Der Goldene Topf

E. T. A. Hoffmann · Kapitel 2 von 12

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Der Goldene Topf

Zweite Vigilie.

 

Wie der Student Anselmus für betrunken und wahnwitzig gehalten

wurde. — Die Fahrt über die Elbe. — Die Bravourarie des

Kapellmeisters Graun. Conradis Magen-Likör und das bronzierte

Äpfelweib.

 

»Der Herr ist wohl nicht recht bei Troste«, sagte eine ehrbare Bürgersfrau, die

vom Spaziergange mit der Familie heimkehrend, still stand und mit

übereinandergeschlagenen Armen dem tollen Treiben des Studenten Anselmus

zusah. Der hatte nämlich den Stamm des Holunderbaumes umfaßt und rief

unaufhörlich in die Zweige und Blätter hinein: »O nur noch einmal blinket und

leuchtet, ihr lieblichen goldnen Schlänglein, nur noch einmal laßt eure

Glockenstimmchen hören! Nur noch einmal blicket mich an, ihr holdseligen

blauen Augen, nur noch einmal, ich muß ja sonst vergehen in Schmerz und

heißer Sehnsucht!« Und dabei seufzte und ächzte er aus der tiefsten Brust recht

kläglich, und schüttelte vor Verlangen und Ungeduld den Holunderbaum, der

aber statt aller Antwort nur ganz dumpf und unvernehmlich mit den Blättern

rauschte, und so den Schmerz des Studenten Anselmus ordentlich zu verhöhnen

schien. — »Der Herr ist wohl nicht recht bei Troste,« sagte die Bürgersfrau, und

dem Anselmus war es so, als würde er aus einem tiefen Traum gerüttelt oder gar

mit eiskaltem Wasser begossen, um ja recht jähling zu erwachen. Nun sah er erst

wieder deutlich, wo er war, und besann sich, wie ein sonderbarer Spuk ihn

geneckt und gar dazu getrieben habe, ganz allein für sich selbst in laute Worte

auszubrechen. Bestürzt blickte er die Bürgersfrau an und griff endlich nach dem

Hute, der zur Erde gefallen, um davon zu eilen. Der Familienvater war

unterdessen auch herangekommen und hatte, nachdem er das Kleine, das er auf

dem Arm getragen, ins Gras gesetzt, auf seinen Stock sich stützend mit

Verwunderung dem Studenten zugehört und zugeschaut. Er hob jetzt Pfeife und

Tabaksbeutel auf, die der Student fallen lassen, und sprach, beides ihm

hinreichend: »Lamentier' der Herr nicht so schrecklich in der Finsternis, und

vexier' Er nicht die Leute, wenn ihm sonst nichts fehlt, als daß Er zu viel ins

Gläschen geguckt — geh' Er fein ordentlich zu Hause und leg' Er sich aufs

Ohr!« Der Student Anselmus schämte sich sehr, er stieß ein weinerliches Ach!

aus. — »Nun, nun«, fuhr der Bürgersmann fort, »laß es der Herr nur gut sein, so

was geschieht dem Besten, und am lieben Himmelfahrtstage kann man wohl in der Freude seines Herzens ein Schlückchen über den Durst tun.

 

Der Student

 

Das passiert auch wohl einem Manne Gottes — der Herr ist ja doch wohl ein

Kandidat. — Aber wenn es der Herr erlaubt, stopf' ich mir ein Pfeifchen von

seinem Tabak, meiner ist mir da droben ausgegangen.« Dies sagte der Bürger, als

der Student Anselmus schon Pfeife und Beutel einstecken wollte, und nun

reinigte der Bürger langsam und bedächtig seine Pfeife, und fing eben so

langsam an zu stopfen. Mehrere Bürgermädchen waren dazugetreten, die

sprachen heimlich mit der Frau und kicherten mit einander, indem sie den

Anselmus ansahen. Dem war es, als stände er auf lauter spitzigen Dornen und

glühenden Nadeln. So wie er nur Pfeife und Tabaksbeutel erhalten, rannte er

spornstreichs davon. Alles was er Wunderbares gesehen, war ihm rein aus dem

Gedächtnis geschwunden, und er besann sich nur, daß er unter dem

Holunderbaum allerlei tolles Zeug ganz laut geschwatzt, was ihm denn um so

entsetzlicher war, als er von jeher einen innerlichen Abscheu gegen alle

Selbstredner gehegt. Der Satan schwatzt aus ihnen, sagte sein Rektor, und daran

glaubte er auch in der Tat. Für einen am Himmelfahrtstage betrunkenen

Candidatus theologiae gehalten zu werden, der Gedanke war ihm unerträglich.

Schon wollte er in die Pappelallee bei dem Koselschen Garten einbiegen, als

eine Stimme hinter ihm her rief: Herr Anselmus! Herr Anselmus! wo rennen Sie

denn um tausend Himmelswillen hin in solcher Hast? Der Student blieb wie in

den Boden gewurzelt stehen, denn er war überzeugt, daß nun gleich ein neues

Unglück auf ihn einbrechen werde. Die Stimme ließ sich wieder hören: Herr

Anselmus, so kommen Sie doch zurück, wir warten hier am Wasser! — Nun

vernahm der Student erst, daß es sein Freund, der Konrektor Paulmann war, der

ihn rief; er ging zurück an die Elbe und fand den Konrektor mit seinen beiden

Töchtern, sowie den Registrator Heerbrand, wie sie eben im Begriff waren in

eine Gondel zu steigen. Der Konrektor Paulmann lud den Studenten ein, mit ihm

über die Elbe zu fahren und dann in seiner, auf der Pirnaer Vorstadt gelegenen

Wohnung Abends über bei ihm zu bleiben. Student Anselmus nahm das recht

gern an, weil er denn doch so dem bösen Verhängnis, das heute über ihn walte,

zu entrinnen glaubte. Als sie nun über den Strom fuhren, begab es sich, daß auf

dem jenseitigen Ufer bei dem Antonschen Garten ein Feuerwerk abgebrannt wurde. Prasselnd und zischend fuhren die Raketen in die Höhe und die

leuchtenden Sterne zersprangen in den Lüften, tausend knisternde Strahlen und

Flammen um sich sprühend. Der Student Anselmus saß in sich gekehrt bei dem

rudernden Schiffer; als er nun aber im Wasser den Widerschein der in der Luft

herumsprühenden und knisternden Funken und Flammen erblickte, da war es

ihm als zögen die goldnen Schlänglein durch die Flut. Alles, was er unter dem

Holunderbaum Seltsames geschaut, trat wieder lebendig in Sinn und Gedanken,

und aufs neue ergriff ihn die unaussprechliche Sehnsucht, das glühende

Verlangen, welches dort seine Brust in krampfhaft schmerzvollem Entzücken

erschüttert. »Ach, seid ihr es denn wieder, ihr goldenen Schlänglein, singt nur,

singt! In eurem Gesange erscheinen ja wieder die holden lieblichen

dunkelblauen Augen — ach, seid ihr denn unter den Fluten!« — So rief der

Student Anselmus und machte dabei eine heftige Bewegung, als wolle er sich

gleich aus der Gondel in die Flut stürzen. »Ist der Herr des Teufels?« rief der

Schiffer, und erwischte ihn beim Rockschoß. Die Mädchen, welche bei ihm

gesessen, schrieen im Schreck auf und flüchteten auf die andere Seite der

Gondel! der Registrator Heerbrand sagte dem Konrektor Paulmann etwas ins

Ohr, worauf dieser mehreres antwortete, wovon der Student Anselmus aber nur

die Worte verstand: »Dergleichen Anfälle — noch nicht bemerkt?« — Gleich

nachher stand auch der Konrektor Paulmann auf und setzte sich mit einer

gewissen ernsten gravitätischen Amtsmiene zu dem Studenten Anselmus, seine

Hand nehmend und sprechend: Wie ist Ihnen, Herr Anselmus? Dem Studenten

Anselmus vergingen beinahe die Sinne, denn in seinem Innern erhob sich ein

toller Zwiespalt, den er vergebens beschwichtigen wollte. Er sah nun wohl

deutlich, daß das, was er für das Leuchten der goldenen Schlänglein gehalten,

nur der Widerschein des Feuerwerks bei Antons Garten war; aber ein nie

gekanntes Gefühl, er wußte selbst nicht, ob Wonne, ob Schmerz, zog krampfhaft

seine Brust zusammen, und wenn der Schiffer nun so mit dem Ruder ins Wasser

hineinschlug, daß es wie im Zorn sich emporkräuselnd plätscherte und rauschte,

da vernahm er in dem Getöse ein heimliches Lispeln und Flüstern: Anselmus!

Anselmus! siehst Du nicht, wie wir stets vor Dir herziehen? — Schwesterlein

blickt Dich wohl wieder an — glaube — glaube — glaube an uns! — Und es

war ihm, als säh er im Widerschein drei grünglühende Streifen. Aber als er dann

recht wehmütig ins Wasser hineinblickte, ob nun nicht die holdseligen Augen

aus der Flut herausschauen würden, da gewahrte er wohl, daß der Schein nur von

den erleuchteten Fenstern der nahen Häuser herrührte. Schweigend saß er da und

im Innern mit sich kämpfend; aber der Konrektor Paulmann sprach noch

heftiger: Wie ist Ihnen, Herr Anselmus? Ganz kleinmütig antwortete der

Student: Ach, lieber Herr Konrektor, wenn Sie wüßten, was ich eben unter dem Holunderbaum bei der Linkeschen Gartenmauer ganz wachend mit offnen

Augen für ganz besondere Dinge geträumt habe, ach, Sie würden mir es gar

nicht verdenken, daß ich so gleichsam abwesend — Ei, ei, Herr Anselmus, fiel

der Konrektor Paulmann ein, ich habe Sie immer für einen soliden jungen Mann

gehalten, — aber träumen — mit hellen offenen Augen träumen, und dann mit

einem Mal ins Wasser springen wollen, das — verzeihen Sie mir, können nur

Wahnwitzige oder Narren! — Der Student Anselmus wurde ganz betrübt über

seines Freundes harte Rede; da sagte Paulmanns älteste Tochter Veronika, ein

recht hübsches blühendes Mädchen von sechzehn Jahren: Aber, lieber Vater, es

muß dem Herrn Anselmus doch was Besonderes begegnet sein, und er glaubt

vielleicht nur, daß er gewacht habe, unerachtet er unter dem Holunderbaum

wirklich geschlafen und ihm allerlei närrisches Zeug vorgekommen, was ihm

noch in Gedanken liegt. — Und, teuerste Mademoiselle, werter Konrektor, nahm

der Registrator Heerbrand das Wort, sollte man denn nicht auch wachend in

einen gewissen träumerischen Zustand versinken können? So ist mir in der Tat

selbst einmal Nachmittags beim Kaffee in einem solchen Hinbrüten, dem

eigentlichen Moment körperlicher und geistiger Verdauung, die Lage eines

verlornen Aktenstücks wie durch Inspiration eingefallen, und nur noch gestern

tanzte auf gleiche Weise eine herrliche große lateinische Frakturschrift vor

meinen hellen offenen Augen umher. Ach, geehrtester Registrator, erwiderte der

Konrektor Paulmann, Sie haben immer solch einen Hang zu den Poeticis gehabt,

und da verfällt man leicht in das Phantastische und Romanhafte. Aber dem

Studenten Anselmus tat es wohl, daß man sich seiner in der höchst betrübten

Lage, für betrunken oder wahnwitzig gehalten zu werden, annahm; und

unerachtet es ziemlich finster geworden, glaubte er doch zum erstenmale zu

bemerken, wie Veronika recht schöne dunkelblaue Augen habe, ohne daß ihm

jedoch jenes wunderbare Augenpaar, das er in dem Holunderbaum geschaut, in

die Gedanken kam. Überhaupt war dem Studenten Anselmus mit einem Mal nun

wieder das Abenteuer unter dem Holunderbaum ganz verschwunden; er fühlte

sich so leicht und froh, ja er trieb es wie im lustigen Übermute so weit, daß er

bei dem Heraussteigen aus der Gondel seiner Schutzrednerin Veronika die

hülfreiche Hand bot, und ohne weiteres, als sie ihren Arm in den seinigen hing,

sie mit so vieler Geschicklichkeit und so vielem Glück zu Hause führte, daß er

nur ein einziges Mal ausglitt und, da es gerade der einzige schmutzige Fleck auf

dem ganzen Wege war, Veronikas weißes Kleid nur ganz wenig bespritzte. Dem

Konrektor Paulmann entging die glückliche Änderung des Studenten Anselmus

nicht, er gewann ihn wieder lieb und bat ihn der harten Worte wegen, die er

vorhin gegen ihn fallen lassen, um Verzeihung. Ja, fügte er hinzu, man hat wohl

Beispiele, daß oft gewisse Phantasmata dem Menschen vorkommen und ihn ordentlich ängstigen und quälen können; das ist aber körperliche Krankheit, und

es helfen Blutigel, die man, salva venia, dem Hintern appliziert, wie ein

berühmter bereits verstorbener Gelehrter bewiesen. Der Student Anselmus

wußte nun in der Tat selbst nicht, ob er betrunken, wahnwitzig oder krank

gewesen; auf jeden Fall schienen ihm aber die Blutigel ganz unnütz, da die

etwaigen Phantasmata gänzlich verschwunden und er sich immer heiterer fühlte,

je mehr es ihm gelang sich in allerlei Artigkeiten um die hübsche Veronika zu

bemühen. Es wurde wie gewöhnlich nach der frugalen Mahlzeit Musik gemacht;

der Student Anselmus mußte sich ans Klavier setzen und Veronika ließ ihre helle

klare Stimme hören. — Werte Mademoiselle, sagte der Registrator Heerbrand,

Sie haben eine Stimme wie eine Kristallglocke! — »Das nun wohl nicht!« fuhr

es dem Studenten heraus, er wußte selbst nicht wie, und alle sahen ihn

verwundert und betroffen an. — »Kristallglocken tönen in Holunderbäumen

wunderbar! wunderbar!« fuhr der Student Anselmus halbleise murmelnd fort. Da

legte Veronika ihre Hand auf seine Schulter und sagte: Was sprechen Sie denn

da, Herr Anselmus? Gleich wurde der Student wieder ganz munter und fing an

zu spielen. Der Konrektor Paulmann sah ihn finster an, aber der Registrator

Heerbrand legte ein Notenblatt auf das Pult und sang zum Entzücken eine

Bravourarie vom Kapellmeister Graun. Der Student Anselmus akkompagnierte

noch manches, und ein fugiertes Duett, das er mit Veronika vortrug und das der

Konrektor Paulmann selbst komponiert, setzte alles in die fröhlichste Stimmung.

Es war ziemlich spät worden und der Registrator Heerbrand griff nach Hut und

Stock, da trat der Konrektor Paulmann geheimnisvoll zu ihm hin und sprach: Ei,

wollten Sie nicht, geehrter Registrator, dem guten Herrn Anselmus selbst —

nun! wovon wir vorhin sprachen — Mit tausend Freuden, erwiderte der

Registrator Heerbrand, und begann, nachdem sie sich im Kreise gesetzt, ohne

weiteres in folgender Art: »Es ist hier im Orte ein alter wunderlicher

merkwürdiger Mann, man sagt, er treibe allerlei geheime Wissenschaften; da es

nun eigentlich dergleichen gar nicht gibt, so halte ich ihn eher für einen

forschenden Antiquar, auch wohl nebenher für einen experimentierenden

Chemiker. Ich meine niemand andern als unsern geheimen Archivarius

Lindhorst. Er lebt, wie Sie wissen, einsam in seinem entlegenen alten Hause, und

wenn ihn der Dienst nicht beschäftigt, findet man ihn in seiner Bibliothek oder in

seinem chemischen Laboratorio, wo er aber niemanden hineinläßt. Er besitzt

außer vielen seltenen Büchern eine Anzahl zum Teil arabischer, koptischer, und

gar in sonderbaren Zeichen, die keiner bekannten Sprache angehören,

geschriebene Manuskripte. Diese will er auf geschickte Weise kopieren lassen,

und es bedarf dazu eines Mannes, der sich darauf versteht mit der Feder zu

zeichnen, um mit der größten Genauigkeit und Treue alle Zeichen auf Pergament und zwar mit Tusche übertragen zu können. Er läßt in einem besondern Zimmer

seines Hauses unter seiner Aufsicht arbeiten, bezahlt außer dem freien Tisch

während der Arbeit jeden Tag einen Speziestaler, und verspricht noch ein

ansehnliches Geschenk, wenn die Abschriften glücklich beendet. Die Zeit der

Arbeit ist täglich von zwölf bis sechs Uhr. Von drei bis vier Uhr wird geruht und

gegessen. Da er schon mit ein paar jungen Leuten vergeblich den Versuch

gemacht hat, jene Manuskripte kopieren zu lassen, so hat er sich endlich an mich

gewendet, ihm einen geschickten Zeichner zuzuweisen; da habe ich an Sie

gedacht, lieber Herr Anselmus, denn ich weiß, daß Sie sowohl sehr sauber

schreiben, als auch mit der Feder sehr zierlich und rein zeichnen. Wollen Sie

daher in dieser schlechten Zeit und bis zu Ihrer etwanigen [etwaigen] Anstellung

den Speziestaler täglich verdienen und das Geschenk obendrein, so bemühen Sie

sich morgen Punkt zwölf Uhr zu dem Herrn Archivarius, dessen Wohnung Ihnen

bekannt sein wird. Aber hüten Sie sich ja vor jedem Tintenflecken; fällt er auf

die Abschrift, so müssen Sie ohne Gnade von vorn anfangen, fällt er auf das

Original, so ist der Herr Archivarius imstande Sie zum Fenster hinauszuwerfen,

denn es ist ein zorniger Mann.« — Der Student Anselmus war voll inniger

Freude über den Antrag des Registrators Heerbrand: denn nicht allein, daß er

sauber schrieb und mit der Feder zeichnete, so war es auch seine wahre Passion,

mit mühsamem kalligraphischem Aufwande abzuschreiben; er dankte daher

seinen Gönnern in den verbindlichsten Ausdrücken und versprach die morgende

Mittagsstunde nicht zu versäumen. In der Nacht sah der Student Anselmus nichts

als blanke Speziestaler und hörte ihren lieblichen Klang. — Wer mag das dem

Armen verargen, der um so manche Hoffnung durch ein launisches Mißgeschick

betrogen, jeden Heller zu Rate halten und manchem Genuß, den jugendliche

Lebenslust forderte, entsagen mußte. Schon am frühen Morgen suchte er seine

Bleistifte, seine Rabenfedern, seine chinesische Tusche zusammen; denn besser,

dachte er, kann der Herr Archivarius keine Materialien erfinden. Vor allen

Dingen musterte und ordnete er seine kalligraphischen Meisterstücke und seine

Zeichnungen, um sie dem Archivarius, zum Beweis seiner Fähigkeit das

Verlangte zu erfüllen, aufzuweisen. Alles ging glücklich von statten, ein

besonderer Glücksstern schien über ihn zu walten, die Halsbinde saß gleich beim

ersten Umknüpfen wie sie sollte, keine Naht platzte, keine Masche zerriß in den

schwarzseidenen Strümpfen, der Hut fiel nicht noch einmal in den Staub, als er

schon sauber abgebürstet. — Kurz! — Punkt halb zwölf Uhr stand der Student

Anselmus in seinem hechtgrauen Frack und seinen schwarzatlasnen

Unterkleidern, eine Rolle Schönschriften und Federzeichnungen in der Tasche,

schon auf der Schloßgasse in Conradis Laden und trank — eins — zwei

Gläschen des besten Magenlikörs; denn hier, dachte er, indem er auf die annoch leere Tasche schlug, werden bald Speziestaler erklingen. Unerachtet des weiten

Weges bis in die einsame Straße, in der sich das uralte Haus des Archivarius

Lindhorst befand, war der Student Anselmus doch vor zwölf Uhr an der Haustür.

Da stand er und schaute den großen bronzenen Türklopfer an; aber als er nun auf

den letzten die Luft mit mächtigem Klange durchbebenden Schlag der Turmuhr

an der Kreuzkirche den Türklopfer ergreifen wollte, da verzog sich das

metallene Gesicht im ekelhaften Spiel blauglühender Lichtblicke zum

grinsenden Lächeln. Ach! es war ja das Äpfelweib vom schwarzen Tor. Die

spitzigen Zähne klappten in dem schlaffen Maule zusammen, und in dem

Klappern schnarrte es: »Du Narre — Narre — Narre — warte, warte! warum

warst hinausgerannt! Narr!« — Entsetzt taumelte der Student Anselmus zurück,

er wollte den Türpfosten ergreifen, aber seine Hand erfaßte die Klingelschnur

und zog sie an, da läutete es stärker und stärker in gellenden Mißtönen, und

durch das ganze öde Haus rief und spottete der Widerhall: Bald Dein Fall ins

Kristall! — Den Studenten Anselmus ergriff ein Grausen, das im krampfhaften

Fieberfrost durch alle Glieder bebte. Die Klingelschnur senkte sich hinab und

wurde zur weißen durchsichtigen Riesenschlange, die umwand und drückte ihn,

fester und fester ihr Gewinde schnürend, zusammen, daß die mürben zermalmten

Glieder knackend zerbröckelten und sein Blut aus den Adern spritzte,

eindringend in den durchsichtigen Leib der Schlange und ihn rot färbend. —

Töte mich, töte mich! wollte er schreien in der entsetzlichen Angst, aber sein

Geschrei war nur ein dumpfes Röcheln. — Die Schlange erhob ihr Haupt und

legte die lange spitzige Zunge von glühendem Erz auf die Brust des Anselmus,

da zerriß ein schneidender Schmerz jählings die Pulsader des Lebens und es

vergingen ihm die Gedanken. — Als er wieder zu sich selbst kam, lag er auf

seinem dürftigen Bettlein, vor ihm stand aber der Konrektor Paulmann und

sprach: Was treiben Sie denn um des Himmels Willen für tolles Zeug, lieber

Herr Anselmus!

 

Anselmus und die Schlange