Der Hahn von Quakenbrück und andere Novellen

Ricarda Huch · Kapitel 2 von 4

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Der Hahn von Quakenbrück und andere Novellen

Der Hahn von Quakenbrück

I n h a l t

 

Der Hahn von Quakenbrück 7

 

Der Sänger 53

 

Der neue Heilige 93

D e r H a h n v o n Q u a k e n b r ü c k

 

Im folgenden wird gemeldet, was die Chroniken über den staatswichtigen

Prozeß wegen des eierlegenden Hahnes überliefert haben, durch welchen eine

freie Reichsstadt Quakenbrück im Jahre 1650 ängstlich erschüttert wurde und

leicht zu gänzlicher Auflösung gebracht worden wäre.

 

Es hatte nämlich der Pfarrer an der Heiligengeistkirche, der der Reformation

anhing, mehrere Male auf der Kanzel vorgebracht, daß der Hahn des

Bürgermeisters, wider Natur und Gebrauch, als wäre er eine Henne, Eier lege,

darüber gewitzelt wie auch merken lassen, daß dergleichen ohne die Beihilfe des

Teufels oder teuflischer Künste nicht wohl zu bewerkstelligen sei. Dies

verursachte der Zuhörerschaft des beredten Pfarrers teils Belustigung, teils

Grausen, und es wurde in den Bürgerhäusern hin und her darüber geredet,

besonders in den Kreisen der zünftigen Handwerker, welche behaupteten, von

Bürgermeister und Ratsherren aus dem Regimente verdrängt worden zu sein, an

dem sie vielerlei auszusetzen hatten. Allmählich kam es so weit, daß die

müßigen Buben, wenn der Bürgermeister sich auf der Straße blicken ließ,

anfingen zu krähen und zu gackern und mit solchen Bezeigungen unehrerbietig

hinter ihm herliefen. Auch dem Stadthauptmann, der die Kriegsmacht von

Quakenbrück im Namen des Kaisers befehligte und eine gewaltige Person war,

kam etwas davon zu Ohren, und da er mit dem Bürgermeister wie auch

vorzüglich mit der Bürgermeisterin, Frau Armida, befreundet war, begab er sich

selbst in sein Haus, um ihn deswegen zur Rede zu stellen. Bevor noch der

Bürgermeister nach Gewohnheit eine Kanne Wein auftragen lassen konnte,

setzte sich der Stadthauptmann auf einen Sessel, schlug auf den Tisch und sagte:

»Tile Stint« – denn so hieß der Bürgermeister –, »das mit dem Hahn muß

aufhören, oder du sollst sehn, daß ich nicht von Pappe bin!«

 

Tile Stint klopfte dem Stadthauptmann auf den Rücken, als ob er einen

Hustenanfall hätte, und sagte begütigend. »Wenn du mir sagst, was es mit dem

Hahne auf sich hat, so mag es meinetwegen aufhören, da dir viel daran zu liegen

scheint.« »Was,« rief der Stadthauptmann noch lauter als zuvor, »so willst du zu

der Schandbarkeit deiner Tat noch die Dreistigkeit fügen, sie mir abzuleugnen,

da doch das Gelichter der Gasse ungestraft hinter dir her kräht.« Diese Worte

stimmten den Bürgermeister nachdenklich, und er sagte: »Das Krähen der

mutwilligen Buben ist mir in der Tat aufgefallen, und es wäre mir lieb, den eigentlichen Grund desselben zu erfahren. Ich dachte schon, es sei ein

Symbolum und diene den Reformierten, uns Altgläubige damit zu verspotten,

doch will ich sie gern einer derartigen Herausforderung und Tücke freisprechen,

wenn es sich anders verhält.« Der Stadthauptmann runzelte die Brauen und

brummte: »Firlefanz! Solltest du nicht wissen, daß auf das niederträchtige

Eierlegen deines Hahnes gezielt wird?«

 

Auf diese Insinuierung öffnet Tile von Stint seine matten blauen Augen voll

Staunen, indem er ausrief: »Der kann Eier legen! Mache mir das nicht weis! Tun

es doch nicht einmal meine Hühner nach der Ordnung, so daß ich ihn schon habe

abschlachten lassen wollen, da er noch dazu die Federn läßt und schäbig wie von

einer Rauferei daherkommt; aber ich unterließ es, da er wegen seiner Magerkeit

keinen guten Bissen verspricht.«

 

Das Gesicht des Stadthauptmanns verdüsterte sich, und er herrschte den

Bürgermeister an: »Verlege dich mir gegenüber nicht aufs Leugnen! Das

Mistvieh legt Eier und gehört von Rechtens auf den Scheiterhaufen. Du weißt,

daß ich im Christentum unerbittlich bin und meine besten Freunde nicht

verschone, wenn ich sie bei Frivolität und Gotteslästerung ertappe. Das Volk

muß in Respekt erhalten werden und an den Regierenden ein Beispiel sehen;

deshalb trage ich dir auf, dafür zu sorgen, daß der üble Leumund von dir

abgewaschen und künftig nichts Ungebührliches mehr von deinem Haus und

Hof vernommen wird, da ich zuvor meinen Fuß nicht wieder auf deine Schwelle

setzen werde.«

 

Über dies majestätische Auftreten seines Freundes heftig erschrocken, rief der

Bürgermeister: »Erlaubt wenigstens, daß ich Frau Armida rufe!« und riß heftig

an einem Klingelzuge, dessen Geläut sich indessen noch kaum erhoben hatte, als

die Erwünschte schon in das Zimmer trat. Sie war eine prächtige Frau, die

immer in einem burgunderfarbenen Seidenkleide umherging und eine

hochaufgetürmte, weitläufige Frisur auf dem Kopfe trug, von deren Spitze ein

Kranz von weißen und hellblauen Federn herunternickte. Infolge eines

liebenswürdigen Temperamentes erglomm sie zwar leicht zu großer Heftigkeit,

besänftigte sich aber auch unversehens, liebte die Geselligkeit und verscheuchte

mit viel Geräusch die Langeweile und üble Laune, weswegen sie wohlgelitten

und dem Stadthauptmann unentbehrlich war.

 

»Ihr seid es, Klöterjahn,« rief sie, als sie den erhabenen Mann erblickte, und

wollte mit einer angemessenen Begrüßung fortfahren; allein der Bürgermeister

schnitt ihr die Rede ab, indem er kläglichen und gereizten Tones ausrief: »Warum meldet man es mir nicht, wenn solche Unrichtigkeiten im Hühnerstall

vorfallen? Du bist die Hausfrau und solltest es wissen, wer bei uns die Eier legt!

Oder hält man es nicht für nötig, mich von so gröblichen Mißständen in

Kenntnis zu setzen?«

 

»Ereifere dich nicht!« sagte Frau Armida strenge, denn sie mißbilligte es, wenn

andere heftig wurden; »wenn du selbst nicht weißt, was du sagst, verstehen es

andere noch weniger.« Diese Entgegnung brachte den Bürgermeister vollends

auf, so daß er böse rief: »Verstehst du nicht, daß es Sache der Hühner ist, Eier zu

legen, wie die der Weiber, Kinder zu gebären!« und hoffte mit dieser

Anzüglichkeit seine Frau zu ärgern, welche ihm keine Kinder geschenkt hatte.

Diese jedoch hielt an sich und lud nur durch einen funkelnden Blick den

Stadthauptmann ein, ihr unschuldiges Leiden zu bezeugen. »Ich bin ein

einfacher Kriegsmann, aber ein guter Christ,« sagte von Klöterjahn, düster ihrem

Blicke ausweichend; »bevor ihr diesen Schandfleck nicht von euch abgewaschen

habt, kann ich eure Schwelle nicht mehr betreten. Was ich gesagt habe, kann ich

nicht zurücknehmen, also muß es dabei bleiben!« Damit stand er eisern

entschlossen auf und griff nach der Türklinke. »Klöterjahn!« schrie Frau Armida

auf und brauste hinter dem Entweichenden her, willens, ihn mit ihren Armen

festzuhalten, konnte ihn aber nicht mehr einholen, der gerade die Gartentür

hinter sich zuwarf und mit starken Schritten sich ihrem Klageruf entzog.

 

Unterdessen bereute es Tile von Stint schon, daß er gegen seine Frau ausgefallen

war; denn er war keineswegs bösartig, vielmehr sanft und verträglich, nur hatte

er schwache Nerven, konnte Lärm, Streit und Aufregung nicht vertragen und

wurde zuweilen hitzig, wenn es in seinem Kopfe durcheinanderzugehen anfing.

Er besaß einen mittelmäßigen Verstand, den er von jeher aus Bequemlichkeit nur

selten in Betrieb gesetzt hatte, und nun, seit er alterte und meist schläfrig war,

wie eine gute Stube mit überzogenen Kanapee und Stühlen vermuffen ließ. Die

Ratsgeschäfte liefen mehr oder weniger von selber, und zu Hause bekümmerte er

sich nur ein wenig um den Garten und die Hühner, hauptsächlich aber um die

Küche, in der er sich gern aufhielt, um an den Töpfen zu schieben und mit der

blonden, rosigen und runden Köchin, welche Molli hieß, liebreich umzugehen.

Nachdem der Stadthauptmann und seine Frau das Zimmer verlassen hatten,

klingelte er sämtliche Dienstleute zusammen und befragte sie wegen des

Hahnes. Es war aus ihnen nichts herauszubringen, als daß sie von der Munkelei

schon vernommen hatten; übrigens stotterten sie, verdrehten die Augen und

kratzten sich hinter den Ohren, was den Bürgermeister so aufregte, daß er sie in

großem Unwillen wieder fortschickte, sich in einen Lehnsessel warf und einschlief.

 

Ganz anders war Frau Armida tätig: sie ließ die vertrautesten Freunde ihres

Mannes zu einem Plauderstündchen am häuslich beschickten Tische bitten,

nämlich die Ratsherren Lüddeke und Druwel von Druwelstein und den

Rechtsgelehrten Engelbert von Würmling, der nur von den vornehmsten

Familien als Beistand gewonnen wurde. Es zeigte sich, daß auch diesen Herren

das häßliche Gerede bereits zu Ohren gekommen war, daß sie aber aus

verschiedenen Gründen gegen den Bürgermeister geschwiegen hatten, der kleine

Lüddeke, weil es eine heikle Sache und Tile Stint vielleicht nicht genehm wäre.

Druwel, weil es ihm schien, als wäre eine Sache noch nicht ganz wahr, wenn

man nicht davon spräche, Würmling dagegen, der italienische Universitäten

besucht hatte und sehr aufgeklärt war, weil es ihm nicht wichtig vorgekommen

war. »Ich glaube nicht, daß ein Hahn Eier legen kann,« sagte er, »tut er es aber

dennoch, so mag er es meinetwegen, ich habe keine Vorurteile. Es ist

außergewöhnlich; gut. Es ist unnatürlich; gut. Schadet es mir? nein. Überlassen

wir es doch alten Weibern, über Himmel und Hölle, Tugend und Laster zu

disputieren.« »Indessen doch,« wandte Druwel schüchtern ein, »da der Herr

Stadthauptmann seine Ungnade darüber ausgesprochen hat, möchte die Sache

noch von einem anderen Gesichtspunkte aus zu betrachten sein.« Herr Engelbert

schloß die Augen, wie wenn er sich davor behüten wolle, den Anblick dummer

und schwacher Menschen in sich aufzunehmen, und sagte im Tone der

Erschöpfung: »Die Meinung des Herrn Stadthauptmann ist wohl, dem Volke das

Maul zu stopfen, vor dessen Unverstand und Aberglauben allerdings manches

Ungewöhnliche verborgen bleiben muß.«

 

Druwel war ein Kriegsmann und hatte sich bei allen Waffentaten der Stadt

hervorgetan, und wenn er daherkam mit steifem Knebelbart, blitzenden Augen

und sonnenverbrannter Haut, dick und steifbeinig wie ein aufrechter

Kanonenlauf, dachte ein jeder, es könne Quakenbrück nicht fehlen, solange es

seinen Druwel habe. Nur in moralischen Dingen war er nicht beherzt, weil er

wohl Neigung dafür, aber keine Unterscheidung hatte und sich, so gut es gehen

wollte, nach irgendeinem ansehnlichen Manne, besonders dem Stadthauptmann

von Klöterjahn, richtete. Er hatte immer Angst, daß er sich unversehens wider

die Religion oder das Moralische verfehlen könnte, ja schon daß er etwas sähe

und hörte, was ihn bei der Beichte in Ungelegenheiten bringen könnte. Der

kleine Lüddeke dagegen, ein munteres Männchen, ließ das Christentum auf sich

beruhen, wenn er nur das Vorschriftsmäßige absolviert hatte, und freute sich

schon des Abends beim Zubettgehen auf die Neuigkeiten, die der folgende Tag bringen könnte. »Gestrenger,« sagte er, sich ungeduldig am Bärtchen zupfend,

»da wir nun doch einmal daraufgekommen sind, so führe uns doch in den Garten

und zeige uns den Teufelsbraten, und laß ihn womöglich ein Pröbchen seiner

Kunst ablegen.« Obwohl Druwel zögerte unter dem Vorwande, es dämmere und

man könne doch nichts sehen, öffnete Tile Stint die Tür, um den Herren

voranzugehen: da kam Frau Armida durch dieselbe hereingestoben und rief

zornig, der Gärtner habe gekündigt, da er in einem solchen Hause nicht bleiben

könne, und Molli, die Köchin, ließe das Trüffelgemüse in der Pfanne

verbrennen, um nicht Schaden an ihrer Seele zu nehmen. Hätte man doch der

Bestie, dem Hahn, der an allem schuld sei, zeitig den Hals umgedreht, wie sie

gewollt habe! Nun werde man heute abend vor leeren Schüsseln sitzen müssen,

oder sie werde kochen müssen, obwohl sie die Hitze des Herdes nicht vertragen

könne. Die ganze Gesellschaft begab sich darauf in die Küche, wo Molli unter

Händeringen erzählte, wie sie fünf Eier bereits habe wegwerfen müssen, weil

das Dotter in denselben nicht gelb, sondern karminrot gewesen sei und noch

dazu das Ei fast ganz ausgefüllt habe, wie sie sich darüber bis ins Herz entsetzt

habe und nun die Geschichte glaube, was sie bisher nicht habe tun wollen, wie

sie keines von den verhexten Eiern mehr anrühren werde und folglich die

Trüffelomelette auch nicht zu Ende bringen könne.

 

»Molli,« sagte der Bürgermeister sanft, indem er den Arm um ihre Schulter

legte, »was die Eier betrifft, so werde ich sie zerklopfen, und wenn es mir gerät,

hoffe ich von deiner Liebe und Treue, daß du auch mir beistehst und die

Trüffelomelette, die du so geschmackvoll wie kein anderes Mädchen zu backen

verstehst, wie auch alle anderen Speisen in gewohnter Weise vollendest.« Darauf

teilte er mit ziemlichem Geschick ein Ei, obwohl ihm die Hände zitterten, teils

infolge seiner schwachen Nerven, teils weil Druwel ihn durch Ziehen am Rocke

von dem Geschäfte abzuhalten versuchte. Als sie ihren Brotherrn so hantieren

sah, wurde Molli weich, begann laut zu weinen und erklärte, den Anblick seines

Eierzerklopfens nicht länger ertragen zu können; da außerdem die von ihm

aufgeschlagenen Eier recht und schlecht wie andere auch waren, nahm sie ihm

den Napf weg und schickte sich an, unter einem Stoßgebet die Zurüstung selbst

wieder in die Hand zu nehmen.

 

In dieser Zeit hatte Frau Armida ein großes Beil auf einem Küchentische liegen

sehen, bewaffnete sich damit und eilte in den Garten, was das Zeichen zum

allgemeinen Aufbruch gab, da die Herren nicht zweifelten, sie wolle dem Hahn

zu Leibe, und das Gefühl hatten, als müßten sie eine rasche Tat verhindern. Der

kleine Lüddeke lief so schnell er konnte, und Druwel ließ sich so weit hinreißen, daß er sie am Schweif ihres rotseidenen Kleides faßte, um sie aufzuhalten,

während der Bürgermeister und Würmling langsamer nachfolgten. Eben hatte

die Bürgermeisterin die Tür des Hühnerstalles, der von einem hölzernen Zaun

umgeben war, erfaßt, und da sie glaubte, daß ihr Kleid an einer Latte festgehakt

wäre, suchte sie es ärgerlich loszureißen, wobei sie sich umdrehte und den

Druwel gewahrte, der sie beschwor, den Stall nicht zu betreten, welcher

vielleicht ein Bezirk des Teufels sei. »Wer ein gutes Gewissen hat, fürchtet den

Teufel nicht,« sagte Frau Armida spitz, riß mit einer scharfen Bewegung ihre

Schleppe aus den Händen des Druwel und trat mit stiebendem Schritt unter die

Hühner, die erschreckt auseinanderflogen. Dem Hahn gelang es, sich mit

Aufopferung einer Schwanzfeder ihrem Griff zu entziehen und, an einer Scheune

hinaufflatternd, die den Hintergrund des Stalles bildete, eine offene Luke zu

entdecken, in der er sich niederließ.

 

Tile, Lüddeke und Würmling, die inzwischen näher gekommen waren,

versuchten der Frau zu erklären, man dürfe das Tier nicht töten, da es so

ausgelegt werden würde, als hätten sie ein verräterisches Zeugnis aus der Welt

geschafft; aber sie war Belehrungen nicht leicht zugänglich, wenn ihr Gemüt in

Aufruhr war, und forderte die Herren mit Ungestüm auf, die Bestie

herunterzuschießen, wenn anders sie sie nicht für Feiglinge halten sollte. Herr

Lüddeke blinzelte mit seinen kleinen Augen bald Frau Armida, bald den Hahn

an, der in der viereckigen Luke saß, mit den Flügeln schlug, den Schnabel weit

aufreißend krähte und in der einfallenden Dämmerung größer als natürlich

aussah. »Er hat eine gellende Stimme und abscheuliche Figur,« sagte er, »und es

wäre nicht schade um ihn; allein wenn Herr von Würmling uns rät, daß wir uns

nicht mit Übereilungen verdächtig machen, so müssen wir wohl unseren

berechtigten Groll und unsere Verwegenheit einstweilen zügeln.«

 

»Nun denn,« rief Frau Armida, welche dass Zureden und die Gründe der Herren

wie Wassertropfen an sich ablaufen ließ, »wenn die Männer kein Herz in der

Brust haben, so werde ich dem Federvieh seinen Lohn geben,« raffte ein paar

große Feldsteine auf, die inmitten des Stalles einen Futtertrog bildeten, und warf

sie weit ausholend nach der Luke. Die Herren sputeten sich, aus dem Bereich der

niedersausenden Blöcke zu kommen, woran sie durch das Lachen nicht wenig

behindert wurden, in das sie über die Heftigkeit der Dame geraten waren; doch

kehrte der gute Tile wieder zurück, um seine Frau darauf aufmerksam zu

machen, daß sie leichter sich selbst als den Hahn treffen würde. Da ihr das

soeben selbst eingefallen war, verließ sie den Kampfplatz, auf dem das Beil und

die Steine wild umherlagen. »Druwel,« sagte sie streng, indem sie vor den Herren stehenblieb, »in manchem Korsett steckt ein Held und in mancher

Rüstung eine Memme.« »Das erste«, sagte der Druwel demütig, »wird niemand

bestreiten, der Euch kennt; was mich betrifft, so ist mein körperliches System

derart beschaffen, daß ich vor geheimen Dingen, als Gespenster, Furien,

Miasmen, Seuchen, Visionen, Erdbeben und Gewittern, eine unüberwindliche,

innere Zurückhaltung und Grausen verspüre, während ein ganzes Kriegsheer

mein Herz nicht um einen einzigen Wirbel schneller schlagen läßt.« »In Eurem

Verzeichnis habt Ihr die Weiber vergessen,« bemerkte Frau Armida, »und doch

habt Ihr Ursache, auch vor ihnen die Augen niederzuschlagen.« »Von dem Blick

einer schönen und edlen Dame überwunden zu werden, dessen braucht sich kein

Mann zu schämen,« antwortete Druwel und bot der nunmehr versöhnten

Bürgermeisterin den Arm, um sie in den Speisesaal zu führen.

 

Die charaktervolle Molli hatte nicht wie die übrigen Dienstboten dem Auftritt im

Garten zugeschaut, sondern war bei ihren Omeletten, Pasteten und Bäckereien

geblieben, so daß eitel Wohlgeschmack und Üppigkeit die Gesellschaft an der

Tafel empfing. Frau Armida, die noch stark atmete, eröffnete das Tischgespräch,

indem sie ausrief: »Habe ich mich bisher nicht darum gekümmert, so bin ich

jetzt dessen sicher, daß der Bösewicht Eier legt, und schlau muß er es anfangen,

daß wir ihn nie dabei betroffen haben.« Von Würmling sagte: »Gnädigste haben

dem Armen ihre Huld entzogen und halten ihn nun jeder Übeltat fähig: das ist

die Art der Frauen.« »Ei freilich,« entgegnete sie rasch, »die Art der Frauen ist

es, sich nicht verblenden zu lassen, weder durch ein geschabtes Kinn noch durch

einen langen Bart oder bunte Federn, sondern die schlechten Faxen zu

durchschauen und damit aufzuräumen.« Als sie bemerkte, daß Herr Lüddeke sie

der bedienenden Mädchen wegen durch Zublinzeln und allerhand Zeichen zur

Vorsicht zu mahnen suchte, blickte sie sich herausfordernd um und sagte:

»Warum soll ich in dieser Sache schweigen, wie wenn ich die Eier gelegt hätte?

Wir wollen schon dahinterkommen und einen Stecken dabeistecken, so daß

jedermann mit unserer Justiz zufrieden sein muß.« Ja, sagte der Bürgermeister,

so sollte es wohl sein, aber die Zeiten wären nicht mehr so, sondern es herrsche

Mutwillen und Unbotmäßigkeit im Volke, es gebe freche Leute, die sich

ungestraft aufbliesen und den höheren Personen etwas am Zeuge flickten. Der

Stadthauptmann habe ihm ernstlich aufgegeben, das Gerede Lügen zu strafen,

als lege sein Hahn Eier, wie sollte er das aber anstellen, wenn sein eigenes

Eheweib auf die Straße hinausriefe, daß es wahr sei?

 

Die Erwähnung des Stadthauptmanns stimmte Frau Armida nachdenklich und

trübe, so daß sie aus Schwermut und wachsender Besorgnis das Knäuel der Unterhaltung sich entrollen ließ. Indessen wurden Herr Lüddeke und der von

Würmling immer lustiger; der letztere nämlich fing an, wenn er eine Flasche

guten Weins getrunken hatte, umgänglich zu werden und Witz und Laune spielen

zu lassen, wie wenn das edle Feuerzeug ein Holz anzündete, das zuvor stumm

und dumm dagelegen hatte, nun aber knisterte, wärmte, leuchtete und

Wohlgeruch verbreitete. Sie versuchten auch den Druwel in die Lustbarkeit

hineinzuziehen; der aber, nachdem ihn das Essen zuerst ein wenig ermuntert

hatte, war wieder in Sorgen verfallen, die ihn so drangsalierten, daß er sich

zuweilen den Schweiß von der Stirne trocknen mußte.

 

»Du weißt, Tile,« sagte er, »daß ich in allen Gefahren zu dir halte und ein

mannhafter Kriegsoberst immer gewesen bin, es ist dir aber auch bekannt, daß

ich im Christentum heikel bin, und wenn ich einen Eid habe schwören müssen,

am liebsten den Mund nicht wieder auftäte, geschweige denn, daß ich dagegen

anlöge. Wie soll ich mich denn nun daraus ziehen, wenn ich wegen des Hahnes

befragt werde? Wenn ich auf die Folterbank gelegt und mit glühenden Zangen

gekneipt würde, ließe ich mir bei Gott über dich und das Eierlegen nichts

entschlüpfen; wenn sie mich aber mit drei Fingern gen Himmel schwören lassen,

so ist mir die Zunge wie vom Schlage gerührt und geht keine Unwahrhaftigkeit

mehr darüber.«

 

Alle blieben betroffen, nur Herr Engelbert lächelte und sagte, indem er seinen

schlanken blassen Zeigefinger über den Tisch auf des Druwels Brust zu bewegte:

»Habt Ihr denn den Gockel Eier legen sehen?« Der Druwel rollte erstaunt seine

Augen hin und her und sagte endlich aufatmend mit großer Erleichterung:

»Wenn ich es recht bedenke, so habe ich gar nichts gesehen.« »Nun, so könnt Ihr

aussagen, was Euch beliebt, ohne Euer Gewissen zu verstricken,« sagte der

Rechtsgelehrte, »und die Wahrheit wird uns so wenig schaden wie Euch die

Lüge.« Jetzt brachte der Bürgermeister noch ein Bedenken vor, nämlich, daß es

doch etwa besser gewesen wäre, das Tier abzutun, denn wenn es in der

Untersuchung peinlich mit Schrauben und Drehen behandelt würde, könnte es

durch einen unglücklichen Zufall doch noch Eier legen, wodurch sie dann ohne

Verschulden häßlich bloßgestellt sein würden; allein der Druwel winkte heftig

mit beiden Armen Schweigen und rief: »Redet mir nicht mehr von dem

verfluchten Viehzeug. Laßt mich über die ganze Sache im Dunkeln, daß ich so

wenig davon weiß wie von der unbefleckten Empfängnis Mariä! Eure gelehrte

Spitzfindigkeit, Herr Engelbert, mögt Ihr vor dem Tribunal entfalten, einem

einfachen Kriegsobersten wird dadurch nur der Verstand verwirrt. Schenkt nur

ein und füllt mir den Teller, denn vorher hat sich mir jeder Schluck und Bissen in Galle verwandelt.«

 

So begann der Druwel das Festmahl von neuem, nachdem die übrigen bereits

abgespeist hatten, und es ergab sich ein lautes Pokulieren bis in die späte Nacht,

wobei die Herren zum voraus ihren Sieg feierten und beredeten, wie sie den

alten Zustand wieder einführen, den Zünften einen Denkzettel anhängen und die

reformierte Sekte hinausbefördern wollten, am liebsten durch Feuer und Wasser,

aber aus Mildherzigkeit und anderen Gründen durch Verbannung, nachdem die

Rädelsführer auf dem Markte wacker ausgestäupt wären.

 

So plauderten die Herren beim Weine, indessen von weitem greuliche

Wetterwolken gegen sie dahergefahren kamen. Der Pfarrer Splitterchen war ein

unerschrockener und vorwitziger Mann, und da er nun verklagt wurde, die

Herrlichkeit des Bürgermeisters gröblich verleumdet zu haben, als ob er ein

Zauberer und Heide sei, dermaßen, daß er einen eierlegenden Hahn auf dem

Hofe hege, war ihm keinerlei Beschämung oder Kleinmut anzumerken, im

Gegenteil, er trat noch dreister auf als sonst und führte eine ganze Sippe

seinesgleichen mit sich, die sich gebärdeten, als wollten sie den Fürsten

Beelzebub vom Throne stoßen und die betrogene Welt vom Schwefelstanke

räuchern. Er war annehmlich von außen, kraushaarig und mager, mit so feurigen

Augen, daß es zischte, wenn er sie umherwarf, dazu voll loser Worte, die

wohlgezielt geflossen kamen wie ein Wasserguß, womit man kranke Gliedmaßen

bearbeitet. Er hatte auch einen rechtsgelehrten Beistand mitgebracht, den er aber

nicht an die Rede gelangen ließ und also füglich hätte daheim lassen können,

wenn er nicht in seinem breiten schimmeligen Gesichte ein giftgrünes Lächeln

versteckt gehabt hätte, das zuweilen anzüglich herausspritzte und die Gegner zu

ihrem großen Schaden und zum Vergnügen der anderen Partei besabberte.

Außerdem waren eine Reihe von Zunftvorstehern und einige von der

Kaufmannschaft gekommen, welche aus alten Briefen ihr Recht erwiesen, einer

solchen Verhandlung beizuwohnen, während die Ratsherren lieber unter sich

geblieben wären.

 

Der Richter, welcher den Vorsitz führte, mit Namen Tiberius Tönepöhl, hielt es

im Herzen mit den Reformierten und freute sich, wenn den Katholischen etwas

aufgemutzt werden konnte, aber er hatte gleichsam einen Pakt und

Blutsbrüderschaft mit der Gerechtigkeit abgeschlossen, wonach sein eigener

Trieb so wohl eingepfercht war, daß er nicht einmal die Schnauze durch die

Gitterstäbe zu stecken wagte; anstatt dessen war die göttliche Themis bei ihm

behaust und weissagte aus seinem Munde heraus, bis auf einige Mußestunden,

wo das Behältnis einmal aufgetan wurde und das Herz sich ein wenig tummeln und verschnaufen durfte. Unter den beisitzenden Richtern befanden sich auch

ein katholischer und ein evangelischer Pfarrer, da die Sache ebensosehr

geistlicher wie weltlicher Natur sei. Tiberius Tönepöhl bot zwar den Übergriffen

der Kirche die Stirn, ließ ihr aber andererseits das ihrige zukommen und betonte,

wenn Gelegenheit war, daß er als ein Laie von den religiösen Mysterien nichts

wisse noch wissen wolle, und jede Konfession ihre Ketzer verbrennen lasse,

soviel ihr zustehe, aber nicht ein Titelchen mehr.

 

Tönepöhl eröffnete die Verhandlung damit, daß er sagte, er tue es nicht ohne

Bedauern und Schamgefühl, daß ein hochangesehener Mann, wie der

Bürgermeister und beinahe die höchste Person im Gemeinwesen, öffentlich eines

solchen Greuels habe geziehen werden können, wie es sei, einen Hahn zu

besitzen, der Eier lege. Das wären anrüchige Dinge, die einen auf den

Scheiterhaufen bringen könnten, wenn er die geistliche Gerichtsbarkeit recht

einschätze, der er übrigens nicht vorgreifen wolle. Was man auch sonst für

Grundsätze haben möge, jeder müsse zugeben, sich mit dem Teufel einzulassen,

sei das Laster aller Laster, wie der Teufel der Vater aller Sünde sei, und die

Verehrung der von Gott angeordneten natürlichen Leibesvorgänge deute auf

einen Auswuchs oder Monstruosität des Gewissens, die doppelt abscheulich an

einer Regierungsperson sei, die den Untergebenen beispielsweise in fleckenloser

Tugend voranleuchten solle. Er hoffe aber, es werde dem Herrn Bürgermeister

gelingen, sich von dem peinlichen Verdacht zu säubern, und wenn der Pfarrer

Splitterchen etwa jetzt schon fühle, daß er in seinen Behauptungen zu weit

gegangen sei, so möge er dieselben sogleich zurücknehmen, was doch besser sei,

als hernach wie ein Ehrabschneider dazustehen. Verleumdung sei von Moses in

den zehn Geboten gerügt und sicherlich ein Haupt- und Grundlaster, das scharf

geahndet werden müsse, und das vorzüglich Geistliche sich nicht sollten

zuschulden kommen lassen. Man wisse ja wohl, daß die Besorgnis um das Heil

des Gemeinwesens Splitterchen veranlaßt habe, von dem berüchtigten Hahn zu

reden; um so mehr könne er ja zugestehen, daß eben diese feurige Liebe des

Guten zu seiner Vaterstadt ihn hingerissen habe, etwas als Tatsache hinzustellen,

was eine zunächst nur unsicher begründete Vermutung sei. Es sei freilich

tadelnswert, überhaupt nur Anlaß zu einem so gräßlichen Verdacht gegeben zu

haben, aber man müsse bedenken, daß einer dem Rechte nach auch des Teufels

Buhle sein könne, solange es ihm nicht nachzuweisen sei, und so solle sich

niemand aufopfern, indem er auf eine Wahrheit poche, die nicht ans Licht zu

bringen sei. Er fordere also pflichtgemäß den Pfarrer auf, seine

Unterschiebungen zurückzunehmen und dem Herrn Bürgermeister frei zu

gestehen, was zu gestehen sei; da sonst der Augenblick gekommen sei, wo die Gerechtigkeit ihre eisernen Füße aufheben und losmarschieren und ohne

Ansehen der Person den Schuldigen zermalmen werde.

 

Sogleich erhob sich der Pfarrer mit einer Handbewegung gegen seinen

Rechtsbeistand, Augustus Zirbeldrüse, des Bedeutens, er möge sich wegen einer

solchen Kleinigkeit nicht bemühen, und sagte freimütig, daß er den heidnischen

Unfug im Hühnerstalle des Herrn Bürgermeisters bisher nur leichthin angedeutet

habe, damit der Herr Bürgermeister einlenken und die Schweinerei zudecken

könne und das Gemeinwesen nicht dadurch verseucht werde. Er befasse sich

nicht damit, die katholische Kirche anzutasten und die Obrigkeit zu unterwühlen,

teils aus natürlicher Friedfertigkeit, und dann auch, um den Herrn

Stadthauptmann, dem er wie jedermann treu ergeben sei, nicht zu verstimmen,

von dem man wisse, daß er in herzlich vertraulichen Beziehungen zum Herrn

Bürgermeister und seiner Familie stehe, so sehr, daß er gewissermaßen mit ihm

verschwägert sei. Aus diesen Gründen habe er seine Entrüstung hintangesetzt

und zartsinnig geschwiegen, soweit es mit seiner Pflicht vereinbar gewesen sei.

Ob er ruhig hätte zusehen sollen, wie diejenigen, die Gottes Gebote in den Staub,

ja in den Dreck träten, mächtig am Steuer säßen, während die guten Handwerker

und Bürgersleute, die ihre in Zucht und schlichter Frömmigkeit erworbenen Eier

verzehrten, das Maul halten und unter jeder Willkür sich ducken müßten? Er

habe trotzdem geschwiegen, solange er es vermocht habe; nun aber der

Bürgermeister ihn nicht verstehen wolle, sondern trotzig gegen ihn vorrücke, um

ihm eine Grube zu graben, der offen und redlich an ihm gehandelt habe, wolle er

denn das aufgeklebte Blatt von Pietät und Rücksicht vom Munde reißen und die

Wahrheit herauslassen.

 

Bei den Worten des Pfarrers, die Beziehungen des Stadthauptmanns zum Hause

des Bürgermeisters betreffend, lächelte sein Rechtsbeistand Augustus

Zirbeldrüse, so daß sein Gesicht einem auseinanderlaufenden Käse ähnlich

wurde, und gab ein leises Pfeifen von sich, das die Zuhörer kichern machte und

ein erwartungsvolles Schweigen im Saale verbreitete.

 

Tile Stint, der nicht bemerkt hatte, woher das Pfeifen kam, sah sich erschrocken

und ein wenig verlegen um in der Meinung, es sei einem aus Versehen entwischt

und als eine Unschicklichkeit peinlich, und er räusperte sich, um zu antworten

und zugleich den kleinen Zwischenfall zuzudecken. Allein von Würmling drehte

den Kopf ein wenig nach ihm und sagte, ohne die Augenlider von den Augen zu

heben, er sowohl wie der Bürgermeister wären recht neugierig, die Wahrheit

kennenzulernen, die nun sollte vorgeführt werden. Dieselbe sei als ein sprödes

Frauenzimmer bekannt, die viele Propheten und Potentaten vergebens um sich habe freien lassen, Herr Splitterchen dürfe also billig stolz sein, daß er es einer

so wählerischen Person angetan habe. Freilich sei er ein verdienstlicher Mann in

den besten Jahren und brauche sich als ein Reformierter auch um das Zölibat

nicht zu kümmern.

 

»Zunächst«, antwortete der Pfarrer keck, »sollen einmal die Kränzeljungfern und

Brautführer antreten, zum Schlusse werde ich dann die Braut zum Altare

führen.«

 

Da begannen denn die Zeugen hervorzuströmen; es war, wie wenn die Schleuse

eines starken Stromes aufgemacht wird. Zuerst kam die Köchin Molli, welche

das Sacktuch an die Augen drückte und vor Schluchzen nicht reden konnte,

worauf Tiberius Tönepöhl sie einige Minute weinen ließ, sodann sie gelinde

tröstete, dann sachte zu fragen anhub, wie sie heiße, wie lange sie beim Herrn

Bürgermeister im Dienst sei, und ob sie mit seinem Hahn jemals etwas zu

schaffen gehabt habe. Bei Erwähnung des Hahnes fing die Molli, welche sich

eben ein wenig erholt hatte, von neuem zu weinen an und sagte nach erneuerter

Tröstung, daß sie die Bestie einige Male habe abstechen wollen, daß aber der

Herr Bürgermeister solches verhindert habe, weil er zäh und nicht schmackhaft

sein würde. Hier wurde das Verhör durch Augustus Zirbeldrüse unterbrochen,

der sich aufnotierte, daß der Hahn, weil zäh, vermutlich sehr alt sei, und die

Molli fragte, wie lange er sich schon im Hause des Bürgermeisters befinde.

 

Auf die Frage des Vorsitzenden, warum sie die Bestie habe abstechen wollen,

besann sie sich eine Weile und sagte, daß es so Sitte sei, von Zeit zu Zeit das

Federvieh abzuschlachten, bevor es zu alt sei, da sie ja auch dazu da wären und

immer junge nachwüchsen; wurde aber ermahnt, sich an die Wahrheit zu halten

und auch ihres Eides erinnert, da sie unzweifelhaft ein tieferliegender Grund zu

der sonst nicht gewöhnlich an ihr scheinenden Mordlust bewogen haben müsse.

Dies Zureden beängstigte die Köchin, und sie gab errötend zu, daß sie in der Tat

dem Hahne gram gewesen sei, da er eine häßlich kreischende Stimme habe, von

der sie oft vor Tage geweckt sei. Wegen der Eier sagte sie aus, daß zwar letzthin

mehrere Eier durch eine sonderlich rote Farbe und Ausdehnung des Dotters ihr

Bedenken gemacht hätten, daß sie aber den Hahn niemals beim Eierlegen

betroffen habe, und daß sich etliche Hühner im Hühnerhofe befänden, denen die

vorkommenden Eier ihrer Zahl und Beschaffenheit nach wohl zugeschrieben

werden könnten.

 

Der Vorsitzende ging nun dazu über, die Molli zu fragen, ob im Hause des

Bürgermeisters viel Eier verbraucht, und ob sie im Familienkreise oder mit Gästen genossen würden, und als sie das letztere bejahte, wer die Gäste wären

und wie sie sich aufführten. Hierüber wurde Molli zornig und sagte, daß zu den

Gästen der Herr Stadthauptmann und der Herr Druwel von Druwelstein

gehörten, und daß diese von niemandem Lehren über ihr Betragen anzunehmen

brauchten, und daß sie, obwohl sie nur eine Köchin sei, Bildung genug besitze,

um zu wissen, daß es ungehörig sei, solche Fragen stellen, auf welche sie nicht

antworten würde. Tönepöhl, welcher infolge seiner Gerechtigkeit sich niemals

ereiferte, sagte: »Liebes Kind, mir mußt du Rede stehen, als ob ich dein

Beichtvater wäre, sollte ich dich auch noch unziemlichere Dinge fragen, als

diese waren,« worauf Augustus Zirbeldrüse mit quiekender Stimme einfiel, ihm

stehe das Recht zu fragen nicht minder zu, und er wolle denn auch gleich wissen,

wie lange die Gesellschaft gemeinhin bei Tafel gesessen habe, auf welche Weise

Molli die Speisen, insbesondere die Eierspeisen zubereitet, und ob die Frau

Bürgermeisterin dabei geholfen habe. Die eingeschüchterte Molli erzählte, wie

einmal der Herr Bürgermeister mit eigenen Händen die Eier zerklopft habe,

überhaupt zuweilen in die Küche gekommen sei und ihr zugesehen habe. Bei

diesen Worten hob Zirbeldrüse seinen dicken Kopf ein wenig aus den Schultern

und machte Kikeriki, was er halb krähend, halb flötend überaus scherzhaft

zuwegebrachte, um so mehr, als er sein Gesicht dabei kaum bewegte und es

schien, als ob der Hahnenkraht wie ein Lebewesen eigenwillig aus seinem

Munde stiege. Nachdem der Pfarrer noch gefragt hatte, ob der Herr

Bürgermeister das Tischgebet spräche, und ob in seinen Gemächern

Heiligenbilder ständen oder hingen, wurde Molli entlassen, von den

wohlwollenden Blicken Tönepöhls und Zirbeldrüses begleitet.

 

Tile Stints übrige Diener sagten aus, daß sie freilich den Hahn nicht hätten Eier

legen sehen, daß er aber etwas Widriges an sich habe und sie ihm wohl allerlei

Unrichtiges zutrauten; ferner, wie oft der Stadthauptmann zu Besuch gekommen

sei, wie oft der Herr und die Frau Bürgermeister zur Kirche gegangen seien, daß

sie keine Kinder hätten und woran dies etwa liegen könne, was für Aufwand sie

trieben, wieviel Röcke, Unterröcke, Pelze und Hauben die Bürgermeisterin hätte,

daß sie alle ihre Bezahlung reichlich und pünktlich erhielten und auch sonst, was

ins Haus käme, auf den Heller bezahlt würde.

 

Danach kamen die Freunde des Hauses, zuerst der Druwel, der sich vorher mit

einem Becher starken Weines Mut getrunken hatte und deshalb mit gläsernen

Augen und blauroten Backen daherkam, so daß ein mißfälliges Murmeln durch

die Reihe der Zunftvorsteher lief. Er hatte indessen doch zu wenig getrunken

und es wollte ihm mit dem Schwören durchaus nicht glücken; der Schweiß trat ihm tropfenweise auf die Schläfen, und er mußte um einen Stuhl bitten, wobei er

sein Alter, die Gicht und die ausgestandenen Feldzüge vorschützte. Wegen des

Hahnes wollte er sich von vornherein entschuldigen, daß er durchaus nichts

davon wisse und verstehe, überhaupt ein einfacher Kriegsmann sei; allein der

Vorsitzende erklärte ihm lächelnd, daß er nur auf jede einzelne Frage der

Wahrheit gemäß antworten müsse, und da wurde er denn freilich ärger bedrängt,

als er sich hatte träumen lassen. Bald hatte er zugegeben, daß Frau Armida den

Hahn habe umbringen wollen, daß sie durch unüberwindliche Abneigung dazu

angetrieben worden sei, und daß der Bürgermeister sie daran verhindert habe.

Vollends aber machte es jedermann stutzig, daß es der Frau Armida trotz ihres

festen Willens nicht gelungen war, den Hahn zu töten, was nach der Aussage

mehrerer Sachverständiger, die sogleich herbeigerufen wurden, kein schweres

Geschäft sei, sondern durch Halsumdrehen von jedem Kinde könne bewirkt

werden. Bei dieser Gelegenheit erhob sich Zirbeldrüse und verlangte, daß die

Köchin Molli noch einmal vorgeladen werde, damit man erführe, ob es bei

Bürgermeisters üblich gewesen sei, das Geflügel durch Steinewerfen zu töten,

widrigenfalls es sehr auffallend und belastend sei, daß Frau Armida sich zu einer

so mühsamen und umständlichen Beförderungsart entschlossen habe.

 

Tönepöhl, der Vorsitzende, war mit dieser Wendung unzufrieden, weil er

bemerkt hatte, daß Zirbeldrüse auf Molli eine ebenso große Zuneigung geworfen

hatte wie er selbst, und zum Anwachsen eines solchen Gefühls keine

Gelegenheit bieten wollte, zumal er auch fand, daß zu dergleichen verliebten

Einfädelungen das Gericht in seiner Würde der Ort nicht sei, und lehnte daher ab

mit der Begründung, ein jeder habe sich aus den Tatsachen, die Druwel von

Druwelstein beigebracht habe, genugsam seine Meinung bilden können; denn

wenn die Frau Bürgermeister häufiger Hühner durch Steinwürfe getötet habe,

beziehungsweise habe töten wollen, so würde es ihr entweder bei dem Hahne

besser gelungen sein, oder sie würde es wegen der Ergebnislosigkeit für den

gemeinen Gebrauch längst aufgegeben haben. Während sich alle über den

Scharfsinn des Tönepöhl wunderten und freuten, ärgerte sich Zirbeldrüse

dermaßen, daß er grün anlief, und es bildete sich verdeckterweise eine grimmige

Feindschaft zwischen beiden, die sich nun als Nebenbuhler erkannten.

 

Der Druwel wurde noch mehrere Stunden lang ausgefragt, erstens über das

Verhältnis des Stadthauptmanns zum Bürgermeister, über des letzteren kirchliche

Gewohnheiten, ob er die Fasten halte, ob er zuweilen Ablaß kaufe, dann aber

auch über seinen eigenen Lebenswandel, wieviel Wein er im Keller habe, ob er

schon einmal Lotto oder Würfel gespielt habe und dergleichen mehr, so daß er, zu Hause angekommen, sich auf der Stelle zu Bette legte und nicht mehr zum

Aufstehen zu bewegen war.

 

Nachdem alle Freunde des Bürgermeisters sowie alle Händler, die ihm Waren

lieferten, und alle Ratsangestellten vernommen waren, kamen zum Schlusse

noch ein Nachtwächter, welcher den Hahn des öfteren zur unrichtigen Zeit,

nämlich um Mitternacht statt um drei Uhr, hatte krähen hören, und ein Dieb,

welcher vor etwa einem Jahre in einem dem Bürgermeister benachbarten Hause

hatte einbrechen wollen und jetzt seine Strafe im Gefängnis verbüßte. Dieser

sagte aus, daß in jener Nacht alle Fenster im Hause des Bürgermeisters

erleuchtet gewesen wären und ein großer Schall von Bankettieren in den Garten

und auf die Straße gedrungen wäre, daß es einen recht gotteslästerlichen

Eindruck auf ihn gemacht habe und er in Zweifel gefallen sei, ob er sein

Vorhaben ausführen solle, da doch nebenan so viele Menschen wach wären. Er

wäre aber doch dabei verblieben, weil er sich gesagt hätte, daß in einem solchen

Taumel und Hexensabbat keiner auf sein gelindes Wesen merken würde, wie es

denn auch wirklich geschehen sei, so daß alles gut herausgekommen wäre, wenn

nicht im Hause, wo er es vorhatte, die Leute durch ein schreiendes Kind auf ihn

aufmerksam geworden wären.

 

Hiermit, sagte der Vorsitzende, könne man wohl das Zeugenverhör schließen. Es

hätten sich zwar noch an hundert gemeldet, die merkwürdige Dinge über den

Bürgermeister und ihn Betreffendes vorzubringen versprächen, er glaube aber, es

sei nun übergenug Stoff gesammelt, daraus man sich ein Urteil bilden könne,

und er wolle es dabei bewenden lassen damit der Prozeß doch einmal zu Ende

käme und auch übrigens wieder Gerechtigkeit gepflegt werden könne. Etwa

käme es noch in Frage, ob man den Stadthauptmann vorladen solle, was er als

ein tapferer und gerechtigkeitsliebender Mann ohne weiteres tun würde, wenn

dadurch mehr Licht in eine vorhandene Dunkelheit gebracht würde. Er

seinerseits sähe aber hell genug, womit er indessen den anderen Richtern oder

dem Kläger und Beklagten nicht vorgreifen wolle. Da niemand in betreff des

Stadthauptmanns etwas wünschte, wollte oder meinte, erteilte am folgenden

Tage der Vorsitzende dem von Würmling das Wort, damit er die Klage seines

Klienten noch einmal kurz und faßlich begründe.

 

Herr Engelbert, der während der Zeugenvernehmung meist das blasse

spitzbärtige Gesicht in die schlanke Hand gestützt dagesessen hatte, als ob er

schliefe oder an etwas anderes dächte, öffnete die Augen ein wenig und setzte

auseinander, daß der Pfarrer überhaupt höchst unbefugterweise auf der Kanzel

etwas gegen den Herrn Bürgermeister vorgebracht hätte, da den Reformierten das Predigen nur unter der Bedingung gestattet wäre, daß sie sich in allen

Stücken ruhig und gehorsam verhielten und weder durch Tat noch durch Wort

sich gegen eine hohe Obrigkeit aufsässig zeigten, welches zu beweisen er

mehrere Erlasse aus vergangener Zeit vorlas. Auch gab er einen schönen Abriß

der Verfassung und der Rechte von Bürgermeister und Ratsherren, welche die

Untertanen zu nichts anderem als zu schuldigem Gehorsam verpflichteten, der

durch den Pfarrer gröblich verletzt war, und gab verschiedene Beispiele, wie in

vergangener Zeit vorwitzige Gesellen wegen loser Worte enthauptet oder

gevierteilt wären, welches zu beweisen er wiederum einige Abschnitte aus den

Büchern der Stadt vorlas. Da es nun den Untertanen und den reformierten

Pfarrern insbesondere verboten sei, der Obrigkeit etwas Schmähliches

vorzuhalten oder nachzusagen, selbst wenn es wahr wär, so sei es über allen

Ausdruck verbrecherisch und gemeingefährlich, wenn dasselbe erfunden und

erlogen sei; und das sei eben hier der Fall. Der Bürgermeister sei über sechzig

Jahre alt und in Ehren ergraut, habe öfter kommuniziert und gebeichtet, sich

niemals gegen die Kirchenzucht verfehlt und wanke dem Grabe zu, so daß es

jeden rühren müsse, und es sei von vornherein widersinnig, einen solchen Mann

mit verdächtigem Teufelswerk in Verbindung zu bringen. Die Hauptsache sei

aber dies, daß das Eierlegen des Gockels nimmermehr als bewiesen zu erachten

sei, da er weder von irgend jemand dabei betroffen sei noch auch vor

versammeltem Gerichtshof eine Probe seiner Unnatur abgelegt habe.

 

»Ei,« rief der Pfarrer aufspringend, »da möchte wohl jeder Kirchenschänder und

Muttermörder frei ausgehen, wenn die Richter an seine Übeltat nicht glaubten,

bis er sie in ihrer Versammlung als ein Schauspiel vorgestellt hätte! Ist die Natur

dieses Basilisken nicht genugsam durch die hundertfachen Aussagen so vieler

argloser Menschen dargetan? Hat nicht eine unverdorbene Jungfrau, die Köchin

Molli, aus deren tränenden Augen abzulesen war, wie ungern sie wider ihren

Brotherrn zeugte, ihren unüberwindlichen Abscheu vor der heillosen Bestie

gestanden? Haben nicht alle, die mit ihm in Berührung kamen, wes Alters,

Standes und Geschlechtes sie waren, dasselbe unerklärliche Gefühl des Grauens,

gleichsam einen inneren Warner, im Herzen gespürt? Hat nicht die

Bürgermeisterin selbst die Höllenausgeburt mit feindlichen Gefühlen verfolgt,

die sich bis zu einer der weiblichen Natur sonst fremden Mordlust vergifteten?

Selbst wenn der satanische Vogel niemals mit Erlaubnis zu sagen Eier gelegt

hätte, muß es doch jedem klar geworden sein, daß er dies und noch viel anderes

vermöchte, seiner Abkunft und Konnexion, die ich nicht näher bezeichnen will,

gemäß.«

An dieser Stelle brüllte Augustus Zirbeldrüse so laut, daß ein allgemeines

Lachen und Beifallklatschen entstand und der Redner erst nach einigen Minuten

fortfahren konnte.

 

»O, schweigen wir«, rief er mit edler Betonung, »von diesen unnennbaren,

unkeuschen und unflätigen Dingen, da wir den Unschuldschnee der Volksseele

schon allzusehr mit Schlamm durchmistet haben! Wie ungern habe ich meine

Stimme in dieser Sache erhoben! Wie leicht und lieblich ist es, die Nase

wegzuwenden, wenn wo Gestank ist. Uns Prediger aber hat Gott berufen, die

Gemeinde vor Übel zu bewahren, und uns mit einem wundersamen Harnisch

gerüstet, daß wir den Mächtigen der Erde furchtlos als Angreifer und Entlarver

entgegentreten. Liebe Freunde, ich weiß, daß die Besten unter euch schon lange

mit Murren zugesehen haben, wie das Volkswohl, unbeachtet am Karren der

Regierung hängend, durch den Kot geschleift wird. Wir haben tüchtige Männer

genug, die zugreifen und die Ordnung herstellen könnten, die löblichen Meister

der Gilden, die Herren Bäcker, Kürschner, Kupferschmiede und Gewürzkrämer,

mit Herzen und Händen, die in Entsagung und ehrlicher Arbeit geläutert sind,

das Steuer zu drehen; aber sie scheuen den Aufruhr und warten, bis das Maß voll

ist. Liebe Freunde, wir haben gehört, was für Aufwand im Hause des

Bürgermeisters getrieben wird. Wir wissen, wie überflüssig mittags sowohl wie

abends seine Tafel besetzt ist. Von dem übermäßigen Eierverbrauch will ich

nicht reden; aber führen wir uns noch einmal alle die Speisen vor, die das

zahlreich zusammengetriebene Gesinde, im sauren Frondienst schwitzend, von

früh bis spät herstellen mußte: da folgen sich die mit Wein und Nelken gewürzte

Suppe, die Pastete voll Trüffeln, die schwer mit Äpfeln und Rosinen gespickte

Mastgans, der üppige Kapaun, der zartblätterige Salat, das Mandelgebäck und

die aus Pistazien, Mandeln und anderen fremden Zutaten wie Mosaik gemusterte

Magenmorselle. Und alle diese Leckerbissen sind bezahlt! Bezahlt sind die

Muskateller und Malvasier, das böhmische Glas und der russische Hermelin!

Wovon? Das würde ein Rätsel bleiben, wenn die Lösung nicht in einer anderen

häßlichen Frage läge: Warum wächst der nördliche Turm der

Hundertjungfrauenkirche nicht, zu dessen Vollendung seit Jahren unter der

Bürgerschaft gesammelt wird? Da prahlt wohl ein Baumeister mit seinen Plänen,

da steigen Maurer an den Leitern auf und nieder, da ist seit Jahren das

Hauptportal mit Gerüsten verstellt; aber an dem Turme ändert sich nichts, als

daß ein Jahr ums andere ein neues Kränzlein von Steinen auf die alten kommt.

Laßt mich nebenbei bemerken, daß die Hundertjungfrauenkirche, wie schon in

ihrem abgöttischen Namen liegt, der katholischen Konfession vorbehalten ist,

wir also einen selbstischen Zweck an ihrer Vollendung nicht haben können und uns nur aus unparteilicher Gerechtigkeitsliebe um eine diesbezügliche

Verwahrlosung und Unterschleif bekümmern. Diejenigen, die mich des

Parteihasses bezichtigen und wohl selbst dessen voll sind, werden überzeugt

sein, ich lachte in mir hämisch und schadenfroh, wenn ich die Münstertürme der

Papisten wie vom Blitz geköpft oder wie im Frost verkohlte Strünke dem

Untergang anheimfallen sehe. Nein, meine Lieben, wo immer ich Mißstände und

Treulosigkeit erblicke, unter denen das Gemeinwesen leidet, rühre ich mich, dem

Arzte vergleichbar, der, wenn es an seinem Glöckchen läutet, sei es auch um

Mitternacht und zur Winterszeit, aus dem lauschigen Federbett springt und über

die dunklen Straßen durch Tümpel und Pfützen der Pflicht nacheilt, die mit

bescheidenem Lämpchen voranleuchtet an das Wochenbett, an das Sterbelager,

manchmal auch zu Besessenen, die sich, unter dem Zwang ihres teuflischen

Schmarotzers, gegen den, der es gut mit ihnen meint und das Übel austreiben

will, mit Beißen und Kratzen zur Wehr setzen …«

 

Weiter konnte der Pfarrer nicht reden; denn das Jauchzen und Lebehochrufen der

Gildenmeister und anderen Zuhörer verursachte ein solches Geräusch, daß seine

tapfere Stimme nicht mehr hindurchzudringen vermochte. Als er sich wieder

vernehmlich machen konnte, wiederholte er den letzten Satz und fügte noch

mehrere voll rühmlicher Gesinnung hinzu, worauf er mit den Worten schloß: aus

allem diesem erhellte wohl für jeden, daß der Hahn des Bürgermeisters wider

göttliche Ordnung Eier lege, was er oben behauptet habe, zu welcher

Behauptung er, da sie gewissermaßen wahr sei, nicht nur berechtigt, sondern

sogar verpflichtet gewesen sei, und wodurch er sich um den Bürgermeister, für

den es vielleicht noch Zeit sei, seine Seele zu retten, verdient gemacht zu haben

glaube.

 

Der Pfarrer hatte noch nicht ausgesprochen, als er von allen Seiten unter

Händeklatschen beglückwünscht wurde, da niemand mehr an seinem Siege

zweifelte. Eben forderte der Vorsitzende die anderen Richter auf, sich mit ihm

zur Findung des Urteils zurückzuziehen, was sie, wie er bedeutsam fallen ließ,

nun nicht mehr viel Zeit kosten würde, als etwas Unerwartetes eintrat, das dem

Verlaufe der Sache eine andere Wendung gab.

 

Unter dem erweichenden Einfluß der sehnenden Liebe nämlich schien es dem

Stadthauptmann bald, als sei er allzu grausam gegen Frau Armida gewesen; da

er aber doch an seinem Worte, dem eine gewisse Heiligkeit innewohnte,

unerschütterlich festhalten mußte, ergrimmte er gegen den Pfarrer, der das ganze

unnütze Lärmen verursacht hatte. Wie sich im Laufe des Prozesses merken ließ,

daß der Bürgermeister mit seiner Anklage abprallte, dagegen selbst und vielleicht auch Frau Armida in eine gefährliche Malefizsache geriet, wurde sein

Zorn unbändig, und er schalt insgeheim auf seine eigene Langmut, mit der er

den Aufruhrgeist im Volke sich hatte ausbreiten lassen, anstatt es von vornherein

mit scharfen Mitteln zu Bescheidenheit und Gehorsam anzuhalten. Da er

ohnehin mit dem Bischofe von Osnabrück, einem ausnehmend feinen Manne,

Geschäfte abzumachen hatte, reiste er zu ihm und stellte ihm die Angelegenheit

vor, ließ auch einfließen, wieviel ihm daran läge, wenn der Bürgermeister aus

der Falle gezogen würde, dem reformierten Pfarrer und seinem Anhang aber eine

merkliche Belehrung für die Zukunft erteilt würde. Aus diesem Grunde geschah

es, daß der Bischof mit einem Male in den Gerichtssaal zu Quakenbrück trat und

begehrte vernommen zu werden, da er etwas Wichtiges in der Sache des Herrn

Bürgermeisters auszusagen habe.

 

Die plötzliche Erscheinung des Kirchenfürsten wirkte so erbaulich, daß einige

auf die Knie fielen, die anderen wenigstens sich tief und eilfertig verbeugten;

einzig Pfarrer Splitterchen blieb aufrecht stehen, und der von Würmling

verneigte sich nur mit den Augenlidern. Auf Grund seiner Vorurteilslosigkeit

und Gerechtigkeitsliebe zögerte Tönepöhl nicht, den Bischof in höflichen

Worten zum Sprechen aufzufordern, ja sogar ihm im voraus für sein Kommen zu

danken, falls er etwas Förderliches in diesem schwierigen Handel beizubringen

habe. Nachdem sich der Bischof, der ein beleibter Mann war, mehrere Male nach

rechts und links umgesehen hatte, wurde ihm ein Sessel herbeigerollt, in den er

sich mit Anmut niedersetzte, und von dem aus er nun behaglich um sich blickte

und dem und jenem zulächelte, der ihm bekannt vorkam. Unterweilen zog er

eine funkelnde Schnupftabakdose hervor und sagte lächelnd: »Euer Pflaster ist

holperig, ich habe meinen Wagen am Tore stehenlassen und mich in einer Sänfte

hertragen lassen; so bin ich zwar anständig hereingekommen, aber die guten

Leute, die mich trugen, ließen die Zunge zum Verdampfen aus dem Munde

hängen, denn sie mußten springen, damit ich zu rechter Zeit käme, und dazu

zeigt der Kalender noch den Hundsstern an.« Nachdem er sich noch einige Male

nach rechts und links umgesehen hatte, brachte man ihm auf einem Brett eine

Flasche Wein nebst einem Glase, das man auf ein Tischchen neben ihm stellte,

so daß er nun bequem und vergnüglich eingerichtet war. »Es trifft sich gut,«

sagte er, indem er das Glas in die Hand nahm, »daß heute kein Fastentag ist,

sonst würde ich mir diesen Labetrunk versagen,« und ging dann allmählich zu

der schwebenden Sache über, indem er folgendes erzählte: Er sei vor einem

Jahre, um einen Ablaß für den Turmbau zu verkünden, in Quakenbrück gewesen

und habe bei der Gelegenheit Haus und Hof des Bürgermeisters samt allen

Bewohnern, Mensch und Vieh, geweiht, und dieser Segen habe auch den fraglichen Hahn getroffen, welcher dadurch entweder des teuflischen Charakters

ledig geworden sei oder niemals dergleichen an sich gehabt habe, da er sonst der

Weihespende ausgewichen sein würde, wie es böser Geister Sitte oder Unsitte

sei.

 

Tönepöhl unterdrückte eine leichte Verlegenheit und sagte, er wisse als Laie in

weltlichen Dingen besser als in kirchlichen Bescheid, allein er achte auch die

letzteren und sei fern davon, etwas in der Kirche zu Recht Bestehendes antasten

zu wollen. Hochwürden möge ausdrücklich feststellen, ob wirklich der fragliche,

des Eierlegens bezichtigte Hahn und nicht ein anderer sich unter dem Geflügel

befunden habe, dem der Bischof die Weihe gütigst habe angedeihen lassen. Ein

Hahn sei dabeigewesen, sagte der Bischof leutselig, ein hübsches Tier von

stattlichem Betragen, der ihm wegen seines übermäßig geschwollenen Kammes

aufgefallen sei; er habe damals diesen Kamm mit der päpstlichen Tiara

verglichen und den Hahn scherzweise Seine Heiligkeit genannt, wessen sich

namentlich die Frau Bürgermeisterin gewiß noch entsinnen würde.

 

Daß der Bischof mit so gewaltigen Dingen tändelte, machte auf Tönepöhl, der

ein Freigeist war, sich dessen aber doch nicht getraut hätte, einen bedeutenden

Eindruck, so daß er begann, den Bischof als seinesgleichen zu bewundern. Er

lächelte ein wenig und sagte, daß man die Frau Bürgermeisterin gern hören

würde, wenn es ihr belieben sollte, der Darstellung des Bischofs ihre Glossen

hinzuzufügen. Als dann die Dame in ihrem burgunderroten Kleide wie ein

Windessausen dahergefahren kam, winkte er nach einem zweiten Sessel, da der

Bischof Miene machte aufzustehen und ihr den seinigen anzubieten, wobei er

sich aber etwas langsam und schwerfällig bewegte.

 

Frau Armida dankte kurz mit Kopfnicken und sagte, daß der Hahn, der die

Weihe des Bischofs empfangen habe, derselbe sei, welcher jetzt von

Lästerzungen schmählich besudelt werde, leide keinen Zweifel; denn sie besäßen

ihn seit zwei Jahren und hätten inzwischen keinen anderen gehabt. Es würde

dann wohl das beste sein, den Hahn selbst herbeizuholen, damit der Bischof ihn

anerkennte und auch die Richter ihn in Augenschein nähmen, ob etwas

Verdächtiges an ihm zu vermerken sei.

 

»Es soll mich freuen, das gute Tier wiederzusehen,« sagte der Bischof

liebenswürdig. »Und wie wäre es,« meinte er, »wenn man, um ihn zutraulich zu

machen und des Vergleiches wegen, ein paar Hühner vom Hofe des Herrn

Splitterchen dazu lüde? Es wäre merkwürdig zu sehen, wie diese, die

zweifelsohne natur- und ordnungsgemäße Hühner sind, sich mit dem übelbeleumdeten Hahn vertragen, ob sie etwas Anrüchiges an ihm wittern, oder

ihn als einen tauglichen Hahn und Herrn zulassen.«

 

Splitterchen erwiderte mit beißender Freundlichkeit, er wolle mit seinen

Hühnern nicht zurückhalten, halte aber dafür, daß es ein schlechtes Appellieren

sei von menschlicher Vernunft zu tierischer.

 

»Nun,« entgegnen der Bischof, »es wird ja nichts anderes von ihnen verlangt, als

daß sie den Bösen wittern, wozu man, meine ich, weder des Verstandes noch der

Vernunft bedarf, sondern des einfältigen Instinktes, womit die Tiere vorzüglich

behaftet sind.«

 

Nachdem noch einige Reden dieser Art zwischen den Parteien gewechselt

waren, entschied Tönepöhl, daß der beschuldigte Hahn den Splitterchenschen

Hühnern sollte konfrontiert oder gegenübergestellt werden, jedoch erst am

folgenden Tage, da die Mittagsstunde sogar schon vorüber war und anzunehmen

stand, daß alle, besonders aber der Bischof, der unaufhaltsam gereist war, einer

Erfrischung bedürftig wären.

 

Inzwischen hatte Molli gekocht und gebraten, damit dem Bischof eine ziemliche

Bewirtung vorgesetzt würde. Während des Mahles wurde dem hochwürdigen

Manne ein Brief des Herrn von Klöterjahn überbracht, der sehr vertraulicher

Natur war, und nach dessen Lesung er sagte, daß der Stadthauptmann bald

wieder mit Freuden in diesem Hause verweilen würde, wie denn jetzt schon sein

gerechter Unwille sich ein wenig verkühlt hätte und er dem Bürgermeister seine

volle Liebe und Gnade wieder zuwenden würde, wenn derselbe sein Christentum

sauber gereinigt vor aller Augen könnte glänzen lassen. Nachdem der Bischof

sich über den schönen Glaubenseifer des Stadthauptmanns, über den

unbotmäßigen Geist der Untertanen und der Reformierten insbesondere und die

Notwendigkeit, solchen zu dämpfen, unwiderleglich geäußert hatte, ging er zu

den auserlesenen Speisen über, die wie die Sterne am Himmelsgewölbe nach

einer weisen und festen Anordnung die Tafel umliefen, erkundigte sich nach der

Herstellung der einen oder anderen bei der Hausfrau und sprach den Wunsch

aus, der verdienstvollen Molli seine Zufriedenheit selbst in der Küche

auszudrücken.

 

Da man sich am Schlusse der Traktierung dorthin begab, stand das Gesinde am

Wege aufgereiht und begehrte den Segen des Bischofs, dessen Herablassung

bekannt war; dazu war er fett und schön, mit sicheren blauen Augen und einer

erhabenen Nase und einer Umgangsweise, als ob er gewohnt wäre, von einem Thron herunter mit den Leuten zu reden. Molli empfing den hohen Gast in der

Küche mit Kniebeugung und Handkuß, worauf sie von ihm auf die Stirn geküßt

und sowohl wegen ihres Kochens belobt wurde, als auch weil sie sich bei dem

Verhör als ein tapferes, kluges und ihrer Herrschaft ergebenes Mädchen erwiesen

habe. Molli lächelte verschämt und sagte, sie gehöre freilich nicht zu denen, die

eine gute Herrschaft im Unglück verließen. Zuerst sei sie wohl über die

unanständigen Dinge erschrocken gewesen, die man von dem Herrn

Bürgermeister gemunkelt habe, und als ihr dann noch die karminroten Eidotter

in die Hände geraten seien, habe sie den Kopf verloren, nachher aber sich desto

besser gefaßt und sich vorgesetzt, zu ihrem Herrn zu halten, der doch einmal die

Obrigkeit sei und bei der guten katholischen Religion bleibe. Die Herren vom

Gericht hätten sich zwar recht darangehalten, um sie auf ihre Seite zu ziehen, sie

hätte gestern noch von Herrn Tiberius Tönepöhl sowie auch von Herrn Augustus

Zirbeldrüse je ein hübsch gemaltes Schreiben erhalten, worin sie artig um das

Vergnügen gebeten hätten, sie als Köchin in ihr Haus einführen zu dürfen, wenn

der Herr Bürgermeister, wie es doch nun wohl nicht anders sein könnte, von Amt

und Würden hinunter in Schande und vielleicht gar Lebensverlust stürzte; aber

sie hätte nicht darauf geantwortet, da sie erst hätte erwarten wollen, ob der Herr

Bürgermeister wirklich so übel daran sei, und dann auch aus den Blicken der

beiden Herren den Argwohn gezogen hätte, daß es ihnen nur darum zu tun wäre,

die Ehre einer unschuldigen Jungfrau zu Falle zu bringen. Diese letzten Worte

gingen in ein zartfühlendes Schluchzen über, das nur durch liebreiches Zureden

des Bürgermeisters und des Bischofs sowie durch eine Geldspende von beiden

endlich gestillt werden konnte.

 

Gegen Abend meldete sich Tiberius Tönepöhl zu einer Rücksprache bei dem

Bürgermeister und trug vor, daß es ihm ungeziemend vorkomme, wenn das

Geflügel im Saale des Rathauses vorgestellt würde, der dadurch wie ein Stall mit

Geschrei und Unrat erfüllt werden würde. Man könnte den Garten des

Bürgermeisters dazu verwenden, um diesem gefällig zu sein; allein darin könnte

Pfarrer Splitterchen eine Benachteiligung erblicken, was er auch nicht

scheinweise auf sich laden möchte; sein Vorschlag gehe deshalb dahin, daß die

Sitzung vor dem Lindentore auf dem Anger abgehalten werde, wo nach altem

Gebrauch die städtischen Truppen eingeübt und auch Märkte und Feste

veranstaltet wurden. Wegen des Imbiß, zu dem Tile Stint den Richter einlud,

entschuldigte sich Tönepöhl, da er in seinem Amte sich der weichen Regung, die

ein trauliches Verkehren bei Tische anfache, nicht unterstehen dürfe, vielmehr

beständig das Bild des Rechtes vor Augen haben müsse, gleichsam als den

Nabel, auf den die indischen Mönche ihr unentwegtes Augenmerk richteten, um zur Gefühllosigkeit zu erstarren.

 

Am folgenden Morgen strömten Fußgänger, Wagen und Karren aus dem Tore

nach dem Stadtanger, der auf allen vier Seiten von alten, nun blühenden Linden

umrandet war. Wie ein Sternenkörper in einer Lichtregion schwebt, die er von

sich ausstrahlt, so schwamm der Anger in einem Lindenduftgewoge, als ob ein

elysisches Seligenland aus der harten Erdenkruste hervorblühte oder daran

vorüberwehte. Wer der Zauberinsel nahekam, spürte eine reizende Betäubung

und wurde mitten in ein magisches Wohlgeruchsreich hineingezogen, wo es eitel

Scherz und Liebe und Wonnedasein gab. Einzig Pfarrer Splitterchen und sein

Rechtsbeistand Zirbeldrüse gingen, wie wenn ihre irdischen Sinne mit Wachs

verstopft wären, in dieser sommerlichen Trunkenheit umher, als zwei Gerechte

zwischen ein Volk von Toren und Schelmen, und die wohl wissen, daß sie wegen

ihrer Überlegenheit und Tugend, deren sie sich nun einmal nicht entbrechen

können noch wollen, zuerst ausgelacht und dann gekreuzigt werden müssen. Der

Pfarrer rieb zuweilen die Zähne aufeinander vor Verachtung und Ungeduld, oder

er lachte, um anzudeuten, er wisse wohl, daß er in einer Komödie mitspiele;

Zirbeldrüses Gesicht glich nicht mehr einem auseinanderlaufenden, sondern

einem hartgewordenen Käse, den man nicht schneiden, höchstens zu einem

grünlichen Pulver zerreiben kann. Sein Mund sah aus wie ein Strick, an dessen

Enden zwei schwere Gewichtsstücke hängen, und er blinzelte von Zeit zu Zeit

immer um sich wie ein Hund, der ein Loch im Zaune sucht, durch das er

entwischen könnte, der aber zu voll im Bauch und zu träge ist, um davon

Gebrauch zu machen, selbst wenn er eins fände. Zwischen den Linden standen

einige Ratsbüttel, um dem zuströmenden Volke abzuwehren, allein sie nahmen

es nicht genau und ließen alt und jung lustwandeln, so weit die Macht der alten

Bäume schattete, sofern sie sich nur nicht in den Ring des Gerichtes mitten auf

dem Platze wagten.

 

Auf die Nachricht von dem hilfreichen Erscheinen des Bischofs war Druwel von

Druwelstein vom Bette aufgestanden und kam mit festlich strahlendem Gesicht

auf den Lindenanger, ohne sich durch den Spott und Mutwillen Frau Armidas

beirren zu lassen. »Da war ich«, rief er, »im Getümmel unter mein Pferd geraten

und sind mir die Knochen arg zerquetscht worden; aber ich habe mich

hervorgearbeitet und sitze wieder aufrecht, bereit zu einem neuen Gange.« »So

laget Ihr unter dem Pferde, als man Euch allenthalben vergeblich suchte?«

erwiderte Frau Armida, »darunter ist man freilich vor Stich und Kugel sicherer

als darauf; aber ein Kavalier geht nach Ehre aus, und die ist unter einem

Pferdekadaver nicht zu holen!« »Warum nicht!« rief Druwel frohmütig, »wenn man nur mit Ehren darunter gekommen ist. Den möchte ich sehen, der den

Druwel von Druwelstein nicht da finden wird, wo der Herrgott und das Recht ist,

gleichviel ob einer in Ängsten ist oder florieret. Verzagt nicht, gestrenge

Freundin, solange Ihr mein Fähnlein flattern seht, ist Eure Sache nicht verloren.«

»Ei was, für den Herrgott brauche ich keine Freunde, aber wider den Teufel,«

sagte Frau Armida ungeduldig, aber nicht herbe; denn sie ließ vielmehr ein

tröstliches Lächeln über Druwels bräunlichblinkende Wange und seinen straffen

Knebelbart gleiten.

 

Der Vorsitzende machte sich unterdessen mit der Einrichtung des Tisches und

mit dem Federvieh zu schaffen, das in Körben herbeigeschafft war. Ratsherr

Lüddeke, der Bürgermeister und die Bürgermeisterin legten selbst Hand an, um

den Hahn aus der Watte herauszuwickeln, in die er wegen neuerlicher

Gebrechlichkeit verpackt war. Als davon nichts mehr an ihm und um ihn saß,

glich er einer Leichnammumie, von der soeben der Kalkbewurf abgekratzt ist,

welcher sie jahrhundertelang bedeckt hatte; der kleine Lüddeke, der sich

indessen nicht versehen hatte, geriet in einige Verlegenheit und sah den

Bürgermeister von der Seite an, der gleichfalls die Augen niederschlug; denn

hier draußen, wo der lautere Sonnenglanz gleichsam in einem kristallenen Bade

zwiefach erglitzerte, stach das abgeschabte Jammergerippe widriger hervor, als

es sich zu Hause dargestellt hatte. Der Armselige hatte sich an jenem Abend, als

die Bürgermeisterin mit Steinwürfen nach seinem Leben trachtete, zwischen das

Dachgebälk der Scheune verkrochen und war erst am vorhergehenden Tage

wieder aufgefunden und gewaltsam ans Licht gefördert. In dieser Zeit war seine

Ernährung und sonstige Pflege ungenügend gewesen: er sah nicht anders aus, als

ob der Böse ihn geholt, mit seinen rußigen Händen ihm das Gefieder zerzaust

und den Hals umgedreht hätte. Während der kleine Lüddeke und der

Bürgermeister sich unschlüssig ansahen, und der Druwel sich räusperte, rief Frau

Armida mit heller Stimme: »So ist der Arme in der Zeit der Verfolgung

heruntergekommen! Sollte er, was der Himmel verhüte, tödlich abgehen, so

werden wir auf Ersatz des Schadens klagen, da wir nicht nur einen guten alten

Haushahn, sondern auch unseren Liebling mit ihm verlieren!« Auch der Bischof

war nun hinzugetreten und sagte: »Wie sehe ich Eure Heiligkeit wieder! So kann

es Gott gefallen, die Hohen dieser Erde zu erniedrigen. Immerhin trägt er noch

die Tiara, an der ich ihn wiedererkenne, obwohl sie für seinen augenblicklichen

Kräftezustand zu schwer ist und trübselig wie eine Zipfelmütze von seinem

Haupt herabhängt!«

 

Als der Bischof bei den Linden aus seiner Sänfte gestiegen war, hatte sich das lustwandelnde Volk um ihn geschart und im Schutze seines leutseligen Lächelns

wie eine bunte und brausende Schleppe hinter ihm hergewälzt. Eine solche

hinter sich herzuziehen, war er gewöhnt und hätte sich ohne das unvollkommen

bekleidet gefühlt, und ebensowenig dachten die Büttel daran, ihm den

Huldigungsschweif hinterrücks abzureißen. Demzufolge war der Hahn im Nu

von vielen Frauen und Kindern umgeben, die ihn streichelten und ihm allerlei

Futter beizubringen suchen, wovon er schließlich etwas nahm und angstvoll

hinunterschluckte. Die beobachtende Menge begrüßte dies und andere Zeichen

wiederkehrenden Lebens mit frohem Geschrei; denn er schloß nun auch einige

Male die Augen ganz und öffnete sie wieder, als wollte er versuchen, ob die

Maschine noch ginge. Als er sogar mit dem Schnabel, wiewohl schwächlich,

unter die Körner stieß, die vor ihm ausgestreut waren, mit den wackelnden

Beinen nach hinten auszukratzen sich bemühte und ein heiseres Krächzen von

sich gab, kamen die Hühner, um die sich niemand bekümmert hatte, erst

schüchtern, dann eilfertiger herbeigerannt und fingen um das Scheusal herum zu

picken und zu essen an. Hierüber erhob sich anhaltender Jubel, der mit leichten

Flügelschlägen den ausgebreiteten Lindenduft bewegte, so daß ein seliges Jagen

von Balsam und Schall sich zu Häupten des Volkes auf und ab wiegte und als ein

Baldachin der Freude über den Berauschten schwebte.

 

Der Bürgermeister begann vor Rührung zu weinen, und auch dem Druwel

wurden die Augen feucht, als er seinem Freund und Frau Armida kräftig die

Hand schüttelte.

 

»Nun,« sagte der Bischof, auf die Hühner deutend, »das Völkchen hat sich

einträchtlich zusammengefunden, wie es nicht der Fall sein könnte, wenn die

Hölle dazwischen nistete.«

 

Tönepöhl ließ den Bischof aus Achtung den Satz zu Ende bringen, fiel dann aber

schnell ein, damit er ihm nicht zuvorkäme, und schickte sich mit lächelndem

Ernst zu einer Rede an. »Wenn man sagt, daß die Stimme des Volkes die Stimme

Gottes sei, so kann man diesen Spruch wohl mit ebensoviel Recht auf die Tiere

anwenden, die noch mehr als das Volk aus der Tiefe untrüglicher Grundgefühle

heraus sich äußern. Hier haben wir nun beide, das Volk und das Vieh,

vernommen. Es hat sich vor unseren Augen ein Gottesgericht abgespielt,

markerschütternd und doch auch lieblich in seiner Ahnungslosigkeit. Wenn wir

heute vom strengen Gange der Justiz abgewichen sind, so ist es mit Fug und

durchdachter Absicht geschehen, da zuweilen Freiheit Weisheit sein kann. Möge

doch jeder sich überzeugen, wie unberechtigt die Klage ist, daß in unserem

Gemeinwesen das Volk von der Regierung ausgeschlossen sei; wo es ersprießlich ist, geben wir seinem Urteil Raum und Gehör.«

 

Hier wurde Tönepöhl durch einen Zwischenfall, der sich geräuschvoll abspielte,

unterbrochen. Es ertönte nämlich aus der Mitte der Hühner ein lautes Kreischen

oder Krächzen, dem auf der Stelle ein Aufschreien der Bürgermeisterin folgte,

eines von den Pfarrershühnern habe Kikeriki gerufen. Sie bezeichnete das Huhn,

dem sie den Hahnenkraht zuschrieb, mit hindeutendem Finger und sagte, rot vor

Entrüstung, so komme denn Ungebührlichkeit und Unnatur unter den Hühnern

desjenigen vor, der ihren Hahn teuflischer Umtriebe beschuldigt habe. Mit

raschen Schritten näherte sich der Pfarrer und sagte spöttisch: »Wenn irgendwo

Kikeriki gerufen wird, so schließt man daraus, daß ein Hahn anwesend sei, und

da in der Tat der Hahn des Herrn Bürgermeisters hier vorhanden ist, so wird

jeder Vernünftige der Ansicht sein, daß er es getan habe.« »Freilich, freilich,«

rief Frau Armida, »so meint man auch, wenn irgendwo Eier gelegt werden, daß

es Hühner getan haben. Indessen habe ich mit meinen Augen gesehen, daß das

Kikeriki aus dem dünnen Halse jenes Huhnes kam, und stelle es außerdem den

Anwesenden anheim, ob unser armer schlotternder Hahn imstande wäre, in so

lauter, durchdringender Weise zu krähen, wie eben geschehen ist.« »Gesehen

habe ich nichts, aber daß eben vernehmlich und deutlich gekräht worden ist,

bestätige ich als richtig,« sagte Tönepöhl. »Das kann jeder,« wandte Zirbeldrüse

hämisch ein. »Ich sage, daß von einem Hahn gekräht worden ist,« wiederholte

Tönepöhl aufgebracht, aber doch gemessen; »und zwar von einem Hahn in der

Gestalt eines eigentlichen Hahnes oder eines wirklichen Huhnes.«

 

Jetzt meldeten sich Männer, Frauen und Kinder durcheinander, um zu bezeugen,

daß das von der Frau Bürgermeisterin bezeichnete Huhn den vorgefallenen

Hahnenkraht wirklich begangen habe. Auf den Befehl Tönepöhls wurde das

Huhn ergriffen und auf den Tisch gesetzt, wo es verzweifelt herumstolperte, um

zu entkommen, als ob es sich seiner häßlichen Erscheinung schäme. Der Hals

des Tieres war nämlich, vielleicht durch die Arbeit von Ungeziefer, ganz von

Federn entblößt, und so schien es von einer grausamen Köchin lebendigen

Leibes gerupft, aber noch vor Beendigung des Geschäftes entsprungen zu sein.

»Das Tier ist ein Greuel!« rief Druwel von Druwelstein, mit markiger Stimme

das atemlose Schauen und Staunen der Menge durchbrechend. »Man veranlasse

es, noch einmal einen Ton von sich zu geben,« sagte der Bischof heiter, »damit

jeder sich von dem Charakter desselben überzeugen kann.« Dieser Vorschlag

wurde unmittelbar als so einsichtig befunden, daß die Richter ihre Gänsefedern

ergriffen und das Huhn damit stachen und belästigten, so gut sie konnten, wovon

die Folge war, daß der entsetzte Vogel hierhin und dorthin flatterte und endlich auch in ein mißtönendes Kreischen ausbrach, dem sich ein nicht schwächeres,

sondern donnernd verstärktes Echo aus der Versammlung anschloß. Als das

Triumphgeschrei verhallt war, sagte Tönepöhl: »Daß das Huhn krähen kann,

halte ich hiermit für bewiesen,« in welchem Sinne auch die übrigen Richter ihre

Stimme abgaben; dann wurde auf einen Wink des Vorsitzenden das gesamte

Federvieh in die Körbe gepackt und fortgeschafft.

 

Der Pfarrer, der bisher zähneknirschend und hier und da den Kopf in den Nacken

werfend, als rufe er Gott zum Zeugen solcher Dummheit an, zugehört hatte, trat

nun hastig vor und rief: »Und was folgt daraus, wenn es bewiesen wäre, was ich

nicht anerkenne? Es gibt Tauben, die lachen, Pfauen, die trompeten, Papageien,

die menschlich schwatzen, warum soll ein Huhn nicht krähen? Hängt solches

doch nur von der zufälligen Bildung der Kehle ab!«

 

»Das Krähen,« entgegnete Tönepöhl mit nachdrücklicher Ruhe, die dem Pfarrer

seine unanständige Hitze beschämend zum Bewußtsein bringen sollte, »das

Krähen ist ein Abzeichen der Männlichkeit und kann auf natürlichem Wege vom

Huhne nicht erfolgreich nachgeahmt werden. Wir haben vor mehreren Jahren

eine Frau, die in Männerkleidern einherging und auf ihrem Geschlecht ertappt

wurde, öffentlich ausgestäupt und des Landes verwiesen, da das Weib sich die

Tracht des Mannes, das ist des höhergeborenen Menschen, nicht anmaßen darf.

Wie soll man es da beurteilen, wenn ein Weibswesen sogar die dem Manne

angeborenen Eigenheiten, gleichsam die ihn auszeichnende Naturtracht,

nachahmen oder sich erwerben will? Wo sollte bei einer solchen Vermischung

die notwendige Zucht und Botmäßigkeit bleiben, die im Hause wie im

Hühnerstall herrschen muß?« Wie nun der Pfarrer im hellen Ärger sich die

Worte entfahren ließ: »Wie konnte ich auch so albern sein, gegen papistischen

Aberglauben kämpfen zu wollen!« entstand ein unwilliges Murren in der Menge,

und sie hätten es ihm wohl übel eingetränkt, wenn nicht der Bischof

beschwichtigende Zeichen gegeben und Tönepöhl aufgefordert hätte, den Pfarrer

zu seinem Besten zu verhaften und in ein gutes Gewahrsam zu bringen, damit

ihm von dem zwar aus verständlichen und schätzbaren Ursachen, aber doch über

Gebühr aufgeregten Volke nicht ein Leides zugefügt werde.

Dem Hahn war das hastige Fressen nach langer Enthaltsamkeit so schlecht

angeschlagen, daß Molli für gut fand, ihn abzuschlachten und sein mageres und

zähes Fleisch geschickt in eine lüsterne Pastete verwurstete, welche bei dem

Sieges- und Versöhnungsmahl, das unter Teilnahme des Stadthauptmanns beim

Bürgermeister stattfand, verzehrt wurde.