Das Reich der Elben, Erster Band der Elben-Trilogie

Alfred Bekker · Kapitel 4 von 6 · Teil 2/2

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Das Reich der Elben, Erster Band der Elben-Trilogie

Tag um Tag gingen die Arbeiten voran.…

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 2 Teile geteilt.

Eines Tages meldeten die auf ein paar felsigen Anhöhen postierten elbischen Späher das Nahen eines Schiffes aus Norden. Wenig später stand fest, dass es sich um die den ganzen Winter über vermisste »Jirantor« von Kapitän Ithrondyr handelte.

Als sie anlegte und der Kapitän und seine Mannschaft an Land gingen, wurden die Arbeiten an den Mauern Elbenhavens unterbrochen. Es bildete sich eine große Versammlung am Strand, um die Rückkehrer zu begrüßen, und auch König Keandir ließ es sich nicht nehmen, Kapitän Ithrondyr persönlich willkommen zu heißen.

»Wir folgten der Küste erst in Richtung Norden, und dann, nachdem wir die Meerenge zwischen der Insel des Augenlosen Sehers und dem Kontinent passiert hatten, ging es in nordwestliche Richtung weiter«, berichtete Kapitän Ithrondyr.

»Wir folgten einer Küste, die von mehreren tiefen Fjorden unterbrochen wurde. Das Land war gut, fruchtbar und unbewohnt – überall, wo wir es betraten, schien es nur darauf zu warten, dass sich Elben dort ansiedeln.«

»So steht der Gründung von Kolonien auch dort anscheinend nichts im Weg«, stellte Keandir zufrieden fest.

Ithrondyr nickte. »Ja, wenn wir einmal etwas zahlreicher geworden sind.« Das Geschrei eines Säuglings vermischte sich in diesem Moment mit dem Meeresrauschen, und Ithrondyr musste schmunzeln. »Wie ich höre, ist das nur noch eine Frage der Zeit.«

»Ganz gewiss«, bestätigte Keandir und musste lächeln. Dann kam er zurück zum Thema. »Wie ging Eure Reise weiter?

Warum seid Ihr erst jetzt zurückgekehrt?«

»Wie gesagt, wir erforschten diese Küste, deren Gewässer voller Fischschwärme waren, und nannten sie Nord-Elbiana.

Die Tage wurden zwar kühler und kürzer, aber es erschien uns nicht unmöglich, entlang dieser Küstenlinie auch bei widrigerer Witterung zurückzusegeln, sodass wir uns weiter und weiter vorwagten. Schließlich erreichten wir ein schroffes Bergland.«

»Es könnte sich um die Küste von Nordbergen gehandelt haben«, glaubte Keandir, »jenes Land, dass Kapitän Isidorn über den Oberlauf des Nur von Süden her erreichte.«

»Das ist nicht ausgeschlossen«, sagte Ithrondyr. »Ich nehme an, dass ich mit Isidorn meine Erlebnisse austauschen werde und wir danach Klarheit haben. Aber jenseits dieses Berglandes trafen wir auf eine weiße Küste. Ein Land, das vollkommen von Eis bedeckt ist und in dem es Bewohner gibt, die selbst aus Eis zu bestehen scheinen. Magische Geschöpfe, aus der Kälte geboren und ohne Gesicht – keine Augen, keine Nase, keine Ohren, keinen Mund haben diese Kreaturen, sondern nur unförmige, klumpige Schädel, die auf ihren breiten Schultern ruhen. Offenbar brauchen sie nicht zu atmen, nicht zu sehen und nicht zu hören. Sie verhielten sich uns gegenüber mit einer Mischung aus Feindseligkeit und Scheu.

Wir segelten ihre eisige Küste entlang, bis die Taue gefroren und zerbrachen wie morsches Geäst. Aus der Ferne sahen wir eine Kristallfestung aus purem Eis. Die Magie war an jenem Ort so stark präsent, dass es manchen derjenigen unter uns, die in dieser Hinsicht über besonders empfindliche Sinne verfügen, regelrechte Schmerzen bereitete.«

Keandir runzelte die Stirn. »Was sind das für Wesen, die das Eisland beherrschen? Stellen sie eine zukünftige Gefahr für uns dar?«, fragte er besorgt.

Ithrondyr schüttelte entschieden den Kopf. »Nein. Mit den Eisleuten Kontakt aufzunehmen, erwies sich zwar als unmöglich, aber unseren Beobachtungen nach benötigen sie die Kälte ihrer Heimat, um existieren zu können. Niemals sahen wir auch nur ein einziges Feuer, an dem sie sich wärmten – denn sie verabscheuen die Wärme; sie ist vielleicht sogar tödlich für sie. Es ist also nicht zu erwarten, dass sie das Eisland jemals verlassen.«

»Das beruhigt mich«, gestand Keandir. »Aber berichtet weiter!«

»Wir gerieten auf dem Rückweg in einen Sturm, der so heftig war, dass der Mast brach und wir alle möglichen Schäden an der ›Jirantor‹ zu beklagen hatten. Mehrere Elben gingen über Bord, und wir haben nie wieder etwas von ihnen gehört. So ließen wir uns von einer nördlichen Strömung in eine Bucht südöstlich des Eislands treiben und gingen an Land. Dort gab es zumindest Holz, mit dem wir die ›Jirantor‹ reparieren konnten. Aber als wir sie wieder flott hatten, war der Winter mit einer derartigen Macht über das Eisland und die angrenzenden Gebiete eingebrochen, dass wir gezwungen waren, dort zu überwintern. Der Meereszugang der Bucht fror zu, und so hatten wir keine Möglichkeit zurückzusegeln.«

»Umso mehr freut es uns, dass Euch nun die Rückkehr geglückt ist, tapferer Ithrondyr«, sagte König Keandir, und man hörte seiner Stimme an, wie ehrlich und aufrichtig er dies meinte.

»Die Winter dort oben im Nordosten sind gewiss länger und sehr viel härter als an dieser vergleichsweise lieblichen Küste«, erklärte der Kapitän. »Es scheint, als hättet Ihr wahrhaftig den richtigen Ort für Eure Hauptstadt gewählt, mein König.«

Natürlich war besonders Branagorn der Suchende erpicht darauf, mehr von Kapitän Ithrondyr hinsichtlich seiner Erlebnisse entlang der Nordostroute zu erfahren. Er selbst bereitete bereits eine Expedition in das von Kapitän Isidorn entdeckte Waldreich vor, in der Hoffnung, dass man aus einem Extrakt jener Blumen, die man die »Sinnlosen« nannte, ein Mittel gegen den Lebensüberdruss würde herstellen können.

Insbesondere interessierte sich Branagorn für Ithrondyrs Erlebnisse im Eisland und die Magie, die dessen Bewohnern offenbar eigen war.

»Wir hatten keinen Magier oder Schamanen an Bord, der etwas Genaueres darüber hätte sagen können«, gestand Ithrondyr bedauernd ein. »Und der einzige Heiler, der an unserer Seereise teilnahm, hat zwar sehr umfangreiche Aufzeichnungen angefertigt, aber sie gingen leider mit ihm selbst über Bord, als wir in den Sturm gerieten.«

»Das ist wirklich schade«, meinte Branagorn.

»Aber da Ihr ja ein Mittel gegen den Lebensüberdruss sucht, lasst mich Euch Folgendes sagen, werter Branagorn: Kein Volk scheint mir weniger fähig, ein derartiges Mittel zu erfinden oder eine Magie dagegen zu entwickeln, als diese Eiskreaturen. Sie sind weder einer Sprache mächtig, noch war es möglich, auf geistiger Ebene Kontakt mit ihnen aufzunehmen. Und davon abgesehen, waren ihre Leiber so kalt wie der Tod selbst. Es würde mich wundern, wenn diese Geschöpfe überhaupt verstünden, was es mit dem Lebensüberdruss auf sich hat, denn in ihnen ist kein Leben, wie wir es verstehen, sodass sie bestimmt weder Melancholie noch Schwermut und erst recht nicht die Krankheit des Lebensüberdrusses kennen. Ja, diese Kreaturen erscheinen irgendwie tot, obwohl sie doch lebendig sind. Wer weiß, vielleicht sind sie für ein anderes Volk das, was für uns die verblassenden Schatten aus Maldrana sind…«

König Keandir erlaubte Branagorn dem Suchenden etwa einen Monat später, mit zwei Schiffen gen Süden zu segeln. Zuvor musste die »Jirantor« einer gründlichen Überholung unterzogen werden, und auch die »Morantor« von Kapitän Isidorn hatte während des Winters erheblich gelitten.

Beide Schiffe würden gemeinsam die Küsten von Mittel- und Nieder-Elbiana bis zur Mündung des Nur entlangfahren.

Während die »Morantor« von dort aus mit Branagorn an Bord noch einmal stromaufwärts fahren sollte, lautete der neue Auftrag für Kapitän Ithrondyr, weiter entlang der Küsten von Nuranien und Elbara in Richtung Süden vorzudringen.

Außer Branagorn wollten auch Lirandil der Fährtensucher, die Heilerin Nathranwen und Thamandor der Waffenmeister an der Expedition ins Waldreich teilnehmen. Aus einem Extrakt der Sinnlosen und ähnlicher Gewächse, so vermutete und hoffte Thamandor, ließen sich noch weitaus wirksamere Waffengifte herstellen, als er sie bereits bei den Bolzen seiner Einhandarmbrüste einzusetzen pflegte. »Wir wissen schließlich nicht, welchen Gefahren wir uns dereinst stellen müssen«, rechtfertigte er seine Teilnahme an der Fahrt gegenüber König Keandir. »Die Erzählung von Kapitän Ithrondyr könnte ein Hinweis darauf sein, dass es im zwischenländischen Kontinent unbekannte Wesen gibt, die uns durchaus nicht alle wohlgesonnen sein müssen.«

»Ja, da mögt Ihr recht haben«, gestand Keandir ein. »Und diese Eiswesen könnten vielleicht noch die Herrschaft Xarors erlebt haben oder etwas über seinen Verbleib wissen.«

Keandir hoffte natürlich, dass der Bruder des Augenlosen Sehers nicht mehr existierte und die Zeit selbst ihn vergessen hatte. Aber er ahnte, dass dies ein frommer Wunsch war, der mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben musste. Der Augenlose hatte sich schließlich auch als äußert zäh erwiesen und hatte Äonen überlebt.

Die beiden Schiffe brachen auf, und als Keandir am Ufer stand und den Schiffen hinterherschaute, trat Ruwen neben ihn und lehnte sich an ihn. »Bedauerst du, hier gebunden zu sein und nicht mitsegeln zu können, um diese fernen Länder erforschen zu können?«, fragte sie.

Keandir lächelte mild. »Nicht im Geringsten«, erklärte er.

»Erstens weiß ich, wie sehr ich hier gebraucht werde, und zweitens wird die Zeit von allein kommen, da ich gezwungen sein werde, wieder zu reisen. Doch im Moment genieße ich es, Elbenhaven wachsen zu sehen.«

»Elbenhaven ist nicht das Einzige, das wächst«, sagte Ruwen.

»Ich weiß. Unsere Söhne werden die Ersten von vielen Elbiana-Geborenen sein, und sie werden schnell erwachsen, Ruwen. Und das ist auch absolut notwendig.«

»Noch sind sie klein und hilflos.«

»Keine zwanzig Winter wird es dauern, bis sie Krieger sind.«

»So schnell?«

»Nathranwen sagte es. Dieses Land scheint das Wachstum von Elbenkindern erheblich zu beschleunigen.«

Ruwen seufzte. »Andern können wir daran ohnehin nichts«, sagte sie. »Elbenkinder bestimmen selbst, wie schnell sie erwachsen werden. In den Schriften der Alten Heiler aber wird berichtet, dass es angeblich in Athranor – in der Alten Zeit und an einem abgelegenen Ort – eine Kolonie von ewigen Elbenkindern gegeben hat, die sich weigerten, erwachsen zu werden.«

»Was wurde aus ihnen?«, frage Keandir, der von dieser Kolonie der Kinder nie etwas gehört hatte.

»Das ist nicht bekannt. Eines Tages waren alle Elbenkinder spurlos verschwunden. Vielleicht fanden sie einen Weg, ohne den Umweg über eine mühsame Reifung auf direktem Weg in das Reich der Jenseitigen Verklärung einzugehen.«

Eine kurze Weile lang schwiegen beide, dann ergriff der Elbenkönig wieder das Wort. »Eine neue Zeit schneller Veränderungen hat begonnen«, sagte Keandir. »Und unsere Söhne scheinen mir ein Sinnbild dafür zu sein.«

»Und das ängstigt mich, Kean«, sagte seine Gemahlin. »Dich etwa nicht?«

»Doch, das tut es manchmal schon«, gestand er ein. »Aber ich darf es nicht zeigen, denn meine Bedenken würden bei meinen Untertanen Angst und tiefe Besorgnis hervorrufen.«

Sie lächelte verhalten. »Und Ihr möchtet, dass ich dieselbe aufrechte Haltung an den Tag lege, mein König«, sagte sie und sprach ihn wieder in der Höflichkeitsform an. »Wollt Ihr mir das damit sagen? Ihr braucht nicht zu antworten, mein König, ich weiß, dass es so ist. Aber es ist schwerer, als ich geglaubt habe.«

Arm in Arm sahen sie den Schiffen nach, bis sie am Horizont in der glitzernden Sonne verschwanden.

Branagorn stand am Heck der »Morantor« und blickte noch lange zurück in Richtung Elbenhaven. Seine geliebte Cherenwen hatte seit Wochen ihr Zelt nicht verlassen und kein Wort gesprochen. Sie aß schon seit der Wintersonnenwende nichts mehr, und ihre Körpertemperatur war so tief gesunken, dass Branagorn manchmal den Eindruck hatte, eine Tote zu berühren, wenn er ihre Hand hielt. In den letzten Wochen war er sich nicht einmal sicher gewesen, ob sie seine Anwesenheit überhaupt noch bemerkte. Von der Stimmungsaufhellung durch das heraufziehende Frühjahr, von der die meisten anderen erkrankten Elben sichtlich profitierten, konnte bei Cherenwen nicht die Rede sein.

Die Heiler hatten alle nur erdenklichen Arzneien, über die die elbische Heilkunst derzeit verfügte, ausprobiert. Aber in ihrem Fall schien nichts davon anzuschlagen. Branagorn ahnte, dass er nicht mehr viel Zeit hatte, um seiner Geliebten noch helfen zu können.

Waffenmeister Thamandor trat neben den jungen Elbenkrieger. »Richtet Euren Blick nach vorn, werter Branagorn. Ich bin überzeugt davon, dass die Sinnlose für Eure geliebte Cherenwen die Rettung bringen wird.«

»Das hoffe ich«, murmelte Branagorn.

Lirandil der Fährtensucher und Nathranwen die Heilerin standen am Bug der »Morantor« und blickten nach vorn.

Lirandil würde dafür sorgen, dass sich die Elben in dem geheimnisvollen Waldreich besser würden orientieren können, während es Nathranwens Aufgabe war, die Kolonie der Sinnlosen mit einem Zauber davon abzuhalten, die Elben anzugreifen.

»Ich hatte nicht gedacht, so bald wieder auf den Planken eines nach Seetang riechenden Schiffes zu stehen«, gestand die Heilerin.

»Um ehrlich zu sein, auch ich bin nicht gerade glücklich darüber, hatte ich doch gehofft, für das nächste Jahrtausend kein Schiff mehr betreten zu müssen«, gestand Lirandil. »Aber wie wir alle stehe ich im Dienst des Königs…«

»… und des neuen Elbenreichs.«

»So ist es.«

Die Schiffe passierten die sturmumtoste Meerenge zwischen den Inseln von West-Elbiana und dem zwischenländischen Kontinent. Die Reise entlang der Küste bis zur Nur-Mündung ging ohne Probleme vonstatten. Der Wind stand günstig und wehte mit einer Gleichmäßigkeit, dass man meinen konnte, es hätte jemand die Elementargeister zur Unterstützung beschworen, wie es der Legende nach in der alten Zeit Athranors üblich gewesen war.

An der Mündung des Nur trennten sich die Wege beider Schiffe, so wie es geplant war. Während die »Jirantor« unter Kapitän Ithrondyr weiter die nuranische Küste entlangsegelte, fuhr die »Morantor« den Nur flussaufwärts. In dieser Jahreszeit, im Frühjahr, führte der Fluss Hochwasser. Die Schmelzwässer aus Nordbergen speisten ihn und ließen ihn zu einer Breite anschwellen, die noch gewaltiger war, als Kapitän Isidorn und seine Mannschaft es auf ihrer letzten Fahrt auf dem großen Strom erlebt hatten. An vielen Stellen ähnelte der Fluss in seiner Breite einem sehr lang gezogenen See. Zudem war die Fließgeschwindigkeit sehr langsam. Der Wind kam günstig aus Nordwest, und so konnte über lange Zeitspannen mit Seitenwind gesegelt werden.

Branagorn wurde ungeduldig; trotz der günstigen Reisebedingungen, schien ihm die »Morantor« einfach nicht schnell genug nach Norden voranzukommen, wo am Ostufer des großen Nur die üppige Vegetation des geheimnisvollen Waldreichs begann.

»Versprecht Euch nicht zu viel«, warnte Kapitän Isidorn.

»Wir haben keine sehr ausgedehnten Vorstöße in das Gebiet unternommen.«

»Es reicht mir, wenn Ihr die Blumenkolonie der Sinnlosen wiederfindet, Isidorn«, sagte Branagorn.

»Genau diese Kolonie wiederzufinden wird unmöglich sein«, erklärte Isidorn. »Der Wald ist zu dicht und unwegsam, werter Branagorn. Aber sehr wahrscheinlich gibt es mehrere Kolonien dieser Pflanze.«

»Wir werden sehen«, sagte Branagorn. »Lirandil ist bei uns, und es gibt, soweit man sich erzählt, keinen Ort, den er nicht zu finden vermag.«

Nach einer Fahrt von gut einer Woche erreichte die

»Morantor« schließlich jenes Gebiet, wo am Ostufer das Waldreich begann. Die Stelle, an der das Schiff beim letzen Mal geankert hatte, konnte natürlich nur ungefähr wiedergefunden werden, zumal sich der Fluss durch das Hochwasser stark verändert hatte. Die Uferbereiche des Urwaldes standen nun teilweise unter Wasser und ähnelten Mangrovenwäldern. Ein fauliger, modriger Geruch stieg aus dem dunklen Wasser, das zwischen den knorrigen Bäumen in zahllosen Ausbuchtungen und lagunenartigen Becken stand, die dem Fluss als Überlaufreservoire im Frühjahr dienten.

Kapitän Isidorn hielt die »Morantor« fern von diesem Geäst, das wie erstarrtes schlangenartiges Getier wirkte.

Eine Gruppe von zwanzig Elbenkriegern drang in zwei Barkassen in die überschwemmten Ufergebiete vor, wo sie schließlich eine geeignete Stelle zum Anlegen fanden. Sie zogen die Boote an Land und brachen auf. Branagorn führte den Trupp an. An seiner Seite befanden sich neben Thamandor dem Waffenmeister auch Lirandil und Nathranwen. Die Heilerin hatte für diese Expedition die eng anliegenden Hosen und das Lederwams eines Kriegers angelegt, denn mit den fließenden Gewändern, die die grazile Elbin sonst zu tragen pflegte, hätte sie sich in den dornenreichen Sträuchern und dem dichten Unterholz verfangen.

Kapitän Isidorn nahm ebenfalls an dem Marsch durch den Dschungel teil, auch wenn ihm als Seemann der Urwald nicht geheuer war. Von allen Seiten drangen die Laute von Tieren auf sie ein, die sich aber nur ganz, ganz selten blicken ließen.

Isidorn und Lirandil gingen voran.

»Ihr müsst schon Nachsicht mit mir haben, werter Lirandil«, sagte der Kapitän. »Wärt Ihr bei unserer ersten Fahrt den Nur aufwärts dabei gewesen, wäre es für Euch sicherlich kein Problem, uns ohne Umweg ans Ziel zu führen. Aber für mich sieht der Wald überall gleich aus. Die Kunst des Fährtenlesens werde ich wohl nicht mehr erlernen, werter Lirandil.«

Der Fährtensucher lachte. »Sagt jetzt nicht, dass Ihr als Seegeborener dazu zu alt seid, werter Kapitän Isidorn!«

»Das Alter eines Elben ist eine höchst individuelle Angelegenheit, wie Ihr wisst, werter Lirandil.«

Der uralte Fährtensucher, der die Wälder von Athranor wie seinen Jagdbeutel gekannt hatte, nickte. »Das mag sein, werter Kapitän. Ich jedoch könnte mir durchaus vorstellen, eines Tages noch das Handwerk eines Kapitäns zu erlernen, wenn es das Schicksal von mir verlangen sollte.«

Isidorn wusste zunächst nicht, ob er von Lirandils Worten beeindruckt sein oder sich beleidigt fühlen sollte. Er entschied sich schließlich für Ersteres, denn sicherlich hatte der Fährtensucher nicht vorgehabt, ihn zu kränken.

Lirandil hatte einst in Athranor eine der letzten Kolonien der Sinnlosen gefunden. Plötzlich glaubte er Anzeichen dafür zu erkennen, dass diese Blume ganz in der Nähe war. Er zog seine Schlüsse aus winzigen Veränderungen im Verhalten der Fauna und schien auch etwas zu wittern. Er sog die Luft tief ein –

eine Luft, die so schwer und von Duftstoffen gesättigt war, dass ein anderer Elb kaum eine einzige Nuance darin herausgerochen hätte.

»Ja, sie sind in der Nähe«, murmelte er. Er lauschte und beobachtete die Wald-Ouroungour, die sich von Baum zu Baum schwangen oder sich in riskanten Segelflugmanövern zu Boden gleiten ließen. Geradezu halsbrecherisch wirkten viele ihrer Bewegungen, die eine Mischung aus Fliegen und Springen darstellten.

Schließlich – und viel schneller, als Isidorn erwartet hatte –

fand der Trupp eine Kolonie der Sinnlosen. Natürlich war es nicht dieselbe Kolonie, auf die Isidorn bei seiner ersten Expedition gestoßen war. Zudem war dieses Blumenfeld mitten im Wald ungleich größer.

»Das ist sie also – jene Pflanze, die vielleicht die Rettung für die Lebensüberdrüssigen bedeuten könnte!«, stieß Branagorn bewegt hervor, als er die blau leuchtenden Blüten im Halbdunkel des Waldes sah. Die Wald-Ouroungour, die den Trupp bisher in sicherem Abstand begleitet hatten, waren auf einmal verschwunden – und dafür hatten sie zweifellos gute Gründe.

Isidorn hatte Branagorn während des Weges in allen Einzelheiten geschildert, was mit dem rattenartigen Tier geschehen war, das in die Kolonie geraten war.

»Keinen Schritt weiter!«, sagte Nathranwen. »Was jetzt zu tun ist, gehört zur Kunst einer Heilerin. Zumindest war das in der Alten Zeit von Athranor so, und ich hoffe, dass ich die überlieferte Schrift, die ich gelesen habe, noch richtig im Kopf habe und interpretiere – denn sonst«, fügte sie leiser hinzu,

»wird dies mein Ende sein.« Sie wandte sich an Branagorn.

»Wenn es mir nicht gelingen sollte, die empfindliche Seele dieser Blumen zu besänftigen, wird auch keiner von euch es schaffen, werter Branagorn. Ich beschwöre Euch, es in diesem Fall nicht selbst zu versuchen. Versprecht Ihr mir das?«

»Ich bin voller Hoffnung, geschätzte Nathranwen«, erwiderte Branagorn und wich damit der Frage aus. »Und ich habe volles Vertrauen in Eure Fähigkeiten.«

»Euer Versprechen wäre mir lieber – der Gedanke, dass Ihr Euch sinnlos ins Unglück stürzen könntet, belastet mich.«

»Das werde ich nicht«, versprach Branagorn.

»So weicht zurück. Und folgt mir nicht – gleichgültig, was geschieht!«

Dann trat Nathranwen vor, hob die Hände und stimmte einen Singsang an, der aus einer Folge scheinbar sinnloser Silben bestand. Vielleicht hatten diese Silben in einem Dialekt der alten Zeit von Athranor einmal eine Bedeutung gehabt, vielleicht stammten sie auch aus einer noch älteren Sprache der athranorischen Vorzeit, möglicherweise sogar aus jener mythischen Epoche des Anfangs, als der Legende nach jedes Wort magische Bedeutung gehabt hatte; der Überlieferung nach waren alle magischen Formeln Relikte dieser ersten Sprache.

Furchtlos trat Nathranwen durch die eng beieinanderstehenden Gruppen von leuchtenden Blumen. Wie blaue Lichter wirkten sie im Halbdunkel des Waldes. Sie drehten ihre Kelche in Richtung der Heilerin. Hier und da war ein Laut zu hören, der einer Mischung aus Seufzen und Stöhnen glich.

Nathranwens Singsang wurde höher und emphatischer. Dann sank der Tonfall plötzlich, und Nathranwen flüsterte nur noch; zischende Laute kamen zwischen ihren Lippen hervor, doch sie hielt einen pulsierenden Rhythmus bei, der an das Klopfen eines Herzens erinnerte. Allmählich richteten sich alle Blumenkelche in ihre Richtung.

Isidorn wandte den Blick zur Seite. Er wollte nicht miterleben, wie Nathranwen ein Opfer der säureartigen Dämpfe wurde, welche die Blütenkelche ausstoßen konnten.

Die Heilerin kniete nieder und knickte eine Blume nach der anderen ab. Jedes Mal war dabei ein steinerweichendes Stöhnen zu vernehmen, so als würde der jeweiligen Pflanze ein großer Schmerz zugefügt. Aber keine der Blumen wehrte sich gegen Nathranwen. Die magischen Formeln, die sie zischend wisperte, hielten die Pflanzen offenbar wirksam davon ab.

Nathranwen wandte das richtige Ritual an. Einen Blumenstängel nach dem anderen knickte sie ab, und schließlich hatte sie einen Strauß im Arm. Das Stöhnen und Wehklagen war inzwischen zu einem schaurigen Chor angeschwollen. Selbst viele der nicht betroffenen Blumen wanden sich, so als wollten sie sich vor einem Zugriff schützen oder sich einer unsichtbaren Hand entwinden.

Für Branagorn und die anderen Elben, die zusammen mit der Heilerin diesen seltsamen Ort betreten hatten, war diese Geräuschkulisse kaum erträglich. Unwillkürlich entstanden in ihrer Vorstellung Bilder, die wie Illustrationen zu den schaurigen Lauten waren. Bilder von erschlagenen Elbenkindern, gequälten Körpern und Marterungen der barbarischsten Art…

»Diese Pflanzen haben offenbar eine Seele«, stieß Branagorn gleichermaßen abgestoßen wie entsetzt hervor. Einige der Elben hielten sich die Ohren zu, in der Hoffnung, dem furchtbaren Einfluss dieser schrecklichen Klagelaute zu entgehen. Aber das war sinnlos. Es waren nicht die Ohren, mit denen sie das Jammern der Blumen vernahmen; es wurde direkt in den Geist eines jeden der anwesenden Elben übertragen.

»Nein, sie haben keine Seele«, erwiderte Lirandil mit fester Stimme. »Dies ist nichts weiter als ein raffinierter Schutzmechanismus, der sich über die Ewigkeiten entwickelt hat. Ihr dürft nicht zulassen, dass die Pflanzen euren Geist beeinflussen. Alles, was ihr zu sehen oder zu hören glaubt, kommt in Wahrheit aus der Tiefe eurer eigenen Seelen.«

Quälend lange Augenblicke waren die Elben der Flut aus grauenvollen, Mitleid erregenden Gedankenbildern ausgesetzt.

Dann erhob sich Nathranwen. Sie hatte entschieden, genug Blumen gesammelt zu haben. Vielleicht hatte sie auch einfach nicht länger die Kraft, sich der geistigen Angriffe dieser außergewöhnlichen Pflanzen zu erwehren. Ihr Gesicht wirkte eingefallen, und unter ihren Augen hatten sich dunkle Ringe gebildet, so als hätte sie nächtelang nicht geschlafen und ein Jahrzehnt schlimmster körperlicher und seelischer Strapazen hinter sich.

Branagorn erschrak über diese Wirkung der Blumen; Nathranwen schien einen Teil ihrer Lebenskraft verloren zu haben. Wer immer auch mit dem Gedanken spielte, sich der offenbar kaum vorstellbaren Kräfte zu bedienen, die in diesen Blüten lag, musste bereit sein, einen hohen Preis dafür zu bezahlen. Und Nathranwen hatte genau dies getan, ging es Branagorn durch den Kopf.

Sie kehrte zu den anderen zurück und murmelte dabei noch immer leise zischend die uralten Formeln, während der Chor der Blumenstimmen einen immer wütenderen Unterton annahm und schließlich den Klang eines Hornissenschwarms bekam. Dann hatte es die Heilerin endlich geschafft, die Blumenkolonie zu verlassen.

»Es war klug, nicht noch mehr Blumen zu sammeln«, erklärte Lirandil, nachdem Nathranwen mit ihrem wispernden Singsang aufhörte und schwer aufatmete.

Sie drehte sich um und schaute hin zu den Blumen, deren Kelche ihr nachzublicken schienen. »Schnell!«, rief sie. »So schnell wie möglich weg von hier! Einige Momente wirkt meine Magie noch, aber wer weiß, wie lange das sein wird!«

Die Elben setzten sich sofort in Bewegung, zumal Branagorn und Isidorn diesen Befehl der Heilerin nachdrücklich unterstützten. Sie entfernten sich von der Blumenkolonie, über der wenige Augenblicke später eine ätzende Wolke aus weißem Gas hing, ausgestoßen aus mehreren tausend blau leuchtenden Blütenkelchen. Wie gebannt blieb Branagorn stehen und sah, wie ein grauer Vogel, der wohl glaubte, die Blumenkolonie einfach überfliegen zu können, von dieser Wolke mitten im Flug erfasst wurde und im nächsten Moment bereits völlig zersetzt auf dem Boden aufschlug.

Nathranwen blickte auf die Blumen in ihrem Arm. »Das ist viel mehr, als ich je zu erhoffen wagte.«

In diesem Augenblick ließen Geräusche aus dem dichten Unterholz sie alle aufhorchen. Laute waren zu hören, welche die Athranor-Geborenen des Trupps an das Schnauben von Pferden erinnerte, und an das Stampfen von Hufen.

Thamandor griff nach seinen Einhandarmbrüsten, Lirandil nahm den Bogen von der Schulter und legte einen Pfeil auf die Sehne, während Branagorns Hand den Griff seines Schwertes umfasste. Von überall her schien der Hufschlag zu kommen.

»Das sind keine Pferde!«, flüsterte Lirandil. »Auch wenn sich der Hufschlag ähnlich anhören mag. Aber es gibt da ein paar feine Unterschiede.«

Da tauchten die Schatten von Kreaturen im Halbdunkel des Waldes auf, mindestens anderthalb Mannslängen hoch. Auf den ersten Blick wirkten sie wie die Schatten von Reitern, dann aber erkannten die Elben, dass die Oberkörper dieser

»Reiter« fest verwachsen waren mit ihren »Reittieren«; tatsächlich stellte beides nur eine Hälfte eines Zwitterwesens dar, dessen untere einem Pferd, die obere einem Elben glich.

»Zentauren!«, stieß Lirandil hervor.

7

ZENTAUREN UND TRORKS

Die Zentauren bedachten die Elben mit Blicken, in denen sich Neugier und Misstrauen die Waage hielten. Sie waren gut gerüstet, schützten den hoch aufragenden Torso mit einem Harnisch und trugen Helme mit bunten Federbüschen. In den Händen ihrer durchweg kräftigen Arme hielten sie Bögen und Pfeile oder Speere.

»Ich hätte nie gedacht, dass sie tatsächlich existieren!«, brachte Thamandor hervor. In den Legenden der Vorzeit war von Zentauren die Rede – aber der Überlieferung nach hatten sie Athranor bereits verlassen, lange bevor die Alte Zeit begann.

Plötzlich sirrten ein Dutzend Pfeile durch die Luft. Sie bohrten sich wenige Handbreit vor Branagorns und Lirandils Füßen in den Waldboden.

»Das war eine Warnung!«, erkannte Lirandil.

Branagorn zog sein Schwert und blickte sich um. Der Wald schien von diesen Kreaturen zu wimmeln. »Das sind Hunderte!«, glaubte er.

»Jedenfalls stehen wir einer beachtlichen Übermacht gegenüber«, stellte Kapitän Isidorn fest.

»Was bedeutet, dass wir es besser nicht auf einen Kampf ankommen lassen sollten, wenn er sich vermeiden lässt«, meinte Branagorn.

Thamandor hob seine Armbrüste leicht an. »Wenn wir alle mit solchen Waffen ausgerüstet wären, wäre auch so eine Übermacht kein Problem.«

Lirandil wandte sich an Branagorn. »Macht ihnen ein Zeichen unserer guten Absichten und des Friedens.«

Branagorn nickte. Er steckte sein Schwert zurück und trat vor. Er bewegte sich dabei sehr langsam und vorsichtig. Dann hob er beide Hände, sodass die leeren Handflächen den Zentauren zugewandt waren.

Einer der Zentauren kam ihm entgegen. Er trug als Einziger keinen Helm, wodurch man seine spitzen Ohren sah. Für manche Chronisten der Alten Zeit, die selbst keinem Zentauren mehr begegnet waren und diese Wesen nur aus Legenden und von Zeichnungen kannten, galten diese Ohren als Beweis, dass die Zentauren nur ein Produkt der Fantasie der Elben waren.

Schließlich wären die spitzen Ohren ein deutliches Anzeichen für eine Verwandtschaft beider Völker gewesen. Doch es war einfach nicht vorstellbar, dass es zwischen den Elben und diesen Wesen, deren Physis derart starke animalische Züge trug, irgendeine Verwandtschaft gab. Diese Wesen waren halbe Tiere, wenn auch vielleicht nur körperlich. Wie konnten sie da mit den hohen Lichtwesen, die sich Elben nannten und die Spitze der Schöpfung darstellten, verwandt sein?

Der offensichtliche Anführer der Zentauren senkte den Speer.

Auf seinem Pferderücken war ein reichhaltiges Waffenarsenal festgeschnallt – neben Pfeil und Bogen auch ein paar weitere Speere und eine monströse Streitaxt mit einer Doppelklinge.

Der Zentaur musterte Branagorn von oben bis unten und brachte ein paar Worte in einer Sprache hervor, die für elbische Ohren absolut barbarisch klang. Branagorn verstand kein Wort.

»Weiß jemand von euch, ob in den alten Schriften irgendetwas über die Sprache der Zentauren berichtet wird?«, fragte er.

»Selbst wenn – das würde uns nicht weiterhelfen«, antwortete Lirandil. »Wenn dieses ungeschlachte Volk schon in der Vorzeit Athranor verließ, dann wird sich ihr Idiom seither radikal verändert haben.«

Der Zentaur wurde ärgerlich und schleuderte seinen Speer.

Branagorn dachte im ersten Moment, dieser Angriff gelte ihm, und er sprang zurück und zog sein Schwert. Doch der Speer blieb zitternd vor den Füßen der Heilerin Nathranwen stecken.

»Ganz ruhig bleiben!«, riet Lirandil.

»Wenn diese Kreuzung aus Pferd und Barbar noch eine falsche Bewegung macht, bekommt sie meine Waffen zu spüren!«, kündigte Thamandor grimmig an.

»Aber es wäre zweifellos das letzte Mal, dass jemand Gelegenheit bekäme, die Funktionsweise Eurer mechanischen Wunderdinge zu bestaunen, Thamandor«, wandte Lirandil ein.

»Glaubt mir, wir einigen uns besser mit ihnen.«

Der Zentaur preschte vor und direkt auf Nathranwen zu, an der ihn irgendetwas zu stören schien. Sein Pferdekörper stieg auf die Hinterhand. Als die Vorderhufe wieder den Boden berührten, beugte sich der geharnischte Barbarentorso tief herab, und mit der linken Hand zog der Zentaur seinen Speer aus dem Boden. Dann richtete er die Spitze auf die Blumen, die Nathranwen im Arm hielt und deren Leuchten inzwischen merklich nachgelassen hatte.

»Ich denke, er hält uns für einen Dieb!«, glaubte Lirandil.

»Dann sollten wir ihm vielleicht zurückgeben, was er als sein Eigentum ansieht«, schlug Nathranwen mit ruhiger Stimme vor.

»Die Sinnlosen?«, rief Branagorn. »Niemals. Wir haben vielleicht ein Mittel gegen den Lebensüberdruss gefunden und werden es nicht so einfach hergeben!«

Der Zentaur stieß ein paar knurrende Laute aus, die in seiner barbarischen Sprache gewiss einen Sinn ergaben.

»Wir werden sterben, wenn wir nicht nachgeben«, war Lirandil überzeugt. »Vielleicht finden wir ja doch noch eine Möglichkeit, uns den Zentauren verständlich zu machen und eine Übereinkunft zu treffen.«

Branagorn atmete tief durch. Bei dem Gedanken an seine geliebte Cherenwen schmerzte ihm das Herz. Sie waren dem Ziel so nah gewesen…

Erinnere dich der Worte von Nathranwen!, meldete sich eine besonnene Stimme von kühlerem Temperament in seinem Hinterkopf. Erinnere dich, dass es keineswegs sicher ist, ob sich aus dem Extrakt dieser Blüten tatsächlich ein Mittel gegen den tückischen Lebensüberdruss gewinnen lässt…

Branagorn starrte den Zentaur an, und dieser musterte ihn auf eine Weise, die dem Elben nicht gefiel. Eine barbarische Entschlossenheit stand in seinen Zügen. Sie hatten keine andere Wahl, erkannte Branagorn und nickte der Heilerin zu.

»Gebt Ihm die Blumen, Nathranwen.«

Diese zögerte zunächst. Dann überreichte sie dem Zentauren, was sie unter Gefahr für ihr eigenes Leben gesammelt hatte.

Der Zentaur nickte und reckte das Bündel aus blauen Blumen triumphierend in die Höhe. Ein grollender Laut kam dabei über seine wulstigen Lippen, die ein sehr kräftiges und makelloses Gebiss freigaben.

Branagorn war überzeugt, dass man sie nun gehen lassen würde. Doch da täuschte er sich. Der Kreis der Zentauren schloss sich enger. Sie hatten nach wie vor die Spitzen ihrer Speere und Pfeile auf die Elben gerichtet, die in ihr Waldreich eingedrungen waren.

Es folgten dumpfe Befehle in einer Sprache, die für elbische Ohren einer Folter glichen und von der niemand auch nur ein Wort verstand. Aber über die Bedeutung des Gesagten konnte es angesichts der Situation keinerlei Missverständnisse geben.

Der ganze Trupp wurde eingekreist und abgeführt. Zwar machte niemand unter den Zentauren irgendeinen Versuch, die Elbenkrieger zu entwaffnen, aber andererseits bestand auch kein Zweifel daran, dass sie nicht frei waren. Stundenlang gingen sie mit den Zentauren, deren Pferdekörper sich trotz ihrer Größe und scheinbaren Ungeschlachtheit mit einem bemerkenswerten Geschick durch das wuchernde Unterholz zu bewegen vermochten.

Zwischendurch stießen sie immer wieder auf Kolonien der Sinnlosen. Dann hielten die Zentauren jedes Mal an, und einige von ihnen überprüften mit scharfen Blicken die Blumenkolonien.

»Es scheint mir so, als würden sie die Sinnlose kultivieren«, stellte Nathranwen erstaunt fest.

»Aber warum tun ihnen die Giftblüten nichts?«, fragte Isidorn. »Ich sehe keinen von ihnen eine Zauberformel murmeln.«

Nathranwen zuckte mit den schmalen Schultern. »Irgendeine Art von Magie muss es sein, die sie schützt, denn ich glaube kaum, dass diese Blumen einen Unterschied zwischen Zentauren und anderen Geschöpfen machen.«

Die Elben wurden schließlich zu einem Ort gebracht, an dem auf eine Länge von fünfhundert Mal fünfhundert Schritt jegliches Unterholz entfernt worden war. Lediglich die Stämme der dicken Urwaldriesen standen noch da, sodass das dichte Blätterdach des Waldes erhalten blieb. Um diese dicken Stämme herumgebaut standen aus Zweigen und Blättern errichtete Hütten. Da ein ausgewachsener Zentaur im Durchschnitt die Höhe von anderthalb Mannslängen aufwies, waren diese Hütten entsprechend groß.

»Es sieht nicht so aus, als würden die uns hier so schnell wieder weglassen«, raunte Thamandor dem jungen Elbenkrieger Branagorn zu. »Vielleicht erschrecken sie sich, wenn ich meine Einhandarmbrüste zum Einsatz bringe und dem ein oder anderen von uns gelingt die Flucht.«

»Nein, das versucht besser nicht«, erwiderte Branagorn.

»Wenn die Zentauren die Kolonien der Sinnlosen als ihr Eigentum betrachten, müssten wir uns irgendwie mit ihnen einig werden. Und wenn sich unser Reich ausdehnt, werden sie irgendwann unsere direkten Nachbarn sein.«

Thamandor verzog das Gesicht. »Ihr redet schon, als wärt Ihr beim König selbst in die Lehre gegangen.«

»In einem hat der König ganz gewiss recht«, erwiderte Branagorn. »Wenn wir unser Reich errichten wollen, werden wir schnell handeln, aber in langen Zeiträumen planen müssen.«

Unter den Zentauren setzte ein langes Palaver ein, an dem sich mindestens fünfzig von ihnen mit ausführlichen Wortbeiträgen beteiligten. Die von der Heilerin gepflückten Sinnlosen hatte man in die Mitte des Dorfes in einen Kreis aus Steinen gelegt, in den auch jeder Zentaur trat, der etwas zur Diskussion beizutragen hatte. Branagorn und seine Begleiter konnten zwar nicht ein einziges Wort verstehen, aber es war unschwer zu begreifen, dass es darum ging, was mit dem als Dieben gefangen genommenen Elbentrupp zu geschehen hatte.

»Noch sind wir bewaffnet, und das sollten wir ausnutzen und nicht warten, bis sie uns vielleicht einen nach dem anderen überwältigt und gefesselt haben«, sagte Thamandor zu Branagorn. Er verstand ohnehin nicht, weshalb der König die Leitung dieser Expedition einem so vergleichsweise jungen Elben übertragen hatte. Wahrscheinlich hatte er ihm Gelegenheit geben wollen, sich zu bewähren, überlegte Thamandor. Er selbst hatte dies nicht nötig, und ebenso wenig Lirandil, über den bereits Legenden erzählt wurden. Zudem war bekannt, dass sich der Fährtensucher lieber im Hintergrund hielt, statt irgendwelche Führungsaufgaben zu übernehmen. Schon dazu, dass er einen Sitz im Kronrat annahm, hatte man ihn lange überreden müssen.

»Wir werden Ruhe bewahren, Thamandor«, befahl Branagorn unmissverständlich. »Die Wirkung Eurer Waffen mag immens sein, aber nicht groß genug, um uns aus dieser Lage herauszubringen, glaubt mir.« Einen bissigen Nachsatz konnte sich Branagorn nicht verkneifen, als er sagte:

»Vielleicht sähe das anders aus, wenn es Euch inzwischen gelungen wäre, etwas mehr über die Wirkungsweise der Zauberstäbe des Augenlosen Sehers herauszufinden!«

Das saß. Branagorn konnte selbst nicht sagen, warum er diese Spitze gegen Thamandor abgeschossen hatte. Vielleicht fühlte er sich von dem älteren Elben einfach nur gegängelt. Vielleicht war der Grund aber auch, dass er in dieser Situation unter enormem Druck stand, zumal es nicht nur um das Überleben der anwesenden Elben ging, sondern auch um seine geliebte Cherenwen.

Jedenfalls bildete sich auf Thamandors glatter Stirn jene tiefe Furche, für die er bekannt war. Branagorn hatte seinen Finger genau auf jene Wunde gelegt, die bei dem Waffenmeister momentan am empfindlichsten war, denn es wurmte ihn sehr, dass er hinsichtlich der beiden Zauberstäbe bisher nicht den geringsten Fortschritt zu vermelden hatte. Als Symbole des Sieges Keandirs über das Schicksal selbst lagen sie in einem Zelt noch immer auf dem hölzernen Altar, der einst von Gorthráwen der Schwermütigen geschaffen worden war.

Aufgebahrt wie Tote, dachte Thamandor manchmal. Und tot waren diese Gegenstände im Moment tatsächlich. Die Magie, mit der sie einst erfüllt gewesen waren, musste sie verlassen haben, denn was immer Thamandor bisher versucht hatte, es war ohne Erfolg geblieben.

»Eines Tages werde ich das Geheimnis dieser Stäbe ergründen«, zischte er dem jungen Elbenkrieger zu, »so wahr ich hier stehe, Branagorn!«

Die finstere Verbissenheit, mit der Thamandor diese Worte hervorbrachte, erschreckte Branagorn. Sie erinnerte ihn auf fatale Weise an jene Entschlossenheit, mit der König Keandir an den Aufbau des Reiches ging. Selbst die Art, wie sich Thamandors Gesichtszüge verzogen, gemahnte Branagorn an seinen König. War es möglich, dass sich die Finsternis, die der in den Augen Keandirs gesehen hatte, von einem Elben zum anderen übertrug wie eine ansteckende Krankheit?

»Ihr würdet alles dafür tun, das Geheimnis der Zauberstäbe zu ergründen, nicht wahr?«, fragte Branagorn.

»Ich würde kaum mehr einsetzen als Ihr, wenn es darum geht, ein Mittel gegen den Lebensüberdruss zu finden, Branagorn.«

»Ja, mag sein…«, murmelte der junge Elb.

»Nun«, flüsterte Branagorn, »vielleicht können diese magischen Blumen, die man die Sinnlosen nennt, uns beiden dabei helfen, das zu erreichen, was uns so viel wert ist.«

Die Nacht brach herein, doch das Palaver der Zentauren war noch nicht beendet. Feuer wurden entzündet, doch die Zentauren achteten darauf, dass die Feuerstellen entsprechend geschützt waren, sodass nicht die Gefahr eines Waldbrands bestand. Die Beratungen wurden fortgesetzt, und die Zentauren zeigten nicht die geringsten Anzeichen von Müdigkeit.

Da erscholl plötzlich ein Horn, ähnlich denen, welche die Elben zur Verständigung über längere Distanzen oder schlicht als Warnsignale benutzten, nur dass die Töne des Zentaurenhorns sehr viel tiefer waren. Augenblicklich wurde die Beratung unterbrochen, und die Zentauren griffen zu den Waffen.

»Scheint so, als würde das Dorf angegriffen!«, stieß Thamandor hervor und hatte die Hände bereits an den Einhandarmbrüsten.

Und Kapitän Isidorn meinte: »Vielleicht wendet sich ja nun das Blatt! Der Feind unserer Feinde ist…«

»… nicht unbedingt unser Freund«, schnitt ihm Nathranwen das Wort ab. »Warten wir ab, was geschieht, bevor wir uns für eine Seite entscheiden oder überhaupt in den Kampf eingreifen!«

Lautes Brüllen erfüllte auf einmal den Wald ringsum. Im Schein der Lagerfeuer brachen ungeschlachte Gestalten aus dem Unterholz. An ihren tierhaften Köpfen hingen zottelige Haare herab, und gewaltige Hauer ragten aus den Mäulern hervor. Ihre Größe überragte die eines durchschnittlichen Elbenkriegers um ein Drittel. Gewaltige Pranken hielten große Keulen und Steinäxte.

Aber das Besondere an ihnen war, dass sie keine Augen hatten. Die Stirn zog sich glatt bis zu den Wangenknochen hinunter, so wie das bei dem Augenlosen Seher der Fall gewesen war.

Branagorn erschrak bis ins Mark, als er dies sah. Diese Wesen mussten – wie der Augenlose Seher – über andere Sinne verfügen, die ihnen die Orientierung erlaubten. Sinne von einer Feinheit, wie man sie bei einer so primitiven Art eigentlich nicht vermutete. Vielleicht waren diese barbarischen Angreifer degenerierte Nachfahren jenes Volkes, dem der Augenlose und sein Bruder Xaror angehört hatten, überlegte Branagorn, doch er konnte nicht erkennen, ob sie ebenfalls sechs Finger an einer Hand hatten.

»Ihr Götter, wo sind wir hier nur hineingeraten?«, entfuhr es Thamandor.

»Trorks!«, stieß Lirandil hervor, woraufhin ihn die anderen verständnislos anschauten. Zur Erklärung fügte der Fährtensucher hinzu: »Sie sehen aus wie eine Mischung aus Trollen und Orks, wie es sie in der Alten Zeit von Athranor gegeben hat. Ich selbst habe diese Kreaturen noch erlebt!«

»Trorks – ein barbarisches Wort für barbarische Kreaturen!«, stellte Thamandor fest. »Mir soll es recht sein!« Mit diesen Worten packte er seine Einhandarmbrüste, doch zunächst einmal wartete auch er ab, was geschah.

Niemand achtete noch auf die Elben. Der ungestüme Angriff jener Kreaturen, die Lirandil »Trorks« nannte, forderte viele Opfer. Blindwütig schlugen die Trorks mit ihren Steinwaffen um sich und stießen tiefe, grollende Laute aus, manche davon so tief, dass nur noch das Zittern des Bodens zu spüren war.

Auf die Zentauren hatten diese Laute jedoch eine verhängnisvolle Wirkung. Sie hielten sich die Ohren zu, wanden sich vor Pein, stießen Schreie aus, die an das schmerzvolle Wiehern eines gestürzten Pferdes erinnerten.

Innerhalb von Augenblicken war die Mehrheit der Zentauren wie von Sinnen. Manche von ihnen suchten ihr Heil in der Flucht, andere wälzten sich hilflos am Boden. Nur eine Minderheit war überhaupt noch in der Lage, sich einigermaßen zur Wehr zu setzen, wurde aber durch die entschlossen angreifenden Trorks zurückgetrieben. Deren Gebrüll schwoll weiter an. Mochte es für die Elben schon qualvoll sein, so war der Gehörsinn der Zentauren hinsichtlich dieser Laute offenbar noch weitaus empfindlicher.

Einer der Trorks stürmte auf die Gruppe der Elben zu.

Thamandor schoss seine linke Einhandarmbrust ab. Der Bolzen durchschlug den Körper des Trorks, und das magische Gift, das dadurch freigesetzt wurde, begann den Leib des Wesens zu zerfressen. Die Laute, die der Trork dabei ausstieß, wurden höher und schriller. Innerhalb weniger Augenblicke war von ihm nicht mehr als graue Asche geblieben.

Ebenso erging es dem Trork, der hinter ihm herangestürmt war und dessen Leib von demselben Bolzen durchschlagen wurde, ehe das Geschoss schließlich in einen Baum fuhr. Auch dessen Stamm zerfraß die aggressive Magie des Bolzengifts, sodass der Baum knickte wie ein Strohhalm im Wind. Er schlug krachend eine Schneise in die Reihen der Angreifer, und ihre tiefen Kriegsschreie, die eine so verheerende Wirkung auf die Zentauren hatte, verwandelten sich in Todeskreischen.

Lirandil streckte mit seinem Bogen einen der Trorks nieder, während Branagorn sein Schwert kreisen ließ. Die Angreifer bemerkten, dass die Elben die für sie gefährlicheren Gegner waren, denn bei ihnen verfehlten ihre tiefen Laute nahezu völlig die Wirkung. Auch wenn so mancher Elb halb angewidert und halb vor Schmerz das Gesicht verzog, so war doch keiner des zwanzigköpfigen Trupps, der unter Branagorns Kommando stand, kampfunfähig.

Die Elbenkrieger stellten sich den ungeschlachten Kolossen zum Kampf, und ein Trork nach dem anderen sank sterbend zu Boden. Branagorn erkannte während des Kampfes, dass die Trorks tatsächlich einen zusätzlichen Daumen an jeder Hand hatten – sie waren Abkömmlinge vom Volk der Sechs Finger, degenerierte Nachfahren von Xaror und dem Augenlosen Seher!

Nachdem Thamandor seine beiden Einhandarmbrüste abgeschossen hatte, zog er das gewaltige Schwert aus besonders leichtem Stahl, das er bisher in der Scheide auf seinem Rücken getragen hatte. Der Waffenmeister hatte dieser Klinge den Namen »Leichter Tod« gegeben und ließ die Waffe immer wieder mit einer Geschwindigkeit durch die Luft zischen, dass selbst ein geschultes Elbenauge kaum in der Lage war, dem Weg der Klinge zu folgen. Ein bläuliches Schimmern umflorte dabei den »Leichten Tod«, und einen Trork nach dem anderen streckte Thamandor nieder.

Die barbarischen Wesen ergriffen schließlich die Flucht. So schnell, wie sie gekommen waren, verschwanden sie auch wieder im Wald.

Unter den Elben hatte es nur ein paar Verwundete gegeben.

Nathranwen die Heilerin kümmerte sich sogleich um sie.

Branagorn stellte unterdessen mit Entsetzen fest, was mit den blauen Blumen geschehen war, die im Steinkreis in der Dorfmitte gelegen hatten. Durch die Wirren des Kampfes waren sie zerstreut worden, manche auch in eines der Feuer geraten.

Der Anführer der Zentauren musterte Branagorn, dann stieß er einen Schwall barbarisch klingender Worte aus.

Augenblicklich verstummten all die klagenden Zentaurenstimmen, und zwei von ihnen setzten sich in Bewegung und preschten in den Wald. Unterdessen redete der Zentaurenhäuptling in einem ruhigen Tonfall auf Branagorn ein.

»Leider verstehe ich nicht ein einziges deiner Worte«, sagte der Elb. »Aber wir sind nicht hier, um euch zu bestehlen, sondern weil wir in großer Not sind und uns von den Sinnlosen Heilung für unsere Kranken erhoffen oder doch zumindest Linderung.«

Der Zentaurenhäuptling sah Branagorn an. Er hörte ihm aufmerksam zu, sein Blick hing an den Lippen des Elben, obwohl auch er gewiss kein einziges Wort verstand.

Die Verletzten erholten sich schnell, und obwohl so mancher unter den Elben diesen Ort des Grauens am liebsten sofort verlassen hätte, blieben sie, denn Branagorn wollte nicht vor dem Morgengrauen aufbrechen, sofern die Zentauren nichts gegen ihr Bleiben hatten. Die Zwitterwesen betrachteten die Elben offenbar nicht länger als Gefangene. Vielmehr musste ihnen bewusst sein, dass sie es allein der Kampfkraft der Elben zu verdanken hatten, dass die Trorks sie nicht alle niedergemetzelt hatten.

Im Morgengrauen schließlich kehrten die beiden Zentaurenkrieger, die der Häuptling ausgeschickt hatte, zurück. Sie brachten bündelweise Sinnlose mit, die sie Nathranwen überreichten. Es waren mehr, als die Heilerin je selbst hätte sammeln können, und einige der anderen Elben mussten ihr einen Teil der Blumen abnehmen.

»Nehmen wir das als ein Zeichen der Dankbarkeit«, sagte Lirandil.

Branagorn nickte. »Ja, es sieht so aus, als könnte ich unserem König berichten, dass unser Reich den ersten Verbündeten gewonnen hat.«

»Wer weiß, wann wir diesen Verbündeten einmal brauchen werden«, ergänzte Thamandor. »Möglich, dass diesen Nachtkreaturen, die unser werter Lirandil als Trorks zu bezeichnen beliebte, eines Tages der Sinn danach steht, nach Nordwesten zu ziehen.«

Branagorn ging zu dem Zentauren-Häuptling und hielt ihm die Hand hin. Doch der Zentaur wich erschrocken zurück.

Offenbar hatte diese Geste für ihn eine ganz andere Bedeutung.

»Es wird seine Zeit dauern, bis wir uns verstehen«, sagte Branagorn. »Aber glücklicherweise ist unser Volk langlebig, sodass wir sicherlich noch mitkriegen werden, wie Elben und Zentauren in Frieden ihre nachbarschaftlichen Beziehungen pflegen…«

Die Elben verließen das Lager der Zentauren. Einige der Zwitterwesen begleiteten den Trupp sogar bis zur Anlegestelle der Barkassen, doch hielten sie respektvollen Abstand von den Elben.

Als sich Branagorn und seine Begleiter wieder auf der im Fluss ankernden »Morantor« befanden, wurde umgehend die Rückreise angetreten, denn Branagorn wollte nicht, dass seine geliebte Cherenwen auch nur einen Tag länger als unbedingt nötig auf ein Heilmittel gegen den Lebensüberdruss warten musste. Nathranwen versuchte ihm zwar deutlich zu machen, dass es sehr wahrscheinlich lange dauern würde, bis aus den Blumen ein Extrakt und aus dem Extrakt ein Heilmittel gewonnen werden konnte, falls das denn überhaupt möglich war, aber Branagorn hörte ihr gar nicht richtig zu. Er wollte es nicht hören, wie Nathranwen erkannte.

Die »Morantor« segelte flussabwärts und erreichte die Mündung des Nur. Dort sollte sie eigentlich auf die »Jirantor«

von Kapitän Ithrondyr warten. Aber die Tage vergingen, ohne dass das zweite Kundschafterschiff von seiner Fahrt nach Süden zurückkehrte. Branagorn wurde ungeduldig. Schließlich ordnete er die Rückkehr nach Elbenhaven an.

»Sollten wir der ›Jirantor‹ nicht entgegensegeln?«, schlug Kapitän Isidorn vor. »Sie wird sich entlang der Küstenlinie bewegen, sodass wir sie nicht verfehlen können.«

»Und falls sie gar nicht auf dem Weg nach Norden ist?«, fragte Branagorn.

»Ihr meint, falls sie das Opfer irgendeines üblen Schicksals wurde«, erriet Isidorn. »Dann sollten wir das aufklären.«

Aber Branagorn schüttelte den Kopf. »Es ist wichtiger, dass die Sinnlosen nach Elbenhaven gebracht werden, sodass die vereinte Heilerzunft aus den Blumen ein Mittel gegen den Lebensüberdruss herstellen kann.«

Drei Tage und drei Nächte wartete Branagorn noch. Dann ließ er die »Morantor« nach Norden aufbrechen. Der Wind stand günstig. Die »Morantor« kam rasch voran, und bald schon passierte sie die Meerenge zwischen West-Elbiana und dem Kontinent, die man inzwischen auch die »Straße von Elralon« nannte. Dann segelte sie weiter nach Norden, bis endlich die bunten Zelte von Elbenhaven am Ufer auftauchten.

Banner wehten inzwischen an hohen Masten im Wind, und die ersten Schutzmauern nahmen Gestalt an.

Wie üblich, wenn ein Kundschafter-Schiff die Anfurten erreichte, bildete sich am Ufer eine große Menge. Die Elben waren neugierig auf das, was die Rückkehrer zu berichten hatten. Auch König Keandir eilte zum Strand.

Branagorn ging als Erster an Land. Er konnte es nicht erwarten, Cherenwen die Nachricht zu überbringen, dass Hoffnung auf Heilung von ihrem Leiden bestand.

»Mein König! Die Blume, die man die Sinnlose nennt, wurde von uns gefunden!«, platzte es aus dem jungen Elbenkrieger heraus, sobald er Keandir gegenübertrat. »Es gibt so vieles, was ich Euch noch berichten will, aber gestattet mir, dass ich zuerst meine geliebte Cherenwen aufsuche.«

Das Gesicht des Königs wurde sehr ernst. Er legte Branagorn eine Hand auf die Schulter. »Mein treuer Branagorn – Ihr bringt uns gute Kunde, doch fürchte ich, dass ich nur schlechte Neuigkeiten für Euch habe.«

Der junge Elbenkrieger erschrak, und ein Zittern durchlief seinen Körper. »Was… was wollt Ihr damit sagen, mein König?«

»Ich denke, Ihr wisst es, werter Branagorn«, sagte Keandir mit traurigem Blick.

Branagorn schluckte und schloss für einen Moment die Augen. Konnte es sein, dass er zu spät gekommen war? War es möglich, dass er zwar die Grundlage für ein Heilmittel gegen den Lebensüberdruss gefunden hatte, seiner geliebten Cherenwen aber dennoch nicht mehr zu helfen war? Branagorn hatte das Gefühl, als würde man ihm den Boden unter den Füßen wegziehen und ihn in ein tiefes Loch stürzen. Sein Hals war auf einmal staubtrocken. Seine Hände krampften sich zu Fäusten zusammen.

»Cherenwen!«, schrie er auf, und in seiner Stimme schwang all der Seelenschmerz mit, der ihn in diesem Moment schier zu überwältigen drohte.

»Sie war die Einzige, die sich in diesem Monat von den Klippen stürzte, um nach Eldrana einzugehen«, sagte König Keandir, so ruhig er konnte. »Seid Euch meines tief empfundenen Mitgefühls versichert, Branagorn.«

»Wo… wo ist sie?«, fragte der junge Elb tonlos.

»In ihrem Zelt. Sie wurde aufgebahrt und einbalsamiert, damit Ihr noch von ihr Abschied nehmen könnt.«

Branagorn konnte nichts mehr halten. Er lief zu Cherenwens Zelt, so als wollte er einfach nicht glauben, was geschehen war.

8

ANDIR UND MAGOLAS

Zwei Monate später traf auch die »Jirantor« unter Ithrondyr wieder in Elbenhaven ein. Der wagemutige Kapitän berichtete vor dem König und seinen Getreuen, dass er der gesamten Küste des Zwischenlandes nach Süden gefolgt war, und zwar bis zu einer Insel, die von ihren Bewohnern »Tagora« genannt wurde.

»Die Leute, die dort wohnen, nennen sich Tagoräer, und sie ähneln dem Menschengeschlecht aus den Legenden«, erzählte Ithrondyr. »Sie sind extrem kurzlebig und deswegen auch immer sehr geschäftig und eilig. Aber das verwundert nicht.

Sie haben, wenn es hoch kommt, achtzig oder neunzig Winter, um ihre Werke zu vollbringen – wenn sie Glück haben. Viele von ihnen werden aber nicht älter als dreißig oder gar nur zwanzig Sommer, und viele sterben sogar in den ersten zwei Sommern nach ihrer Geburt durch irgendeine Krankheit.«

»Ein bedauernswertes Volk«, meinte Keandir.

»Es sind Menschen, davon bin ich überzeugt«, sagte Ithrondyr. »Jeder, der die Angaben in den alten Schriften mit dem vergleicht, was wir herausgefunden haben, wird zu demselben Schluss kommen.«

Keandir hob die Augenbrauen. »Ich hatte bisher immer meine Zweifel an den Geschichten über die Menschen. Aber ich wäre andererseits niemals so töricht, an Eurem Wort oder Eurer Auffassungsgabe zu zweifeln, werter Kapitän Ithrondyr. Lasst Brass Shelian all Eure Angaben mit den Schriften noch einmal vergleichen, vielleicht erlangen wir dann Gewissheit.«

»Das werde ich ganz gewiss tun«, versprach Ithrondyr, dessen Augen vor Begeisterung leuchteten. Keandir konnte diese Begeisterung noch nicht so ganz nachvollziehen. Was mochte es sein, was den Kapitän hinsichtlich der Tagoräer so faszinierte?

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