Der Goldene Topf

E. T. A. Hoffmann · Kapitel 9 von 12

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Der Goldene Topf

Neunte Vigilie

 

Wie der Student Anselmus zu einiger Vernunft gelangte. — Die

Punschgesellschaft. — Wie der Student Anselmus den Konrektor

Paulmann für einen Schuhu hielt und dieser darob sehr erzürnte. —

Der Tintenklecks und seine Folgen.

 

Alles das Seltsame und Wundervolle, welches dem Studenten Anselmus täglich

begegnet war, hatte ihn ganz dem gewöhnlichen Leben entrückt. Er sah keinen

seiner Freunde mehr und harrte jeden Morgen mit Ungeduld auf die zwölfte

Stunde, die ihm sein Paradies aufschloß. Und doch, indem sein ganzes Gemüt

der holden Serpentina und den Wundern des Feenreiches bei dem Archivarius

Lindhorst zugewandt war, mußte er zuweilen unwillkürlich an Veronika denken,

ja manchmal schien es ihm als träte sie zu ihm hin und gestehe errötend, wie

herzlich sie ihn liebe und wie sie danach trachte, ihn den Phantomen, von denen

er nur geneckt und verhöhnt werde, zu entreißen. Zuweilen war es, als risse eine

fremde, plötzlich auf ihn einbrechende Macht ihn unwiderstehlich hin zur

vergessenen Veronika, und er müsse ihr folgen wohin sie nur wolle, als sei er

festgekettet an das Mädchen. Gerade in der Nacht darauf, als er Serpentina zum

erstenmal in der Gestalt einer wunderbar holdseligen Jungfrau geschaut, als ihm

das wunderbare Geheimnis der Vermählung des Salamanders mit der grünen

Schlange offenbar worden, trat ihm Veronika lebhafter vor die Augen als jemals.

— Ja! — erst als er erwachte, wurde er deutlich gewahr, daß er nur geträumt

habe, da er überzeugt gewesen, Veronika sei wirklich bei ihm und klage mit dem

Ausdruck eines tiefen Schmerzes, der sein Innerstes durchdrang, daß es ihre

innige Liebe den phantastischen Erscheinungen, die nur seine innere Zerrüttung

hervorrufe, aufopfern und noch darüber in Unglück und Verderben geraten

werde. Veronika war liebenswürdiger, als er sie je gesehen; er konnte sie kaum

aus den Gedanken bringen, und dieser Zustand verursachte ihm eine Qual, der er

bei einem Morgenspaziergang zu entrinnen hoffte. Eine geheime magische

Gewalt zog ihn vor das Pirnaer Tor und eben wollte er in eine Nebenstraße

einbiegen, als der Konrektor Paulmann hinter ihm her kommend laut rief: »Ei,

ei! — wertester Herr Anselmus! — Amice! — Amice! wo um des Himmels

willen stecken Sie denn? Sie lassen sich ja gar nicht mehr sehen — wissen Sie

wohl, daß sich Veronika recht sehnt wieder einmal eins mit Ihnen zu singen? —

Nun kommen Sie nur, Sie wollten ja doch zu mir!« Der Student Anselmus ging notgedrungen mit dem Konrektor. Als sie in das Haus traten, kam ihnen

Veronika sehr sauber und sorgfältig gekleidet entgegen, so daß der Konrektor

Paulmann voll Erstaunen fragte: Nun, warum so geputzt, hat man denn Besuch

erwartet? — aber hier bringe ich den Herrn Anselmus! — Als der Student

Anselmus sittig und artig der Veronika die Hand küßte, fühlte er einen leisen

Druck, der wie ein Glutstrom durch alle Fibern und Nerven zuckte. Veronika war

die Heiterkeit, die Anmut selbst, und als Paulmann nach seinem Studierzimmer

gegangen, wußte sie durch allerhand Neckerei und Schalkheit den Anselmus so

hinauf zu schrauben, daß er alle Blödigkeit vergaß und sich zuletzt mit dem

ausgelassenen Mädchen im Zimmer herumjagte. Da kam ihm aber wieder

einmal der Dämon des Ungeschicks über den Hals, er stieß an den Tisch und

Veronikas niedliches Nähkästchen fiel herab. Anselmus hob es auf, der Deckel

war aufgesprungen und es blinkte ihm ein kleiner runder Metallspiegel entgegen,

in den er mit ganz eigner Lust hineinschaute. Veronika schlich sich leise hinter

ihn, legte die Hand auf seinen Arm und schaute, sich fest an ihn schmiegend,

ihm über die Schulter auch in den Spiegel. Da war es dem Anselmus, als beginne

ein Kampf in seinem Innern: — Gedanken — Bilder — blitzten hervor und

vergingen wieder — der Archivarius Lindhorst — Serpentina — die grüne

Schlange — endlich wurde es ruhiger und alles Verworrene fügte und gestaltete

sich zum deutlichen Bewußtsein. Ihm wurde es nun klar, daß er nur beständig an

Veronika gedacht, ja daß die Gestalt, welche ihm gestern in dem blauen Zimmer

erschienen, auch eben Veronika gewesen, und daß die phantastische Sage von

der Vermählung des Salamanders mit der grünen Schlange ja nur von ihm

geschrieben, keineswegs aber erzählt worden sei. Er wunderte sich selbst über

seine Träumereien und schrieb sie lediglich seinem durch die Liebe zu Veronika

exaltierten Seelenzustande, sowie der Arbeit bei dem Archivarius Lindhorst zu,

in dessen Zimmern es noch überdem so sonderbar betäubend dufte. Er mußte

herzlich über die tolle Einbildung lachen, in eine kleine Schlange verliebt zu sein

und einen wohlbestallten geheimen Archivarius für einen Salamander zu halten.

»Ja, ja! — es ist Veronika!« rief er laut; aber indem er den Kopf umwandte,

schaute er gerade in Veronikas blaue Augen hinein, in denen Liebe und

Sehnsucht strahlten. Ein dumpfes Ach! entfloh ihren Lippen, die in dem

Augenblick auf den seinigen brannten. »O ich Glücklicher!« seufzte der

entzückte Student, »was ich gestern nur träumte, wird mir heute wirklich und in

der Tat zuteil.« — »Und willst Du mich denn wirklich heiraten, wenn Du Hofrat

geworden?« fragte Veronika. »Allerdings!« antwortete der Student Anselmus;

indem knarrte die Tür und der Konrektor Paulmann trat mit den Worten herein:

»Nun, wertester Herr Anselmus, lasse ich Sie heute nicht fort, Sie nehmen

vorlieb mit einer Suppe, und nachher bereitet uns Veronika einen köstlichen Kaffee, den wir mit dem Registrator Heerbrand, welcher herzukommen

versprochen, genießen.« — »Ach, bester Herr Konrektor,« erwiderte der Student

Anselmus, »wissen Sie denn nicht, daß ich zum Archivarius Lindhorst muß, des

Abschreibens wegen?« — »Schauen Sie Amice!« sagte der Konrektor

Paulmann, indem er ihm die Taschenuhr hinhielt, welche auf halb eins wies. Der

Student Anselmus sah nun wohl ein, daß es viel zu spät sei zu dem Archivarius

Lindhorst zu wandern und fügte sich den Wünschen des Konrektors um so

lieber, als er nun die Veronika den ganzen Tag über schauen und wohl manchen

verstohlenen Blick, manchen zärtlichen Händedruck zu erhalten, ja wohl gar

einen Kuß zu erobern hoffte. So hoch verstiegen sich jetzt die Wünsche des

Studenten Anselmus, und es wurde ihm immer behaglicher zu Mute, je mehr er

sich überzeugte, daß er bald von all den phantastischen Einbildungen befreit sein

werde, die ihn wirklich ganz und gar zum wahnwitzigen Narren hätten machen

können. — Der Registrator Heerbrand fand sich wirklich nach Tische ein und als

der Kaffee genossen und die Dämmerung bereits eingebrochen, gab er

schmunzelnd und fröhlich die Hände reibend zu verstehen: er trage etwas mit

sich, was durch Veronikas schöne Hände gemischt und in gehörige Form

gebracht, gleichsam foliiert und rubriziert, ihnen allen an dem kühlen

Oktoberabende erfreulich sein werde. »So rücken Sie denn nur heraus mit dem

geheimnisvollen Wesen, das Sie bei sich tragen, geschätztester Registrator,« rief

der Konrektor Paulmann; aber der Registrator Heerbrand griff in die tiefe Tasche

seines Matins und brachte in drei Reprisen eine Flasche Arrak, Zitronen und

Zucker zum Vorschein. Kaum war eine halbe Stunde vergangen, so dampfte ein

köstlicher Punsch auf Paulmanns Tische. Veronika kredenzte das Getränk, und

es gab allerlei gemütliche muntere Gespräche unter den Freunden. Aber so wie

dem Studenten Anselmus der Geist des Getränkes zu Kopfe stieg, kamen auch

alle Bilder des Wunderbaren, Seltsamen, was er in kurzer Zeit erlebt, wieder

zurück. Er sah den Archivarius Lindhorst in seinem damastnen Schlafrock, der

wie Phosphor erglänzte; er sah das azurblaue Zimmer, die goldnen Palmbäume,

ja es wurde ihm wieder so zu Mute, als müsse er doch an die Serpentina glauben;

es brauste, es gärte in seinem Innern. Veronika reichte ihm ein Glas Punsch, und

indem er es faßte, berührte er leise ihre Hand. »Serpentina! Veronika!« seufzte er

in sich hinein. Er versank in tiefe Träume, aber der Registrator Heerbrand rief

ganz laut: »Ein wunderlicher alter Mann, aus dem niemand klug wird, bleibt er

doch, der Archivarius Lindhorst. — Nun, er soll leben! stoßen Sie an, Herr

Anselmus!« — Da fuhr der Student Anselmus auf aus seinen Träumen und

sagte, indem er mit dem Registrator Heerbrand anstieß: »Das kommt daher,

verehrungswürdiger Herr Registrator, weil der Herr Archivarius Lindhorst

eigentlich ein Salamander ist, der den Garten des Geisterfürsten Phosphorus im Zorn verwüstete, weil ihm die grüne Schlange davongeflogen.« — »Wie —

was?« fragte der Konrektor Paulmann. — »Ja,« fuhr der Student Anselmus fort,

»deshalb muß er nun königlicher Archivarius sein und hier in Dresden mit

seinen drei Töchtern wirtschaften, die aber weiter nichts sind als kleine

goldgrüne Schlänglein, die sich in Holunderbüschen sonnen, verführerisch

singen und die jungen Leute verlocken wie die Sirenen.« — »Herr Anselmus,

Herr Anselmus!« rief der Konrektor Paulmann, »rappelt's Ihnen im Kopfe? was

um des Himmels willen schwatzen Sie für ungewaschenes Zeug?« — »Er hat

Recht,« fiel der Registrator Heerbrand ein, »der Kerl, der Archivarius, ist ein

verfluchter Salamander, der mit den Fingern feurige Schnippchen schlägt, die

einem Löcher in den Überrock brennen wie glühender Schwamm. — Ja, ja, Du

hast Recht, Brüderchen Anselmus, und wer es nicht glaubt, ist mein Feind!« Und

damit schlug der Registrator Heerbrand mit der Faust auf den Tisch, daß die

Gläser klirrten. »Registrator! sind Sie rasend?« schrie der erboste Konrektor. —

»Herr Studiosus! Herr Studiosus! was richten Sie denn nun wieder an?« —

»Ach!« sagte der Student, »Sie sind auch weiter nichts als ein Vogel — ein

Schuhu, der die Toupets frisiert, Herr Konrektor!« — »Was? — ich ein Vogel —

ein Schuhu — ein Friseur?« — schrie der Konrektor voller Zorn — »Herr, Sie

sind toll — toll!« — »Aber die Alte kommt ihm über den Hals,« rief der

Registrator Heerbrand. — »Ja, die Alte ist mächtig,« fiel der Student Anselmus

ein, »unerachtet sie nur von niederer Herkunft; denn ihr Papa ist nichts als ein

lumpiger Flederwisch und ihre Mama eine schnöde Runkelrübe, aber ihre meiste

Kraft verdankt sie allerlei feindlichen Kreaturen, giftigen Kanaillen, von denen

sie umgeben.« — »Das ist eine abscheuliche Verleumdung,« rief Veronika mit

zornglühenden Augen, »die alte Lise ist eine weise Frau und der schwarze Kater

keine feindliche Kreatur, sondern ein gebildeter junger Mann von feinen Sitten

und ihr Cousin germain.« — »Kann der Salamander fressen, ohne sich den Bart

zu versengen und elendiglich draufzugehn?« sagte der Registrator Heerbrand.

»Nein, nein!« schrie der Student Anselmus, »nun und nimmermehr wird er das

können: und die grüne Schlange liebt mich; denn ich bin ein kindliches Gemüt

und habe Serpentinas Augen geschaut.« — »Die wird der Kater auskratzen,« rief

Veronika. — »Salamander — Salamander bezwingt sie alle — alle,« brüllte der

Konrektor Paulmann in höchster Wut; »aber bin ich in einem Tollhause? bin ich

selbst toll? — was schwatze ich denn für wahnwitziges Zeug? — Ja ich bin auch

toll — auch toll!« — Damit sprang der Konrektor Paulmann auf, riß sich die

Perücke vom Kopfe und schleuderte sie gegen die Stubendecke, daß die

gequetschten Locken ächzten und im gänzlichen Verderben aufgelöst den Puder

weit umherstäubten. Da ergriffen der Student Anselmus und der Registrator

Heerbrand die Punschterrine, die Gläser, und warfen sie jubelnd und jauchzend an die Stubendecke, daß die Scherben klirrend und klingend umhersprangen.

»Vivat Salamander! — pereat — pereat die Alte! zerbrecht den Metallspiegel,

hackt dem Kater die Augen aus! — Vöglein — Vöglein aus den Lüften — Eheu

— Eheu — Evoe — Salamander!« — So schrien und brüllten die Drei wie

Besessene durcheinander. Laut weinend sprang Fränzchen davon; aber Veronika

lag winselnd vor Jammer und Schmerz auf dem Sopha. Da ging die Tür auf,

alles war plötzlich still und es trat ein kleiner Mann in einem grauen Mäntelchen

herein. Sein Gesicht hatte etwas seltsam Gravitätisches, und vorzüglich

zeichnete sich die krummgebogene Nase, auf der eine große Brille saß, vor allen

jemals gesehenen aus. Auch trug er solch eine besondere Perücke, daß sie eher

eine Federmütze zu sein schien. »Ei, schönen guten Abend!« schnarrte das

possierliche Männlein, »hier finde ich ja wohl den Studiosus Herrn Anselmus?

Gehorsamste Empfehlung vom Herrn Archivarius Lindhorst und er habe heute

vergebens auf den Herrn Anselmus gewartet; aber morgen lasse er schönstens

bitten, ja nicht die gewohnte Stunde zu versäumen.« Damit schritt er wieder zur

Tür hinaus und alle sahen nun wohl, daß das gravitätische Männlein eigentlich

ein grauer Papagei war. Der Konrektor Paulmann und der Registrator Heerbrand

schlugen eine Lache auf, die durch das Zimmer dröhnte und dazwischen

winselte und ächzte Veronika wie von namenlosem Jammer zerrissen; aber den

Studenten Anselmus durchzuckte der Wahnsinn des innern Entsetzens und er

rannte bewußtlos zur Tür hinaus durch die Straßen. Mechanisch fand er seine

Wohnung, sein Stübchen. Bald darauf trat Veronika friedlich und freundlich zu

ihm und fragte: warum er sie denn im Rausch so geängstigt habe und er möge

sich nur vor neuen Einbildungen hüten, wenn er bei dem Archivarius Lindhorst

arbeite. »Gute Nacht, gute Nacht, mein lieber Freund,« lispelte leise Veronika

und hauchte einen Kuß auf seine Lippen. Er wollte sie mit seinen Armen

umfangen, aber die Traumgestalt war verschwunden und er erwachte heiter und

gestärkt. Nun mußte er selbst recht herzlich über die Wirkungen des Punsches

lachen; aber indem er an Veronika dachte, fühlte er sich recht von einem

behaglichen Gefühl durchdrungen.

 

Der Graue Papagei überbringt Anselmus eine Botschaft des Achivarius

Lindhorst

 

Ihr allein, sprach er zu sich selbst, habe ich es zu verdanken, daß ich von meinen albernen Grillen zurückgekommen bin. Wahrhaftig, mir ging es nicht besser als

jenem, welcher glaubte, er sei von Glas, oder dem, der die Stube nicht verließ,

aus Furcht von den Hühnern gefressen zu werden, weil er sich einbildete, ein

Gerstenkorn zu sein. Aber, sowie ich Hofrat geworden, heirate ich ohne weiteres

die Mademoiselle Paulmann und bin glücklich. — Als er nun mittags durch den

Garten des Archivarius Lindhorst ging, konnte er sich nicht genug wundern, wie

ihm das alles sonst so seltsam und wundervoll habe vorkommen können. Er sah

nichts als gewöhnliche Scherbenpflanzen, allerlei Geranien, Myrtenstöcke und

dergleichen. Statt der glänzenden bunten Vögel, die ihn sonst geneckt, flatterten

nur einige Sperlinge hin und her, die ein unverständliches unangenehmes

Geschrei erhoben, als sie den Anselmus gewahr wurden. Das blaue Zimmer kam

ihm auch ganz anders vor und er begriff nicht, wie ihm das grelle Blau und die

natürlichen goldnen Stämme der Palmbäume mit den unförmlichen blinkenden

Blättern nur einen Augenblick hatten gefallen können. — Der Archivarius sah

ihn mit einem ganz eignen ironischen Lächeln an und fragte: »Nun, wie hat

Ihnen gestern der Punsch geschmeckt, werter Anselmus?« — »Ach gewiß hat

Ihnen der Papagei,« — erwiderte der Student Anselmus ganz beschämt; aber er

stockte: denn er dachte nun wieder daran, daß auch die Erscheinung des

Papageis wohl nur Blendwerk der befangenen Sinne gewesen. »Ei, ich war ja

selbst in der Gesellschaft,« fiel der Archivarius Lindhorst ein, »haben Sie mich

denn nicht gesehen? Aber bei dem tollen Unwesen, das Ihr triebt, wäre ich

beinahe hart beschädigt worden; denn ich saß eben in dem Augenblicke noch in

der Terrine, als der Registrator Heerbrand danach griff, um sie gegen die Decke

zu schleudern und mußte mich schnell in des Konrektors Pfeifenkopf retirieren.

Nun Adieu, Herr Anselmus! — seien Sie fleißig, auch für den gestrigen

versäumten Tag zahle ich den Speziestaler, da Sie bisher so wacker gearbeitet.«

— »Wie kann der Archivarius nur solch tolles Zeug faseln!« sagte der Student

Anselmus zu sich selbst und setzte sich an den Tisch, um die Kopie des

Manuskripts zu beginnen, das der Archivarius wie gewöhnlich vor ihm

ausgebreitet. Aber er sah auf der Pergamentrolle so viele sonderbare krause Züge

und Schnörkel durcheinander, die, ohne dem Auge einen einzigen Ruhepunkt zu

geben, den Blick verwirrten, daß es ihm beinahe unmöglich schien das alles

genau nachzumalen. Ja bei dem Überblick des Ganzen schien das Pergament nur

ein bunt geaderter Marmor oder ein mit Moosen durchsprenkelter Stein. — Er

wollte dessen unerachtet das Mögliche versuchen und tunkte getrost die Feder

ein; aber die Tinte wollte durchaus nicht fließen, er spritzte die Feder ungeduldig

aus und — o Himmel! ein großer Klecks fiel auf das ausgebreitete Original.

Zischend und brausend fuhr ein blauer Blitz aus dem Fleck und schlängelte sich

krachend durch das Zimmer bis zur Decke hinauf. Da quoll ein dicker Dampf aus den Wänden, die Blätter fingen an zu rauschen wie vom Sturme geschüttelt

und aus ihnen schossen blinkende Basilisken im flackernden Feuer herab, den

Dampf entzündend, daß die Flammenmassen prasselnd sich um den Anselmus

wälzten. Die goldnen Stämme der Palmbäume wurden zu Riesenschlangen, die

ihre gräßlichen Häupter in schneidendem Metallklange zusammenstießen und

mit den geschuppten Leibern den Anselmus umwanden. »Wahnsinniger! erleide

nun die Strafe dafür, was Du im frechen Frevel tatest!« — So rief die

fürchterliche Stimme des gekrönten Salamanders, der über den Schlangen wie

ein blendender Strahl in den Flammen erschien, und nun sprühten ihre

aufgesperrten Rachen Feuerkatarakte auf den Anselmus und es war als

verdichteten sich die Feuerströme um seinen Körper und würden zur festen

eiskalten Masse. Aber indem des Anselmus Glieder enger und enger sich

zusammenziehend erstarrten, vergingen ihm die Gedanken. Als er wieder zu sich

selbst kam, konnte er sich nicht regen und bewegen, er war wie von einem

glänzenden Schein umgeben, an dem er sich, wollte er nur die Hand erheben

oder sonst sich rühren, stieß. — Ach! er saß in einer wohlverstopften

Kristallflasche auf einem Repositorium im Bibliothekzimmer des Archivarius

Lindhorst.

 

Anselmus saß in einer wohlverstopften Kristallflasche