Der Hahn von Quakenbrück und andere Novellen
Der Sänger
D e r S ä n g e r
Durch die breiten widerhallenden Gänge des Gefängnisses San Callisto gingen
an einem warmen Frühlingsvormittage der Kardinal Mazzamori und der Meister
der päpstlichen Kapelle, Don Orazio, der seinen Stammbaum auf den berühmten
römischen Dichter zurückführte, beide Günstlinge des Papstes Innozenz des
Zehnten. Sie waren im Begriff, einen jungen Menschen aufzusuchen, der des
Mordes angeklagt und in Gefahr, das Leben zu verlieren, dem Kardinal durch
seine Geliebte, die schöne Donna Olimpia, empfohlen worden war. Diese Dame,
die durch Heirat mit einem Ottobuoni aus kleinbürgerlichem Stande gehoben
war, hatte den Zusammenhang mit ihrer im Schatten weiterlebenden Familie
nicht verloren und pflegte ihn besonders, wenn sie sich in ihren neuen
Verhältnissen beeinträchtigt und unzufrieden fühlte. Als nun eine ihrer Tanten zu
ihr gekommen war und sie angefleht hatte, das bedrohte Leben des einzigen
Sohnes zu retten, wozu sie vermittels ihres Freundes, des Kardinals Mazzamori,
wohl imstande sei, war sie nicht nur von Mitleid, sondern von Ehrfurcht für die
Frau ergriffen worden, die, von den Todesschmerzen der Mutter durchbohrt, ein
geheiligtes Schicksal zu erfüllen schien, während sie selbst nie geboren noch die
eheliche Treue bewahrt hatte und jetzt sogar an ihrem geistlichen Freunde die
Lust zu verlieren begann. Ihrem herb erteilten Befehl hatte der Kardinal sich
nicht entziehen können, obwohl er die Möglichkeit, Hilfe zu schaffen, in diesem
Falle für ausgeschlossen hielt.
Es war nämlich der junge Lancelotto – so hieß der Vetter Olimpias – durch
seinen verstorbenen Vater, einen Kaufmann, der Gläubiger eines Anverwandten
des Papstes und hatte sich im Auftrage seiner Mutter, nachdem verschiedene
Mahnungen nicht gefruchtet hatten, selbst in das Haus des Schuldners begeben,
um ihn zur Zahlung aufzufordern. Da der Herr sich kurzweg weigerte, seiner
Verpflichtung nachzukommen, oder sie gar leugnete, entstand ein lebhafter
Wortwechsel, in dessen Verlaufe der Nepot einige seiner Leute herbeirief und
ihnen befahl, den unverschämten Dränger zu ergreifen und ihn durch das Fenster
auf die Straße zu werfen. So aufs äußerste gereizt, hatte Lancelotto, indem er
sich der Männer, die roh über ihn herfielen, zu erwehren suchte, einen derselben
auf den Tod verwundet. So viel Ursache der adlige Herr auch hatte, den Vorfall
zu verbergen, machte er ihn doch anhängig, um sich des lästigen Gläubigers zu
entledigen und zu seinem Glück trafen mehrere Umstände zusammen, durch welche die Richter gegen den Angeklagten eingenommen wurden.
Unter den Papieren Lancelottos fand sich außer allerlei verbotenen
philosophischen Schriften ein Spottgedicht auf den Papst, und so liebenswürdig
und empfindungsvoll Innozenz der Zehnte in mancher Beziehung auch war, so
hätten doch sogar seine verwöhntesten Vertrauten sich jäher Ungnade versehen
müssen, wenn sie ein gegen ihn gerichtetes Witzwort zu verteidigen gewagt
hätten. Vornehmlich seine Schwäche, sich für einen Dichter zu halten, mußte
von jedermann geschont werden, und nichts hätte ihn davon abgehalten, in
demjenigen einen Mörder und Ketzer zu sehen, der mit viel Geist und
komischen Wendungen seine sapphischen Oden parodiert hatte; denn dies war
die Form, in die er die Ergießungen seines Christenherzens vorzugsweise
einzukleiden liebte.
Das Gedicht war »Die römische Sirene« betitelt und lautete etwa so: »Segle
nicht an der römischen Küste vorüber, Odysseus, oder tust du es dennoch, so
versäume nicht, deine Ohren mit Wachs zu verkleben, damit du den Gesang des
Papstes nicht vernimmst. Hörtest du ihn, so würde dich ein solcher Schauer
ergreifen, daß du nicht mehr imstande wärest, dein Schiff zu lenken, und elend
scheitern würdest.« Es wäre tollkühn gewesen, sich eines Menschen
anzunehmen, der die Unvorsichtigkeit gehabt hatte, eine solche Keckheit nicht
nur aufzuschreiben und bei sich finden zu lassen, sondern sogar seine
Urheberschaft zuzugestehen.
Unter diesen Umständen schritt Kardinal Mazzamori mit bekümmerter Miene
neben seinem Freunde Orazio her, ihm seine Sorgen und Bedenken mitteilend.
»Ich kann Olimpias Teilnahme für die Tante nicht anders als liebenswert
finden,« sagte er, »obschon ich darunter leide. Ihr Mitgefühl für ihre Verwandten
macht ihr Herz unzugänglich gegen meine Ansprüche, die ich ihrer düsteren
Miene gegenüber kaum geltend zu machen wage. Wie leicht wird die Tugend
zum Feinde des Glücks, und wie schwer ist es deswegen, zum Freunde der
Tugend zu werden. Ich kann mir keinen glücklichen Abschluß dieser
Angelegenheit vorstellen, da ich mich durchaus nicht in den Prozeß einmischen
kann, der schon zu viele Torheiten des Beklagten ans Licht gebracht hat, und da
doch die unberatene Olimpia ihre Zärtlichkeit für mich an seine Rettung
geknüpft hat.«
Orazio gab zu, daß es eine heikle Sache sei, und fügte bei, er könne sich nicht
genug freuen, daß seine Veranlagung ihn vor dem unheilvollen Einfluß der
Weiber beschützt. »Nach meinem Dafürhalten«, sagte er, »wiegen die Vergnügungen, die uns dies Geschlecht bereiten kann, die Ärgernisse und
Enttäuschungen nicht auf, die aus seinem Umgange fließen.«
Der Kardinal seufzte statt der Erwiderung, ohnehin war inzwischen der ihnen
vorangehende Wärter vor einer der vielen Türen stehengeblieben, die auf den
Gang führten, und gab ihnen ein Zeichen, daß sie am Ziele seien.
Bei ihrem Eintritt richtete sich der Gefangene von seiner Pritsche auf, sah die
Fremden verdutzt und mißlaunig an, sprang dann auf und sagte mit höflichem
Gruß, daß er fest geschlafen habe und sich nicht gleich auf seine Lage habe
besinnen können. »Die barmherzige Natur hat mir«, sagte er lachend, »die Gabe
reichlichen Schlafes verliehen, womit ich die Zeit verscheuchen kann, da mir
keine Gelegenheit gegeben wird, sie mir durch Arbeit oder Unterhaltung zu
befreunden.«
»Die Fähigkeit, zu schlafen, deutet auf ein freies Gewissen,« bemerkte der
Kardinal, worauf der junge Mann erwiderte: »Das habe ich freilich; ich möchte
den Mehlsack sehen, der sich von ehrlosen Schurken mit Füßen treten ließe,
ohne sich zu wehren. Wäre meine Zunge so fehlerlos, wie meine Hände ohne
Makel sind; aber die ist so beschaffen, daß sie alles ausspricht, was durch mein
Gehirn zuckt, als ob sie eine Glocke wäre, an die der Schlegel der Gedanken
beständig anschlüge. Da wird denn manches laut, was den Leuten Verdruß
erregt; sprächen alle aus, was sie denken, so hätte ich zu viele
Gesinnungsgenossen, als daß man sie alle einsperren oder ihnen allen den Kopf
abschlagen könnte.«
»Ihr redet nicht eben wie ein bußfertiger Sünder,« sagte Don Orazio nicht ohne
Wohlgefallen an dem hübschen Jüngling, dessen Munterkeit durch seine
jammervolle Lage nicht gebrochen zu sein schien.
»Was wollt Ihr, mein Herr!« entgegnen er zutraulich. »Einen Mord habe ich
nicht begangen; soll ich zerknirscht sein, weil ich nach Maßgabe meines
Verstandes über das Wunder des Daseins nachgedacht, oder etwa gar, weil ich
einen unbedeutenden Witz über Seine Heiligkeit gemacht habe? Ich mache wohl
auch einmal einen frechen Scherz über die höchsten Herrschaften im Himmel,
die doch ehrwürdigere Häupter sind als der Papst, ohne daß ich mich deshalb der
Sünde zeihe; denn was für Abbruch tut es ihrer Herrlichkeit, wenn ein
Erdenwurm, ihnen fast unsichtbar, ein wenig daran zupft? Ich bin nur ein armer
Schlucker, den man leicht des Lebens und der Ehre berauben kann, und bin doch
den Richtern nicht böse, die mich täglich als einen blutdürstigen Raufbold und Rebellen traktieren.«
Der Kardinal, welcher inzwischen verlegen seine weißen Nägel betrachtet hatte,
sagte, indem er eine ernste Miene annahm: »Die Gerechtigkeit des Heiligen
Vaters bürgt dafür, daß Euch kein Leid widerfährt, wenn Ihr so schuldlos seid,
wie Ihr behauptet. Hättet Ihr nicht durch Euren Mutwillen die Anwartschaft auf
Gnade verscherzt, so möchte ich Euch raten, Euch mit Eurem Anliegen ganz zu
den Füßen Seiner Heiligkeit zu werfen.« Da der junge Mann nicht sogleich
antwortete, setzte Orazio im Tone wohlmeinender Überredung hinzu: »Würdet
Ihr nicht wenigstens das leidige Gedicht, das Euch der Teufel eingegeben hat,
zurücknehmen?«
»Warum nicht?« antwortete Lancelotto. »Am liebsten auch alle Gedichte Seiner
Heiligkeit, wenn ich es könnte.«
Es war Don Orazio unmöglich, das Lachen zurückzuhalten; der Kardinal
indessen spürte nur einen schwachen Anreiz zur Heiterkeit, da das Bewußtsein
der Widerwärtigkeit seiner Lage in ihm fortwährend zunahm.
Wie der arme junge Mensch wahrzunehmen begann, daß der Besuch durch ein
gewisses Interesse an seiner Befreiung veranlaßt war, färbte die erwachende
Hoffnung seine blassen Wangen um einen Hauch röter, und durch sein vorher so
gelassenes Benehmen zitterte verhaltene Unruhe. Ob es nicht wirksamer wäre,
fragte er, indem er seine Blicke zwischen den beiden Herren hin und her gehen
ließ, wenn seine Mutter sich an die Gnade des Papstes wendete? Sie würde alles
tun, was ihn retten und ihn ihr wiedergeben könnte. Auf ihr Betreiben wären
gewiß auch die beiden Herren mit so viel gütigem Anteil zu ihm gekommen.
Der Kardinal nickte und ließ einige Worte fallen, wie die Liebe der
unglücklichen Frau zu ihrem Sohne nicht nachlasse, obwohl er ihr so schweren
Kummer bereite.
»Nicht durch meine Schuld,« sagte Lancelotto frei und freundlich; »wäre ich
aber noch so schuldig, so würde ich an ihrer Liebe doch nicht zweifeln; denn ich
bin noch in ihrem Herzen, wie ich einst in ihrem Leibe war, und Gott selbst mit
seiner Allmacht könnte mich nicht herausreißen.«
Während er dies sagte, hatten seine Augen sich gefeuchtet und waren dadurch
glänzender und dunkler geworden, und den beiden Herren fiel es jetzt auf, daß
diese Augen ungewöhnlich schmal und lang waren, so wie die älteren Maler die
Augen der Cherubim und der verklärten Heiligen zu bilden pflegten. Das geisthaft Schwebende, spielend Süße, das ihnen eigen war, mochte dadurch
bedingt sein, daß die kleinen Pupillen den irdischen Leidenschaften keinen
Versteck zu gewähren und die Vielheit der bunten und veränderlichen
Erdendinge nur von ferne spiegeln zu können schienen.
Inzwischen hatten die scharfsichtigen Augen Lancelottos erfaßt, daß die Herren
doch nicht eigentlich darauf ausgingen, etwas Wirksames für ihn zu tun, und die
frohe Welle der Hoffnung sickerte langsam wieder zurück. Wenn die Herren,
sagte er nach einer Pause, einen Auftrag an seine Mutter übernehmen wollten, so
möchte er sie bitten, ihr einen Büschel seiner Haare zuzustellen, der ihr als ein
lebendiges Stück von ihm teuer sein würde. Ihm würde jedoch weder ein Messer
noch sonst ein scharfes Instrument in die Hände gegeben, so daß er ohne ihre
Hilfe nicht imstande sein würde, sich Haare abzuschneiden.
Der Kardinal zog ein mit Schmelz und farbigen Steinen verziertes silbernes
Büchschen aus dem weiten Ärmel, worin ein kleiner Spiegel, eine Schere, ein
Stückchen Wachs, eine Feile zum Glätten der Nägel und dergleichen enthalten
waren, öffnete es und blickte unschlüssig hinein. Während er zögerte,
bemächtigte sich Don Orazio der Schere und beugte sich über den Kopf des
jungen Mannes, um den erforderlichen Schnitt zu tun, wobei er mit einer
liebkosenden Bewegung in die ein wenig geringelten kastanienbraunen Haare
griff.
Bei diesem Anblick fiel es dem Kardinal ein, daß die unglückliche Mutter in der
Besinnungslosigkeit ihres Schmerzes gewimmert hatte: »Er ist ja noch ein Kind!
Er hat Löckchen wie ein Kind!« und es berührte ihn überaus peinlich, die Klage
mit eigenen Augen bestätigt zu sehen. Nachdem er sich leicht geräuspert hatte,
sagte er, daß er Sorge tragen werde, das Andenken in die Hände der Mutter
gelangen zu lassen, und daß er gern etwas tun würde, um die Lage des
Gefangenen zu erleichtern. Ob er Wünsche in betreff des Essens habe? Oder
womit ihm sonst gedient wäre?
Was das Essen angehe, sagte Lancelotto, so werde er durch seine Mutter
beköstigt, die ihm mehr Leckerbissen vorsetzen lasse, als er bewältigen könne.
Bücher, etwa ein Bändchen Gedichte, würden ihn wohl erfreuen, am liebsten
würde ihm aber sein, wenn er einen Gefährten zugesellt bekäme, mit dem er ein
wenig plaudern und lachen könnte. Dieser Gedankengang brachte ihn darauf,
daß er seine Gäste, von denen namentlich der Kardinal augenscheinlich sehr
niedergeschlagen und durch die trübselige Umgebung bedrückt war, bisher nicht
eben gut unterhalten habe, und er begann ein munteres Geschwätz, wobei aus den schmalen Augen die unschuldige Schelmerei eines übermütigen Knaben
blitzte. Er erzählte Schulstreiche aus dem geistlichen Kolleg, das er besucht
hatte, von Lehrern und von dem Abt eines gewissen Klosters, der ihn als einen
jungen Heiligen angesehen habe und noch immer darauf warte, ihn als Novizen
eintreten zu sehen. Er habe den guten Mann oft besucht und sich im Kloster
wohl gefühlt; aber lange halte er es in der Abgeschiedenheit nicht aus, dem
Getümmel des Lebens zuzusehen, sei ihm die liebste Beschäftigung; je toller es
um ihn her zugehe, desto stiller und behaglicher fühle er sich im Innern.
Dann sei die enge Zelle freilich nicht der rechte Aufenthalt für ihn, meinte
Orazio teilnehmend; aber der junge Mann erwiderte, es sei immerhin so arg
nicht, wie es den Anschein habe. Sein Fenster gehe auf den Hof, wo die zur
Gefangenschaft Verurteilten sich zu gewissen Stunden ergehen dürften und
untereinander handelten, lachten, lärmten und zankten, wie wenn Viehmarkt auf
der Piazza Navona wäre. Zwischenhinein könne er schlafen, und schließlich
befinde sich in einer nicht weit entfernten Zelle ein Untersuchungsgefangener,
der eine so schöne Stimme besitze, daß man sich einbilden könne, schon im
Paradiese zu sein, wenn man ihn singen höre.
Die Pause, die hierauf entstand, benutzte der Kardinal, um Lancelotto zu fragen,
wie es denn in Hinsicht der Religion mit ihm bestellt sei. Ob er auf das Jenseits
vorbereitet sei, oder ob er etwa von einem verständigen Geistlichen über den
heiligen Glauben belehrt zu werden wünsche.
Der junge Mann schüttelte lachend den Kopf und sagten »Ich habe Augenblicke,
wo der Glaube mich mitten in Gottes Schoß trägt, und ich habe Stunden, wo ich
zweifle und denke, bis meine Gedanken an jenes schwarze Tor stoßen, das sie
nicht durchdringen und übersteigen können. Das vermag kein Priester zu ändern,
und ich möchte es auch nicht. Den Platz, der in der weiten Welt für meine Seele
ist, werde ich erreichen; hat ja doch Gott dem Maultier eingepflanzt, bei Nacht
den rechten Weg, und einer Katze, das Haus zu finden, wo sie hingehört. Die
Herren müssen nicht um mich besorgt sein, noch soll meine Mutter sich um
mich grämen. Soll ich sterben, so muß ich durch ein paar bittere Stunden
hindurch, die ebenso schnell vorübergehen werden wie manche andere, die ich
auch überstanden habe. Wie wohl wird mir aber hernach sein, wenn mir Gott
einen Anteil an der himmlischen Vollkommenheit gewährt. Dann werden meine
neugemachten, allgegenwärtigen und allwissenden Augen auf die Verwirrung
und das Händeringen und Zähnefletschen der Menschen hinuntersehen und
lachen, daß ich auch einmal mitten dazwischen war und von armseligem
Schlachtvieh zum Tode verurteilt und auf das Schafott geschleppt wurde.« Sein frischer feuchter Mund lächelte dabei mit besonderer Lieblichkeit, die man kaum
wehmütig nennen konnte, weil sie allzu unbefangen war.
Als die beiden Herren die Zelle verlassen und der Wärter die Tür abgeschlossen
hatte, winkten sie diesem, daß er nunmehr entlassen sei, und gingen langsam den
Gang hinunter. Der Kardinal tupfte sich mit dem Taschentuch und sagte, es sei
jammerschade, daß ein solcher Knabe so zu Falle gekommen sei. Was sei da zu
machen? Der Mord könne schließlich nicht ungestraft bleiben, er sähe keinen
Ausweg.
»Ein allerliebster Junge,« sagte Don Orazio nachdenklich, »und scheint durchaus
nichts Strafwürdiges begangen zu haben. Ich hätte Lust, mich seiner
anzunehmen und ihn den Krallen dieses gottvergessenen Tribunals zu entreißen,
wenn sich nur ein zweckmäßiger Weg dazu finden ließe.«
»Mir fehlt der Mut, mich vor Olimpia sehen zu lassen, wenn ich keine Hoffnung
bringe,« fuhr der Kardinal bekümmert fort. »Und wie, wenn ich gar die Mutter
mir vor Augen stelle! Ohnehin werde ich diese Frau nie mehr vergessen können,
die aussah, als ob sie tausend Jahre gelebt und Schmerzen gelitten hätte. Sie sah
aus wie ein verwitterter Stein, und wenn sie zu weinen und zu schreien anhub, so
war es, wie wenn ein Berg sich bewegte und Feuer auswürfe.«
»So, so,« sagte Don Orazio, »ich hatte sie mir als ein anmutiges Weib vorgestellt
mit süßen Lippen und zärtlichen Augen.«
Ohne diesen Einwurf zu beachten, ging der Kardinal in seinen Betrachtungen
weiter: »Was man ihr auch sagen mochte, sie schrie: ›Mein Kind, das ich
geboren habe! Mein Paradiesvogel! Meines Herzens Herz! Mein Eingeweide! Es
ist mein, ich muß es wiederhaben!‹, als ob das Gründe wären, mit welchen sich
etwas durchsetzen ließe.«
»Das ist«, fiel Don Orazio ein, »wie alle Frauen sind. Die setzen ihren
Eigenwillen der offenkundigen Notwendigkeit entgegen und lassen sich durch
Vernunft nicht belehren.«
Der Kardinal nickte verständnisvoll und nahm Anlaß, in behutsamen
Andeutungen über die Launenhaftigkeit der Donna Olimpia zu klagen, die sie in
letzter Zeit wie eine Krankheit überfallen habe, während sie sonst liebevoll und
verträglich wie ein Engel gewesen sei. Was ihr sonst eine willkommene
Zerstreuung gewesen sei, gefalle ihr nicht mehr, sie liebe Einsamkeit und trübe
Gedanken, und die Verzweiflung jener unglücklichen Tante vermehre ihren Tiefsinn. Sie werde es ihn entgelten lassen, wenn der Prozeß des jungen Mannes
übel auslaufe, als wenn er etwas dazu zu tun vermöge; so sähe er einer unfrohen
Zukunft entgegen. Da würde es das beste sein, meinte Orazio, die launische
Dame zu meiden und bequemere Gesellschaft aufzusuchen; allein der Kardinal
sagte, die Frau habe sich doch um ihn verdient gemacht, und er halte sich
verpflichtet, nun, da sie offenbar krank und des Beistandes bedürftig sei, bei ihr
auszuharren. Er war beschämt, indem er dies sagte, denn er fühlte, daß sein
Freund seine Worte für eitel Ausflucht und ihn für einen verliebten Toren hielt.
Als die Freunde, in dies Gespräch vertieft, in dem breiten und kahlen,
widerhallenden Gange auf und ab gingen, vernahmen sie plötzlich den Gesang
einer Männerstimme und blieben augenblicklich, von dem Glanz derselben
betroffen, stehen. Es war ein Volkslied, das mit so viel Kraft und Sicherheit
gesungen wurde, als ob es von der Bühne eines großen Theaters her tönte, und
mit so viel Leidenschaft, als gälte es, ein zauderndes Mädchen zu einer
Entführung willig zu machen. Mazzamori und Orazio sahen einander, vor
Staunen und Vergnügen errötend, an, und als der Sänger dem Abschluß einer
Strophe eine Kadenz folgen ließ, hielten sie den Atem an, besorgt, ob die
schwindelnde Figur auch zu einem glücklichen Ende gebracht würde.
Während der Dauer des Liedes näherte sich ein wachehabender Soldat und
machte Miene, dem Sänger Schweigen zu gebieten, wie das den Vorschriften des
Gefängnisses entsprochen hätte, trat jedoch willig zurück, als die beiden
Herrschaften ihm einen Wink gaben, sich ruhig zu verhalten. Diesen riefen sie
heran, sowie das Lied zu Ende war, um Auskunft über die Wundererscheinung
zu erhalten. Der Sänger sei ein Bauer, meldete der Soldat, dem wegen
mehrfachen Mordes der Prozeß gemacht werde; er sei ein wilder und böser Kerl,
der den Mund nur zum Fluchen öffne, aber der unerforschliche Gott habe für gut
befunden, ihn mit einer Stimme zu begnaden, wie kein Engel der himmlischen
Heerscharen sie herrlicher besitzen könne. Niemand habe den Mut, ein solches
Wunder der Natur zu unterdrücken, darum ließe man ihn singen, womit auch der
Direktor einverstanden sei, der manchmal selbst, wenn er in der Nähe sei,
stehenbleibe, um zuzuhören.
Ob man ihn nicht veranlassen könne, weiterzusingen? fragte Don Orazio. Nein,
sagte der Soldat, wenn man ihn um etwas bäte, würde er es deswegen
unterlassen, weil er bösartig und mißtrauisch sei. Es könne ein Tag
vorübergehen, ohne daß er die Stimme erhebe, andere Male höre er stundenlang
nicht auf; das sei von seiner Laune abhängig.
»Ich kann mich nicht begnügen, von der Stelle zu gehen, ohne ihn noch einmal
gehört zu haben,« sagte Don Orazio, »sonst würde ich morgen wähnen, daß mich
meine Einbildungskraft geneckt hätte.«
Auch der Kardinal zeigte sich nach einer Wiederholung des Genusses begierig.
Sie erwogen eben, ob sie nicht dennoch versuchen sollten, den Gefangenen zu
einem Vortrage zu bewegen, als der Gesang von neuem begann, um sie nicht
minder als der erste zu entzücken.
»Ich habe einen Tenor wie diesen noch nie in meiner Kapelle besessen,« sagte
Don Orazio.
Der Kardinal stimmte ihm bei; er habe zwar die unvergleichliche Schulung des
berühmten Mignotta nicht, die Unfehlbarkeit des Ansatzes und die
Gleichmäßigkeit des Organs beim An- und Abschwellen des Tones, aber an
Kraft, Schmelz und Süßigkeit lasse er alle anderen hinter sich. »Ich würde
jederzeit«, so schloß er, »eine Stunde lang auf einem Beine stehen, um ein
solches Konzert in mich aufnehmen zu können.«
»Mein Freund,« sagte Don Orazio, »ich habe keine Ruhe, bevor ich nicht
Näheres über diesen Mann erfahren habe; begleite mich augenblicklich zum
Direktor, damit wir Schritte tun können, um uns dieser Kostbarkeit zu
versichern.«
Der Direktor bestätigte die Aussage des Soldaten und führte sie dahin aus, daß es
sich in diesem Falle um einen erwiesenen mehrfachen Mord aus Rachsucht
handle; es habe nämlich der Verbrecher, Ronco mit Namen, die Gewohnheit
gehabt, nachts die Kühe seines Nachbarn zu melken, und wie nun ein junger
Bube, der Sohn eines in der Nähe wohnenden Pächters, dem Geheimnis auf die
Spur gekommen sei und den Geschädigten, dessen rätselhafter Milchmangel im
Dorfe bekannt geworden sei, darauf aufmerksam gemacht habe, so habe er sich
anfänglich ruhig verhalten, als ob die Sache nur ein Scherz und des Aufhebens
nicht wert sei, aber nach acht Tagen nicht nur den Buben, der ihn angegeben,
sondern auch dessen Vater und Mutter sowie eine alte Großmutter, die alle
dieselbe Hütte bewohnten, mit einem Messer umgebracht. Die Entrüstung über
die Tat sei allgemein, und der Mensch habe den Tod verdient und werde ihm
nicht entgehen; auch sei ihm nichts daran gelegen, der Kerl sei so wild, daß er
kaum einen Unterschied zwischen Leben und Tod zu machen wisse.
Das sei ein seltsamer Bericht, sagte Don Orazio; man müsse doch annehmen,
daß ein alter Hader zwischen den Familien bestanden habe, wie es bei solchen Rachehandlungen meistens der Fall sei, und unüberlegt und empfindlich müsse
der Mann auch sein. Er hätte Lust, einmal selber mit ihm zu reden, um der Sache
auf den Grund zu kommen.
Der Direktor zuckte die Achseln und sagte, die Herren Richter hätten sich schon
genug Mühe mit ihm gegeben, die Bestie sei dessen nicht wert; jedoch sei er
bereit, die Herrschaften hinzuführen, möchte ihnen aber raten, nicht ohne einen
Wärter hineinzugehen, da man sich von einem solchen Patron des Schlimmsten
müsse gewärtig sein.
An diesen Rat hätte der Kardinal sich gern gehalten, allein Don Orazio lachte
hoch aus und sagte, seine kräftige Gestalt reckend und seine breite Brust
aufblähend, er getraue sich wohl, es mit einem maisfressenden Bauern
aufzunehmen.
Auch war es in der Tat nicht eben Furcht, was den Meister der Kapelle überlief,
als er mit seinem Freunde dem Unhold gegenüberstand, der sie mit einem
schnellen Blick mißtrauischen Hasses streifte, um sogleich wieder stumpfsinnig
vor sich hinzustieren; sondern vielmehr ein unwillkürliches Grauen vor dem
bösen Blick, dessen das Scheusal mächtig sein konnte. Vorher getroffener
Verabredung gemäß begann der Kardinal, nachdem er verschiedenemal
angesetzt hatte, und sagte, sie seien im Begriff, die Ordnung der Gefängnisse zu
untersuchen; ob er, der Gefangene, über irgend etwas Klage zu führen habe? ob
er den Besuch eines Geistlichen empfangen habe? ob er geneigt sei,
irgendwelche Geständnisse zu machen oder seine Reue in den Schoß einer
vertrauenswürdigen Person geistlichen Charakters zu ergießen?
Die Antwort Roncos auf die sorgfältige Anrede des Kardinals bestand darin, daß
er knurrte und mit dem Daumen nach der Tür deutete, worauf der Kardinal von
neuem einigemal ansetzte und fortfuhr, er, Ronco, sei eines grausamen und
unerklärlichen Verbrechens angeklagt; ob er vielleicht zur Erhärtung seiner
Unschuld oder zur Verminderung seiner Schuld etwas beizubringen habe, was
Verwirrung oder Scham den Inquisitoren gegenüber ihn vielleicht gehindert hätte
auszusprechen? Der Heilige Vater habe viel mehr Freude an einer erlösten
Unschuld als an der Bestrafung eines Schuldigen und dehne seine Milde auch
über diejenigen aus, die durch Unbesonnenheit, Jähzorn oder Anstiftung des
Teufels wider ihren Willen zu einer bösen Tat hingerissen worden seien.
»Pest und Krebs über den päpstlichen Saustall!« zischte Ronco zwischen den
Zähnen hervor, indem er einen wilden Blick auf die Tür warf und wiederum nach der Tür deutete, so daß der Kardinal unwillkürlich einen Schritt
zurückwich, wie um einen Platz jenseits der Hörweite solcher Schimpfworte zu
gewinnen.
Don Orazio, der das Bedürfnis fühlte, seinem Freunde zu Hilfe zu kommen,
sagte: »Weder der Heilige Vater noch seine Diener, mein Freund, wollen dir
übel, wie du vorauszusetzen scheinst. Wir wären nicht an dieser Stelle, wenn wir
deinen Tod suchten, den du allerdings verdient zu haben scheinst. Gott der
Allwissende hat dich mit einer schönen Stimme begabt und dich dadurch nach
unerforschlichem Beschluß ausgezeichnet. Wie wäre es, wenn du uns noch eine
Probe dieser wunderherrlichen Kunst gäbest, der du mächtig bist, und die
beweist, daß mehr Göttlichkeit in dir wohnt, als deine Taten, deine Worte und
selbst dein Anblick vermuten lassen.«
Ob nun Ronco diese Worte als eine Verhöhnung auffaßte, oder ob er das
Gespräch überhaupt als eine Belästigung empfand, er schrie in ausgelassener
Wut: »Hinaus! hinaus! Oder ich werde euch etwas singen, daß euch die
Lumpenschädel zerplatzen sollen!« und begleitete die Aufforderung mit einer so
drohenden Gebärde, daß die beiden Herren es für das beste hielten, sich zunächst
zu bescheiden und den Rückzug anzutreten. Mit dem Schwunge des Triumphes
und der Verachtung spuckte Ronco hinter ihnen her.
Kardinal Mazzamori war so erschrocken, daß er nicht sofort weitergehen konnte,
sondern an dem nächsten Fenster des Ganges stehenblieb, um Luft zu schöpfen
und sich ein wenig zu erholen.
»Was für ein Tier!« sagte Orazio. »Man muß zugeben, daß unsere Bauern nicht
viel mehr als Vieh sind und die Anforderungen, die man an sie stellt, danach
bemessen.«
»Er hat eine wölfische Physiognomie,« sagte der Kardinal, »und ich möchte
wetten, daß er ein echtes Wolfsgebiß besitzt. Es scheint in der Tat nötig, daß die
Menschheit vor einem solchen Wüterich beschützt werde.«
Seine letzten Worte wurden durch die Stimme Roncos übertönt, der eben jetzt
wieder zu singen begann, vielleicht aus Trotz, oder weil ihm die Lobsprüche der
vornehmen Herren dennoch geschmeichelt hatten.
»Göttlich, göttlich!« flüsterte Don Orazio. »Dieses Wunderwerk von Stimme
darf nicht zerstört werden! Ich werde nicht Mühe noch Kosten scheuen, sie mir
zu retten.«
Unter den geschlossenen Augenlidern des lauschenden Kardinals perlten Tränen
hervor. »Welcher Wohllaut quillt noch aus dem Rachen der Hölle!« hauchte er.
»O Geheimnisse der Allmacht! Jeder Ton ist rein, weich und lauter, wie ein
Tropfen Tau, der sich in der Frühe auf Knospen wiegt. Was wird Seine Heiligkeit
sagen, wenn sie diesen Gesang hört!«
In großer Erregung verließen die Herren das Gefängnis und ließen sich in der
bereitgehaltenen Sänfte zu dem Palast des Kardinals tragen, um über die
zunächst vorzunehmenden Schritte zu beraten; denn darin stimmten sie überein,
daß der rare Vogel für die päpstliche Kapelle durchaus erworben werden müsse.
Nachdem sie sich bei einem Glase guten Weins in einem kleinen wohnlichen
Gemach, dessen Wände mit schönen Teppichen aus Arezzo verhängt waren, von
den verschiedenen heftigen Eindrücken des Vormittags erholt hatten, schien es
ihnen nicht unmöglich, das Tribunal zu einem Freispruch des kostbaren Ronco
zu bewegen. Sie hatten in Erfahrung gebracht, daß ein gewisser Guidobaldo die
Verteidigung des Verbrechers führe, und mit diesem beschlossen sie sich
zunächst ins Vernehmen zu setzen. Don Orazio nämlich hatte ihn in einem
befreundeten Hause kennengelernt und sich gut mit ihm unterhalten, obwohl der
Advokat ein Freidenker und Feind des Klerus war. Da er aber seine Ansichten
nicht äußerte, außer wenn es am Platze war, die Formen der Religion mit großem
Anstand in acht nahm, sobald er sich beobachtet wußte, und dazu ein fröhlicher
und gewandter Mann war, so konnten auch Geistliche seinen vorurteilslosen
Verstand und seine geselligen Gaben genießen und waren es zufrieden,
einstweilen in gutem Einvernehmen mit ihm zu bleiben. Es traf sich glücklich,
daß der Advokat gerade damals im Sinn hatte, eine Villa zu kaufen, deren
ausgedehnter Garten sich den Janikulus hinaufzog, daß er aber den hohen Preis,
der dafür gefordert wurde, nicht zahlen konnte oder wollte; denn dadurch bot
sich die erwünschte Gelegenheit, den nützlichen Mann durch eine Gefälligkeit
zu gewinnen. Ohne Zaudern suchten die Freunde den Advokaten noch am selben
Tage auf und baten ihn, an die Bekanntschaft mit Don Orazio knüpfend, ihm die
Summe, deren er zum Erwerb der Villa benötige, vorstrecken zu dürfen. Sie
hofften, sagte Don Orazio, sich dadurch ein Anrecht auf gütiges
Entgegenkommen seinerseits zu verdienen, wenn sich das, was sie von ihm
wünschten, mit seiner Ehre und anderen Rücksichten vereinigen ließe. Nach
dieser Einleitung erzählte er von seinem Funde im Gefängnis, sprach von der
Vorliebe des Papstes für Musik, insbesondere die menschliche Stimme, und von
seinem Wunsch, eine so überaus seltene Kraft für die päpstliche Kapelle zu
gewinnen, zumal damit ein Menschenleben gerettet und auf eine nutzbringende,
vielleicht ruhmvolle Bahn gebracht würde.
Der Advokat erwiderte, er habe bereits von der schönen Stimme des Ronco
gehört, sich aber nicht sonderlich dafür interessiert; er trage jedoch gern dazu
bei, dem Heiligen Vater ein Vergnügen zu bereiten, auch sei es sowieso seines
Amtes, die Verbrecher zu verteidigen und womöglich zu retten. Immerhin sei
das im vorliegenden Falle schwierig, weil der Bauer überwiesen und geständig
sei und viel zu stumpfsinnig oder zu roh, um Schritte zu seiner Rettung zu tun
oder zu unterstützen, wenn solche überhaupt erfindlich wären. Nach einigem
Besinnen fuhr er fort, es ließen sich wohl Wege zum Ziel ausdenken, wenn man
fest entschlossen sei; es sei schon mancher freigesprochen, der den Tod
ebensowohl wie der schlimme Ronco verdient hätte; von dem Präsidenten des
Tribunals, Monsignor Aloisio, sei es nur allzu bekannt, daß seine Stimme feil
sei, freilich um kein Geringes, wohingegen der weltliche Beisitzer für ein
billiges Trinkgeld zu haben sei. Da sei aber Don Petronio, ein unzugänglicher
Mann, dessen einzige Eitelkeit und Liebhaberei seine Unbestechlichkeit sei, der
stets den Sittenrichter spiele und emsig aufpasse, damit ja nicht etwa unter seiner
Mitwirkung etwas Ungebührliches unterliefe. Wenn man sich diesem mit
wohlgemeinten Anerbietungen irgendwelcher Art näherte, so würde man von
vornherein alles verderben; wie man ihn aber umgehen oder überlisten könne,
dazu könne er noch keinen Plan absehen, wolle die Sache aber bedenken. Ein
Übelstand sei es auch, daß der Prozeß im vollen Gange sei und nur noch ein
Verhör stattzufinden habe, worauf der Urteilsspruch bei der Klarheit des Falles
nicht auf sich warten lassen würde. Indessen ermutigte er die beiden Bittsteller
damit, daß guter Rat sich oft über Nacht einstelle, und gab ihnen anheim, sich
einstweilen mit dem Präsidenten in Übereinstimmung zu setzen, offen gegen ihn
zu sein und etwa eine Art Mitwissen des Papstes anzudeuten, was seiner
Beflissenheit einen gedeihlichen Schwung geben würde.
Monsignor Aloisio war ein prachtliebender Mann und heiteren Temperaments,
der gern gut lebte und auch anderen Gutes gönnte, wenn er nur Geld genug zur
Verfügung hatte, dessen Mangel das einzige war, was seine Laune auf die Dauer
zu trüben vermochte. Als er innewurde, daß Kardinal Mazzamori und Don
Orazio ihm einen erheblichen Zufluß des geschätzten Metalls zu eröffnen
gedachten, nahm er sie mit lauter und glänzender Gastlichkeit auf, führte sie
durch die pomphaft ausgestatteten Räume seines Hauses, zeigte ihnen eine
Sammlung chinesischer Porzellane und versprach für seine Person, einem so
billigen und harmlosen Wunsche ohne kleinliche Bedenken entgegenzukommen,
führte aber, wie der Advokat, den unbestechlichen Don Petronio ins Feld, der,
seiner schrullenhaften Eitelkeit zuliebe, jeden Versuch, den armen Sünder
durchschlüpfen zu lassen, vereiteln würde. »Nach meiner Meinung«, sagte er behaglich, »ist die Gerechtigkeit bei Gott, der es nicht immer für gut findet, uns
zu erleuchten. Wie kurz ist die Kette von Ursache und Wirkungen, der wir folgen
können! Nun ja, man urteilt nach seiner Kurzsichtigkeit und glaubt, etwas
Großes getan zu haben, wenn man einen Dieb oder Räuber aufhängt. Wie oft
dieser ein frommes Herz im Busen hatte, ein guter Vater oder edler Freund war,
während sein sogenanntes Opfer auf dem Grunde der Seele, wohin kein
sterbliches Auge blicken kann, die Farbe der Hölle trug, wer mag das wissen?
Unser guter Petronio hingegen begreift nur den Buchstaben und meint, unsere
Erde zu verbessern, wenn die Paragraphen recht in Anwendung kommen.«
Nachdem verschiedene Einfälle, um zum Ziele zu gelangen, vorgebracht und
verworfen waren, trennten sich die Herren, ohne zu einem Schluß gekommen zu
sein, mit der Befürchtung, daß ihnen der Sänger dennoch entgehen würde.
Indessen empfing Don Orazio noch zu später Abendstunde einen Brief des
Präsidenten, der so lautete: Es sei ihm plötzlich ein eigenartiger, aber wohl
tunlicher Einfall gekommen. Wenn man nämlich den Petronio könnte glauben
machen, Richter und Advokat seien bestochen, um den Ronco, der zwar ein
ungebildeter Bauer, aber brav und nichts als das Opfer tückischer Ränke sei, an
den Galgen zu bringen, und sie alle ihre Rolle gut spielten, auch der Advokat
sich willig finden lasse, so sei zu verhoffen, daß Don Petronio seine Kraft
einsetze, die vermeintliche Unschuld zu retten, so daß ihnen nach einem Kampfe
von gewisser Dauer nichts erübrige, als zu ihren eigenen Gunsten nachzugeben.
Das Einverständnis der Beteiligten wurde schleunig hergestellt. Mazzamori und
Don Orazio kargten nicht mit dem Gelde, indem sie nicht zweifelten, der Heilige
Vater würde ihnen am Schluß reichlich ersetzen, was sie auf die Ausbildung
eines so erlesenen Sängers würden verwendet haben. Guidobaldo, der Advokat,
trug Sorge, daß Don Petronio durch eine anonyme Zuschrift auf das Unwesen
aufmerksam gemacht wurde, dem diesmal ein hilfloser Bauer zum Opfer fallen
sollte, und daß die Nachricht von seinem Hauskauf sich verbreitete, und nahm
den launigen Glückwunsch, den der Präsident ihm in Gegenwart des
versammelten Tribunals dazu machte, händereibend entgegen. Er selbst, sagte
der Präsident, habe auch im Sinne, sich eine bescheidene Freude zu machen. Der
französische Gesandte, der von seinem König abberufen sei und Rom zu
verlassen gedenke, wolle eine goldene Karosse mit vier Pferden verkaufen, und
er habe ein Angebot darauf gemacht, wisse aber noch nicht, ob es angenommen
sei. Die Summe flüsterte er dem Advokaten lächelnd ins Ohr, wie er denn
überhaupt es so einrichtete, daß die Mitteilung als eine vertrauliche, durch den
zufälligen Lauf des Gesprächs entlockte erscheinen mußte. Petronio, der die Herren scharf beobachtete, säumte nicht, ihre so plötzlich auftretende
Verschwendung mit der schmachvollen Rechtsbeugung in Einklang zu bringen,
zu der sie sich dem empfangenen Briefe nach hatten bereitfinden lassen. Um
sicher zu gehen, lenkte er selbst die Rede auf Ronco und sagte, mit dem würden
sie hoffentlich heute zu Ende kommen; denn man solle darauf halten, in einer so
klaren Sache wenigstens keine Zeit zu verlieren. Der Präsident stimmte bei, und
der Advokat fügte mit liebenswürdig scherzender Ironie hinzu, er wisse wohl,
daß er die Herren Richter, die gern Zeugen einer breiten Entfaltung seiner
Beredsamkeit wären, damit enttäuschte, habe aber doch beschlossen, diesmal
schlechtweg ohne weitere Worte um ein gnädiges Urteil zu bitten, da er sich mit
der Verteidigung eines so verworfenen Übeltäters nicht verunzieren wolle. Das
töne anders, sagte Petronio mit Nachdruck, als er, Guidobaldo, sich zuvor habe
vernehmen lassen. Er habe damals gesagt, der Grund, der den Ronco zum Morde
getrieben haben solle, sei zu geringfügig, um eine solche Untat zu erklären, auch
würde ein gemeiner Verbrecher die Bluttat zu leugnen versuchen, um sein Leben
zu retten; es lasse sich also erwägen, ob nicht der augenscheinlich halb
blödsinnig gemachte Bauer das Werkzeug Mächtiger sei, die sich nebst ihren
Absichten und Mitteln im Hintergrunde hielten.
Der Advokat lachte künstlich verlegen: »Da sehen die Herren,« sagte er, »wie
weit ich den Pflichteifer getrieben habe! Nun aber scheint es mir besser, an der
Grenze der Höflichkeit haltzumachen, die ich euch schulde, Männern, die leicht
einsehen, daß Mächtigen nicht mit der Ermordung einer unschuldigen
Pächterfamilie noch mit der Hinrichtung eines Ronco gedient sein kann, und daß
das, was ich damit vorbrachte, nichts als die Redensarten und Mutmaßungen
waren, die ein geübter Advokat stets im Vorrat haben muß.«
»Sie, mein Teurer,« sagte der Präsident mit heiterer Miene gegen Don Petronio,
»wittern überall Ungerechtigkeiten, weil Ihr großmütiger Trieb, Verfolgten
beizustehen, sich die Gelegenheit zum Handeln schaffen muß. Ach, die
Schlechtigkeit ist weniger interessant, als Sie meinen! Erleben wir es nicht alle
Tage, daß das rohe Gesindel untereinander rauft und sticht? Wir brauchen keine
Fabeln zu erfinden, um das begreiflich zu machen.«
Don Petronio, den nichts mehr beleidigte als wenn man ihn nicht ernst nahm,
begann nun einen unmittelbaren Angriff, wobei er sich fortwährend das Ansehen
eines ruhigen, unbeeinflußbaren Geistes zu geben suchte. An dem Schicksal des
Ronco sei nichts gelegen, sagte er, das sei sonnenklar. Er sei nicht viel mehr als
ein Tier, sei es nun, daß Stumpfsinn oder daß Roheit seine Menschlichkeit
gestört habe. Man möge nicht glauben, daß er Teilnahme für Ronco habe, für ihn selbst wie für andere sei es vielleicht das beste, wenn er der Zeitlichkeit
enthoben würde. Solche Rücksichten würden ihn aber niemals abhalten, der
Wahrheit nachzutrachten und das Recht in Ausübung zu setzen. Nur um Recht
und Wahrheit handele es sich für alle, nicht um das Wohl von Klägern oder
Beklagten, vor allen Dingen nicht um das eigene. Er wolle nichts von jenem
Ronco wissen, wolle nicht wissen, ob er Weib und Kind, Verwandte oder
Freunde habe. Eine derartige Gesinnung sei zwar dem jetzigen Zeitalter fremd,
um so mehr werde er daran festhalten. Er werde niemals Landgüter kaufen oder
Kunstsammlungen anlegen können, vielleicht stifte er nicht einmal Gutes mit
seiner Handlungsweise; es sei ihm genug, der Wahrheit und Gerechtigkeit, auf
die er verpflichtet sei, ohne Gewinn gedient zu haben.
Die Gegner ließen eine gewisse Gereiztheit merken, und es entspann sich ein
Streit, der noch im Gange war, als Ronco vorgeführt wurde. Dieser hatte sich
zuvor nie so in Anspruch genommen gesehen, denn Don Petronio ließ jeder
Frage, die der Präsident an ihn richtete, eine anders gesetzte folgen, die den
Zweck hatte, die bisher listig verschüttete Wahrheit ans Licht zu fördern. So viel
hatte der Wilde inzwischen gemerkt, daß man sich von hoher Seite seiner
anzunehmen begonnen hatte, ja geradezu auf seine Befreiung hinarbeitete, und
seine vielberedete Stumpf- und Roheit hinderte ihn nicht, diese Aussicht als
angenehm zu empfinden und seinen Helfern, soweit er sie verstand, in die Hände
zu arbeiten. Zuweilen begriff er den Sinn der kreuz und quer an ihn gestellten
Fragen so gut, daß er Antworten gab, die die Richtigkeit seiner früheren
Aussagen in Frage stellten und eine böse Verwirrung in den bisher so glatten
Prozeß brachten. Bei solchen Gelegenheiten warf Don Petronio jedesmal einen
ernsten, leidenschaftlich forschenden Blick auf seine Widersacher, die sich
scheinbar mehr verwickelten und erhitzten und gegen Ronco heftig und beinahe
drohend losfuhren, wodurch sie ihn in eine solche Gemütslage versetzten, die für
ihren Zweck eben die richtige war. Denn er fing allmählich an, sich für eine
ansehnliche Person zu halten, und wenn er schon vorher mit sich und seiner
Untat durchaus zufrieden gewesen war, so glaubte er jetzt vollends, daß er sich
nichts von dem großmäuligen Tribunal brauche gefallen zu lassen, das
keineswegs besser und wahrscheinlich dümmer sei als er. Er gab nun zwar keine
Erklärungen, mit denen sich etwas hätte anfangen lassen, aber er bejahte das,
was ihm Don Petronio fleißig in den Mund legte, daß er das Verbrechen nicht
aus eigenem Antriebe begangen habe, sondern, daß er dazu angestiftet,
eigentlich gezwungen worden sei, aber nicht sagen dürfe, von wem, und schloß
damit, man möge ihn zum Tode verurteilen, er sei es zufrieden, doch sei er
unschuldig und weniger ein Mörder, als diejenigen sein würden, die ihn an den Galgen brächten.
So schnell indessen gaben die Verschwörer nicht nach, vielmehr stellten sie sich
an, als wären sie erpicht darauf, den Ronco zu liefern, und erhoben gegen Don
Petronio den Vorwurf, als habe er dem Fuchs, der schon in der Falle gewesen sei,
ein Türlein geöffnet und halte sie unnützerweise bei einer nebensächlichen und
üblen Sache auf. Dadurch reizten sie diesen immer mehr, so daß er sich fest
vornahm, der hehren Wahrheit zum Siege zu helfen, was es ihm auch für Mühe
und Verdrießlichkeiten eintragen möchte.
Der Zufall wollte, daß es Don Petronio gelang, einen bisher nicht bekannt
gewordenen Umstand zu ermitteln, daß nämlich sowohl der Mörder wie der
Ermordete Besitzer freien Bauerngutes waren und vor Jahren einmal mit dem
Herrn, von dem sie das Land in Pacht hatten, in Streit gewesen waren, weil er sie
ganz und gar zu abhängigen Pächtern hatte herabdrücken wollen. Es unterlag für
Petronio kaum einem Zweifel, daß dieser Herr, ein Aldobrandini, sich der beiden
halsstarrigen Männer, die ihm zu trotzen wagten, auf einmal zu entledigen
versucht hatte, indem er sie gegeneinanderhetzte, und obwohl er darauf
verzichtete, den Schuldigen zu entlarven, der jedenfalls zu mächtig, schlau und
gerissen war, um sich fangen zu lassen, so wollte er ihm doch das Opfer abjagen,
so wenig es an sich der Teilnahme wert sein mochte.
Mittlerweile hatte der Meister der Kapelle, Don Orazio, eine endgültige
Aussprache mit Ronco, der sich auf vieles Zureden bereitfinden ließ, wenn er
freigesprochen sein würde, als Sänger in den Dienst des Heiligen Vaters zu
treten. Er vermochte nunmehr seine Rolle besser zu spielen und gebärdete sich
tagtäglich dreister, so daß das gesamte Tribunal endlich den Augenblick
herbeisehnte, wo es die Bürde seines Schützlings würde abwerfen können. Die
Freude und Genugtuung war auf allen Seiten gleich groß, als der Freispruch
erfolgte, wenn auch der Präsident und der Advokat sich nichts davon merken
ließen, sondern Ingrimm und Beschämung zu verhehlen schienen, um sich desto
besser zu belustigen, wenn sie unter sich waren.
Einzig Kardinal Mazzamori machte böse Zeiten durch; denn die üble Laune
seiner Herrin Olimpia nahm zu, seit er in der Angelegenheit ihres jungen Vetters
nichts ausgerichtet hatte. Er mochte noch so sehr beteuern, daß er alles
Erdenkliche unternommen habe, ihn zu retten, daß aber die Gerechtigkeit ihren
Lauf hätte nehmen müssen, und daß es ihn nicht minder als sie betrübe: sie
beharrte dabei, er hätte es sich keine Mühe kosten lassen, weil seine Liebe zu ihr
selbstischer Natur sei und nur genießen, nicht wirken oder opfern wolle, und sie bestrafte ihn durch eine durch nichts zu erhellende Traurigkeit. Der Jammer ihrer
unglücklichen Tante, sagte sie, habe ihr auf einmal die Augen für das Elend des
Lebens eröffnet, so daß sie sich an den irdischen Dingen nicht mehr ergötzen
und nur in der Hingebung an Gott einigen Trost finden könne. Wirklich war sie
selten mehr zu Hause anzutreffen, sondern hielt sich schwarz gekleidet in
Kirchen auf, wo sie bald vor diesem, bald vor jenem Altar sich in Tränen
auflöste. Empfing sie den Freund einmal, so forderte sie ihn auf, von geistlichen
Dingen mit ihr zu reden, und wenn er ihr auf diesem Gebiete nicht genugtun
konnte, hielt sie ihm mit großer Bitterkeit vor, daß er seinen Beruf nicht
verstehe, und ließ ihn merken, daß er nicht viel Besseres als ein Heuchler und
Betrüger sei. Sie fühlte sich tiefunglücklich und alles dessen beraubt, was früher
ihrem Dasein Halt und Inhalt gegeben hatte. Es schien ihr, als sei ihr Mann, von
dem sie nun schon lange getrennt lebte, im Grunde viel annehmbarer gewesen
als der Kardinal, insofern, als er sich doch für nichts Höheres ausgegeben hatte
als er war. Wenn sie sich die Zeit zurückrief, wo Mazzamori ihre Liebe erregt
hatte, so vermochte sie in allen jenen Szenen, die zwischen ihnen vorgefallen
waren, den Zauber der Poesie nicht mehr zu finden, der sie früher in ihrer
Einbildung vergoldet hatte. Was war daran, so dachte sie nun, anderes und
Edleres gewesen, als was sich alltäglich in jedem Winkel abspielt und oft genug
zu Gelächter und Ekel reizt? Wie sehr sie sich bemühte, etwas Besonderes und
Ausgezeichnetes an dem Kardinal zu finden, ihr Gewissen wollte ihr nichts
sagen, als daß er eine unkeusche Bestie sei wie die anderen Männer auch, mit
dem Unterschiede, daß sein geistlicher Beruf ihn noch dazu zu einem
gleisnerischen Lügner machte. Sie hätte ihn am liebsten nicht mehr gesehen;
wenn sie ihn zuweilen dennoch herbeiwünschte und seinen Besuch annahm, so
tat sie es hauptsächlich, um ihn fühlen zu lassen, was sie von ihm dachte, und
wie unglücklich sie sei.
Ein schweres Verhängnis war es für den Kardinal, daß der verdüsterte
Gemütszustand der schönen Olimpia sie ihm noch weit liebenswerter erscheinen
ließ als früher. Ihr Blick, da er so seelenvoll geworden war, zog ihn mehr an, als
es je ihr sinnlich erglühender getan hatte, und ihre demütige Trauer, die ihn hätte
abwehren sollen, reizte mit seinem Mitleid und seiner Bewunderung zugleich
seine aufrichtigsten Liebesempfindungen. Wieviel reicher und erhabener
erschien sie ihm, seit sie seiner nicht mehr bedurfte! Wenn er zusah, wie milde
und verständnisvoll sie mit armen Leuten umging – denn sie suchte nun
Gelegenheiten, um sich Notleidenden wohltätig zu erweisen –, wenn er hörte,
wie klug und frei sie über alle Verhältnisse des Lebens zu reden wußte, so kam
sie ihm wie eine Wiedergeborene vor, ihm weit entrückt und doppelt begehrenswert. Er gab sich Mühe, auf ihre neuen Gedankengänge einzugehen,
ohne daß er etwas anderes als Spott und Bitterkeit dabei geerntet hätte. Olimpia
fand diese Bestrebungen, die nicht der Sache galten, sondern nur ein Ausfluß
seiner Verliebtheit waren, lächerlich oder gar abstoßend und wurde durch sie in
der Meinung bestärkt, daß der Kardinal ein seichter Heuchler sei.
In der Hoffnung, die ihm Entschlüpfende zu fesseln und ihre weltlichen
Interessen wieder ein wenig anzufachen, erzählte der Kardinal ihr von dem
wunderwürdigen Sänger, den sein Freund Don Orazio kürzlich kennengelernt
und für den päpstlichen Dienst erworben habe. Dieser Sänger sei, erzählte er,
durch widrige Schicksalsfälle verfolgt und unter höchst seltsamen Umständen
von Don Orazio entdeckt worden, die auch ihm noch Geheimnis wären. Gewiß
sei, daß er die herrlichste Stimme besitze, die je ein italienisches Ohr bezaubert
habe, und die durch die sorgfältige Ausbildung, der sie jetzt unterzogen werde,
noch gewinnen solle. Die Mittel dazu hätten Orazio und er hergegeben, da der
Sänger durch die erwähnten Schicksalsschläge mittellos geworden sei; es reue
sie aber das Opfer nicht, da jeder Ton aus der gesegneten Kehle edleres Gold als
das sei, was sie dafür ausgegeben hätten. Wenn Olimpia ihn zu hören geneigt sei,
so wolle er eine Gelegenheit dazu in seinem Hause veranstalten.
Indessen Olimpia war zu sehr in ihre schwermütigen Anschauungen versenkt,
um sich irgendwelche Zerstreuungen gefallen lassen zu mögen; nichts war ihr
recht, was sie davon entfernte, nur das willkommen, was sie darin bestärkte.
Schöner Gesang wäre ihr wohl lieb, sagte sie, aber zu teuer erkauft, wenn sie ihn
im Beisein anderer, etwa sogar unter geselligen Zurüstungen hören müsse.
Könne der Sänger sie aufsuchen und ihr seine Kunst vorführen, ohne sie in ihrer
einsamen Beschaulichkeit zu stören, so wäre es möglich, daß sie Genuß daran
hätte. Das wußte der Kardinal nun nicht einzurichten; denn einmal wußte er
nicht, ob Ronco, der sich übermütig und habgierig entfaltete, sich ohne weiteres
und namentlich ohne die Aussicht beträchtlicher Vorteile dazu verstehen würde,
und zudem hätte er für das Benehmen seines Schützlings nicht einzustehen
gewagt, wenn derselbe ohne Zwang und Aufsicht allein mit einer Dame gewesen
wäre. So mußte er auf eine Gelegenheit warten, um Olimpia mit dem
Wundermanne bekannt zu machen, und eine solche bot sich denn auch, als der
Gesangmeister, der ihm Unterricht erteilte, seine Stimme für so geschult erklärte,
daß seiner Vorstellung bei Hofe nichts mehr im Wege stehe.
Der Papst hatte zur Teilnahme an dem Konzert, das in seinen Gemächern
stattfinden sollte, einen kleinen gewählten Kreis musikliebender Freunde um
sich versammelt, unter denen Kardinal Mazzamori, als um den Fund so sehr verdient, nicht fehlen durfte. Auch war ihm bereitwillig gestattet worden, seine
Freundin Olimpia mitzubringen, die eine Einladung des Heiligen Stuhls
auszuschlagen sich denn doch nicht getraute. Sie wählte zwar eine Frisur und
Kleidung, die, dunkel und schlicht, gegen die früher von ihr geliebte reichliche
Ausschmückung weit abstach, und hielt sich auch bescheiden und fast schamhaft
im Hintergrunde; aber daß ihr zartes Fleisch um so lieblicher aus dem Schatten
hervorleuchtete, hatte sie durch diese Veranstaltung doch nicht hindern können.
Innozenz war ein feiner, kleiner alter Herr mit einem zierlichen Gesicht, mit
etwas undeutlichen Augen, einer gebogenen zugespitzten Nase und einem
dünnlippigen, meist freundlichen Munde. Er nahm die Huldigung der Gäste
geschwind entgegen und ließ einem jeden einige scherzende Worte zukommen,
wobei ihm aber die Ungeduld wegen der bevorstehenden Vorführung
anzumerken war. Als es eine Minute über die Zeit war, auf welche man den
Sänger bestellt hatte, wurde ein nervöses Zucken um seine Augen sichtbar, und
Mazzamori blickte ängstlich von der kostbar verzierten Uhr, die auf dem
Marmorkamine stand, zur Flügeltür; er atmete auf, als diese sich öffnete und
Don Orazio, eintretend, um die Ehre bat, den Sänger Ronco vorstellen zu dürfen.
Ronco hatte sich in der Zeit seiner Vorbereitung eine Richtschnur seines
künftigen Betragens gemacht, die einfach, aber nichtsdestoweniger ausnehmend
zweckmäßig war: nämlich den Beifall des Papstes zu erwerben und einzig darauf
sein beständiges Augenmerk zu richten. Von diesem Vorsatz beseelt, ging er
stracks, die Augen mit einer gewissen eindringlichen Heftigkeit auf das erhabene
Ziel gestellt, auf den alten Herrn zu, fiel vor ihm nieder, küßte ihm die Füße und
verharrte in dieser Stellung, indem er die Arme vor der Brust faltete. Diese
kindliche Gebärde inbrünstiger Hingebung rührte Innozenz so sehr, daß er
unwillkürlich die Lippen auf die Stirn und die Hände auf die breiten Schultern
des vor ihm knienden Mannes drückte, worauf er ihn mit ermunternden Worten
begrüßte und aufzustehen und sich zu setzen aufforderte. Fast fürchtete der alte
Herr, das erschütternde Gefühl, sich zum erstenmal in seiner Gegenwart zu
befinden, könne den Sänger der Macht über seine Kehle berauben; es zeigte sich
aber, daß der starke Mann mit der Hingebung die Unbefangenheit eines Kindes
vereinte, denn ohne durch das leiseste Zittern beeinträchtigt zu werden, rollten
die ersten Töne wie große glänzende Perlen in den Saal. Infolge einer
Anordnung des Orazio sang er zuerst das Volkslied, das er und Mazzamori im
Gefängnis von ihm gehört hatten, und das ohnehin als etwas Neues und
Befremdliches Aufsehen erregte und Eindruck machte.
Es war, als ob der Stab eines Zauberers die Herzen der Zuhörer berührt habe; einem jeden tauchten liebe Träume auf, allerschönste Augenblicke, deren sie
sich erinnerten oder die sie erhofften, und die einen süßeren Duft aushauchten,
als der zerkleinernden Wirklichkeit übrigzubleiben pflegt. Olimpia überkam ein
gewaltsamer Schmerz, der aber nicht niederdrückend war wie der, dem sie seit
vielen Wochen in wechselnder Art hingegeben war, sondern durchdringend und
angenehm, als eine Kraft, die sie über das gemeine Leben emporzutragen schien.
Sie fühlte, was sie einst als Mädchen gewesen war, was sie von der Zukunft
erwartet und was sie selbst hätte leisten und erringen wollen, und mit der
schrecklichen Einsicht zugleich, wie weit sie von diesem Ziele abgewichen war,
glaubte sie zu wissen, daß es nur auf sie ankomme, wieder die reine, starke und
freudige Seele von damals zu werden. Sie hörte nicht auf, ihre Beziehungen zu
Mazzamori zu bereuen, aber sie tadelte sich in diesem Augenblick, daß sie ihn
mit Härte behandelt hatte, da doch nicht er allein, sondern auch sie gesündigt
habe, und da er ihr doch nicht die Möglichkeit rauben könne, aus den Irrwegen,
auf die er sie geführt, zur Klarheit aufzusteigen. Es erschien ihr wie ein Wunder,
daß sie trotz ihres Widerstrebens in die Nähe des Mannes gebracht worden war,
dessen Stimme ihr so tröstlich wurde, und der ihr dadurch fast wie ein
Abgesandter Gottes erscheinen wollte. Aus dem Winkel, wo sie Platz genommen
hatte, konnte sie ungestört seine heldenhafte Gestalt bewundern und das dunkle
Antlitz, dessen Wildheit sie erbeben machte.
Ronco war bei der sorglichen Pflege, die er sich seit geraumer Zeit hatte
angedeihen lassen können, nur auf die Art schöner geworden, wie aus einem
schäbigen hungrigen Wolf ein wohlgenährter wird; aber dies genügte um auf
aller Augen einen blendenden und überwältigenden Eindruck zu machen. Die
Begeisterung war allgemein; doch machte niemand dem Heiligen Vater das
Recht streitig, sie zuerst zu äußern. Der kleine Herr saß mit geröteten Wangen
da, klopfte hie und da in die Hände, rief: »Bravo! bravo!«, wiegte den Kopf und
unterbrach auch wohl den Gesang mit Ausrufen des Entzückens: »Ah! Welcher
Ansatz! Welche Süßigkeit! Welche Erfindung!«, wenn die Kadenzen wie aus
dem Füllhorn des Überflusses aus seinem Munde strömten. Es vermehrte die
Bewunderung Olimpias, daß der Sänger keinen Blick auf die Gesellschaft,
geschweige denn in ihren Winkel warf; er schien nur für den Heiligen Vater da
zu sein und auf seinen Wink zu singen oder zu schweigen. Einem Erzengel
mußte sie ihn vergleichen, der, in voller Pracht gerüstet, demutvoll den Befehl
des Herrn der Heerscharen erwartet.
Erst als die Gesellschaft aufstand und auseinanderging, fiel ein Blick des
Sängers auf sie, der mehr als Gleichgültigkeit, der niederschmetternde Verachtung auszudrücken schien. Sie schloß daraus, daß er wisse, in welchen
Beziehungen sie zu Kardinal Mazzamori gestanden habe, ja seiner Meinung
nach noch stehe, und daß er sie aus diesem Grunde für eine Verworfene halte,
was sie ja im Grunde auch sei.
In Wirklichkeit hatte der Sänger weder sie noch sonst eine von den Zuhörerinnen
beachtet, da es ihm zunächst nur um den Papst zu tun war und er überhaupt an
den vornehmen Damen noch keinen Geschmack gewonnen hatte. Allmählich
jedoch stellte sich das Verständnis dafür ein, und nunmehr konnte ihm die
Verehrung nicht unbemerkt bleiben, mit der die schöne Olimpia zu ihm
aufblickte. Es schmeichelte ihm nicht wenig, daß die Geliebte des Kardinals
Mazzamori ihn diesem angesehenen, einflußreichen, liebenswürdigen und
gebildeten Manne vorzog, den zu beleidigen er ohnehin einen lebhaften Antrieb
in sich verspürte. Je mehr seine Stellung beim Papst und in Rom sich befestigte,
desto unleidlicher wurden ihm die beiden Herren, denen seine Vergangenheit so
wohlbekannt war, so daß er mit dem Gedanken umging, sie, wenn sich ein Anlaß
böte, aus Rom zu entfernen.
In den ersten Tagen, die dem Konzert folgten, war Mazzamori hochbeglückt
über den Erfolg. Schien es doch die geliebte Frau weich und zugänglich
gestimmt zu haben. Um so schneidender war seine Enttäuschung, als sie ihm,
wenn auch in gütigen Worten, ihren unerschütterlichen Entschluß mitteilte, jeden
Verkehr mit ihm abzubrechen, da sie ein neues, reineres Leben in Gott nunmehr
beginnen wolle.
Da er sah, daß jeder Versuch, sie ihrem Vorsatz abtrünnig zu machen, scheiterte,
ergab er sich und rang bereits mit dem Plane, ihr nachzueifern, um ihr
wenigstens in den Regionen der Entsagung wieder zu begegnen, als er durch
Neckereien Bekannter auf die zarten Fäden aufmerksam gemacht wurde, die
zwischen dem Sänger und der Büßerin hin und her gingen. War er auch
überzeugt, daß bei Olimpia nichts vorlag als die Schwärmerei einer
empfänglichen Seele für die Stimme, in der etwas Göttliches sinnfällig zu
werden schien, so zweifelte er doch billig, ob der gewalttätige Bauer einer
ähnlichen Erhabenheit der Empfindung fähig sei, dem er vielmehr die Absicht
zutraute, das Weib in die Niederungen seiner Sinnlichkeit herabzuziehen.
Dies wurde ihm zur Gewißheit, als verlautete, der Sänger habe vor einigen
Tagen um Urlaub gebeten und solchen auch erhalten, um irgendwo am Meere
oder im Gebirge seine Stimme zu schonen, was zu deren Erhaltung von den
Ärzten für durchaus notwendig erklärt worden sei. Außer sich eilte der Kardinal zum Papste, um ihn darüber aufzuklären, welche Gefahr seiner Meinung nach
eine edle Freundin bedrohe, und wie freventlich die Güte des huldvollen
Gebieters mißbraucht werde.
Der alte Herr merkte kaum, daß es sich um einen Angriff auf seinen Liebling
handelte, als seine Lippen sich ärgerlich zusammenkniffen. Er selbst litt unter
dessen bevorstehender Abwesenheit, hatte seiner Bitte aber dennoch willfahrt
und ein Beispiel der Selbstverleugnung gegeben; mußte er dem geistvollen
Zauberer nicht einmal ein Abenteuer, in dem er sich austobte, gestatten? War er
doch selbst jung gewesen! Und wieviel mehr als ein anderer bedurfte der
Feurige, der Zündende, der Verschwender Zufuhr neuer Kräfte, die ihm, dem
Papst, und allen, die ihn hörten, wieder zuteil werden würden! Wenn er sich
vorstellte, wie der löwenhafte Mann das erstemal, die Arme über der Brust
gekreuzt, vor ihm niedergekniet war, so pflegten ihm Tränen in die Augen zu
treten. Niemals war er seitdem von dieser kindlichen und ritterlichen Hingebung
abgewichen. Obwohl hitzigen Temperaments und hochfahrenden Sinnes, wie er
denn im Umgang mit anderen Menschen oft durch zügellose Laune und
Grobheit überraschte, nahte er sich ihm, dem Heiligen Vater, dem zierlichen
kleinen Manne, nie ohne Unterwürfigkeit, nahm er von ihm jeden Tadel mit
Bescheidenheit und Geduld entgegen und rief in jeder Angelegenheit sein Urteil
als das höchste, gleichsam von Gott selbst ausgefertigte an, dem sich zu beugen
ihm augenscheinlich sowohl Lust wie Pflichtgebot war.
Indem er sich in seinem Sessel zurücksetzte, betrachtete Innozenz den Kardinal
erstaunt und bat um eine Erklärung des Anteils, den er an dem Urlaub und der
Reise des Sängers nähme. Ein wenig errötend sagte der Kardinal, es sei dem
Heiligen Vater vielleicht nicht bekannt, daß Ronco den Ausflug in Begleitung
einer Dame zu machen gedenke, einer Dame, mit der er weder in
verwandtschaftlicher noch in ehelicher Beziehung stehe, soviel ihm bekannt sei.
»Und was weiter?« fragte der Papst kühl. »Sollten Sie, mein Freund, niemals,
eine Reise mit Damen ohne verwandtschaftliche Beziehung unternommen
haben? Oder wenn Sie, ein Geistlicher, ein Diener Gottes, es nicht getan haben,
warum sollten Sie einem Sänger diese Freiheit mißgönnen?«
Der Kardinal zitterte vor Verlegenheit, Angst und Enttäuschung. »Verzeihen mir
Eure Herrlichkeit,« sagte er, »wenn die Sorge um eine Frau, die mir teuer ist,
und über deren Heil zu wachen ich mich verpflichtet halte, mich zu weit
hingerissen hat.«
Bevor er noch mehreres hinzufügen konnte, unterbrach ihn der Papst, indem er
sagte: »Gut, gut! Überlassen Sie es mündigen Frauen, sich selbst zu schützen,
wenn sie überhaupt des Schutzes bedürfen oder ihn wünschen. Ich habe es stets
so gehalten, daß ich meinen Untergebenen in Familiensachen freie Hand ließ,
denn dies ist der Punkt, wo aus Herrschaft Tyrannei würde.«
Nach dieser Zurechtweisung wurde der Kardinal nicht ungnädig entlassen; ja,
der Heilige Vater zeichnete ihn beim nächsten Empfang mit liebenswürdigen
Worten aus; aber als er nach einigen Tagen an die Spitze einer Mission zur
Bekehrung der Heiden in Japan gestellt wurde, konnte er nicht umhin, darin
mehr den Wunsch des Papstes, ihn zu entfernen, als einen Beweis seiner
Hochachtung zu sehen.
Das Bewußtsein seiner Untauglichkeit zu einer solchen Aufgabe war so stark in
ihm, daß er es wagte, dem Papst seine Befürchtungen dieserhalb zu unterbreiten;
doch beruhigte ihn dieser mit dem Hinweis auf seine mannigfachen Talente,
denen, wenn sie der Glaubenseifer unterstütze, nichts unmöglich sein werde, und
auf die Märtyrerkrone, die er sich im besten Fall erwerben könne.
Don Orazio hielt sich etwas länger, schließlich jedoch wußte der unentwegte
Ronco auch ihn zu stürzen, indem er ihn durch fortwährende Widersetzlichkeiten
und Kränkungen dahin brachte, sich beim Heiligen Vater über ihn zu beklagen.
Als dieser ihn damit abwies und ihm vielmehr empfahl, sich einem so herrlichen
Künstler, der Zierde seines Hofs, gegenüber nicht zu überheben, brauste Orazio
auf und rief aus: »Wie? Von diesem Vieh, das ich aus dem Morast gezogen habe,
soll ich mich ungerecht verhöhnen lassen?«, mit welcher unbesonnenen
Äußerung er die Gunst seines Herrn vollends verscherzte. Denn wie er sich
wegen des beleidigenden Ausdrucks rechtfertigen wollte, bedachte er, daß er den
wahren Hergang seiner Bekanntschaft mit Ronco nicht wohl enthüllen konnte,
ohne sich in verhängnisvolle Mißhelligkeiten zu verwickeln, und mußte, da er
sich über sein Benehmen nicht ausreden konnte, als verleumderischer Schwätzer
oder ungezähmter Tollkopf dastehen. Die es gut mit ihm meinten, waren der
Ansicht, daß er es noch für Gnade und Glücksfall ansehen müsse, als der Papst
ihn nach dem kleinen Hofe von Lucca empfahl, wo er zwar in schmalen
Verhältnissen, aber doch ohne Not und Gefährdung sein Dasein fristen konnte.
Schlimmer und besser zugleich erging es seinem Freunde Mazzamori, der zwar
mancherlei Entbehrungen und Todesgefahr zu bestehen hatte, aber, wenn solche
vorübergegangen war, auch Augenblicke bisher unbekannter Seligkeit feierte,
und über dessen liebe und traurige Vergangenheit die vielen absonderlichen Eindrücke, die er empfing, einen bunten Schleier webten, der sie undeutlich
machte. Zuweilen, wenn er in fremder Einsamkeit am Gestade des Ozeans
zwischen namenlosen Riesenbäumen und vorüberhuschendem Getier in der
Dämmerung sich erging, erinnerte ihn, er wußte nicht wie, ein lieblicher
Himmelsglanz zu seinen Häupten an die schmalen länglichen Cherubsaugen
jenes jungen Lancelotto, mit denen er frei in paradiesischen Sphären auf die
verlassene Erde hinabsehen wollte. Vielleicht, dachte er, lächelt er über die
Verworrenheit, in die wir armen Toren verstrickt sind, wenn er sich nicht lange
schon ermüdet weggewendet hat zu den gelösten Geheimnissen der
Weltregierung. Auf Augenblicke schwieg dann das Heimweh nach der goldenen
Küste Italiens, das ihn in Stunden, wo er allein war, zu beschleichen pflegte, und
er dachte mit bänglicher Sehnsucht an die Märtyrerkrone, die seine Arbeit unter
den bösen Heiden ihm eintragen konnte, und die vielleicht, von unsichtbaren
Händen bereit gehalten, schon über ihm schwebte.