Der ewige Mensch, Drama in Christo

Alfred Brust · Kapitel 3 von 6

PDF-Seiten

Der ewige Mensch, Drama in Christo

2. Akt

Die Stadt. Ein freier Platz. Im Hintergrunde eine Reihe Häuser.

 

SAAT

(steht im Vordergrunde, die Hände in den Taschen und blickt zu Boden).

 

WACHTLER

(kommt. Ein altes Männchen mit listigen Augen voller Neugierde. Er bleibt dicht bei Saat stehn und

betrachtet ihn mit großer Aufmerksamkeit) :

Ehemmhemm!!

 

SAAT (sieht sich schnell um).

 

WACHTLER:

So macht man sich bemerkbar. Ja — sehn Sie, Herr.

 

SAAT

(wendet sich ihm voll zu und blickt ihn fragend an).

 

WACHTLER:

Ich heiße Wachtler. Sie sind ganz fremd in der Stadt, wie ich sehe.

 

SAAT:

Wie können Sie das wissen? Die Stadt ist doch sehr groß.

 

WACHTLER:

Ja — die Stadt ist groß, aber die Menschen sind klein. Je größer die Stadt, desto

kleiner die Menschen. Aber trotzdem: ich weiß alles. Es ist geradezu

beängstigend was ich alles weiß. Es gibt in allen Städten Menschen, die immer

alles wissen! Alles!

 

SAAT:

Zum Beispiel ... Ich verstehe gar nicht.

WACHTLER:

Ja — es ist heute sehr aufregend in unserer Stadt. Von dem Skandal in der

Kirche hörten Sie wohl! Nicht? Der heilige Cordatus hat da den Gottesdienst

gestört, den Pfarrer von der Kanzel vertrieben und ein Viertelstündchen selber

gepredigt, wovon die Leute alle außerordentlich erbaut waren.

 

SAAT:

Cordatus?

 

WACHTLER:

Ja — Sie warten doch hier auf ihn, wie ich sehe. Warten Sie nur, es dauert nicht

mehr lange, so wird er dort um die Ecke kommen.

 

SAAT:

Cordatus?

 

WACHTLER:

Ja doch, sage ich Ihnen. Jetzt ist er noch in den Herbergen, kleinen Kneipen und

Diebesspelunken herum, wo die Verbrecher und Betrüger, die Armseligen und

Bedrängten und schlimmen Leute ihre Zeit fristen. Die Bürger dieser Stadt

behaupten, er lehre diesen zweifelhaften Wesen das lichtscheue Handwerk —

aber ich glaube nicht, was die Bürger sagen.

 

SAAT:

Und Sie warten hier auch auf Cordatus?

 

WACHTLER:

Ja — er wird dort an der Ecke stehn bleiben und jedem Menschen, der es will,

eine wichtige Lebensfrage beantworten. O — die jungen Mädchen und Frauen

bedrängen ihn dann sehr. Und die alten Weiber sitzen herum und weinen.

 

SAAT:

Und die Männer wollen nichts von ihm wissen ...

 

WACHTLER:

Hm! Wissen Sie, das ist anders. Die Männer suchen ihn lieber insgeheim auf.

Öffentlich sind sie ihm nicht wohlgesonnen.

 

TIOMA BETTY

(eine schöne stattliche Dame geht, mit den Augen in der Ferne suchend, vorüber).

WACHTLER (blinzelt Saat zu):

Das ist Tioma Betty, unserer Stadt Immerbeweger, eine heiße Hübscherin; aber

seit vier Wochen keusch und züchtig. Sie muß ein Gelübde abgelegt haben.

Wem? das werde ich in einer Stunde erfahren. — Ha! Jetzt wird es lebendig!

 

SAAT:

Ich sehe nichts.

 

WACHTLER:

Nein, Herr! Sie sehen nichts. Aber ich sehe dort den Polizeigewaltigen unserer

Stadt hin und her spazieren. Der vornehme Herr dort, der sich den blauen

Himmel besieht. Er heißt Festus, wissen Sie, Festus, wie der Landpfleger in der

Apostelgeschichte, dem sich Paulus zu verantworten hatte. Ja — Festus.

 

SAAT (vorsichtig):

Was soll denn das da geben?

 

WACHTLER (mit prüfendem Blick):

Das kann eine ganz besondere Geschichte sein. Aber ich glaube nicht, daß es die

besondere Geschichte ist. Dazu ist es noch zu frühe. Dieser Festus ist jedoch

dem heiligen Cordatus wohlgewogen. Dessen Vater ist nämlich, müssen Sie

wissen, der reichste Mann in der Stadt.

 

SAAT (erstaunt):

Sein Vater lebt in dieser Stadt?

 

WACHTLER:

Ehemm! Ja. Lebt. Hat gelebt ist wohl richtiger. Aber das weiß noch kein

Mensch, daß dieser Vater schon gelebt hat.

 

SAAT:

Jetzt verstehe ich Sie gar nicht.

 

WACHTLER:

Das will ich meinen. Sie wissen nichts. Sie sind ja fremd hier. Aber deshalb will

ich’s Ihnen gern sagen. Dieser Vater ist heute früh im wilden Stadtwald mit

einem Beile erschlagen worden.

 

SAAT (schreit wie gelähmt):

Sein Vater! Das ist ja gar nicht möglich!! Herr!! Hören Sie doch! (Er greift ihn an.)

WACHTLER:

Werden Sie nicht so auffällig, junger Mann. Sehen Sie dort: der Festus ist schon

aufmerksam. Ja — man muß immer vorsichtig sein. Aber bleiben Sie ganz ruhig.

Ich werde nichts sagen. Das tue ich nie. Ich schaue nur immer zu und weiß von

nichts. So werde ich nie hineingezogen. Das nenne ich Leben! Man wird die

Leiche finden; dann wird man mit allen Errungenschaften der Kriminalistik nach

dem Verbrecher forschen. Wissen Sie, so vom Mord bis zur Hinrichtung den

ganzen Werdegang einer Sache, die man im voraus mit allen Finessen kennt, zu

beobachten, ist außerordentlich wohltuend. Aber um Gotteswillen, beruhigen Sie

sich doch, Herr! Ich bin in der Tat wie das Grab.

 

SAAT

(versucht es, schnell fortzugehn, schwankt aber hin und her und kommt schließlich nur langsam vom

Platze).

 

WACHTLER (sieht ihm eifrig nach):

Sehr — spannend — ja —. Da kommt auch Cordatus.

(Stolpert mit kleinen Schritten hinterdrein.)

 

DIE VERKETTETEN

(ein Mann und eine Frau, kommen. Der Mann geht rechts und die Frau links. Sie sind, nicht sichtbar, unten

am Handgelenk durch eine Kette verbunden).

 

DER MANN:

Ich will von dem Menschen nichts wissen. Komm fort, wir gehn hinaus auf die

Felder.

 

DIE FRAU (klagend):

Du bereitest mir niemals eine Freude, niemals! Und besonders dann nicht, wenn

ich dich um etwas bitte.

 

DER MANN:

Aber Kind, sieh hin. Er ist ein Hanswurst. Nichts weiter.

 

DIE FRAU (dem Weinen nahe):

Was ich für heilig ansehe, das trittst du mit Füßen. Und du bringst mich soweit,

daß ich verrückt werde an deiner Seite. Das willst du auch, scheint mir, nur

erreichen.

 

DER MANN:

Weshalb denn haben wir uns nur durch die Stahlkette so zusammengeschlossen,

und weshalb ließ ich dich nur den Schlüssel ins Wasser werfen?

 

DIE FRAU:

So schnell bereust du das? Doch ja — ich bereue es auch schon.

 

DER MANN:

Ich glaube, wir sind beide verrückt gewesen. Denn wir können uns ja nicht

einmal entkleiden!

 

DIE FRAU (weinend):

Wir müssen zu einem Schlosser gehn und uns trennen lassen. O — wie ich mich

schäme, denn dann weiß es die ganze Stadt.

 

DER MANN:

Und doch war es nur deine Eifersucht, die diesen Unsinn verursachte.

 

DIE FRAU:

Reiß mich nicht so! Sieh doch, wie wund mich die Kette gescheuert hat!

 

DER MANN:

Ja — es ist schmerzhaft, aber du hast es gewollt!

 

DIE FRAU:

Aber deine Augen schimmerten vor Seligkeit, als ich es wollte.

 

DER MANN:

Die Ketten sind das Unbedachtsame hinieden.

 

CORDATUS

(tritt barhäuptig auf. Ihm folgen Steilzack, ebenfalls barhäuptig, Wachtler und eine Reihe von Leuten

beiderlei Geschlechts, wie man in einer Stadt einem Sonderlinge neugierig folgt).

 

FESTUS

(tritt ebenfalls auf. Ein vornehmer, schöner Mann in Zylinderhut und Gehrockanzug. Er bleibt abseits von

den anderen stehn).

 

DIE VERKETTETEN

(drücken sich nach dem Hintergrunde. Der Mann versucht, die Frau fortzuziehn, aber die Frau zwingt ihn

durch Widerstand, zu bleiben).

DER MANN (gereizt):

Der Mensch ist doch betrunken! Siehst du das nicht?

 

CORDATUS (hört es):

Ja — ich trank Wein. Ich trank guten Wein, sehr viel. Hat euch Christus nicht

gelehrt Wein zu trinken? Er tat’s. Und indem er’s tat, lehrte er euch zugleich das

Geheimnis des Weins. Aber ihr habt’s nicht begriffen. Ich aber, ich begriff es;

denn ich bin der ewige Mensch.

 

DER MANN:

Das ist doch unerhört, was er da spricht! Da müßte doch die Polizei einschreiten!

(Unwilliges Gemurmel.) Das hätte schon längst geschehen müssen. Aber die Bürger

fürchten das Verbrechergesindel, unter dessen Schutz er steht.

 

CORDATUS:

Schuld und Sünde sind Bewegungen auf der Straße zur Vollendung, zur

Vollendung des Sünders und zur Vollendung der Welt. Schafft eure bürgerlichen

Gesetze ab, so gibt es keine Sünde mehr.

 

DER MANN (in höchster Erregung):

Das ist ein Skandal!

 

CORDATUS:

Und diese Schuld, das Verbrechen, kommt aus denselben Gesetzen, durch

welche Sonne, Mond und Sterne bewegt werden und durch welche die

Menschen angehalten werden, Gutes zu tun. Christus hat das verschwiegen. Und

er hat noch vieles verschwiegen, wie es überhaupt besser ist, viele Dinge auf

Erden den Menschen zu verschweigen. Aber eben dadurch hat er ein Feuer

angezündet, das brennt noch immer. Schwert und Zwietracht ist er gewesen bis

nun.

 

JEMAND AUS DEM VOLKE:

Und auch du verschweigst?

 

CORDATUS:

Ja — ich verschweige. Doch ich werde noch einmal alles aussprechen; denn ich

bin vom Geist der Wahrheit, der noch nicht gekommen ist.

 

FESTUS (laut):

Paulus, du rasest. Die große Kunst macht dich rasend.

CORDATUS (versteht und lächelt):

Mein teurer Festus, ich rase nicht, sondern ich rede wahre und vernünftige

Worte.

 

FESTUS (im Abgehen):

Dieser Mensch hat nichts getan.

 

CORDATUS:

Seht, ich lehre euch die Freude und nicht das Trübe in der Liebe.

 

STEILZACK:

Jede Freude hat ein Loch.

 

CORDATUS (begeistert):

Aber neben dem Loche, da ist es heil!

 

STEILZACK (rauh):

Neben dem Loche ist es heil.

 

SAAT

(stürzt blutleer schwankend in die Szene und fällt, die Hände erhoben, vor Cordatus nieder):

Ich bin’s!! Ich bin’s!!!

 

CORDATUS:

Warum denn, lieber Freund? Man muß das Schicksal niemals drängen!

 

SAAT

(erhebt sich fassungslos und wankt zurück mit riesengroßen Augen auf Cordatus):

Das — ist — ein — Idiot!

 

STEILZACK (schnell ab).

 

CORDATUS (erschüttert).

 

TIOMA BETTY

(ist gekommen, geht auf Cordatus zu und spricht mit leiser Stimme):

Du hast Tränen, Geliebter!

 

CORDATUS (legt die Hand auf sie und sagt fest):

Der Tau ist des Regens Hirte!

(Er geht.)

(Das Volk ist bestürzt und bewegt.)