Das Anjekind
Elftes Kapitel
Am Tage darauf ging Gerom morgens nach Gorching. Dieser schwere Weg, den er seit vielen Jahren nicht mehr gemacht hatte, war seine letzte Darbietung an Onne, er machte ihn ihr zulieb, und deshalb brachte er es über sich. Aber je weiter er in der leblosen Morgensonne dahinschritt, die rötlich und ohne Glanz im Himmelsdunst hing, um so mehr erkannte er, daß Onne ihr letzter Weg leichter gewesen sein mochte, als ihm der seine war.
Das kahle Land beängstigte sein Gemüt, es gab ihn preis, er vermißte das Dach der Bäume über seinem Haupt, das er eine vergessene Zahl von Jahren als Schutz über sich gewußt hatte, und die Windstimmen der Büsche und Pflanzen. Mit derben Schritten ging er, wie zu einem Angriff gerüstet, dahin, den Ansiedlungen der Menschen entgegen. Seine Lippen verzog ein höhnisches Lächeln, und sein versunkener Blick war scheu und zornig. Er schritt immer hart an den Straßenbirken dahin und berührte die eine oder andere mit seiner Hand, als ob er sie befragte. Einmal fand er Onnes Wagenspuren im feuchten Erdreich am Grabenhang und lächelte spärlich. Es begegnete ihm niemand, bis er vor seinem Hof anlangte. Für einen Augenblick erschien ihm sein Leben, von jenem Tag an, an welchem er Angelika vor seinem Hause angetroffen hatte, bis zu dieser Stunde, wie ein eilender Traum, so flüchtig dahingegangen, daß nur weniges sich dem Gedächtnis eingeprägt hatte, aber alsdann begannen die Dinge, die er erblickte, zu ihm zu reden.
Die graue Mauer war hier und da ausgebessert worden, und es war eine Scheune hinzugekommen, auch sie war weiß getüncht, wie die übrigen Wirtschaftsgebäude, und mit Stroh gedeckt. Das Wohnhaus erschien ihm kleiner, als er es in der Erinnerung bewahrt hatte, die Akazien der Einfahrt, die Treppe und die bewachsene Hauswand nötigten ihm ein fragendes Lächeln ab, sie erschienen ihm sinnlos geziert, aufgeputzt für vergängliche Menschlein. Nur die schwarzen Tannen aus dem Garten, die gealterten Wahrzeichen der Ansiedlung, sahen ihn ehrfurchtgebietend an, und in der Spitze der Pappel bewegten sich die Blätter, in ihnen erhob sich der Morgenwind vor Tagesgraun.
Gerom sah das Fenster an, aus dem sich einst Angelika gebeugt hatte, um ihn zu begrüßen, wenn er von den Feldern heimkehrte. Auf dem Gesimse standen Blumentöpfe mit leuchtenden Blüten, und die Vorhänge hinter ihnen zeigten einen knappen, lächerlichen Schwung. Ein junger Bauer in wohlbestelltem Gewand trat nach einer Weile aus einem der Wirtschaftsgebäude, er pfiff und sah zum Dach hinauf. Als er den merkwürdig gekleideten Fremden am Tor der Einfahrt erblickte, musterte er ihn erstaunt und schien zu schwanken, ob er ihn nach seinem Begehr fragen sollte, aber er schritt weiter, deutlich erfreut über die Beachtung, die seine Habe bei anderen fand. Als er um die Hausecke verschwunden war, ließ ein Schwarm weißer Tauben sich auf dem Rasenrund der Einfahrt nieder.
Im Weiterschreiten wurde Gerom weicher ums Herz, denn es gesellte sich seinen Empfindungen die Erhobenheit hinzu, die Menschen bewegt, die sich auf der Reise befinden. Angelika begleitete ihn. Ich wünsche, daß Gott dich möchte in Frieden halten nach der Unruhe deines Lebens, dachte er. Die weiten Felder wechselten, zumeist waren sie schon gemäht, nur die Wiesen erschienen noch lebensvoll in ihrem satten Grün. Es begann sich mehr und mehr zu trüben, bis ein milder Regen niederging. Das Erdland, das den letzten Sommer, seine Erinnerungen und seine Toten trug, rauschte geheimnisvoll unter den Berührungen der Wolken. Gerom betrachtete den genäßten Staub der Straße, und der Gedanke überwältigte ihn, daß Angelikas Füße diesen Weg einst betreten hatten. Einmal war sie ihn gegangen, um in sein Leben zu finden, ein anderes Mal, um großen Schmerz hineinzutragen.
Als Gerom die breite gepflasterte Straße mitten durch Gorching ging, zur Rechten und Linken die Häuser und vor sich den spitzen Turm der Kirche, wußte er unter den Menschen plötzlich wieder, daß er ein Mörder war. Er schritt düster dahin bis zum Pfarrhof und begrüßte niemanden, seine Fäuste zitterten unter seinem Zorn und er machte ungelenke Schritte, aber da erschien ihm, wie vor seinen Augen, der Frühlingswald am Gurdelbach, und die Weiden blühten. Mitten darin stand sein Kind und bog die Zweige zur Seite, um in sein Gesicht sehn zu können. Er fühlte ihr Lächeln wie wärmendes Licht nahen, und ein inniger Glaube verwandelte sein Herz bis zur Glückseligkeit, er erhob sein Haupt und seine Augen befreiten Sinns, und aller Groll wich von ihm.
Onne wurde nun in die Erde des Gorchinger Friedhofs gebettet. Ein Kreuz auf ihrem Grabhügel, dessen Balken in der Mitte durch ein hölzernes Kreisrund verbunden waren, trug nach Geroms Willen die Worte eines Liedes, das er aus seiner Jugend in der Erinnerung hatte:
Von dem Baum, der sich entlaubt,
tropft ein Blatt auch auf dein Haupt.
Laß die Hand und halte still,
laß es liegen, wie es will.
Gerom und sein Kind waren nicht zur Bestattung nach Gorching gekommen. Das Wunderspiel von Furcht und Hoffnung verwob die Ausgeschiedenen aufs neue in seine Dämmerwelt. Es erschien den meisten der Anwesenden, als könnte diese Bestattung nicht verlaufen wie jede andere; mit der alten Frau wurde ihnen viel mehr zu Grabe getragen als die irdischen Überreste einer Verschiedenen, diese späte Tat des Todes verwirrte ihre Gemüter, als sei ein Teil des Waldes dahingesunken, oder eine Kluft in ihre Weltbetrachtung gerissen worden. Als nach einer Weile Fridlin erschien und in den Gruppen umhersuchte, als handelte es sich nicht um ein feierliches Begebnis, sondern um ein ratloses Verhandeln über ein verlorenes Gut, war der Rest der unsicheren Andacht zerstört.
Das ausgezehrte Gesicht Fridlins war von Schmerzen entstellt, er warf sich endlich nieder und rief Onne am offenen Grab mit verwirrten Worten an.
»Wie hast du es gemeint,« rief er unter Schluchzen, »was hast du im Wald von Anje gehört?«
Er sprach noch mancherlei Dinge, die trotz ihrer Unverständlichkeit einschüchternd wirkten, weil man sie mit seinem Leidenseindruck in Zusammenhang brachte, und weil sie durch seine Verzweiflung einen schaurigen Sinn bekamen, den keine Klarheit ihnen hätte verleihen können. Niemand begriff, daß der junge Mann sich in Hoffnungslosigkeit und Herzensangst in ihre Mitte gedrängt hatte, weil er unbewußt Hilfe von den Menschen erhoffte. Vielleicht mochte hierin der Grund zu finden sein, daß er sich plötzlich in maßlosem Zorn gegen die Nächststehenden wandte und in Schmähungen ausbrach. Als man ihn ergriff und fortführte, wurde er still und ließ mit sich geschehn, was man wollte. –
Als Gerom am Abend zur Ruhe gehn wollte, trat Anje vor ihn hin und fragte ihn schüchtern:
»Gehst du heute nacht in den Wald?«
Gerom sah erstaunt auf und bejahte ihre Frage zögernd.
»Warum willst du es wissen?« antwortete er ihr.
Anje strich sich ihr Haar gelassen über die Schulter, vom Herd her fiel ein milder Feuerschein über ihre Gestalt, ihr ruhiges Gesicht glühte im dämmrigen Rot. Geroms Stirn verfinsterte sich, er stand schwer und alt im Schatten an der Tür, und sein grauer, verwilderter Bart bedeckte seine Brust bis zur Hälfte. Er forschte in diesen Zügen, deren reines Licht von so großer Unschuld erstrahlte, daß ihn eine glückhafte Schwäche befiel, die das Herz eigensinnig zu unerreichbaren Gütern überredete. Er fühlte sich schuldig, weil er ihr kein Trostwort gesagt hatte wegen Onnes Tod, aber er brachte dererlei nicht über sich; war es nicht Tröstung genug, daß sie beide den gleichen Schmerz ertragen mußten? Aber vielleicht verlangte es sie nach einem Beweis seiner Teilnahme.
Deshalb sagte er nun:
»Onne ist gestorben …«, er stockte und fuhr fort: »so sollte es geschehn.«
Anje sah auf.
»Fürchte dich im Wald,« sagte sie, ohne auf seine Worte einzugehn, »ich habe Angst, weil niemand gegen den Tod einen Schutz hat.«
Überrascht tat Gerom einen Schritt auf sie zu, dann besann er sich und sagte ruhig:
»Anje, der Tod ist eine Pflicht des Menschen, wer ihn fürchtet, versteht das Leben nicht.«
»In das Leben kommt die Angst«, sagte Anje und legte die Hände unter ihrem Gesicht zusammen, wobei sie die Arme an die Brust drückte, und mit zitternder Stimme fügte sie in ihrer kindlichen Weisheit hinzu: »Du bist der Vater, was soll ich ohne dich tun? Ich kann auch die Pflicht ohne dich nicht tun.«
Gerom wandte sich ab und stieß mit dem Fuß an die Holzscheite am Herd, um sie zusammenzuschichten. Es verlangte ihn inbrünstig danach, Anje einen Beweis seiner Liebe zu geben, aber schon sein Wunsch beschämte ihn. Am späten Abend, als die Nacht herabsank, dachte er an ihre Worte und den einfachen Sinn. Es kam ihm darüber zum Bewußtsein, daß Anje auf diese Art noch niemals zu ihm gesprochen hatte, und darüber erkannte er, wie reich Onne gewesen war. Wie oft mochte ihr sein Kind vieles dargebracht haben, was das Herz bewegte. Nun kam Anje zu ihm, weil die alte Frau gestorben war. Außer den Darbietungen der Seele gab es für ihn keine Gaben, deren Wert er achtete, und er segnete die Tote. Im farbigen Licht des Herbstwalds sah er wieder Anje und Onne vor der Holzwand ihrer Hütte stehn, nachdem er Ausbesserungen daran vorgenommen hatte, auch erschienen sie ihm beim Beerensuchen unter den Tannen, Onnes rotes Kopftuch leuchtete neben dem hellen Haar des Kindes, beide schritten gebückt durch das braune und grünliche Dämmerlicht der großen Bäume.
Seine Gedanken raubten ihm den Schlaf. Über dem einsamen Haus und seinen Menschen herrschte die traurige Ratlosigkeit in allen Räumen, die der Tod nach seinen unbeschreiblichen Besuchen zurückläßt. So erhob sich Gerom unruhig in der Nacht und erstieg die Treppe zu Anjes Schlafkammer. Auf halbem Wege glaubte er Schritte zu hören, die zu verstummen schienen, sobald die seinen erklangen. Es war ganz dunkel im Haus, nur durch das kleine bläuliche Rechteck eines Fensters sah er zwei Sterne, einen größeren, der lebhaft flimmerte, und einen kleinen neben ihm, der friedsam glühte. Er begegnete Anje auf der Treppe.
»Ich kann nicht einschlafen«, sagte sie.
»Wohin willst du denn gehn?«, fragte Gerom befangen, denn es beschämte ihn, daß er seinem Wunsch nachgegeben hatte, in das schlafende Gesicht seines Kindes schaun zu wollen, aber es hatte ihn übermächtig gepackt, als wälzte sich die Last seiner langen Einsamkeit zur Stunde wie in Bergen auf seine Brust. Er hatte an Anjes Angesicht gedacht, an die warme Stille ihrer Schläfen, an die gesenkten Augenlider, die am hellsten waren, und an das unschuldige Glück ihres schlafenden Mundes. Heiß und bitter ward er sich bewußt: Ich hab sonst nichts.
Nun hörte er aus der Dunkelheit über sich die Stimme antworten:
»Ich wollte zu dir.«
Da schritt er hinauf und umarmte Anje. Sie legte ihre Arme um seinen Hals und hängte sich daran. Keiner von ihnen sprach im dunklen Haus. Dann nahm Gerom ihre Hände:
»Du sollst des Todes wegen nicht traurig sein«, sagte er mit bebender Stimme.
Er fühlte, wie Anje eifrig den Kopf schüttelte, und er empfand ihr Lächeln, obgleich er es nicht sah, aber er war dieses Lächelns so gewiß, daß er später in seiner Erinnerung den Eindruck hatte, als sei es in diesen Augenblicken hell gewesen. –
So war nun Onne im Tode gelungen, was sie in ihrem Leben nicht zuwege gebracht hatte. Vielleicht war auch Angelikas Wunsch durch Geroms Gang in ihr Bereich mächtig geworden, denn das Glühn der Liebeswünsche, die Tote mitnehmen, vereint sich im Unvergänglichen zu Licht, das wieder auf die Erde sinkt und niemals seinen Platz verfehlen wird.