Der ewige Mensch, Drama in Christo
4. Akt
Nächster Morgen. Berggipfel.
CORDATUS
(barhäuptig, hingestreckt, blickt in die Ferne) .
TIOMA BETTY
(kommt leise und bleibt hinter ihm stehn) :
Ein schöner Tag.
CORDATUS:
Ehe die Sonne hinunter ist, wirst du vor Tränen ermattet sein.
TIOMA BETTY:
Warum?
CORDATUS (blickt nach ihr):
Du hast ein Buch?
TIOMA BETTY:
Ja — ein Buch. Steilzack hat deine Aussprüche gesammelt und sie
niedergeschrieben. Das ist nun „Das Cordatum“.
CORDATUS
(nimmt das Buch, aber sieht es nicht an) :
Bücher schreiben ist eine unsittliche Handlung. Ein Buch ist immer ein
unanständig Ding. Das Lesen von Büchern aber ist das Schlimmste, denn das ist
eine verkehrte Befleckung. (Er wirft es hinaus.) Da fällt’s in die Schlucht. Dort mag’s
bleiben. Was ich gesprochen habe, das lebt. Man soll’s nicht sargen.
DER DICHTER
(tritt auf, barhäuptig, achtzigjährig. Tolstoi-Maske):
Es ist gut, daß ich dir begegne auf meinem letzten Wege.
CORDATUS:
Ich habe nichts mit dir zu schaffen, Greis; denn du bist ein Abtrünniger,
wenngleich die Armen und Bedrängten dich preisen und das ganze Volk vor
deinem Dichtwerk auf den Knien liegt.
DER DICHTER:
Ich weiß, daß ich gefehlt habe, und deshalb gehe ich meinen letzten Weg.
CORDATUS:
Wohin führt es dich?
DER DICHTER:
Fort von den Meinen. Das ist es!
CORDATUS:
Ich will dein Strafer und dein Tröster sein.
DER DICHTER:
Du strafst auch? Ich glaubte, du könntest nur lieben.
CORDATUS:
Die Geistigschwachen und die Hundsköpfigen und die Schweinsohrigen, die
Schafsäugigen und die Kotschnäuzigen und die Eselsköpfigen — ja — die liebe
ich, Greis. Aber die da geistig stark sind und die Mißbrauch mit dem Geiste
treiben, die strafe ich.
DER DICHTER:
Ich weiß vor meinem Gott, daß ich nicht Mißbrauch des Geistes getrieben habe.
CORDATUS:
Aber die Kobolde und nächtlichen Herzdrücker gingen doch nicht von deiner
Brust, denn du hast den ewigen Menschen verraten.
DER DICHTER:
Verraten habe ich ihn nicht!
CORDATUS:
So nenne mir das oberste Gesetz.
DER DICHTER:
Geh hin und verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen!
CORDATUS:
Das hast du getan?
DER DICHTER:
Ja — soweit ich nur konnte. Und ich hab keine Schätze gesammelt.
CORDATUS:
Eines aber, reicher Jüngling, hast du mißachtet: „Folge mir nach!“ — Das tatest
du nicht. Du bliebst bei den Deinen. Und so ist dein halbes Christentum
schlimmer als ein ganzes Heidentum. Denn ein halbes Christentum ist keine
Religion, aber ein ganzes Heidentum ist Religion. Das Ganze ist immer die
Wahrheit.
DER DICHTER (klagend):
Ich sagte dir: ich gehe meinen letzten Weg. Denn nun habe ich auch die Meinen
verlassen.
CORDATUS:
Ja — es ist dein letzter Weg. Denn du wirst sterben noch in dieser Nacht. Was du
von diesem Morgen des Entschlusses bis zu dieser Nacht tust, das allein ist
lebendig von dir zu ihm.
DER DICHTER:
Und das Kreutzerwerk, und das Evangelium, und das ganze Werk meiner achtzig
Jahre?
CORDATUS:
Das wird vergessen werden, Greis. Denn du hast dies alles gewußt und bist feige
gewesen. Die geübte Liebe wird leben, die geschriebene Liebe aber wird
zuschanden werden.
DER DICHTER (weint).
CORDATUS:
Du hast gewußt: es kann der Mensch auf dieser Welt gar nicht einsam genug
sein. Du glichst bis nun der Jungfrau, die da glaubt, ein Tier im Bauch zu haben.
DER DICHTER:
So sage mir! Kann man auf Erden Christus werden?
CORDATUS:
Man kann es. Und wenn man es kann, dann soll man es.
DER DICHTER:
Bist du Christus?
CORDATUS:
Du sagst es.
DER DICHTER:
So laß mich mit dir beten!
CORDATUS:
Ich bete nie!
DER DICHTER (laut weinend):
Bist du Christus?
CORDATUS:
Ich bin’s. Und du gehst jetzt hin, um es sterbend zu werden. Ja — das sei dein
Trost! Du bist einen Tag in deinem Leben Christus gewesen ... Zieh hin ...
DER DICHTER (geht).
TIOMA BETTY:
Du bist hart.
CORDATUS:
Er wird gut schlafen.
TIOMA BETTY:
Mausche Michel kommt über den Berg.
CORDATUS:
Ich liebe ihn. Es gibt überall auf der Welt ein paar Gestalten, die jeder kennt,
weil sie außerhalb aller bürgerlichen Einrichtungen leben, und die deshalb
verlacht werden. Diese Gestalten liebe ich, denn irgendwie verkörpern sie die
Sehnsucht der Menschen.
MAUSCHE MICHEL
(kommt unglaublich zerrissen. Er trägt einen langen, grauen Bart. In der Hand hält er einen langen Pfahl als
Stock. Über der Schulter liegt ein Sack):
A guten Tag.
CORDATUS:
Wohin, Mausche Michel?
MAUSCHE MICHEL:
Nu, lieber Freind, ich komm fragen, ob Ihr eppes bedarft: e Hemed, e Röck oder
Schich ...
CORDATUS:
Ich brauche nichts, Mausche. Auch hab ich, wie Ihr wißt, kein Geld.
MAUSCHE:
Ich brauch kein Geld nit vun Eich. Ihr seid a guter Menß ... (Lächelnd:) Aber der
Messias seid Ihr doch nit.
CORDATUS:
Was kommt’s drauf an? Das Rad muß einen Stoß bekommen, wenn’s
auszurollen droht!
MAUSCHE MICHEL:
Wos kimmern sich die Menßen ...
CORDATUS:
Wenn’s nicht tausend sind, dann sind’s hundert, und wenn’s nicht hundert sind,
dann sind’s zehn. Und wenn’s einer lernt: der Schmerz ist das Glück und der
Sender weiß und leide mit Liebe, dann ist es genug. Es gibt nur ein
Himmelsgebirge, Mausche Michel, nur eins!
MAUSCHE MICHEL:
Ihr seid a großer Gelernter. Recht habt Ihr.
(Er geht.)
CORDATUS (zu Tioma Betty):
Vergiß das nicht: auch die größten Christen waren Juden.
TAMARA (kommt wiegenden Schritts):
Ich hab ein Tier im Bauch. Schneid mir doch das Tier aus dem Bauch.
CORDATUS (schweigt).
TAMARA (zögernd):
Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts. (Sie erschrickt).
TIOMA BETTY (erhebt).
TAMARA (geht langsam vorüber):
Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts.
CORDATUS (erhebt sich):
Nein — es ist nichts. — Laß uns zu Tale steigen. Die Menschen rühren sich in
den Niederungen.
TIOMA BETTY:
Ich fürchte mich vor den Tälern der Menschen.
CORDATUS:
Bleibe auf dem Gipfel. (Er geht schnell ab).
TIOMA BETTY (folgt ihm langsam, erstaunt).
STEILZACK
(kommt mit mehreren Männern, darunter Saat und der verkettete Mann) :
Dort geht er hinunter. Und die Stadthure folgt ihm in der Entfernung.
DER VERKETTETE MANN:
Am Steinbruch können wir ihn erreichen.
SAAT:
Ja — am Steinbruch.
STEILZACK:
Kommt.
(Sie gehen.)
SAAT
(bleibt plötzlich zurück, wankt hin und her, fällt in die Knie und zittert heftig. Dann faltet er die Hände
empor und ächzt) :
Es haben größere Menschen als ich an Gott geglaubt, größere Menschen!
Weshalb gabst du mir, Gott, Eigenschaften, die mich schuldig werden lassen
mußten!!!
WACHTLER (kommt angetrippelt):
Ja — mein Freund, die Reue ist etwas Verspätetes.
SAAT
(springt in heftiger Aufwallung hoch):
Stören Sie mich nicht, Mann!
WACHTLER:
Und nun wollen sie den heiligen Cordatus steinigen! Schlecht sind die
Menschen, Herr. Schlecht! Die Menschen schämen sich, und aus Scham sind sie
schlecht, sage ich Ihnen. Auch Christus wurde getötet, weil sich die Menschen
vor ihm schämten. Greulich, au-ßer-or-dent-lich greulich!!! Haben Sie
verstanden?!! —
SAAT (weicht zurück):
Ich weiß nicht — — —
WACHTLER (mit steigender Erregung):
Aber dann kommt das Gesetz, Bursche, hörst du, das Gesetz! Und dann werdet
ihr gestraft, nicht weil ihr dies oder jenes getan habt, das tun bessere Menschen
auch, sondern weil ihr es verludert habt, das Gute und die Liebe in den Dingen
zu suchen. Und du stehst vor einem unbegreifbaren Gericht, schweißig, naß wie
ein Lamm, das von hinten gesogen hat! Ja — die Frucht wollt ihr nicht, aber die
Wollust darf euch nicht genommen werden. Dafür schwebt stündlich das Beil
des Henkers über euch. Und einmal fällt es ganz plötzlich! Ihr aber könnt nicht
mehr den letzten Gang des Menschen zum Topfe machen. Ihr könnt euch nicht
verstecken, wie die Tiere und Vögel es tun, wenn sie sterben. Ihr seid verurteilt,
mit Kot in den Hosen vor sittsamer Leute Augen zu verrecken! Dann wird euch
das Wort fehlen, das jener, den ihr dort mit Steinen totschlagt, gelehrt hat: Leide
mit Liebe!! — Leide mit Liebe!!! — — — Ich bin ein Faun, ja — aber dann ist
im Faun Liebe und natürliche Kraft!
SAAT
(steht vernichtet. Nach einer Weile):
Der — Leichnam ist noch immer nicht gefunden worden.
WACHTLER (unheimlich):
Nein — hier — ist er — Bube!
DER VATER
(tritt auf. Die Stirn ist hochgeschwollen, die Haut in der Mitte geplatzt. Das Gesicht ist mit geronnenem
Blut bedeckt. Zwei irre Augen stieren umher).
SAAT
(steif wie eine Säule, streckt er beide Arme ganz steil aufwärts).
WACHTLER
(steht gespannt in schiefster Haltung):
Der Körper lebt. Nur der Geist ist tot.
(Des Vaters Augen bleiben plötzlich auf Saat sitzen und werden immer größer.)
DER VATER (mit ruhiger Verwunderung):
Herr Jesus, das ist er ja ... Herr Jesus, das ist er ja!
(Er zuckt zusammen, streckt beide Hände wie zur Abwehr weit vor sich und schreit) :
Das Beil!!!
(Dann läßt er die Arme sinken. Eine Welle Wut rinnt über ihn.)
SAAT
(stößt ein unmenschliches Geheul aus, einem Wolfsgeheul ähnlich. So stürzt er schwankend davon).
DER VATER
(folgt ihm mit taumelnden Schritten).
WACHTLER
(sammelt alle Kräfte und sinnt in die Weite):
Ja — — — immerhin — — — spannend — — —