Das Unheimliche
Kapitel II
Wenn wir jetzt an die Musterung der Personen und Dinge, Eindrücke,
Vorgänge und Situationen herangehen, die das Gefühl des Unheimlichen in
besonderer Stärke und Deutlichkeit in uns zu erwecken vermögen, so ist die
Wahl eines glücklichen ersten Beispiels offenbar das nächste Erfordernis. E.
J e n t s c h hat als ausgezeichneten Fall den »Zweifel an der Beseelung eines
anscheinend lebendigen Wesens und umgekehrt darüber, ob ein lebloser
Gegenstand nicht etwa beseelt sei« hervorgehoben und sich dabei auf den
Eindruck von Wachsfiguren, kunstvollen Puppen und Automaten berufen. Er
reiht dem das Unheimliche des epileptischen Anfalls und der Äußerungen des
Wahnsinnes an, weil durch sie in dem Zuschauer Ahnungen von automatischen –
mechanischen – Prozessen geweckt werden, die hinter dem gewohnten Bilde der
Beseelung verborgen sein mögen. Ohne nun von dieser Ausführung des Autors
voll überzeugt zu sein, wollen wir unsere eigene Untersuchung an ihn
anknüpfen, weil er uns im weiteren an einen Dichter mahnt, dem die Erzeugung
unheimlicher Wirkungen so gut wie keinem anderen gelungen ist.
»Einer der sichersten Kunstgriffe, leicht unheimliche Wirkungen durch
Erzählungen hervorzurufen,« schreibt J e n t s c h, »beruht nun darauf, daß man
den Leser im Ungewissen darüber läßt, ob er in einer bestimmten Figur eine
Person oder etwa einen Automaten vor sich habe, und zwar so, daß diese
Unsicherheit nicht direkt in den Brennpunkt seiner Aufmerksamkeit tritt, damit
er nicht veranlaßt werde, die Sache sofort zu untersuchen und klarzustellen, da
hiedurch, wie gesagt, die besondere Gefühlswirkung leicht schwindet. E. T. A.
H o f f m a n n hat in seinen Phantasiestücken dieses psychologische Manöver
wiederholt mit Erfolg zur Geltung gebracht.«
Diese gewiß richtige Bemerkung zielt vor allem auf die Erzählung »Der
Sandmann« in den »Nachtstücken« (dritter Band der G r i s e b a c h schen
Ausgabe von H o f f m a n n s sämtlichen Werken), aus welcher die Figur der
Puppe Olimpia in den ersten Akt der O f f e n b a c h schen Oper »H o f f m a n n s
E r z ä h l u n g e n« gelangt ist. Ich muß aber sagen, – und ich hoffe die meisten
Leser der Geschichte werden mir beistimmen – daß das Motiv der belebt
scheinenden Puppe Olimpia keineswegs das einzige ist, welches für die
unvergleichlich unheimliche Wirkung der Erzählung verantwortlich gemacht
werden muß, ja nicht einmal dasjenige, dem diese Wirkung in erster Linie zuzuschreiben wäre. Es kommt dieser Wirkung auch nicht zustatten, daß die
Olimpiaepisode vom Dichter selbst eine leise Wendung ins Satirische erfährt und
von ihm zum Spott auf die Liebesüberschätzung von seiten des jungen Mannes
gebraucht wird. Im Mittelpunkt der Erzählung steht vielmehr ein anderes
Moment, nach dem sie auch den Namen trägt, und das an den entscheidenden
Stellen immer wieder hervorgekehrt wird: das Motiv des S a n d m a n n e s, der
den Kindern die Augen ausreißt.
Der Student Nathaniel, mit dessen Kindheitserinnerungen die phantastische
Erzählung anhebt, kann trotz seines Glückes in der Gegenwart die Erinnerungen
nicht bannen, die sich ihm an den rätselhaft erschreckenden Tod des geliebten
Vaters knüpfen. An gewissen Abenden pflegte die Mutter die Kinder mit der
Mahnung zeitig zu Bette zu schicken: Der Sandmann kommt, und wirklich hört
das Kind dann jedesmal den schweren Schritt eines Besuchers, der den Vater für
diesen Abend in Anspruch nimmt. Die Mutter, nach dem Sandmann befragt,
leugnet dann zwar, daß ein solcher anders denn als Redensart existiert, aber eine
Kinderfrau weiß greifbarere Auskunft zu geben: »Das ist ein böser Mann, der
kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bette gehen wollen und wirft ihnen
Hände voll Sand in die Augen, daß sie blutig zum Kopf herausspringen, die wirft
er dann in den Sack und trägt sie in den Halbmond zur Atzung für seine
Kinderchen, die sitzen dort im Nest und haben krumme Schnäbel, wie die Eulen,
damit picken sie der unartigen Menschenkindlein Augen auf.«
Obwohl der kleine Nathaniel alt und verständig genug war, um so
schauerliche Zutaten zur Figur des Sandmannes abzuweisen, so setzte sich doch
die Angst vor diesem selbst in ihm fest. Er beschloß zu erkunden, wie der
Sandmann aussehe, und verbarg sich eines Abends, als er wieder erwartet wurde,
im Arbeitszimmer des Vaters. In dem Besucher erkennt er dann den Advokaten
Coppelius, eine abstoßende Persönlichkeit, vor der sich die Kinder zu scheuen
pflegten, wenn er gelegentlich als Mittagsgast erschien, und identifiziert nun
diesen Coppelius mit dem gefürchteten Sandmann. Für den weiteren Fortgang
dieser Szene macht es der Dichter bereits zweifelhaft, ob wir es mit einem ersten
Delirium des angstbesessenen Knaben oder mit einem Bericht zu tun haben, der
als real in der Darstellungswelt der Erzählung aufzufassen ist. Vater und Gast
machen sich an einem Herd mit flammender Glut zu schaffen. Der kleine
Lauscher hört Coppelius rufen: »Augen her, Augen her«, verrät sich durch
seinen Aufschrei und wird von Coppelius gepackt, der ihm glutrote Körner aus
der Flamme in die Augen streuen will, um sie dann auf den Herd zu werfen. Der
Vater bittet die Augen des Kindes frei. Eine tiefe Ohnmacht und lange Krankheit beenden das Erlebnis. Wer sich für die rationalistische Deutung des Sandmannes
entscheidet, wird in dieser Phantasie des Kindes den fortwirkenden Einfluß jener
Erzählung der Kinderfrau nicht verkennen. Anstatt der Sandkörner sind es
glutrote Flammenkörner, die dem Kinde in die Augen gestreut werden sollen, in
beiden Fällen, damit die Augen herausspringen. Bei einem weiteren Besuche des
Sandmannes ein Jahr später wird der Vater durch eine Explosion im
Arbeitszimmer getötet; der Advokat Coppelius verschwindet vom Orte, ohne
eine Spur zu hinterlassen.
Diese Schreckgestalt seiner Kinderjahre glaubt nun der Student Nathaniel in
einem herumziehenden italienischen Optiker Giuseppe Coppola zu erkennen, der
ihm in der Universitätsstadt Wettergläser zum Kauf anbietet und nach seiner
Ablehnung hinzusetzt: »Ei nix Wetterglas, nix Wetterglas! – hab auch sköne Oke
– sköne Oke.« Das Entsetzen des Studenten wird beschwichtigt, da sich die
angebotenen Augen als harmlose Brillen herausstellen; er kauft dem Coppola ein
Taschenperspektiv ab und späht mit dessen Hilfe in die gegenüberliegende
Wohnung des Professors Spalanzani, wo er dessen schöne, aber rätselhaft
wortkarge und unbewegte Tochter Olimpia erblickt. In diese verliebt er sich bald
s o heftig, daß er seine kluge und nüchterne Braut über sie vergißt. Aber Olimpia
ist ein Automat, an dem Spalanzani das Räderwerk gemacht und dem Coppola –
der Sandmann – die Augen eingesetzt hat. Der Student kommt hinzu, wie die
beiden Meister sich um ihr Werk streiten; der Optiker hat die hölzerne,
augenlose Puppe davongetragen und der Mechaniker, Spalanzani, wirft
Nathaniel die auf dem Boden liegenden blutigen Augen Olimpias an die Brust,
von denen er sagt, daß Coppola sie dem Nathaniel gestohlen. Dieser wird von
einem neuerlichen Wahnsinnsanfall ergriffen, in dessen Delirium sich die
Reminiszenz an den Tod des Vaters mit dem frischen Eindruck verbindet: »Hui –
hui – hui! – Feuerkreis – Feuerkreis! Dreh' dich Feuerkreis – lustig – lustig!
Holzpüppchen hui, schön Holzpüppchen dreh' dich –.« Damit wirft er sich auf
den Professor, den angeblichen Vater Olimpias, und will ihn erwürgen.
Aus langer, schwerer Krankheit erwacht, scheint Nathaniel endlich genesen.
Er gedenkt seine wiedergefundene Braut zu heiraten. Sie ziehen beide eines
Tages durch die Stadt, auf deren Markt der hohe Ratsturm seinen Riesenschatten
wirft. Das Mädchen schlägt ihrem Bräutigam vor, auf den Turm zu steigen,
während der das Paar begleitende Bruder der Braut unten verbleibt. Oben zieht
eine merkwürdige Erscheinung von etwas, was sich auf der Straße heranbewegt,
die Aufmerksamkeit Claras auf sich. Nathaniel betrachtet dasselbe Ding durch
Coppolas Perspektiv, das er in seiner Tasche findet, wird neuerlich vom Wahnsinn ergriffen und mit den Worten: Holzpüppchen dreh' dich, will er das
Mädchen in die Tiefe schleudern. Der durch ihr Geschrei herbeigeholte Bruder
rettet sie und eilt mit ihr herab. Oben läuft der Rasende mit dem Ausruf herum:
Feuerkreis dreh' dich, dessen Herkunft wir ja verstehen. Unter den Menschen,
die sich unten ansammeln, ragt der Advokat Coppelius hervor, der plötzlich
wieder erschienen ist. Wir dürfen annehmen, daß es der Anblick seiner
Annäherung war, der den Wahnsinn bei Nathaniel zum Ausbruch brachte. Man
will hinauf, um sich des Rasenden zu bemächtigen, aber Coppelius[3] lacht:
»wartet nur, der kommt schon herunter von selbst.« Nathaniel bleibt plötzlich
stehen, wird den Coppelius gewahr und stürzt sich mit dem gellenden Schrei: Ja!
»Sköne Oke – Sköne Oke« über das Geländer herab. Sowie er mit
zerschmettertem Kopf auf dem Straßenpflaster liegt, ist der Sandmann im
Gewühl verschwunden.
Diese kurze Nacherzählung wird wohl keinen Zweifel darüber bestehen
lassen, daß das Gefühl des Unheimlichen direkt an der Gestalt des Sandmannes,
also an der Vorstellung der Augen beraubt zu werden haftet, und daß eine
intellektuelle Unsicherheit im Sinne von J e n t s c h mit dieser Wirkung nichts zu
tun hat. Der Zweifel an der Beseeltheit, den wir bei der Puppe Olimpia gelten
lassen mußten, kommt bei diesem stärkeren Beispiel des Unheimlichen
überhaupt nicht in Betracht. Der Dichter erzeugt zwar in uns anfänglich eine Art
von Unsicherheit, indem er uns, gewiß nicht ohne Absicht, zunächst nicht
erraten läßt, ob er uns in die reale Welt oder in eine ihm beliebige phantastische
Welt einführen wird. Er hat ja bekanntlich das Recht, das eine oder das andere zu
tun, und wenn er z. B. eine Welt, in der Geister, Dämonen und Gespenster
agieren, zum Schauplatz seiner Darstellungen gewählt hat, wie S h a k e s p e a r e
im Hamlet, Macbeth und in anderem Sinne im Sturm und im
Sommernachtstraum, so müssen wir ihm darin nachgeben und diese Welt seiner
Voraussetzung für die Dauer unserer Hingegebenheit wie eine Realität
behandeln. Aber im Verlaufe der H o f f m a n n schen Erzählung schwindet
dieser Zweifel, wir merken, daß der Dichter uns selbst durch die Brille oder das
Perspektiv des dämonischen Optikers schauen lassen will, ja daß er vielleicht in
höchsteigener Person durch solch ein Instrument geguckt hat. Der Schluß der
Erzählung macht es ja klar, daß der Optiker Coppola wirklich der Advokat
Coppelius[3] und also auch der Sandmann ist.
Eine »intellektuelle Unsicherheit« kommt hier nicht mehr in Frage: wir
wissen jetzt, daß uns nicht die Phantasiegebilde eines Wahnsinnigen vorgeführt
werden sollen, hinter denen wir in rationalistischer Überlegenheit den nüchternen Sachverhalt erkennen mögen, und – der Eindruck des Unheimlichen
hat sich durch diese Aufklärung nicht im mindesten verringert. Eine
intellektuelle Unsicherheit leistet uns also nichts für das Verständnis dieser
unheimlichen Wirkung.
Hingegen mahnt uns die psychoanalytische Erfahrung daran, daß es eine
schreckliche Kinderangst ist, die Augen zu beschädigen oder zu verlieren. Vielen
Erwachsenen ist diese Ängstlichkeit verblieben und sie fürchten keine andere
Organverletzung so sehr wie die des Auges. Ist man doch auch gewohnt zu
sagen, daß man etwas behüten werde wie seinen Augapfel. Das Studium der
Träume, der Phantasien und Mythen hat uns dann gelehrt, daß die Angst um die
Augen, die Angst zu erblinden, häufig genug ein Ersatz für die Kastrationsangst
ist. Auch die Selbstblendung des mythischen Verbrechers O e d i p u s ist nur eine
Ermäßigung für die Strafe der Kastration, die ihm nach der Regel der Talion
allein angemessen wäre. Man mag es versuchen, in rationalistischer Denkweise
die Zurückführung der Augenangst auf die Kastrationsangst abzulehnen; man
findet es begreiflich, daß ein so kostbares Organ wie das Auge von einer
entsprechend großen Angst bewacht wird, ja man kann weitergehend behaupten,
daß kein tieferes Geheimnis und keine andere Bedeutung sich hinter der
Kastrationsangst verberge. Aber man wird damit doch nicht der Ersatzbeziehung
gerecht, die sich in Traum, Phantasie und Mythus zwischen Auge und
männlichem Glied kundgibt, und kann dem Eindruck nicht widersprechen, daß
ein besonders starkes und dunkles Gefühl sich gerade gegen die Drohung das
Geschlechtsglied einzubüßen erhebt, und daß dieses Gefühl erst der Vorstellung
vom Verlust anderer Organe den Nachhall verleiht. Jeder weitere Zweifel
schwindet dann, wenn man aus den Analysen an Neurotikern die Details des
»Kastrationskomplexes« erfahren und dessen großartige Rolle in ihrem
Seelenleben zur Kenntnis genommen hat.
Auch würde ich keinem Gegner der psychoanalytischen Auffassung raten,
sich für die Behauptung, die Augenangst sei etwas vom Kastrationskomplex
Unabhängiges gerade auf die H o f f m a n n sche Erzählung vom »Sandmann« zu
berufen. Denn warum ist die Augenangst hier mit dem Tode des Vaters in
innigste Beziehung gebracht? Warum tritt der Sandmann jedesmal als Störer der
Liebe auf? Er entzweit den unglücklichen Studenten mit seiner Braut und ihrem
Bruder, der sein bester Freund ist, er vernichtet sein zweites Liebesobjekt, die
schöne Puppe Olimpia, und zwingt ihn selbst zum Selbstmord, wie er
unmittelbar vor der beglückenden Vereinigung mit seiner wiedergewonnenen
Clara steht. Diese sowie viele andere Züge der Erzählung erscheinen willkürlich und bedeutungslos, wenn man die Beziehung der Augenangst zur Kastration
ablehnt, und werden sinnreich, sowie man für den Sandmann den gefürchteten
Vater einsetzt, von dem man die Kastration erwartet[4].
Wir würden es also wagen, das Unheimliche des Sandmannes auf die Angst
des kindlichen Kastrationskomplexes zurückzuführen. Sowie aber die Idee
auftaucht, ein solches infantiles Moment für die Entstehung des unheimlichen
Gefühls in Anspruch zu nehmen, werden wir auch zum Versuch getrieben,
dieselbe Ableitung für andere Beispiele des Unheimlichen in Betracht zu ziehen.
Im Sandmann findet sich noch das Motiv der belebt scheinenden Puppe, das
J e n t s c h hervorgehoben hat. Nach diesem Autor ist es eine besonders günstige
Bedingung für die Erzeugung unheimlicher Gefühle, wenn eine intellektuelle
Unsicherheit geweckt wird, ob etwas belebt oder leblos sei, und wenn das
Leblose die Ähnlichkeit mit dem Lebenden zu weit treibt. Natürlich sind wir
aber gerade mit den Puppen vom Kindlichen nicht weit entfernt. Wir erinnern
uns, daß das Kind im frühen Alter des Spielens überhaupt nicht scharf zwischen
Belebtem und Leblosem unterscheidet und daß es besonders gerne seine Puppe
wie ein lebendes Wesen behandelt. Ja, man hört gelegentlich von einer Patientin
erzählen, sie habe noch im Alter von acht Jahren die Überzeugung gehabt, wenn
sie ihre Puppen auf eine gewisse Art, möglichst eindringlich, anschauen würde,
müßten diese lebendig werden. Das infantile Moment ist also auch hier leicht
nachzuweisen; aber merkwürdig, im Falle des Sandmannes handelte es sich um
die Erweckung einer alten Kinderangst, bei der lebenden Puppe ist von Angst
keine Rede, das Kind hat sich vor dem Beleben seiner Puppen nicht gefürchtet,
vielleicht es sogar gewünscht. Die Quelle des unheimlichen Gefühls wäre also
hier nicht eine Kinderangst, sondern ein Kinderwunsch oder auch nur ein
Kinderglaube. Das scheint ein Widerspruch; möglicherweise ist es nur eine
Mannigfaltigkeit, die späterhin unserem Verständnis förderlich werden kann.
E. T. A. H o f f m a n n ist der unerreichte Meister des Unheimlichen in der
Dichtung. Sein Roman »D i e E l i x i r e d e s T e u f e l s« weist ein ganzes
Bündel von Motiven auf, denen man die unheimliche Wirkung der Geschichte
zuschreiben möchte. Der Inhalt des Romans ist zu reichhaltig und verschlungen,
als daß man einen Auszug daraus wagen könnte. Zu Ende des Buches, wenn die
dem Leser bisher vorenthaltenen Voraussetzungen der Handlung nachgetragen
werden, ist das Ergebnis nicht die Aufklärung des Lesers, sondern eine volle
Verwirrung desselben. Der Dichter hat zu viel Gleichartiges gehäuft; der
Eindruck des Ganzen leidet nicht darunter, wohl aber das Verständnis. Man muß
sich damit begnügen, die hervorstechendsten unter jenen unheimlich wirkenden Motiven herauszuheben, um zu untersuchen, ob auch für sie eine Ableitung aus
infantilen Quellen zulässig ist. Es sind dies das Doppelgängertum in all seinen
Abstufungen und Ausbildungen, also das Auftreten von Personen, die wegen
ihrer gleichen Erscheinung für identisch gehalten werden müssen, die Steigerung
dieses Verhältnisses durch Überspringen seelischer Vorgänge von einer dieser
Personen auf die andere, – was wir Telepathie heißen würden – so daß der eine
das Wissen, Fühlen und Erleben des andern mitbesitzt, die Identifizierung mit
einer anderen Person, so daß man an seinem Ich irre wird oder das fremde Ich an
die Stelle des eigenen versetzt, also Ichverdopplung, Ichteilung, Ichvertauschung
– und endlich die beständige Wiederkehr des Gleichen, die Wiederholung der
nämlichen Gesichtszüge, Charaktere, Schicksale, verbrecherischen Taten, ja der
Namen durch mehrere aufeinanderfolgende Generationen.
Das Motiv des Doppelgängers hat in einer gleichnamigen Arbeit von O.
R a n k eine eingehende Würdigung gefunden[5]. Dort werden die Beziehungen
des Doppelgängers zum Spiegel- und Schattenbild, zum Schutzgeist, zur
Seelenlehre und zur Todesfurcht untersucht, es fällt aber auch helles Licht auf
die überraschende Entwicklungsgeschichte des Motivs. Denn der Doppelgänger
war ursprünglich eine Versicherung gegen den Untergang des Ichs, eine
»energische Dementierung der Macht des Todes« (O. R a n k) und
wahrscheinlich war die »unsterbliche« Seele der erste Doppelgänger des Leibes.
Die Schöpfung einer solchen Verdopplung zur Abwehr gegen die Vernichtung
hat ihr Gegenstück in einer Darstellung der Traumsprache, welche die Kastration
durch Verdopplung oder Vervielfältigung des Genitalsymbols auszudrücken
liebt; sie wird in der Kultur der alten Ägypter ein Antrieb für die Kunst, das Bild
des Verstorbenen in dauerhaftem Stoff zu formen. Aber diese Vorstellungen sind
auf dem Boden der uneingeschränkten Selbstliebe entstanden, des primären
Narzißmus, welcher das Seelenleben des Kindes wie des Primitiven beherrscht,
und mit der Überwindung dieser Phase ändert sich das Vorzeichen des
Doppelgängers, aus einer Versicherung des Fortlebens wird er zum unheimlichen
Vorboten des Todes.
Die Vorstellung des Doppelgängers braucht nicht mit diesem uranfänglichen
Narzißmus unterzugehen; denn sie kann aus den späteren Entwicklungsstufen
des Ichs neuen Inhalt gewinnen. Im Ich bildet sich langsam eine besondere
Instanz heraus, welche sich dem übrigen Ich entgegenstellen kann, die der
Selbstbeobachtung und Selbstkritik dient, die Arbeit der psychischen Zensur
leistet und unserem Bewußtsein als »Gewissen« bekannt wird. Im
pathologischen Falle des Beachtungswahnes wird sie isoliert, vom Ich abgespalten, dem Arzte bemerkbar. Die Tatsache, daß eine solche Instanz
vorhanden ist, welche das übrige Ich wie ein Objekt behandeln kann, also daß
der Mensch der Selbstbeobachtung fähig ist, macht es möglich, die alte
Doppelgängervorstellung mit neuem Inhalt zu erfüllen und ihr mancherlei
zuzuweisen, vor allem all das, was der Selbstkritik als zugehörig zum alten
überwundenen Narzißmus der Urzeit erscheint[6].
Aber nicht nur dieser der Ichkritik anstößige Inhalt kann dem Doppelgänger
einverleibt werden, sondern ebenso alle unterbliebenen Möglichkeiten der
Geschicksgestaltung, an denen die Phantasie noch festhalten will, und alle
Ichstrebungen, die sich infolge äußerer Ungunst nicht durchsetzen konnten,
sowie alle die unterdrückten Willensentscheidungen, die die Illusion des freien
Willens ergeben haben[7].
Nachdem wir aber so die manifeste Motivierung der Doppelgängergestalt
betrachtet haben, müssen wir uns sagen: Nichts von alledem macht uns den
außerordentlich hohen Grad von Unheimlichkeit, der ihr anhaftet, verständlich,
und aus unserer Kenntnis der pathologischen Seelenvorgänge dürfen wir
hinzusetzen, nichts von diesem Inhalt könnte das Abwehrbestreben erklären, das
ihn als etwas Fremdes aus dem Ich hinausprojiziert. Der Charakter des
Unheimlichen kann doch nur daher rühren, daß der Doppelgänger eine den
überwundenen seelischen Urzeiten angehörige Bildung ist, die damals allerdings
einen freundlicheren Sinn hatte. Der Doppelgänger ist zum Schreckbild
geworden, wie die Götter nach dem Sturz ihrer Religion zu Dämonen werden
(H. H e i n e, Die Götter im Exil).
Die anderen bei H o f f m a n n verwendeten Ichstörungen sind nach dem
Muster des Doppelgängermotivs leicht zu beurteilen. Es handelt sich bei ihnen
um ein Rückgreifen auf einzelne Phasen in der Entwicklungsgeschichte des
Ichgefühls, um eine Regression in Zeiten, da das Ich sich noch nicht scharf von
der Außenwelt und vom Anderen abgegrenzt hatte. Ich glaube, daß diese Motive
den Eindruck des Unheimlichen mitverschulden, wenngleich es nicht leicht ist,
ihren Anteil an diesem Eindruck isoliert herauszugreifen.
Das Moment der Wiederholung des Gleichartigen wird als Quelle des
unheimlichen Gefühls vielleicht nicht bei jedermann Anerkennung finden. Nach
meinen Beobachtungen ruft es unter gewissen Bedingungen und in Kombination
mit bestimmten Umständen unzweifelhaft ein solches Gefühl hervor, das
überdies an die Hilflosigkeit mancher Traumzustände mahnt. Als ich einst an
einem heißen Sommernachmittag die mir unbekannten, menschenleeren Straßen einer italienischen Kleinstadt durchstreifte, geriet ich in eine Gegend, über deren
Charakter ich nicht lange in Zweifel bleiben konnte. Es waren nur geschminkte
Frauen an den Fenstern der kleinen Häuser zu sehen, und ich beeilte mich, die
enge Straße durch die nächste Einbiegung zu verlassen. Aber nachdem ich eine
Weile führerlos herumgewandert war, fand ich mich plötzlich in derselben Straße
wieder, in der ich nun Aufsehen zu erregen begann, und meine eilige Entfernung
hatte nur die Folge, daß ich auf einem neuen Umwege zum dritten Male
dahingeriet. Dann aber erfaßte mich ein Gefühl, das ich nur als unheimlich
bezeichnen kann, und ich war froh, als ich unter Verzicht auf weitere
Entdeckungsreisen auf die kürzlich von mir verlassene Piazza zurückfand.
Andere Situationen, die die unbeabsichtigte Wiederkehr mit der eben
beschriebenen gemein haben und sich in den anderen Punkten gründlich von ihr
unterscheiden, haben doch dasselbe Gefühl von Hilflosigkeit und
Unheimlichkeit zur Folge. Zum Beispiel wenn man sich im Hochwald, etwa
vom Nebel überrascht, verirrt hat und nun trotz aller Bemühungen, einen
markierten oder bekannten Weg zu finden, wiederholt zu der einen, durch eine
bestimmte Formation gekennzeichneten Stelle zurückkommt. Oder wenn man
im unbekannten, dunkeln Zimmer wandert, um die Türe oder den Lichtschalter
aufzusuchen und dabei zum xten Male mit demselben Möbelstück
zusammenstößt, eine Situation, die M a r k T w a i n allerdings durch groteske
Übertreibung in eine unwiderstehlich komische umgewandelt hat.
An einer anderen Reihe von Erfahrungen erkennen wir auch mühelos, daß es
nur das Moment der unbeabsichtigten Wiederholung ist, welches das sonst
Harmlose unheimlich macht und uns die Idee des Verhängnisvollen,
Unentrinnbaren aufdrängt, wo wir sonst nur von »Zufall« gesprochen hätten. So
ist es z. B. gewiß ein gleichgültiges Erlebnis, wenn man für seine in einer
Garderobe abgegebenen Kleider einen Schein mit einer gewissen Zahl – sagen
wir: 62 – erhält oder wenn man findet, daß die zugewiesene Schiffskabine diese
Nummer trägt. Aber dieser Eindruck ändert sich, wenn beide an sich
indifferenten Begebenheiten nahe aneinander rücken, so daß einem die Zahl 62
mehrmals an demselben Tage entgegentritt, und wenn man dann etwa gar die
Beobachtung machen sollte, daß alles, was eine Zahlenbezeichnung trägt,
Adressen, Hotelzimmer, Eisenbahnwagen u. dgl. immer wieder die nämliche
Zahl wenigstens als Bestandteil, wiederbringt. Man findet das »unheimlich« und
wer nicht stich- und hiebfest gegen die Versuchungen des Aberglaubens ist, wird
sich geneigt finden, dieser hartnäckigen Wiederkehr der einen Zahl eine geheime
Bedeutung zuzuschreiben, etwa einen Hinweis auf das ihm bestimmte
Lebensalter darin zu sehen. Oder wenn man eben mit dem Studium der Schriften des großen Physiologen E. H e r i n g beschäftigt ist, und nun wenige Tage
auseinander Briefe von zwei Personen dieses Namens aus verschiedenen
Ländern empfängt, während man bis dahin niemals mit Leuten, die so heißen, in
Beziehung getreten war. Ein geistvoller Naturforscher hat vor kurzem den
Versuch unternommen, Vorkommnisse solcher Art gewissen Gesetzen
unterzuordnen, wodurch der Eindruck des Unheimlichen aufgehoben werden
müßte. Ich getraue mich nicht zu entscheiden, ob es ihm gelungen ist[8].
Wie das Unheimliche der gleichartigen Wiederkehr aus dem infantilen
Seelenleben abzuleiten ist, kann ich hier nur andeuten und muß dafür auf eine
bereitliegende ausführliche Darstellung in anderem Zusammenhange verweisen.
Im seelisch Unbewußten läßt sich nämlich die Herrschaft eines von den
Triebregungen ausgehenden W i e d e r h o l u n g s z w a n g e s erkennen, der
wahrscheinlich von der innersten Natur der Triebe selbst abhängt, stark genug
ist, sich über das Lustprinzip hinauszusetzen, gewissen Seiten des Seelenlebens
den dämonischen Charakter verleiht, sich in den Strebungen des kleinen Kindes
noch sehr deutlich äußert und ein Stück vom Ablauf der Psychoanalyse des
Neurotikers beherrscht. Wir sind durch alle vorstehenden Erörterungen darauf
vorbereitet, daß dasjenige als unheimlich verspürt werden wird, was an diesen
inneren Wiederholungszwang mahnen kann.
Nun, denke ich aber, ist es Zeit uns von diesen immerhin schwierig zu
beurteilenden Verhältnissen abzuwenden und unzweifelhafte Fälle des
Unheimlichen aufzusuchen, von deren Analyse wir die endgültige Entscheidung
über die Geltung unserer Annahme erwarten dürfen.
Im »Ring des Polykrates« wendet sich der Gast mit Grausen, weil er merkt,
daß jeder Wunsch des Freundes sofort in Erfüllung geht, jede seiner Sorgen vom
Schicksal unverzüglich aufgehoben wird. Der Gastfreund ist ihm »unheimlich«
geworden. Die Auskunft, die er selbst gibt, daß der allzu Glückliche den Neid
der Götter zu fürchten habe, erscheint uns noch undurchsichtig, ihr Sinn ist
mythologisch verschleiert. Greifen wir darum ein anderes Beispiel aus weit
schlichteren Verhältnissen heraus: In der Krankengeschichte eines
Zwangsneurotikers[9] habe ich erzählt, daß dieser Kranke einst einen Aufenthalt
in einer Wasserheilanstalt genommen hatte, aus dem er sich eine große
Besserung holte. Er war aber so klug, diesen Erfolg nicht der Heilkraft des
Wassers, sondern der Lage seines Zimmers zuzuschreiben, welches der Kammer
einer liebenswürdigen Pflegerin unmittelbar benachbart war. Als er dann zum
zweiten Mal in diese Anstalt kam, verlangte er dasselbe Zimmer wieder, mußte
aber hören, daß dies bereits von einem alten Herrn besetzt sei und gab seinem Unmut darüber in den Worten Ausdruck: Dafür soll ihn aber der Schlag treffen.
Vierzehn Tage später erlitt der alte Herr wirklich einen Schlaganfall. Für meinen
Patienten war dies ein »unheimliches« Erlebnis. Der Eindruck des Unheimlichen
wäre noch stärker gewesen, wenn eine viel kürzere Zeit zwischen jener
Äußerung und dem Unfall gelegen wäre oder wenn der Patient über zahlreiche
ganz ähnliche Erlebnisse hätte berichten können. In der Tat war er um solche
Bestätigungen nicht verlegen, aber nicht er allein, alle Zwangsneurotiker, die ich
studiert habe, wußten Analoges von sich zu erzählen. Sie waren gar nicht
überrascht, regelmäßig der Person zu begegnen, an die sie eben – vielleicht nach
langer Pause – gedacht hatten; sie pflegten regelmäßig am Morgen einen Brief
von einem Freund zu bekommen, wenn sie am Abend vorher geäußert hatten:
Von dem hat man aber jetzt lange nichts gehört, und besonders Unglücks- oder
Todesfälle ereigneten sich nur selten, ohne eine Weile vorher durch ihre
Gedanken gehuscht zu sein. Sie pflegten diesem Sachverhalt in der
bescheidensten Weise Ausdruck zu geben, indem sie behaupteten, »Ahnungen«
zu haben, die »meistens« eintreffen.
Eine der unheimlichsten und verbreitetsten Formen des Aberglaubens ist die
Angst vor dem »bösen Blick«, welcher bei dem Hamburger Augenarzt S.
S e l i g m a n n[10] eine gründliche Behandlung gefunden hat. Die Quelle, aus
welcher diese Angst schöpft, scheint niemals verkannt worden zu sein. Wer
etwas Kostbares und doch Hinfälliges besitzt, fürchtet sich vor dem Neid der
anderen, indem er jenen Neid auf sie projiziert, den er im umgekehrten Falle
empfunden hätte. Solche Regungen verrät man durch den Blick, auch wenn man
ihnen den Ausdruck in Worten versagt, und wenn jemand durch auffällige
Kennzeichen, besonders unerwünschter Art, vor den anderen hervorsticht, traut
man ihm zu, daß sein Neid eine besondere Stärke erreichen und dann auch diese
Stärke in Wirkung umsetzen wird. Man fürchtet also eine geheime Absicht zu
schaden, und auf gewisse Anzeichen hin nimmt man an, daß dieser Absicht auch
die Kraft zu Gebote steht.
Die letzterwähnten Beispiele des Unheimlichen hängen von dem Prinzip ab,
das ich, der Anregung eines Patienten folgend, die »Allmacht der Gedanken«
benannt habe. Wir können nun nicht mehr verkennen, auf welchem Boden wir
uns befinden. Die Analyse der Fälle des Unheimlichen hat uns zur alten
Weltauffassung des A n i m i s m u s zurückgeführt, die ausgezeichnet war durch
die Erfüllung der Welt mit Menschengeistern, durch die narzißtische
Überschätzung der eigenen seelischen Vorgänge, die Allmacht der Gedanken
und die darauf aufgebaute Technik der Magie, die Zuteilung von sorgfältig abgestuften Zauberkräften an fremde Personen und Dinge (Mana), sowie durch
alle die Schöpfungen, mit denen sich der uneingeschränkte Narzißmus jener
Entwicklungsperiode gegen den unverkennbaren Einspruch der Realität zur
Wehre setzte. Es scheint, daß wir alle in unserer individuellen Entwicklung eine
diesem Animismus der Primitiven entsprechende Phase durchgemacht haben,
daß sie bei keinem von uns abgelaufen ist, ohne noch äußerungsfähige Reste und
Spuren zu hinterlassen, und daß alles, was uns heute als »unheimlich« erscheint,
die Bedingung erfüllt, daß es an diese Reste animistischer Seelentätigkeit rührt
und sie zur Äußerung anregt[11].
Hier ist nun der Platz für zwei Bemerkungen, in denen ich den wesentlichen
Inhalt dieser kleinen Untersuchung niederlegen möchte. Erstens, wenn die
psychoanalytische Theorie in der Behauptung recht hat, daß jeder Affekt einer
Gefühlsregung, gleichgültig von welcher Art, durch die Verdrängung in Angst
verwandelt wird, so muß es unter den Fällen des Ängstlichen eine Gruppe geben,
in der sich zeigen läßt, daß dies Ängstliche etwas wiederkehrendes Verdrängtes
ist. Diese Art des Ängstlichen wäre eben das Unheimliche und dabei muß es
gleichgültig sein, ob es ursprünglich selbst ängstlich war oder von einem
anderen Affekt getragen. Zweitens, wenn dies wirklich die geheime Natur des
Unheimlichen ist, so verstehen wir, daß der Sprachgebrauch das Heimliche in
seinen Gegensatz, das Unheimliche übergehen läßt (S. 302), denn dies
Unheimliche ist wirklich nichts Neues oder Fremdes, sondern etwas dem
Seelenleben von alters her Vertrautes, das ihm nur durch den Prozeß der
Verdrängung entfremdet worden ist. Die Beziehung auf die Verdrängung erhellt
uns jetzt auch die S c h e l l i n g sche Definition, das Unheimliche sei etwas, was
im Verborgenen hätte bleiben sollen und hervorgetreten ist.
Es erübrigt uns nur noch, die Einsicht, die wir gewonnen haben, an der
Erklärung einiger anderer Fälle des Unheimlichen zu erproben.
Im allerhöchsten Grade unheimlich erscheint vielen Menschen, was mit dem
Tod, mit Leichen und mit der Wiederkehr der Toten, mit Geistern und
Gespenstern zusammenhängt. Wir haben ja gehört, daß manche moderne
Sprachen unseren Ausdruck: ein unheimliches Haus gar nicht anders
wiedergeben können als durch die Umschreibung: ein Haus, in dem es spukt.
Wir hätten eigentlich unsere Untersuchung mit diesem, vielleicht stärksten
Beispiel von Unheimlichkeit beginnen können, aber wir taten es nicht, weil hier
das Unheimliche zu sehr mit dem Grauenhaften vermengt und zum Teil von ihm
gedeckt ist. Aber auf kaum einem anderen Gebiet hat sich unser Denken und
Fühlen seit den Urzeiten so wenig verändert, ist das Alte unter dünner Decke so gut erhalten geblieben, wie in unserer Beziehung zum Tode. Zwei Momente
geben für diesen Stillstand gute Auskunft: Die Stärke unserer ursprünglichen
Gefühlsreaktionen und die Unsicherheit unserer wissenschaftlichen Erkenntnis.
Unsere Biologie hat es noch nicht entscheiden können, ob der Tod das
notwendige Schicksal jedes Lebewesens oder nur ein regelmäßiger, vielleicht
aber vermeidlicher Zufall innerhalb des Lebens ist. Der Satz: alle Menschen
müssen sterben, paradiert zwar in den Lehrbüchern der Logik als Vorbild einer
allgemeinen Behauptung, aber keinem Menschen leuchtet er ein und unser
Unbewußtes hat jetzt so wenig Raum wie vormals für die Vorstellung der
eigenen Sterblichkeit. Die Religionen bestreiten noch immer der unableugbaren
Tatsache des individuellen Todes ihre Bedeutung und setzen die Existenz über
das Lebensende hinaus fort, die staatlichen Gewalten meinen die moralische
Ordnung unter den Lebenden nicht aufrecht erhalten zu können, wenn man auf
die Korrektur des Erdenlebens durch ein besseres Jenseits verzichten soll, auf
den Anschlagsäulen unserer Großstädte werden Vorträge angekündigt, welche
Belehrung spenden wollen, wie man sich mit den Seelen der Verstorbenen in
Verbindung setzen kann, und es ist unleugbar, daß mehrere der feinsten Köpfe
und schärfsten Denker unter den Männern der Wissenschaft, zumal gegen das
Ende ihrer eigenen Lebenszeit, geurteilt haben, daß es an Möglichkeiten für
solchen Verkehr nicht fehle. Da fast alle von uns in diesem Punkt noch so
denken wie die Wilden, ist es auch nicht zu verwundern, daß die primitive Angst
vor dem Toten bei uns noch so mächtig ist und bereit liegt, sich zu äußern, sowie
irgend etwas ihr entgegen kommt. Wahrscheinlich hat sie auch noch den alten
Sinn, der Tote sei zum Feind des Überlebenden geworden und beabsichtige, ihn
mit sich zu nehmen, als Genossen seiner neuen Existenz. Eher könnte man bei
dieser Unveränderlichkeit der Einstellung zum Tode fragen, wo die Bedingung
der Verdrängung bleibt, die erfordert wird, damit das Primitive als etwas
Unheimliches wiederkehren könne. Aber die besteht doch auch; offiziell glauben
die sogenannten Gebildeten nicht mehr an das Sichtbarwerden der Verstorbenen
als Seelen, haben deren Erscheinung an entlegene und selten verwirklichte
Bedingungen geknüpft, und die ursprünglich höchst zweideutige, ambivalente
Gefühlseinstellung zum Toten ist für die höheren Schichten des Seelenlebens zur
eindeutigen der Pietät abgeschwächt worden[12].
Es bedarf jetzt nur noch weniger Ergänzungen, denn mit dem Animismus,
der Magie und Zauberei, der Allmacht der Gedanken, der Beziehung zum Tode,
der unbeabsichtigten Wiederholung und dem Kastrationskomplex haben wir den
Umfang der Momente, die das Ängstliche zum Unheimlichen machen, so
ziemlich erschöpft.
Wir heißen auch einen lebenden Menschen unheimlich, und zwar dann, wenn
wir ihm böse Absichten zutrauen. Aber das reicht nicht hin, wir müssen noch
hinzutun, daß diese seine Absichten uns zu schaden sich mit Hilfe besonderer
Kräfte verwirklichen werden. Der »Gettatore«, ist ein gutes Beispiel hiefür, diese
unheimliche Gestalt des romanischen Aberglaubens, die Albrecht S c h a e f f e r
in dem Buche »J o s e f M o n t f o r t« mit poetischer Intuition und tiefem
psychoanalytischem Verständnis zu einer sympathischen Figur umgeschaffen
hat. Aber mit diesen geheimen Kräften stehen wir bereits wieder auf dem Boden
des Animismus. Die Ahnung solcher Geheimkräfte ist es, die dem frommen
Gretchen den Mephisto so unheimlich werden läßt:
»Sie ahnt, daß ich ganz sicher ein Genie,
Vielleicht sogar der Teufel bin.«
Das Unheimliche der Fallsucht, des Wahnsinns, hat denselben Ursprung. Der
Laie sieht hier die Äußerung von Kräften vor sich, die er im Nebenmenschen
nicht vermutet hat, deren Regung er aber in entlegenen Winkeln der eigenen
Persönlichkeit dunkel zu spüren vermag. Das Mittelalter hatte
konsequenterweise und psychologisch beinahe korrekt alle diese
Krankheitsäußerungen der Wirkung von Dämonen zugeschrieben. Ja, ich würde
mich nicht verwundern zu hören, daß die Psychoanalyse, die sich mit der
Aufdeckung dieser geheimen Kräfte beschäftigt, vielen Menschen darum selbst
unheimlich geworden ist. In einem Falle, als mir die Herstellung eines seit vielen
Jahren siechen Mädchens – wenn auch nicht sehr rasch – gelungen war, habe
ich's von der Mutter der für lange Zeit Geheilten selbst gehört.
Abgetrennte Glieder, ein abgehauener Kopf, eine vom Arm gelöste Hand wie
in einem Märchen von H a u f f, Füße, die für sich allein tanzen wie in dem
erwähnten Buche von A. S c h a e f f e r, haben etwas ungemein Unheimliches an
sich, besonders wenn ihnen wie im letzten Beispiel noch eine selbständige
Tätigkeit zugestanden wird. Wir wissen schon, daß diese Unheimlichkeit von der
Annäherung an den Kastrationskomplex herrührt. Manche Menschen würden die
Krone der Unheimlichkeit der Vorstellung zuweisen, scheintot begraben zu
werden. Allein die Psychoanalyse hat uns gelehrt, daß diese schreckende
Phantasie nur die Umwandlung einer anderen ist; die ursprünglich nichts
Schreckhaftes war, sondern von einer gewissen Lüsternheit getragen wurde,
nämlich der Phantasie vom Leben im Mutterleib.
Tragen wir noch etwas Allgemeines nach, was strenggenommen bereits in
unseren bisherigen Behauptungen über den Animismus und die überwundenen
Arbeitsweisen des seelischen Apparats enthalten ist, aber doch einer besonderen
Hervorhebung würdig scheint, daß es nämlich oft und leicht unheimlich wirkt,
wenn die Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit verwischt wird, wenn
etwas real vor uns hintritt, was wir bisher für phantastisch gehalten haben, wenn
ein Symbol die volle Leistung und Bedeutung des Symbolisierten übernimmt
und dergleichen mehr. Hierauf beruht auch ein gutes Stück der Unheimlichkeit,
die den magischen Praktiken anhaftet. Das Infantile daran, was auch das
Seelenleben der Neurotiker beherrscht, ist die Überbetonung der psychischen
Realität im Vergleich zur materiellen, ein Zug, welcher sich der Allmacht der
Gedanken anschließt. Mitten in der Absperrung des Weltkrieges kam eine
Nummer des englischen Magazins »Strand« in meine Hände, in der ich unter
anderen ziemlich überflüssigen Produktionen eine Erzählung las, wie ein junges
Paar eine möblierte Wohnung bezieht, in der sich ein seltsam geformter Tisch
mit holzgeschnitzten Krokodilen befindet. Gegen Abend pflegt sich dann ein
unerträglicher, charakteristischer Gestank in der Wohnung zu verbreiten, man
stolpert im Dunkeln über irgend etwas, man glaubt zu sehen, wie etwas
Undefinierbares über die Treppe huscht, kurz, man soll erraten, daß infolge der
Anwesenheit dieses Tisches gespenstische Krokodile im Hause spuken, oder daß
die hölzernen Scheusale im Dunkeln Leben bekommen oder etwas Ähnliches. Es
war eine recht einfältige Geschichte, aber ihre unheimliche Wirkung verspürte
man als ganz hervorragend.
Zum Schlusse dieser gewiß noch unvollständigen Beispielsammlung soll
eine Erfahrung aus der psychoanalytischen Arbeit erwähnt werden, die, wenn sie
nicht auf einem zufälligen Zusammentreffen beruht, die schönste Bekräftigung
unserer Auffassung des Unheimlichen mit sich bringt. Es kommt oft vor, daß
neurotische Männer erklären, das weibliche Genitale sei ihnen etwas
Unheimliches. Dieses Unheimliche ist aber der Eingang zur alten Heimat des
Menschenkindes, zur Örtlichkeit, in der jeder einmal und zuerst geweilt hat.
»Liebe ist Heimweh«, behauptet ein Scherzwort, und wenn der Träumer von
einer Örtlichkeit oder Landschaft noch im Traume denkt: Das ist mir bekannt, da
war ich schon einmal, so darf die Deutung dafür das Genitale oder den Leib der
Mutter einsetzen. Das Unheimliche ist also auch in diesem Falle das ehemals
Heimische, Altvertraute. Die Vorsilbe u n an diesem Worte ist aber die Marke
der Verdrängung.