Das Unheimliche

Sigmund Freud · Kapitel 3 von 3

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Das Unheimliche

Kapitel III

 

 

Schon während der Lektüre der vorstehenden Erörterungen werden sich

beim Leser Zweifel geregt haben, denen jetzt gestattet werden soll sich zu

sammeln und laut zu werden.

 

Es mag zutreffen, daß das Unheimliche das Heimliche-Heimische ist, das

eine Verdrängung erfahren hat und aus ihr wiedergekehrt ist, und daß alles

Unheimliche diese Bedingung erfüllt. Aber mit dieser Stoffwahl scheint das

Rätsel des Unheimlichen nicht gelöst. Unser Satz verträgt offenbar keine

Umkehrung. Nicht alles was an verdrängte Wunschregungen und überwundene

Denkweisen der individuellen Vorzeit und der Völkerurzeit mahnt, ist darum

auch unheimlich.

 

Auch wollen wir es nicht verschweigen, daß sich fast zu jedem Beispiel,

welches unseren Satz erweisen sollte, ein analoges finden läßt, das ihm

widerspricht. Die abgehauene Hand z. B. im H a u f f schen Märchen »Die

Geschichte von der abgehauenen Hand« wirkt gewiß unheimlich, was wir auf

den Kastrationskomplex zurückgeführt haben. Aber in der Erzählung des

Herodot vom Schatz des Rhampsenit läßt der Meisterdieb, den die Prinzessin bei

der Hand festhalten will, ihr die abgehauene Hand seines Bruders zurück, und

andere werden wahrscheinlich ebenso wie ich urteilen, daß dieser Zug keine

unheimliche Wirkung hervorruft. Die prompte Wunscherfüllung im »Ring des

Polykrates« wirkt auf uns sicherlich ebenso unheimlich wie auf den König von

Ägypten selbst. Aber in unseren Märchen wimmelt es von sofortigen

Wunscherfüllungen und das Unheimliche bleibt dabei aus. Im Märchen von den

drei Wünschen läßt sich die Frau durch den Wohlgeruch einer Bratwurst

verleiten zu sagen, daß sie auch so ein Würstchen haben möchte. Sofort liegt es

vor ihr auf dem Teller. Der Mann wünscht im Ärger, daß es der Vorwitzigen an

der Nase hängen möge. Flugs baumelt es an ihrer Nase. Das ist sehr

eindrucksvoll, aber nicht im geringsten unheimlich. Das Märchen stellt sich

überhaupt ganz offen auf den animistischen Standpunkt der Allmacht von

Gedanken und Wünschen, und ich wüßte doch kein echtes Märchen zu nennen,

in dem irgend etwas Unheimliches vorkäme. Wir haben gehört, daß es in hohem

Grade unheimlich wirkt, wenn leblose Dinge, Bilder, Puppen, sich beleben, aber

in den A n d e r s e n schen Märchen leben die Hausgeräte, die Möbel, der

Zinnsoldat und nichts ist vielleicht vom Unheimlichen entfernter. Auch die Belebung der schönen Statue des P y g m a l i o n wird man kaum als unheimlich

empfinden.

 

Scheintod und Wiederbelebung von Toten haben wir als sehr unheimliche

Vorstellungen kennen gelernt. Dergleichen ist aber wiederum im Märchen sehr

gewöhnlich; wer wagte es unheimlich zu nennen, wenn z. B. Schneewittchen die

Augen wieder aufschlägt? Auch die Erweckung von Toten in den

Wundergeschichten z. B. des Neuen Testaments ruft Gefühle hervor, die nichts

mit dem Unheimlichen zu tun haben. Die unbeabsichtigte Wiederkehr des

Gleichen, die uns so unzweifelhafte unheimliche Wirkungen ergeben hat, dient

doch in einer Reihe von Fällen anderen, und zwar sehr verschiedenen

Wirkungen. Wir haben schon einen Fall kennen gelernt, in dem sie als Mittel zur

Hervorrufung des komischen Gefühls gebraucht wird und könnten Beispiele

dieser Art häufen. Andere Male wirkt sie als Verstärkung u. dgl., ferner: woher

rührt die Unheimlichkeit der Stille, des Alleinseins, der Dunkelheit? Deuten

diese Momente nicht auf die Rolle der Gefahr bei der Entstehung des

Unheimlichen, wenngleich es dieselben Bedingungen sind, unter denen wir die

Kinder am häufigsten Angst äußern sehen? Und können wir wirklich das

Moment der intellektuellen Unsicherheit ganz vernachlässigen, da wir doch

seine Bedeutung für das Unheimliche des Todes zugegeben haben?

 

So müssen wir wohl bereit sein anzunehmen, daß für das Auftreten des

unheimlichen Gefühls noch andere als die von uns vorangestellten stofflichen

Bedingungen maßgebend sind. Man könnte zwar sagen, mit jener ersten

Feststellung sei das psychoanalytische Interesse am Problem des Unheimlichen

erledigt, der Rest erfordere wahrscheinlich eine ästhetische Untersuchung. Aber

damit würden wir dem Zweifel das Tor öffnen, welchen Wert unsere Einsicht in

die Herkunft des Unheimlichen vom verdrängten Heimischen eigentlich

beanspruchen darf.

 

Eine Beobachtung kann uns den Weg zur Lösung dieser Unsicherheiten

weisen. Fast alle Beispiele, die unseren Erwartungen widersprechen, sind dem

Bereich der Fiktion, der Dichtung, entnommen. Wir erhalten so einen Wink,

einen Unterschied zu machen zwischen dem Unheimlichen, das man erlebt, und

dem Unheimlichen, das man sich bloß vorstellt, oder von dem man liest.

 

Das Unheimliche des Erlebens hat weit einfachere Bedingungen, umfaßt

aber weniger zahlreiche Fälle. Ich glaube, es fügt sich ausnahmslos unserem

Lösungsversuch, läßt jedesmal die Zurückführung auf altvertrautes Verdrängtes

zu. Doch ist auch hier eine wichtige und psychologisch bedeutsame Scheidung des Materials vorzunehmen, die wir am besten an geeigneten Beispielen

erkennen werden.

 

Greifen wir das Unheimliche der Allmacht der Gedanken, der prompten

Wunscherfüllung, der geheimen schädigenden Kräfte, der Wiederkehr der Toten

heraus. Die Bedingung, unter der hier das Gefühl des Unheimlichen entsteht, ist

nicht zu verkennen. Wir – oder unsere primitiven Urahnen – haben dereinst diese

Möglichkeiten für Wirklichkeit gehalten, waren von der Realität dieser Vorgänge

überzeugt. Heute glauben wir nicht mehr daran, wir haben diese Denkweisen

ü b e r w u n d e n, aber wir fühlen uns dieser neuen Überzeugungen nicht ganz

sicher, die alten leben noch in uns fort und lauern auf Bestätigung. Sowie sich

nun etwas in unserem Leben e r e i g n e t, was diesen alten abgelegten

Überzeugungen eine Bestätigung zuzuführen scheint, haben wir das Gefühl des

Unheimlichen, zu dem man das Urteil ergänzen kann: Also ist es doch wahr, daß

man einen anderen durch den bloßen Wunsch töten kann, daß die Toten

weiterleben und an der Stätte ihrer früheren Tätigkeit sichtbar werden u. dgl.!

Wer im Gegenteile diese animistischen Überzeugungen bei sich gründlich und

endgültig erledigt hat, für den entfällt das Unheimliche dieser Art. Das

merkwürdigste Zusammentreffen von Wunsch und Erfüllung, die rätselhafteste

Wiederholung ähnlicher Erlebnisse an demselben Ort oder zum gleichen Datum,

die täuschendsten Gesichtswahrnehmungen und verdächtigsten Geräusche

werden ihn nicht irre machen, keine Angst in ihm erwecken, die man als Angst

vor dem »Unheimlichen« bezeichnen kann. Es handelt sich hier also rein um

eine Angelegenheit der Realitätsprüfung, um eine Frage der materiellen

Realität[13].

 

Anders verhält es sich mit dem Unheimlichen, das von verdrängten

infantilen Komplexen ausgeht, vom Kastrationskomplex, der

Mutterleibsphantasie usw., nur daß reale Erlebnisse, welche diese Art von

Unheimlichem erwecken, nicht sehr häufig sein können. Das Unheimliche des

Erlebens gehört zumeist der früheren Gruppe an, für die Theorie ist aber die

Unterscheidung der beiden sehr bedeutsam. Beim Unheimlichen aus infantilen

Komplexen kommt die Frage der materiellen Realität gar nicht in Betracht, die

psychische Realität tritt an deren Stelle. Es handelt sich um wirkliche

Verdrängung eines Inhaltes und um die Wiederkehr des Verdrängten, nicht um

die Aufhebung des G l a u b e n s a n d i e R e a l i t ä t dieses Inhalts. Man

könnte sagen, in dem einen Falle sei ein gewisser Vorstellungsinhalt, im anderen

der Glaube an seine (materielle) Realität verdrängt. Aber die letztere

Ausdrucksweise dehnt wahrscheinlich den Gebrauch des Terminus »Verdrängung« über seine rechtmäßigen Grenzen aus. Es ist korrekter, wenn wir

einer hier spürbaren psychologischen Differenz Rechnung tragen und den

Zustand, in dem sich die animistischen Überzeugungen des Kulturmenschen

befinden, als ein – mehr oder wenig vollkommenes – Ü b e r w u n d e n s e i n

bezeichnen. Unser Ergebnis lautete dann: Das Unheimliche des Erlebens kommt

zustande, wenn v e r d r ä n g t e infantile Komplexe durch einen Eindruck wieder

belebt werden, oder wenn ü b e r w u n d e n e primitive Überzeugungen wieder

bestätigt scheinen. Endlich darf man sich durch die Vorliebe für glatte

Erledigung und durchsichtige Darstellung nicht vom Bekenntnis abhalten lassen,

daß die beiden hier aufgestellten Arten des Unheimlichen im Erleben nicht

immer scharf zu sondern sind. Wenn man bedenkt, daß die primitiven

Überzeugungen auf das innigste mit den infantilen Komplexen

zusammenhängen und eigentlich in ihnen wurzeln, wird man sich über diese

Verwischung der Abgrenzungen nicht viel verwundern.

 

Das Unheimliche der Fiktion – der Phantasie, der Dichtung – verdient in der

Tat eine gesonderte Betrachtung. Es ist vor allem weit reichhaltiger als das

Unheimliche des Erlebens, es umfaßt dieses in seiner Gänze und dann noch

anderes, was unter den Bedingungen des Erlebens nicht vorkommt. Der

Gegensatz zwischen Verdrängtem und Überwundenem kann nicht ohne

tiefgreifende Modifikation auf das Unheimliche der Dichtung übertragen

werden, denn das Reich der Phantasie hat ja zur Voraussetzung seiner Geltung,

daß sein Inhalt von der Realitätsprüfung enthoben ist. Das paradox klingende

Ergebnis ist, d a ß i n d e r D i c h t u n g v i e l e s n i c h t u n h e i m l i c h

i s t , w a s u n h e i m l i c h w ä r e , w e n n e s s i c h i m L e b e n

e r e i g n e t e , u n d d a ß i n d e r D i c h t u n g v i e l e

M ö g l i c h k e i t e n b e s t e h e n u n h e i m l i c h e W i r k u n g e n z u

e r z i e l e n , d i e f ü r s L e b e n w e g f a l l e n.

 

Zu den vielen Freiheiten des Dichters gehört auch die, seine

Darstellungswelt nach Belieben so zu wählen, daß sie mit der uns vertrauten

Realität zusammenfällt, oder sich irgendwie von ihr entfernt. Wir folgen ihm in

jedem Falle. Die Welt des Märchens z. B. hat den Boden der Realität von

vornherein verlassen und sich offen zur Annahme der animistischen

Überzeugungen bekannt. Wunscherfüllungen, geheime Kräfte, Allmacht der

Gedanken, Belebung des Leblosen, die im Märchen ganz gewöhnlich sind,

können hier keine unheimliche Wirkung äußern, denn für die Entstehung des

unheimlichen Gefühls ist, wie wir gehört haben, der Urteilsstreit erfordert, ob

das überwundene Unglaubwürdige nicht doch real möglich ist, eine Frage, die durch die Voraussetzungen der Märchenwelt überhaupt aus dem Wege geräumt

ist. So verwirklicht das Märchen, das uns die meisten Beispiele von Widerspruch

gegen unsere Lösung des Unheimlichen geliefert hat, den zuerst erwähnten Fall,

daß im Reiche der Fiktion vieles nicht unheimlich ist, was unheimlich wirken

müßte, wenn es sich im Leben ereignete. Dazu kommen fürs Märchen noch

andere Momente, die später kurz berührt werden sollen.

 

Der Dichter kann sich auch eine Welt erschaffen haben, die minder

phantastisch als die Märchenwelt, sich von der realen doch durch die Aufnahme

von höheren geistigen Wesen, Dämonen oder Geistern Verstorbener scheidet.

Alles Unheimliche, was diesen Gestalten anhaften könnte, entfällt dann, soweit

die Voraussetzungen dieser poetischen Realität reichen. Die Seelen der

Danteschen Hölle oder die Geistererscheinungen in S h a k e s p e a r e s Hamlet,

Macbeth, Julius Caesar mögen düster und schreckhaft genug sein, aber

unheimlich sind sie im Grunde ebensowenig wie etwa die heitere Götterwelt

Homers. Wir passen unser Urteil den Bedingungen dieser vom Dichter fingierten

Realität an und behandeln Seelen, Geister und Gespenster, als wären sie

vollberechtigte Existenzen, wie wir es selbst in der materiellen Realität sind.

Auch dies ist ein Fall, in dem Unheimlichkeit erspart wird.

 

Anders nun, wenn der Dichter sich dem Anscheine nach auf den Boden der

gemeinen Realität gestellt hat. Dann übernimmt er auch alle Bedingungen, die

im Erleben für die Entstehung des unheimlichen Gefühls gelten, und alles was

im Leben unheimlich wirkt, wirkt auch so in der Dichtung. Aber in diesem Falle

kann der Dichter auch das Unheimliche weit über das im Erleben mögliche Maß

hinaus steigern und vervielfältigen, indem er solche Ereignisse vorfallen läßt, die

in der Wirklichkeit nicht oder nur sehr selten zur Erfahrung gekommen wären.

Er verrät uns dann gewissermaßen an unseren für überwunden gehaltenen

Aberglauben, er betrügt uns, indem er uns die gemeine Wirklichkeit verspricht

und dann doch über diese hinausgeht. Wir reagieren auf seine Fiktionen so, wie

wir auf eigene Erlebnisse reagiert hätten; wenn wir den Betrug merken, ist es zu

spät, der Dichter hat seine Absicht bereits erreicht, aber ich muß behaupten, er

hat keine reine Wirkung erzielt. Bei uns bleibt ein Gefühl von Unbefriedigung,

eine Art von Groll über die versuchte Täuschung, wie ich es besonders deutlich

nach der Lektüre von S c h n i t z l e r s Erzählung »Die Weissagung« und

ähnlichen mit dem Wunderbaren liebäugelnden Produktionen verspürt habe. Der

Dichter hat dann noch ein Mittel zur Verfügung, durch welches er sich dieser

unserer Auflehnung entziehen und gleichzeitig die Bedingungen für das

Erreichen seiner Absichten verbessern kann. Es besteht darin, daß er uns lange Zeit über nicht erraten läßt, welche Voraussetzungen er eigentlich für die von

ihm angenommene Welt gewählt hat, oder daß er kunstvoll und arglistig einer

solchen entscheidenden Aufklärung bis zum Ende ausweicht. Im ganzen wird

aber hier der vorhin angekündigte Fall verwirklicht, daß die Fiktion neue

Möglichkeiten des unheimlichen Gefühls erschafft, die im Erleben wegfallen

würden.

 

Alle diese Mannigfaltigkeiten beziehen sich streng genommen nur auf das

Unheimliche, das aus dem Überwundenen entsteht. Das Unheimliche aus

verdrängten Komplexen ist resistenter, es bleibt in der Dichtung – von einer

Bedingung abgesehen – ebenso unheimlich wie im Erleben. Das andere

Unheimliche, das aus dem Überwundenen, zeigt diesen Charakter im Erleben

und in der Dichtung, die sich auf den Boden der materiellen Realität stellt, kann

ihn aber in den fiktiven, vom Dichter geschaffenen Realitäten einbüßen.

 

Es ist offenkundig, daß die Freiheiten des Dichters und damit die Vorrechte

der Fiktion in der Hervorrufung und Hemmung des unheimlichen Gefühls durch

die vorstehenden Bemerkungen nicht erschöpft werden. Gegen das Erleben

verhalten wir uns im allgemeinen gleichmäßig passiv und unterliegen der

Einwirkung des Stofflichen. Für den Dichter sind wir aber in besonderer Weise

lenkbar, durch die Stimmung, in die er uns versetzt, durch die Erwartungen, die

er in uns erregt, kann er unsere Gefühlsprozesse von dem einen Erfolg ablenken

und auf einen anderen einstellen, und kann aus demselben Stoff oft sehr

verschiedenartige Wirkungen gewinnen. Dies ist alles längst bekannt und

wahrscheinlich von den berufenen Ästhetikern eingehend gewürdigt worden.

Wir sind auf dieses Gebiet der Forschung ohne rechte Absicht geführt worden,

indem wir der Versuchung nachgaben, den Widerspruch gewisser Beispiele

gegen unsere Ableitung des Unheimlichen aufzuklären. Zu einzelnen dieser

Beispiele wollen wir darum auch zurückkehren.

 

Wir fragten vorhin, warum die abgehauene Hand im Schatz der Rhampsenit

nicht unheimlich wirke wie etwa in der H a u f f schen »Geschichte von der

abgehauenen Hand«. Die Frage erscheint uns jetzt bedeutsamer, da wir die

größere Resistenz des Unheimlichen aus der Quelle verdrängter Komplexe

erkannt haben. Die Antwort ist leicht zu geben. Sie lautet, daß wir in dieser

Erzählung nicht auf die Gefühle der Prinzessin, sondern auf die überlegene

Schlauheit des »Meisterdiebes« eingestellt werden. Der Prinzessin mag das

unheimliche Gefühl dabei nicht erspart worden sein, wir wollen es selbst für

glaubhaft halten, daß sie in Ohnmacht gefallen ist, aber wir verspüren nichts

Unheimliches, denn wir versetzen uns nicht in sie, sondern in den anderen. Durch eine andere Konstellation wird uns der Eindruck des Unheimlichen in der

N e s t r o y schen Posse »Der Zerrissene« erspart, wenn der Geflüchtete, der sich

für einen Mörder hält, aus jeder Falltüre, deren Deckel er aufhebt, das

vermeintliche Gespenst des Ermordeten aufsteigen sieht und verzweifelt ausruft:

Ich hab' doch nur e i n e n umgebracht. Zu was diese gräßliche Multiplikation?

Wir kennen die Vorbedingungen dieser Szene, teilen den Irrtum des

»Zerrissenen« nicht, und darum wirkt, was für ihn unheimlich sein muß, auf uns

mit unwiderstehlicher Komik. Sogar ein »wirkliches« G e s p e n s t wie das in O.

W i l d e s Erzählung »Der Geist von Canterville« muß all seiner Ansprüche,

wenigstens Grauen zu erregen, verlustig werden, wenn der Dichter sich den

Scherz macht, es zu ironisieren und hänseln zu lassen. So unabhängig kann in

der Welt der Fiktion die Gefühlswirkung von der Stoffwahl sein. In der Welt der

Märchen sollen Angstgefühle, also auch unheimliche Gefühle überhaupt nicht

erweckt werden. Wir verstehen das und sehen darum auch über die Anlässe

hinweg, bei denen etwas Derartiges möglich wäre.

 

Von der Einsamkeit, Stille und Dunkelheit können wir nichts anderes sagen,

als daß dies wirklich die Momente sind, an welche die bei den meisten

Menschen nie ganz erlöschende Kinderangst geknüpft ist. Die psychoanalytische

Forschung hat sich mit dem Problem derselben an anderer Stelle

auseinandergesetzt.

[1] Für die nachstehenden Auszüge bin ich Herrn Dr. T h . R e i k zu Dank

verpflichtet.

 

[2] Sperrdruck (auch im folgenden) vom Referenten.

 

[3] Zur Ableitung des Namens: Coppella = Probiertiegel (die chemischen

Operationen, bei denen der Vater verunglückt); coppo = Augenhöhle (nach einer

Bemerkung von Frau Dr. Rank).

 

[4] In der Tat hat die Phantasiebearbeitung des Dichters die Elemente des

Stoffes nicht so wild herumgewirbelt, daß man ihre ursprüngliche Anordnung

nicht wiederherstellen könnte. In der Kindergeschichte stellen der Vater und

Coppelius die durch Ambivalenz in zwei Gegensätze zerlegte Vaterimago dar;

der eine droht mit der Blendung (Kastration), der andere, der gute Vater, bittet

die Augen des Kindes frei. Das von der Verdrängung am stärksten betroffene

Stück des Komplexes, der Todeswunsch gegen den bösen Vater, findet seine

Darstellung in dem Tod des guten Vaters, der dem Coppelius zur Last gelegt

wird. Diesem Väterpaar entsprechen in der späteren Lebensgeschichte des

Studenten der Professor Spalanzani und der Optiker Coppola, der Professor an

sich eine Figur der Vaterreihe, Coppola als identisch mit dem Advokaten

Coppelius erkannt. Wie sie damals zusammen am geheimnisvollen Herd

arbeiteten, so haben sie nun gemeinsam die Puppe Olimpia verfertigt; der

Professor heißt auch der Vater Olimpias. Durch diese zweimalige

Gemeinsamkeit verraten sie sich als Spaltungen der Vaterimago, d. h. sowohl

der Mechaniker als auch der Optiker sind der Vater der Olimpia wie des

Nathaniel. In der Schreckensszene der Kinderzeit hatte Coppelius, nachdem er

auf die Blendung des Kleinen verzichtet, ihm probeweise Arme und Beine

abgeschraubt, also wie ein Mechaniker an einer Puppe mit ihm gearbeitet.

Dieser sonderbare Zug, der ganz aus dem Rahmen der Sandmannvorstellung

heraustritt, bringt ein neues Äquivalent der Kastration ins Spiel; er weist aber

auch auf die innere Identität des Coppelius mit seinem späteren Widerpart, dem

Mechaniker Spalanzani hin, und bereitet uns für die Deutung der Olimpia vor.

Diese automatische Puppe kann nichts anderes sein als die Materialisation von

Nathaniels femininer Einstellung zu seinem Vater in früher Kindheit. Ihre Väter – Spalanzani und Coppola – sind ja nur neue Auflagen, Reinkarnationen, von

Nathaniels Väterpaar; die sonst unverständliche Angabe des Spalanzani, daß der

Optiker dem Nathaniel die Augen gestohlen (s. o.), um sie der Puppe

einzusetzen; gewinnt so als Beweis für die Identität von Olimpia und Nathaniel

ihre Bedeutung. Olimpia ist sozusagen ein von Nathaniel losgelöster Komplex,

der ihm als Person entgegentritt; die Beherrschung durch diesen Komplex findet

in der unsinnig zwanghaften Liebe zur Olimpia ihren Ausdruck. Wir haben das

Recht, diese Liebe eine narzißtische zu heißen, und verstehen, daß der ihr

Verfallene sich dem realen Liebesobjekt entfremdet. Wie psychologisch richtig

es aber ist, daß der durch den Kastrationskomplex an den Vater fixierte Jüngling

der Liebe zum Weibe unfähig wird, zeigen zahlreiche Krankenanalysen, deren

Inhalt zwar weniger phantastisch, aber kaum minder traurig ist als die

Geschichte des Studenten Nathaniel.

 

E. T. A. H o f f m a n n war das Kind einer unglücklichen Ehe. Als er drei

Jahre war, trennte sich der Vater von seiner kleinen Familie und lebte nie wieder

mit ihr vereint. Nach den Belegen, die E. G r i s e b a c h in der biographischen

Einleitung zu H o f f m a n n s Werken beibringt, war die Beziehung zum Vater

immer eine der wundesten Stellen in des Dichters Gefühlsleben.

 

[5] O. R a n k, Der Doppelgänger, Imago III, 1914.

 

[6] Ich glaube, wenn die Dichter klagen, daß zwei Seelen in des Menschen

Brust wohnen, und wenn die Populärpsychologen von der Spaltung des Ichs im

Menschen reden, so schwebt ihnen diese Entzweiung, der Ichpsychologie

angehörig, zwischen der kritischen Instanz und dem Ich-Rest vor und nicht die

von der Psychoanalyse aufgedeckte Gegensätzlichkeit zwischen dem Ich und

dem unbewußten Verdrängten. Der Unterschied wird allerdings dadurch

verwischt, daß sich unter dem von der Ichkritik Verworfenen zunächst die

Abkömmlinge des Verdrängten befinden.

 

[7] In der H. H. E w e r s schen Dichtung »Der Student von Prag«, von

welcher die R a n k sche Studie über den Doppelgänger ausgegangen ist, hat der

Held der Geliebten versprochen, seinen Duellgegner nicht zu töten. Auf dem

Wege zum Duellplatz begegnet ihm aber der Doppelgänger, welcher den

Nebenbuhler bereits erledigt hat.

 

[8] P. K a m m e r e r, Das Gesetz der Serie, Wien 1919.

 

[9] Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose, Jahrb. f.

Psychoanalyse, I, 1909 und Sammlung kl. Schriften, dritte Folge, 1913.

[10] S. S e l i g m a n n, Der böse Blick und Verwandtes, 2 Bände, Berlin 1910

u. 1911.

 

[11] Vgl. hiezu den Abschnitt III Animismus, Magie und Allmacht der

Gedanken in des Verf. Buch: Totem und Tabu. 1913. Dort auch die Bemerkung

(S. 19 Note): »Es scheint, daß wir den Charakter des ›Unheimlichen‹ solchen

Eindrücken verleihen, welche die Allmacht der Gedanken und die animistische

Denkweise überhaupt bestätigen wollen, während wir uns bereits im Urteil von

ihr abgewendet haben.«

 

[12] Vgl.: Das Tabu und die Ambivalenz in »Totem und Tabu«.

 

[13] Da auch das Unheimliche des Doppelgängers von dieser Gattung ist, wird

es interessant, die Wirkung zu erfahren, wenn uns einmal das Bild der eigenen

Persönlichkeit ungerufen und unvermutet entgegentritt. E. M a c h berichtet zwei

solcher Beobachtungen in der »Analyse der Empfindungen«, 1900, Seite 3. Er

erschrak das eine Mal nicht wenig, als er erkannte, daß das gesehene Gesicht das

eigene sei, das andere Mal fällte er ein sehr ungünstiges Urteil über den

anscheinend Fremden, der in seinen Omnibus einstieg, »Was steigt doch da für

ein herabgekommener Schulmeister ein«. – Ich kann ein ähnliches Abenteuer

erzählen: Ich saß allein im Abteil des Schlafwagens, als bei einem heftigeren

Ruck der Fahrtbewegung die zur anstoßenden Toilette führende Türe aufging

und ein älterer Herr im Schlafrock, die Reisemütze auf dem Kopf, bei mir

eintrat. Ich nahm an, daß er sich beim Verlassen des zwischen zwei Abteilen

befindlichen Kabinetts in der Richtung geirrt hatte und fälschlich in mein Abteil

gekommen war, sprang auf, um ihn aufzuklären, erkannte aber bald verdutzt,

daß der Eindringling mein eigenes vom Spiegel in der Verbindungstür

entworfenes Bild war. Ich weiß noch, daß mir die Erscheinung gründlich

mißfallen hatte. Anstatt also über den Doppelgänger zu erschrecken, hatten

beide – M a c h wie ich – ihn einfach nicht agnosziert. Ob aber das Mißfallen

dabei nicht doch ein Rest jener archaischen Reaktion war, die den Doppelgänger

als unheimlich empfindet?

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License. You must require such a user to return or

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and discontinue all use of and all access to other copies of

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- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any

money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the

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- You comply with all other terms of this agreement for free

distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain works in creating the Project Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic works, and the medium on which they may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by your equipment.

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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of electronic works in formats readable by the widest variety of computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will remain freely available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.

 

Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information can be found at the Foundation's web site and official page at http://pglaf.org

For additional contact information:

Dr. Gregory B. Newby

Chief Executive and Director

gbnewby@pglaf.org

 

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide spread public support and donations to carry out its mission of increasing the number of public domain and licensed works that can be freely distributed in machine readable form accessible by the widest array of equipment including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating charities and charitable donations in all 50 states of the United States. Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these requirements. We do not solicit donations in locations where we have not received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make any statements concerning tax treatment of donations received from outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including including checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit: http://pglaf.org/donate

 

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be freely shared with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

 

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

 

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

http://www.gutenberg.net

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, including how to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.