Das Anjekind

Waldemar Bonsels · Kapitel 5 von 14

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Das Anjekind

Fünftes Kapitel

Als Anje so groß geworden war, daß Hirtes Schnauze bis an ihre Schulter reichte, wenn sie nebeneinander im Ginster saßen, nahm die alte Onne sich ihrer auf etwas veränderte Art an, denn Gerom ließ sein Kind tun, was es wollte, er beschäftigte es niemals und lehnte, wo immer es war, ihre Hilfe mit einer barschen Herablassung ab: was denn solch ein zartes Ding rechtes tun könne, und ob man glaube, er würde nicht selbst mit seiner Arbeit fertig. Diese Nichtachtung war nur ein Mantel, unter dem er seinen Wunsch verbarg, Anje ungehindert von Tageslasten und Menschenpflicht heranwachsen zu sehen. Sie war keineswegs schwach und hilflos, wie er sie nannte, sondern, obgleich von zarten Gliedern, ein gesundes Kind von blühender Kraft, aber Gerom verachtete die Menschen und ihr Handeln, das er betört und armselig nannte, und gönnte ihnen in ihrem Tun nicht die kleinste Gemeinsamkeit mit seinem Kind. Zwar hinderte er Anje nicht daran, wenn sie Neigung zeigte, sich hier oder dort zu beschäftigen, aber sie tat es selten und nur dann, wenn sie dadurch in der Nähe ihres Vaters verweilen konnte.

Gerom lebte der Vorstellung, daß alles Bewußtsein des Bösen und jede Macht der Finsternis erst durch Menschengeselligkeit in die Welt getragen würde. Als Onne ihm einmal die Zuneigung ihres alten Herzens in Bewunderung für sein ernstes Leben darbrachte, antwortete er ihr ruhig: »Es ist leicht gut zu sein, wenn man allein ist, die Natur nimmt uns an, so wie wir sind.«

Onne schaute vor sich hin, ihre grauweißen Haarsträhnen zogen sich arm an den faltigen Schläfen hin und an den hohlen Wangen nieder, die die Farbe welken Laubs hatten und unzählige Fältchen und Risse.

»Gerom,« sagte sie, »das ist wohl wahr, aber wer die Kraft hat, die Natur zu ertragen, dem kommt keine Gefahr mehr von den Menschen.«

Gerom sah sie an. »Mütterchen …« sagte er langsam, aber dann erschrak er über den weichen Klang seiner Stimme und schwieg, und da Onne sich darauf verstand, woher ein Wort kam und wieviel es bedeutete, begnügte sie sich mit dieser Antwort und dachte in ihrem Sinn: Mit Gerom läßt sich leben.

In diesem Herbst kam Anje häufiger zu Onne als sonst, und eines Abends, als sie schon die Holzläden der Fenster geschlossen hatten und ein Scheitfeuer auf dem Herd angezündet worden war, ging Onne an ihre Truhe.

Die kleine Anje wußte, daß dieser Kasten mit seinem groben Schnitzwerk und seinem Schlüssel, dessen Bart fast so groß war wie ihre Hand, die unerhörtesten Schätze enthielt, und ihre Augen wurden still und groß in der Erwartung, was Onne tun wollte. Die Alte hob mit Mühe den schweren Deckel und lehnte ihn an die Wand. Nun hielt das plumpe Holzungeheuer seinen Rachen geöffnet, und Anje kam ein Zittern an, vor Scheu und Begierde sah sie nichts als ein buntes Durcheinander, das vor ihren Augen flimmerte.

Draußen rüttelte der Herbstwind in den Bäumen, die Tannen sausten und das Laubwerk rauschte; hin und wieder schlug der Laden mit leisem Klappern an, und Hirte, der am Feuer saß, bewegte unablässig die Ohren, und seine Augen waren voll Besorgnis. Der Raum war nur durch das Herdfeuer erhellt, und im Spiel der Flammen erschien es zuweilen so, als bewegte sich alles in ihm.

»Onne,« flüsterte die kleine Anje; ihr war, als müßte sie Einhalt gebieten, was konnte nicht geschehn, wenn man sich so tief in die Truhe wagte, als es die Alte tat, die ihre beiden Hände bis auf den Grund der Schätze hinabgewühlt hatte. Da bog sich Onnes braunes Gesicht über den Truhenrand nach ihr zurück, und sie sah, daß es unter den grauen Strähnen lächelte.

Das Kind atmete auf. Den vergangenen Morgen über hatte sie der Alten beim Ausbessern der Hüttenwand geholfen, so gut sie konnte, es mußten Risse verstopft werden, und hier und da sollte ein Nagel eingeschlagen werden, der ein morsches Brett halten mußte. Am Mittag hatte sie es ihrem Vater erzählt, der dann schweigend ein paar Bretter auf seine Schulter geladen, die große Säge über den Arm gehängt und den Hammer in die Tasche geschoben hatte. So machten sie sich auf den Weg zu Onne.

»Gib her,« sagte er, als er sah, daß Anje die Nägel trug, und nahm sie ihr ab.

Dann war ein gewichtigtes Hämmern und Sägen angegangen, Anje saß vor Stolz glühend neben der Alten am Grabenhang und fühlte, wie groß und stark ihr Vater war. Onne blinzelte in den Abendschein hinaus, und ihre winzigen Äuglein leuchteten vor Zuversicht, nun mochte der Winter kommen. Anje war später bei ihr geblieben, weil man nicht so rasch, und vor allem schwer allein, mit dieser Freude fertig werden konnte. Es mußte alles im einzelnen nachgeprüft und bewundert werden, wie die Bretter paßten und schlossen und wie sorgfältig die langen Nägel umgeschlagen waren. Als Gerom am Abend heimschritt, wandte er sich, einen Augenblick zögernd, nach seinem Kind um, aber als er zwei eifrige Angesichter, ein welkes und ein blühendes, in frohem Staunen vor einer kleinen Falltür am Hühnerstall sah, die er dort angebracht hatte, begriff er und ging fort. –

Und nun, bei diesem verheißungsvollen Lächeln der Alten über den Truhenschätzen, war es Anje plötzlich, als ob etwas geschehen sollte, das in einem Zusammenhang mit der Freude dieses Tages stand. Onne holte aus dem Grund der Truhe ein Buch hervor, verstaute und verschloß alles wieder sorgfältig und reichte das rötliche Ding von verblaßtem Glanz dem Kinde zum Geschenk.

»Hier steht es,« sagte Onne, nahm es zurück, blätterte und versuchte dabei, ihrer Hornbrille Halt zu verschaffen, »hör zu, wie ich es lese: ›Um das weiße Schloß flogen in der Abendsonne die Schwalben, es lag auf ebenem Gefilde, frei im weiten Land …‹« Sie stockte und gab ihren Gläsern Schuld. »Ich kann es nicht mehr recht herausbringen, aber du sollst sehn, du wirst es lernen.«

Und zum nächtlichen Erbrausen des rauhen Waldes, der den Wind von der Ebene her mit Gesang in seine Fittiche nahm, erblühte der kleinen Anje an ihrem geschützten Platz am alten Feuer das Wunder, daß das Licht der Menschengedanken in gebrechlichen Hüllen bewahrt werden konnte.

Aber Anje hat niemals lesen gelernt. Sie hütete das kleine rötliche Buch wie einen heiligen Schrein, der Reichtümer enthielt, aber sie trug kein Verlangen danach, diese Schätze zu heben. Nur die Anfangszeilen des Buchs, die ihr Onne gesagt hatte, blieben in ihrer Erinnerung bewahrt, und ihr einfacher Inhalt beflügelte ihre Träume über die Herrlichkeiten der fremden Welt.

Es war zu Anfang des Buchs ein Bild eingefügt, auf dem unter einem grünen Eichbaum mit braunem Stamm ein verwundeter Mann am Wege lag. Er war nach den Gewohnheiten einer vergangenen Zeit gekleidet, mit einer schmalen gelblichen Hose, die seine Beine seltsam lang erscheinen ließ, und die sehr hoch hinaufreichte, bis an ein kurzes Jäckchen von grellem Blau. Seine weißen Hände waren sehr schlank, und sein Gesicht war zur Rechten und Linken von einem Streifen Bart eingerahmt, der von den Schläfen ein wenig an der Wange entlang niederwuchs. Aus seiner Brust rieselte in einer sorgfältigen Zickzacklinie ein Bächlein himbeerfarbenen Bluts, färbte das Gras und verrann auf dem Fußweg, an dessen Ende, am Horizont, klein, mit erhobenen Armen und weit gespreizten Beinen zwei Männer davonliefen.

Dieses Bild beschäftigte das Gemüt des Kindes ohne Unterlaß. Sie begriff nicht, was die Menschen veranlaßt haben konnte, jenem Fremden die Brust zu verletzen, so daß ihm sein Blut verrann und daß seine großen Augen sich schließen mußten vor Schmerz oder Schwäche. Auch war niemand zu sehn, der ihm hätte helfen können, und der große Eichbaum stand ruhig da im Tageslicht.

Sie zerdrückte eine späte Beere auf ihrer Hand, um den roten Saft auf der Haut fließen zu sehn, aber er lief in einer graden Linie nieder und tropfte ins Gras, es mußte wohl nur das Blut aus dem Herzen sein, das solch gezackte Wege beschrieb. Da verletzte sie ihren Arm mit einem Dorn, aber das Wunder des Bildes erfüllte sich nicht an ihr. Die steigenden warmen Tropfen und ihr schmaler Weg zur Erde nieder, versenkten sie in tiefe Nachdenklichkeit.

Hirte hatte herausgebracht, daß Anje ein Buch besaß, und er betrachtete von der Seite her das bunte Bild darin. Er unternahm den Versuch, mit Hilfe seiner schwarzen Nase zu begreifen, was seinen Augen verschlossen blieb; aber Anje hielt das Buch hoch. –

Langsam lichtete sich nun der Wald, und von Nacht zu Nacht schienen die Sternbilder heller ins Moorland nieder. Anje lag am Waldrand und schickte ihre Gedanken zu ihnen hinauf, es gab keine Hingabe von größerem Frieden als die an die Sterne. Im Bereich ihres erhabenen Lichts erschien es Anje, als würden die lebendigen Wesen der Erdoberfläche einander gleich, und ihre Schicksale unterschieden sich nicht mehr voneinander. Langsam glitt ihr Empfinden in ein Himmelsland von grenzenloser Ausdehnung hinüber, und sie mußte singen. In der Ergriffenheit ihrer Sinne war ihr dann oft, als müßte in der Menschenbrust verborgen ein Heil von unnennbarer Art wohnen.

Sie trat still aus ihrer Tannenfinsternis in die weite Nacht hinaus, beschritt das Moor bis an einen der schwarzen Tümpel und sah die Nacht im Wasser an. Andächtig reckte sie sich vor, bis sie neben den Sternen am Rand des Wasserspiegels ihr Angesicht sah.

 

Im Winter schlief ihr Herz. Wenn der Schnee das Land bedeckte und die Bäume und Pflanzen in seine reine Kühle bettete, sah sie im wohlbestellten Haus ihres Vaters das Feuer im Kamin an, das ihr den Sommer in ihre Erinnerung rief. Wohl kannte sie die Freude, in die frische Klarheit eines Wintertags hinauszuschreiten, die Spuren der Tiere im Schnee zu suchen, und die Ruhe des schlafenden Waldes als Glück zu empfinden, aber ihr Lebensteil war nur der Sommer. Sie fühlte sich im Winter verlassen und wünschte sich, schlafen zu können, wie es Tiere und Pflanzen taten. Die Traulichkeit des gesicherten Wohnraums ängstigte sie, und oft, wenn sie des Abends von Onnes Haus heimkehrte und den rötlichen Lichtschein des Fensters durch den bläulichen Schnee schimmern sah, war ihr zumut, als müßte sie umkehren, um den Tieren der verlassenen Wildnis nah zu sein, und doch tat sie nichts zu deren Schutz oder Ernährung. Gerom wunderte sich zuweilen im stillen darüber, wenn er von seiner harten Holzarbeit im Winterwald ein erfrorenes oder hungerndes Tier mitbrachte und Anje sah es nicht an.

Aber mit dem Föhn erwachte Anjes Blut in einem seligen Fieber, die Stimme des Wassers gewann Gewalt über sie, und sie lauschte ruhlos auf den Wind. Mit den ersten Weidenkätzchen war sie von Geroms Hof verschwunden, oft fand er im Wald sein Kind wie ein fremdes Wesen. Sie weckt die Blumen, dachte er, weckt die Vögel.

»Was tust du, Anje?«, fragte er sie einmal, als er sie im Weidengebüsch am Moorrand traf.

»Was ich tue?«, fragte sie langsam, hob ihre strahlenden Augen zu den seinen empor und sah ihn an. Ihr Gesicht war ernst, und sie lächelte kaum, aber es war Gerom ums Herz, als ergriffe sie mit ihren beiden Armen den großen Frühling und schüttete ihn über sein Haupt.

Rasch schritt er hinweg, und sein Fuß stampfte schwer im feuchten Grund. Er riß ein paar blühende Weidenzweige ab und nahm sie mit. Was frag ich auch – im Frühling, dachte er, von uneingestandener Beglückung bis auf den Grund seines Herzens bewegt.