Der ewige Mensch, Drama in Christo

Alfred Brust · Kapitel 4 von 6

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Der ewige Mensch, Drama in Christo

3. Akt

Abend. Die Wohnung des Cordatus.

 

CORDATUS

(sitzt in seiner Ecke auf dem Fußboden und sinnt).

 

TIOMA BETTY

(tritt ein. Sie hat ein Tuch um den Kopf) :

Hier wohnst du, Freund!

 

CORDATUS:

Ja — es ist eine gute Wohnung. Laß sie dir gefallen, Tioma Betty.

 

TIOMA BETTY:

Und du hast keinen Stuhl und keinen Tisch.

 

CORDATUS (weist auf den Fußboden):

Das ist mein Stuhl und mein Tisch.

 

TIOMA BETTY

Aber wenn du schreiben willst, Geliebter ...

 

CORDATUS:

Ich schreibe nie: denken und manchmal reden: das ist Lebenssinn. Und so du

keinen Gegenstand besitzest, wird er dir nicht Ärger und Verdruß bereiten.

 

TIOMA BETTY:

Und wo werden wir schlafen?

 

CORDATUS:

Dies ist mein Bett, und das ist dein Bett, Tioma Betty. (Er zeigt in verschiedene Ecken des

Raumes.) Wir wollen uns zur Ruhe legen.

 

TIOMA BETTY:

Und weshalb habe ich mich so geschmückt?

 

CORDATUS (legt sich nieder):

Ich bin dein Bräutigam, Tioma Betty. Und du bist die hochzeitliche Braut.

 

TIOMA BETTY:

Und so sollen wir leben bis ans Ende unserer Tage?!

 

CORDATUS:

Du wirst keine Sorge haben.

 

TIOMA BETTY:

Aber was werden wir essen? Welches ist deine Arbeit, die dir Nahrung schafft?

 

CORDATUS:

Es ist für den Geist besser, daß der Körper von Wasser und Brot lebe und nichts

tue, als zu fressen und zu saufen und dabei stündlich beschäftigt zu sein und

Mißbrauch der Gliedmaßen zu treiben.

 

TIOMA BETTY (ganz verlassen):

Und ich soll mich in diese Ecke legen ...

 

CORDATUS:

Du wirst müde sein, Tioma Betty.

 

TIOMA BETTY:

Aber nein, Geliebter. Ich bin gar nicht müde. Ich setze mich zu dir, und du

sprichst.

 

CORDATUS:

Du wirst müde sein, Tioma Betty.

 

TIOMA BETTY (betrübt):

Wenn du es sagst ...

(Sie setzt sich in ihre Ecke und legt sich dann nieder.)

Du hast auch kein Licht, Geliebter!

 

CORDATUS:

Hüte dich vor der Dämmerung, aber liebe das Dunkel; dann kommen die ruhigen

Rinder mit riesigen Hörnern.

(Schweigen.)

TIOMA BETTY (aufrecht):

Ich kann so nicht schlafen ..... Ich kann nicht! ..... Hörst du!

(Schweigen.)

 

CORDATUS:

Steh auf, Tioma Betty. Das Bett ist gut. Es ist das Bett der ganz Glücklichen.

Aber ich will, bis du’s kannst, noch dein Kissen sein. Komm her und lagere

deinen Kopf auf meiner Brust.

 

TIOMA BETTY (geht schweigend zu ihm).

 

CORDATUS:

Du schweigst, und es ist gut, daß du das tust. Man muß sehr viel schweigen auf

dieser Welt.

 

TIOMA BETTY

(kniet vor ihm nieder und legt sich hin, den Kopf auf seiner Brust.)

 

CORDATUS:

Tioma Betty, hast du mich lieb?

 

TIOMA BETTY:

Ich wäre nicht hier.

 

CORDATUS:

Schlafe.

(Schweigen.)

 

CORDATUS:

Wenn du mich lieb hast, Tioma Betty, — schlafe ...

 

TAMARA (kommt behutsam):

Ich hab ein Tier im Bauch. Schneid mir doch das Tier aus dem Bauch!

 

CORDATUS:

Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts.

 

TIOMA BETTY

(fährt in wahnsinniger Angst wild auf und schreit unterdrückt):

Cordatus! —

CORDATUS:

Wenn du mich lieb hast, Tioma Betty, — schlafe.

 

TIOMA BETTY

(legt ihr Gesicht wimmernd auf seine Brust).

 

TAMARA

(legt sich in die andere Ecke, richtet sich auf, legt sich wieder hin) :

Und es zuckt und es wühlt und es windet! Wenn ich nur wüßt, welch ein Tier das

ist!

 

CORDATUS:

Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts.

 

TIOMA BETTY (weint krampfhaft).

 

CORDATUS:

Wenn du mich lieb hast, Tioma Betty, — schlafe ...