Der Goldene Topf

E. T. A. Hoffmann · Kapitel 1 von 12

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Der Goldene Topf

Erste Vigilie.

 

Die Unglücksfälle des Studenten Anselmus. Des Konrektors

Paulmann Sanitätsknaster und die goldgrünen Schlangen.

 

Am Himmelfahrtstage, Nachmittags um drei Uhr rannte ein junger Mensch in

Dresden durchs schwarze Tor und geradezu in einen Korb mit Äpfeln und

Kuchen hinein, die ein altes häßliches Weib feilbot, so daß Alles, was der

Quetschung glücklich entgangen, hinausgeschleudert wurde, und die

Straßenjungen sich lustig in die Beute teilten, die ihnen der hastige Herr

zugeworfen. Auf das Zetergeschrei, das die Alte erhob, verließen die

Gevatterinnen ihre Kuchen- und Branntweintische, umringten den jungen

Menschen und schimpften mit pöbelhaftem Ungestüm auf ihn hinein, so daß er,

vor Ärger und Scham verstummend, nur seinen kleinen nicht eben besonders

gefüllten Geldbeutel hinhielt, den die Alte begierig ergriff und schnell einsteckte.

Nun öffnete sich der festgeschlossene Kreis, aber indem der junge Mensch

hinausschoß, rief ihm die Alte nach: Ja, renne — renne nur zu, Satanskind — ins

Kristall bald Dein Fall — ins Kristall! — Die gellende, krächzende Stimme des

Weibes hatte etwas Entsetzliches, so daß die Spaziergänger verwundert still

standen, und das Lachen, das sich erst verbreitet, mit einem Mal verstummte. —

Der Student Anselmus (niemand anders war der junge Mensch) fühlte sich,

unerachtet er des Weibes sonderbare Worte durchaus nicht verstand, von einem

unwillkürlichen Grausen ergriffen, und er beflügelte noch mehr seine Schritte,

um sich den auf ihn gerichteten Blicken der neugierigen Menge zu entziehen.

Wie er sich nun durch das Gewühl geputzter Menschen durcharbeitete, hörte er

überall murmeln: »Der arme junge Mann — ei! über das verdammte Weib!« —

Auf ganz sonderbare Weise hatten die geheimnisvollen Worte der Alten dem

lächerlichen Abenteuer eine gewisse tragische Wendung gegeben, so daß man

dem vorhin ganz Unbemerkten jetzt teilnehmend nachsah. Die Frauenzimmer

verziehen dem wohlgebildeten Gesichte, dessen Ausdruck die Glut des innern

Grimms noch erhöhte, so wie dem kräftigen Wuchse des Jünglings alles

Ungeschick, so wie den ganz außer dem Gebiete aller Mode liegenden Anzug.

Sein hechtgrauer Frack war nämlich so zugeschnitten, als habe der Schneider,

der ihn gearbeitet, die moderne Form nur vom Hörensagen gekannt, und das

schwarzatlasne wohlgeschonte Unterkleid gab dem Ganzen einen gewissen

magistermäßigen Stil, dem sich nun wieder Gang und Stellung durchaus nicht fügen wollte. — Als der Student schon beinahe das Ende der Allee erreicht, die

nach dem Linkschen Bade führt, wollte ihm beinahe der Atem ausgehen. Er war

genötigt langsamer zu wandeln; aber kaum wagte er den Blick in die Höhe zu

richten, denn noch immer sah er die Äpfel und Kuchen um sich tanzen, und jeder

freundliche Blick dieses oder jenes Mädchens war ihm nur der Reflex des

schadenfrohen Gelächters am schwarzen Tor. So war er bis an den Eingang des

Linkschen Bades gekommen; eine Reihe festlich gekleideter Menschen nach der

andern zog herein. Musik von Blasinstrumenten ertönte von innen, und immer

lauter und lauter wurde das Gewühl der lustigen Gäste. Die Tränen wären dem

armen Studenten Anselmus beinahe in die Augen getreten; denn auch er hatte,

da der Himmelfahrtstag immer ein besonderes Familienfest für ihn gewesen, an

der Glückseligkeit des Linkschen Paradieses teilnehmen, ja er hatte es bis zu

einer halben Portion Kaffee mit Rum und einer Bouteille Doppelbier treiben

wollen, und um so recht schlampampen zu können, mehr Geld eingesteckt, als

eigentlich erlaubt und tunlich war. Und nun hatte ihn der fatale Tritt in den

Äpfelkorb um alles gebracht, was er bei sich getragen. An Kaffee, an

Doppelbier, an Musik, an den Anblick der geputzten Mädchen — kurz — an alle

geträumten Genüsse war nicht zu denken; er schlich langsam vorbei und schlug

endlich den Weg an der Elbe ein, der gerade ganz einsam war. Unter einem

Holunderbaume, der aus der Mauer hervorgesprossen, fand er ein freundliches

Rasenplätzchen; da setzte er sich hin und stopfte eine Pfeife von dem

Sanitätsknaster, den ihm sein Freund, der Konrektor Paulmann, geschenkt. —

Dicht vor ihm plätscherten und rauschten die goldgelben Wellen des schönen

Elbstroms; hinter demselben streckte das herrliche Dresden kühn und stolz seine

lichten Türme empor in den duftigen Himmelsgrund, der sich hinabsenkte auf

die blumigen Wiesen und frisch grünenden Wälder, und aus tiefer Dämmerung

gaben die zackichten Gebirge Kunde vom fernen Böhmerland. Aber finster vor

sich hinblickend blies der Student Anselmus die Dampfwolken in die Luft, und

sein Unmut wurde endlich laut, indem er sprach: »Wahr ist es doch, ich bin zu

allem möglichen Kreuz und Elend geboren! — Daß ich niemals Bohnenkönig

geworden, daß ich im Paar oder Unpaar immer falsch geraten, daß mein

Butterbrot immer auf die fette Seite gefallen, von allem diesen Jammer will ich

gar nicht reden: aber ist es nicht ein schreckliches Verhängnis, daß ich, als ich

denn doch nun dem Satan zum Trotz Student geworden war, ein Kümmeltürke

sein und bleiben mußte? — Ziehe ich wohl je einen neuen Rock an, ohne gleich

das erstemal einen Talgfleck hineinzubringen, oder mir an einem

übeleingeschlagenen Nagel ein verwünschtes Loch hineinzureißen? Grüße ich

wohl je einen Herrn Hofrat oder eine Dame, ohne den Hut weit von mir zu

schleudern, oder gar auf dem glatten Boden auszugleiten und schändlich umzustülpen? Hatte ich nicht schon in Halle jeden Markttag eine bestimmte

Ausgabe von drei bis vier Groschen für zertretene Töpfe, weil mir der Teufel in

den Kopf setzt, meinen Gang geradeaus zu nehmen, wie die Laminge? Bin ich

denn ein einziges Mal ins Kollegium, oder wo man mich sonst hinbeschieden, zu

rechter Zeit gekommen? Was half es, daß ich eine halbe Stunde vorher ausging

und mich vor die Tür hinstellte, den Drücker in der Hand? denn so wie ich mit

dem Glockenschlage aufdrücken wollte, goß mir der Satan ein Waschbecken

über den Kopf, oder ließ mich mit einem Heraustretenden zusammenrennen, daß

ich in tausend Händel verwickelt wurde und darüber Alles versäumte. — Ach!

ach! wo seid ihr hin, ihr seligen Träume künftigen Glücks, wie ich stolz wähnte,

ich könne es wohl hier noch bis zum geheimen Sekretär bringen! Aber hat mir

mein Unstern nicht die besten Gönner verfeindet? — Ich weiß, daß der geheime

Rat, an den ich empfohlen bin, verschnittenes Haar nicht leiden mag; mit Mühe

befestigt der Friseur einen kleinen Zopf an meinem Hinterhaupt, aber bei der

ersten Verbeugung springt die unglückselige Schnur, und ein munterer Mops, der

mich umschnüffelt, apportiert im Jubel das Zöpfchen dem geheimen Rate. Ich

springe erschrocken nach und stürze über den Tisch, an dem er frühstückend

gearbeitet hat, so daß Tassen, Teller, Tintenfaß, Sandbüchse klirrend

herabstürzen, und der Strom von Schokolade und Tinte sich über die eben

geschriebene Relation ergießt. Herr, sind Sie des Teufels? brüllt der erzürnte

geheime Rat und schiebt mich zur Tür hinaus. — Was hilft es, daß mir der

Konrektor Paulmann Hoffnung zu einem Schreiberdienste gemacht hat? Wird es

denn mein Unstern zulassen, der mich überall verfolgt? — Nur noch heute! —

Ich wollte den lieben Himmelfahrtstag recht in der Gemütlichkeit feiern, ich

wollte ordentlich was daraufgehen lassen. Ich hätte eben so gut wie jeder andre

Gast in Linkes Bade stolz rufen können: Marqueur — eine Flasche Doppelbier

— aber vom besten bitte ich! — Ich hätte bis spät Abends sitzen können, und

noch dazu ganz nahe bei dieser oder jener Gesellschaft herrlich geputzter

schöner Mädchen. Ich weiß es schon, der Mut wäre mir gekommen, ich wäre ein

ganz anderer Mensch geworden; ja, ich hätte es so weit gebracht, daß wenn diese

oder jene gefragt: wie spät mag es wohl jetzt sein? oder: was ist denn das, was

sie spielen? da wäre ich mit leichtem Anstande aufgesprungen, ohne mein Glas

umzuwerfen, oder über die Bank zu stolpern; mich in gebeugter Stellung

anderthalb Schritte vorwärts bewegend, hätte ich gesagt: Erlauben Sie,

Mademoiselle, Ihnen zu dienen, es ist die Ouvertüre aus dem Donauweibchen,

oder: es wird gleich sechs Uhr schlagen. — Hätte mir das ein Mensch in der

Welt übel deuten können? — Nein! sage ich, die Mädchen hätten sich so

schalkhaft lächelnd angesehen, wie es wohl zu geschehen pflegt, wenn ich mich

ermutige zu zeigen, daß ich mich auch wohl auf den leichten Weltton verstehe und mit Damen umzugehen weiß. Aber da führt mich der Satan in den

verwünschten Äpfelkorb, und nun muß ich in der Einsamkeit meinen

Sanitätsknaster — « Hier wurde der Student Anselmus in seinem

Selbstgespräche durch ein sonderbares Rieseln und Rascheln unterbrochen, das

sich dicht neben ihm im Grase erhob, bald aber in die Zweige und Blätter des

Holunderbaumes hinaufglitt, der sich über seinem Haupte wölbte. Bald war es,

als schüttle der Abendwind die Blätter, bald als kosten Vöglein in den Zweigen,

die kleinen Fittiche im mutwilligen Hin- und Herflattern rührend. Da fing es an

zu flüstern und zu lispeln, und es war als ertönten die Blüten wie aufgehangene

Kristallglöckchen. Anselmus horchte und horchte. Da wurde, er wußte selbst

nicht wie, das Gelispel und Geflüster und Geklingel zu leisen halbverwehten

Worten:

 

Zwischen durch — zwischen ein — zwischen Zweigen, zwischen

schwellenden Blüten, schwingen, schlängeln, schlingen wir uns —

Schwesterlein — Schwesterlein, schwinge dich im Schimmer —

schnell, schnell herauf — herab — Abendsonne schießt Strahlen,

zischelt der Abendwind — raschelt der Abendwind — raschelt der

Tau — Blüten singen — rühren wie Zünglein, singen wir mit Blüten

und Zweigen — Sterne bald glänzen — müssen herab — zwischen

durch, zwischen ein schlängeln, schlingen, schwingen wir uns

Schwesterlein. —

 

So ging es fort im Sinne verwirrender Rede. Der Student Anselmus dachte: das

ist denn doch nur der Abendwind, der heute mit ordentlich verständlichen

Worten flüstert. — Aber in dem Augenblick ertönte es über seinem Haupte wie

ein Dreiklang heller Kristallglocken; er schaute hinauf und erblickte drei in

grünem Gold erglänzende Schlänglein, die sich um die Zweige gewickelt hatten

und die Köpfchen der Abendsonne entgegenstreckten. Da flüsterte und lispelte

es von neuem in jenen Worten, und die Schlänglein schlüpften und kosten auf

und nieder durch die Blätter und Zweige; und wie sie sich so schnell rührten, da

war es als streue der Holunderbusch tausend funkelnde Smaragde durch seine

dunklen Blätter. Das ist die Abendsonne, die so in dem Holunderbusch spielt,

dachte der Student Anselmus: aber da ertönten die Glocken wieder und

Anselmus sah, wie eine Schlange ihr Köpfchen nach ihm herabstreckte. Durch

alle Glieder fuhr es ihm wie ein elektrischer Schlag, er erbebte im Innersten —

er starrte hinauf, und ein Paar herrliche dunkelblaue Augen blickten ihn an mit

unaussprechlicher Sehnsucht, so daß ein nie gekanntes Gefühl der höchsten

Seligkeit und des tiefsten Schmerzes seine Brust zersprengen wollte. Und wie er voll heißen Verlangens immer in die holdseligen Augen schaute, da ertönten

stärker in lieblichen Akkorden die Kristallglocken, und die funkelnden

Smaragde fielen auf ihn herab und umspannen ihn, in tausend Flämmchen um

ihn herflackernd und spielend mit schimmernden Goldfaden. Der Holunderbusch

rührte sich und sprach: »Du lagst in meinem Schatten, mein Duft umfloß Dich,

aber Du verstandest mich nicht: der Duft ist meine Sprache, wenn ihn die Liebe

entzündet.« Der Abendwind strich vorüber und sprach: »Ich umspielte Deine

Schläfe, aber Du verstandest mich nicht: der Hauch ist meine Sprache, wenn ihn

die Liebe entzündet.« Die Sonnenstrahlen brachen durch das Gewölk und der

Schein brannte wie in Worten: »Ich umgoß Dich mit glühendem Gold, aber Du

verstandest mich nicht: Glut ist meine Sprache, wenn sie die Liebe entzündet.«

 

Und immer inniger und inniger versunken in den Blick des herrlichen

Augenpaars, wurde heißer die Sehnsucht, glühender das Verlangen. Da regte und

bewegte sich alles, wie zum frohen Leben erwacht. Blumen und Blüten dufteten

um ihn her, und ihr Duft war wie herrlicher Gesang von tausend Flötenstimmen;

und was sie gesungen, trugen im Widerhall die goldenen vorüberfliehenden

Abendwolken in ferne Lande. Aber als der letzte Strahl der Sonne schnell hinter

den Bergen verschwand und nun die Dämmerung ihren Flor über die Gegend

warf, da rief, wie aus weiter Ferne, eine rauhe tiefe Stimme:

 

Hei, hei! was ist das für ein Gemunkel und Geflüster da drüben? — Hei, hei!

wer sucht mir doch den Strahl hinter den Bergen! genug gesonnt, genug

gesungen. — Hei, hei! durch Busch und Gras — durch Gras und Strom! — Hei,

— hei — Her u — u — u nter — Her u — u — u nter!

 

So verschwand die Stimme wie im Murmeln eines fernen Donners, aber die

Kristallglocken zerbrachen im schneidenden Mißton. Alles war verstummt, und

Anselmus sah, wie die drei Schlangen schimmernd und blinkend durch das Gras

nach dem Strome schlüpften; rischelnd und raschelnd stürzten sie sich in die

Elbe, und über den Wogen, wo sie verschwunden, knisterte ein grünes Feuer

empor, das in schiefer Richtung nach der Stadt zu leuchtend verdampfte.