viele Untugenden, die ihr Freude bereitet hätten, wäre er nicht willens gewesen, ihr zu vergeben; er fürchtete vielmehr, daß es eine große Tugend sein könnte, die ihr Leid gebracht hatte.

Zu den äußeren Anlässen solcher Besorgnisse gehörten die Briefe, die Angelika absandte und empfing, allerdings selten erhielt und selten abschickte. Oft vergingen Monate, und Gerom litt mit ihr unter der aufreibenden Qual ihrer Erwartung, über die niemand sprach. Die schmerzliche Erlösung, die endlich ein kurzer Brief brachte, zerteilte Geroms dunkles Herzensreich in zwei Teile, er schritt umher wie ein fröhlicher Kranker. Aber er fragte niemals, denn er konnte sich nicht so tief entwürdigen, etwas in Angelikas Leben für schöner und größer zu halten, als das, was sie ihm gab.

An einem klaren Abend des Spätsommers wurde Angelika von einem Dorfjungen in den Gorchinger Rasthof geholt, es sei ein Fremder angekommen. Die junge Frau ging sogleich mit starren Augen und hängendem Köpfchen in einem eigenartigen Schritt, der ganz neu an ihr erschien, der etwas vom Traumwandeln hatte und zugleich etwas gewaltsam Unbekümmertes. Sie verabschiedete sich von niemand, Gerom war zu Pferd auf den Feldern.

Was geschehn ist, weiß niemand, es blieb allen in Gorching verborgen. Man hörte heftige und verhaltene Worte in dem Zimmer des fremden Mannes, unterdrücktes Schluchzen und auch einmal ein leidenschaftliches Wimmern, das die Magd für heimliches Lachen hielt. Angelika kam spät zurück, sie war über die Landstraße gelaufen, klein und weiß, durch die hereinbrechende Nacht, zwischen den beiden weißlichen Meeren dahin, die der Abendnebel auf den Wiesen bildete. Der Großknecht ließ sie ein, während die Hunde wie toll an ihren Ketten rissen und die Stille weit umher mit ihrem wütenden Bellen erfüllten.

Mit dem Kommen des fremden Mannes, der Angelika kein Fremder war, erschien ihr die Sicherheit und Ordnung der Welt zerstört, wenn sie nicht alles diesen Händen anvertraute, die sie einst erhoben und erniedrigt hatten, geschlagen und geliebkost, entwürdigt und geheilt. Sie schlief in der Nacht nicht, mit wehmütigem Lächeln gedachte sie der Freiheit, die sie in diesen Sommermonaten zu erringen geglaubt hatte. Es gibt einen Zustand erschöpfter Leidenskraft, der wie Gelassenheit und Ruhe erscheinen kann, es ist der Zeitpunkt, an dem die Kräfte des Lebens und die Kräfte des Todes einander die Wage halten, über den Trümmern des eigenen Willens.

Am Morgen sah Gerom sie in unruhvoller Besorgnis lange an. »Du bist blaß, Angelika, du bist sehr blaß«, sagte er. Er ritt gleich darauf schweigend fort. So weiß er es, dachte sie. Gegen Mittag kam der Bote aus dem Gasthof.

Ich will versuchen zu warten, dachte Angelika, vielleicht ist am Abend der ganze Tag vergangen und ich bin nicht zu ihm hinübergegangen. Gerom kam nicht. Sie saß im Schatten der Holunderbank am Teich und sah die Sonne hinter die Pappeln sinken, von Ast zu Ast schien sie niederzuklimmen, und als sie sich rötlich färbte, weinte die junge Frau vor Schwäche und Angst und Liebesleid und lief nach Gorching hinüber, quer über die gemähten Roggenfelder, wie ein verlassenes Kind.

Unterwegs blieb sie einmal stehn, ballte ihre kleine, feste Hand und schüttelte die Faust nach Geroms Hof hinüber. »Du kannst nicht helfen«, schrie sie laut. »Du bist ein Schwächling bei all deiner Kraft, deiner Güte …« Sie ließ sich nieder und weinte. Bestaubt und todmüde, mit entstelltem Angesicht, langte sie im Gasthof an.

Nun paßten sie zueinander, der Fremde und Angelika, die nun, wie er, verwildert und bleich zu den Ausgestoßenen der Irdischen zu gehören schien. Es war unfaßlich, wie rasch die Nähe dieses Mannes ihr ganzes Wesen verändert zu haben schien, im Grunde hatte er es nur gelöst, soviel ist gewiß, denn es war sein Eigentum. Ihr Gesicht wirkte geradezu häßlich für alle Augen, die sie früher gesehen hatten. Aber es war eine eigenartige Häßlichkeit, eine Häßlichkeit von göttlichem Ursprung, der schützende Erdenmantel über den himmlischen Geheimnissen des Lebendigen.

Sie fand ihn nicht zornig und hart wie gestern, sondern traurig, vielleicht kniete sie deshalb vor ihm, während sie sprach. Wenn er sich zu ihr niederbeugte, wenn seine Lider sich senkten, sah man, wie schön sein blasses Gesicht war, das im Unbelebten der Tagesstunden ermattet und kränklich aussah. Ihre Haare vermischten sich, ihre feuchten Hände und ihr Atem voll Glut und Unfrieden.

»Ach,« antwortete er ihrem Geständnis mit seinem klugen und traurigen Lächeln, »ein Kind trägst du von ihm, von ihm trägst du ein Kind, Anje …«

»Wenn ich ein Kind von dir geboren hätte,« sagte sie fest, »so würde ich um des Kindes willen die Kraft gehabt haben, bei Gerom zu bleiben. Ich wäre nicht über die Felder gelaufen …«

Er sah sie an, vielleicht verstand er sie nicht gleich, aber dann drückte er sie so an sich, daß sie leise aufschrie.

Sie fragte aber doch: »Liebster, und daß es nun so ist, ich meine, daß ich sein Kind trage, quält dich das nicht? Gerom würde dich töten, wenn du nur deine Hand auf meine Haare legtest.«

»Ihm gehören auch nicht einmal diese Haare«, sagte er liebevoll und sicher, und strich sie ihr von den Schläfen, legte sie hart an das ungeduldige Köpfchen, so daß er es ganz in seinen beiden Händen hielt, und betrachtete so ihr Gesicht.

»Ich komme niemals, niemals von dir frei, Anje.«

»Ich hätte so gern gelebt«, sagte sie deutlich.

Es mußte wohl der Gedanke an die Hoffnungen seines eigenen Lebens sein, der ihm plötzlich die Stirn umwölkte. Er ließ sie los. Seine Augen fragten sie etwas, es mußte eine Frage sein, deren Bedeutung oft zwischen ihnen gebrannt hatte, denn sie verstand ihn und rief schmerzvoll:

»Ich weiß es nicht, ich weiß nicht, wie es werden soll! Ich kann meinen armen Leib von dir fortschleppen, aber ich kann meine Seele nicht von deiner reißen.« Und darauf legte sie ihm plötzlich die Hände auf die Schultern, sah ihn heiß und mit ihrem ganzen Blut und Wesen an und fragte mit einem schrecklichen und süßen Lächeln: »Nicht wahr, ich töte dich, nicht wahr? Sag', wodurch töte ich dich, sag' es mir doch …«

Und so sagte sie es ihm, indem sie ihn so fragte.

Nach einer Weile wurde die Türklinke niedergedrückt und, da die Tür verschlossen war, wurde es eine kleine Weile still. In diesem kurzen Augenblick sah Anje ihren Geliebten an, es war ihr Abschied von ihm. Er fühlte es, ohne es zu wissen. Dann erschütterte ein furchtbares Krachen die abendliche Stille des Hauses, und Anje fing ganz heimlich und kindlich zu lachen an.

Erst als Gerom im Zimmer stand, erhob sich der Fremde langsam.

»Ich hätte Ihnen auch geöffnet«, sagte er gelassen, aber so kalt, daß die Herausforderung in seinen Worten deutlich seine tiefe Anteilnahme verriet, die er nicht verbergen wollte. Gerom stand dicht an der Tür, als ob er den Ausgang decken wollte, und der starke Mann zitterte, wie ein Baum, dessen Wurzeln von eisernen Äxten zerschnitten werden. Jetzt, da der Fremde sprach, wandte er sich ihm zu und von Angelika ab, die ruhig, mit herabhängenden Armen, dastand. Sie war ihm unaussprechlich hilflos erschienen, er empfand die große Stille ihrer Seele nicht, deren Armut und Gerechtigkeit sich irdisch nicht mehr erweisen wollte noch konnte. Als ihr Geliebter sich erhob und vor Gerom stand, zitterte sie vor Freude in dem Bewußtsein, daß die Kraft seines Wesens bis an die Pforten eines ewigen Reichs triumphieren würde. Und nun mochte kommen was wollte.

Gerom sprach nicht. In Angelikas Herzen wuchs eine Angst empor, die ihr alles zu verdunkeln drohte. Der kleine niedrige Raum lag im Abendlicht, Gerom schien nicht hineinzupassen, er sah wie ein Riese aus und erschien ihr um so furchtbarer, als sie den Ausdruck seines Gesichts nicht unterscheiden konnte.

»Wenn Sie mit mir sprechen wollen …« sagte der Fremde. Es erschien, als dächte er an ganz andere Dinge. Angelika wußte, wer der Stärkere war.

Da sagte Gerom mit dunkler Stimme zu ihr:

»Steh auf! Geh heim! Geh gleich heim!«

Obgleich sie seine Stimme nicht erkannte, antwortete sie ihm beinahe in gewohnter Weise:

»So – –, so Gerom, kann ich doch nicht gehn.«

Er stöhnte dumpf auf. Wenn es nur hell gewesen wäre. Sie sah fragend zu ihrem Geliebten hinüber. Er nickte:

»Ja, geh heim.« Und dann sagte er zu Gerom:

»Wir wollen hinausgehn, wir können ja draußen reden, wenn Sie wollen.« Er schritt ruhig voran, und der andere folgte ihm wie ein breiter, bedrohlicher Schatten.

Angelika langte in Geroms Hof an, als es längst Nacht war. Eine alte Magd war vor dem Kamin eingeschlafen, in dem in diesen Spätsommernächten schon Holzscheite glommen. Sie hockte als ein lebloses Kleiderbündel im Winkel, die welke Wange unter dem grauen Haar, an einen Holzpfosten des Geländers gelehnt und notdürftig auf ihren Arm gestützt.

Angelika stand vor ihr und sah die kleinen lebhaften Flämmchen an, die über die verglimmenden Scheite huschten. Sie sprangen unversehens auf und erloschen wieder, waren von bläulicher Färbung und von einer kränklichen Hast. Ihr Widerschein spiegelte sich in den Kacheln und gab dem Raum sein dürftiges, unruhiges Licht. Die sinkende Mondsichel stand draußen über den Moorgründen der Haide, über der Einöde mit ihrem verschwiegenen Gurdelbach. Man sah sein fahles Licht durch die bewegungslosen Vorhänge der Fenster scheinen, an denen die traurige Nacht vorüberzog. So war das Licht im Zimmer unbestimmbar und voller Ungewißheit, die stummen Gegenstände wirkten bedeutungsvoll und lebendig.

Die junge Frau erkannte den Rahmen des Bildes, das Geroms Vater darstellte; sie glaubte die heimliche Qual der Augen zu erkennen, diesen düsteren und trotzigen Drang nach dem Licht der Erkenntnis, der auch Geroms Blicke bezeichnete. Die Standuhr tickte nicht, es mußte vergessen worden sein, sie aufzuziehen.

Der Mond draußen verlor langsam seinen Schein, der Morgen kündigte sich an, das Feuer im Kamin war nun völlig erloschen, und die Alte war auf den Teppich niedergesunken, auf dem sie ruhig schlief. Man hörte ihre Atemzüge nicht, und draußen und drinnen war es totenstill, da die Geschöpfe der Nacht zur Ruhe gegangen waren und die Vögel noch schliefen. Dann kam ein unhörbarer Wind auf, der das herannahende Licht ankündigte. Die Stimmen der Wasservögel aus dem Moor wurden laut, und die Blätter bewegten sich neben dem Fenster. Es rieselte hoch oben in der Spitze einer Pappel, als ob es regnete, und das Zimmer wurde grau.

Dies ist Angelikas Lebensnacht und ihr Daseinsmorgen gewesen, der ihr den Geschmack des Abschieds von irdischem Sein und Gut in die Seele trug, sie verharrte in tiefem Schweigen, dachte keine Gedanken und empfand keine Gefühle. Sie empfand nur ihr armes, abgekehrtes Menschenwesen und den gewaltigen Gang des lebendigen Lebens, das an ihr dahinzog wie lautloser Wind an einem Stein.

Dann kamen Schritte heran, sie klangen erst gedämpft und fern und dann immer eindringlicher in der blauen Luft der Dämmerung draußen; nun tönten sie schwer unter ihren Fenstern, und ein gebeugter Schatten schleppte sich vorüber, glitt auch über sie hin und wurde ihr zur großen dunklen Gestalt, als nun die Tür sich öffnete. Sie wußte noch, daß ein Hund draußen vor seiner Hütte sich erhoben haben mußte, denn sie entsann sich deutlich beim Beginn des Kommenden des Klirrens einer Kette.

Es war Gerom. Eigentlich wußte sie alles, schon ehe sie ihn recht sah, denn seine Tat begleitete ihn wie eine drückende Finsternis. Er sprach nicht, er ging schwer und scheinbar sehr ermattet auf und nieder, wobei er schaukelte und bald den Kopf hängen ließ, bald nickte, oder die Arme schwenkte, aber nicht im Takt seiner Schritte.

Endlich blieb er dicht vor Angelika stehn, so dicht, daß sie zurückgetreten wäre, wenn sie es gekonnt hätte. Da nun das blasse Morgenlicht in sein Gesicht fiel, sah sie, wie entstellt es war, und empfand nichts mehr als eine furchtbare Angst.

»Gerom!,« schrie sie auf und sank nieder, »erbarme dich, tu mir kein Leid, um des Heilands willen, Gerom, tu mir kein Leid!«

Und während sie schrie und flehte, und während ihre Hände krampfhaft am groben Tuch seines Rocks tasteten und griffen, war ihr, als verhöhnte irgend etwas im Grund ihrer Seele sie selbst und ihr armseliges Tun. Dabei kam ihr deutlich zum Bewußtsein, wie naß sein Gewand war.

Es schien, als ob Geroms Gedanken erst durch ihren Jammer zu dem geführt wurden, was sie befürchtete. Ich werde sie schlagen, dachte er, ich werde sie so schlagen, als wollte ich mit der Faust bis ans Herz dringen.

»O, höre mich an, sieh mich an, Gerom, ich habe nicht gewußt, was ich getan hab'.«

Gott weiß es, warum sie es getan hat, dachte er. Sie ist ein Weib, Gott weiß es …

Und dann atmete er tief auf und sagte mit schweren Lippen: »Draußen …«, stockte wieder und faltete dann seine großen Hände.

»Was willst du tun,« schrie die junge Frau mit lautem Weinen auf, »was soll ich tun?!«

»Du,« sagte er rasch, »du – bist ja ein Kind … geh hinaus, glätte sein Haar, wasch ihm das Blut aus seinen Augen und leg seine Hände zusammen …«

Nun war es, als habe er jenen Faustschlag, der bis an ihr Herz dringen sollte, mit seiner ganzen Kraft geführt, Angelika sank ohne ein Wort zu Boden und blieb still liegen. Eine ihrer kleinen weißen Hände lag gekrümmt mit dem Rücken nach unten an seinem Stiefel.

Gerom sah auf sie nieder und hob sie nach einer Weile behutsam und vorsichtig auf. Er ging so zart dabei zu Werke, als stünde ihm die ganze Fülle seiner Liebe zu Gebote, und sein Gesicht war voller Rührung. Als er sie hinaustrug, sagte er zu ihr, als verstünde sie ihn: »Ja, er ist tot. Er hat mich, grade so wie du, um sein Leben angefleht. – Ich werde dir kein Leid antun, du Kleine. Ach Ihr … könnt nicht leben und könnt nicht sterben.«