Das Reich der Elben, Erster Band der Elben-Trilogie

Alfred Bekker · Kapitel 1 von 6 · Teil 3/3

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Das Reich der Elben, Erster Band der Elben-Trilogie

Erstes Buch

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Sandrilas bemerkte einen Affenartigen, der offenbar seine abendliche Mahlzeit bereits beendet hatte. Er spielte mit etwas herum, von dem der Prinz zunächst nicht zu erkennen vermochte, worum es sich handelte. Dann hob es der Affenartige hoch, in den Schein des Feuers.

Ein Elbenbogen!, durchfuhr es Prinz Sandrilas. Der Gegenstand war nur als Schattenriss zu erkennen, aber die geschwungene Form war augenfällig. Niemand sonst fertige derartige Bögen an.

Der Affenartige wusste offenbar nichts mit der Waffe anzufangen. Er hielt den Bogen in das grellweiße Feuer, das Sandrilas’ Meinung nach magischer Natur sein musste. Ein grün schimmernder Blitz zuckte aus den blendend weißen Flammen, tanzte an der geschwungenen Linie des Bogens entlang und erfasste den Affenartigen, der wie erstarrt dastand, zitterte und sich ansonsten nicht rühren konnte.

Rauch stieg aus seinen Ohren auf – und im nächsten Moment fiel er zu Boden, wo er regungslos liegen blieb. Die grünen Blitze zuckten weiter über seinen Körper. Ein bestialischer Gestank verbreitete sich, die Lichterscheinung wirkte wie ein spinnenartiges Etwas, dessen Beine aus Blitzen bestanden.

Dann teilte sich dieses Etwas, und die einzelnen Blitze krochen über den Boden in alle Richtungen davon.

Die Affenartigen stoben mit wildem Gebrüll auseinander, und auf einmal war es auch mit der Ruhe vorbei: Panik regierte die geflügelten Kreaturen. Der raschelnde Schlag ihrer Lederschwingen mischte sich mit den durchdringenden Schreien und dem Klirren ihrer Waffen. Manche von ihnen flatterten empor und torkelten dabei regelrecht durch die Luft, denn sie wussten offenbar nicht, wohin sie fliehen sollten.

Andere vollführten einen Sprung aus dem Stand, der sie gleich mehrere Körperlängen weit nach hinten brachte.

Doch schon wenige Augenblicke später waren die Lichtblitze verschwunden. Der Bogen selbst schien sie aufgesogen zu haben, und nur der tote Affenähnliche zeugte noch von dem seltsamen Geschehen. Scheu näherten sich die anderen ihrem regungslos daliegenden Artgenossen. Sie stießen ihn in die Seite, erst mit dem Schaft eines Dreizacks, und als er nicht reagierte, mit den Spitzen der Waffe.

Als sich der Tote immer noch nicht rührte, stieß einer der Affenartigen einen Schrei aus, der sich nur als Ausdruck höchster Wut interpretieren ließ. Er stürzte sich auf den Bogen und zerbrach ihn mit bloßen Pranken. Die noch mit der Bogensehne verbundenen Bruchstücke warf er ins grellweiße Feuer, das daraufhin tiefgrün wurde. Funken sprühten, und die Flammen wuchsen um das Doppelte ihrer ursprünglichen Größe, ehe sie wieder in sich zusammenfielen.

Der Äffling, der den Bogen zerstört hatte, stieß ein triumphierendes Geschrei aus und warf mit weiteren Gegenständen um sich – vor allem mit Knochen.

Seine in Panik davongestobenen Artgenossen beruhigten sich schließlich. Einige von ihnen, die sich in die Lüfte erhoben hatten, flogen zunächst noch ein paar Runden über das Lager, ehe sie sich trauten zu landen, und ein Geflügelter zog dabei dicht über die Sträucher und Felsen hinweg, hinter denen sich Sandrilas und seine Begleiter verborgen hielten. Offenbar waren seine Sinne – und insbesondere sein Sehvermögen in der Nacht – nicht weniger fein als die eines Elben. Jedenfalls stieß er einen ohrenbetäubenden Schrei aus und schleuderte seinen Dreizack, als er die Elbengruppe entdeckte. Die Waffe verfehlte Lirandil den Fährtensucher um einen Fingerbreit und bohrte sich dicht neben ihn in den Boden.

Thamandor wirbelte herum, hob eine seiner Einhandarmbrüste und drückte ab, während der Geflügelte bereits davonflog. Ein klackendes Geräusch ertönte, als der mit magischem Gift versehene Bolzen die Waffe verließ.

Er durchbohrte den Äffling im Flug, und zischend breitete sich ein Brand von jener Stelle aus, wo der Bolzen in den Körper geschlagen war. Ein schauerlicher, krächzender Laut schallte durch die Nacht, ehe der Körper noch in der Luft zu grauer Asche wurde und zerfiel.

Da wurden auch die anderen Nachtkreaturen auf die Kundschafter aufmerksam. Die schrillen Rufe der Äfflinge durchdrangen die Nacht. Sie griffen zu ihren Waffen, erhoben sich teilweise in die Lüfte oder stürmten zu Fuß auf die Elbengruppe zu.

»Blas das Horn, Merandil!«, rief Prinz Sandrilas, während er seine Klinge zog. Aber das brauchte er dem Hornbläser gar nicht mehr zu sagen, denn der hatte das Instrument längst an die Lippen gesetzt. Im nächsten Moment schallte der klare Ton seines Horns durch die Dunkelheit.

Die geflügelten Äfflinge griffen währenddessen an.

Thamandor traf mit der zweiten Armbrust einen Gegner, der auf ihn zuflog. Die Kreatur verbrannte zu Asche, ehe sie ihren Dreizack schleudern konnte. Als grauer Staubregen rieselten ihre Überreste auf die Köpfe der Elben nieder.

Lirandil der Fährtensucher riss Thamandor zur Seite, und ein Speer sauste dicht an dem Waffenmeister vorbei und bohrte sich in den Boden. Daraufhin ließ Lirandil Pfeil um Pfeil von der Sehne seines Bogens schwirren und hatte innerhalb von wenigen Augenblicken zwei der Bestien getötet.

»Wir brauchen Gefangene!«, rief Prinz Sandrilas, der von einem heranstürmenden Äffling angegriffen wurde. Mit dem Schwert wehrte er den Stoß des Dreizacks ab und holte zum Gegenangriff aus. Doch kurz bevor sein Elbenschwert den Hals der Kreatur durchbohren konnte, hielt er inne.

Düsterklinge hieß dieses Schwert, dessen Stahl sich nach einem missglückten Schutzzauber dunkel verfärbt hatte.

Eigentlich war diese Waffe dem ästhetischen Feinempfinden eines Elben zuwider, und es hatte genügend Stimmen gegeben, die Prinz Sandrilas geraten hatten, das Schwert wieder einzuschmelzen. Aber Sandrilas hatte an der Waffe festgehalten, und inzwischen glaubte er sogar, dass ihm Düsterklinges unelbenhafte Erscheinung Glück brachte und ihn vor der weit verbreiteten Krankheit des Lebensüberdrusses bewahrte.

Der Äffling stieß einen zischenden Laut aus und fletschte die Zähne. Er schien zu begreifen, dass es unmöglich war, seinem elbischen Gegenüber den Dreizack in den Leib zu stoßen, eher dieser ihn selbst tötete.

»Beweg dich nicht und lass deine Waffe fallen, Geflügelter!«, rief Sandrilas. »Dann geschieht dir nichts!«

Aus einiger Entfernung hörte er die Schritte und die Stimmen der beiden anderen Elbengruppen, die sich näherten. Als sich ein weiterer Affenartiger auf ihn stürzen wollte, war der Elbenprinz für einen Moment abgelenkt, und der Äffling, den er mit der Schwertspitze bedrohte, tauchte seitlich weg und stieß mit dem Dreizack in Prinz Sandrilas Richtung. Dieser wich aus und hieb seinem Gegenüber den Kopf ab, dann wirbelte er herum. Mit klatschenden Lederflügeln stürzte sich der andere Affenartige auf ihn, in jeder Pranke einen Speer mit unterarmlanger, messerscharfer Spitze.

Doch noch in der Bewegung, die eine Mischung aus Flug und Sprung war, zog sich plötzlich eine rote Linie durch seinen gesamten Körper, vom Scheitelpunkt ausgehend bis zum Schritt. Seine Augen erstarrten, der wütende Ausdruck seines affenartigen Gesichts gefror, dann klafften die beiden Hälften noch in der Luft auseinander und fielen zu Boden, während das Blut der Kreatur spritzte.

»Thamandor!«, stieß Sandrilas hervor.

Der eher zierlich wirkende Waffenmeister hatte den Affenartigen mit seinem monströsen Schwert vertikal in zwei Hälften zerschnitten, ehe dieser seinen Angriff vollenden konnte. Die Einhandarmbrüste des Waffenmeisters waren nicht rasch genug nachzuladen, und so hatte er sein riesiges Schwert gezogen. Die besondere Beschaffenheit des Stahls sorgte dafür, dass das Blut nicht an der Klinge haftete. Innerhalb von Augenblicken war die zunächst vollkommen blutbesudelte Waffe wieder gänzlich sauber.

Inzwischen hatten die zwei anderen Elbengruppen längst in den Kampf eingegriffen. Siranodir ließ seine beiden Schwerter durch die Luft wirbeln und stürmte an der Spitze seiner Krieger auf die geflügelten Bestien zu, während sich Ygolas der Bogenschütze und sein Trupp von der anderen Seite näherten. Die Affenartigen erkannten schnell, dass sie diesmal unterlegen waren. Einer nach dem anderen erhob sich in die Lüfte und flog davon. Die Bogenschützen versuchten noch, so viele von ihnen wie möglich zu töten. Die schrillen Schreie der Bestien hallten in den Schluchten wider, die sich an diesen Ort anschlossen.

Innerhalb weniger Augenblicke war der Kampf vorbei und die Geflügelten entweder tot oder geflohen.

»Ich danke Euch für Eure Rettungstat!«, wandte sich Prinz Sandrilas, noch ganz unter dem Eindruck des Geschehenen, an Thamandor den Waffenmeister, der sein Schwert zurück in die große Scheide auf seinem Rücken steckte.

»Nichts zu danken«, sagte er, »ich tat nur meine Pflicht.«

Dann untersuchte er seine Armbrüste und schien zu prüfen, ob sie irgendeinen mechanischen Schaden davongetragen hatten.

Siranodir mit den zwei Schwertern sah sich derweil das eigentliche Lager der Affenartigen an. Das grellweiße magische Feuer brannte noch immer. In seinem zuckenden weißen Schein ließ Sandrilas den fassungslosen Blick über die abgenagten Knochen, Gerätschaften und Kleidungsstücke schweifen, die am Lagerplatz verstreut lagen.

Lirandil gesellte sich zu ihm. Er, der erfahrene Fährten- und Spurensucher, erkannte auf den ersten Blick, was an diesem Ort geschehen war: Die Nachtkreaturen hatten die Leichen jener Elben, die während des Kampfes auf dem Felsplateau ihr Leben verloren, hergebracht und sie dann… gefressen!

Und nicht nur die.

»Nicht einmal vor den eigenen Toten hatten sie Respekt«, murmelte Lirandil mit belegter Stimme.

Siranodir stieß einen Schrei aus, in dem sich sein ganzes Entsetzen manifestierte.

Lirandil blickte auf. In seinem ganzen langen Leben hatte er noch keinen Elben derart schreien hören.

5

BRANAGORN

Kampfeslärm.

Schreie.

Schabende Geräusche, die an das dunkle Getier aus feuchten, uralten Grüften gemahnten…

Das alles hatte der junge Elbenkrieger Branagorn für eine unerträglich lange Zeitspanne mit anhören müssen. Und das in einer Intensität, die für die zarten Sinne eines Elben die reinste Folter darstellten.

Nur der Gesichtssinn schien Branagorn zum Narren zu halten.

König Keandir war von einem Augenblick zum anderen verschwunden, bevor sein junger Begleiter Ohrenzeuge eines unsichtbaren Kampfes geworden war. Mit dem Schwert in der Hand stand er da – vor sich den vollkommen ruhig daliegenden unterirdischen See, der vom Augenlosen Seher als Schicksalssee bezeichnet worden war.

Branagorn hatte das Gefühl, dass ganz in seiner Nähe, aber unsichtbar vor ihm verborgen etwas Schreckliches geschah, während er zur Teilnahmslosigkeit verdammt war, unfähig einzugreifen.

»Jetzt sagt mir endlich, wo sich mein Herr und König befindet!«, wandte sich Branagorn wütend und nicht zum ersten Mal an den Augenlosen Seher, der sich ein Stück abseits hielt und spöttisch den zahnlosen Mund verzog. Die Sorge Branagorns schien ihn auf eine gehässige Weise zu amüsieren.

»Da ist so viel naive Anteilnahme in Euren Worten! Noch scheint Ihr so sehr mit der Welt verbunden, dass Ihr nicht in der Lage seid, die komfortable Position des distanzierten Betrachters einzunehmen.

Das ist wirklich köstlich. Ich habe so etwas sehr lange nicht mehr erlebt, mindestens ein Äon lang nicht mehr…« Die Stimme des Sehers bekam einen beinahe melancholischen Klang, verlor dabei aber nicht die Nuance von beißendem Zynismus, die seine Worte zu scharfen Messerschnitten für Branagorns Seele machten.

Branagorn richtete die Spitze seines Elbenschwerts auf den Seher. Lichtfang hieß dieses Schwert, denn wenn Sonnenstrahlen auf das glatte Metall trafen, schien es zu leuchten, als wäre die Klinge selbst von Licht erfüllt.

Doch schon beim Kampf gegen die Affenartigen auf dem Felsplateau hatte es diese Eigenheit nicht gezeigt; der dichte Nebel hatte dies verhindert, indem er dafür gesorgt hatte, dass das Sonnenlicht nur gedämpft und abgeschwächt auf das nach uralter Elbentradition verarbeitete Metall traf. Und in das unterirdische Gewölbe, in das es Branagorn zusammen mit seinem König verschlagen hatte, drang ohnehin kein Sonnenstrahl. Das magische Licht von Fackeln, die nicht wirklich brannten und auch keine Wärme abstrahlten, und die geheimnisvoll leuchtenden Steine waren offenbar nicht dazu geeignet, diese wundersame Eigenschaft Lichtfangs zu wecken. Diese Lichtquellen, davon war Branagorn überzeugt, waren aus dunkler Magie geboren, und diese dunkle Magie wollte sich nicht mit der hellen weißmagischen Kraft seiner Waffe vereinigen. Nur schwarzer Zauber schien an diesem ungastlichen Ort seine Wirksamkeit entfalten zu können, das war Branagorn ziemlich schnell klar geworden. Umso erstaunter und geradezu entsetzt war er darüber gewesen, dass sich sein König auf den Augenlosen eingelassen hatte. Und dies nur für das vage Versprechen, irgendetwas über das zukünftige Schicksal der Elben und seiner Selbst zu erfahren.

»Was willst du tun?«, höhnte der Augenlose, als ihm Branagorn die Schwertklinge an die Kehle setzte. Der Seher ließ es zunächst widerstandslos geschehen, doch die sechsfingerigen Hände waren so fest um die beiden verzauberten Wanderstäbe gekrallt, dass die Knöchel weiß hervortraten. »Brauchst du wirklich noch einmal einen Beweis meiner Macht? Muss ich einem Narren wie dir tatsächlich erst ernsthaften Schaden zufügen, ehe du einsiehst, dass du mit deinem lächerlichen Schwert hier nichts erreichen kannst?«

Branagorn fühlte, wie blanker Hass in ihm aufwallte. Aber der Augenlose hatte zweifellos recht, so sehr es dem jungen Elbenkrieger auch widerstrebte.

Branagorn senkte die Klinge, steckte sie allerdings nicht zurück in die Scheide. So sinnlos es auch sein mochte, mit einer derartigen Waffe den Augenlosen zu irgendetwas zwingen zu wollen, so wollte er doch auch nicht wehrlos dastehen – auch im Hinblick auf die unsichtbaren Mächte, die an diesem Ort lauerten…

»Jeder kämpft allein mit seinem Schicksal«, sagte der Seher.

»Ich dachte, das hättest du inzwischen begriffen.«

»Wenn König Keandir etwas zugestoßen sein sollte, werde ich dein Schicksal sein, Schattenkreatur!«

»Die Sprache deines Volkes, in der du deine Gedanken formulierst, ist ungewöhnlich differenziert in ihrem Ausdrucksvermögen…« Mehr kümmerte sich der Seher um Branagorns Erwiderungen nicht; stattdessen wirkte er sehr konzentriert und war offenbar damit beschäftigt, in den Gedanken des jungen Elbenkriegers zu forschen. »Ah… so viel Rechtschaffenheit, Branagorn! Das ist kaum zu ertragen!«

Der Seher kicherte. »Wie gesagt, die Sprache deines Volkes ist sehr differenziert, und zuweilen gibt es in ihr Hunderte von Ausdrücken, die denselben Gegenstand beschreiben. Doch jedes dieser Synonyme betont eine andere Facette…

Beeindruckend! Aber die Seele, die ich vor mir sehe, ist die Seele eines Kindes, und deshalb spreche ich dich von nun an auch so an, wie ihr im Umgang mit Kindern zu sprechen pflegt.«

»Damit kannst du mich nicht beeindrucken, Nachtkreatur!«, knurrte Branagorn. Doch etwas beunruhigte ihn: Die Laute, die ihn zuvor noch hatten schaudern lassen, waren auf einmal so gut wie verstummt. Nur hin und wieder war noch ein Glucksen oder Schmatzen zu hören, so als ob etwas in der stinkenden Brühe des sogenannten Schicksalssees versank.

»Kinder – dieser Begriff scheint euch Elben nicht mehr sehr geläufig zu sein. Unter euch sind sie erschreckend selten. Jetzt wundert mich eure Sicht der Dinge nicht mehr. Ja, eine seltsame Welt habt ihr Elben euch geschaffen – ein Welt unerfüllbarer Ideale, voller Luftschlösser und… ja, da ist ein weiterer Begriff: Bathranor, die Gestade der Erfüllten Hoffnung. Du scheinst daran ebenso zu glauben wie an das Reich der Jenseitigen Verklärung. Ein Grad an Naivität, der mich beeindruckt.« Er kicherte erneut. »Im Lauf der Äonen hatte ich immer wieder Besucher hier in meinem einsamen, finsteren Exil. Besucher, die den unterschiedlichsten und absonderlichsten Rassen angehörten – aber an etwas vergleichbar Naives und Kindisches kann ich mich nicht erinnern.«

»Schweig!«, rief Branagorn.

Und er lauschte.

Die Geräusche aus dem Unsichtbaren waren inzwischen völlig verstummt. Doch die Stille, die auf einmal herrschte, war viel schrecklicher als alles, was er zuvor vernommen hatte.

Branagorns feine Elbensinne waren aufgrund seiner Jugend noch längst nicht so weit entwickelt, wie es bei den Älteren des Lichtvolks der Fall war. Dennoch war er sicher, dass Keandir ganz in seiner Nähe war.

Branagorn versuchte zu erspüren, ob der König noch lebte.

Aber es gelang ihm nicht. Eine geistige Mauer schien Keandir zu umgeben, die nichts zu ihm durchdringen ließ. Oder war es der Augenlose, der ihn abschirmte?

Branagorn betrachtete dessen entstellt wirkendes Gesicht voller Abscheu. Was war das für ein Spiel, das diese Schattenkreatur mit ihm trieb?

Da lenkte Branagorn eine Bewegung im Wasser ab. Es schien plötzlich von wurmartigem Getier zu wimmeln. Riesige Aale schlängelten sich darin. Sie balgten sich um eine Beute, offenbar den Körper eines Elben, der regungslos im Wasser lag.

Branagorn zögerte keinen Augenblick und watete bis zu den Knien in den See. Auch wenn der Ekel vor diesen Kreaturen beinahe übermächtig war, so konnte ihn doch nichts davon abhalten, seinem König beizustehen.

Branagorn ließ sein Schwert durch das Wasser tanzen.

Mehrere der Riesenaale schnitt die Klinge glatt durch. Die anderen verschwanden, stoben in Panik davon. Das gierige Gewürm tauchte davon, und Branagorn fasste den König bei der Schulter. Er steckte das Schwert weg und drehte ihn herum. Der Gestank des Wassers war unerträglich.

Keandirs Gesicht und Kleidung waren vollkommen beschmiert mit diesem öligen Nass – damit und mit einem ebenfalls dunklen, sehr viel zähflüssigeren Saft.

Branagorn zog Keandir an Land.

»Mein König, so atmet doch!«, rief er verzweifelt. Das Gesicht Keandirs wirkte bleich wie der Tod.

Branagorn verfügte nicht über die Kenntnisse der elbischen Heilkundigen, aber den einen oder anderen Lebenszauber beherrschte er doch. Er hatte ihn sich beigebracht, für den Fall, dass er ihn einmal brauchte. Etwa wenn er im Kampf verletzt wurde oder einen Unfall erlitt und abgeschnitten von den anderen Elben war.

Branagorn murmelte eine der Formeln, die er gelernt hatte, und hoffte, dass sie auch wirkten. Er hatte sie von einem elbischen Schamanen, der ihm erklärt hatte, dass immer mehr Elben darauf verzichteten, diese Art von Heilmagie anzuwenden.

»Auch das ist Zeugnis von jenem Lebensüberdruss, dem unser Volk anheimfällt«, hatte der Schamane ihm seinerzeit gesagt.

Diese Worte fielen ihm absurderweise ausgerechnet in dieser Situation wieder ein.

»Ihr dürft nicht von uns gehen, König Keandir!«, rief er. »Ihr Götter, was immer Ihr auch verlangen mögt, ich werde Euren Wunsch erfüllen, wenn Ihr dafür König Keandir das Leben schenkt!«

Das hämische Kichern des Sehers erklang hinter ihm. »Ist es nicht so, dass dein Volk sogar die Namen seiner Götter vergessen hat? Wie kannst du da erwarten, dass sie etwas für dich tun, wenn ihr ihnen schon jahrhundertelang nichts mehr geopfert habt und ihnen nicht einmal den Respekt der Erinnerung entgegenbringt? Vergiss diese Götter, sie haben keine Macht und können dir nicht helfen.«

»Dann hilf du mir, Seher!«

Aber der Augenlose schüttelte den Kopf. »Das kann nur Keandir selbst. Er ist es, der mit seinem Schicksal gerungen hat wie kaum ein anderer zuvor. Es wird sich herausstellen, ob die Verwundungen, die er davongetragen hat, zu schwer sind oder ob er…«

Der Augenlose verstummte und fasste beide Zauberstäbe mit der linken Hand, um die rechte in Richtung des Schicksalssees auszustrecken. Ein Schwert schoss aus dem Dunkel des Wassers. Branagorn erkannte sofort, dass es sich um den legendären Trolltöter seines Königs handelte. Die Klinge war in zwei Teile geborsten, die sich jedoch wieder zusammenfügten, noch während sie durch die Luft wirbelten.

Als das Schwert mit dem Griff in der Hand des Augenlosen landete, waren die Einzelteile wieder zu einem Ganzen verschmolzen.

In diesem Moment öffnete Keandir die Augen. Die Lippen waren farblos geworden. Ein Zittern durchlief seinen geschundenen Körper.

»Wie mir scheinen will, hat Euch der Furchtbringer einen kleinen Schrecken eingejagt«, sagte der Augenlose und verzog zynisch den Mund. »Zumindest scheint Ihr eine Ahnung von der Endlichkeit des Seins und der Kälte des Todes bekommen zu haben. Seid froh darum. Ich habe so etwas schon seit mehr als einem Zeitalter nicht mehr empfunden – und andere in ihrer Todesangst zu beobachten ist kein Ersatz für diese Zeichen der Lebendigkeit.«

Ruckartig fuhr Keandirs Oberkörper hoch. Er schaute sich um und schien sich erst orientieren zu müssen. Dann blickte er zum dunklen Schicksalssee.

»War das alles nur ein Traum?«, fragte er.

Der Augenlose warf ihm das Schwert zu. Keandir fing es mit einer Hand geschickt auf. An jener Stelle, an der sie im Kampf mit dem Riesenkrebs geborsten war, zog sich eine deutlich sichtbare Nahtstelle quer über die Klinge. Sie folgte genau dem Verlauf des Bruchs.

»Schmiedet es nicht neu, König Keandir, auch wenn die Waffe Eurem ästhetischen Empfinden nicht mehr entsprechen sollte. Ihr habt damit den Furchtbringer des Schicksalssees besiegt – und darauf könnt Ihr wirklich stolz sein.«

»Den Furchtbringer?«, echote Keandir. »Ihr sprecht von dem Riesenkrebs?«

»Dieses Wesen pflegt seine Gestalt zu wechselnde nachdem, wem es gegenübertritt. Und ich sprach nur davon, dass es besiegt wurde, nicht davon, dass es vernichtet ist. Es wird sich irgendwann erholt haben…«

Die Erinnerung an den Kampf kehrte in König Keandir mit Macht zurück. Schauder erfassten ihn. Er blickte auf Trolltöter.

Mit zwei Fingerspitzen der Linken strich er über die Nahtstelle, wo die Bruchstücke scheinbar verschmolzen waren.

Ein kraftvolles Kribbeln durchfuhr seinen Arm und seinen gesamten Körper. Ein Teil der Kraft der grauenerregenden Kreatur, die der Augenlose »Furchtbringer« nannte, schien auf diese Waffe übergegangen zu sein.

»Gebt dieser Waffe einen anderen Namen, König Keandir.

Nennt sie Schicksalsbezwinger, und sie wird Euch Glück bringen. Denn genau das habt Ihr mit dieser Waffe vollbracht: das Schicksal bezwungen!« »Was hat es mit diesem Wesen auf sich, diesem Furchtbringer?«

»Es ist die Ausgeburt Eurer Ängste.«

»Und was soll ich von alledem halten, was ich über die Zukunft gesehen habe?«

»Es kann wahr werden oder auch nicht. Das liegt ganz bei Euch.«

»Bei mir?«

»Ihr habt den Furchtbringer besiegt, und somit werden die Wege des Schicksals neu geknüpft. Nichts wird so, wie es geworden wäre, und Ihr seid frei, Euer Schicksal und das Eures Volkes selbst zu bestimmen. Welchen Weg Ihr auch wählen mögt, es liegt an Euch, wohin er Euch und Euer Volk führen mag.«

»Das habe ich nicht gewollt«, beschwerte sich Keandir.

»Alles, was ich wollte, war ein Blick in die Zukunft.«

Der Augenlose lachte heiser. Er öffnete dabei seine Mundhöhle mehr als zuvor, und ein Schwall jenes nach Fäulnis stinkenden Atems traf den Elbenkönig. »Ihr wolltet Sicherheit, König Keandir! Die Sicherheit, das Richtige zu tun. Aber die habt Ihr nun gegen etwas anderes getauscht, das vielleicht genauso wertvoll ist.«

»Was?«

»Die Freiheit! Glaubt mir, ich weiß, wovon ich spreche!«

Keandirs Gesicht gefror zu einer Maske. »Was spielt Ihr dabei für eine Rolle, Augenloser? Ihr scheint mehr Freude über die Niederlage des Furchtbringers zu empfinden als ich.«

Der Augenlose kicherte. »Sollte ich mich so schlecht beherrschen nach all den Äonen der gemeinsamen Gefangenschaft mit diesem Widerling im See!«

Da fiel es Keandir wie Schuppen von den Augen. Diese uralte Kreatur hatte ihn ausgenutzt. Aus irgendeinem Grund hatte der Seher ein Interesse daran, dass der Furchtbringer im See besiegt wurde. »Ihr hattet es darauf angelegt, dass ich gegen den Furchtbringer kämpfe!«, stellte er fest.

»Die Aussicht, mehr über die Zukunft Eures Volkes zu erfahren, hat Euch gefügig und lenkbar gemacht«, gab der Augenlose zu. »Und offenbar hat sie sich auch sehr positiv auf Euren Kampfesmut ausgewirkt, denn die meisten anderen schreckten vor dem Furchtbringer zurück oder unterlagen ihm.«

»Von welchen anderen sprecht Ihr?«

»Von den Unglücklichen, die im Laufe meiner Zeitalter währenden Gefangenschaft auf dieser Insel strandeten. Die unterschiedlichsten Geschöpfe waren darunter. Angehörige von Völkern, die heute niemand mehr kennt. Barbaren und hochzivilisierte Wesen von immenser Bildung, tollkühne Krieger und zaudernde Taktiker, Narren, Weise, Feiglinge und Todessüchtige – und alles was dazwischen denkbar ist. Wie ich Euch dort einordnen soll, ist mir noch nicht so recht klar.

Jedenfalls seid Ihr der Erste, der den Kampf mit dem Furchtbringer bestanden hat.«

»Mein König«, mischte sich Branagorn ein, »gleichgültig, was dieser zahnlose Widerling für einen Vorteil aus Eurem Kampf gezogen haben mag – ein Kampf, der im Übrigen für mich unsichtbar war«, fügte er wie zur Verteidigung hinzu, dass er nicht hatte eingreifen können, »und welchen Nutzen er auch für Euch selbst haben mag, ich bin dafür, dass wir diese Küste so schnell wie möglich verlassen und weitersegeln!«

»Das ist nicht so einfach, wie Ihr glaubt, junger Freund«, entgegnete der Augenlose, bevor König Keandir etwas dazu sagen konnte.

»Warum lässt du uns nicht einfach frei?«, sagte Branagorn erbost. »Mein Herr hat mehr als genug für dich getan! Du bist es ihm schuldig!«

»Es geht nicht um Schuld oder dergleichen törichte Dinge, die nur Erfindungen jüngerer Rassen sind«, entgegnete der Seher.

»Worum geht es dann?«, fragte Keandir. Sein Tonfall war kristallhart. Inzwischen war die Farbe in seine Lippen zurückgekehrt. Er schien sich zunehmend von dem Kampf mit dem Furchtbringer zu erholen, auch wenn allein die Erinnerung daran ihn noch immer schaudern ließ.

»Niemand hat diese Insel während des vergangenen Äons verlassen«, erklärte der Augenlose. »Das ist nämlich so ohne Weiteres gar nicht möglich, wie auch Ihr noch feststellen werdet.«

»Er hält uns zum Narren!«, war Branagorn überzeugt.

»Glaubt Ihr, ich wäre noch hier, wenn es anders wäre?«, rief der Augenlose, und diesmal bewegte er sogar den Mund, aus dem Speichel troff, und wo er auf den Boden traf, zischte es, und kleine Schwaden beißenden, stechenden Rauchs stiegen auf. »Ein so gastlicher Ort, dass man hier freiwillig ein paar Zeitalter länger verbringen mag, ist dies nun wirklich nicht.

Aber durch den Sieg König Keandirs über den Furchtbringer sind die magischen Bande, die mich an diese Kreatur ketteten, für eine Weile geschwächt – derart geschwächt, dass ich sie leicht überwinden und Euch dadurch helfen kann!«

»Helfen – wobei?«

»Den dunklen Zauber zu lösen, der über diesem Ort liegt.

Wir sind dabei aufeinander angewiesen, denn allein schafft es keiner von uns.« Der Augenlose stieß ein paar glucksende Laute aus, Ausdruck seiner von Zynismus und Schadenfreude geprägten ganz speziellen Art der Heiterkeit. »Im Gegensatz zu Euch macht es mir allerdings nichts aus, ein weiteres Äon auf ein paar fähige Helfer zu warten, falls Ihr nicht mit mir zusammenarbeiten wollt. Zeit hat für mich eine andere Bedeutung als für Euch. Ihr seid zwar langlebig, aber an einem Ort wie diesem würde Euch der Lebensüberdruss überkommen und innerhalb kürzester Zeit dahinraffen.«

Der Elbenkönig horchte auf. Der Augenlose wusste also vom Lebensüberdruss, dieser nahezu unheilbaren Krankheit, die nicht zu vergleichen war mit jener Schwermut, unter der die Elben mittlerweile alle litten.

»Ich werde nichts für Euch tun, Augenloser!«, rief Keandir, hob das Schwert und richtete dessen Klinge gegen den Seher.

Dessen Mund verzog sich spöttisch. »Heute war schon ein Angehöriger deines Volkes so töricht, mich mit einer Waffe zu bedrohen, doch sah er rechtzeitig ein, wie närrisch dies war –

denn ich bin mächtig genug, Euch wie Asseln zu zertreten!«

»Doch hat auch Eure Macht Grenzen, wie Ihr selbst zugegeben habt!«, entgegnete Keandir.

»Seid vernünftig, König der kurzlebigen Narren – denn nichts anderes seid Ihr nach meinen Maßstäben.«

Keandir wusste, dass es sinnlos war, gegen den Augenlosen zu kämpfen. Zumindest auf die Art, wie er dem Furchtbringer entgegengetreten war. Der Elbenkönig wählte einen anderen Weg. Er warf dem Seher das Schwert vor die Füße.

»Was soll das, Möchtegern-König eines Reichs, das nur auf den schwankenden Planken Eurer Schiffe und in Eurer Vorstellung existiert?«

»Wie ich schon sagte, ich werde nichts mehr für dich tun«, erklärte Keandir, »keinen Schwertstreich mehr. Du hast mich einmal benutzt, aber das wird dir nicht ein zweites Mal gelingen!«

»Es wäre nicht zu Eurem Nachteil«, beteuerte der Augenlose.

»Wie gesagt, nur zusammen haben wir eine Möglichkeit, den Zauber zu durchdringen, der sowohl Euch als auch mich hier festhält!«

»Ich will die volle Wahrheit wissen«, verlangte Keandir.

»Alles, was von Belang ist. Wer seid Ihr? Warum wurde ein Zauber über Euch gelegt? Wer tat dies? Und was ist dies hier für ein Ort?«

»Gut«, stimmte der Augenlose überraschend schnell zu. Er verzog wieder den Mund, diesmal jedoch, als würde ihn Schmerz durchfahren, und ein stöhnender Laut kämpfte sich aus seiner Brust.

»Euer Schauspiel beeindruckt mich nicht«, sagte Keandir kalt. »Mir ist klar, dass wir Eure Gefangenen sind, solange wir uns im Inneren dieses Bergs befinden. Aber das bedeutet nicht, dass Ihr mit mir machen könnt, was Ihr wollt!«

»Ich bin gern bereit, das mit Euch zu besprechen, edler Keandir.«

»Dann bitte!«

»Aber nicht hier und jetzt!«

»Wieder nur Ausflüchte und taktisches Lavieren?«

»Nein.« Der Seher streckte die Hand mit dem hellen Zauberstab aus und deutete damit auf den dunklen See. Auf dessen Oberfläche bildeten Wellen konzentrische Kreise. »Wir sollten das alles nur nicht hier besprechen. Unsere Anwesenheit ist für den Furchtbringer eine Provokation und fördert nur seine Erholung, vielleicht sogar den Wechsel in eine Erscheinungsform, die noch unangenehmer ist, als es die letzte für Euch war, König Keandir.«

Keandir verengte die Augen. Die Erinnerungen an den Kampf drängten sich ihm erneut auf, mit einer Intensität, die ihn Augenblicke lang an nichts anderes denken ließ. Er fühlte noch einmal die namenlose Furcht, die er während des Kampfes empfunden hatte.

Keandir schloss für einen Moment die Augen und versuchte sich an die Visionen zu erinnern, die ihm das Orakel vor dem Kampf gesandt hatte, aber die Bilder verblassten bereits wie ein Traum. Was war mit der strahlenden Zukunft des Elbenvolks, die er gesehen hatte? War dies nur eine Illusion gewesen? War das alles hinfällig, wie der Augenlose gesagt hatte?

»Was ist mit Euch, mein König?«, fragte Branagorn besorgt.

»Es ist nichts«, murmelte Keandir.

Der Augenlose kreuzte die beiden Zauberstäbe und hielt sie in Richtung einer Felswand. Ein Gang eröffnete sich vor ihnen, und Dutzende von Fackeln entzündeten sich an den Wänden.

»Worauf wartet Ihr noch?«, fragte er.

Keandir blickte zurück zum dunklen Wasser, das immer mehr in Bewegung geriet. Dem besiegten Furchtbringer schien es nicht zu gefallen, wie sich die Situation entwickelte.

Friss deinen Zorn in dich hinein und erstick daran!, dachte Keandir. Er bückte sich, nahm das Schwert vom Boden auf und steckte es in die Scheide an seinem Gürtel, ehe er dem Augenlosen folgte. Branagorn schloss sich ihm an.

Der Gang erstreckte sich endlos lang vor ihnen. Hinter der Gruppe schloss er sich, als hätte er nie existiert, sodass es kein Zurück mehr gab.

»Ich hoffe, Ihr habt richtig für uns entschieden«, flüsterte Branagorn seinem König zu.

»Wo führst du uns hin, Augenloser?«, fragte Keandir.

»Zunächst in meine Höhle. Dort muss ich ein paar Utensilien zusammensuchen, die wir dringend benötigen werden.

Danach…« Er sprach nicht weiter.

Im nächsten Moment erreichten sie die Höhle. Der Gang schloss sich hinter ihnen; dort war nur noch eine Felswand.

Der Augenlose atmete tief durch und stieß dann ein schweres Seufzen aus. »Nach so langer Zeit endlich die Aussicht auf Freiheit zu haben – das kann ich noch immer kaum fassen…«, gestand er.

»Ich will zunächst Antworten auf meine Fragen!«, verlangte Keandir. »Wer seid Ihr, und weshalb wurdet Ihr so lange an diesem Ort des Schreckens gefangen gehalten?«

Der Augenlose lachte. »Dafür sorgte einst mein Bruder Xaror. Ihr wollt die Geschichte erfahren? Gut. Ich werde Euch von meinem Bruder und von mir erzählen, aber in der Zwischenzeit werde ich ein paar Vorbereitungen treffen.«

»Vorbereitungen?«, hakte Keandir nach.

»Sonst verpassen wir den Moment, in dem wir uns befreien können.« Der Augenlose machte eine ruckartige Bewegung mit dem Kopf und wandte Keandir das Gesicht zu, so als könnte er spüren, wo sich sein Gegenüber befand. Der Mund formte so etwas wie ein zufriedenes Lächeln. »Die Ouroungour hätten Euch auf dem Felsplateau beinahe getötet«, erklärte er. »Das sind die affenartigen Bestien, die Euch und Eure Begleiter bedrängten. Sie entstammen einer hochentwickelten Kultur; ihre Monumente zeugen bis heute davon. Aber das ist viele Zeitalter her. Ihr habt gesehen, was aus ihnen wurde. Eurem Volk stünde Ähnliches bevor, hielte es sich länger auf der Insel auf.«

6

DIE GESCHICHTE DES AUGENLOSEN

»Was hat den Niedergang der Affenartigen bewirkt?«, fragte Keandir, während der Augenlose den hellen Zauberstab emporhob.

Der goldene Affe an der Spitze erwachte aus seiner Erstarrung. Ein Lichtball entstand in seiner rechten Hand. Er warf ihn zu Boden, und an der Stelle, wo er auftraf, züngelten grellweiße Flammen empor.

Danach stellte der Augenlose seine beiden Zauberstäbe gegen die Wand und holte aus dem Schatten einer finsteren Ecke einen Topf hervor, dessen Metall giftgrün angelaufen war. Der Topf war mit einem Deckel verschlossen. Als dieser nur ein Stück zur Seite rutschte, verbreitete sich in der Höhle ein schier unerträglicher Gestank, den der Augenlose allerdings genüsslich durch die Nase sog. Um seinen Mund lag ein Ausdruck gehässiger Freude.

»Diese Insel ist mit einem Fluch belegt, dessen einziges Ziel es war, mich zu binden«, erklärte er. Er schnippte mit den Fingern, und von der Höhlendecke senkte sich eine Kette mit einem Haken über das Feuer. In diesen Haken hängte er den Metallbügel des Topfs. Dann hob er den Deckel ab und spuckte seinen ätzenden Speichel hinein. Es zischte, weißer Dampf wallte auf. »Der Furchtbringer wird bereits wieder stärker, aber ich werde dafür sorgen, dass wir Zeit genug haben.«

Und sodann begann er, Worte in einer Sprache zu sprechen, die Keandir und Branagorn nicht kannten, die aber archaisch, barbarisch klang. Harte Krächzlaute und dunkle Diphthonge wechselten einander ab. Während der zahnlose Mund diese Worte einer wahrscheinlich uralten Sprache formulierte, hörten Keandir und Branagorn in ihren Gedanken die Übersetzung:

»Mächte des Berges und Mächte der Erde, haltet den Furchtbringer im Schicksalssee schwach, und ich werde euch dafür entlohnen mit einem Teil meiner Lebenskraft…«

Erneut spuckte der Augenlose in den Topf, und auf einmal schoss eine Flamme daraus empor bis zur Höhlendecke. Der Augenlose, der über dem Topf gebeugt war, zuckte gerade noch rechtzeitig zurück, sonst hätte das Feuer sein Gesicht getroffen. Die Schnelligkeit seiner Reaktion überraschte Keandir.

Ein Chor dumpfer, tiefer Stimmen ertönte, schwoll an und wurde schließlich zu einem ohrenbetäubenden Klangteppich, der selbst die Felsen erzittern ließ. In der grellen Flamme erschien ein Bild; es zeigte den Furchtbringer.

Der Riesenkrebs tauchte aus dem dunklen Wasser des Schicksalssees auf. Es war deutlich zu sehen, dass die Scheren durch Keandirs Schwerthiebe verstümmelt waren. Ein schriller Laut drang aus der Fressöffnung der Kreatur. Sie veränderte sich, wechselte die Gestalt: Tentakel bildeten sich, mehrere Köpfe – drei, vier, fünf Köpfe –, in deren Mäuler riesenhafte Zähne blitzten, und Wölbungen, bei denen noch nicht erkennbar war, zu was sie sich entwickeln würden. Bizarre Verwachsungen entstanden. Die Kreatur wurde zu einer Parodie des Lebens, einer Mischung aus Dutzenden von Geschöpfen, so schien es. Organe wucherten innerhalb von Augenblicken aus dem Körper heraus, krallenbewehrte Pranken, biegsame Tentakel und Säure verspritzende Rüssel entstanden. Aber sie alle bildeten sich immer nur für kurze Momente, ehe schließlich ein unförmiger Klumpen zurück in das dunkle Wasser tauchte. Ein Schwall von Gasblasen stieg an die Oberfläche. Die dunkle Flut des Schicksalssees schloss sich über der Kreatur. Ein fernes Stöhnen war zu hören, und die Flamme, die aus dem Topf geschossen war, fiel in sich zusammen. An der Höhlendecke blieb ein dunkler verrußter Fleck.

Der Augenlose verharrte eine Weile lang völlig reglos. Er wirkte geschwächt. »Ihr habt den Furchtbringer schwer verwundet, König Keandir«, sagte er schließlich, und es klang beinahe anerkennend. »Einem Geschöpf Eurer Art hätte ich das nicht zugetraut.«

»Es war die pure Verzweiflung, die mich dazu trieb«, entgegnete Keandir.

Der Augenlose hob ruckartig den Kopf und wandte dem Elbenkönig das Gesicht zu. Er verharrte so, und der Schein des Feuers zuckte über sein Antlitz. Auf der pergamentartigen Haut mäanderten unzählige Falten und Linien, über die unruhig Schatten tanzten. Und diese Linien entwickelten auf einmal eine Art hypnotischen Sog, dem sich Keandir nicht entziehen konnte. Er spürte den fremden Einfluss, der sich seines Bewusstseins bemächtigte, und es war ihm unmöglich, sich dagegen zu wehren.

»Warum auch?«, hörte er die Geisterstimme des Augenlosen in seinem Kopf. Hatte der seine Gedanken etwa gelesen?

Keandir meinte auf einmal, dass sich aus den Schattenlinien Bilder formten – Bilder, die Keandir in ihrer Skizzenhaftigkeit an Höhlenzeichnungen erinnerten, wie es sie an manchen verwunschenen Orten der Alten Heimat gab. Keandir, der ein seegeborener Elb war, kannte sie, weil auch die Schamanen sie benutzten und als Zaubersymbole auf die Planken so manchen Elbenschiffs aufgetragen hatten. Die Originale in den Höhlen stammten – so sagten die Schamanen – aus den sogenannten Dunklen Zeitaltern, aus den Äonen also, in denen Tiere die Welt beherrscht hatten und die Kraft der Gedanken gerade erst erwacht war. Sie stellten Szenen aus einer archaischen Vergangenheit dar, die so lange zurücklag, dass es selbst das Vorstellungsvermögen der Elben sprengte.

Immer gespenstischer tanzten die Schattenlinien auf der Haut des Augenlosen, in denen Keandir Zeichnungen und Umrisse zu erkennen glaubte – die Umrisse von Wesen, deren Form so fremdartig war, dass kalte Schauder König Keandir durchrieselten.

Der Augenlose Seher kicherte wieder auf die ihm eigene Art.

Mochte er auch blind sein, Keandir zweifelte nicht daran, dass er mit den geheimnisvollen magischen Sinnen, die ihm offenkundig eigen waren, das Erschrecken des Elbenkönigs bemerkte. Ein Erschrecken, das tief verwurzelt war in der Furcht seines Volkes, dass sich ein ähnliches Zeitalter der Rohheit und der reuelosen Gewalt wiederholen könnte.

»Ah, ich verstehe, was dich ängstigt«, sagte der Augenlose und lachte höhnisch, kalt und zynisch. War es möglich, dass ihn sein selbst für elbische Verhältnisse unvorstellbar langes Leben zu einem Wesen von so abgrundtiefer Boshaftigkeit gemacht hatte? Keandir überkamen Zweifel, ob er wirklich die Hilfe dieser Kreatur annehmen sollte.

Vielleicht war der Tod durch Lebensüberdruss, wie er unter den Elben immer mehr grassierte, ein Schutz davor, so zu werden wie diese uralte Kreatur. Was Keandir bisher als einen Fluch angesehen hatte, war möglicherweise ein Segen für die Elben, der sie vor einer solchen Boshaftigkeit und derartigem Zynismus bewahrte.

»Nun, das ist eine Frage des Blickwinkels, oh König der ahnungslosen Narren«, erklärte der uralte Seher.

»Ihr… Ihr lest meine Gedanken!«, rief Keandir, der sich dessen nun absolut sicher war.

»Nun, es ist vielmehr so, dass Ihr sie mir aufdrängt.«

»Es gibt nichts, wovor Ihr Achtung habt, nicht wahr?«

»In jedem vernunftbegabten Wesen ist mehr oder weniger stark die Macht des Tieres erhalten geblieben«, entgegnete der Seher. »Euer Volk glaubt vielleicht, es bezähmt zu haben.

Aber das ist ein Irrtum, König Keandir.«

»So? Ist es das?«

»Auch bei Euch Elben braucht es nicht viel, um die dünne Tünche der Vernunft von Euren Seelen zu kratzen und das hervorzubringen, was darunter ist. Die pure Finsternis. Die Gewalt ohne Reue. Das Streben nach Macht um ihrer selbst willen. Die Lust an der Grausamkeit. Das, was Ihr an mir verabscheut, verabscheut Ihr in Wahrheit an Euch und Euresgleichen. Das solltet Ihr bedenken, bevor Ihr Entscheidungen trefft, unter denen Euer Volk vielleicht äonenlang zu leiden hat.«

»Ich will die Wahrheit wissen«, beharrte Keandir. »Sonst helfe ich Euch nicht!«

»Gleichgültig, was es Euch und die Euren kostet?«

»Ja.«

»Ihr seid ein Narr, Keandir. Aber ein nobler Narr. Es muss die besondere Natur Eures Volkes sein, die Euch so sprechen lässt. Aber ich sage Euch eines: Ihr Elben werdet nicht überleben, wenn Ihr das Tier in Euch länger verleugnet, anstatt es abzurichten wie einen Jagdfalken, sodass Ihr seine ungeheure Kraft für Eure Interessen nutzen könnt.«

»Ihr sprecht von schwarzer Magie und dem puren Bösen«, stellte Branagorn fest, der neben seinem König stand, aber offenbar die seltsamen Zeichen im Gesicht des Augenlosen nicht erkennen konnte.

»Schwarz oder weiß, gut und böse – das sind Begriffe, die in den Äonen an Bedeutung verlieren. Glaubt es mir. Ich habe lange genug gelebt, um das beurteilen zu können, während Ihr gerade erst erwacht seid.«

Die hypnotische Wirkung der sich verändernden Schattenlinien im Gesicht des Augenlosen verstärkte sich noch und nahm Keandir vollkommen gefangen. Innere Bilder drängten sich ihm auf. Er sah eine Vielzahl von tierhaften Schattengeschöpfen über eine Ebene ziehen. Fruchtbares, blühendes Land erstreckte sich, so weit das Auge reichte.

Gleichzeitig vernahm er die Worte des Sehers. »Mein Bruder Xaror und ich entstammten einer uralten Rasse. Wir waren die Letzten unserer Art. Daher übertrafen unsere Fähigkeiten und unser Wissen alles, was jenen Geschöpfen bekannt war, die damals das Zwischenland bewohnten. Es war ein Leichtes, sie zu manipulieren und die Herrschaft über sie zu erlangen, so einfältig wie ihre Natur nun einmal war. Ihre Geister waren schwach, ihr Wille leicht zu lenken, und ihre Magie kam über das Stadium des Experimentierens kaum hinaus. Viele Zeitalter lang dauerte unsere gemeinsame Regentschaft. Bis es meinem Bruder einfiel, allein herrschen zu wollen. Die Gesellschaft von Barbaren kann nun mal prägend sein, und die tierhaften Triebe jener Wesen, die wir unterworfen hatten, färbten wohl irgendwann auf Xaror ab.«

»Ihr selbst wart davon nicht betroffen?«, warf Keandir ein.

»Das überrascht mich.«

»Das habe ich nicht behauptet«, entgegnete der Augenlose.

»Aber bei meinem Bruder setzte diese Entwicklung wohl früher ein, und dies verschaffte ihm einen entscheidenden Vorteil, wie sich herausstellen sollte.«

»Ich beginne zu verstehen…«

»Das würde mich sehr wundern«, sagte der Seher kichernd und fuhr dann fort: »Xaror entfesselte mit Hilfe von Magie den Furchtbringer, der damals noch eine andere Gestalt bevorzugte, und ich ging aus dem Kampf gegen ihn so geschwächt hervor, dass ich leicht zu überrumpeln und mit magischen Mitteln zu bannen war. Man brachte mich auf diese Insel, auf der bis dahin die Ouroungour in friedlicher Abgeschiedenheit lebten. Eine Rasse, deren Kunstsinn unvergleichlich war und deren Bildhauer und Steinmetze Werke schufen, die bis dahin kaum erreicht waren. Vielleicht sind sie es bis heute nicht.«

»Ihr sprecht von dem Relief in der Felswand«, glaubte Keandir.

Der Augenlose lachte auf. »Nur ein kläglicher Rest ihrer hochentwickelten Kultur. Nur ein Bruchteil konnte dem Zahn der Zeit widerstehen, zumeist die größten und am wenigsten fein gearbeiteten Stücke. Alles andere ist zu Staub geworden, wie die Knochen der Ahnen. Das Einzige, was blieb, ist die Erinnerung, die ich bewahrt habe. Denn Xaror sorgte dafür, dass dieses Volk von feinsinnigen Künstlern degenerierte, und richtete es dann zu dressierten Wachhunden ab. Der Bann, den er über die Insel legte, ließ den Geist der Ouroungour innerhalb kurzer Zeit abstumpfen. Sie wurden zu den barbarischen Halbtieren, derer ihr Euch erwehren musstet.

Inzwischen folgen sie ungehemmt dem Drang zu töten, und sie fressen sowohl ihre eigenen Toten als auch die Fremden, die sie erschlagen. Sie würden auch mich töten, sobald ich das Erdinnere verließe. Doch hierher können sie mir nicht folgen.«

»Warum nicht?«

»Eine Laune Xarors. Vielleicht überkamen ihn auch Skrupel oder Ängste, den Letzten aus dem Volk der Sechs Finger zu töten. Er wäre dann vollkommen allein gewesen. Wie auch immer, er stattete die Ouroungour mit magischem Feuer aus, in dem sie ihre Waffen regelmäßig härten. Waffen, mit denen sie mich sofort töten könnten.« Deshalb, erkannte Keandir, sahen die Waffen der Affenartigen aus wie neu, obwohl die Zivilisation der Affenartigen längst untergegangen war.

»Außerdem kettete er mich mit einem Zauberbann an den Furchtbringer.«

Der Augenlose machte eine Pause, bevor er fortfuhr: »Xaror sandte in regelmäßigen Abständen Verbannte auf diese Insel.

Geschöpfe, die er als seine Feinde ansah, die er aber aus irgendeiner Laune heraus noch eine gewisse Zeit am Leben ließ, so wie mich. Doch das tat er lediglich, um ihren Niedergang zu beobachten und sich daran zu ergötzen, wie bei einem Schauspiel, das seiner Unterhaltung diente. Mein Bruder suchte auch immer wieder selbst diese Insel auf – entweder um mit mir, dem Letzten seiner Art, zu plaudern oder sich an dem Untergang der Verbannten zu erfreuen. Diese Verbannten verfügten nämlich nicht über die Fähigkeit, Stein durchlässig zu machen und im Inneren der Erde zu leben wie ich, und die zu Halbtieren degenerierten Ouroungour haben sie alle getötet.

Währenddessen wuchs Xarors Reich des Schreckens, und auf eine gewisse, düstere Weise gedieh es auch. Um mich zu quälen, suchte er mich immer wieder auf und berichtete mir, was sich im Zwischenland unter seiner Herrschaft getan hatte.

So als wollte er mir erklären, dass ich zu Gleichwertigem nicht fähig wäre. Aber dann blieben seine Besuche aus. Zeitalter vergingen. Von einer Schiffsbesatzung, die töricht genug gewesen war, in das sagenhafte Nebelmeer zu segeln, und an der schroffen Küste dieses Eilandes strandete, erfuhr ich, dass Xarors Herrschaft ihr Ende gefunden hatte. Und das schon vor langer Zeit, denn für die Gestrandeten war mein Bruder bereits Legende. Die Gestrandeten wurden natürlich nach und nach von den Ouroungour getötet. Das war eine Gnade für sie, denn andernfalls wären auch sie früher oder später zu tierhaften Kreaturen geworden wie die Geflügelten. Die ersten Anzeichen waren bereits zu erkennen. Ich wartete äonenlang, ehe es schließlich wieder eine Schiffsbesatzung hierher verschlug.«

»Die Sargasso-See scheint eine unheilvolle Anziehungskraft zu haben«, sagte Keandir. »Das gilt offenbar nicht nur für Elben.«

»Dennoch fanden immer seltener Schiffbrüchige den Weg vom Zwischenland hierher. Und niemand konnte mir etwas über Xarors Schicksal berichten. Ich hingegen hatte keine Möglichkeit, mich aus eigener Kraft der Bewachung durch den Furchtbringer und dem magischen Bann, der uns zusammenkettete, zu entziehen, dafür hatte mein Bruder gesorgt. Also entwickelte ich die Fähigkeiten meines Geistes weiter. So schaffte ich es, die Reichweite meiner Sinne erheblich zu steigern und die Entfernung zum Festland zu überbrücken. Dies gelang mir in einem Maße, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Ich begann die Stimmen der Bewohner des Zwischenlandes zu hören, ihrer Gedanken zu lesen, ihre im Laufe der Zeit veränderten Sprachen zu verstehen, obwohl ich nicht einen Fuß in ihr Land setzen konnte. Die Geschöpfe, die den Kontinent bevölkerten, berichteten von einer großen Katastrophe, die sich vor langer Zeit zugetragen hatte. Ich nehme an, dass Xaror ihr zum Opfer gefallen ist.«

»So ist das Land, das von Euch ›Zwischenland‹ genannt wird, jetzt bereits im Besitz anderer Völker?«, fragte Keandir. Für den König der Elben drohte in diesem Moment der letzte Rest Hoffnung zusammenzubrechen. Anscheinend brauchte man sich die Frage, ob die Elbenflotte das nahe Festland ansteuern sollte, um dort zu siedeln, gar nicht mehr zu stellen…

Doch der Augenlose widersprach. »Oh nein, Kurzlebiger. Ihr unterschätzt die Zeitspannen, über die wir sprechen. Heute existiert keines jener Völker mehr. Und auch der Kontinent selbst hat sein Antlitz im Laufe der Zeit verändert. Meine Sinne wurden so stark, dass ich nun beinahe alles erfassen kann, was dort geschieht, so als würde ich es selbst miterleben.

Ich nahm wahr, wie die Nachfahren jener Geschöpfe, über die mein Bruder und ich zuerst gemeinsam und später er allein geherrscht hatte, irgendwann einem natürlichen Niedergang anheimfielen. Sie starben aus, und die Natur eroberte sich das Land zurück. Pflanzen überwucherten die leeren Städte, und heute gibt es kaum noch Spuren, die an diese Zeit erinnern.

Die Namen dieser Völker sind vergessen. Nicht einmal ich habe sie behalten. Ihre Städte wurden zu Staub, und die Farben ihrer Kunstwerke verblassten im Feuer der Sonne.«

»Und Xaror?«

»Ich weiß nicht, was aus ihm wurde.«

»Reichen Eure besonderen Sinne nicht aus, um das herauszufinden?«, fragte Branagorn dazwischen. Es war ihm anzuhören, welch großes Misstrauen er dem Seher entgegenbrachte.

»Eigenartigerweise versagen sie, wenn es um das Schicksal meines Bruders geht.«

»Warum habt Ihr nicht das Orakel des Schicksalssees befragt, wenn es Euch so sehr interessierte?«, fragte Keandir.

»Das habe ich. Aber der See blieb dunkel. So finster wie die Seele meines Bruders. Vielleicht hat Xaror durch irgendeinen Zauber verhindert, dass meine Sinne ihn zu erfassen vermögen.

Ich bin aber inzwischen davon überzeugt, dass er nicht mehr lebt und ich daher der Letzte aus dem Volk der Sechs Finger bin.«

»Da seid Ihr Euch sicher?«, fragte Branagorn zweifelnd.

»Es hat immer ein geistiges Band zwischen uns bestanden«, antwortete der Seher. »Doch diese Verbindung spüre ich nicht mehr, und dafür gibt es nur eine Erklärung: Ich bin allein!«

Der Augenlose trat auf Keandir zu, und seine sechsfingrigen Hände berührten den Elbenkönig an den Schultern. »Die Bilder, die Euch das Orakel zeigte, sind wahr. Genauso wie das, was ich Euch über das Zwischenland erzählte. Es ist ein fruchtbares, gutes Land, auf das von niemandem Anspruch erhoben wird. Es mag sein, dass in entlegenen Gegenden noch einige der älteren Geschöpfe anzutreffen sind. Wenn, dann aber nur in geringer Zahl. Ich kann mit meinen geistigen Fähigkeiten nicht jede verwunschene Schlucht und jeden vom Wald überwucherten Winkel dieses Landes absuchen.«

»Was ist mit den Zwillingen, die Ruwen und mir verheißen wurden? Ihr sagtet, dass mit meinem Sieg über den Furchtbringer das Schicksal der Elben wieder vollkommen offen wäre.«

»Die Zwillinge gibt es bereits. Sie zu sehen und ihre Geburt zu prophezeien war eine Frage der Wahrnehmung, nicht der Vorhersage. Und es steht außer Zweifel, dass sie dereinst das Schicksal Eures Volkes beeinflussen werden, denn beide sind sie Eure Kinder und damit Eure Erben.«

Keandir fühlte sich erleichtert. Die Vision der Zukunft, die ihm zuteil geworden war, war zu schön gewesen, als dass er bereit gewesen wäre, sich ganz von ihr zu verabschieden. Aber da war auch eine innere Stimme, die ihn warnte.

Der Augenlose fuhr fort: »König Keandir! Helft mir bei dem, was noch zu tun ist, um den Bann zu brechen, und ich werde Euch helfen, ein Elbenreich zu errichten, das mächtiger ist als alles, was die klägliche Geschichte Eures Volkes je hervorgebracht hat.«

»Wir werden sehen«, erwiderte Keandir zurückhaltend.

Der Augenlose ließ den Elbenkönig los, kehrte zurück zu seinen Zauberstäben und nahm sie an sich. »Ihr traut mir nicht, das ist das Problem. Aber seid gewiss, ich bin nicht an bloßer Macht interessiert wie mein Bruder. Nicht mehr zumindest.«

»Genauso überzeugend könnte ein Wolf behaupten, nicht an Fleisch interessiert zu sein«, warf Branagorn ein.

»Die Zeiten sind längst vorbei«, behauptete der Seher. »Es würde mir genügen, die Entwicklung Eures Volkes aus der Distanz zu beobachten und hin und wieder unterstützend einzugreifen, wenn eine besonders mächtige Form der Magie vonnöten ist.«

»Glaubt ihm nicht, mein König«, wandte sich Branagorn an Keandir. »Er will Euch als Werkzeug für seine dunklen Machenschaften benutzen. Er verfolgt Pläne, von denen wir nicht einmal etwas erahnen können.«

»Oh, dem einfältigen Narren an Eurer Seite macht es nichts aus, wenn das Elbenvolk auf ewig hier gefangen bleibt und zu einer Horde degenerierter Tiere wird!«, höhnte der Augenlose, an Keandir gerichtet. »Aber ich bin überzeugt davon, Ihr wisst, dass Ihr keine Alternative habt. Ihr habt keine andere Wahl, als mir zu helfen, König Keandir.«

Der Elbenkönig atmete tief durch.

»Was wäre zu tun?«, fragte er.

»Es sind die Zwillinge, die das Schicksal des Elbenvolks bestimmen.«

»Aber Ihr sagtet doch gerade…«

»Nicht nur die Zwillinge, die Eure Gemahlin unter dem Herzen trägt«, fuhr der Augenlose ihm ins Wort. »Der Furchtbringer hat auch einen Zwilling. Es ist der Feuerbringer.

Ihm gehorchen die Ouroungour. Wenn wir ihn nicht besiegen, kann der Bann nicht gebrochen werden.«

7

DAS FEUER AUS DEM STEIN

Prinz Sandrilas verwand als Erster das Entsetzen darüber, dass die Affenartigen offenbar sowohl ihre eigenen Toten als auch ihre elbischen Feinde verspeist hatten. Er drehte sich um und starrte in das grellweiße Feuer, das in der Mitte des Lagers aus dem Stein hervorzüngelte, und sagte: »Ich frage mich, was das ist.«

»Irgendeine Teufelei!«, war Lirandil überzeugt. Eine Mischung aus Furcht und Abscheu klang in den Worten des Fährtensuchers mit.

»Dass dies kein natürliches Feuer ist, dürfte klar sein«, murmelte Sandrilas und spürte zugleich, wie der Schein dieser Flammen eine ganz besondere Wirkung auf ihn ausübte. Er fühlte sich davon auf eine Weise angezogen, die er sich nicht erklären konnte. Als er sich mit langsamen Schritten dem Flammenstein näherte, verstärkte sich dieser Eindruck noch.

»Geht besser nicht näher heran«, riet Thamandor der Waffenmeister. »Wer weiß, ob dieses Feuer nicht gefährlich ist!« Seine Hände umfassten die Griffe seiner Einhandarmbrüste.

»Warum sollte ich mich vor etwas fürchten, wovor nicht einmal die primitiven Äfflinge Respekt haben«, entgegnete Prinz Sandrilas, der dicht vor dem Feuer stehen geblieben war.

Er starrte weiterhin in die Flammen, streckte sogar die Handfläche danach aus. »Ein Feuer, das aus einem Stein emporschießt… Ein Feuer, das keine Hitze entfaltet, wenn man sich ihm nähert…«

»Vielleicht sollten wir denjenigen fürchten, der den Äfflingen dieses Feuer gegeben hat«, meinte Thamandor der Waffenmeister.

»Oder glaubt Ihr, diese Geschöpfe verfügten über eine Magie, die so etwas hervorbringen kann?«

»Wohl kaum«, gab Sandrilas zu. Der grünlich schimmernde Stein, aus dem die Flammen emporwuchsen, interessierte ihn.

Er hatte etwa die Größe einer Faust. Sandrilas murmelte eine elbische Bannformel, die den Einfluss dieser fremden Magie mildern sollte, und tatsächlich schrumpften die Flammen auch etwas zusammen. Sandrilas wusste nicht, was er davon halten sollte. Offenbar handelte es sich bei dem brennenden Stein um eine Art Magie, die sich sehr stark von jener der Elben unterschied.

Er wiederholte den Zauberspruch, und daraufhin wurden die Flammen noch kleiner, und das Schimmern des Steins ließ nach. Mit jenen empfindlichen Sinnen, die bei manchen Elben auch die Magie spürbar machten, versuchte Sandrilas zu erfassen, was er da vor sich hatte. Vorsichtig trat er noch einen Schritt näher. Er zog sein Schwert, ohne wirklich sagen zu können, warum. Er folgte einfach einem inneren Impuls, ausgelöst durch den Schein des Feuers.

Ohne dass er es eigentlich wollte, streckte er das Schwert aus und hielt Düsterklinge in die Flammen. Das kalte Feuer loderte auf, bekam einen eigenartigen grünlichen Schimmer. Er tanzte um die Klinge, und Sandrilas spürte, wie eine unheimliche Kraft über den Schwertarm in seinen Körper strömte. Sie war von derart überwältigender Intensität, dass er aufschrie.

Thamandor und Lirandil reagierten sofort. Der Fährtensucher rief eine magische Formel in der Sprache der Alten Heimat, während Thamandor zu den Einhandarmbrüsten griff und die Waffen kurz hintereinander abschoss. Der erste Bolzen traf den Stein, aus dem das magische Feuer loderte, und ließ ihn einige Schritte weit zurückrollen, wodurch er für kurze Zeit wie ein Feuerball aussah. Der zweite Bolzen verfehlte sein Ziel knapp, doch das magische Gift des ersten Bolzen schien die kalte Kraft des Steins einzudämmen.

Merandil der Hornbläser riss Prinz Sandrilas zurück. Dieser fuhr herum, das Gesicht auf eine barbarische, unelbische Weise verzerrt. Grellweiße Lichtschlieren huschten um sein Schwert Düsterklinge.

»Mein Prinz!«, rief Lirandil. »Ihr seid dem Einfluss dieses magischen Feuers verfallen!«

»Was erlaubt Ihr Euch!«, knurrte Sandrilas und hob die Waffe.

Thamandor der Waffenmeister ließ die Einhandarmbrüste los, griff nach dem riesigen Schwert auf seinem Rücken, riss es in einer geschmeidigen Bewegung hervor und richtete die Spitze gegen Sandrilas. »Kommt zu Euch, Prinz Sandrilas! Zwingt uns nicht zu einem Kampf gegeneinander!«

»Ihr steht unter einem magischen Bann, mein Prinz!«, rief Lirandil.

Der einäugige Sandrilas atmete tief durch. Er schien allmählich zu begreifen, was er tat. Der vollkommen unbegründete Hass, der gerade noch aus den Blicken seines einen Auges gesprochen hatte, wich dem Ausdruck des Entsetzens, eines Entsetzens über sich selbst, und er murmelte:

»Was habe ich getan?«

»Noch nichts«, antwortete ihm Thamandor erleichtert.

Sandrilas schaute auf den Stahl in seiner Hand. Eine dunkle Verfärbung erstreckte sich über die gesamte Länge der Klinge, seit er die Waffe damals mit dem Schutzzauber zu verbessern versucht hatte. Doch diese dunkle Verfärbung war auf einmal an der Spitze der Klinge gewichen. Dort blinkte das Metall eine Handbreit wie frisch poliert.

Vorsichtig berührte Sandrilas mit der Kuppe des linken Zeigefingers dieses Stück Metall. Es zischte, als seine Haut den Stahl berührte, ein grellweißer Lichtflor blitzte kurz auf, und Sandrilas’ Hand zuckte zurück.

»Offenbar ist ein Teil der fremden Magie des Steins in die Waffe eingedrungen und dort verblieben«, murmelte er.

»Hauptsache, diese Magie hat keinen Einfluss mehr auf Euch, mein Prinz«, sagte Thamandor besorgt.

»Keine Sorge, ich bin wieder ganz Herr meiner selbst«, antwortete ihm Sandrilas und fügte leise hinzu: »Ich hoffe es zumindest.«

Die Flammen, die aus dem Stein loderten, waren merklich kleiner geworden. Die Berührung mit Sandrilas’ Düsterklinge hatten sie erst noch einmal auflodern lassen, danach aber waren sie in sich zusammengefallen.

Sandrilas feine Elbensinne spürten, wie die Magie dieses seltsamen Steins nachließ. Und er empfand Bedauern darüber, was ihn wiederum verwirrte.

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