Der Heilige

Conrad Ferdinand Meyer · Kapitel 1 von 1 · Teil 1/5

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Der Heilige

Der Heilige

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 5 Teile geteilt.

Conrad Ferdinand Meyer

 

I

 

Langsam fallend deckte der Schnee das blache Feld und die Dächer vereinzelter Höfe rechts und links von der Heerstraße, die aus den warmen Heilbädern an der Limmat nach der Reichsstadt Zürich führt. Dichter und dichter schwebten die Flocken, als wollten sie das bleiche Morgenlicht auslöschen und die Welt stille machen, Weg und Steg verhüllend und das wenige, was sich darauf bewegte.

Jetzt erscholl auf dem Holzboden der bedachten Brücke, welche sich unfern der Stadt über den Sihlstrom legt, der dumpfe Hufschlag eines Pferdes, und unter dem Sparrenwerk der finstern, den Stadtmauern zugewendeten Öffnung erschien ein einsamer Reiter. Seine feste Gestalt war so warm in einen grobwollenen Mantel gewickelt und er hatte sich dessen Kapuze derart über den Kopf gezogen, daß von seiner Person kaum mehr als ein breiter grauer Bart zum Vorschein kam. Hart hinter dem starken Gaul von heimischer Rasse trabte mit beschneitem Rücken und melancholisch gesenkter Schweiffahne ein großer Pudel. Der polternde Widerhall des Hufes in der Holzwölbung weckte die drei Reisegefährten aus dem Halbschlummer, den Frost und Schnee über sie gebracht hatten, und stellte ihnen Tor und Herberge in nahe Aussicht. Ersteres wurde in raschem Trotte erreicht. Unter dem niedrigen Torbogen warf der Reiter seine Kapuze zurück, schüttelte die Flocken vom Mantel, rückte sich die Pelzmütze aus der energischen Stirn und ritt in guter, trotz der Last seiner Jahre kriegerischer Haltung durch den Rennweg, die erste am Fuße der kaiserlichen Pfalz sich hinziehende Straße.

Es war der drittletzte Tag des Jahres der Gnade 1191, denn der Reisende hatte die Gewohnheit, Zürich zwischen Weihnachten und Jahresende heimzusuchen.

Rechts, wo der Bäcker seine frischen Laibe ausgab, links, wo unter dem rußigen Vordach der Rollenschmiede der Amboß erdröhnte und die Funken sprühten, ward der Reiter auch heute, wie jederzeit bei seinem Einzug in Zürich, mit schallendem Zuruf als Hans der Armbruster, Hans der Engelländer bewillkommt. Die alemannischen Laute aber, in welchen er Gruß und Rede zurückgab, schlugen so rund und frank aus seinem Munde, daß sein zweiter Zuname kaum auf eine ferne Heimat zurückführte, sondern auf befriedigte Reiselust und kecke Wanderfahrt.

Auch gab der Reisende dem Herbergsvater zum Löwen, der bei ertönendem Hufschlag neugierig unter die Tür getreten war und, den Vorüberreitenden erkennend, sich von demselben, mit gezogener Kappe, Auskunft über das Verhalten des heurigen Schaffhausers im Keller erbat, so sachkundige und den Beteiligten verratende Antwort, daß unschwer zu erkennen war, wo Hans dem Engelländer heute sein Weizen blühe und sein Wein reife.

Bis hieher geschah alles, wie Hans der Armbruster die Stadt der Fürstin-Abtissin seit Jahrzehnten kannte. Eines aber befremdete ihn an diesem Tage, der kein Festtag war, und allgemach begann er sich darüber zu wundern. Von Frauen verkehrten sonst in dieser strengen Jahreszeit und frühen Stunde nur wenige vor dem Hause; heute aber überschritten sie eilfertig und geschmückt alle Schwellen; und als Meister Hans durch steil abfallende Gäßlein der Mitte der Stadt und den rasch dahinschießenden Wassern der Limmat sich zuwandte, als er über die untere Brücke und am Rathause vorüberritt, sah er es wie Ameisenzüge an beiden Flußufern aufwärts laufen. Häuflein folgte dem Häuflein. Frauen jeglichen Standes, hochmütige Edelweiber mit kostbaren Meßbüchern in der Hand, ehrbare Töchter des Handwerks, züchtige Klosterfrauen, hübsche Dirnen von leichtem Wandel eilten neben runzligen, hustenden Großmüttern, die das Oberkleid im Schneegestöber über die armen, grauen Häupter gezogen hatten. Alles strömte seewärts, wo am Ausfluß der Limmat wie zwei Behelmte die Münster stehen.

Doch – was bedeutete das? – nur eines derselben, das Münster unserer lieben Frau, ließ mit fliegenden Glocken seine dringende Einladung erschallen: das gegenüberliegende große Münster aber verharrte in einem mißbilligenden Schweigen.

Nachdenklich ritt der Armbruster, dem allgemeinen Zuge folgend, unter den Schwibbögen längs der Limmat hinauf der berühmten Herberge zu den Raben St. Meinrads entgegen, wo er alljährlich abzusteigen pflegte. Jetzt aber, unten am Hügel, wo weiland St. Felix und Regula geblutet haben, hielt er seinen Braunen an. Er hatte einen Blick in die steile Kirchgasse geworfen, die hier, vom Großmünster herabführend, ausmündet. Es bewegte sich darin, ihm entgegenschreitend und sorgsam die besten Stellen im schmelzenden Schnee aussuchend, die feine, ehrwürdige, in Marderpelz gehüllte Gestalt eines Chorherrn. Das unter dem schwarzen Barett blaß erscheinende Antlitz heftete sich mit schmerzlichem Ausdruck auf die genäßten Schuhe. So wurde er des Armbrusters nicht gleich gewahr, der sich rüstig vom Pferde geschwungen hatte, um den alten Herrn in bescheidener Stellung und trotz des noch immer dauernden Gestöbers mit entblößtem Haupte zu erwarten.

»Gottes und seiner Mutter Gnade zum Gruß, ehrwürdiger Herr«, sagte Hans der Engelländer, als der Greis neben ihm stand.

Leicht überrascht heftete dieser das kluge Auge auf den Grüßenden, und ein plötzlicher Gedanke leuchtete über seine durchsichtigen Züge, ein Gedanke offenbar erfreulicher Art, den er aber listig für sich behielt.

So sprach ihn denn der Armbruster zuerst und folgendermaßen an: »Gestattet, daß ich mich bei Euch erkundige, ob ich den edeln Herrn Kuno, Euern würdigen Bruder, im Stifte finden werde. Er schuldet mir eine Kleinigkeit für hergestellte Armbruste, ferner den Kaufpreis eines nach englischer Manier gebauten Stückes, das vor drei Jahren bestellt und geliefert wurde, was alles, nach meiner Übung, ich vor Neujahr einzuziehen trachte. Den vorletzten und letzten Christmond traf ich den edeln Herrn bei erschöpfter Kasse, da er mit dauerndem Unglück im Würfelspiel zu kämpfen hatte. Wie mag es wohl heuer um ihn stehen?«

»Das frage du ihn selber, nachdem du Imbiß bei mir gehalten hast!« erwiderte der Alte. »Er kehrt bei Zunachten ins Stift. Alle Brüder, Propst und Kapitel, sind auf die Jagd verritten, mich Alten, wie du siehst, ausgenommen. Ich gedachte meinen Ausgang dem neuen Heiligen zu widmen, dessen Marter und Wunder dort drüben« – er wies nach dem schlank aufsteigenden Chor des Fraumünsters – »zu dieser Stunde von einem geistreichen Luzernerpfaffen dem gläubigen Volke dargelegt werden und dessen Glorie meine darüber unbilligerweise empfindlichen Brüder für heute aus der Stadt vertrieb. Da jedoch mehr Neugier als Andacht meine Schritte lenkte und der Schnee des Himmels sie hemmt, so mag ich ohne Schaden meiner Seele umkehren.

Laß deinen Braunen in die Herberge zu den Raben führen! Dort steht der Stallknecht St. Meinrads wie eingepflanzt am Wasser und starrt nach der Frauen Münster hinüber! Dein Tapp, der hier trübselig im Schnee sitzt, mag sich an meinem Küchenfeuer wärmen. Aber bei St. Felix' blutigem Haupte, ich kann nicht länger im Nassen stehen! In diesen Schneepfützen sitzt die tückische Hexe mit ihrer Zange, ich meine die böse Gicht, die mich diesen Winter gezwickt und erst vor kurzem losgelassen hat. Folge mir bald, Engelländer!«

Nach diesen geflügelten Worten schmiegte Herr Burkhard sich fröstelnd in seinen Pelz und begann, vorsichtig, wie er gekommen war, die feuchte Gasse wieder hinanzusteigen.

Hans aber rief den lungernden Knecht herbei und übergab ihm mit den Zügeln seines Gauls allerhand Aufträge und Weisungen an den Wirt und die Stammgäste des Hauses zu den Raben; denn dort sprach der Adel ein, und unter ihm hatte der Armbruster viele Kunden und Schuldner.

Dann schnallte er sein Felleisen von dem Rücken des Tieres, nahm das Gepäck unter den Arm und schritt mit Tapp, der sich nie von dem Eigentum seines Herrn trennte, die zum Stifte führende steile Gasse hinauf.

Die Einladung des Chorherrn kam ihm gelegen, denn Hans der Armbruster war ein sparsamer Mann.

 

II

 

Der Wintertag blieb so dunkel, daß der schmale Wohnraum des Chorherrn, wo er seinen Gast bewirtete, mehr von der golden flackernden Flamme des Herdes als durch das einzige hochgelegene Bogenfensterchen erhellt wurde.

Während der Armbruster sein Mahl beendigte, hatte sich Herr Burkhard, der von feiner Körperlichkeit und mäßiger Lebensweise war, schon eine Weile in seinen mit weichen Vliesen überlegten Armstuhl versenkt und die pelzumhüllten Füße dem Feuer zugestreckt. Ein ebenfalls ergreister Schaffner räumte das Tischgeräte weg und stellte eine Kanne kräftigen Landweins mit zwei silbernen Bechern auf das Steinsims des Kamines.

Der Chorherr war offenbar in vergnügter Stimmung. Es ergötzte ihn, an diesem trüben Wintertage einen welt- und menschenkundigen, auch weitgewanderten Mann schnellen Geistes in sein Gelaß gelockt zu haben zur Befriedigung einer längst gehegten Neugierde. Das feingeformte Haupt mit seinen wenigen schneeweißen Locken lag auf dem roten Kissen der Lehne, mit geschlossenen Augen, aber dem wachen Ausdrucke des Triumphes über einen gelungenen Anschlag.

Jetzt öffnete er plötzlich einen leuchtenden Blick und sagte: »Gesegnete Mahlzeit, Hans! Wende deinen Stuhl und rücke zu mir. Du fragtest mich, wer der neue, von der Frau am Münster erhöhte, von uns Chorherren aber geschmähte Heilige sei. Über Tisch halte ich es nicht für heilsam, von kirchlichen oder gar himmlischen Dingen zu reden; aber nun bin ich da, um Auskunft zu geben. Der neue, von dem Heiligen Vater der Christenheit bescherte Fürsprecher im Himmel hat im selben Jahre mit mir das Licht der Welt erblickt. Schon das spricht gegen ihn. Es gilt von den Heiligen wie vom Weine: je älter, desto besser und wundertätiger. Wie dieser hier« – er schlürfte aus seinem Becher –, »das Blut unseres Bodens, mit unserem Blute verwandt ist und es seit undenklicher Zeit würzt und stärkt, ähnlich wirken unsere Heiligen St. Felix und Regula, über deren Leibern dieses Stift und diese Stadt erbaut sind. Geschlecht um Geschlecht haben sie als streitbare Nothelfer behütet. Wir sind ihnen und sie uns vertraut und verpflichtet. Mit ihrem Bild und Siegel machen wir, nach dem Vorgange unserer Väter, unser Tun und Lassen gültig. Ich will keine Hoffart damit treiben, daß sie nach ihrer blutigen Marter die abgeschlagenen Häupter urkundlich in den eigenen Händen von der Richtstätte am Limmatufer bis hieher getragen haben, vierzig Schritte bergan, obgleich ihnen das sicherlich keiner der abgeschwächten neuen Heiligen nachtut. Für mich kommt in Betracht, daß St. Felix und Regula ihren Glauben gegen einen heidnischen Kaiser mit ihrem Blute bezeugt und nicht gegen einen christlichen König und Lehensherrn sich überhoben und aufgelehnt haben wie dieser neue Heilige von meinem Jahrgang.

Solcher gerechten Erwägungen aber sind die Köpfe unserer Frauen vom fürstlichen Stifte nicht fähig! Da mußte ihnen unter andern kostbaren Schriftstücken ein Pergament zukommen, worauf das Leben und die Marter meines Altersgenossen beschrieben und verherrlicht ist. Die heiligen Akten wurden zur Erbauung während der Mahlzeit vorgelesen, und von Stund an konnten die Gedanken der edeln Frauen nicht mehr zur Ruhe kommen. Sie trieben offen und heimlich daran, daß der Tag dieses Märtyrers auch bei uns feierlich begangen werde.

Den Weibern gefällt das Neue und Fremdländische.

Der Rat unserer Stadt war aus genannten Gründen der Sache abhold und hätte sie auch wohl verhalten, wäre den Frauen nicht eine Güte des Himmels zu Hilfe gekommen.

Verwichenen Herbstmonat bei der langen Dürre geriet der Abtei eine Scheune voll Heu neben ihrem großen Gehöfte zu Wiedikon in Brand. Der Föhn jagte die Flamme gerade auf das Meierhaus zu, das zu rauchen begann und verloren schien. Da ließ die mächtig fromme Kusterin, Frau Berta, die eben zugegen war, durch den Meier und seine Söhne den schweren Schiefertisch vor das Haus schleppen, zog eine Kreide aus der Tasche und schrieb mit armlangen Buchstaben auf die Platte:

 

Sancte Thoma, steh uns bei!

 

Was geschah? Blickte der Heilige vom Himmel herunter und las? Dem sei wie ihm wolle, der Wind wandte sich augenblicklich, das Scheuerlein fiel in erlöschenden Schutt zusammen, und die Meierei war gerettet. Jetzt langte die Hilfe aus der Stadt an. Hier stand der Tisch, dort verkohlte der Trümmerhaufen – das Wunder und der Heilige waren nicht weiter anzufechten.

So ist es gekommen, daß wir heute sein Fest feiern, den Tag, daß ich's zu sagen nicht vergesse, des heiligen Thomas von Canterbury.«

Nach dieser ausgiebigen Rede ergriff der Chorherr seinen Pokal, tat ein paar kleine Züge, und, die Kanne ergreifend, sah er sich nach seinem Zuhörer um, dessen Becher er auffüllen wollte. Hans, der auf einem Holzschemel am Feuer saß, gab keinen Laut von sich. Etwas Seltsames war mit ihm vorgegangen. Im Anfang war er, die Ellenbogen auf die Knie stützend und das gesenkte Haupt in die Hände gelegt, der Erzählung des Chorherrn mit Aufmerksamkeit gefolgt. Herr Burkhard hatte den Namen des Heiligen absichtlich bis zuletzt verschwiegen, doch der Armbruster mochte ihn schon früher erraten haben. Er blieb jetzt unbeweglich, wie in sich selbst zusammengebrochen, und es war, als schüttle ein Schauder seine Glieder. Der Chorherr schenkte ihm den Becher voll und betrachtete ihn mit Blicken der Teilnahme und etwas durchschimmernder Schadenfreude.

»Halt ich dich endlich, schlauer Mann!« begann er wieder. »Bei den blutigen Zöpfen der heiligen Regula, heute, Armbruster, trittst du mir nicht über die Schwelle zurück, ohne mir von St. Thomas von Canterbury erzählt zu haben, was du weißt, und ganz andere Dinge, als der Luzernerpfaffe unserer gnädigen Frau drüben im Stift aufbindet oder als in dem Pergamente stehen, das mir die edle Herrin zur Gesundung meiner Seele geliehen hat. Du bist dem Heiligen zu seinen Lebzeiten begegnet, das wirst du mir nicht leugnen! Ich habe es selbst gehört, wie du meinen Brüdern, den Chorherren, es mag sich jetzt gerade verjähren, in unserer Trinkstube mit lauter Stimme – denn sie hatten dir mit dem Becher stark zugesetzt – und gewaltigen Gebärden dartatest, daß du an König Heinrich gehaftet habest wie der Knopf am Wamse, ja wie die Haut am Leibe. Du gerietest in lodernden Eifer; denn die Herren hatten in Zweifel gezogen, daß König Heinrich bei jener unseligen Krönung seines ältesten Sohnes Tränen der Freude vergossen habe. Du riefest: ›Ich habe sie rieseln sehen!‹ und verschwurest dich bei deiner Seelen Seligkeit. Ich, der gerade eintreten wollte, um einen geselligen Becher zu trinken, denn ich war noch um das jünger, und dich deine Geschichte beteuern hörte, ich glaubte dir, denn du bist kein Prahler. Bist du aber immerdar um König Heinrich gewesen, hast ihm Gewand und Becher gereicht, sein Lachen und Weinen gekannt, wie du versichertest, so mußt du auch den Mann gekannt haben, der ihm Leib und Seele zerstört hat, sei es, während er als Kanzler ihm zu Diensten war, sei es später, da er als heiliger Bischof, sein Feind und sein Opfer, ihn zur Verzweiflung und ins Verderben trieb. Am Ende, Unglücklicher, warest auch du unter jenen, die dem Heiligen zu seinem Martertode geholfen haben. Doch nein! In dem Pergamente der Äbtissin steht geschrieben, wie die Mörder des Heiligen durch ihre Sünde dergestalt entmenscht wurden, daß es der ganzen Schöpfung vor ihnen graute und selbst ihre Leibhunde den Bissen aus ihrer Hand verabscheuten. Tapp aber« – er wies auf den zwischen den Knien des Armbrusters sich aufmerksam hervordrängenden Pudelkopf – »nimmt, wie ich gesehen habe, alles, was du ihm reichst.«

»Der gnädige Gott hat mich davor behütet«, murmelte Hans; »aber den Heiligen – ja – ich habe ihn gekannt, so gut als ich Euch kenne, Herr Burkhard. Und dabei bin ich auch gewesen, wenn Ihr es doch wissen wollt, als ihm der Wilhelm Tracy vor dem Hochaltare den Schädel einschlug. Und sein Lächeln sehe ich noch, das – Gott genade mir – heilige Hohnlächeln, mit dem er verschied, als erwiesen ihm seine Henker gerade einen Liebesdienst. O Herr, das sind schwere, unerforschliche Geschichten!«

»Erzähle, Hans«, rief der Chorherr mit zitternder Lebendigkeit und richtete sich, die alten Hände auf die Armlehnen stützend, begierig in seinem Stuhl in die Höhe.

Der Armbruster schürte schweigend das Feuer und faßte seine Gedanken zusammen. Seine festen eckigen Züge waren finster geworden, und seine funkelnden Augen sannen. Offenbar schien ihm billig, den Wunsch seines Gastfreundes zu erfüllen; aber ungerne tat er es. Denn jene Ereignisse, staunenswert und unbegreiflich nicht nur für die Fernstehenden, sondern auch für die Mithandelnden, waren der wichtigste Teil seiner eigenen Geschichte, die es dem verschlossenen Manne zu erzählen schwer wurde, und griffen in Tiefen seiner Seele hinunter, wo sein Empfinden zwiespältig wurde und seine Gedanken wie vor einem Abgrunde stehenblieben.

Er äußerte sich mit behutsamen Worten: »Ihr mögt leichtlich besser Bescheid wissen, Herr Burkhard, in dem, was meines Herrn Königs Fürstenhändel und Taten im Weltlauf betrifft; was aber den Wandel und die Natur seiner Person angeht – und des Thomas Becket Menschenantlitz auch« – fügte er scheu und leise hinzu –, »so habe ich wahrlich vor einem Jahre in jener trunkenen Nacht nicht geprahlt, als ich mich berühmte, sie zu kennen, obwohl ich, heilsamer für mich, davon geschwiegen hätte. Noch jetzt, Herr, brauch ich nur die Augen zu schließen, um den König wie den Priester leibhaft vor mir zu sehen. Lieblich ist der Anblick nicht, wie der dieser langen ruhigen Gesichter, welche Eure Stadtheiligen hier in den Händen tragen!« und er wies auf das Mittelbild eines farbig gewirkten Teppichs, der die Mauer bekleidete. »Viele Jahre lang, nachdem ich aus Engelland heimgekehrt war, hatte ich während des Tages in Gedanken und des Nachts im Traume mit jenen zwei unglücklichen Herren zu schaffen. Am Tage mußte ich mir die sanften, spitzfindigen Reden des einen, die leichtfertigen Scherze, harten Drohungen und verzweiflungsvollen Zornworte des andern ohne Unterlaß wiederholen und war gezwungen, darüber nachzusinnen, wie unabwendbar beider Verderben sich daraus entwickelte. Des Nachts sah ich sie aufeinanderstoßen mit Rauch und Feuer, wie der Apostel Hans in seiner Offenbarung schreibt, und keines meiner Weiber – ich habe deren etliche geehlicht und begraben – konnte es dann unterlassen, mich mit Angst und Grauen aus dem Schlafe zu rütteln. Denn, Herr, es ist etwas anderes, wenn Könige und Heilige gegeneinanderfahren, als wenn in unseren schwäbischen Trinkstuben geschrien und gestochen wird. Wohlan, ich will Euch von diesen Geschichten erzählen, obwohl es ein schlimmes Ding ist und schwierig zu bewältigen; aber ich darf den Wunsch meines Gastfreundes nicht unerfüllt lassen« schloß der Armbruster mit einem grimmigen Lächeln.

»So tue, wie du verheißest«, sagte der Stiftsherr und legte sich mit erwartungsvoll angeregten Mienen in seinen Sessel zurück.

 

III

 

»Ich rede nicht gerne von meiner Jugend« – begann Hans der Engelländer seine Erzählung –, »und meine Gedanken weichen ihr aus, wenn ich nicht vor den heiligen Festen, um mich vor Gott und seiner heiligen Mutter zu demütigen, sie aus dem Dunkel emporsteigen lasse, oder wenn nicht ein Neider und Widersacher mir dieselbe böswillig in meinen alten Tagen gegen die Zähne wirft. Lieber Herr« – und der Armbruster tat einen tiefen Seufzer –, »sie ist eine unehrliche und befleckte. Dennoch muß ich damit Euch und mir zur Last fallen, denn mein armer Lebenslauf läßt sich von dem des Heiligen und des Königs nicht trennen, wenigstens in meinem alten Kopfe nicht. Ihr müßt wissen, ich bin aus einem edeln Geschlechte, und wenn Ihr Hohenklingen oder Hohenkrähen sagt, so nennet Ihr zwar nicht mein Stammhaus, das in Schutt versunken ist, aber sein Name lautete ähnlich, und es lag, wie jene festen Häuser, unweit vom Bodan und vom Rhein. Schon mein Vater war schwer verschuldet und – warum, das weiß Gott – von seiner Sippe gescheut und gemieden, als er, um seinen Gläubigern zu entgehen und um seine Seele zu retten, sich das Kreuz anheftete und nach dem Gelobten Lande zog, aus welchem er nicht zurückkehrte. Mein Mütterlein schleppte seit meiner Geburt einen siechen Leib und weinte sich die Augen blind, als mein älterer Bruder nicht in ritterlicher Fehde, sondern in bösem Raufhandel um Dein und Mein erschlagen wurde; denn wir halfen uns, wie wir konnten, und lauerten an den Wegen, wo etwas vorüberkam. Bei meiner Sippe suchte ich weder Rat noch Hilfe, ich hätte dort keine gefunden. Die einzigen Freunde waren mir meine Armbrust und meine Hunde, mit denen ich zu Walde zog; aber ich selbst ward wie ein Wild gehetzt von einem bösen Feinde, den ich wie den Teufel haßte. Das war der Jude Manasse, der in Schaffhausen saß und auf Zinsen lieh. Ihm hatte mein Vater seinen Burgstall und seine wenigen Äcker verpfändet. Nun begab es sich, daß mich meine Mutter zu dem Juden schickte, um Aufschub zu verlangen, aber keine Barmherzigkeit war bei dem Wucherer zu finden. Da erfaßte mich plötzlich eine große Kümmernis und ein Erbarmen mit meinem siechen Mütterlein und auch mit dem blutigen Leiden unseres Heilandes, den die Juden grausam gemartert haben, und ich schlug den Manasse hart mit Fäusten, daß er starb. Gott rechne mir diesen Mord nicht zu! Als ich ihn beging, war ich, wenn auch schon von Mannesgestalt und Stärke, noch ein Kind und dazu von weicher und heftiger Gemütsart. Der Jude indessen hatte in der Stadt und unter dem umliegenden Adel viele Freunde, und ich wäre verloren gewesen ohne die geöffnete Klosterpforte von Allerheiligen. Und da ich froh sein mußte, daß sie sich fest hinter mir schloß, wurde ich unverhofft geistlich und nach Jahresfrist ein Mönch. In alledem hatte ich aufrichtig gehandelt und war kein Falsch an mir gewesen; aber ich taugte schlecht zum Mönche und hatte den Wuchs meiner Natur und das Erdreich ihres Gedeihens nicht vorausgekannt. Mißversteht mich nicht, Herr! Nicht das sündige Blut unserer Stammeltern allein meine ich, sondern mehr noch den zündenden Funken, der aus der Schöpferhand Gottvaters in den Ton, aus welchem ich geformt bin, herübergesprungen ist, das ist: Kraft, Verstand, Unternehmung, Baukunst und Wanderlust. Aber von menschlicher Kunst und Wissenschaft war zu Allerheiligen nichts zu lernen als der Poet Virgilius, den ich auch heute noch großenteils auswendig weiß.

Der Prior rühmte an diesem Poeten, daß er ein frommer Heide gewesen und Gott ihm zum Lohne seiner Tugenden prophetische Kraft eingehaucht, so daß in seinen Versen die hochgelobte Mutter mit dem Kinde sich spiegle und deutlich zu erkennen sei. Daher kam es, daß die Rolle, aus der ich lernte, ganz von Messerstichen durchlöchert war. In der Johannisnacht, da ich von Allerheiligen schied und bevor ich den Sprung über die Mauer tat, habe auch ich hineingestochen zu dreien Malen, nach inbrünstiger Anrufung der drei heiligen Namen, und die Worte getroffen: sagittas, calamo, arcui. Und Virgilius hatte wahr gesprochen: mit Pfeil und Bogen hab ich all mein Lebtag zu tun gehabt.

So genoß ich denn meiner raschen Füße wieder und eilte durch das Waldgebirg dem Elsaß zu, den großen Bogen des Rheines mit einer geraden Linie abschneidend. Gegen Mittag kam ich vor einem festen Orte auf eine Wiese, wo von allerlei Volk ein Bogenschießen abgehalten wurde. Ich war schon unterwegs wie berauscht von dem Odem der Erde und der Lust, meine Glieder zu brauchen, und da ist es nicht zu verwundern, daß ich mir in dem Lustlager und Getümmel der Schießenden von den ausgelassenen Gesellen, die der verlaufene Mönch ergötzte, einen Bogen in die Hand geben ließ und dann, mit vorgestrecktem Fuße Stand fassend, Schuß um Schuß ans Ziel schickte. Mein Blick, sei Euch gesagt, ist scharf und sicher von Natur und hat mich von Kindheit an nie betrogen.

Ich glaube, daß sie mich, der den Becher verlernt hatte, trunken machten, daß ich in der Glut die Ärmel aufstreifte und die Kutte bis an die Schenkel schürzte, und mir steht dunkel und ärgerlich vor Augen, daß ich zuletzt unter Spott und Gelächter mit nackten Armen und Beinen im Narrentriumphe herumgetragen wurde.

Am frühen Morgen, in der Knechtstracht, die mir ein guter Gesell geschenkt, weiter wandernd, betrachtete ich nicht ohne Scham den Stand meiner Dinge. Ein beflecktes Wappen lag rechts und eine zerrissene Kutte links hinter mir am Wege. Nichts blieb mir als das Handwerk, und ich suchte mir eines, das mich von ritterlichen Leuten und Dingen nicht ganz entferne und seinen Mann ernähre in Kriegs-und Friedenszeiten. Da erhellte sich mir die Losung des Virgilius, und ich beschloß, ein Bogner und Armbruster zu werden. Aller Anfang ist schwer, lieber Herr; und neben den müßigen Gewöhnungen des Wegelagerers und des Mönches hatte ich noch viel Torheit eines weichen Herzens zu überwinden. Ich mußte zu festem Stande kommen; denn, ob ich schon einen Juden getötet und ein Klostergelübde gebrochen, so hätte mich doch mein frommes Gemüt fast in eine dritte Missetat gestürzt. Dies will ich Euch noch erzählen – vom übrigen werde ich kurz sein.

Ich war, gen Straßburg wandernd, unter eine Bande von fahrenden Schülern geraten, und wir zechten in einer Schenke gegenüber den Mauerwerken und Turmspitzen der berühmten Stadt. Da fiel mir ein, wie mein Mütterlein mir weiland viel geredet hatte von einer frommen Muhme, die in einem Straßburger Kloster ein heiliges Leben geführt und deren Fürsprache im Himmel sie, wenn das Wasser des Elends ihr bis an den Mund stieg, mit Nutzen anzurufen pflegte. Solches dachte ich auf meinen irrenden Wegen auch zu tun. Also ging ich einen der Fahrenden, der ein helles offenes Gesicht hatte und, wie er sagte, die Stadt von früher her wohl kannte, mit freundlichen Worten an, ob er mir das Kloster nicht weisen könne, wo meine Muhme Willibirg im Geruche der Heiligkeit gestorben sei.

›Lieber‹, antwortete er, ›siehest du dort den achteckigen Turm mit dem farbigen Dache? Und daneben das lange Gebäude an der Stadtmauer? Dort hat deine Muhme gewaltet.‹

Da warf ich mich auf die Knie und rief, nach dem Hause hinüberblickend, die heilige Frau inbrünstig an, mir zu allem guten und heilsamen Werke behilflich zu sein. Was höre ich hinter mir? Ein unterdrücktes Gekicher, ein toll ausbrechendes Gelächter, und, rasch den Kopf wendend, sehe ich den Fahrenden, der die Zipfel seines Gewandes zu zwei langen Ohren gestaltet hatte, die er neben den meinigen winken und wedeln läßt. Zu gleicher Zeit lachten die anderen unbändig: ›Der Esel betet zum Hause der schönen Frauen hinüber!...‹ Aber schon lag der Schalk unter meinen Knien, während ich schwere Tränen fallen ließ über die Bosheit und Schlechtigkeit der Welt und ihn würgte, daß ihm der Lebensodem ausgegangen wäre, wenn ihn mir die anderen nicht entrissen hätten.

In Straßburg trat ich in die erste Lehre bei einem Bogner, der mich ehrlich hielt und mir die Handgriffe, so viel er sie wußte, rechtschaffen beibrachte. Doch war er ein Mann des Brauches und der Gewohnheit, der den Kopf eigensinnig schüttelte zu den Verfeinerungen und Ausbildungen, deren das Wesen und die Gestalt der Armbrust fähig ist und die damals aus Engelland und Flandern, besonders aber aus dem heidnischen Granada bis zu uns in das Deutsche Reich hereindrangen. Mir aber, der einen jungen und neugierigen Geist hatte, ließ es, nach den einmal überwundenen Anfängen, keine Rast noch Ruhe; denn, lieber Herr, in jeder, auch der geringsten Kunst ist ein Ziel der Vollendung verborgen, das uns ruft und lockt, ihm Tag und Nacht sehnsüchtig nachzuziehen.

Oft hab ich damals im Traume eine Armbrust gebaut und einen Bolzen gebildet, die noch weiter trugen als das sarazenische Schießzeug, aber im Frühlicht verblichen meine Fündlein wie höhnische Irrwische; denn es waren plumpe Tastungen oder willkürliche Gedanken, da ich wohl einige Griffe, aber noch nicht die Gründe und Gesetze meiner Kunst erkannt hatte.

So beschloß ich zu wandern und bei den Meistern zu lernen. Durch Frankreich und Aquitanien wanderte ich und überstieg den Pyrenäenberg und erblickte jeden Abend in den roten Wolken des Sonnenniederganges die Wunderstadt Granada, wohin mich meine Seele zog, bis sie zuletzt wahr und wirklich vor mir auf dem Abendhimmel stand. Und es war mir vergönnt, die Weltpracht, die sie dort aufgerichtet haben, zu betrachten, das durchbrochene Schmuckwerk ihrer Paläste, die Palmen und Zypressen ihrer Zaubergärten und die aufsteigenden Strahlen ihrer rauschenden Wasserkünste.«

»Und du bist unbeschnitten an Leib und Glauben wieder zurückgekehrt, armer Hans?« warf Herr Burkhard ein.

»Zweifelt nicht daran, und mit einem weit klügeren Kopfe auf den Schultern, als ich ihn hingetragen hatte. Was aber meinen Christenglauben betrifft, Herr, so habe ich ihn gegen einen großen Philosophen behauptet, dem ich die Röhren, wodurch er den Gang der Gestirne beobachtete, vervollkommnen half. Allnächtlich zeigte er mir die langsam wandelnden Heere des Himmels und erklärte mir, wie von Ewigkeit her die menschlichen Geschicke an diese leuchtenden Zeichen und Figuren, diese Tiergestalten und Wagen geschmiedet seien, so daß keine Hand, weder menschliche noch göttliche, in die sich drehenden Speichen des Feuerrades greifen könne und kein Raum bleibe weder für die menschliche Wahl noch für den Zorn und die Gnade Gottes.

Ich aber glaubte ihm nicht und berief mich auf die Gewitterflut der Reue, wann ich meine Sünde vollbracht hatte.

Im übrigen fand und lernte ich in Granada, was ich dort zu suchen gekommen war. Es ist nur die Wahrheit, lieber Herr! die heidnischen Bogner sind unübertroffen. Haben sie doch vor Zeiten mit klugem Witze aus dem Umfange des Bogens die gedrungene und handliche Gestalt der Armbrust gezogen, wie die Sage lautet und ich gerne glauben will: denn Gott hat den Heiden viele Kunst und Wissenschaft gegeben, Mathematik, Mechanik, Baukunde, alle Lehre, wo gezählt und gewogen wird, um ihnen, wie ich meine, vor dem ewigen Tode einen kurzen Stolz zu gönnen.«

Der Chorherr nickte billigend zu diesem weisen Worte, und der Bogner fuhr fort:

»Drei Jahre verblieb ich in der Heidenstadt, die Tage verflogen mir im Wettlaufe der Arbeit, und an den Abenden ergötzte ich mich, da mir nach und nach die arabische Zunge geläufig wurde, ohne Wein und Streit in den luftigen, offenen Hallen, wo sie Märchen erzählen. Dort vernahm ich einmal aus dem Munde eines braunen, glutäugigen Burschen, dem sie am liebsten lauschten, denn er verstand es, die Gebärde beider Geschlechter und jeden Alters und Standes mit beweglichem Mienen- und Gliederspiele darzustellen, eine Geschichte, nicht besser und nicht schlechter als seine übrigen: Sie scheint Euch abweges; aber ich lasse sie nicht liegen, denn sie gehört zur Sache.

Es ist das Märchen vom Prinzen Mondschein.

Ein junger Fremdling sei von einer gegen Mitternacht gelegenen Insel nach Cordova gekommen und habe sich dort bei dem Kalifen in Gunst gesetzt durch den Zauber seiner Gestalt und Rede und durch seine Meisterschaft im Schachspiele. Daneben habe er trotz seiner anmutigen Jugend eine solche Schärfe des Verstandes und politische Weisheit besessen, daß der von ihm beratene Kalife ohne Krieg und Blutvergießen durch die bloße Anwendung der Staatskunst in nicht langer Zeit der mächtigste der maurischen Könige geworden sei. Darum habe er den Prinzen Mondschein – so nannten die Cordovaner den Fremdling um der Blässe und Sanftmut seines Antlitzes willen – ganz närrisch liebgewonnen und ihm ohne Bedenken die schönste seiner Schwestern zum Weibe gegeben, Prinzessin Sonne, die, nachdem sie einmal den Fremdling erblickt, ihre leuchtenden Augen nicht mehr von ihm habe abwenden können. Sonne und Mond seien aber nicht über einen Jahreslauf zusammengeblieben, da die Geburt eines Mädchens der Prinzessin das Leben gekostet. Hierauf hätten hundert neidische Höflinge gegen den Fremden, dessen Stellung sie erschüttert glaubten, sich heimlich verschworen. Der Kluge habe sie entlarvt, doch in milder Gesinnung für ihr Leben gebeten. Da seien eines Tages von königlichen Sklaven zehn Maultiere, mit ebenso vielen Säcken beladen, durch die Pforten seines Palastes getrieben worden, und als das Gesinde die Säcke geöffnet, seien die abgeschnittenen Köpfe seiner hundert Feinde auf den Marmorboden des Hofes gerollt. Der Beschenkte aber sei beim Anblicke der blutigen Gabe erblassend in seine Gemächer zurückgetreten und habe nach eingebrochener Nacht sein Kind aus der Wiege gehoben, ein Pferd bestiegen und die schlummernde Cordova verlassen. Mit ihm aber habe Glück und Macht dem König auf immer den Rücken gewandt.

Der Märchenerzähler verschwor sich im Feuer seines Vortrages, den Prinzen Mondschein persönlich gekannt und ihn oft auf den Plätzen von Cordova mit über der Brust gekreuzten Armen demütig begrüßt zu haben. Sie seien nicht sehr verschieden an Alter, und nicht zehn Jahre seien vorüber seit jenen Begebenheiten.

Er war überzeugt, daß er die Wahrheit rede, aber ich nicht völlig; denn die Mauren, ehrwürdiger Herr, lügen mit mehr Aufrichtigkeit als wir, weil ihnen ihre rasche Einbildungskraft das Nichtgeschehene täuschend wie das Geschehene vorgaukelt.

Kurz vor meiner Abreise dann hörte ich den braunen Gesellen die Märe vom Prinzen Mondschein zum anderen Male erzählen und – diese Gerechtigkeit widerfahre ihm! – ohne merklichen Ausschmuck oder Umbau. Das fiel mir auf. Doch hatte ich nicht Zeit, ihn auszufragen, denn ich selber bereitete mich damals darauf vor, wie Prinz Mondschein, aus diesen fremden Sitten und Gebräuchen mich in der Stille nach der Christenheit heimzufinden.

Ich unternahm eine Meerfahrt nach Engelland, wo es mir bald gelang, bei dem vornehmsten Bogner in der Stadt London selbst Arbeit zu finden. Er hatte seine Werkstätte an der Themse unweit des festen Stadtturmes aufgetan und arbeitete mit vielen Gesellen. Da seine Kunst von König und Ritterschaft gesucht wurde, war sein Gut groß angewachsen, und man hätte ihn einen angesehenen Mann nennen können, wäre er nicht, wie alle vom Handwerk, von sächsischem Geblüte gewesen. Die Sachsen aber werden seit der Eroberung von ihren normännischen Herren unehrlich gehalten und auf eine unchristliche Weise unterdrückt.«

»Oho!« unterbrach Herr Burkhard. »Ist das die Rede eines Mannes, der ein halbes Menschenalter hinter Herrn Heinrich getrabt und stolziert hat?«

Hans warf dem Chorherrn einen gescheiten Blick zu und erwiderte ohne langes Besinnen:

»Es kommt, o Herr, beim Urteilen wie beim Schießen lediglich auf den Standpunkt an. Damals, mitten unter den Sachsen lebend, drückte ich mich beiseite oder zog die Mütze, wann ein Zug Normannen auf ihren gepanzerten Rossen vorübersprengte. Hernach, als ich selber droben saß, hätte es meine Ehre nicht gelitten, mich von einem Sachsen anders als barhaupt ansprechen zu lassen. Jetzt, da Sachsen und Normannen für mich verblichene Bilder sind, habe ich, nebst der Weisheit meiner grauen Haare, einen mittleren und mäßigen Stand und spreche: Macht und Eroberung sind von Gott gesetzt, und da die Normannen schärferes Blut und ungestümere Geister haben, so sind sie die Herrscher. Aber derselbe Gott hat Knechtsgestalt angenommen und uns alle mit seinem teuern Blute gekauft: darum mache der Herr sein Gesinde nicht bitter und vergreife sich nicht an dem Weibe und Kinde seines Knechts!

Solches aber geschah meinem Meister, dem zu seinem Unsegen eine schöne Tochter im Hause wuchs.

In Wahrheit, die goldhaarige Hilde war die schönste Magd in London, und ich konnte kein Auge von ihr verwenden, wann sie uns nach der Vespermahlzeit, ohne sich allzulange bitten zu lassen, ihre Balladen vorsang.«

Von Erinnerung überwältigt, wiegte der Bärtige seine breit vorragende Stirn und summte in unmelodischen Tönen:

 

»In London was Young Beichan born,

He longed strange countries for to see –«

 

»Wohin verläufst du dich, Hans?« rief Herr Burkhard, der das Englische nicht verstand, mit beginnendem Mißmut.

Der Armbruster fuhr aus seinem Traume auf, und in den etwas abgespannten Zügen seines alten Zuhörers lesend, daß diesem der Einleitung zu viel und die Weile lang werde, sprach er ihn heftig an: »Wisset Ihr, Herr, von was diese Ballade, welche jung Hilde uns vorsang, handelt?...

Von der Geburt eines Heiligen aus dem Schoße einer Sarazenin, desselben heiligen Thomas, dessen Geschichte Euch zu erzählen ich hier bin!«

Die plötzliche Wendung, mit welcher Hans sein Schifflein aus dem Fahrwasser des eigenen Lebens in die Strömung eines größeren hineinsteuerte, gab dem Chorherrn einen Stoß; er richtete sich in seinem Sessel so steil und so rasch in die Höhe, als sein Alter es zuließ, und rief erstaunt:

»Sarazenenblut in den Adern des heiligen Thomas? Lieber, bist du bei guten Sinnen?«

»Hättet Ihr das Pergament geduldig gelesen, das Euch die Frau vom Münster, wie Ihr sagt, geliehen hat, Ihr würdet mich nicht mit so entsetzten Augen anschauen. Denn gerade dieser Punkt, will ich wetten, ist darin schön hervorgehoben. Hat sich doch die ganze Pfaffheit von London stark der Sache angenommen und die Heidin, bevor sie dieselbe in eine christliche Ehe treten ließ, sorgfältig bekehrt! Sie tauften sie auf den Namen Grazia oder Grace, was deutsch lautet: Gnade. Um der großen Gnade willen, welche die Mutter der Ungläubigen erwiesen!

In der Brautnacht der Sarazenin aber hatte eine prophetische Nonne zu London ein Gesicht und sah aus dem neuen Ehebunde eine weiße Lilie, das ist einen Heiligen, entsprießen und gen Himmel wachsen.

Und es geschah, wie die Nonne gesehen hatte.

Aber viel hat es gebraucht, bis aus dem Heidenkinde der Heilige herauswuchs: Blut und unendlichen Jammer, den Sturz eines Königs und, wo nicht den Untergang, doch die Erschütterung eines Königreiches!

Ich will nun ganz nach der Ordnung, wie es Euch bequem ist, Herr, erzählen, wer die Eltern des Thomas Becket gewesen sind.

Die Geschichte ist mir vertraut; denn sie war die Freude der blonden Hilde, welche damals noch jung und unschuldig war und das Wunder natürlich fand, daß zweie, die sich liebten, über Land und Meer zusammenkamen.

Vor vielen Jahren begab es sich einmal, daß ein Handelsmann aus London mit Namen Gilbert Becket nach dem Morgenlande fuhr und dort von einem mit seinen Reitern und Herden in der Wüste ziehenden Fürsten überrascht und gebunden wurde. Die eigene Tochter des Heiden aber erbarmte sich seiner Bande und zerschnitt sie. Vor Jahresfrist dann floh sie dem Sachsen nach; denn sie hatte ihr Herz an ihn verloren, und in Engelland singen und sagen sie, daß die vornehme heidnische Magd, obwohl ihrem Willen und Gedanken nur zwei Worte zu Gebote standen: London und Gilbert, mit diesen den Weg zu ihrem Lieblinge gesucht und gefunden habe.«

»Höre, Hans«, gab der Chorherr einem aufsteigenden Zweifel Ausdruck, »du reitest das geflügelte Rößlein der Fabel nicht schlechter als dein brauner Freund, der Märchenerzähler in Cordova. Es fehlt nur noch, daß auch du darauf schwörest, du seiest dabei gewesen.«

Der Bogner zuckte gleichmütig die Achseln.

»Nicht ich, lieber Herr; mein Meister aber in London, der ein pünktlicher und trockener Mann war, hat mir oft gesagt, wie er, ein junger Geselle, durch die Straßen der Stadt hinter der fahrenden Sarazenin hergelaufen sei. Denn diese habe jeden Vorübergehenden angehalten und ihn gefragt: ›Gilbert?‹ Dadurch sei sie stadtkundig geworden, so daß ihr am Ende viel Volk nachgezogen, um mit ihr ›Gilbert!‹ zu rufen. Die einen aus Mitleid mit dem schönen, ausgehungerten Frauenbilde, das vor Kümmernis jede Speise zurückwies, die andern der Törin spottend, die einen Gilbert aus Tausenden in London, wo der Name gemein ist, herausfinden wollte. Endlich sei der wahre Gilbert an sein Fenster und vor seine Schwelle getreten, habe die Heidin bei der Hand ergriffen und an seinen Herd geführt.

Wann aber der Meister so erzählte, ermangelte er nie anzufügen:

›Fahrende Heidinnen, Hans, bringen uns Christen nichts Gutes. Wäre doch das Wüstenkind in seinem Zelte geblieben, statt nach unserm Engelland zu schwimmen und uns hier den Kanzler auf die Welt zu setzen, den Verräter an seinem Volke!‹ –

Der Kanzler, der weltberühmte Kanzler von Engelland, die Wonne und Weisheit des Königs, die Bewunderung und der Neid der Normannen, der Haß und geheime Schrecken der Sachsen, war damals in aller Munde.

Sein rasch aufleuchtender Stern, die wie aus einem unerschöpflichen Füllhorn über ihn ausgeschütteten Gnaden und Würden, seine Türme, Burgen, Abteien, seine Zaubergärten und unbegrenzten Wälder, sein Gefolge von hundert und dann von tausend Rittern, die goldenen Geschirre seiner Rosse und Mäuler, die üppigen Tafeln seiner Feste und die unabsehbaren Reihen der Geladenen, seine köstlichen Gewande und blitzenden Steine – das alles gab den Leuten von London zu wundern und zu reden von Morgen bis Abend.

In der Werkstätte konnte ich mir während der Arbeit die Ohren nicht verhalten, und so klangen sie mir unablässig von dem Sohne des Sachsen und der Sarazenin. Daß ihm seine Landsleute alle schwarzen Frevel nachredeten, setzte mich nicht in Erstaunen und lag in den Staatsverhältnissen, da der Kanzler der einzige Sachse war, der im Sonnenlichte der königlichen Gnade wandelte. Aber denkwürdig bleibt es immerhin, daß die Väter an demselben Manne keine gute Faser fanden, den die Söhne jetzt auf den Knien anrufen.

Ein schlechter Sohn sei er gewesen, der den Geruch der väterlichen Ölfässer und Warenballen verabscheut habe. In den Dienst eines schwelgerischen normännischen Bischofs sei der Jüngling zuerst getreten, dort habe er französisch lispeln gelernt, und kein ehrliches sächsisches Wort sei mehr über seine Lippen gekommen. Um seinen von Vaterseite sächsischen Ursprung zu verwischen, habe er von den Händen dieses Normannen, als ein Leichtfertiger, die ersten Weihen empfangen. Dann, reich geworden durch den Tod des Vaters, sei er über Meer gefahren, habe in Calais seine treuen sächsischen Diener verabschiedet, welsches Gesinde gedungen, köstliche Gewande gekauft und sich als Ritter aufgetan. Durch Aquitanien und Spanien sei er an die maurischen Höfe gezogen, von seinem mütterlichen heidnischen Blute getrieben, und beim Könige von Cordova in die höchste Gunst gekommen. Dort habe er mit Weisen aus dem Morgenlande Sterndeutung und geheime Wissenschaft getrieben, worin er seine Meister bald übertroffen, so daß es ihm nach seiner Heimkehr habe glücken können, König Heinrich durch höllische Sympathie unvergänglich an sich zu ketten.

Herr, darin war das Goldkorn der Wahrheit schwer zu finden. Um so mehr wuchs meine Begierde, diese lebendige Fabel mit Augen zu schauen; aber lange mußt' ich mich gedulden, denn Thomas Becket weilte damals mit dem Könige jenseits des Meerarmes in Aquitanien, das, wie Ihr wißt, zu dem Weibergute seiner Königin gehörte.

Endlich kam der Tag. Ich schnitzte in der Werkstatt an einem Bolzen. Da fängt es an, auf der Straße unruhig zu werden, zu treiben und zu summen. Meine Gesellen verlassen ihr Zeug, steigen auf Schemel und Bänke und drücken die Köpfe in die Fenster. Pauken und Zimbeln schmettern. Hinter den berittenen Spielleuten folgte ein Herold mit den drei Pardeln auf der Brust und bereitete den Weg dem Sohne der Heidin Grazia.

Ein schöner Mann war er und fürstlich, wie König Salomo. Mit den normännischen Herren konnte er sich wohl nicht messen an Frische des Antlitzes und Macht des Wuchses. Aber er lenkte mit unvergleichlichem Anstande seinen goldgeschirrten, tanzenden Araber, und sein farbloses Antlitz besaß eine ernste Lieblichkeit.

Wie ich damals, mitten unter dem niedern Volke stehend, ihn bewunderte, ließ ich mir nicht einfallen, daß ich selbst über ein kurzes in den Dienst des Königs treten und dort diesem wundersamen Herrn täglich, ja stündlich begegnen würde.

Das begab sich aber folgendergestalt.

In der Werkstätte meines Meisters gingen die Normannen ein und aus, denn da gab es stets mit neuer Kunst erfundene oder vervollkommnete Armbruste zu prüfen. Leider blieb bei diesen Besuchen die schüchterne Hilde nicht immer verborgen. Sie war die Freude und der Wunsch meiner Augen; so konnte mir nicht entgehen, daß die der normännischen Ritter schärfer auf ihr hafteten als heilsam war. Einer von ihnen, den sie Gui Malherbe, das ist Veit Unkraut, hießen und der im Gefolge und an der reichen Tafel des Kanzlers sein schädliches Dasein fristete, ein frecher, ungebundener Edelknecht, aber gegen die Frauen von geschmeidigen Manieren, wurde mir täglich mehr zum Stachel und zum Ärgernis, und es fraß mir das Herz ab, ihn mit der sächsischen Magd auf der Grenzscheide verblümter Tändelei und nackter Herrenfrechheit spielen zu sehen, ohne ihm dafür mein Messer zwischen die Rippen stoßen zu dürfen. Mein Leben hätt' ich es mir vielleicht kosten lassen; aber den Meister und das Mägdlein wollt' ich nicht ins Verderben stürzen, wie es doch damit geschehen wäre.

Was soll ich da Worte machen, wo mein Herr Burkhard sich aus seiner Jugend erinnert, wie behend der Böse in solchen Fällen sein Netz auswirft und zuzieht!

Eines Tages wurden der Meister und ich auf ein etliche Meilen von London gelegenes Schloß gerufen, um einem normännischen Herrn die Waffenkammer einzurichten. Es wird ein verabredetes Spiel gewesen sein. Wir wurden unter allerlei Vorwand dort aufgehalten, und als wir nach London heimkehrten, war Jung Hilde verschwunden – gewaltsam entführt nach der Aussage der Nachbarn, die nächtlicherweile Pferdegetrappel und eine jammernde Stimme gehört hatten, willig folgend, wie die feigen Gesellen und furchtsamen Mägde logen, da sie der Meister zur Rede stellte.

Ich warf meinen Verdacht auf Gui Malherbe – was sage ich? die Sache war mir gewiß, und so riet ich meinem Meister, dem Kanzler kniend den Weg zu verlegen, wenn er an unserer Werkstatt vorüberritte nach dem festen Turme von London, zu dessen Kastellan der König ihn erhoben hatte, und nicht zu weichen, bis er ihm Gehör gebe und seinen normännischen Knecht zur Rechenschaft ziehe.

So geschah es eines Tages. Mein armer Meister warf sich vor dem prächtig geschirrten Zelter des Kanzlers in den Staub und heischte, seinen grauen Bart raufend, mit erstickter Stimme und mit tränenbedeckten Wangen Gerechtigkeit gegen den Räuber seines Kindes, der mit trotziger Miene, aber unruhigen Augen in der dritten Reihe hinter seinem prunkenden Gebieter betritt.

Ich kann es nie vergessen und sehe es jetzt noch, wie dieser gelassen und unbewegt, ohne eine Miene zu verziehen, den Geängstigten kaum mit einem dunkeln Blicke aus seinen halbgeschlossenen Augen streifte, das Pferd langsam an ihm vorüberlenkend.

Als dann der verzweifelnde Sachse auf die Füße sprang, die geballten Fäuste gegen ihn schüttelte und ihm nachschrie: ›Schade, Pfaffe, daß du kein Kind hast, das dir ein Normanne verderben kann!‹ da berührte Thomas Becket, wie von einem lästigen Insekt umschwärmt, leise sein arabisches Roß, um es in etwas raschere Gangart zu setzen. Ich aber drängte den alten Mann in sein Haus zurück und entzog ihn den höhnenden Blicken und verächtlichen Scherzreden der den Kanzler geleitenden Reiterschar.

Nun folgten jammervolle Tage, an die ich noch heute nur mit Bitterkeit zurückdenke; damals glaubte ich sie kaum zu überstehn. Es wurde nichts besser, als eines Tages die arme Hilde unversehens, da es dunkelte, in der verlassenen Werkstatt saß, den Vater erwartend, von dem sie wußte, daß er bei einbrechender Nacht mit eigenen Händen Laden und Türe verriegelte.

Ich habe nie erfahren, ob der Normanne Malherbe seine Gefangene freiwillig zurückgab, weil er ihrer müde geworden, oder ob der Kanzler in seiner verborgenen Weise einen Druck auf ihn ausgeübt hatte.

Eines dagegen sah ich deutlich: der Meister trieb mich in treuer Absicht aus dem Hause. Er war gesonnen, sein zertretenes und scheu gewordenes Kind einem Angelsachsen aus seiner Verwandtschaft, der in der Werkstatt arbeitete und Trustan Grimm hieß, einem ungeschlachten Rotkopf, zum Weibe zu geben. Dabei wollte er mich nicht zusehen lassen. So lag er mir täglich an, eine bessere Stellung zu suchen, und da ich in jener Zeit, um Groll und Gram zu verwinden, eine Armbrust erfand, die weiter trug und sich leichter spannen ließ als alle damaligen – ein braves Werk, wenn ich es auch später abermals übertroffen habe –, so redete er mir zu, meine Erfindung König Heinrich, der ein Förderer und Pfleger der edeln Wurf- und Schießkunst war, persönlich zu überbringen und zu empfehlen. Ich sah, er meinte es gut mit mir, und ich befolgte seinen Rat.

IV

 

Als ich auf Schloß Windsor zum ersten Male vor den König von Engelland trat, zitterte mir das Herz im Leibe, denn er war von gewaltigem Wuchs und herrischer Gebärde, und seine blauen unbeschatteten Augen brannten wie zwei Flammen. Er blickte mich zuerst ungnädig an, begriff aber sogleich, worum es sieh handelte, mehr aus der dargebotenen Armbrust als aus meinen stockenden Worten, nahm, spannte sie, legte den Pfeil, trat an das geöffnete Fenster und schoß nach einer Krähe, welche sich auf die, da es windstill war, bewegungslose Fahne des Schloßturms gesetzt hatte; und ein helles Lachen ging über sein Antlitz, wie sich die Fahne drehte und das Tier flatternd in die Dachrinne stürzte.

Noch einmal prüfte er mit dem Finger Senne und Drücker, dann warf er mir einen befriedigten Blick zu. ›Das ist mit Kunst gemacht, mein Junge‹, lobte er mein Werk. ›Da, trag es in meine Rüstkammer und melde dich beim Waffenmeister als meinen Dienstmann; denn du bleibst um mich, Deutscher, und magst mir die Armbrust auf die Birsch nachtragen.‹

Da war keine Widerrede, auch wenn mein eigenes Herz nicht danach gelüstet hätte, den Königsdienst zu versuchen als das Höchste im Weltspiel.

Während Herr Heinrich noch zu mir sprach, kam sein Dritter, der halbwüchsige Herr Richard, hereingesprungen mit dem Jubelrufe: ›Vater, die normännischen Hengste sind da! Prächtiges Blut!‹ und Herr Heinrich ließ sich von seinem Lieblinge fortziehen.

Jetzt erhob sich aus einer tiefen Nische, wo er, ohne von mir erblickt zu werden, vor einem mit Schriftstücken belegten Marmortisch gesessen hatte, ein vornehmer, bleicher Mann in köstlichen Gewanden und trat, diese schön und langsam bewegend, zu mir, als trüge er Verlangen, auch seinerseits über meine Erfindung sich unterrichten zu lassen. Es war der Kanzler. Ich wiederholte meine Lehre mit mehr Verwirrung – könnet Ihr es glauben? – als vor dem Könige; denn mir wurde bange, da er, aufmerksam lauschend, mich ganz ausreden ließ, und mir schien, als ertöne meine einsame Rede viel zu keck und laut in der hochgewölbten Halle.

›Eure Gnade‹, endigte ich, ›ist ein Gelehrter und hat wohl kein Gefallen an Kriegszeug?‹

Er senkte die dunkeln Augen und antwortete leutselig: ›Ich liebe das Denken und die Kunst und mag es leiden, wenn der Verstand über die Faust den Sieg davonträgt und der Schwächere den Stärkeren aus der Ferne trifft und überwindet.‹

Mit diesem schönen und einsichtigen Lobe der Armbrust, lieber Herr, köderte mich der Kanzler, ohne es zu wollen, und ich hätte ihm meine Lust an seiner Weisheit mit dankbaren Worten bezeigt, hätte ich meine Scheu vor seinem blassen und übermenschlich klugen Antlitz verwinden können.

 

In die Rüstkammer tretend, fand ich dort den Waffenmeister, einen eisgrauen Normannen, der mich wohl um Kopfeslänge überragte. Herr Rollo empfing mich hochfahrend und geringschätzig, beschäftigte sich dann aber eingehend mit meiner Erfindung; denn er war in Engelland der beste Kenner alles Rüstzeuges. Er brummte etwas Beifälliges zwischen den Zähnen und kam endlich dahin, meinen Gedanken zu billigen. Als er mich dann um meine Heimat befragte und erfuhr, ich stamme von unweit des schwäbischen Meeres her, schenkte er mir aus seinen harten Runzeln einen aufmerksamen Blick.

›Treue Leute, die Schwaben, und deren sind wir hier zu Hofe bedürftig‹, sagte er. ›Hältst du dich aufrichtig, Deutscher, so mangelt es hier nicht an Gnaden und Lohn. Du trittst in eines gewaltigen Herren Dienst.‹

Und er hob an, das Wesen der normännischen Könige mit großen Worten zu preisen und mir ihre Reiche und Herrschaften aufzuzählen. ›Diesseits und jenseits des Meeres sind sie mächtig‹, rühmte er, ›und was sie ergreifen, das lassen sie nimmermehr los.‹

Dabei zeigte er mir die Panzerhemden und Kronhelme des Eroberers und seines Sohnes, welche, an den Mauern der langgestreckten Halle, zuvörderst in einer endlosen Reihe von Rüstungen und Waffenstücken hingen.

›Eines nur‹, fuhr er kopfschüttelnd fort und wehrte mir, einen verrosteten Pfeil zu berühren, der unter der Rüstung des zweiten Königs auf den Steinfliesen lag, ›eines nur, das Letzte, mißrät ihnen. Die hohen Herren haben allesamt ein böses Sterben. Dieser Bolz – Gott und der Teufel wissen, wer ihn abschoß – hat Herrn Wilhelm dem Rothaarigen mitten im lustigen Jagen den Lebensfaden zerschnitten. Aber was tut's? Glänzende Sonnen gehen blutig unter.‹

 

So ritt ich denn von nun an in Jagd und Fehde hinter meinem Herrn und Könige her und fand ihn, wie er sich mir am ersten Tage gezeigt hatte: von wechselnden Launen wie April, barsch, ungeduldig, aufbrausend, schrecklich im Zorn, aber auch wieder von mitteilsamem Gemüte, zugänglich und leutselig, so daß man zur guten Stunde einen Scherz wagen durfte und es geschehen konnte, daß der erhabene Herr mit seinem Gesinde lachte, bis ihm die hellen Tränen über die Backen liefen.

Daß ich aber aus dem Stalle und der Gewehrkammer in das Vorzimmer gelangte und mich zuletzt auf die Schwelle der königlichen Schlafkammer wie ein Rüde betten durfte, das geschah nicht sprungweise, sondern allmählich von Schritt zu Schritte.

Weiter: Teil 2 von 5