Der Hahn von Quakenbrück und andere Novellen
Der neue Heilige
D e r n e u e H e i l i g e
Im Küchengarten des Kapuzinerklosters in München gingen zwei der
vornehmsten Väter, Pater Gumppenberg und Pater Wildgruber, in ernstlichem
Gespräch über die schweren Zeitläufe zwischen den an Stangen hochgezogenen
Bohnen auf und nieder. »Es tut nicht gut,« sagte Pater Gumppenberg, »wenn die
Frau stärker ist als der Mann, im Bürgerhause so wenig wie auf dem
Fürstenthrone, das habe ich immer gesagt und darum die savoyische Heirat
widerraten. War es nicht vorauszusehen, daß sie mit ihren welschen Dienern und
ihrer welschen Pracht einwirken und mit ihrem welschen Gespreiz alles und
jedes bei unserem guten Herrn durchsetzen würde?« Es hatte nämlich vor
einigen Jahren der Kurfürst Ferdinand Maria die schöne, stolze und kluge
Henriette von Savoyen geheiratet, die zwar in kirchlicher Gesinnung niemandem
nachstand, aber den Bedarf dazu von jenseits der Alpen in Gestalt verschiedener
Geistlicher italienischer und französischer Herkunft mitgebracht hatte, unter
denen ihr Beichtvater Filiberto aus dem Orden der Theatiner der hervorragendste
war. »Der Anstand würde erfordern,« fuhr Pater Gumppenberg fort, »daß diese
Fremden sich in die Gebräuche unseres Landes zu schicken suchten; anstatt
dessen fahren sie naserümpfend daher wie Eroberer und möchten das
wohlerprobte einheimische Wesen mit ihrem scheckigen Tändelkram
austapezieren. Es sind bald hundert Jahre her, daß unsere Stadt und unser
Fürstenhaus unter dem Schutze des heiligen Benno nicht nur in gutem Zustande
verharren, sondern erst recht zu florieren angefangen haben, wie denn auch
unser seliger Herr, der verstorbene Kurfürst, ihm allezeit die Ehre gegeben und
es an Dank und Verherrlichung nicht hat fehlen lassen. Auch wir haben uns den
Dienst des uralten deutschen Heiligen angelegen sein lassen, obwohl wir
absonderlich auf den heiligen Franziskus Seraphikus, diesen hochberühmten,
eigentlich aus Gottes Geiste geborenen Himmelsmann, verpflichtet sind, und
haben also doppelte Ursache, von den Welschen, die über uns gekommen sind,
ohne daß wir ihrer bedürfen, die gleiche Unterordnung zu verlangen. Mögen sie
in der Stille verehren, wen sie wollen; unerträglich aber müßte es jedem
gläubigen Bayernherzen sein, wenn wir in der altheiligen Frauenkirche einen
neumodischen Altar für einen gewissen Cajetan sich spreizen sähen, der uns so
wenig angeht wie ein Derwisch oder Mufti der Heiden im Orient.«
Pater Wildgruber nickte nachdrücklich und fügte hinzu: »Meine sorgfältigen Erkundigungen haben bestätigt, was ich dir schon sagte, daß dieser Cajetan erst
kürzlich vom Heiligen Vater selig gesprochen ist, auf das beschwerliche
Drangsalieren der adeligen Familie, die ihn zu ihren Verwandten zählt und ihre
schäbige Herrlichkeit mit seinem Namen ausputzen möchte. Dergleichen Adel
ist, wie du weißt, über den Bergen billig wie der Kies im Bache zu haben. Es
mag sein, daß der gute Mann aus Vicenza sich ein Verdienst um jenes Völkchen
erworben hat, als er den Theatinerorden stiftete, in den nur Leute seinesgleichen
aufgenommen wurden, die dort eine ansehnliche Versorgung finden. Wenn sie es
dabei bewenden lassen und sich ruhig verhalten, wohl und gut, so mag man es
ihnen gönnen; ein anderes ist es, wenn sie ihren Familien- und Standespatron
uns hierorts als Heiligen aufdrängen und das Volk zu dieser fremdartigen,
übelberufenen Verehrung anlocken wollen. Dergleichen Seltsamkeit dürfen
diejenigen, die Gott zu Hütern seiner Schafe bestellt hat, nicht einschleichen
lassen.«
Die herzhafte Zustimmung seines Freundes erheiterte Pater Gumppenberg, so
daß er stehenblieb, eine Ranke der kletternden Bohnen zu sich bog und den
Ansatz der angenehmen Frucht, die sich zeigte, auf ihr Wachstum untersuchte.
»In acht bis vierzehn Tagen, denke ich, können wir ein erstes Bohnengericht auf
unserer Tafel sehen,« sagte er behaglich. »Unser Himmel reift die Gottesgabe
langsam, ist es aber so weit, dann hat sie eine gediegene Würze, die sich nach
meinem Urteil über alle die gepriesenen Erzeugnisse der Fremde erhebt.«
Auch hierin war Pater Wildgruber derselben Meinung. »Ich bin nicht von
denjenigen,« sagte er, »die ohne einen Tropfen französischen oder welschen
Weines die Mahlzeit fade finden; unser braunes Bier mag es mit dem
vielbeliebten Traubenstoff wohl aufnehmen, ja, indem es das Blut nicht erhitzt,
sondern kühlt, und den erwünschten Schlaf herbeiführt, anstatt die Sinne zu
kitzeln, ist es aus erheblichen und auch gottgefälligen Gründen dem kostbaren
Nebenbuhler wohl noch vorzuziehen.«
Weiterschreitend gingen die frommen Männer zu der Erwägung über, wie der
von seiten der welschen Geistlichen drohenden Gefahr füglich
entgegenzuarbeiten sei. »Ich schrecke«, sagte Pater Gumppenberg, »keineswegs
davor zurück, unserem Herrn, dem Kurfürsten, eine dringliche Vorstellung zu
machen; habe ich doch auch das Antlitz seines gestrengen Vaters nicht
gefürchtet, da ich mich im Schutze Gottes und seiner Heiligen sicher fühle.«
»Du hattest es damals nicht mit einem Weibe zu tun,« gab Pater Wildgruber zu
bedenken, »einem Weibe, das ich ganz und gar der Dalila vergleichen möchte, wenn auch unser hochgeliebter Herr, der Kurfürst, nichts mit dem Helden
Simson gemein hat als die Bezauberung durch seine Gemahlin.«
»Es ist meine Pflicht, mich durch nichts von dem abhalten zu lassen, was zum
Heil unserer Kirche notwendig ist, am wenigsten durch ein Weib,« sagte Pater
Gumppenberg gefaßt, indem er seinen schwärzlichen, mit vielen grauen Haaren
durchschossenen Vollbart über der breiten Brust auseinanderstrich; »es wird
verhoffentlich nicht ohne Eindruck bleiben, wenn ich den Geist seines
hochseligen Vaters berufe, um meine Vorstellungen zu unterstützen.«
Für den jungen Kurfürsten, der in seinem Vater das Abbild Gottes auf Erden
verehrt hatte, war die Anrufung desselben überwältigend, und er wagte nicht
leicht etwas durchzusetzen, wenn man ihn glauben machte, daß es seiner
Gesinnung zuwider sei. Freilich bekämpfte den erhabenen Schatten seit seiner
Vermählung das lebendige Auge der geliebten Frau, allein er getraute sich in
wichtigen Dingen noch nicht immer dieser neuen, allzu reizenden Kraft
nachzugeben, weil es ihm unglaubhaft schien, daß irgend jemand, und nun sogar
ein junges Weib, seinem gewaltigen Erzeuger in etwas sollte überlegen sein
können. Demgemäß erwiderte er dem Pater Gumppenberg auf dessen
eindringlichen Vortrag, es sei ihm unbekannt gewesen, daß das Volk der
Einführung des neuen Heiligen so sehr entgegen sei; ein vortrefflicher Künstler
habe zwar den Entwurf zu einem Altare ihm bereits vorgelegt, die Genehmigung
habe er aber noch nicht erteilt und werde die Sache einstweilen ruhen lassen, bis
die Vortrefflichkeit des vicentinischen Cajetan in Bayern besser bekannt und
bezeugt sein werde.
Ein wenig betreten begab er sich in das nach dem neuesten italienischen
Kunstgeschmack erst kürzlich fertiggestellte Wohnzimmer seiner Gemahlin, bei
der er zu seinem Troste Pater Filiberto anwesend fand; denn obgleich dieser der
Kurfürstin selbst einflüsterte, was sie in bezug auf die Religion und die
Geistlichen ihrer Heimat verlangen solle, suchte er doch immer zu begütigen,
wenn der Kurfürst in seiner Gegenwart darüber verdrießlich wurde, im Vertrauen
darauf, daß der Streit sich hernach weiterspänne und zu dem erforderten Zwecke
führe. Henriette Adelaide nahm die Botschaft ihres Mannes, die er unter
mancherlei Scherzen vorbrachte, unwillig entgegen und sagte: »Das kann ich am
wenigsten leiden, daß du deine eigene Einsicht geringer anschlägst als die des
Pater Gumppenberg, des ungeschlachten Dickschädels. Glichen alle Menschen
dir, so würde die Stadt München in Ewigkeit nichts anderes werden als ein
Häuflein bäurischer Hütten um die barbarische Ausgeburt der Frauenkirche
herum. Soll etwa jeder Christ zwischen Spanien und Rußland zu jenem Benno beten, dessen Knochen man in nordischen Urwäldern zwischen den Knochen
von Bären und Auerochsen zusammengelesen haben wird?«
»Er hat doch«, sagte Ferdinand Maria, »vor deinem Cajetan das voraus, daß er
ein regelrechter Heiliger ist, während jener, wie ich höre, nur der Seligsprechung
wert befunden wurde, ihm also doch wohl etliche schätzenswerte Qualitäten
abgehen müssen.«
»Das haben dir die Schelme weisgemacht!« rief Henriette Adelaide heftig. »Die
Heiligsprechung wird seinerzeit schon erfolgen, und wenn Cajetan nur eine gute
Tat getan hätte, die beglaubigt ist, so gälte das mehr als hundert Wundertaten
eines Benno, die niemand mit angesehen hat, und von dem niemand beweisen
kann, ob er überhaupt gelebt habe.«
Hier legte sich Filiberto ins Mittel, indem er mit liebenswürdigem Lächeln
einschaltete, daß daran wohl kein Zweifel obwalten dürfe, da Papst Hadrian im
Jahre 1523 den würdigen Bischof und Heidenbekehrer unter die Heiligen gestellt
habe; indessen müsse er auch bestätigen, was die Kurfürstin mit ihrem hohen
Geiste bereits festgestellt habe, daß die Heiligsprechung des Cajetan der
Seligsprechung sicher nachfolgen werde, so daß man sie schon für geschehen
annehmen könne. Er für seine Person müsse jedoch sagen, wenn ihm eine
Meinung gestattet sei, daß der Kurfürst tiefdurchdachte Regierungsweisheit an
den Tag lege, wenn er es vermeiden wolle, durch stürmisches Vorgehen Ärgernis
in seinem treuen Volke zu erregen; die Kraft, die dem heiligen Cajetan
innewohne, sei so groß, daß sie sich selbst durchwirken und ihn bei jedermann
beliebt machen würde.
Es werde nie zu befürchten sein, sagte Henriette Adelaide, indem sie den stolzen
Mund ein wenig spöttisch verzog, daß ihr Gemahl stürmisch vorgehen werde.
Sie würde also darauf verzichten, die vandalische Halle der Frauenkirche durch
ein geläutertes Kunstwerk verschönt zu sehen. Ihr könne es im Grunde gleich
sein, da sie diese Kirche, deren grobe nordische Bauart ihr nun einmal zuwider
sei, sowieso nicht besuche, und für die Theatiner und den heiligen Cajetan könne
anderweitig gesorgt werden, indem man ihnen eine besondere Kirche baue, was
denn besser und gründlicher sei als ein bloßer, unwillig im fremden Raume
geduldeter Altar. Sie warf diesen überraschenden Plan nicht ohne Schelmerei
hin, ließ aber nur ein wenig davon aus den beredten Augen und von dem ernsten
Munde lächeln und trat voll Unbefangenheit an das Fenster, indem sie sagte: »Es
ist hier gegenüber Platz genug, um einen großen Entwurf ins Werk zu richten.
Eine weite Kuppel und ein paar schmuckreiche Türme nach römischer Art wären mehr geeignet, unser Auge zu erfreuen, als die Wüstenei, aus der wie die Buckel
erschöpfter Kamele hie und da ein paar steile Dächer steigen.« Ferdinand Maria
blickte zunächst nicht aus dem Fenster, sondern auf die aufrechte Gestalt seiner
Frau und sagte zwischen Erstaunen und Bewunderung schwankend: »Meine
Teure, du bist eine neue Semiramis, und ich fürchte nur, daß mein armes
München und vielleicht auch dein armer Gatte dir zu klein seien. Wie soll ich
eine Kirche ausrichten, da ich schon mit dem Altar angestoßen habe?«
»Für den, der will,« entgegnete sie, »gibt es keine Hindernisse; aber nicht ein
jeder kann wollen.«
Der Beichtvater, dem es an der Zeit schien, die Gatten sich selbst zu überlassen,
pries sowohl die fürstliche Gesinnung seiner Herrin wie die landesväterliche
Bedächtigkeit des Kurfürsten, worauf er um die Erlaubnis bat, sich zurückziehen
zu dürfen.
»Möchtest du nicht auch lieber Beherrscher einer prächtigen Stadt als eines
veralteten Dorfes sein?« fragte Henriette Adelaide ihren Gatten, als sie allein
waren. »Wir genießen des Friedens, wir können das Geld nach unserem Herzen
ausgeben. Richten wir uns denn eine schöne Wohnstätte her, wie sie uns behagt,
nicht jenen Mönchen, die keine Nasenlänge über ihren Rosenkranz
hinausblicken können.«
»Ach,« sagte der Kurfürst, indem er einen komischen Seufzer ausstieß, »wenn
ich bedenke, wie kurze Zeit wir in dieser Wohnstätte bleiben werden, so scheint
es mir, daß wir ein wenig zu viel Lärm darüber vollführen, ob sie so oder so
gestaltet ist.«
Die Kurfürstin maß sein feines junges Gesicht mit dem äußersten Erstaunen und
erst nach einer Minute mit aufgehendem Verständnis seiner Rede. »Wenn du so
willst,« sagte sie, »sollte man freilich in Blockhäusern leben und nichts als
Pyramiden zu dauerhafter Versorgung seiner Leiche bauen.« Sie setzte sich bei
diesen Worten neben ihn auf die steife Lehne eines Damastsessels und küßte ihn
mit zärtlicher Behutsamkeit auf die wohlgebildeten roten Lippen. »Du hast eine
seltsame Art, das Leben anzusehen,« sagte sie, »mit welcher man nicht viel
ausrichten kann. Wer möchte denn Kinder erzeugen, wenn man beständig vor
Augen hätte, daß er sie vielleicht morgen verlassen muß?«
Aus seinen dunklen Augen fiel ein warmer Strahl auf ihr lachend ihm
zugeneigtes, schönes Antlitz, und er sagte: »Du hast recht, weil du stark und
gesund bist und Gott und dir vertraust. Darum mag ich auch entschuldigt sein, wenn ich dir schon mehr nachgegeben habe, als deinem Fürsten und Eheherrn
geziemt.« Unter mancherlei Neckereien und Scherzen zog sie ihn an das Fenster,
um ihm die dürftige Umgebung zu weisen und den Einfall, den der Augenblick
ihr gebracht hatte, zu einem verlockenden Plane auszumalen. Obwohl das Herz
des Kurfürsten gestimmt war, sich durch die Unternehmungslust seiner
Gemahlin hinreißen zu lassen, so hielt er doch mit der endgültigen Zustimmung
vorsichtig zurück. Bei sich bedachte er, daß sie beide vor seinem Volke anders
dastehen würden, wenn er ihm erst einmal einen Erben vorzustellen hätte, sprach
dies aber nicht aus, da er wohl wußte, wie übel sie es aufnahm, wenn man sie
daran wie an eine versäumte Schuldigkeit mahnte. Auch ging es ihm zuweilen
durch den Sinn, daß er vielleicht von Gott nicht bestimmt sei, sich
fortzupflanzen; denn er hatte sich von jeher im Vergleich mit seinem
bewunderten Vater als einen schwachen, unwerten Sproß gefühlt; oder er dachte,
daß es der Kurfürstin an der rechten Liebe zu ihm fehle, und daß diese
Ungeneigtheit der Seele auch ihren Leib gegen ihn verschließe, so daß sie kein
Kind von ihm empfangen könne. Diese traurige Einbildung hatte er einmal, einer
wehmütigen Stimmung nachgebend, ihr gegenüber laut werden lassen, da sie ihn
aber ausgelacht und ihn einen Phantasten genannt hatte, kam er nie wieder
darauf zurück; im stillen hatte er gehofft, sie werde ihm eine liebevollere
Antwort daraus geben.
Die Zurückhaltung ihres Gemahls veranlaßte Henriette Adelaide nicht, auf ihren
Einfall zu verzichten; vielmehr schrieb sie ihrer Mutter, der Herzogin von
Savoyen, sie möge ihr ohne Säumen einen erfahrenen Baumeister schicken, der
die jüngsten Meisterwerke der Kirchenbaukunst namentlich in Rom durch und
durch studiert habe und willens und fähig sei, seinen Geist auf eine
außerordentliche Erfindung dieser Art zu richten. Kaum war derselbe
eingetroffen, so mußte er den Platz, den sie ausgewählt hatte, besichtigen und die
Zeichnungen und Risse vorlegen, mit deren Besichtigung sie manche Stunde in
ihren Gemächern verbrachte, was alles den Personen, die einige Wachsamkeit
auf das öffentliche Leben richteten, nicht verborgen blieb. Es währte nicht lange,
so stellte sich Pater Gumppenberg von neuem ein mit kummervoller Anfrage, ob
es denn an dem sei, daß dem seligen Cajetan nunmehr nicht nur ein Altar,
sondern ein ganzer Kirchenbau errichtet werden solle, und zwar dem Schlosse
preislich gegenüber, gerade als ob ein sonderbares Einvernehmen zwischen dem
Kurfürsten und dem landsfremden Neuling bestehe? Was für Ursache denn der
Kurfürst habe, mit den bewährten Schutzheiligen des Bayerlandes, die bisher
alles so wohl geführt hätten, unzufrieden zu sein oder ihnen einen hohlen Namen
von jenseits der Berge vorzuziehen?
In dem Bestreben, die Verlegenheit, die ihn überkam, nicht merken zu lassen,
winkte Ferdinand Maria beruhigend mit der Hand und sagte mit nachdrücklicher
Unbefangenheit, da sei kein Anlaß zu Mißtrauen und Empfindlichkeit! Die
Sache sei so: Er habe dem heiligen Cajetan gelobt, wenn ihm durch seine
Fürbitte ein Erbe geschenkt werde, so wolle er ihm unweit seiner Residenz eine
Kirche aufrichten, so schön er irgend vermöge, und damit er, wenn es so weit
sei, sein Wort lösen könne, habe er einstweilen die Örtlichkeit besichtigen und
einen Voranschlag machen lassen, so daß der Bau ohne Zeitverlust könne in
Angriff genommen werden, wenn der Erbe da sei.
Bei sich selbst lachte der Kurfürst über die stattliche Antwort, die ihm in der Not
eingefallen war, und die den strengen Pater augenscheinlich verblüffte und
verstummen machte; allein er erholte sich geschwind und ließ nun eine
verdoppelte Mißbilligung und strafenden Eifer ohne Hehl merken. Es habe zwar,
sagte er, gewiß dem Kurfürsten Gott eingegeben, daß er durch ein frommes,
christkatholisches Gelübde sich den Segen der Nachkommenschaft erflehen
wolle; wie er es aber verantworten wolle, von den Übungen seiner löblichen
Vorfahren eigenmütig abzuweichen? Auch seine hochselige Mutter, die
gottergebene Kurfürstin Maria Anna, habe bei dem ehrwürdigen Alter ihres
Gemahls um die Fruchtbarkeit ihrer Ehe besorgt sein müssen; sie habe aber ihre
Zuflucht nicht zu ausländischen Meerwundern genommen, sondern sei in Demut
und Sitte nach Alt-Ötting gepilgert und habe der hölzernen Maria in der alten
Kapelle viele auserlesene Kostbarkeiten gestiftet, worauf sie denn zum Troste
des ganzen Bayerlandes schwanger geworden sei und ihn selbst, Ferdinand
Maria, geboren habe. Wenn seine Gemahlin dem Beispiel seiner erlauchten
Mutter folgen wollte, so würden die erprobten Heiligen und Fürbitter an ihr
gewiß kein geringeres Wunder als an jener vollziehen, und die bekümmerten
Untertanen würden, der Sorge entledigt, wieder ruhig in ihren Betten schlafen
können. Wenn dann die erwartete Gnade nicht einträfe, möchte die Kurfürstin es
immerhin mit ihren einheimischen Patronen versuchen, er würde der erste sein,
seine Gebete zum Gedeihen des Werkes mit denen der geliebten Herrschaft zu
vereinigen.
Das Heranziehen seiner in Gott ruhenden Eltern bewegte das Gemüt des
Kurfürsten so sehr, daß er für den Vorschlag des Pater Gumppenberg völlig
gewonnen wurde und erst, als dieser fortgegangen war, mit leisem Bangen den
Widerstand seiner Frau in Betracht zog. Freilich zog sie die feinen schwarzen
Brauen ärgerlich zusammen, aber mehr deswegen, weil das Unternehmen nicht
von ihr oder ihrem Beichtvater ausgegangen war, als weil sie ihre Pflicht verkannt hätte, dem Lande einen Kurprinzen zu geben und alles Erdenkliche zu
tun, um das hohe Ziel zu erreichen. Auch hätte ihr eine schöne Wallfahrt, etwa
nach Loreto, als das rechte Mittel voll eingeleuchtet; aber daß ein armseliger
bäurischer Ort wie Alt-Ötting für eine Person ihrer Art das Angemessene sei,
hielt sie nicht für wahrscheinlich und lehnte dies mit Entschiedenheit ab, ohne
jedoch die Sache selbst von der Hand zu weisen. Schließlich erklärte sie sich
bereit, nach Andechs zu pilgern, welches zwar bei weitem wilder und wüster
gelegen war als Alt-Ötting, für sie aber den Vorzug hatte, daß es ihr nicht von
den Kapuzinern aufgedrängt, sondern aus freien Stücken von ihr erwählt war.
Ebenso widersetzte sie sich allen anderen Anordnungen, die Pater Gumppenberg
zu vorschriftsmäßiger Veranstaltung der Reise für nötig hielt. Er sagte nämlich,
den letzten, beschwerlichen Aufstieg zum heiligen Berg, welcher etwa eine
Stunde dauerte, müsse die Beterin allein, ohne ihr Frauenzimmer oder sonstige
Begleiter ausführen, damit aber keine Besorgnis über ihr Wohlergehen in dieser
Wildnis aufkommen könne, wolle er ihr als Wegweiser und Beschützer einen
Bruder seines Ordens mitgeben; denn einen geistlichen Gesellschafter bei sich
zu haben, sei ihr nicht nur nicht verboten, sondern empfohlen.
Entrüstet sagte Henriette Maria, das Umherfahren in dem öden Gebirgslande
verspreche ohnehin keine Kurzweil, durch einen Begleiter aus dem Orden, der
ihr nun einmal widerwärtig sei, werde es ihr vollends unerträglich gemacht, sie
wolle ihren Beichtvater, Pater Filiberto, mitnehmen, an den sie gewöhnt sei, und
zu dem sie Vertrauen habe. Gegen diesen wendete der Kurfürst ein, daß er Land
und Leute nicht kenne und nicht einmal der deutschen Sprache mächtig sei; sie
solle sich doch den Bruder, den Pater Gumppenberg für sie ausgelesen habe,
wenigstens einmal ansehen, es werde gewiß ein bescheidener, verständiger
Mann sein, der ihr nicht lästig fallen werde.
Die Kurfürstin erstaunte nicht wenig, als sich ihr bald darauf ein schöner
Jüngling vorstellte mit einem Kranz bläulich-schwarzer Haare um die breite,
kindliche Stirn, mit Augen, deren dunkelbraune Farbe eine starke Flamme zu
verhüllen schien, mit gerader Nase und schönem, großem Munde, der selten
lächelte, dann aber unversehens eine volle Perlenreihe gelblich-weißer Zähne
sehen ließ. Auf ihre Fragen teilte er mit, daß er aus dem südlichen Tirol stamme
und der jüngste Sohn adeliger Eltern sei, die ihn für das Klosterleben bestimmt
hätten. Sein Benehmen war, wenn auch nicht höfisch, so doch voll sicherer
Würde, die auf gutem Blute und unantastbarer Unschuld zu beruhen schien. Er
war in Blicken und Worten bei aller Ehrerbietung so zurückhaltend, daß
Henriette Adelaide kaum wußte, wie sie ihn ermuntern sollte; denn sie fühlte, daß sein kindlich strenger Sinn weder ihrem weiblichen Reiz noch ihrer
fürstlichen Hoheit zugänglich war, und fürchtete ebensosehr seine Reinheit zu
verwirren, wie sie wünschte, in seiner Seele irgendeinen Widerhall zu erregen.
Ihrem Gemahl sagte sie in guter Laune, daß sie nicht geglaubt hätte, in einer
Kapuzinerkutte könne sich ein so hübscher, wohlerzogener Jüngling verstecken;
sie habe nichts an ihm auszusetzen, als daß er allzu schweigsam sei, vielleicht
indessen sei das Fräulein La Perouse, ihr erstes Kammerfräulein, das sie nebst
mehreren anderen mitzunehmen beabsichtige, fromm genug, um von ihm eines
Gespräches wert gehalten zu werden. Der Kurfürst war hocherfreut, daß sich das
Unternehmen so friedlich und aussichtsvoll ordnete; doch ließ er die
Gesellschaft nicht abreisen, ohne ihr einen Teil seiner Leibgarde zum Schutze
beigeordnet zu haben unter der Führung ihres Kapitäns, des Chevaliers La
Perouse, der der genannten Hofdame Bruder war.
Das Geschwisterpaar entstammte einer uralten, französischen, in Savoyen
ansässigen Familie, beide waren um mehrere Jahre älter als Henriette Maria und
seit sie denken konnten am Turiner Hofe beschäftigt und beliebt. Beide waren in
großer Frömmigkeit erzogen, was bei dem Fräulein so gewirkt hatte, daß sie
trotz angeborener Lebhaftigkeit sich jede Lustbarkeit versagte und auch die
schuldloseste Ausgelassenheit, zu der Jugend und Gelegenheit sie einmal
fortrissen, durch anhaltende Bußübungen wieder einzubringen suchte, bis sie
zuletzt ein gedrücktes, leicht geängstetes Wesen erhielt, aus dem die Wärme
ihrer Natur zuweilen rührend hervorbrach. Ihr Bruder hatte im militärischen
Dienst und bei den Gepflogenheiten des männlichen Lebens die klösterliche
Strenge aus dem Kinderdasein beiseitegesetzt und vergessen, nur daß er die
erlernten Formen getreulich beobachtete und das ganze Glaubenswesen bei den
Frauen seiner Familie und denen des achtbaren Umgangs überhaupt als
vornehmstes Erfordernis voraussetzte. Die Kurfürstin war nach seinem Gefühl
unter allen Frauen die in jedem Betracht vollendetste, und seine Verehrung für
sie war so unbedingt, daß selbst der Kurfürst vor seinem rächenden Schwert
nicht sicher gewesen wäre, wenn er sie durch ihn verletzt gewußt hätte.
Der Weisung gemäß, die er vom Kurfürsten empfangen hatte, hielt sich der
Chevalier mit seinen Leuten immer ein Stück von dem Wagen entfernt, der seine
Herrin einschloß, doch so, daß er das umfangreiche Gefährt nie ganz aus den
Augen verlor. Zuweilen sah er, wie der Sommerwind, der über die Hochebene
spielte, einen lichten, aus dem Wagenfenster hängenden Schleier hob und gegen
den braunen Umhang des Kapuziners trieb, der zu Pferde neben der Kutsche
einherritt, oder ein helles Lachen der Fürstin überzeugte ihn, daß sie einstweilen mit dem Verlauf ihrer Wallfahrt nicht unzufrieden war. In Herrsching, wo im
größten Bauernhofe übernachtet wurde, lud Henriette sowohl den Chevalier wie
den Mönch ein, die Abendmahlzeit in ihrer und ihrer Fräulein Gesellschaft
einzunehmen; es wurde dazu eine Tafel vor dem Hause gedeckt, von wo man das
allgemach untertauchende Sonnenfeuer rötliche Farben über den dämmernden
See ergießen und das Leuchten der fernen Alpen langsam in den Abend
versinken sah. Der ländliche Tisch war mit dem in einem Wagen mitgeführten
fürstlichen Silbergeschirr und Leckereien beladen, feingebackenem Brot, Obst,
Wein und Süßigkeiten; einzig die gebackenen Fische, den edeln Amaul, den
Kilch und die geschätzte Bodenrenke, lieferte der Wirt als Erzeugnisse seines
Landes. Das appetitliche Essen würzte die Kurfürstin durch die fröhliche Laune,
mit der sie ihrem alten Freund und Diener La Perouse wiedererzählte, was der
Mönch ihr unterwegs von den Wundern des Heiligen Berges erzählt hatte: wie,
während zwischen den Andechsern und den Wittelsbachern eine Fehde wütete,
die Mönche alle Reliquien so gut und tief verscharrten, daß sie in der Folge nicht
wiedergefunden werden konnten, bis nach vielen Jahren, als gerade ein
Franziskaner die Messe feierte, eine Maus über den Altar sprang, zwischen den
Zähnen einen Pergamentstreifen tragend, auf welchem nicht nur sämtliche
Reliquien, die diesen Wallfahrtsort einst berühmt gemacht hatten, sondern auch
der Ort ihres Verstecks verzeichnet waren.
Jetzt erst bemerkte der Chevalier, was für ein schöner Jüngling der Mönch war,
den er bisher nur flüchtig in Augenschein genommen hatte, und auch mit wieviel
zarter und bescheidener Fürsorge die Kurfürstin ihn behandelte. Dies war nun
freilich nicht merkwürdig, insofern der junge Mann eine geistliche Person war,
allein bei seiner Schönheit fiel es schwer, sich dessen bewußt zu bleiben, und der
Chevalier ertappte sich immer wieder darauf, daß er sich hinter dem
unbekannten und unberühmten Jüngling zurückgesetzt fühlte. An ihm war
indessen kein Fehler irgendwelcher Art zu entdecken: er aß mäßig, trank nichts
als Wasser und blickte mit unbefangenem Ernst auf seinen Teller, wenn er nicht
der Kurfürstin auf eine Anrede Auskunft zu geben hatte.
Den letzten Teil des Weges, der sich zwischen Tannen an einem
wildabrauschenden Bache steil hinaufwand, wollte die Kurfürstin mit ihrem
geistlichen Begleiter zu Fuß zurücklegen; da jedoch die Frauenzimmer dringend
baten, den Heiligen Berg gleichfalls besteigen zu dürfen, und der Chevalier sich
in ritterlicher Ehrerbietung weigerte, die ihm Anvertraute ganz ohne Schutz der
Waffen zu lassen, gab sie allen die Erlaubnis, ihr in einiger Entfernung
nachzugehen, und schritt tapfer voraus, ohne sich um ihr Gefolge zu bekümmern. Der Chevalier bekam sie erst am späten Nachmittage wieder zu
Gesicht, als sie alle die vorgeschriebenen Gebete und die Verehrung der
berühmtesten Reliquien vollendet hatte und sich zum Abstieg anschickte. Sie
war von der herben Luft und der Anstrengung des Steigens gerötet, und es
schien ihm, als blicke sie zerstreut an ihm vorüber, wie es sonst nicht ihre Art
war. Obwohl an dem Kapuziner im Gegensatz zu ihr keine Spur von Erregung
wahrzunehmen, die bräunlichblasse Farbe seines edlen Gesichtes unverändert,
seine Miene ebenso kindlich strenge wie zuvor war, so konnte der Chevalier
doch eines feindseligen Verdachtes nicht Herr werden, als habe er ihren Stolz
und ihre Überlegenheit durch irgendeine unerlaubte Einwirkung ins Wanken
gebracht. Während des Abendessens, das im selben Bauernhofe von Herrsching
verzehrt wurde, neckte die Fürstin ihn mehrmals, er habe solchen Ernst auf die
Wallfahrt gestellt, daß ihm das Lachen abhanden gekommen sei und er künftig
nur noch zu einem Führer auf Pilgerfahrten taugen werde, und wenn er auch die
Scherze sich höflich und untertänig gefallen ließ, schnellte er doch unversehens
einen scharfen, zürnenden Blick auf sie, der sie befremdete und leise in sich
erschauern machte. Sie erhob sich zeitiger als am vergangenen Tage von der
Tafel, indem sie sagte, in dieser unwirtlichen Gegend sei der Abend feucht und
frostig, sie wolle mit ihren Frauen das Lager aufsuchen, die Männer möchten es
halten, wie sie wollten.
So kam es, daß der Chevalier mit dem Kapuziner alleinblieb, der sein Brevier
aus einer Tasche seiner Kutte zog und, die langbewimperten Lider über die
umflorte Flamme seiner Augen senkend, still für sich zu lesen anhub. Bei diesem
Anblick schwoll der schlecht bemeisterte Unwille des La Perouse so an, als
sollte er ihm die Brust zersprengen; wider sein Gewissen, das ihn zurückhalten
wollte, machte er seine Stimme stark und sagte unvermittelt zu dem Lesenden:
»Ihr habt da einen kurzweiligen Auftrag von Euerem Kloster empfangen! Es
muß eine Wonne für einen jungen Mann sein, mit einer schönen Dame wie die
Kurfürstin durch die Wildnis zu lustwandeln.« Der Angeredete hob seine Augen
ruhig von dem Brevier auf und sagte: »Die Kurfürstin würde schöner sein, wenn
sie glücklicher, und glücklicher, wenn sie gehorsamer wäre.«
Die unerwartete Antwort versetzte den Chevalier in ein so großes Erstaunen, daß
er eine Weile still und steif auf seinem Sitze blieb und erst, als der Kapuziner
sich schon wieder zum Lesen anschickte, gedämpfter als zuvor fragte, wie diese
Worte zu verstehen seien: Was einer so hochgestellten Dame zum Glück fehle,
und wer von ihr Gehorsam verlangen könne?
Der junge Mönch richtete die Augen seinerseits verwundert auf den Kapitän und sagte: »Wäre sie glücklich, hätte sie die Wallfahrt nicht zu machen brauchen,
und wenn sie Gott widerstrebt, dem auch die Kaiser und Könige unterworfen
sind, wird ihr auch dieser Bittgang nicht anschlagen; denn Gott vollbringt zwar
Wunder, aber nicht wider die Natur, und wird sie kein Kind gebären lassen, ohne
daß sie es zuvor empfangen habe. Wenn nun Gottes Ratschluß nicht ihren
Gemahl, sondern einen anderen dazu auserwählt hat, so sollte sie nach dem
Vorbild der allerseligsten Jungfrau Maria sich dem Herrn unterwerfen,
wohingegen sie sich störrisch erweist und durch keinen als den Kurfürsten
Mutter werden will.« Dunkelrot vor Zorn sprang der Chevalier auf und rief
drohend: »Ihr hingegen würdet gehorsam sein und Euch nicht weigern, wenn
Gott Euch zu diesem Werk auserwählt haben sollte?«
Jetzt errötete auch das Marmorgesicht des Jünglings ein wenig, und er sagte mit
stolzer Gebärde abweisend: »Mich, einen Gottgelobten, kann Gott dazu nicht
befehlen. Ich habe der Fürstin die Meinung der Kirche erklärt; eine andere
Pflicht hat die Welt nicht von mir zu fordern. Diene ich auch, soweit ich frei bin,
Reichen und Armen mit meinem Leben, so seid ihr alle doch, soweit ich Gottes
bin, meiner nicht mächtig.«
Dem Kapitän war so zumute, als wenn die Ordnung der Dinge, so wie sie bis
jetzt in seinem Kopfe gewesen war, sich durcheinanderzudrehen begänne. Er
hätte glauben mögen, daß der Kapuziner ein Einfältiger sei, aber wenn auch aus
seinem schönen Gesichte nicht gerade überflüssiger Verstand sprach, so glänzte
doch in diesem Augenblick eine edle Entrüstung darauf, der gegenüber er sich
seines unsittlichen Argwohns schämte. »Verzeiht mir,« sagte er, ihm gutmütig
die Hand reichend; »Ihr habt mit unserem Treiben nichts zu schaffen und seid
wohl deshalb um so glücklicher. Erlaubt mir aber, daß ich Euch um eine
Erklärung bitte: Wenn die Ehe ein Sakrament ist, wie kann die Kirche den
Ehebruch anraten oder billigen? Wir sind Katholiken, nicht aber Ketzer oder
Heiden!«
Den inständigen Blick des Chevalier freimütig erwidernd, sagte der Bruder, hier
handle es sich eben um keinen Ehebruch, insofern als Gott, um dem
kurfürstlichen Hause Erben zu schenken, was sonst Sünde sei, in Recht
umwandle. Wie dies möglich sei, das sei für Menschen unfaßbar und könne auch
von der Kirche nur ausgelegt, nicht in seinem Wesen erklärt werden.
Woran man denn aber erkennen könne, fragte der Chevalier lebhaft, wer der
Gottgesandte sei? Könne sich nicht ein jeder für den Auserwählten halten und
der Kurfürstin mit strafbaren Gelüsten nachstellen? »Wo strafbares Gelüsten ist,« sagte der Mönch ernst, »da ist die Hand Gottes nicht. Wen der Geist treibt,
den verwirren keine Zweifel.« Nachdem er das gesagt hatte, beugte er sich mit
einer nachdrücklichen Wendung über sein Brevier, als wolle er zu verstehen
geben, daß er die Auseinandersetzung hiermit für beendet halte.
Die Nacht brachte der Chevalier ohne Schlaf zu und sah am folgenden Morgen
bleich und hohlwangig aus, was an dem blühenden Manne etwas so Auffälliges
war, daß die Kurfürstin wieder Gelegenheit nahm, ihn zu necken, während die
Frühsuppe eingenommen wurde. Wieder empfing sie neben der in angemessener
Untertänigkeit gegebenen Erwiderung den stolzen Blick, der sie seltsam
durchschauerte, obwohl sie sich anstellte, als habe sie ihn gar nicht aufgefangen.
Bei der Rückfahrt führte er seine Leibwache in einiger Entfernung der Kutsche
nach und sah den Kapuziner zu Pferde, wie er den Kopf in sein Brevier neigte
und ihn nur zuweilen wendete, um einer Anrede der Kurfürstin zu entsprechen;
ihr Lachen indessen hörte er nicht so hell und häufig wie auf dem Hinwege, was
der Ermüdung zuzuschreiben sein mochte.
Als man wieder in der Residenz angelangt war, wurde der Kapuziner von dem
kurfürstlichen Paare liebreich und ehrerbietig entlassen, war aber nicht zur
Annahme eines anderen Geschenkes zu bewegen als einer dem Kloster zu
überweisenden Stiftung, die den Armen zugutekommen sollte. Er sprach
zugleich mit seinem Dank den Wunsch aus, Gott möge die Wallfahrt der hohen
Frau an ihrem Leibe segnen, wobei sie ein wenig errötete, während der anmutige
Ernst seiner Miene sich nicht um einen Hauch veränderte.
Auch Pater Gumppenberg und Pater Wildgruber forschten vergeblich, während
sie den Bericht ihres jungen Abgesandten entgegennahmen, nach der Spur eines
Eindrucks, den die merkwürdige Reise ihm hinterlassen habe. »Ich fürchte, wir
haben kein Glück mit dem jesuitischen Systema,« sagte Pater Gumppenberg
nachdenklich: »ein biderbes, altdeutsches Gemüt tut nicht wohl, sich mit den
spanischen Kniffen abzugeben.«
»Eben darum«, sagte Pater Wildgruber, »hatten wir doch den Tiroler Buben
ausgelesen! Mit diesem muß es einen Haken haben, und wenn mich nicht alles
trügt, sitzt derselbe in seinem Verstande, sei es nun, daß er zu dumm oder nicht
dumm genug für eine so heikelige Konstellation ist.«
Während die Väter sorgenvoll den Erfolg der Wallfahrt erwarteten, hatte der
Chevalier La Perouse scharfe Schlachten in seiner Brust geschlagen; denn die
Leidenschaft für die Kurfürstin, die ihn ergriffen hatte, nahm täglich zu und war um so schwieriger zu bekämpfen, als sein Amt ihn in ihrer Nähe hielt. Es
entging ihm nicht, daß das Feuer, das in ihm wütete, auch sie erfaßte und ihre
Würde und ihren Hochmut schmolz, so daß sie auf Augenblicke wie erweichtes
Wachs erschien, das durch seine Hand geformt werden sollte. Freilich war sie
wiederum herb und launisch, wie sie es nie zuvor gegen ihn gewesen war, und
legte es darauf ab, ihn durch nichtachtende Behandlung zu reizen. Eines Abends,
als sie ihn, der bestellt war, eine Partie Tricktrack mit ihr zu spielen,
ungebührlich lange im Vorzimmer hatte warten lassen, weil sie mit ihrem
Musikmeister den Entwurf zu einer Oper durchgenommen habe, und er, ohnehin
von Leidenschaft erregt und glühend, sich über die Vernachlässigung beklagte,
sagte sie: »Bei der Arbeit vergaß ich, daß ich mit Euch spielen wollte,« und
betonte die Worte so, daß er den herabsetzenden Sinn wohl verstand, den sie
hineinlegen wollte. Seine Stirn färbte sich dunkelrot, und indem er rasch auf sie
zutrat, herrschte er sie drohend an: »Aber ich vergaß nicht, daß ich Euch
besiegen wollte!«, riß sie an sich und küßte sie so gewaltsam, als ob er sie
zermalmen wollte. Mit erlöschendem und todesseligem Herzen ertrug sie die
liebkosende Mißhandlung und war ihrer sich kaum noch bewußt geworden, als
er sie freigab, vor ihr niederkniete und sagte: »Nun lege ich mein Haupt vor Eure
Füße.« Die Brust noch ungestüm wogend, das Antlitz bleich, erschien er ihr
herrlicher als je zuvor; Tränen brachen aus ihren Augen, und mit bebender
Stimme sagte sie: »Ich bin die Schuldige!«, worauf sie schnellen Schrittes das
Zimmer verließ.
Unter bitteren Schmerzen erkämpfte Henriette Adelaide am nächsten Tage den
Entschluß, den unseligen Mann zu sich zu befehlen und ihn mit angemessenen
Worten in die Stellung zurückzuweisen, die ihrer und seiner Würde und Ehre
entsprächen; jedoch, sowie sie ihn eintreten sah, mit dem sieghaften Blick in den
großen Augen, mit den Händen, die, fein und gepflegt, sie doch grausam
angefaßt und ihr Schmerz zugefügt hatten, erlahmte ihre mühsam gesammelte
Kraft sogleich, und anstatt einer Herrin stand sie ihm, einer Sklavin nicht
ungleich, gegenüber. Ein solches Gefühl hatte sie noch niemals vorher
empfunden, und es war ein Rausch für sie, sich ihm hinzugeben, in welchem
Zustande es ihr erschien, als sei sie jetzt in den Mittelpunkt des Lebens gerissen
worden. War er nicht bei ihr, so fühlte sie sich zwar geängstigt und gequält;
allein sie brauchte sich nur die Empfindung zu vergegenwärtigen, mit der sie die
Wange an seine Schulter schmiegte, um über jeden Zwiespalt hoch
emporgehoben zu werden.
Voll Sorge und Schrecken bemerkte das Fräulein La Perouse, was vorging; ihr Bruder, an den sie sich mit flehenden und drohenden Vorstellungen wendete,
verwies ihr die Einmischung, und der Kurfürstin gegenüber wagte sie keine
Andeutung zu machen. Sie wußte in ihrer Not kein anderes Hilfsmittel, als in der
Kirche oder in ihrem Schlafgemach vor dem Betpult zu weinen und zu beten,
und durch ihre Anwesenheit, zu der ihr Amt als Kammerfräulein ihr Anlaß gab,
den beiden Frevlern das Alleinsein zu erschweren. Das verweinte Gesicht ihrer
Gesellschafterin trug dazu bei, die Kurfürstin trübe zu stimmen, wenn sie von
dem Gegenstand ihrer Leidenschaft entfernt war. Vor allem aber ergriff sie der
Anblick ihres Gemahls, so daß ihr zuweilen, wenn sie bei den Mahlzeiten ihm
gegenübersaß, Tränen in die Augen traten, ohne daß sie einen Grund dafür
angeben konnte. Eine solche Reizbarkeit war ihr früher nicht eigen gewesen, da
im Gegenteil der Strahlenglanz ihres Blickes noch selten durch Weinen
verwischt worden war, und der Kurfürst besorgte ernstlich, ihre Gesundheit
könne etwa bei der Wallfahrt Schaden gelitten haben. Überhaupt, dachte er, hätte
er sie nicht dazu veranlassen sollen, weil vielleicht der Gedanke für sie belastend
sei, daß sie ihn im Hinblick auf den mangelnden Erben enttäusche.
Eines Tages begab es sich, daß der Kurfürst, um seine Gemahlin zu zerstreuen,
sie einlud, ihn in den Grottenhof zu begleiten, wo die beschädigte Figur einer
Nymphe durch italienische Arbeiter wiederhergestellt wurde. Ein etwa
dreijähriges Kind, das zu diesen gehören mochte, spielte am Rande des Beckens,
aus dem die Schale mit der Statue des Perseus aufsteigt, und bückte sich eben
mit ganzem Leibe so tief über das Wasser, daß der Kurfürst, im Gefühl, es sei in
Gefahr hineinzufallen, es rasch ergriff und auf seinen Arm hob. Sogleich eilte
einer von den Arbeitern erschrocken hinzu, entschuldigte die Anwesenheit des
Kindes und wollte es dem Kurfürsten abnehmen; der jedoch machte eine
beschwichtigende Bewegung mit der Hand, als bedürfe es der Entschuldigung
nicht, und nickte dem Kinde zu, das über den plötzlichen Eingriff des fremden
Mannes zunächst ein wenig entrüstet zu sein schien. Seine Versuche, mit ihm zu
spielen, ließ es sich gefallen, ohne sie gerade zu billigen, und betrachtete ihn
trotzig und aufmerksam untersuchend, wobei es einen mit Rubinen und
Diamanten besetzten Knopf entdeckte, der nebst anderen ähnlichen sein Gewand
schmückte. Nachdem es ihn eine Weile mißfälligen Blickes angesehen hatte,
ergriff es ihn plötzlich mit einer seiner kleinen schmutzigen Hände und riß ihn,
sich kräftig gegen die Brust des Kurfürsten stemmend, mit entschlossenem Ruck
los. Der Kurfürst lachte, drückte einen Kuß auf den kleinen trotzigen Mund des
Kindes und sagte: »Behalte diesen, aber die anderen lasse mir!« worauf er es
niedersetzte und dem Vater empfahl, es besser zu beaufsichtigen, damit es nicht
in das Wasser falle.
Im Weitergehen schob Henriette Adelaide leise ihren Arm in den ihres Mannes,
und als sie im Münzhof angekommen waren, der kalt und stillag, ergriff sie seine
Hand, zog sie zärtlich und demütig an ihre Lippen und sagte: »Nur dich habe ich
lieb! nur dich, nur dich!« mit anschmiegender Stimme. Nach einem Augenblick
der Überraschung zog er sie rasch an sich, küßte sie und sah ihr ins Gesicht,
wobei er wahrnahm, daß ihre Augen feucht waren, und fühlte, daß ihr Herz
unruhig klopfte. Wie sie so standen, kam ihr der Gedanke, daß sie dem
schmählichen Zustande, in dem sie lebte, jetzt ein Ende machen müsse, bevor ihr
die Kraft dazu wieder entfiele, und sie sagte, den Arm ihres Mannes fest
umfassend: »Ich möchte dir, lieber Freund, den Vorschlag zu einer Veränderung
in meinem Hofstaate machen. Du weißt, daß mein Vater mir den Chevalier La
Perouse als Oberhofmeister mitgab, da ich ihn seit meinen Kinderjahren kenne
und an seinen Umgang gewöhnt bin. Nun scheint es mir aber, daß für einen
Mann seiner Art dies Amt zu höfisch und weichlich ist, und daß er sich nach der
rühmlicheren Laufbahn des Soldaten sehnt, und ich möchte ihn in so
berechtigten Wünschen nicht hindern, vielmehr fördern.«
Der Kurfürst sah sie groß an und sagte mit fester Stimme: »Es ist mir vor einiger
Zeit einmal aufgefallen, daß La Perouse einen Blick auf dich warf, der einem
Funken glich. Hängt dein Gesuch mit der Gefahr zusammen, die das
Umherfliegen zündenden Stoffes mit sich bringt?«
Sie erwiderte tapfer, indem sie sich ein wenig aufrichtete und den Kopf hob: »Ja,
so ist es,« und wollte die Bitte hinzufügen, er möge den Chevalier nicht ein
Gefühl entgelten lassen, das sie sich anklagen müsse, nicht im Keim unterdrückt
zu haben. Er jedoch unterbrach sie, indem er sagte: »Was ich nicht gesehen habe,
ist nicht. Der Chevalier hat keine andere Schuld als jenen Blick, den ich zufällig
aufgefangen habe, und diese vergebe ich ihm.« In seinem Wesen und seiner
Haltung lag, wie er das sagte, etwas Königliches, das Henriette Adelaide
schweigen machte; sie lehnte sich still an ihn, worauf er mit herzlicher
Sicherheit einen Kuß auf ihre Stirn drückte und ihr, durch das Antiquarium
schreitend, die Herkunft und den Wert verschiedener Kunstmerkwürdigkeiten
erklärte, die dort aufgestellt waren, ohne daß eines von ihnen die schaurige Kälte
empfunden hätte, die bei der herbstlichen Jahreszeit in dem breiten Gewölbe
herrschte.
Seit diesem Tage war der Kurfürst von zuversichtlichem Frohsinn beseelt, und
wenn er ohnehin stets bedacht war, seine Gemahlin zu erfreuen, so legte er es
jetzt vollends darauf ab, den leichten Schleier von Niedergeschlagenheit von ihr
abzulösen, der die stolze Heiterkeit ihres Wesens seit einiger Zeit verhüllte. Zu dem Zweck ermunterte er ihre frühere Baulust und begann von der Kirche des
heiligen Cajetan zu sprechen, die sie hatte begründen wollen, was denn auch
nicht verfehlte, ihre Teilnahme zu erregen und ihre Unternehmungslust
anzuschwellen. Bald lag ihr künstlich eingelegter Tisch aus Lapislazuli und
Korallen, dessen Fläche ein dunkelblaues, von scharlachroten Segeln
durchflammtes Meer darstellte, voll von den Plänen römischer Kirchen und den
neuen Entwürfen des italienischen Baumeisters, die den Sommer über in
Vergessenheit geraten waren, und es wurde beschlossen, sowie die günstige
Frühlingszeit einträte, mit der Arbeit zu beginnen.
Als im Scheine der kräftigen Maisonne auf dem der Residenz
gegenüberliegenden freien Platze ein frohgemächliches Hantieren von Arbeitern
sich zu entfalten begann und das Volk von der jesuitischen Kirche munkelte, die
dort errichtet werden sollte, schürzte sich Pater Gumppenberg noch einmal und
erschien mit ernstem Vorwurf vor dem Kurfürsten. Dieser hörte die Klage ohne
Verlegenheit, vielmehr fragte er erstaunt, ob der ehrwürdige Vater sich nicht
erinnere, daß er selbst ihm, dem Kurfürsten, geraten habe, es mit dem heiligen
Cajetan zu versuchen, wenn die Wallfahrt nicht fruchten werde? Er habe den
ganzen Sommer und Winter hindurch gehofft und geharrt, nun habe er betrübt
auf den erflehten Segen verzichtet und beschlossen, das Anliegen seines Hauses
dem heiligen Cajetan anheimzustellen, obwohl derselbe dem Bayerlande fremd
und in keiner Weise verbunden sei. In der Hoffnung, daß er sich wundertätig
erweise, errichte er ihm einen würdigen Altar, damit er und seine Untertanen ihm
Dank und Preis darbringen könnten für die Hilfe, die er ihnen in der Bedrängnis
erwiesen.
Diese Erklärung schlug zwar den Kampfesmut des Pater Gumppenberg
beträchtlich nieder, doch gab er seine Sache noch nicht völlig auf, sondern rückte
dem Kurfürsten einige Gegengründe vor: Ob man denn in Bayern schon so rat-
und mittellos sei, daß man gleich zum Entlegensten greifen müßte? Wenn die
Frau Kurfürstin, wie er empfohlen hätte, nach dem Herkommen zu der hölzernen
Maria in Alt-Ötting gepilgert wäre, möchte alles andere gekommen sein. Ob da
nicht der heilige Franz Xaver, der heilige Michael und vor allen Dingen der
schon vielerwähnte heilige Benno wären? Hätte nicht der heilige Benno sogar
den blutdürstigen Schwedenkönig im Zaune gehalten, daß er, ohne der Kirche
und der Stadt einigen Schaden zu tun, vorübergezogen wäre? Hätte nicht die
heilige Mutter Gottes mancher Pest Einhalt geboten, die sonst Land und Leute
verzehrt haben würde? Was aber würde in dieser Art von dem sogenannten
heiligen Cajetan berichtet? Und wenn er auch einmal ein Wunder täte, so müßte man noch zweifeln, ob es zum Guten ausschlüge.
So weit wolle er sich nicht einlassen, entgegnete der Kurfürst, wisse auch nicht,
wie es zu verstehen sei, daß seine Nachkommenschaft, die Enkel so
hochberühmter Ahnen, übel ausschlagen sollten.
Pater Gumppenberg entschuldigte sich, daß er so etwas, als des kurfürstlichen
Hauses treuester Knecht und Berater, niemals habe andeuten wollen. Auch
würde er der erste sein, dem heiligen Cajetan zu danken, wenn durch seine
Fürbitte die Kurfürstin gesegnet werden sollte; nur gebe er zu bedenken, ob der
Kurfürst nicht erst die Gnade erwarten wolle, bevor er den Dank darbringe, wie
das jederzeit mit einem Gelübde gehalten worden sei. Nein, erwiderte der
Kurfürst freundlich, er gedenke nun einmal, den Heiligen durch sein Vertrauen
und seine Dienstwilligkeit zuvor zu ermuntern. Suche doch ein Volk die Huld
eines fremden Monarchen durch Geschenke sich zu verdienen, anstatt daß es die
empfangene belohne; und nicht weniger ehrerbietig wolle er sich Gott und
seinen Heiligen gegenüber verhalten.
Es war erst ein kleines Kränzlein von Steinen an dem neuen Bau ablegt worden,
als die glorreiche Kunde sich verbreitete, die Kurfürstin sei guter Hoffnung, und
wenn Gott sich ferner gnädig erweise, werde die Not des Landes binnen
Jahresfrist ein Ende nehmen. Nun wurde lustig gebaut, und als zu rechter Zeit
ein fürstlicher Knabe das heitere Licht der Stadt München erblickte, stiegen die
Mauern vollends hurtig empor, ohne daß fernerhin jemand ein Mißfallen daran
laut werden zu lassen hätte wagen dürfen. Freilich erst wenige Jahre vor ihrem
Tode konnte Henriette Adelaide die im fröhlichen Triumphe thronende Kuppel
vollendet sehen, von der unermeßlich schwebenden Himmelsrotunde lächelnd
umwölbt.
Nach der Geburt des Kronprinzen blieb die Gesundheit der Fürstin gebrechlich,
wiewohl sie in ungetrübtem Eheglück bis an ihr Ende lebte und noch manches
herrliche Lustgebäude errichtete und auszierte. Indes sie glanzvolle Feste voll
Musik und schöner Symbole anordnete und in bedeutungsvollen Tänzen selbst
ausführte, übte das Fräulein La Perouse die Reue und Buße, die nach ihrem
Dafürhalten durch die strafbare Leidenschaft ihres Bruders zu seiner Herrin
verpfändet war. Abend für Abend las sie stundenlang in Gebetbüchern und
rollte, auf dem Betschemel kniend, unermüdlich Rosenkränze ab, wodurch ihr
Gesicht länger, ihre Wangen hohler, ihre Augen tiefer wurden. Dieser
Gewohnheit frönend, verursachte sie in einer Nacht den Brand des Schlosses,
der nicht wenig Kunst und Pracht zerstörte und dazu noch das zarte Leben Henriette Adelaides antastete; denn sie vermochte die Folgen des Schrecks und
der Flucht vor den nachjagenden Flammen nicht zu überwinden und starb nach
kurzem Kränkeln, ihren Gemahl nach sich ziehend, der nur noch auf Erden zu
verweilen schien, um ein Denkmal unsterblicher Trauer über dem
verschwindenden Leibe zu errichten und sich dann für die Dauer der Grabesruhe
ihm beizugesellen.
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