Das Anjekind

Waldemar Bonsels · Kapitel 13 von 14

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Das Anjekind

Dreizehntes Kapitel

Anje schritt in der Frische des Herbstmorgens, an jenem Tage, dessen Beginn Geroms Augen noch empfunden hatten, durch den Wald. Sie wählte den Weg, der im Schilf des Gurdelbachs entlang in die Weiden führte, bald an Tannen vorüber, bald am Altwasser dahin.

Ein Zweig mit roten Beeren hing in der Morgensonne über dem Wasser, das Leuchten der herrlichen Farbe im Sonnenschein zog Anjes Blick an, sie blieb stehn und betrachtete die begrünten Ufer, über deren Pflanzen die unschuldige Müdigkeit des Herbstes lag. Hier, im Frischen, schien der Sommer noch nicht verdrängt, und doch kündigte der Wandel der Zeit sich an, man fühlte ihn an der Art des Lichts, am Geruch der Luft und an dieser glückvollen Müdigkeit, in der die Pflanzen, die ihr Wachstum längst beendet hatten, sich neigten über das dahinziehende Wasser. Die Bäume und Büsche bildeten hier eine natürliche Laube, die über dem Bach gegen die Sonne geöffnet war, so daß Anje in der Walddämmerung stand und dies strahlende bunte Blätterhaus mit seinem glitzernden Boden bewunderte. Ihr Glück war so groß, als sähe sie dies alles zum ersten Mal, vielleicht war es das herrliche Rot der kleinen Beeren über der Flut, das ihr das Bild der Natur so wunderbar erneuerte. Es schien, als läge über den Pflanzen am Ufer die Erinnerung an das leidenschaftliche Blühn des Frühlings, an die Gestilltheit und Fülle des warmen Sommers, und ein Abglanz des Friedens, der ihrer im nahenden Winter harrte, und die kleine Anje begriff über ihrer Freude an beidem, am Sein und Ruhn, daß das Leben und der Tod nur Zeichen einer beständigen Herrlichkeit sein mußten, die höher als ihr Erkennen war. Sie hatte einst durch Onne vom Dasein Gottes erfahren, als vom Schöpfer der Welt und als vom Herzschlag der lebendigen Natur.

Sein Dasein war ihr selbstverständlich erschienen, wie das Dasein ihres leiblichen Vaters, ihr Herz kannte noch keinen Zweifel, weil es keine Schuld kannte, und weil sie der Schöpferkraft Gottes auch ihr Dasein verdankte, so wie es war. Ihr Vertrauen zu Gott zeigte sich in der Dankbarkeit, in der sie seine Welt bewohnte, und ihr Glaube erwies sich in ihrer Freude daran.

Als die alte Onne, bekümmert durch ihre Lebensmüdigkeit, Anje einmal von der Schuld der Menschheit gegen Gott gesprochen hatte, war aus Anjes Kindermund die seltsame Antwort gekommen:

»So wird Gott die Schuld gutmachen.«

Aus den Augen der alten Frau brach ein Leuchten, dem plötzlich Tränen folgten, die es verlöschten, aber unverwandt blieben die Augen auf Anjes Angesicht haften, wie im Bann einer wunderbaren Erscheinung, und mit bebender Stimme rief Onne:

»Er ist gekommen und hat es getan!«

»Warum weinst du?« fragte Anje.

Da sagte Onne: »Oh, du gesegnetes Kind.«

Mit der Erinnerung an diese Worte der alten Frau kam Anje der Gedanke an die Nacht, die für Onne unaufhörlich herrschte. Sie schritt langsam weiter durch das Schilf, das flüsterte, wenn sie es berührte, und oft glänzte ein Sonnenblick durch das bunte Laub nieder, in ihren blonden Haaren auf. Anje gab ihrer plötzlichen Traurigkeit nach und weinte, ohne ihr Gesicht zu verhüllen, sie schämte sich ihrer Tränen nicht vor der Erde, die die Wiege des Todes und des Lebens zugleich ist. Dem Mädchen war zumut, als wäre es mit einem heimlichen, wohltuenden Stolz verbunden, zu wissen, wie schwer die Erde oft zu ertragen ist.

 

Fridlin verbrachte diesen Tag ruhlos im Wald. Ohne Nahrung und zu Tode ermüdet, schweifte er in der Einöde umher, bald dieser, bald jener seiner planlosen Eingebungen gehorchend, aber ohne zu einem vernünftigen Entschluß kommen zu können, bis ihn im Dickicht ein Schlaf überwältigte, der einer Ohnmacht gleichkam. Im Traum führte er seine Absichten aus, bald die eine, bald die andere, er stand vor dem Förster und beichtete ihm das Geschehene, sorgsam bemüht, Gerom ins Unrecht zu setzen und den Zwang von Pflicht und Selbsterhaltung darzustellen, der ihn getrieben hatte zu töten. Gegen dieses Lächeln des Försters, das ihn als Antwort traf, mußte es doch einen Einwand geben; woher wollte jener wissen oder erweisen, was zu dieser Tat geführt hatte? Dann wieder suchte er im Wald Anje, die er nun vom Zwang des väterlichen Willens befreit glaubte, und fand sie im Grund jener aus Grün und Braun gewebten Tiefe der Waldferne allein. Er eilte auf sie zu, und seine frohe Gewißheit, ihr nicht nur alles erklären zu können, sondern auch ihre verzeihende und tröstende Liebe zu finden, beflügelte seine Schritte. Aber die unhaltbare Ferne entrückte ihm und mit ihr Anje, wie einst in Wirklichkeit, wenn er hoffte, sie erreicht zu haben. Ihre Spur blieb im Licht und in der Stille auf wunderbare Art zurück, zugleich ungreifbar und klar geschieden, überall dem Vertrauten zugehörig und doch fremd, wie eine Spur im Schnee.

Im Verlauf seines tiefen und doch ruhlosen Schlafs nahm es an finstern Mächten zu, die ihn mehr und mehr zu bedrängen begannen. Sie waren ohne greifbare Gestalt und nahten in gewaltigen Ballen heran, die sich geräuschlos in furchtbarer Allmacht über ihn dahinwälzten. Es gab kein Entrinnen, da die herannahenden Nächte, die kreisenden schwarzen Wolken vergleichbar waren und das ganze All umfaßten, doch Raum auf seiner Brust fanden, der sie zu entwachsen schienen und die sie zugleich begruben. Als er von seinem eigenen Stöhnen erwachte, war es Nacht, er riß die Augen auf und starrte um sich, ohne sich zurechtfinden zu können. Seinen verfinsterten Sinnen war anfänglich nicht mehr erkennbar, als daß jene düsteren Ballen, die ihn begruben, sich über ihm, in einem merkwürdig weißen Licht verschwimmend, still angesammelt hatten. Es waren die Baumkronen, unter denen er geschlafen hatte, im schrägen Licht des Mondes, der aufgegangen war.

Er sprang jählings empor und stürmte mit vorgereckten Armen zwischen den schwarzen Stämmen dahin, als gälte es, der Gefangenschaft der Bäume zu entrinnen, einem unsicheren Lichtschein entgegen, der schwach in der Ferne glomm. Dort flimmerte das ungewisse Himmelslicht an den Erlbüschen und Weiden, an deren Wurzeln es sich in Wasserlachen spiegelte, im Schwarzen und totenstill. Diese Ruhe lockte Fridlins fieberndes Blut, sie versprach ihm Kühle und das Ende seiner Qual, die er kaum noch erkannte, deren Wesen er in den Zerrüttungen seiner Sinne ahnte, wie Schlafende eine herannahende Gefahr im Traum. Scheinbar schüchtern und zweifelnd trat er bedächtig hinzu und sah das schwarze Wasser an. Sein Spiegelbild bewegte sich darin, er fuhr voll Entsetzen zurück und reckte die Hände nach unten hin gegen den morastigen Hauch aus, der dem Moorwasser entströmte und dem tausendjährigen Schlamm.

In der kahlen Gabelung eines Weidenstumpfs über dem feuchten Grund hockte ein graues Tier mit dem Gesicht eines kleinen alten Menschen. Es war weich und farblos, mit breiten Schultern, in denen der Kopf sanftmütig schaukelte. Das Gesicht lächelte mit matten Augen und freundlich, und die Hände hingen schwächlich an den halb erhobenen Armen nieder. Fridlin kannte dies Fabelwesen, das er zu erblicken glaubte, aus seiner Kinderzeit her und wußte, daß es beim Herannahen bedrängter Menschen für gewöhnlich flüchtete, um sich abwartend in die Gabelung einer anderen Weide zu setzen. Es drückte die Köpfe ertrinkender Menschen nieder, die in den Sumpf geraten waren.

Im Grunde zog es den Verlorenen in seiner Schreckensnacht zu einer anderen Stätte hin, es war eine schmerzvolle Sucht, die als drängendes Unterbewußtsein von Augenblick zu Augenblick an Macht über ihn gewann. Als er diesem Drang endlich nachgab, lichteten sich die Verfinsterungen seines Gemüts ein wenig, als ob sich mit seinem Gehorsam gegen dieses Verlangen eine Erleichterung seiner Sinne verbände. Er fand die Waldlichtung in kurzer Zeit, in der Geroms Leiche im Mondschein lag. Dort erkannte er beim zögernden Hinzuschleichen zuerst nur eine dunkle, unförmige Masse am Boden zwischen den Himbeersträuchern und versuchte auf den Zehenspitzen und mit stockendem Atem, hinter den Büschen stehend, die Formen des Körpers zu unterscheiden. Seine Vorsicht hatte etwas sonderbar Kleinliches, er vermied die nassen Zweige und achtete sorgsam darauf, kein Geräusch hervorzurufen.

Neben dem Toten, mitten im vollen Mond, saß das Anjekind mit gefalteten Händen.

So hell das sinkende Gestirn immer noch schien, gab das nächtliche Licht ihrer Gestalt doch etwas Unwirkliches, sie erschien in ihrer geraden stillen Haltung wie eine zur Hälfte versunkene Statue, besonders weil der Mond von hinten her auf ihren Körper schien und das eintönige dunkle Grau ihrer Erscheinung in hellere Umrisse legte. Da ihr Haar gelöst war, sah ihr Haupt in dieser Beleuchtung ungewöhnlich groß aus, es ruhte fast unförmig, wie ein Tierkopf, auf den schmalen, lieblichen Schultern. Von ihnen abwärts sanken die Linien der hängenden Arme gerade nieder, von bleichem Licht eingerahmt, regungslos und doch von eindringlicher Lebendigkeit. Fridlin erkannte lange nicht, worauf ihre Blicke gerichtet waren, bis er, erstarrend vor Entsetzen, gewahr wurde, daß sie ihn ansah.

Ihn befiel der Zweifel, ob er jemals von diesem Wesen etwas gewollt hatte, das dort hockte und ihn mit seinen Blicken beherrschte. Was war von ihr seiner armen Menschenhoffnung verbunden gewesen? Im Fieber durchmaß sein Geist die Wegstrecke seines Lebens, die von der ersten Begegnung im Sommergrün am Gurdelbach bis zu diesem nächtlichen Waldplatz führte. Seine Sinne trieben ihn durch ein Chaos von unklaren Vorstellungen dahin, wie aufgescheuchte Vögel durch staubigen Wind getrieben werden, der ein herannahendes Ungewitter verkündet. Mit einer übergroßen Ermüdung zugleich befiel ihn eine Kindertraurigkeit, so daß er hätte still und in Rührung über sich selbst vor sich hinweinen können. Er sagte laut:

»Ich bin unschuldig.«

Da erhob Anje sich rasch, es erschien deutlich so, als ob sie es in einem fröhlichen Eifer täte; jetzt war sie es wieder selbst, wie ehedem, Fridlin erkannte sie besser, als sie nun auf ihn zukam und mit der Hand die Zweige der Sträucher zur Seite bog. Sie legte ihm den Arm um den Nacken, so daß er im höchsten Erstaunen seinen Kopf etwas zurückbiegen mußte, um sie ansehen zu können. Sein Mund öffnete sich etwas, und seine aufgerissenen Augen starrten in Anjes bleiches Gesicht. Sie schmiegte ihren Körper leicht an den seinen, so daß ihn ein rätselhafter Schauer für einen Augenblick aus seinem Erstaunen zog, er empfand die weiche Schmiegsamkeit dieses Körpers und einen Hauch, dem Geruch welkender Blumen vergleichbar, der aus ihrem offenen Haar stieg. Dann sah er ihren Mund, der mit geöffneten Lippen in einer wehmütigen Verzerrung lächelte, und begriff, wie durch einen lauten Zuruf gewarnt, seinen Tod.

In der jähen abwehrenden Bewegung, die er mit einem leidenschaftlichen Ruck machte, traf es ihn. Er sah noch, daß Anjes Kopf durch sein Aufschrecken zurückgeworfen wurde und hatte die Empfindung, als hätte ihre kleine Faust fest und aufgeregt in der Nähe des Herzens gegen seine Brust geschlagen. Erst beim nächsten Atemzug begriff er, was ihm geschehen war und sah hinab: merkwürdig plump und unwirklich hockte der Griff des Jagdmessers ihm aufrecht am Rock, und nun ergriff es eisig das Herz seines Lebens, zog ihn in einen süßlichen Taumel von Ohnmacht hinein und schmerzvoll zu Boden nieder. Er starb rasch, weil sein Herz durchstochen war, und unter Anjes Augen, einen betroffenen Widerspruch und eine Frage in seinem übermüdeten Gesicht, ohne die Qual des Todes im Bewußtsein gekostet zu haben. –

Der Mond sank tiefer herab, und die Waldungen der Einöde umdunkelten sich mehr und mehr. Der Wind trieb nasse Nebelschwaden aus den Gründen der Sümpfe in die Lichtung, jene Dünste, die den beklemmenden Geruch wie von Teer und alter Erdnässe mit sich bringen, wie sie dem späten Herbstland entsteigen. Nur die schweren Umrisse der Baumgruppen, die den Augen am nächsten waren, blieben noch eine Weile kenntlich, während schon nach einer kleinen Entfernung die fahlen Nachtschleier alles in der einförmigen Ebene in eine unerforschliche Ausgeglichenheit betteten. Die kreisende Erde setzte unermüdlich ihre Reise fort, mit den toten, den lebendigen und den heraufdrängenden Wesen der Natur.