Der Heilige
Der Heilige
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 5 Teile geteilt.
Siehe, ich habe noch andere Kinder, deine Sachsen, deren Seelen du selbst einst meiner Hut anvertraut hast.
Aber wie soll sie der verbannte Hirte weiden? Und wie sollen diese Seelen gedeihen, wenn ihre Leiber das Eigentum deiner Wölfe, deiner unersättlichen Barone sind? Seit dein Ahn, der Eroberer, viele Tausende dieser überwundenen Sachsen einer Handvoll eiserner Normannen unterworfen hat, wohnen die Beraubten nicht mehr auf eigenem Grunde. Du verstümmelst die Männer wegen eines erlegten schädlichen Wildes kraft deiner barbarischen Jagdgesetze und scheuchst Jünglinge und Mägde in den Schatten der Klöster weg von der Sonne und von der ererbten nährenden Erde, die sie friedlich bauen und bevölkern sollten.
Laß mich gewähren! Höre mich an: ich will dir und dem Sohne, der dir bleibt, ein Volk schaffen. Nicht mit Eroberung und Gewalttat, sondern mit Weisheit und Gerechtigkeit, mit dem sanften Stabe des Bischofs will ich überwinden. Weil ich die Seelen beherrsche, so fürchte ich mich nicht vor den Schwertern deiner Normannen. Ich bin in diesen Tagen des blinden Zornes und der plumpen List noch immer der Klügste der Sterblichen.
O mein König, wie töricht hast du gehandelt, da du, meine Macht zu zerstören, deinen Sohn Heinrich gekrönt hast! Und wie ungerecht! Denn du selbst hast mich zu deinem Primas gemacht, und dein Primas bin ich auf immer.
Siehe hier‹ – er hob eine Rolle aus seinem Busen, ›den Bannstrahl des Papstes in Rom, den er gegen dich wirft, weil du an die Rechte meines Stuhles getastet hast – ein unreines Feuer, das ich nicht auf dein Haupt herabbeschworen habe! – Heute ist der Heilige Vater ein Mietling deines königlichen Vetters von Frankreich, wie er einst, da ich dir diente, der deinige war. Du hast die Seele des Latiners nicht verstanden und spartest das Geld zur Unzeit.
Gib dich, mein Herr und Gebieter, in meine Hände zurück, und ich trete dir diese käufliche Brandfackel aus! Auch auf die Rechte meines Stuhles werde ich einst verzichten, wann ich sie gebraucht haben werde, um in deinem Königreiche jedem Raum und Recht und dir ein Volk zu schaffen. Denn nicht des Latiners Knecht bin ich, sondern ein Diener und Bruder des Nazareners.‹
Über diesen erstaunlichen Worten war das Angesicht des Königs bald aufgeflammt und bald erbleicht. Zuweilen schien er überwältigt, dann sträubte sich sein Königsstolz, dem Bischof und seiner Weisheit sich zuzuneigen und zu ergeben. Feindschaft und Grauen gewann wieder die Übermacht, und seine Seele blieb zwiespältig.
›Siehe, mein Fuß ist müde‹, fuhr Herr Thomas mit weicher Stimme fort. ›Ich bin eine erlöschende Flamme, doch scheint mir lebenswert, in diesem Zeitalter des Hasses und Zwiespalts ein Reich zu gründen, wo Gott und dem Menschen nicht ins Angesicht gespien und geschlagen werde.
Erbe des Eroberers, willst du ein gerechter König werden?
Begehrst du eine mildere Todesstunde als die deiner Ahnen? Über dir schwebt‹ – und Thomas schaute in den leeren Raum über dem Haupte des Königs, wo ich im Geiste eine Hand mit gezücktem Schwerte erblickte – ›eine andere als meine Rache. Ich sühne sie dir. Ich schirme dich. Besser diene ich dir jetzt als einst dein ehrgeiziger Kanzler. Ich bin dein Freund! Denn, siehe, dein Sohn Richard hat für dich gebeten.‹ –
Diese schöne und geistliche Rede hätte vielleicht meinen armen König überwunden, hätte nur der kluge Herr Thomas das Löwenherz nicht ins Spiel gezogen!
Mein Herr Heinrich, obwohl er seinen Dritten über alles liebte, war durch den unkindlichen Verrat und Abfall der Jungherren Heinz und Gottfried gegen sein eigenes Fleisch und Blut argwöhnisch geworden. Ihn ärgerte zu dieser Stunde, daß sein Sohn Richard für ihn gebeten, und in seinem Herzen schwoll und kochte ein schwarzes Mißtrauen.
›Wohin drängst du mich, Thomas?‹ begann er, ›ich soll meine Normannen erzürnen? Was sinnst du?... Meine sächsischen Knechte freigeben?... Meinst du's im Guten... Willst du mich verderben?...‹ Er runzelte die Stirn, als mühe er sich nachzudenken, aber plötzlich kam ein verwirrender Geist des Zornes über ihn: ›Ich erkenne dich‹, rief er, ›du willst mich und mein Reich zerstören!... Seit Gnade, die Gott verdamme, dahin ist, brütest du Tag und Nacht über meinem Untergange, du Heuchler, du Verderber, du rachsüchtiger Heide!‹
Das Antlitz des Herrn Thomas aber leuchtete wie das eines Engels, und er sagte mit strahlenden Augen: ›Ich vergebe dir den Tod Gnades und deine Lästerung, wenn du meine Brüder, die Sachsen, freigibst und fortan göttliche und menschliche Wege wandelst! Willst du, König Heinrich?...‹
In diesem Augenblicke wurde der Haufe der normännischen Herren unruhig, die es verdroß, den König so lange mit dem geächteten Bischof, dessen Klugheit sie fürchteten, verhandeln zu sehen, und deren Ehrerbietung gegen ihren Fürsten schon merklich gesunken war. Sie rasselten mit den Speeren und Schilden, tummelten ihre Rosse und schrien: ›Finissez, Seigneur Roi, finissez!‹
Herr Heinrich erschrak und bedeutete den Primas, schleunig von ihm zu weichen.
›Zurück mit dir‹, rief er, ›in dein französisches Kloster!... Und daß deine Sohlen nimmermehr den englischen Boden berühren, du Volksverführer! Weder hier noch jenseits will ich je mit dir wieder zusammenkommen und zu schaffen haben, du Zauberer und Schicksalsrabe!...‹
Aus dem Angesichte des Primas wich jedes Leben.
Er antwortete mit sanfter Stimme: ›Ich weiß nicht, ob ich deinem Worte folgen kann, denn lange bin ich nun gewandert, und Hirt und Herde verlangen nach einander. Auch sehne ich mich nach meiner Ruhestätte. Darum, o Herr, verspreche ich nicht, dir zu gehorchen. – Doch besorge nichts von mir, meine Schritte suchen den Frieden.‹
›Hüte, hüte dich, bei deinem Leben, meinen englischen Boden zu betreten!‹ schrie der König außer Sinnen und gebärdete sich so heftig, daß Herr Richard, das Löwenherz, der, aufmerksam auf die zweie, sich in der Nähe der normännischen Ritter hielt, mit verhängtem Zügel und bestürzten Mienen herangesprengt kam.
Thomas Becket aber wendete sich von dem Könige mit einem wehen Lächeln. ›Ich glaube, die Stunde meiner Befreiung nahet‹, sagte er. ›Wo hätte ich Zager sonst den Mut genommen, das Haupt zu erheben und meinen Herrn und König zu erzürnen!‹ –
So schieden sich Herr Heinrich und Herr Thomas voneinander ohne den Frieden, den sie doch beide redlich gesucht hatten.
XII
Als wir die graue Heide, den Ort des verweigerten Kusses, verlassen hatten und schweigsam in uns gekehrt nach der festen normännischen Stadt Rouen trabten, trieb uns nach einem warmen, verlängerten Spätherbst eine rauhe Winterluft die ersten Flocken entgegen. Mich drückte der Kummer wie ein zu enger Brustpanzer, denn ich gab die Sache meines Königs verloren, wohl wissend, was ich Herrn Richard nicht verhehlt hatte, daß das an einem Sonnenstrahl der Güte schmelzende Eis der Herzen, von neuer Kälte überfallen, sich zwiefach verhärtet. Mit meinen Augen hatte ich es gesehen, wie der Primas dem Löwenherzen zuliebe sein innerstes Naturwesen hatte zwingen wollen, die Lippen meines Königs zu berühren, und wie er es nicht gekonnt.
Von Dohlen und Krähen umflattert, sprengte Herr Heinrich über das Blachfeld, das sich langsam mit Schnee bedeckte.
Da, an einem Kreuzwege, spornte Herr Richard seinen Falben, den er bei währendem Ritte gegen seinen Gebrauch in den hinteren Reihen gehalten hatte, neben den Berberhengst des Königs und beurlaubte sich von dem Vater mit gesenktem Haupte und, wie mir schien, tiefsinnigen und hinterhältigen Mienen, wie sein tapferes Antlitz sie sonst niemals zeigte. Er schützte ich weiß nicht welche persönlichen Anliegen und Verwickelungen in seiner Grafschaft Poitou vor, und ich verstand, daß er zwar nicht mit den Brüdern gegen den König Panier aufwerfen, aber außerhalb des Streites sich halten werde.
In der Stadt Rouen hielt sich Herr Heinrich bis zur Weihnacht, die nicht ferne war, in guter Zucht und christlicher Zerknirschung, hörte fleißig die Messe und tat sich wehe mit Fasten und jeglicher Enthaltsamkeit; denn er war gesonnen, am Morgen des teuern Festes das hochheilige Brot zu essen.
So tat er auch mit Andacht und Freude. Dann setzte er sich mit seinem adeligen Gesinde an die reich beladene Tafel, um seinen kasteiten Magen zu ergötzen. Das festliche Mahl war zu seiner Mitte gelangt, da regte sich der Böse und schickte einen Störefried.
Gestiefelt und gespornt – denn er hatte sich eben vom Pferde gekugelt – keuchte der Bischof von York durch die Halle und stellte sich, rot wie ein Puter, mit erzürnten Gebärden vor den tafelnden König. Dieser kurze, hitzige Normanne konnte mit seiner Unrast und dem Auffahren seiner Gliedmaßen einen Gelassenen und Gesunden aus der schönen Fassung bringen, geschweige meinen König. Ihm an der Seite erschien einer seiner Kleriker, ein Mann mit langem Gesichte voller Vernunft, der ihn mit bedächtigen Reden zu beruhigen und zu regeln trachtete.
›Helfet mir, gerechter König Heinrich‹, überschrie sich der Kleine. ›Nicht genug am Primas, hat nun auch der Heilige Vater in Rom seinen Bannstrahl auf mein Haupt geschossen. Thomas Becket, den Gott verpeste, hat die Bulle verstohlenerweise auf seinem eigenen Leibe in Euer englisches Königreich getragen, und eben jetzt, zur heiligen Freudenzeit, wird sie in allen Kirchen, wo Sachsen Messe lesen, zu meiner und meines Königs Schmach feierlich verkündigt. Und wie ist der Sohn der Bosheit nach Canterbury gekommen?... Als ein Triumphator mit Roß und Wagen und einem langen sächsischen Heerzuge!...‹
Hier gelang es dem verständigen Kleriker, seine Stimme hörbar zu machen.
Dem sei nicht so, wandte er ein, auf einer frommen Eselin sei der Primas eingeritten; wahr sei es aber, daß das Volk Gewand vor ihm ausgebreitet und, was Grünes in dieser Winterzeit vorhanden, auf seinen Weg gestreut habe. Der Verbannte sei als ein müder Mann nach Canterbury zurückgekehrt und habe sein erzbischöfliches Haus, ja sein Gemach seither nicht wieder verlassen. Freilich habe der Primas zwei päpstliche Bullen in seinem Gewande nach Engelland gebracht: die eine aber habe er in die Flamme seines Herdes geworfen, die andere von seinen kriegslustigen Klerikern nur mit Widerstand sich entreißen lassen. Herr Thomas sei am Erlöschen, und die Natur selbst werde Herrn Heinrich von seinem Peiniger und Widersacher in Bälde befreien.
Das sei die nüchterne Wahrheit. Ein ihm verpflichteter Hausgenosse des Primas habe sie ihm getreulich erzählt.
Der Bischof aber rannte diese Vernunft mit gewaltsamen Worten zu Boden. ›Thomas am Erlöschen?‹ schrie er. ›Bei meiner Bischofsmütze, drei Lebensgeister hat der Zähe, um deiner Majestät zu schaden! Thomas ein Friedebringer? Den Krieg bringt er dir nach Engelland! Überall auf seinen Wegen tumultuierten die Sachsen und griffen zu ihren Äxten! Ich habe es von Augenzeugen!‹
Das schien mir schon damals unmöglich, wie ich die geschwächten Sachsen kannte. Aber ich hörte kaum auf die kollernden Worte des Bischofs, denn alle meine Sinne waren auf meinen König geheftet, dessen Innerstes zu sieden begann.
Er hatte die Berichtigungen des verständigen Klerikers in der Betäubung seines Zornes nicht vernommen.
Jetzt kam die lodernde Flamme zum Ausbruch. Herr Heinrich, von dem Aufruhr oder der Demut des Primas gleicherweise empört, sprang in sinnlosem Zorne vom Sitz empor und stieß seinen Becher so hart von sich, daß er weit über die Tafel rollte, den Wein in roten Strömen auf das Linnen vergießend, wie Blut in den Schnee.
›Ich habe ihm verboten, meinen Boden zu betreten!‹ schrie der König mit bebender Stimme. ›Ich weiß, er verbirgt in seinem Busen und Gewande auch einen päpstlichen Bannbrief gegen mich, seinen König. Er hat mir ihn selbst gezeigt, der Böse!‹ Jetzt schlug er verzweifelnd die Fäuste gegeneinander und wehklagte: ›Ich habe ihn gekleidet und geschmückt wie eine Geliebte. Er hat wie ein schmeichelndes Hündlein das Brot aus meiner Hand gegessen, und dieser Teufel von Undankbarkeit tritt mich mit Füßen, zerreißt mein Haus und zerstört mein Reich.‹
Er blickte irr über die verstummte Tafelrunde und schleuderte seinen Rittern die beschimpfenden Worte zu: ›Ich mäste Knechte! Sie zehren am Mark meiner Länder und strecken die Füße aus unter meinem vollen Tisch; aber keiner dieser Fresser und Schwelger ist Mannes genug, mir einen Verräter vom Halse zu schaffen!‹
Während der Herr mit rollenden Augen auf und nieder schritt und sich keiner mit der Rede an ihn wagte, hatte sich die Mehrzahl der Königsgäste erhoben und umringte den Bischof, diesen mit Fragen und Vorwürfen bestürmend.
Hinter dem Stuhle des Königs stehengeblieben, sah ich am untern Ende der plötzlich gelichteten Tafel viere zusammensitzen, die sich Blicke zornigen Einverständnisses zuwarfen und im Flüstertone, als hielten sie geheimen Rat, aufgeregte Worte tauschten. Ihre Namen, Herr, sind Euch bekannt, denn die Legende hat sie in alle vier Winde gerufen, sie sind die Unseligsten aller Lebenden, und jedes Christenkind in Engelland bekreuzt sich vor ihnen.
Das ist zum ersten Herr Wilhelm Tracy, der Spötter, dann Herr Richard aus der Bretagne, Herr Rinald, der Schöne, ein Liebling der Weiber, und letztens Herr Hug, der Einsilbige.
Ich stand zu ferne, um ihre Worte zu verstehen, aber ihre Gebärden sprachen deutlich genug.
Noch seh ich, wie Herr Hug sich die Lippe benagte, wie Herr Rinald seine weichen Langhaare um die Finger schlang und zerriß, während Herrn Richard der Zorn dunkelrot in die Stirne stieg und der witzige Mund des Herrn Wilhelm Tracy, der sonst voller Gelächter war, sich zum bittersten Hohne verzog. Dann schienen sie eins geworden und verschwanden zusammen durch eine Hintertüre.
Ich wandte mich nach dem Fenster und sah die viere im Schloßhofe ungeduldig auf ihre Rosse harren und sie dann hastig besteigen.
Als ich am Abend dieses schlimmen Christtages in der Kammer meines Herrn erschien, um seinen Jagdbefehl für morgen zu holen, fand ich ihn, wie den Zornmütigen zu geschehen pflegt, stumm und niedergeschlagen, so daß ich es wagen durfte, meinem geängstigten Herzen Luft zu machen.
›Zu Mittag nach Eurer scharfschneidigen Tischrede‹, begann ich, ›sind vier Eurer Gäste‹, und ich nannte sie, ›spornstreichs verritten, ich meine nach der Küste. – Hätten sie aus Euern entrüsteten Worten einen Wunsch oder einen Befehl herausgehört... o Herr! Was dann? Wenn sie Eure Rede in Eure Tat verwandelten – es wäre nicht Euer Wille.‹ –
Er starrte mich an, mühsam seine Gedanken zusammenknüpfend, und antwortete nicht.
›Bei der glückseligen Krippe‹, warnte ich flehentlich, ›das ist kein Geringes! Alle Heiligen und Engel wollen Euch behüten, daß Ihr Euch keinen Märtyrer auf die Seele ladet!‹ –
Jetzt begriff er mich plötzlich und packte mich an der Schulter. ›Wann sind sie verritten?‹ fragte er, obwohl ich es ihm eben gesagt hatte. ›Warum mahnst du nicht zu guter Zeit, krächzender Rabe?‹ –
›Noch ist es nicht zu spät!‹ versetzte ich unerschrocken. ›Betrachtet die von Mitternacht heranziehenden Schneewolken! Sicherlich tobt die See, und sie haben Gegenwind.‹
›So sattle meinen Berber‹, befahl er, ›er überholt den Sturm. Erreiche die viere und bring sie mir zurück. Du ereilst sie mir – ich will es!‹
›Herr‹, sagte ich, ›sie werden mich nicht hören; denn Ihr habt ihre Ehre aufs Blut gereizt. Besser, ich reite einen andern Weg, erreiche die Küste, wo der Meeresarm am dünnsten ist, presse dort das schnellste Schiff, wem es gehöre, gelange nach Canterbury vor den vier von Euerm Zorne Gejagten und schaffe Herrn Thomas in Euerm Namen Sicherheit.‹
›Das ist deine Sache!‹ drohte er. ›Wisse eines: ich will nicht, daß dem Primas ein Leides geschehe! Wird ein Haar dieses ehrwürdigen Hauptes gekrümmt, so büßest du dafür und baumelst mir am nächsten Galgen!‹
Es hätte dieser unsinnigen Drohung für mich nicht bedurft. Nie wurde schneller gesattelt, nie rastloser geritten! Unterwegs erfuhr ich, die viere hätten sich dem nächsten Seehafen, welchen sie den Port der Gnade nennen, zugewendet, und eilte quer durch französisches Land nach Calais, von wo mich ein Schnellsegler in wenig Stunden nach Engelland hinüber brachte, während ich inmitten der stürzenden Wellen Gottes liebe Mutter, die mich auch erhörte, inbrünstig anrief, mich den vier Zornmütigen nur wenigstens um zwanzig Ave Maria vorkommen zu lassen.
Auf englischem Boden wurde ich häufig von streifenden geharnischten Normannen angerufen; denn das Land war in Unruhe und die Sage überall verbreitet, der Primas umgebe sich in Canterbury mit sächsischen Waffen.
Von diesem in der Luft herrschenden Geiste der Bangigkeit gejagt, trieb ich, auf die fliegende Mähne des Berbers mich beugend, das edle Tier zu rasendem Laufe, und dennoch schien es mir, als wollten sich die aus dem Häuserhaufen von Canterbury aufsteigenden Türme der Kathedrale, auf die ich meinen Blick unverwandt geheftet hielt, nicht vergrößern.
Als ich mich endlich in Schweiß gebadet den Mauern der Stadt näherte, fand ich die Straße vor dem Tor mit frisch abgehauenen Tannenzweigen und dürftigen Wintermaien, den Zeugen eines friedfertigen Einzuges, bestreut. –
Ich glitt vom Pferde und führte das schnaufende Tier durch eine Hintergasse in die Brauerei, wo ich abzusteigen pflegte; denn ich hatte nicht selten meinen König nach Canterbury begleitet, dessen eben vollendetes Münster als ein Wunder der neuen Baukunst galt. Der Hauswirt, ein Sachse, der zugleich der Alderman von Canterbury war, schloß gerade behutsam die Läden der gegen die lange Hauptgasse gewendeten Fensterreihe. Als ich ihn fragte, wozu er am hellen Tage Finsternis mache, deutete er mir mit der Linken zu schweigen und schob mich mit der Rechten vor die breite Spalte eines Fensterbalkens. Ich lugte durch und sah die viere von der Königstafel in voller Rüstung die Gasse auf und nieder reiten, mit ausgestreckten Schwertern auf die Fenster und die Haustore weisend.
›Jeder halte sich im Hause! Keiner setze den Fuß auf die Gasse!‹ gebot Herr Wilhelm Tracy, der seinen Rappen vor der Wohnung des Aldermans herumriß, während das Tier aus schnaubenden Nüstern eine Dampfwolke in die kalte Winterluft ausstieß.
Nachdem der Herr sein Roß gewendet, wiederholte er den Befehl, nicht in der verächtlichen Weise, wie der normännische Hochmut die Sachsen anzufahren pflegt, sondern mit feierlichem Heroldsrufe.
Die erschrockenen Bürger gehorchten. Hier schloß sich eine Kaufbude, dort trug ein Hökerweib jammernd seine Körbe weg, weiter unten hob eine geängstete Mutter ihr auf der Gasse spielendes Kind auf den Arm und flüchtete es heim.
Der witzige Herr Wilhelm war nicht zu kennen. Ernst und unglücklich schauten seine Augen unter den schwarzen Brauen hervor aus der Blässe seines Angesichtes. Es wurde mir deutlich, daß sich die viere unterwegs geeinigt hatten und die auf ihrer Seele brennenden Schmachworte des Königs nicht mit einer zornigen Mordtat, sondern mit Gericht und Bluturteil zu löschen gedachten.
Auch ich ratschlagte mit dem Alderman, machte den echten und letzten Willen meines Herrn und Königs geltend und gebot ihm, sobald die viere gewichen, seine Bürger zu ermutigen, zu bewaffnen und mit ihnen meines Zeichens zu harren.
Dann schlüpfte ich durch Seitengäßchen und erreichte das feste erzbischöfliche Haus, wo sie mich als Königsknecht und eine in Engelland wohlbekannte Person ohne Schwierigkeit, ja bereitwillig wie einen Nothelfer, einließen.
Sie führten mich in eine prächtige, lieblich erwärmte Halle, wo der Primas unter vielen Klerikern und dienenden Brüdern Tafel hielt, hinter denen ich mich barg, ungern mich geduldend, bis der Augenblick es erlaube, mich Herrn Thomas zu nahen.
Er selbst berührte keinen Bissen, sondern hielt das geisterhafte Haupt mit geschlossenen Augen in den bischöflichen Stuhl zurückgelehnt, einen armen, frommen Mann aus Canterbury anhörend, der mit bebender Stimme den Eintritt der viere berichtete.
Nachdem er ihn von der Nähe der Gefahr überzeugt hatte, beschwor der Sachse den Primas, sein Leben durch die Flucht zu retten. Ein ängstliches Gemurmel lief um die Tafel.
Herr Thomas aber regte sich nicht. ›Es ist genug‹, sagte er ruhig, segnete und entließ den Weinenden. Dann sprach er: ›Gib mir den Kelch!‹, und der junge Kleriker, an den er sich wandte, ein blondlockiger Knabe in weißem faltigen Gewand, reichte ihm eine mit Wasser gefüllte kristallene Schale, die er langsam ausschlürfte.
Jetzt trat ich vor und warf mich dem Primas zu Füßen. ›Ehrwürdiger Vater, ich komme von meinem König! – Ihm ist bange um Euch!‹ rief ich. ›Er sendet mich auf eiligen Schiffen und dampfenden Rossen, daß ich Euch mit meinem Leibe decke und die königliche Macht über Euer Haupt breite!... Auf, fromme Brüder‹, und ich wendete mich an seine Kleriker, ›auf! Stehet mir bei! Führet Euern Bischof in sein innerstes, festestes Gemach! Und ihr andern, helfet mir die Tore versperren und die Türen verrammeln! Ist nur das erste Feuer der vier Herren verlodert und ihr erster Anlauf abgeschlagen, so geleite ich mit Hilfe der Leute von Canterbury den Primas in die nächste königliche Burg. – Herr Thomas, im Namen der benedeiten Mutter, widerstrebet nicht! Gebt Euch in des Königs Schutz, und Euch wird kein Haar gekrümmt werden!‹
Ohne sich von der Stelle zu rühren, richteten die Kleriker insgesamt ihre Blicke auf den Primas; doch dieser machte mit wenigen gelassenen Worten meinen Anschlag zunichte. ›Besser als dir ist der Wille deines Herrn mir bekannt. Ich lese deutlich in seinem Herzen! Gottes ewiger Ratschluß und der Vorsatz meines Königs erfülle sich an mir!‹
›Bei den fünf heiligen Wunden!‹ schrie ich, außer mich geratend, ›der König will nicht, daß Ihr hier erwürgt werdet! Trägt er die Schuld, wenn Ihr die trotzige Absicht habt, Euern Leib und des Königs Seele wissentlich und freventlich zu verderben?‹ –
Da wandte sich plötzlich Herr Thomas gegen mich und schlug mich mit biblischen Worten: ›Hebe dich von hinnen, du Schalk und böser Knecht, denn du bist mir ärgerlich!‹ –
Erschrocken sprang ich auf die Füße und wich zurück unter die Kleriker. Ich war betrübt und mehr noch ergrimmt, daß Herr Thomas, der bis heute säuberlich mit mir gefahren war, im Augenblicke, da sein Innerstes offenbar wurde, mir so böse und ehrrührige Namen gab, als wäre ich ein Erzschelm von lange her. – War das nicht eine Ungerechtigkeit? Ich überlasse Euch das Urteil, jetzt, da Ihr meinen Wandel von jung auf kennt und ich Euch nichts von meiner Blöße verhehlt habe.
Bevor ich den Schmerz dieses unverdienten Schlages verwunden hatte, wurde die Türe geöffnet, und die vier normännischen Herren traten in die Halle, ohne Rüstung und Waffen, in gewöhnlicher Hoftracht. Sie begrüßten den Primas mit tadelloser Courtoisie und feindseligen Mienen.
Der Bischof hatte sich bei ihrem Eintreten in seinem Stuhl emporgerichtet, und ich wunderte mich über die Erhabenheit seiner Gestalt, aus welcher jede Schwäche gewichen schien. Er erwiderte den Gruß seiner finstern Gäste ebenso adelig und lud sie, die Hand leise bewegend, an seine Tafel. Sie setzten sich.
›Wie steht es um meinen Herrn und König?‹ fragte er sie nach einer Weile und erhielt keine Antwort.
›Ist's Friede?‹ fragte er wieder.
Die viere aber betrachteten den Bischof, die einen mit gesenkter Stirn unter drohenden Brauen hervor, die andern mit scheuen Seitenblicken, nur ein unverständliches Gemurmel kam über ihre Lippen.
Zuerst ermannte sich Herr Richard, den sie seiner unbezwinglichen Faust halben Frappedür, das heißt in unserer Zunge Schlagehart, nannten. ›Im Namen des Königs kommen wir!‹ sagte er.
›Ich glaube euch‹, versetzte der Primas. ›Ihr, die ihr um ihn seid, verstehst seine Winke und erfüllet seinen Willen.‹
›Hebe den Bann von dem Bischof zu York, Primas, oder hebe dich selbst aus Engelland!‹ fuhr Herr Frappedür fort, und der Einsilbige stimmte bei: ›Hebe den Bann oder dich selbst.‹
›Nicht ich allein, jetzt hat ihn auch ein anderer als ich, der Heilige Vater in Rom, mit dem Banne belegt‹, erwiderte Herr Thomas ruhig. ›An diesen wende sich mein Bruder in York. Meine Sache kann das nicht länger sein. Ich suche nur den Frieden.‹
›So entrinnst du uns nicht, du Doppelzüngiger!‹ drang Herr Wilhelm Tracy, der unter den vieren der gewandteste Redner war, auf den Primas ein. ›Befreie den Bischof von dem Banne, den du auf ihn geschleudert hast! Er brennt ihm stärker auf der Haut als der römische. Genug der Unterscheidungen und Spitzfindigkeiten! Gehorche deinem Könige und Lehensherrn in geraden Treuen, wie wir alle tun! Bist du nicht lediglich ein Geschöpf seiner Gnade? Wer hat dich aus dem Nichts gezogen und aus einem Sachsen zu einem Menschen gemacht? Woher kommt dir die erhabene Macht dieses Stuhles? Du Undankbarer, Feindseliger, sprich und bekenne: aus wessen Händen hast du sie empfangen?‹
Da rief Herr Thomas mit durchdringender Stimme, daß es durch die Halle zitterte:
›Aus den Händen meines Königs zu seinem Gericht!‹
Über dieser harten Rede gerieten die viere in Aufruhr. Rinald der Schöne drehte an den Fingern seiner Handschuhe, die er bis jetzt spielend in der Linken gehalten. Herr Richard Frappedür stieß mit Rücken und Fuß seinen Stuhl zurück, daß das Eichenholz krachte, und der Einsilbige sagte: ›Endet!‹
Herr Thomas aber sprach mit heiliger Hoheit: ›Ich glaube, Ihr drohet, tapfre Herren? Was will mein König von mir? Was sein ist, will ich ihm geben. Meinen Leib? Hier ist er. Nehmet ihn. Mein Gewissen aber gehört weder ihm noch mir.‹ –
›Vergessen wir der ritterlichen Sitte nicht!‹ sprach Herr Wilhelm. ›Herren, überlasset mir die Fragestellung!‹
Er erhob sich und trat in Totenblässe vor den Primas.
›Thomas Becket, nimmst du den Bann von dem Bischofe zu York? Rede!‹
Herr Thomas aber schwieg und verurteilte sich damit zum Tode.
›Thomas Becket, du hast den englischen Boden gegen den Willen deines Königs und den Spruch seines Parlamentes wieder betreten. Weiche aus Engelland! Zugesagt ist dir freies Geleit bis ans Meer. Wann ziehst du von hinnen? Rede!‹
Herr Thomas aber schwieg.
Eine Weile harrte Herr Wilhelm auf Antwort, dann schloß er finster: ›Das ist Felonie. Dein Blut über dich!‹ –
Die viere verließen den Saal mit gemessenen Schritten. Ich wußte, sie gingen, sich zu waffnen.
Es entstand nun eine so große Stille, daß ich mein Herz wie einen Hammer gegen die Rippen schlagen hörte. Da erklang aus dem Schweigen, stark und markig, eine Stimme, die ich anfangs nicht erkannte. Sie gehörte Herrn Thomas, der einen ihm gegenüber an der Wand hängenden Crucifixus mit Inbrunst ansprach:
›Fürst der Schmerzen, nimm Wohnung in diesem Leibe!‹
Wieder hörte ich lange Zeit nichts als die Schläge meines Herzens. Dann sprach Herr Thomas zum andern Male und streckte seine schmalen Hände aus:
›Durchstich sie und gewähre mir deine Passion!‹
Da erbebte ich in Ehrfurcht und getraute mir nicht länger, das Angesicht des Herrn Thomas zu besehen, weil ich fürchtete, der Dreifaltige habe in seinem Leib Einzug gehalten und blicke majestätisch aus seinen Augen.
Aber ich raffte mich zusammen, als ich auf dem Gange Waffenlärm vernahm, stürmte nach der Pforte und stieß alle Riegel vor. Durch mein Zufahren wie aus dem Banne eines Traumes gelöst, umringte der ganze Haufe der Kleriker den Primas, etliche fielen ihm zu Füßen, andere, die ihn fortziehen wollten, faßten seine Arme, noch andere umschlangen seine Hüften, um sich seiner zu bemächtigen und ihn mit liebender Gewalt wegzutragen.
Inzwischen schmetterten Beilschläge von draußen gegen die Türe.
Der Primas aber wollte von dem Sitze, wo er gerichtet worden, nicht weichen. Da trat ein schlanker, klug blickender Diakon vor ihn hin, legte den Finger auf den Mund und machte ihn auf das feine Geläute eines Glöckleins aufmerksam, das in dem Tumulte kaum zu vernehmen war. ›Es läutet zur Vesper, und man erwartet Euch in der Kirche, Vater‹, mahnte er.
Thomas Becket erhob sich ohne Weigerung, ein Zug ordnete sich, und der Primas durchschritt hinter dem vorgetragenen Kreuze den langen Gang, der durch das Innere des bischöflichen Hauses in den Chor der Kathedrale führte. Auch ich wandelte in Reih und Glied mit den psallierenden Pfaffen.« –
Hier hielt der Armbruster inne. Sein Blick richtete sich auf eine neben ihm auf dem Kaminsimse stehende Sanduhr, in welcher eben die letzten Körner aus dem oberen in das untere Glas rollten. Hans drehte die Uhr und sagte: »Heute jährt es sich, und es war zu dieser Stunde des Nachmittags, daß Herr Thomas seinen letzten Gang antrat.
In den Chor des Münsters gelangt, warf er sich vor dem Fronaltar auf die Knie, von seinen Klerikern umlagert, deren mehr als einer, an den Bogentoren des Lettners lauschend, furchtsam Blicke durch die Länge des Schiffes nach dem Hauptportale irren ließ, durch welches die Normannen jeden Augenblick eindringen konnten; denn der Diakon hatte diese Zufluchtsstätte nicht der Festigkeit, sondern der unantastbaren Heiligkeit des Ortes wegen gewählt.
Auch ich hielt das Portal unverwandt im Auge, entschlossen, im letzten Augenblicke, nicht gegen die vier Herren das Schwert zu ziehen – solches war mir als einem Knechte verwehrt –, aber Herrn Thomas mit meinem Leibe zu decken, ob ich die Schuld vergossenen Märtyrerblutes von meinem Herrn und Könige abwende.
Alle Zeit und Frist nimmt ein Ende. Es klirrte und blitzte unter dem Portal, die viere traten, geharnischt vom Wirbel bis zur Sohle, in die Pforte und stürmten mit nackten Schwertern durch das Schiff der Kirche. ›Mir nach, Getreue des Königs!‹ schrie Herr Wilhelm Tracy.
Schleunig wollte ich noch die offenstehenden festen Gitterpforten schließen, die den Chor von der Kirche trennen; aber der Primas, der sich erhoben und gegen seine Mörder gewendet hatte, wehrte es mir mit unwiderstehlicher Gebärde. Seine Kleriker aber alle umdrängten ihn. Die jüngeren und mutigeren füllten die Stufen. Voran auf die unterste stellte sich festen Fußes Trustan Grimm, der das Kreuz trug. Die anderen standen und knieten um den Bischof und drückten sich durcheinander wie eine erschreckte und verwirrte Herde, deren Hirte geschlagen wird.
›Wo ist der Verräter?‹ rief Herr Wilhelm Tracy. Da hielt der tapfere Mönch Trustan das Kreuz mit beiden Händen gegen ihn empor als einen Schutz und eine Drohung. Ein Schwerthieb, ein Blutstrahl, und der vom Leibe getrennte Arm sank mit dem Kreuz auf die Erde. Jetzt griffen die viere mit flach fallenden Hieben die geängstigte Pfaffheit an und trieben die auseinanderstürzenden Geschornen in feige Flucht. Ich aber trat neben Herrn Thomas, der mitten vor dem Hochaltare stand, die Arme öffnend, wie der Gekreuzigte über ihm, als hätte sich dieser verdoppelt.
›Der König will, daß du sterbest!‹ sprach Tracy und erhob das Schwert. ›Es geschehe!‹ antwortete Herr Thomas.
Ich umschlang ihn mit diesen beiden Armen und fühlte den Schlag niederblitzen und wurde in demselben Augenblicke unter dem Rufe: ›Fort, Knecht!‹ von einer eisernen Faust, die nur dem Frappedür gehören konnte, gepackt und geschleudert, daß ich sausend mit dem Schädel gegen eine Säule fuhr.
Während mir die Sinne schwanden, sah ich ein Blutmeer vor meinen Augen und darin ein sterbendes, lächelndes Haupt.
Wie lange ich auf den Steinplatten lag, ist mir unbewußt. Als meine Sinne wiederkehrten, war ich allein in der Kirche. Ich versuchte, mich aufzurichten, aber wagte nicht, nach der Leiche des Heiligen hinzublicken, die zwei Schritte von mir entfernt vor dem Altare lag. Das aber sah ich, wieder zurücksinkend, daß mein Lederkoller mit dem Blute des Gemordeten benetzt war.
Jetzt erhoben sich aus der dunkeln Tiefe des Schiffes zerreißende Klagetöne, das Wehgeschrei wuchs und wuchs, und die Kirche füllte sich mit armem sächsischen Volke, das nach seinem Vater schrie und die Rache des Himmels auf die Mörder herabflehte. Mit unheimlicher Hast und Liebe stürzten sich neben mir die Gestalten über den heiligen Leichnam, umfaßten die toten Hände und Füße, küßten die Wunden und wuschen sie mit Tränenströmen. Ihre Kleider und Lumpen aber tunkten sie gierig in das ausgegossene Märtyrerblut.
Endlich brachte ich mich auf die Knie, zog mit noch umnebelten Sinnen ein Tüchlein hervor und wischte die rieselnden Tropfen von meinem Wams. Da ward mir jammervoll zumute, und ich stöhnte:
›Mea culpa, mea maxima culpa.‹« – –
Also sprechend, ließ sich Hans der Armbruster, als wäre das Vergangene wieder gegenwärtig, stöhnend von seinem Schemel in die Knie sinken. Herr Burkhard streckte mitleidig seine alten Arme nach ihm aus und tröstete ihn mit liebreichem Zuspruche.
XIII
Unterdessen war das kärgliche Licht des Wintertages zur Neige gegangen, und da gerade ein dichter Tanz von Schneeflocken vor dem Fenster wirbelte, ward es plötzlich so dunkel in dem schmalen Gemache, daß die zwei Alten kaum mehr die Züge der eine des andern unterscheiden konnten. Ein paar letzte Flämmchen zuckten wie Irrlichter über die Kohlen, denn der Erzähler wie der Hörer hatten das Schüren des Feuers vergessen, und nichts war vernehmbar als das leise Schnarchen des hart vor dem Herde ausgestreckten Tapp und das Knuspern eines in der Nähe des Brotkastens geschäftigen Mäuschens.
Da trat der alte Knecht des Chorherrn mit einem Arm voll Holz herein, nährte die Glut und ließ mit schnarrendem Geräusche die in Ketten hangende, dreischnäblige Öllampe nieder, welche nach einer Weile mit ihren gleichmäßig brennenden Lichtern den gewölbten Raum ruhig erhellte.
»Ich bin zu Ende« seufzte der Armbruster. »Denn was wäre noch zu sagen, nachdem Ihr nun jenes blutende und an den Steinstufen zerschlagene Haupt erblickt habt? Was wäre noch zu sagen von dem Könige und mir, seinem armen Knechte?...
Außer wenn Ihr hören wollt, wie mein Herr unter der immer schwerer drückenden Bürde des heiligen Leichnams zusammenbrach – denn Herr Thomas durfte ihm auch in der Glorie nicht verzeihen – und wie der Friedlose den Knecht als einen Verhaßten und Mitschuldigen von sich trieb. Und doch hat sich Herr Heinrich vor der Gruft seines Getöteten gegeißelt und ihn aufrichtig angebetet, wie es in der Chronik verzeichnet steht.«
»Nach der glaubwürdigen Aussage meiner Chronik«, bemerkte der Chorherr bedenklich, »hat sich dein König am Grabe des heiligen Thomas zu Canterbury gegeißelt, aber nicht ohne kluge und weltliche Absichten; denn er wollte sich im Streite gegen die Söhne stärken und die ihm abgewendeten Herzen seiner Sachsen wiedergewinnen. Du selbst, Hans, hast mir offenbart, daß dein König ein großer Sünder gewesen ist.«
»Als ein Gleisner und Heuchler, meint Ihr?« rief der Armbruster entsetzt und fuhr, durch diese Anklage weitergerissen, fort: »Bei dem dorngekrönten Haupte Gottes, nie hat ein Mensch redlicher gebetet als Herr Heinrich in der Stunde, da er die steinernen Füße des Heiligen mit Küssen und Tränen bedeckte! Ein sächsischer Steinmetz hatte ihn abgebildet, auf seiner Gruft liegend, die Hände über der Brust gekreuzt, still lächelnd. Nicht des Mannes Kunst, aber die Ähnlichkeit des Bildes war groß; denn er hatte sich den Primas bei dessen Lebzeiten wohl eingeprägt und sich seines Antlitzes bemächtigt.
Ich kniete hinter meinem Herrn, während er reuig seiner Sünden gedachte, und als er das Fleisch seines Rückens zur Geißelung entblößte, lief es mir heiß und kalt über den meinen. Inbrünstig bat auch ich den Heiligen, in die Stapfen Gottes zu treten und seinen Mördern zu verzeihen.
Inzwischen stöhnte Herr Heinrich: ›Nur den Liebling, das Löwenherz, nimm mir nicht, du mächtiger Streiter Gottes! Wie wenig habe ich dich gekannt, du heiliger Mann, in dessen Nähe und Atem ich Verworfener zu leben gewürdigt war‹...
Ein Hornstoß ertönt. Ich kenne das Signal: ein Reitender aus dem Heerlager meines Königs in Frankreich. Geschwind werf ich Herrn Heinrich einen Mantel über die Striemen seiner Schultern, trete vor das Portal, empfange die Botschaft und stürze mit dem Schreiben zu meinem Könige zurück.
Ich glaubte, Herr Thomas habe ihn augenblicklich erhört und ihm Sieg gegeben über die Söhne.
Er bricht zitternd das Siegel, aber die Buchstaben schwimmen ihm vor den Augen. ›Lies!‹ befiehlt er zornig vor Sehnsucht nach Sieg und Friede; aber was ich las, lautete anders:
›Ich, Richard Graf von Poitou, klage nicht in meiner Sache, sondern in der meines Erziehers und geistlichen Vaters im Himmel, dessen Mörder heil und ledig auf der Erde umhergehen, ohne ein Königsurteil, welches sie verfolge. Ich verdamme diese Lässigkeit, und damit niemand daran zweifle, verkündige ich Königen und Völkern, daß ich mich lossage von meinem Vater nach dem Blute, wie er selber von Christus und seinem Zeugen sich losgesagt hat.‹
Während ich stammelnd dieser grausamen Schrift Sprache gab, war der Herr mit starren, hervorquellenden Augen an mich herangetreten. Die Stimme versagte mir, er aber fuhr mir mit beiden Händen an die Gurgel. ›Das lügst du, Schandbube!‹ schrie er und brach ohnmächtig zusammen.
Herr Thomas aber auf seinem Grabsteine lächelte.« –
»Genug!« rief der erbleichende Chorherr und streckte seine Hände abwehrend gegen den Armbruster aus.
Herr Burkhard liebte das Heitere und Ergötzliche, wie das hohe Alter pflegt, das nur noch einen letzten Rest des Lebens zu genießen hat. Als er den Armbruster in sein Gemach zog, war es ihm darum zu tun gewesen, ein paar Geschichtchen und Menschlichkeiten aus dem Leben des Heiligen zu belächeln und das Gold des neuen Heiligenscheines – der Bescheidenheit zulieb – ein wenig zu schwärzen. Hans aber hatte ihm einen qualvollen Kampf und zwei schmerzverzogene Menschenangesichter gezeigt, und diesem Eindrucke war er nicht gewachsen. Er suchte nach einem Scherzworte, um ihn abzustumpfen.
»Mich tröstet«, sagte er nach einer Weile, »daß du vor mir sitzest als ein Frommer und Ehrbarer. Wahrlich, du bist ein schmeidiger Mann, daß dich dein König nicht am Gurt erwischt und mit hinuntergerissen hat.« –
Der Armbruster hatte sich mit funkelnden Augen auf seinem Schemel aufgerichtet. Seine Erzählung hatte ihn erleichtert wie eine Beichte und in allen Muskeln gestärkt; denn er besaß trotz seiner grauen Haare ein tapferes Herz, das die harten Sprüche der in den menschlichen Dingen verborgenen Gerechtigkeit ertragen könnte.
»Auch ich bin nicht ungeschlagen davongekommen«, sagte er, »doch ich verzog mich bei Zeiten und ließ es an mancherlei Heilbringendem nicht fehlen. ich will Euch das noch in Kürze berichten und wie ich der jetzige geworden bin.
Die Gäule laufen rascher, wenn es dem Stalle zugeht.
Als ich nach jener Geißelung hinter Herrn Heinrich nach Schloß Windsor zurücktrabte, ward mir zur Sicherheit, daß meines Bleibens im Königsdienste nicht länger sein werde. Seit dem Tode des Primas war ich den Augen meines Königs ein Ärgernis geworden, und er hatte mir meine Ohnmacht, jenen aus den Händen seiner Mörder zu reißen, mit zornigen, unbilligen Worten vorgerückt. Wo der Herr mich erblickte, wendete er sich ab. Ein wohlgebildeter Page von vornehmem aquitanischem Geblüte hatte mich Bärtigen im Schenkendienst ausgestochen. Auch auf die Jagd begleitete ich ihn nur noch selten, und zu seiner Buße in Canterbury hatte er mich mitreiten lassen, weil er sich vor mir nicht zu schämen brauchte.
Auf Schloß Windsor nahm mich der Waffenmeister, Herr Rollo, ins Verhör; denn die Geißelung des Königs war ruchbar geworden und wanderte unter den Sachsen, Erbauung und Schadenfreude verbreitend, von Mund zu Munde. Da er die schmähliche Wahrheit vernahm, schwoll ihm die dunkle Zornader auf der Stirn zum Zerspringen, und er machte sich nach seiner Weise Luft mit frechen Worten:
›An seine Gruft ist er gekrochen und hat den Feigling angebetet! Wie mag der Bleiche in seiner Höhle gekichert haben!... Und daß er ihm noch unter dem Boden hervor einen Stich gab, das ist der Schlange würdig!... Ein gepeitschter normännischer König!... Aber es ist sich nicht zu wundern! Hast du gesehen, Hans, schon seit Jahr und Tag trägt König Heinrich ein Pfaffengesicht auf den Schultern!‹
Hierin sagte Herr Rollo die Wahrheit. Das Angesicht meines Königs war nicht mehr zu kennen. Es war zerfallen und nach unten gesunken. Statt des freudigen Leuchtens von ehemals gab es nur noch einen matten weißen Schein von sich, wie faules Holz in der Nacht.
›Die englische Luft ist mir stinkend geworden!‹ zürnte Herr Rollo. ›Ich ziehe nach der feuerspeienden Insel Sicilia, wo mir ein Neffe lebt. Hans, nimm eine Kohle dort vom Herd‹ – wir standen in der Waffenkammer –, ›und schreibe für mich ein Valet an die Wand, daß ich keinem gegeißelten Könige diene.‹ Ich wußte, der edle Herr war des Schreibens unkundig, und ich brachte seine Gedanken nach Kräften in einen lateinischen Spruch, mit dessen Fassung er sich zufrieden gab und der lautete:
›Ego – Normannus Rollo – valedico – regi Henrico.‹
Bevor ich aber die Kohle ansetzte, bemerkte ich: ›Ich habe dieselbe Fahrt, Herr.‹
›Wie, du gehst, Bogner? Der König wird dich missen!‹ warf er hin und runzelte die Stirn.
Ich wies auf die blauen Flecken meines gewürgten Halses und sagte: ›Zum dritten Male schon habe ich Herrn Heinrich Unheil verkündet, was Wunder, daß er dem Raben gram wird! Mein Königsdienst bringt ihm kein Glück mehr. Was soll ich seinen Zorn reizen! Ich will gehen, bevor er wie König Saul zur schlimmen Stunde einen Spieß nach mir wirft. Aber daß Ihr von ihm lasset, Herr, den er wert und teuer hält als den ältesten Zeugen und die Verkörperung des normännischen Ruhms, das wird ihn als ein böses Omen erschrecken und verfinstern.‹
Da riß mir der Waffenmeister die ungebrauchte Kohle aus der Hand, warf sie gegen den Herd und wandte mir finster brummend den Rücken.
Am selben Tage trat ich vor meinen Herrn und bat um Entlassung, mit schwererm Herzen noch als an jenem ersten Tage meines Herrendienstes, da ich ihm in demselben Gemache meine vervollkommnete Armbrust gezeigt hatte. Er schaute mich nicht unfreundlich, nur fremd und traurig an und gnadete mich ab. Ein reicher Mann wurde ich damit nicht, aber meinen ehrlichen Lohn ließ mir Herr Heinrich durch seinen Schatzmeister ausrichten.
Als ich meine Kammer in Windsor räumte, fand ich in der Tiefe einer Truhe, wohin ich es verstoßen hatte, das Tüchlein mit dem Blute des Heiligen. Was damit beginnen? Wohl war es köstlicher als der ganze Lohn, den mir König Heinrich hatte verabreichen lassen, denn schon damals wurden die geringsten Überbleibsel des Herrn Thomas hundert-, ja tausendfach mit Gold aufgewogen. Aber es ging mir gegen die Erinnerungen des Gemütes, ein Blut zu verkaufen, an welchem ich nicht ohne einige Schuld war. Die zwei übrigen Auswege, das blutige Tüchlein an mir zu behalten oder es zu vertilgen, waren gleicherweise bedenklich.
Bevor ich Engelland verließ, versäumte ich nicht, meinen frühern Meister, den Bogner in London, aufzusuchen. Er hatte mir Gutes erwiesen, und während meines Königsdienstes war ich ihm abtrünnig geworden. Er empfing mich mit großen Ehrenbezeugungen, denn er wußte nicht, daß ich in Ungnade gefallen war, und lachte und weinte wie ein Kind. Bitternis und Herzeleid hatten ihn an Leib und Seele geschwächt. Ich fragte nach Hilde. Sie liege an einem zehrenden Fieber darnieder, sagte er und führte mich in ihre Kammer.
Als sie mich erkannte, leuchtete ein Glanz aus ihren tiefliegenden blauen Augen. Sie dankte mir, daß ich gekommen sei; sie habe danach gedürstet, mich noch einmal vor ihrem Sterben zu sehen. In mir aber stieg mit dem Mitleid die alte Liebe mächtig auf, so daß ich ihr vorschlug, gedemütigt, wie ich war durch die Schläge des Schicksals, sie als mein angetrautes Weib mit mir heimzuführen, wenn sie nur gesunden könnte. Sie nickte, aber zweifelnd und traurig.
Da fiel mir mein kostbares Heiligtum ein, denn es war in ganz Engelland ein groß Rühmen und Prahlen von den durch die Reliquien des heiligen Thomas gewirkten Genesungen und Wundertaten. Tote sogar, so predigte die sächsische Pfaffheit, seien kraft der Berührung mit denselben in die Zeitlichkeit zurückgekommen. Im schnellsten Ritte jagte ich nach Windsor und zurück. Ich eilte mit meinem Tüchlein hinauf in ihre Kammer. Sie schlummerte, und ich legte es ihr leise auf die Brust. Da regte sie sich, lächelte freundlich, tat ein paar schwere Atemzüge, schlug die Augen strahlend auf und schloß sie wieder mit einem leisen Seufzer. Herr, sie war tot.
Da faßte mich ein grimmiger Schreck und Zorn, daß Herr Thomas, der die Toten auferwecke, mich unversöhnlich verfolge und mir mein Liebes töte. Ich entfloh, und das blutige Tüchlein ist wohl mit ihr eingesargt worden.
Ich hatte eine stürmische Meerfahrt, und zweimal warf mich die Welle an die englische Küste zurück. Nachdem ich endlich festen Boden beschnitt, strebte ich nach schwäbischen Landen; denn die Erfahrung des Lebens hatte mir die Lust der Wanderung und weltlichen Neugier völlig ausgetrieben. Wie ich einmal wieder mein Roß im Rhein getränkt hatte, zog mich das Heimweh unaufhaltsam stromaufwärts, bis durch das Tor Schaffhausens.
Dort fand ich den Juden Manasse verschollen und wurde als ein weltkundiger und namhafter Mann mit Ehren aufgenommen. Ehe der Flitter meines Ruhmes verblieb, heiratete ich eine junge Wittib, die mir neben zwei Knäblein ihres ersten Bettes einen Turm in Schaffhausen und einen sonnigen Weinberg am Rheine zubrachte.
Ihr traut es mir zu, Herr, daß ich, obzwar ein adeliger Mann und gewesener Königsknecht, mein Handwerk nicht aufgab, vielmehr unverweilt eine fröhliche Werkstatt auftat, aus welcher ich bald einen weiten Umkreis von Burgen und Städten mit großem und kleinem Geschoß versah.
Von meinem König aber erfuhr ich nichts, als daß er mit sich und seinen Söhnen nicht zum Frieden kommen konnte.
Da begab es sich eines Tages, daß ich, das ältere Büblein meiner Frau an der Hand, gegen den Rheinsturz hinausging, um mit einer neuen Armbrust über den Strom zu schießen, prüfend, in welchem Maße durch den Wirbelwind, der dort über den Wassern schwebt, der Flug des Geschosses gestört werde.
Wie ich nach einem Zielpunkte am jenseitigen Ufer spähe, erblicke ich die graue Gestalt eines Ritters, auf einem Felsblocke sitzend, das Schwert quer über die Knie gelegt wie Euer Carolus Magnus hier am Münsterturme. Meinem Knäblein beginnt es zu grauen, und ich zerbreche mir den Kopf, wer das seltsam natürliche Bildwerk über Nacht in die Wildnis an den Strom gesetzt habe.
Da hebt der Ritter langsam die geharnischte Hand empor, und ich sehe, wie er mir winkt. Jetzt erkenn ich ihn, springe in den Nachen des Fergen, stoße mich über, und Herr Rollo ruft mir entgegen: ›Ich grüße dich, Schwabe, und lade mich bei dir zum Nachttrunke.‹
Heimkehrend sagte er mir, er sei auf der Fahrt nach Palermo. Heute in dies Städtchen am Rheine gekommen, habe er Hengst und Dienstleute dort untergebracht und sei dann, von einem fernen Donnern gelockt, neugierig stromabwärts gegangen bis zu diesem tapfern Wasserspiele.
Als wir zusammen durch die Gassen von Schaffhausen schritten und das Volk den gewaltigen alten Herrn bestaunte, war mir, als hätt' ich vor Zeiten unter einem fremden Riesengeschlechte gelebt. Herr Rollo trank manchen Becher meines Weines und lobte ihn. Ich aber wagte endlich eine Frage nach meinem Herrn und Könige. Da blies der Waffenmeister in die Luft, und ich verstand, Herrn Heinrichs Seele sei von hinnen gefahren.
›Und sein Sterben?‹ fragt' ich angstvoll, ›wie war es?‹
›Unpfäffisch!‹ gab er zur Antwort. ›Ein roter Vaterzorn hat ihn wie der Strahl getötet. Dein Abgott, der Knabe Richard, hatte ihn mit Hilfe des Capetingers unter sich gebracht und forderte als erste Bedingung des Friedens einen väterlichen Segen, wenn es auch nur die leere Gebärde wäre.
Da erhob sich Herr Heinrich, von meinen Armen gehalten, voll stillen Grimmes auf seinem Siechbette und streckte gezwungen seine Rechte über den Sohn aus. Aber die falsch segnenden Finger zog der Sterbekrampf zusammen, und sie erstarrten in der Luft.‹
›Haltet ein, Herr Rollo!‹ rief ich schaudernd, und nach einer Weile fuhr ich fort: ›Gestattet Ihr es, so begleite ich Euch eine Strecke weit, ich will eine Wallfahrt tun zu der schwarzen Muttergottes von Einsiedeln, mich verlangt, für die Seele meines Herrn zu beten.‹
Am zweiten Tage erreichten wir die unfruchtbare Hochebene, wo Meinrads Zelle liegt. Herr Rollo kehrte nicht an, er wandte und spornte sein Pferd, indem er mit leichtem Kopfnicken von mir Abschied nahm und gegen die Türme des Klosters ausspie.
Ich aber stieg von meinem Tiere und zog mit nackten Füßen und barem Haupte zu der Heilsstätte. Nachdem ich dort alles übliche und Reinigende verrichtet, trank ich zum Abschiede noch einmal von jeglicher Röhre des Brunnens, der, wie Ihr wißt, dem gesegneten Leibe St. Meinrads entsprungen ist.
Wie ich den andächtigen Mund von einer Röhre weghebe, sehe ich an der nächsten das durstige Haupt eines Pilgers hangen, dem der rechte Ärmel leer an der Seite niederfiel. Jetzt erhob auch er das Angesicht gegen mich, und wir schauten uns in die Augen.
Ehe wir uns dessen weiter versahen, waren wir beide aufgesprungen und hielten uns an den Gurgeln – Trustan Grimm und ich.
Da erscholl neben uns ein kräftiger Baß: ›Hände weg!‹, und ein blühender, junger Mönch fragte uns nach Herkommen und Heimat.
Als er erfuhr, der eine von uns sei der Kreuzträger des heiligen Thomas, der andere der Leibknecht König Heinrichs gewesen, fand er es verzeihlich, daß wir uns an die Hälse gefahren, schied uns aber mit gleichmäßiger Buße, jedem seine Zahl Vaterunser auferlegend, und der ehrlichen Predigt, kleine Leute hätten sich nicht in den Streit großer Herren zu mischen, zumal wenn diese schon an einem der drei jenseitigen Orte ihren richtigen Platz gefunden hätten.
So zog jeder von uns seine Straße. Ich in meine Werkstatt am Rhein, Trustan Grimm nach dem Heiligen Grabe, noch etwas Böses gegen die lauen schwäbischen Pfaffen in seinen roten Bart murmelnd.
Nach zehn Jahren erhob der noch heute regierende Papst, dem Schrei Engellands und der Christenheit Gehör gebend, Herrn Thomas in den leuchtenden Kreis der Kirchenheiligen. Statt der geforderten drei Wunder wurden deren über hundert vermeldet und verbürgt, und das verdienstliche Sterben auf den Stufen des Altars wog nicht weniger in der Schale seiner Würdigkeit.
Als solches den christlichen Ländern verkündigt wurde, schrieb ich den Namen des Herrn Thomas in meinen selbstgefertigten Kalender ein, hart unter die kleinen ersten Märtyrer, die unschuldigen Kindlein von Bethlehem, mit welchen er freilich, den gewaltsamen Tod durchs Schwert ausgenommen, nur wenig gemein hat.« –
In diesem Augenblicke fuhr Tapp scharf bellend auf, und bald antwortete ihm von der Gasse herauf Rüdengeheul und Roßgestampf. Ein greller Fackelschein fuhr durch das Zimmer, und wie die beiden in den hölzernen Söller hinaustreten, erkannte der Armbruster an der Spitze des die steile Gasse herabreitenden Jagdzuges seinen Gönner und Schuldner, Herrn Kuno, und wurde auch von ihm erkannt. Denn während die Linke des jungen Chorherrn den Zügel kürzte, riß er mit der Rechten einen vollen Ledersäckel aus seinem Gewande hervor, welchen er dem Armbruster in großmütiger Laune entgegenstreckte.
Hans wollte sich beurlauben, doch Herr Burkhard legte ihm die zitternde Hand auf die Schulter.
»Freund«, sagte er, »nächtige du unter dem Dache von St. Felix und Regul! Hat dich doch der heute hier regierende Heilige einen Schalksknecht genannt und möchte dir leichtlich, unversöhnt, wie er ist, auf deinem finstern Wege zur Herberge Fallstrick und Hinterhalt legen. Gehe jetzt und erhebe deine Schuld bei Herrn Kuno, ehe die Würfel rasseln. Unterdessen wird dir das Lager in meiner Kammer gerüstet. Ich schlafe wenig, und es ist mir lieb, heute nacht einen lebendigen Atem neben mir zu hören, denn ich fürchte, das blutige Haupt des Herrn Thomas könnte mir im Dunkel der Nacht vorschweben!
Morgen aber, als am Tage des gottseligen Königs David, magst du getrost deines Weges fahren.«
Tag der Veröffentlichung: 26.10.2011
https://www.bookrix.de/-bx.cf.meyer
Sie haben Der Heilige zu Ende gelesen
Conrad Ferdinand Meyer