Der Heilige
Der Heilige
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 5 Teile geteilt.
Am Morgen nach seiner Ankunft in Windsor versammelte sich in der großen Halle des Schlosses aller Adel, um die heimgekehrte Majestät zu begrüßen. Sie schlummerte noch. Ich aber bewachte die Tür, durch welche mein König in die Halle zu treten pflegte und von wo sich die glänzende Versammlung leicht überschauen ließ.
Unter all den Herren war von nichts anderem die Rede als von der unerklärlich plötzlichen Verwandlung des Herrn Thomas. Sie waren gespannt auf seine Erscheinung; denn sie wußten, daß er kommen würde, die Majestät zu begrüßen, und unterhielten sich lebhaft mit gedämpften Stimmen, wie es sich in königlichen Gemächern geziemt. Nur Herr Rollo, der Greis, der sie alle um Haupteslänge überragte, tat sich keine Gewalt an, und seine Rede grollte wie ein dumpf rollender Donner.
Er stand auf der rechten Seite des Saales in einem Kreise bejahrter Herren, die hagerste, trockenste Gestalt unter ihnen, und lästerte nach seiner Art gegen die Gesamtheit der Geschorenen und den neuen Primas insbesondere.
›Nie traute ich ihm Mannestreue zu‹, schalt der Waffenmeister, ›dieser blassen Memme! Der falsche und feige Sklave duckt seinen dünnen Leib in die Kutte, weil er ihn dort mehr in Sicherheit glaubt als unter dem Schilde seines Königs. Hätt' ich mit dem Heuchler angebunden, solange er ein Schwert trug! Ihr werdet erleben, der Ränkeschmied stiftet uns schweres Unheil an!‹
Und die Herren stimmten ihm bei.
Auf der anderen Seite höhnten und kicherten die Jüngeren, denen Herr Wilhelm Tracy sein Mokierbüchlein wies.
Dieser Herr war ein fertiger Zeichner, müßt Ihr wissen, der mit dem Stifte zu spotten verstand wie kein anderer. Mit einer kleinen Verzerrung verwandelte er ein Menschenantlitz in das eines Tieres oder in das Abbild eines toten Dinges, dem Gelächter aller Welt preisgebend. Auch mich faßte einmal sein Griffel und schuf mich zu einem krummbeinigen Jagdhund, der dem König in seiner großen Schnauze eine Schnepfe zutrug. Obschon mir damals der Spaß nicht gefiel, war ich der erste, ihn zu belachen, denn es war das klügste. Andere, von reizbarerem Blute und besserem Adel als ich, erzürnten sich wohl, wenn sie Herr Wilhelm in solcher Verwandlung auf die Täfelchen seines Buches kritzte, das er jederzeit an den Gurt gekettelt trug. Gut, daß seine Klinge ebenso spitz war als sein Griffel, sonst hätte ihm dessen Schärfe das Leben gekostet.
Der Spötter wies jetzt der jungen Ritterschaft ein neues Blatt seiner Schildereien. Neugierig näherte ich mich Herrn Rinald dem Schönen, wie sie ihn nannten, der das Spottbüchlein eben in der Hand hielt. Er wand sich vor Lachen und ließ dabei das Büchlein auf den Boden fallen. Ich hob es ihm auf und erblickte darin eine seltsame Pflanze. Aus einem mageren Halme, dessen herabhängende Blätter die Ärmel einer Kutte bildeten, wuchs am schwanken Stielchen eines dünnen Halses als Ähre ein mir wohlbekanntes Marterangesicht. Es war die Heuchelgestalt eines Eremiten und der Primas, wie er leibte und lebte.
So schnell wird am Hofe ein Gefürchteter zu einem Verlachten.
Das Büchlein machte noch die Runde, da vernahm man aus der Ferne einen wunderlichen Klang. Es war eine fromme, einfältige Litanei, die sich dem Burghofe langsam näherte, von tausend und aber tausend inbrünstigen Stimmen halb kriegerisch, halb klagsam gesungen.
›Der Primas und seine Bettler!‹ ertönte es im Saal, und die Herren eilten an die Fenster. Auch ich fand meine Spalte und sah, wie Herr Rollo von der zunächst ragenden Zinne die gepanzerte Rechte gebieterisch ausstreckte.
›Die Zugbrücke auf! Zu die Torflügel!‹ schrie er in den Burghof hinunter, wo normännische Waffenknechte das Tor hüteten. Aber der friedliche Heerhaufe: Mönche, Bettler, Kinder, jegliches Volk geringer Art, drückte und drang wie eine Herde unaufhaltsam herein. Die Kriegsknechte konnten Herrn Rollo nicht mehr gehorchen, sie waren unwillkürlich zurückgewichen, denn Herr Thomas hatte sie mit ausgebreiteten Armen gesegnet. Er schritt hinter einem hochgetragenen Kreuze an der Spitze seines armen Zuges. Er, den ich nie anders hatte zu Hofe kommen sehen als im kostbarsten Aufzuge und mit dem edelsten Geleite, trug ein grobes, härenes Gewand, und die Zehen seines nackten, auf Sandalen wandelnden Fußes glänzten unter der dunkeln Wolle hervor wie ein Stück Elfenbein.
Ehrerbietig und scheu empfing ihn die königliche Dienerschaft, um ihn in die Burg zu geleiten. Noch einmal wandte er sich auf der Schwelle gegen die Seinigen und gebot ihnen, geduldig seiner Rückkehr zu harren.
Sie gehorchten und lagerten sich demütig auf den Boden, die steinernen Bänke des Hofes und die Stufen der Marmortreppe frei lassend. Mein Blick fiel auf den Sachsen, der dem Primas das Kreuz vorgetragen hatte. Er war in der Mitte des Haufens stehengeblieben und hielt das ihm anvertraute Zeichen noch immer hoch. Ein roter Bart deckte zum großen Teil das lehmfarbene Gesicht; dennoch schien mir, ich sollte diese groben Züge kennen. Wahrhaftig, es war Trustan Grimm, der Verlobte meiner Hilde, der Tochter des Bogners in London. Ich freute mich, ihn als Mönch zu finden, und mutmaßte, daß ihn Hilde trotz ihrer Erniedrigung und dem Willen ihres Vaters verschmäht habe, wie es sich auch verhielt, ich aber erst in späteren Tagen mit Gewißheit erfuhr.
Inzwischen hatte Herr Thomas die inneren Treppen erstiegen und gerade, da ich mich wieder vom Fenster zurückwandte, trat er in die Halle. Das Ziel aller Blicke, schritt er leise bis in die Mitte des Gemaches. Hier erhob er langsam den Blick auf die Versammlung und mit einer väterlichen Gebärde die segnende Rechte. Ein unmutiges Gemurmel lief durch die Reihen, aus dem das Scheltwort des Waffenmeisters hervorbrach:
›Behalt ihn für dich, Pfaff, deinen schäbigen Segen; wir begehren ihn nicht!‹
Herr Thomas bewegte sich schweigend gegen das offene Fenster und breitete, von den Normannen verschmäht, seine barmherzige Rechte über das Volk der Sachsen aus.
Da stieg aus der Tiefe des Hofes ein lautes Getöne auf, gemischt aus Geschrei des Weinens und der Freude, so daß man den Jubel vom Jammer nicht unterscheiden und trennen konnte; denn es war, seit die Sachsen ihre heimischen Könige verloren hatten, seit hundert Jahren das erste Mal, daß aus einem königlichen Fenster Gruß und Segen auf sie herabfloß.
Die Normannen aber ballten die Fäuste oder legten sie an den Knauf ihrer Schwerter.
Der Primas wandte sich, ohne jemandes zu achten, gegen die wohlbekannte Türe des Königs, gerade da ein Kämmerer von innen sie öffnete und Herr Heinrich in guter Morgenlaune in den Saal trat. Ehrerbietig stand Herr Thomas vor ihm und harrte seiner Anrede mit gesenktem Haupte und in unterwürfiger Haltung.
Herr Heinrich betrachtete seinen Kanzler eine Weile aufmerksam und zweifelnd, nicht anders – haltet mir's zugute – als man einen langjährigen Liebling – Roß oder Bracken – beschaut, der durch Schur oder Stutzen des Schweifes seine Gestalt verwunderlich geändert hat. Überraschung und Gelächter stunden auf seinem Gesicht; doch gedachte er seiner königlichen Würde und Weisheit und entließ zuerst die Hofleute mit einer leutseligen Handbewegung.
›Wir danken euch, Herrschaften‹, sagte er, ›für eure Begrüßung, Dienstwilligkeit und Liebe. Freude und Fröhlichkeit des Wiedersehens versparen Wir auf Unsere festliche Tafel, zu der Wir euch alle einladen, wie es Unsrer Gnade und euerm Werte ziemt. Doch vorerst die Geschäfte mit Unserm Kanzler. Wollet inzwischen einen Gang in Unsre neuen Gärten tun. Vergeßt nicht, einen Blick zu werfen auf den neuen Wasserspender im hinteren Hofe, den grimmigen ehernen Löwenkopf, den Uns der wallonische Meister in Unsrer Abwesenheit vollendet hat. Au revoir, seigneurs barons!‹
Nach diesen Worten des Königs leerte sich der Saal; der letzte, der widerwillig hinausschritt, war Herr Rollo der Waffenmeister.
Jetzt konnte sich mein Herr und König nicht länger halten. ›Zum Henker, Thomas, wie siehst du aus?‹ sprach er neckend seinen Kanzler an, ›kommst du aus der Mauser? Die Federn sind dir ausgefallen, und die Widderhörnchen deiner ritterlichen Schuhe hast du dir abgestoßen – ja, wie ich sehe, sogar die Schuhe selbst verloren!... Ei, ei! Was kann man nicht alles an einem Philosophen, wie du, erleben! – Du bist doch keine schillernde Schlange, welche die Haut wechselt? Zugegeben, daß etwas Abstinenz einen Bischof kleide, so tust du des Guten zu viel, du Großartiger, viel zu viel!... Willst du dich wie ein Asket der Wüste abtöten? So kann ich nicht wieder mit dir Mahlzeit halten, was meine Wonne war; denn Wasser und Wurzeln taugen einem königlichen Magen nicht!‹
Herr Thomas hatte diesen lustigen Worten mit gesenkter Stirne zugehört, ohne eine Miene zu verziehen; nun richtete er die Augen auf das Angesicht des Königs. Da sah mein Herr, wie strenges Fasten und grausame Kasteiung die Wangen des Bischofs verzehrt, die Form seines Schädels verschärft und seinen jederzeit ernsten Blick fremdartig vertieft hatte.
Es übermannte meinen Herrn ein Mitleid. ›Thomas, mein Liebling‹, begann er wieder, ›wirf nun deine Maske weg! Wir sind allein und unbelauscht. Ich glaub es, die Mummerei ist zu meinem Besten, aber Gott verdamme mich, wenn ich verstehe, wohin du damit zielst! Was bedeutet diese Verwandlung? Öffne deinen Mund, du Rätselhafter, Geheimnisvoller.‹
›Deine Rede, mein Herr und König, trifft mich unerwartet‹, antwortete der Kanzler. ›Ich bin kein anderer als ich scheine und mich trage! dein Diener, den du kennst.‹
›So bin denn ich behext?‹ rief Herr Heinrich. ›Ist dies meine Hand? – Bin ich der König? – Bist du mein Kanzler? – Haben wir Tag um Tag zusammengesessen und dieses Land regiert?... – Nein, treiben wir keinen unzeitigen Scherz! Es ist nicht Faschingsnacht, sondern heller, nüchterner Tag! Welch ein unheimlicher Geist ist in dich gefahren? Schütte dein Herz vor mir aus... Du weißt, das meinige steht dir immer offen!‹
›Ich danke dir, o König, daß du dein Geschöpf ermutigst, frei mit dir zu reden‹, erwiderte der Primas. ›So wag ich es, dir zu bekennen, daß diese Hand zu schwach ist, um zugleich den Bischofsstab und dein Siegel zu führen. Unausbleiblich käme das eine der mir anvertrauten Kleinode oder das andere dabei zu Schaden, und ich bin ein zu getreuer Knecht, um dir einen unbrauchbaren Kanzler oder der Kirche einen schlechten Bischof zu gönnen. Nimm, ich flehe dich darum an, o Herr, dies Zeichen deines mächtigen Willens, der mich zu seinem Werkzeuge erkor, dies Pfand deiner übergroßen, unverdienten Gnade, die mich lange Jahre beglückte, nimm es heute wieder von mir!‹
Und Herr Thomas griff in die Falten seines allzu weiten Gewandes, zog das Staatssiegel mit den drei Leoparden daraus hervor und reichte es dem Könige entgegen, um es in seine Hand zu legen.
›Keineswegs!‹ rief Herr Heinrich und trat einen Schritt zurück, ›so, Kanzler, haben wir nicht gewettet! Nicht eine Stunde kann ich deinen Dienst entbehren. Nur du und deine Klugheit können das zustande bringen, worüber wir zusammen gedacht und gewacht haben. Ich könnte mit meiner starken Hand das zarte Gewebe deiner Finger zerstören! Kein Sträuben! Mein Kanzler bist und bleibst du!‹
›Du willst nicht mein Verderben‹, beschwor ihn Herr Thomas, ›dafür bist du zu großmütig! Siehe, ich fürchte mich, den Höhern zu erzürnen, dem du selbst mich anheimgegeben hast. Er ist ein eifersüchtiger Meister, der keinen zweiten neben sich duldet.‹
Diese schwer zu deutende Rede verwirrte den König dergestalt, daß er das Siegel unwissentlich zurücknahm. Er runzelte argwöhnisch die Stirn, und seine Stimme klang mißtönig, als er fragte: ›Wem habe ich dich abgetreten? Doch nicht dem Papste in Rom?‹
Der Primas verneinte mit dem Haupte.
Ein überirdisches Licht umglänzte plötzlich seine Stirn. Er erhob den hagern Arm, daß der Ärmel der Kutte weit zurückfiel, und zeigte nach oben. Da erstaunte mein Herr und König und erschrak in den Tiefen seiner Seele. Das Staatssiegel entglitt seiner Hand und fiel klirrend auf den Marmorboden. Ich trat hinzu und bückte mich nach dem kostbaren Geräte, dessen Griff von purem Golde war. Als ich es prüfend besichtigte, siehe, war es zersprungen, und eine feine Spalte lief mitten durch den edeln Stein und das Wappen von Engelland! Schweigend stellte ich es auf den Tisch mit den vier Drachenfüßen, der neben dem Sessel meines Königs stand.
Als ich mich wieder nach den beiden wandte, hatte sich mein Herr gefaßt und sagte in gewaltsam scherzhafter Laune: ›Sankt Jörg steh mir bei! Du hast mir einen frommen Schreck eingejagt, Thomas! Jetzt aber genug der Überraschungen und Kunststücklein!... Setze dich zu mir, wie immer, und laß uns die trockenen Geschäfte vornehmen.‹
Er warf sich in seinen Stuhl, und ich rückte einen anderen, etwas niedrigeren, aber ebenso reich verzierten für den Kanzler herbei, denselben, auf welchem er immer neben dem König gesessen.
Aber Herr Thomas blieb in ehrfurchtsvoller Entfernung vor dem Könige stehen.
›Erhabener Herr, gib mir Zeit und gedulde dich‹, sagte er. ›Ein halbes Leben habe ich gebraucht, um die Verhältnisse und Rechte deines Reiches zu erforschen – wie könnte ich diejenigen der heiligen Kirche, in deren Dienst du mich gestellt hast und der ich lange fremd blieb, ja feindselig entgegenstand, von heute auf morgen erkannt haben? Darum trage mich mit Geduld.‹
›Zur Sache, Thomas, zur Sache!‹ drängte der König. ›Dir ist wohl bewußt, warum ich dich zu meinem Primas gemacht habe! Laß uns nun gemeinsam die geistliche Gerichtsbarkeit aufheben und vernichten.‹
›Du sollst mich geneigt finden‹, antwortete der Bischof nachdenkend. ›Sind doch in meinen Augen diese Rechte, über die hin und her gestritten wird, veränderliche Gestaltungen, wechselnde Formen, irdene Gefäße, tauglich oder untauglich, je nachdem sie den Wein der ewigen Gerechtigkeit rein bewahren oder vergiften. Ich will mich an den Meister selbst wenden mit der Frage, wie er es meine.‹
›Bei wem willst du dich erkundigen, Thomas?‹ lachte der König, ›bei der heiligen Dreifaltigkeit?‹
›In den Evangelien‹, flüsterte Herr Thomas, ›bei Ihm, an dem keine Ungerechtigkeit erfunden wurde.‹
›So spricht kein Bischof!‹ rief Herr Heinrich in ehrlicher Entrüstung, ›so redet nur ein böser Ketzer! Das hochheilige Evangelienbuch gehört auf eine perlengestickte Altardecke und hat nichts zu tun mit dem Weltwesen und der Wirklichkeit der Dinge. Blicke mir ins Auge, Thomas! Entweder willst du mein Feind werden, oder du hast mit unsinnigem Fasten die herrliche Klarheit deines Geistes getrübt. In Kürze: bringe mir die geistliche Gerichtsbarkeit um, Thomas! Dafür, nur dafür habe ich dich auf meinen schönen Stuhl von Canterbury gesetzt. – Ich will nicht, indem ich die Frevel meiner Pfaffheit ungerochen lasse, die Blitze des göttlichen Gerichtes auf mich und mein Haus herablenken. Jüngst noch hat ein sächsischer Kleriker das Werk und den Ruhm meines Ahns, des Eroberers, auf der Kanzel rebellisch gelästert und ein normännischer sich an der Unschuld eines Kindes vergriffen.‹
›Herr‹, versetzte der Primas, und seine eingefallene Wange flammte, ›sei gewiß, daß ich die Sünden meiner Kleriker härter ahnde als kein weltliches Gericht tun würde!... Abscheuliche Dinge!... und das Abscheulichste...‹ hier hielt er inne und schloß dann mit sinkender, veränderter Stimme... ›Aufruhr und Empörung gegen deine Ahnen und dich – christliche Könige. – Hier erkenne ich den Willen Gottes. – Ob er mir aber die in meine Klöster geflüchteten Sachsen ihren Peinigern, deinen Baronen, auszuliefern gebietet, das frag ich mich und zweifle!‹
Jetzt erkannte Herr Heinrich deutlich, daß der Primas ihm die geistliche Gerichtsbarkeit nicht zurückgeben wolle und seinen heiligen Spott mit ihm trieb.
›Ich bin ein Betrogener!‹ schrie er und sprang von seinem Sitze empor.
In diesem Augenblicke begannen die im Burghofe harrenden Sachsen, vielleicht um ihre Besorgnis für den Primas zu beschwichtigen, eine neue Litanei. Sie sangen das siegesgewisse ›Vexilla Dei prodeunt‹.
Da stürzte der schon gereizte Herr Heinrich ans Fenster und blickte hinunter. ›Thomas‹, gebot er, ›heiße die Schächer schweigen, die du hinter deinen Fersen nachziehst. Das Geheul deiner verhungerten Meute ist mir widerlich.‹
Herr Thomas regte sich nicht. ›Mag auch ein Bischof den Armen und Mühseligen verbieten, dem Kreuze zu folgen?‹ fragte er demütig.
Da geriet der König in bleiche Wut. ›Du wiegelst mir die Sachsen auf, Rebell! Verräter!‹ schrie er und tat einen Schritt gegen den Primas. Seine blauen Augen quollen aus den Höhlen, und er griff mit den nervigen Händen in die Luft, als wolle er den ruhig vor ihm Stehenden erwürgen.
Da öffnete sich eine Türe.
Frau Ellenor stürzte herein und warf sich, in Tränen aufgelöst, dem Primas zu Füßen.
›Ich bin die größte der Sünderinnen!‹ schluchzte sie, ›und nicht wert, den Staub von deinen Sandalen wegzuküssen, du heiliger Mann!‹
Herr Thomas neigte sich zu ihr und beschwichtigte sie mit milden Worten.
Dieses Schauspiel gab meinem Herrn die verlorene Fassung wieder. Er betrachtete sein zu den Füßen des Bischofs liegendes Weib eine geraume Weile. Dann zuckte er die Achseln, schlug eine Lache auf, wandte den Rücken und verließ die Halle.
X
An jenem Tage verwundete ein Giftpfeil das Herz König Heinrichs. Erst war der Stich nur klein, und mitunter schien es, als wolle er heilen. Aber in der Tiefe eiterte er fort und fraß immer schmerzhafter ins Fleisch, bis zuletzt von diesem einzigen Punkte aus Herrn Heinrichs ganzes Wesen untergraben und sein Königsleben zerstört wurde.
Schnell zwar kam das Verderben nicht über ihn, denn meines Königs starke, freudige Natur leistete ihm Widerstand. Im Drange der Geschäfte, im Wetten und Wagen des Lebens verbiß und vergaß er wohl auch seinen Groll. Zu Nacht aber fuhr er, kaum eingeschlummert, aus unruhigen Träumen empor, sprang von seinem Lager und stellte, rastlos in der Kammer auf und nieder schreitend, den undankbaren Liebling, der ihn als nächtliche Scheingestalt heimgesucht und erschreckt hatte, zur Rede, bald beleidigt und drohend, bald aber auch liebreich mit kosenden Worten. Er hielt ihm alle Beispiele des Undankes vor, deren er sich aus biblischer und weltlicher Historie entsann, und überwies ihn, der seinige sei der größeste. Keines Menschen Mund schildert, was mein König litt. Anwesend und abwesend verfolgte ihn Herr Thomas gleicherweise.
Stand der Primas leiblich als ein stiller Dulder vor dem Könige, so ergrimmte dieser über den erbarmungswürdigen Anblick; hielt sich Herr Thomas abseits vom königlichen Angesichte im Frieden seiner bischöflichen Wohnung, so zürnte und klagte Herr Heinrich um so herzzerreißender, daß sein Vertrautester, früher die Seele seiner Ratschläge, der ihn kenne wie keiner, sein Herz verrate, sich von ihm entferne und sondere, die Schärfe einer übermenschlichen Klugheit gegen ihn wendend.
Und doch ließ es der Primas nicht fehlen an versöhnlichen Worten und unterwürfigem Entgegenkommen. Dann fuhr der König zu und faßte hastig die bedingungsweise gebotene Hand, welche der über dies triumphierende Zugreifen Erschrockene schon wieder erkältet zurückzog. Ebensogut hätte mein König eine Wolke umarmt als seinen ehemaligen Kanzler, diesen schlanken, schmeidigen Aal, festgehalten.
Aber auch wenn der Primas über einen streitigen Punkt ein wahres und wirkliches Zugeständnis machen wollte, durfte es nicht gelingen. Entweder stieß er auf der Fahrt nach Windsor mit einem weltentfremdeten Einsiedler zusammen, der gerade jenes Tages aus seiner Höhle kriechen mußte, um den übertreuen Bischof zu beschwören, die Rechte Gottes und der Armen, seiner Kinder, nicht dem Fürsten der Welt preiszugeben. Oder es vertrat ihm, wenige Schritte vor der königlichen Schwelle, ein verzückter Mönch, das Kreuz in der Faust, den Weg und trieb mit schwärmerischen Worten den Demütigen nach Canterbury zurück.
Wollt Ihr die Wahrheit erfahren?
Eine vermittelnde Formel, welche die englische Königsmacht und die Rechte der barmherzigen Kirche zu gleichen Teilen geschont und gesichert hätte, wäre schon vorhanden und der Klugheit des Kanzlers erfindlich gewesen, wie ich meine. War doch der König nicht unmenschlich und Thomas kein erhitzter Eiferer! Aber die Herzen der beiden Herren kannten sich nicht mehr, und wann sie den letzten Schritt zueinander tun wollten, trat das Gespenst ihrer gestorbenen Liebe als blasse Feindschaft zwischen sie.
Dann sei nicht vergessen, daß Frau Ellenor jetzt als ein züchtiges Eheweib nicht mehr von meinem Herrn wich und ihm seit ihrer Bekehrung Tag und Nacht in den Ohren lag, den Heiligen Gottes nicht zu beleidigen, womit sie den König erboste und verhärtete.
Gehetzt und gezischelt, Glut gelegt und ins Feuer geblasen wurde gleichfalls nach Hofgebrauch. Der normännische Adel insgesamt hatte seinen Haß und Abscheu geworfen auf den gottseligen Rebellen, der den entlaufenen Hörigen der eroberten Güter die unerstürmbare Zuflucht seiner Klöster öffnete. Täglich und stündlich wurde dem Herrn hinterbracht, wie der Bischof zunehme und groß werde im Volke der Sachsen und seine gleisnerischen Hände überall und allezeit hilfreich und segnend ausstrecke. Er unterwühle das Reich mit einem heimlich brütenden frommen Aufruhr der Seelen, gefährlicher als ein offener und körperlicher, weil er sich nicht mit Waffen niederwerfen lasse.
Wurde dem König solcher Argwohn eingeraunt, so gab der Gereizte seinem liebsten Rüden einen Tritt und behandelte auch mich unwirsch, besonders wann ich ihm eines jener subtilen Schreiben überreicht hatte, in welchen der Primas mit der ängstlichen Linken zurücknahm, was seine großmütige Rechte gegeben.
Dann geschah es wohl, daß der Herr das trügliche Schriftstück fluchend in der Faust zerdrückte und zur Jagd blasen ließ, ob er seinen Unmut auf freier Heide verwinde. Aber es gelang ihm nicht. Wurde ihm der Edelhirsch zugetrieben und reichte ich ihm die Armbrust, so erblickte er statt des geängstigten Wildes seinen Verfolger, stöhnte qualvoll: ›Hüte dich, Thomas Schlankhals!‹ und durchbohrte dem Tiere das Herz.
Endlich entschloß sich Herr Heinrich, forderte den Primas vor ein Gericht seiner Barone, ließ ihn als Reichsverräter verurteilen und vertrieb ihn auf ewig aus seinen Landen. Am selben Tage aber, da Herr Thomas wie ein Verbrecher über Meer entfliehen mußte, wich Frau Ellenor von ihrem Gemahl und verließ Schloß Windsor mit einem weit vernehmbaren Wehegeschrei.
Jetzt begann das Ohr meines Herrn und Königs Tag und Nacht über Meer zu lauschen, was Herr Thomas drüben beginne.
Zuerst verlautete, der Capetinger habe ihn an der jenseitigen Küste mit Ehrfurcht empfangen und um seinen Segen gebeten, ihn versichernd, er, als ein christlicher Fürst, habe wahrlich sein Leben lang nie einen Mönch beleidigt, geschweige einen Bischof.
Das war König Ludwig, den sie den Jüngling nannten, weil er als ein unbärtiger Knabe den Thron bestieg, und der Name blieb ihm, da er es nie zu einer herzhaften Männlichkeit gebracht hat; wie denn auch Frau Ellenor, die er als seine Königin heimgeführt hatte, in der Gärung ihrer übermütigen Jugend sich bitterlich beklagte, man habe sie mit einem heiligen Mönche vermählt.
Dieser Herr war ein geborner Freund der Geistlichkeit und beschwor den Vater der Christen mit Beilegung goldener Pfennige, die Sache des heiligen Primas an die Hand zu nehmen gegen Herrn Heinrich, welcher sein und seines Hauses Erbfeind war und den er mit den Waffen der Kirche wirksamer zu bekriegen hoffte als mit seinen weltlichen.
Seinerseits hielt der Heilige Vater die Waage in sorgsamer Hand, beflissen, seine Gnade je und je in diejenige der Schalen zu legen, die durch das Gewicht hineingelegten Goldes herabgezogen werde.
Diese päpstliche Weisheit gedieh meinem Könige in jener Zeit zum Nachteil, da ihm seine Kriege in Irland ein schweres Geld kosteten und ihm weniger als früher für den Vater der Christenheit übrigblieb. Dennoch zögerte der Heilige Vater, für Herrn Thomas ohne Rückhalt einzutreten. Er konnte kein rechtes Vertrauen zu ihm fassen und in seinem Geiste den verfolgten Bischof von dem ehemaligen Kanzler nicht sondern. Diesen hatte er wiederholt als einen durchtriebenen Staatsmann erfahren, und es erschien ihm verdächtig, daß er jetzt von seiner Kunst keinen Gebrauch mache, sondern sich verfolgen lasse wie ein großer Apostel der ersten Kirche oder ein schwärmerischer Ketzer der jüngsten Zeit.
Es wurde mir von glaubwürdigen Zeugen versichert, und wie ich Herrn Thomas kannte, hielt ich es für Wahrheit, er habe seine Sache heilig gehalten und seine Hände rein von jedem Verrat an seinem Herrn und Könige, den Papst nicht weiter in Anspruch genommen und vom Capetinger nichts verlangt als eine Klosterzelle, wohin er sein Haupt berge.
Dergestalt ging er denn, vom Heiligen Vater aufgeopfert, die Hoflager des Capetingers vermeidend, am Wanderstabe des Elends von Kloster zu Kloster, und oft verloren sich seine Spuren. Während so seine Leiblichkeit in Frankreich abnahm und schwand, wuchs seine Macht und geistige Gegenwart in Engelland und stand über den trauernden Sachsen wie der Vollmond in der Nacht. Oder, wenn Ihr lieber wollt, Herr Thomas wohnte wie das Christkind im Stalle, niedrig und prächtig, in allen englischen Hütten und Herzen. Er herrschte dort als König und vertrieb die Furcht aus den Seelen.
Diese meine Augen haben es gesehen, wie die Sachsen und mehr noch ihre Weiber jetzt, da Herr Heinrich den Primas gerichtet hatte, seiner Majestät Ehrfurcht und Kniebeugung verweigerten, sich abkehrend, wo er vorüberritt. Noch ist mir ein Stücklein davon erinnerlich. Mein König lustwandelte eines Tages in seinen Gärten, wo sie sich gegen Wald und Fluß ins Freie verlieren, und ich ging nach meiner Gewohnheit von ferne in seinen Stapfen. Da kroch aus den blühenden Büschen ein blondes Sachsenkind hervor und geriet dem König zwischen die Füße. Der heute gutgelaunte Herr hob den Buben auf, liebkoste ihn und drückte ihm ein Silberstück in das Händchen. ›Halte fest, mein Junge!‹ sagte er. Da sprang die Mutter, die sich in einer ersten Anwandlung von Ehrfurcht und Zittern hinter einen Baumstamm geduckt hatte, mit brennenden Augen hervor, entriß dem Kinde die Münze und warf sie entsetzt ins Dickicht, als wäre es einer der dreißig verfluchten Silberlinge. Ich eilte herbei, um die Freche, welche mit dem Kinde auf dem Arme davonrannte, zu ergreifen. Herr Heinrich aber sprach: ›Hans, laß sie laufen!‹ und wandelte fürbaß mit verdorbener Laune, seufzend und nachdenklich.
Tag und Nacht ging alles Träumen und Sinnen meines Königs darauf hin, wie er Herrn Thomas seiner Primaswürde, an der, wie er sich einredete, die Verehrung der Sachsen hing, rechtsgültig und für immer entkleide. Darüber habe ich ihn oft, die Faust auf die Stirne gedrückt, grübeln und brüten sehen. Eines Morgens trat er mit triumphierendem Angesicht aus seiner Kammer – er glaubte das Rätsel gelöst.
Es war am Tage der Himmelfahrt unseres Herrn, daß Herr Heinrich vor die Versammlung seiner Barone trat und ihnen vorstellte, sein weit verästetes Reich bedürfe eines zweiten Hauptes, und er würde sich, die Krone mit seinem Erstgeborenen teilend, Last und Sorge erleichtern.
Die Herren willigten in guten oder bösen Gedanken und Absichten ein, daß Prinz Heinrich neben seinem Vater gekrönt werde, und es krönte und salbte den Jüngling der normännische Bischof von York. Darauf folgte ein der Gelegenheit würdiges Festmahl, und dabei begab es sich, wie ich hier vor einem Jahre Euern Brüdern, den Herren im Stift, vorgemacht und nach Wahrheit beteuert habe, daß mein Herr dem Jungkönige Heinz bei Tische diente und ihm eigenhändig die Speise vorlegte. ›Heute bin ich einer schweren Bürde ledig geworden!‹ rief er und vergoß Tränen der Freude.
Ist Euch die List der Sache klar, Herr? Erkennet Ihr, welche Last mein König abzuwerfen wähnte?
Ihr schüttelt das Haupt? Wohlan, hier habt Ihr den Schlüssel dazu. Das große Privilegium, der unvergleichliche Edelstein der bischöflichen Mütze von Canterbury war die Krönung der englischen Könige. Dadurch, daß sie ein anderer Bischof vollzog, wurde die Primaswürde vernichtet und Herr Thomas heruntergerückt. So rechnete mein König und ergriff das Mittel, den eiteln Heinz an seine Seite auf den Thron zu heben; denn er meinte, sein Erstgeborner werde sich damit begnügen, das schimmernde Krönlein auf seinem Haupte im Spiegel zu betrachten und es auf Gewand und Pferdedecke sticken zu lassen.
War der Plan nicht fein und staatsklug wie weiland die Ratschläge des jetzt der Schlauheit der Welt abgestorbenen Kanzlers?
Es war ein böses Fündlein, wie Herr Heinrich kein schlimmeres hätte tun können!
Wenige Wochen später zeigte es sich. Zwei Unheilskunden langten an dem gleichen Tage in Windsor an.
Die eine erzählte, Jungkönig Heinrich sei, den wetterwendischen Herrn Gottfried mit sich ziehend, nach Paris geritten unter dem Vorwande eines Turniers, in Wahrheit aber, um die jenseits der Meeresenge gelegenen Länder des Normannenreiches unnötiger-und schmählicherweise von dem Capetinger zu Lehen zu nehmen.
Die andere lautete, der verborgene Herr Thomas sei in einer französischen Stadt zu Pfingsten an den Tag getreten und habe unter dröhnendem Glockenschlage die brennenden Kerzen auf dem Hauptaltare des Domes mit dem Hauche seines Mundes gelöscht, den Bischof von York, der in die Rechte des Stuhles von Canterbury gegriffen, mit dem Banne schlagend.
Wie der alte König, denn diesen unlieben Namen mußte mein Herr seit der Krönung seines Sohnes tragen, diese zwei Botschaften erhielt, gebärdete er sich wie ein wahnsinniger Mann. Er tobte, entgürtete sieh vor seinen Knechten, warf sich stöhnend auf sein Lager, zerfetzte die seidenen Decken, riß mit den Zähnen die Wolle aus den Polstern und zerschlug sich die Brust mit verzweifelten Fäusten.
›Löset mir den versuchten Vampir vom Herzen!‹ heulte er, den Schaum vor dem Munde, und meinte Herrn Thomas, ›er zernagt mir Leib und Seele!‹«
Herr Burkhard hörte diese Mär mit Unlust, denn er war ein reichstreuer Waiblinger und darum auch in den Händeln anderer Nationen ein königlich gesinnter Mann. Es konnte ihm nicht gefallen, einen großen und tapfern Fürsten in solcher Erniedrigung seiner selbst zu erblicken.
Er machte seinem Mißbehagen mit einem Stiche gegen den gehärteten Armbruster Luft.
»Die zwei Hiobsposten an demselben Tage?... Hans, du träumst! – Liegt doch ein volles Jahr dazwischen, wenn die Zahlen auf den Rändern meiner Chronik nicht fügen!...«
»Bleibt mir vom Leib mit nichtigen Zahlen!« grollte der Armbruster. »Ein anderes ist es«, fügte er, seines unwirschen Wortes sich sogleich bewußt, mildernd hinzu, »ob einer noch im Tagewerke und in der Zeit steht, oder ob der Tod sein Lebensbuch geschlossen hat. Ist einmal das letzte Sandkorn verrollt, so tritt der Mensch aus der Reihe der Tage und Stunden hinaus und steht als ein fertiges und deutliches Wesen vor dem Gerichte Gottes und der Menschen. Beide haben redet und unrecht, Eure Chronik und mein Gedächtnis, jene mit ihren auf Pergament gezeichneten Buchstaben, ich mit den Zeichen, die in mein Herz gegraben sind.
Aber, haltet mich nicht auf! Mich verlangt zu enden, lieber Herr. Denn ich erblicke ein blutiges, totes Haupt vor mir und den gegeißelten Rücken meines Königs.
XI
Am Abende des Tages, da mein Herr und König durch sein blindes Wüten sich selbst geschändet und vor seinen Knechten erniedrigt hatte, saß ich niedergeschlagen und einsam, voll Scham und Trauer um meinen Herrn, auf einem Mäuerchen bei den Stallungen. Da erhielt ich unversehens einen Schlag auf die Schulter, und Herr Richard, der nach seinen Hengsten geschaut, schwang sich, leutselig, wie er mit den Knechten war, rittlings neben mich auf die Mauer.
›Hans‹, sagte er ohne Umschweif, ›deine Augen haben gesehen, wie sinnlos und unritterlich der Vater sich heute gebärdete! Versänke dieser Tag in ewige Finsternis!... Eine reißende Bestie!... Jammer und Schande!...‹ Zwei kindliche Zornestränen rannen über seine Wangen. – ›Gut noch, daß die Aufrührer, der Heinz und der Gottfried, solches Ding nicht geschaut haben; sie würden den elenden Mann am französischen Hofe und bei allen andern Thronen als einen Wahnwitzigen und Unfähigen auskünden, der sein Reich so wenig als sein eigen Gemüt bezähmen und regieren kann. Bleibt es so, oder wird es schlimmer mit ihm, ei, wie leichtes Spiel haben die Brüderlein, dem Vater die Krone vom Haupte zu reißen und mir mein Erbteil zu entwinden! Aber bei den Augen Gottes‹, beteuerte er, ›das darf nicht dauern!...‹
›Habet Geduld, Herr Richard‹, unterbrach ich ihn, ›und weichet nicht von einem Kranken! Wenn Ihr mit Sicherheit in Euer Erbe treten wollt, bauet auf Gottes Verheißung, die denen, so Vater und Mutter ehren, langes Leben und den Besitz des Landes verbürgt!‹
›Nicht meinetwegen allein muß das Ding ein Ende nehmen‹, sagte Herr Richard. ›Ich bin der Drittgeborne, und, meiner Treu, mich ergötzte besser, ein Reich mit dieser Faust zu ergreifen als das des Eroberers zu erben! Aber...‹, er sprang auf die Füße und reckte die Hand gen Himmel, ›umkommen lasse ich es nicht, das Reich des Normannen, so wahr sein Blut in meinen Adern rollt! Diesseits und jenseits des Meeres soll es zusammenhalten und die Welt beherrschen!‹
Wie er so hoch und herrlich vor mir stand, konnte ich von seinem Glanz das Auge nicht verwenden. Er aber wandte sich zu mir mit den ungeduldigen Worten: ›Hans, wo begann das? Und wurde so schlimm? In der Stunde, sag ich dir, wo der Vater mit der Weisheit, das ist mit Herrn Thomas, sich entzweite. – Widersprich mir nicht! – Ich will verkappt über Meer und nach dem Kloster fahren, wo der Primas fastet und betet. Er hat mich lieb gehabt und liebt mich zur heutigen Stunde, wenn noch eine Faser seines Wesens unvermöncht ist. – Rede mir nicht ein! – Ich gehe, seine Knie zu umfassen! Ich will flehen und bitten – nicht wie ein Königskind und nicht wie zu einem Menschen... ich ruhe und raste nicht, bis ich die zweie zueinander gezogen und versöhnt habe!... Er muß wiederum des Vaters Kanzler werden; denn allein seiner großen und einzigen Weisheit ist es möglich, das Wirrnis zu lösen!‹ –
Ich wußte, wie gerne Herr Richard sich verkleidete und auf Abenteuer ausritt. Diesmal jedoch wurde er durch frommes, kindliches Leid mehr noch als durch sein Blut getrieben.
Ich hielt dem ehrlichen Wildfang noch vor, wie leicht mißlungene Versöhnung in verschärfte Feindschaft umschlägt; dann ging ich unverzüglich, ihm und mir geringes Gewand zu verschaffen, willfährig ihn auf seinen Wegen zu begleiten, denn die fröhliche Zuversicht seiner Augen hatte mich Gewitzigten verblendet.
Urlaub von meinem Könige nahm ich nicht, dieweil es ihm selbst genehm sein mußte, nachdem ich der Zeuge seiner Schmach gewesen, meinen Anblick etliche Tage zu missen.
Wir durchritten Frankreich, in zwei ärmliche deutsche Reiter verkleidet, die Kriegsdienst und Löhnung suchen. Herrn Richards Jugend und Adel aber strahlte so siegreich aus dem geflickten Mantel hervor, daß ich, um jeden Verdacht abzuwenden, mich meiner Hofsitten gänzlich entäußerte, in Herbergen und auf Heerstraßen gröblich fluchend und schwörend in meinem väterlichen Alemannisch. Auch ritten wir nachts und rasteten des Tages.
Da stieß ich mit einem zusammen in einer Herberge, wo Herr Richard in der entlegensten Kammer schlief, mit einem, der von unten her Gewalt über die Geister empfangen hatte, der mit scharfem Schwerte und noch schärferer Zunge, wo er stand und ging, wie ein Engel der Zwietracht Bande der Natur zerschnitt und den Frieden mordete. Auch das Löwenherz sollte ihn später erfahren, aber jenes Tages blieb er noch vor ihm verschont.
Ich saß vor meinem Imbiß in der Trinkstube, da hörte ich Pferdegestampf auf dem gepflasterten Flur und den Lärm eines anlangenden reisigen Truppes. Ein fünf oder sechs in Kostbarkeit gekleideter und turniermäßig gewaffneter Ritter traten ein und verlangten einen guten, schnellen Trunk.
Es waren Südfranzosen von gelenken Gliedern, feurigen Augen und geflügelter Rede, die, wie ich bald erfuhr, von einem Lanzenspiele in der berühmten Stadt Paris kamen, das sie infolge eines plötzlich entloderten bösartigen Zwistes fluchtweise verlassen hatten.
Sie ließen Scheiter ins Feuer werfen und setzten sich scherzend und silbenstechend um den lodernden Herd. Kreuz und quer sprangen die klingenden Worte. Die einen der Jünglinge setzten die Frauen von Paris herunter neben den Schönheiten von Arles und Tarascon, die andern erhitzten sich wiederum an dem Zwist, der ihnen das Fest vergällt und gekürzt hatte.
Wer diesen gestiftet, darüber war ich nicht im Zweifel. Gerade jetzt sprang er wieder von seinem Sitze und in ihre Mitte, der mit den brennenden Augen und flatternden Haaren, und machte sich zum Herrn des Gespräches.
›Wahr ist es, überall, wo ich hintrete, lodert die Flamme aus der Erde‹, rief er ihnen zu, ›hoch und aufrichtig, kein ersticktes Feuer, wie das eurige! Hasset ihr sie doch auch im stillen, ihr Provenzalen und Aquitanier, Kinder der Sonne, diese Leute des Nordens mit den gepanzerten Gliedern und steifen Gebärden, mit der herrischen Sprache und den begehrlichen Augen! Fühlet ihr doch, wie sie euch beneiden, ihr Begünstigten, eure von Öl und Wein triefenden Hügel, die alte Freiheit eurer römischen Städte, eure glücklichen Porte, wo die Waren und die Gedanken der Erde getauscht werden, Meer und Himmel, eure vollkommenen Weiber, eure süßeste Sprache! Fühlet ihr doch, daß sie euch aus der Sonne drängen und wie Ungeziefer zertreten werden!
So wird es kommen! Denn die Völker der Erde vertilgen sich, und der Haß ist der allmächtige König der Welt! Ihr aber wollet euch nicht stören lassen – so bauet denn eure Nester, rastet und scherzet im Reiche der Täuschung, ihr Sonettendichter! Liebet, bis ihr in der Liebe den Haß findet!
Mich aber lasset auffahren über den Schein in die Wahrheit der Dinge. Hoch lebe der Haß, der glühende Atem der Erde! Sehet dieses Herz, das Gefäß seiner prächtigen Flamme! Wer da hassen will, der pilgere zu dem lodernden Herzen Bertrams de Born! Vor diesem Altar werden die Gesinnungen offenbar und fahren die Hände an die Schwerter!‹
Und er deutete auf ein flammendes Herz in feiner Stickerei von Gold und Purpur, das auf der linken Seite sein schwarzes, eng anschließendes Wams zierte.
›Das Herzchen auf Euerm Wams hatt' ich mir anders gedeutet, Herr Bertram‹, spöttelte schüchtern ein junges Blut, das Violenblau – wohl die Farbe seiner Dame – auffällig zur Schau trug. ›Ihr wandtet Eure Augen doch auch wohl in Liebe Frauen zu, wenn auch nur fürstlichen! Unlängst noch fuhret Ihr über Meer zu Eurer alten Flamme, der Königin Ellenor. Wollet uns das Kriegslied singen, das Ihr dem tugendsamen Gemahl König Heinrichs in den Dämmerstunden zuflüstertet!‹
›Das läßt sich nicht singen und sagen!‹ höhnte der Wilde. ›Zwei Worte hab ich ihr zugeraunt und zwei andere ihrem Sohne, dem Jungkönig Heinz: Gestreut ist die Saat, und Bluternten werden aufgehen!
Bei den Flügeln Lucifers, ich verstricke König Heinrich und seine Söhne in die Ringe eines Drachen, giftiger als der, welcher den Priester Laokoon und seine Kinder erdrückte!‹
Ich konnte den Blick nicht von dem Manne verwenden, der sich jetzt – zu meinem Grauen – nach der Richtung kehrte, in der wir zum Kloster reiten sollten, mit beiden Armen in die Weite grüßend.
Verwundert Euch nicht! ich wußte, wen er vor sich sah.
›Dort betet einer, der noch besser haßt als ich!‹ rief er aus... ›Ich grüße dich, Gefährte!‹
Und er trank dem Fernen, den seine Augen erblickten, feierlich aus voller Schale zu.
›Du stiller, langsam grabender Mann! Du duldest wie dein Meister und lässest dich töten wie er: Du glaubst der Liebe zu dienen, aber der Haß ist der mächtigere, und dein Tod, wie der deines Gottes, ist die Verdammnis der Menschen!
Bischof! Die Wette gilt: wer von uns beiden König Heinrich von Engelland am tiefsten in die Hölle stürze! Dort will ich ihn finden und, mein Knie auf seiner Kehle, einen Triumphgesang anstimmen, daß die Höllenkreise sich dehnen, die Verdammten zu Riesen werden und was darüber schwebt, in sein Nichts verschwindet!‹ –
Das grausige Lästerwort, als ob der süße Pelikan nicht uns allen zu Lieb und Heil sich die Brust geöffnet, hatte mir das Haar zu Berge getrieben, während die an Ketzerscherze gewöhnten provenzalischen Herren sich wenig daraus machten, wohl aber daran herumrieten, wer Herrn Bertrams Mithasser sei.
Dann sprang das Gespräch über auf ein seltsames Zeichen, das jüngst die Leute von Arles erschreckt hätte. Auf dem dortigen römischen Markte sei ein marmornes Mädchenhaupt zu Tage gekommen mit gebrochenen Augen und der Bitterkeit des Todes auf dem Munde, und wenn man seine geflochtenen Locken näher betrachtete, so seien es züngelnde Nattern. Sie meinten, dieses traurige Haupt bedeute ein kommendes großes Sterben in ihren sonnigen Ländern.
All dieses künftige Elend und das gegenwärtige meines Königs bewegte mir das Herz so kläglich, daß ich mich nicht halten konnte und einen schweren Seufzer ausließ. Die Herren, die mich bisher nicht in acht genommen, blickten sich nun verwundert nach mir um. Da erhob ich mich von meinem Becher und ging mit schweren Reitertritten und einem ehrlichen schwäbischen ›Grüez Gott‹ an ihnen vorbei. Sie antworteten als höfliche Leute ohne Zögern mit einem hübschen Kopfnicken. Als ich aber aus dem obern Stockwerke, wohin ich gegangen war, Herrn Richard zu wecken, ihnen nachblickte, die sich rasch zu Pferde schwangen, ebenso stürmisch aufbrechend, wie sie gekommen waren, da warf der Unbändige, ihr Anführer, gerade noch ein loses Spottwort über meinen schwäbischen Seufzer unter sie, und die Herren verritten unter dem Gellen eines scharfen welschen Gelächters.«
Der züchtige Herr Burkhard hatte sich über den Lästerungen dieses Fremdlings zu wiederholten Malen still bekreuzt. Jetzt bemerkte er nachdenklich: »Aus dem Schwefelgeruche dieser Reden, Hans, ersiehest du leichtlich, mit wem du in dieser französischen Trinkstube zusammengesessen hast. Mir ist es außer Zweifel, wer jenen fahrenden Mann besaß und begeisterte. Kein Besserer als der Arge, der ein Rebell und Mörder ist von Anfang.
Darum auch wußte er den Martertod des Herrn Thomas voraus, und gleichermaßen, so fürchte ich, wird sich erfüllen, was dieser Unheimliche von der drohenden Verwüstung jener südlichen Lande wahrsagte, worauf auch das ausgegrabene Schreckensweib hindeuten mag.
An jenen Küsten wimmelt es, wie verlautet, von Ketzern jedes Irrtums, besonders von hartnäckigen Manichäern. Ich liebe den Frieden, bin den Menschen hold und freue mich, die läßlichen Sünden zu vergeben. Hier aber wird die Gnade verworfen, und ich könnte es wahrlich geistlichen und weltlichen Herren nicht verargen, wenn sie sich zusammentäten, um diese Verstockten aus dem Mittel der Christenheit zu heben, daß ihre Stätte sie nicht länger kenne.
Doch besser ist, bei diesen traurigen Dingen nicht zu verweilen. Hans, erzähle mir, ob ein Segen war bei der Fahrt des Herrn Richard. Er ist der einzige deiner Engelländer, an welchem meine Seele ein Gefallen finden kann.«
»Es war mir kaum möglich, mein Roß neben dem flüchtigen Falben des Löwenherzens zu halten«, fuhr der Armbruster willig fort; »denn seine Sehnsucht nach Herrn Thomas wuchs von Stunde zu Stunde und war kaum mehr zu zügeln, als die Türme des Klosters, wo dieser sich barg, auf dem klaren, blauen Herbsthimmel sich vergrößerten und die Mauern seiner Umfassung schimmerten wie die himmlische Stadt.
Mein Löwenherz kennend und den Sturm seiner Gefühle, beschwor ich den Herrn, mich ihm vorausreiten und die Gelegenheit erkunden zu lassen, worein er, wenn auch ungern und scheltend, zuletzt willigte.
Der Bruder Pförtner vernahm mein Gesuch ohne Argwohn, und als ich den Herrn Thomas nannte, machte er eine so ehrfürchtige Gebärde und zog ein so frommes Gesicht, daß ich wohl merken konnte, der Kanzler stehe hier in hohem Ansehen und im Geruche der Heiligkeit. Er sagte mir, der Primas befinde sich in der Kirche und er wage es nicht, auch wäre es frevelhaft, ihn in seiner Andacht zu stören.
Inzwischen zeigte mir der Mönch die nackte Zelle des aus dem bischöflichen Palaste von Canterbury Verstoßenen mit dem rauhen Feldsteine, worauf er schlummernd das Haupt zu stützen pflegte. Dies harte Kopfkissen verwunderte mich, denn ich wußte, von wie empfindlicher Natur und von wie feinen Gliedmaßen der Kanzler war. Endlich aber, als es nicht werden wollte und des heiligen Mannes Andacht zu keinem Ende kam, ließ mich der Pförtner in die Kirche treten gegen das Versprechen, mich still und eingekehrt zu verhalten, solange der Betende meiner nicht ansichtig würde. So trat ich denn achtsam zwischen den Säulen hervor und wurde alsbald Herrn Thomas gewahr, der in einem hochlehnigen Chorstuhle stand, eher sinnend als betend. Da ich den wundersamen Herrn seit manchen Jahres Frist nicht mehr gesehen hatte, so erschrak ich über die widernatürliche Schmalheit seines Antlitzes und seine tiefen schmerzlichen Augen, deren Blick mehr nach innen als nach außen gerichtet schien.
Ich kniete im Schatten des Hochaltars auf die Stufen nieder und verehrte das Heiligste, ohne Herrn Thomas aus dem Auge zu lassen. Ob er meiner Gegenwart gewahr wurde oder nicht, blieb mir unbewußt, denn nichts an ihm geriet in Bewegung.
Als ich aber nach einer guten Weile langsam mich von den Knien erhob, richtete der Kanzler, ohne mich anzublicken oder eine Miene zu verziehen, die Frage an mich: ›Wie befindet sich mein Herr und König?‹ – Ganz in dem Tone, wie er vormals zu fragen pflegte, wann er mich in Windsor vor der Schwelle der königlichen Kammer traf. Da schossen mir die heißen Tränen in die Augen.
Er aber bewegte sich leise die Stufen herunter, winkte mir mit der Hand, ihm zu folgen, und schwebte mir voraus in den Klostergarten, ein lustiges grünes Geviert mit blühenden Rosenbüschen in der Mitte eines kunstvollen Kreuzganges von neuester Bauart. Obwohl draußen schon die Blätter fielen, hatte das Welken und Sterben der Natur noch keinen Einlaß gefunden in diesen von sorgfältigen Mönchen gepflegten grünen Raum.
Der Primas ließ sich zwischen dem üppigen Gesträuch auf eine Steinbank nieder und wiederholte seine Frage: ›Wie steht es um meinen Herrn und König?‹
›Herr Thomas‹, sagte ich, ›es steht mit ihm nach gemeinem Menschenschicksal und erbärmlicher noch. Er ist nicht mehr zu kennen. Sähet Ihr ihn, es jammerte Euch seiner, und Euer Eingeweide würde sich über ihn erbarmen!‹ Dann schilderte ich ihm mit beweglichen Worten den Verfall und die Verstörung des eines so majestätischen Fürsten.
Er hätte mich lange reden lassen.
Herr, er hörte mich an ohne Schadenlust, auch ohne sichtbares Mitleid, auch nicht fremd und gleichgültig, sondern wie man wohl vernimmt, daß ein Unheil eingebrochen ist, welches man lange vorhergesehen und worauf man sich im Geiste gefaßt hat.
So schwieg er. Aber ich meinte zu fühlen, daß sein Herz sich erweichte, darum erkühnte ich mich und schrie: ›Herr Thomas, Ihr seid ein heiliger Mann und kasteiter Christ! Wenn Ihr vergeben könntet, was Herr Heinrich an Euch gefrevelt hat... es nähme heute noch ein gutes Ende!‹
Er aber schwieg.
›Verzeiht dem Könige‹, schrie ich wieder, ›daß Gnade verlorenging!‹
Da senkte Herr Thomas das Haupt und antwortete rätselhaft: ›Schlimm, wenn die süße Gnade verlorenging... das sei ferne.‹
In diesem Augenblicke vernahmen wir das wehklagende Schelten der Mönche, welche einen jungen Reitersmann, der den Pförtner überrumpelt hatte und in den Kreuzgang einbrach, an den Armen zurückhielten. Es war Herr Richard. Das Harren und seine Verkleidung mochten das Löwenherz verdrossen haben.
Die Mönche abschüttelnd, stürzte er zu den Füßen des Primas und rief: ›Mein Vater, mein Vater! Sie wollen mich nicht zu dir lassen.‹
Dieser betrachtete ihn eine Weile schweigend. Dann strich er ihm mit sanfter Hand die schweißgenäßten, verworrenen Blondhaare aus der Stirn und schlichtete sie ihm mütterlich.
Wie ich dies Zeichen seiner zärtlichen Liebe zum Löwenherzen sah, hielt ich unsern Handel für gewonnen und verzog mich bescheiden unter die Gewölbe des Kreuzganges, die beiden Herren ihren Engeln und Schutzheiligen überlassend.
Ich setzte mich unter den Bogen einer durch ein Bündel feiner Marmorstäbe geteilten Fensteröffnung auf die breite Steinplatte und warf hie und da einen forschenden Blick ins Grüne zu den zwei Herren hinüber. Dieser Kreuzgang war voll Bildwerk und, wie gesagt, nach dem neuesten Geschmacke gebaut. Seine Säulen waren mit reichem Gesimse gekrönt, auf welchem, in abwechselnder Reihe, je ein Geschöpf der obern oder der untern Regionen saß, hier ein psallierender Engel, dort ein lächerlicher oder boshaft grinsender Wechselbalg. Aber ich verwendete auf diesen Zierat wenig Aufmerksamkeit, denn mein Auge wurde immer wieder von der Steinbank im Klostergarten angezogen.
Der Königssohn hielt die Knie des Kanzlers umfaßt, der nur sanft zu widerstreben schien, bis jetzt Herr Richard mit glühenden Wangen seine letzte Bitte vorbrachte und den Primas noch herzlicher umfaßte. Hier wandte sich Herr Thomas mit traurigem Antlitze weg, aber der Prinz ließ nicht von ihm, bis er auch diese gewährte. Ich hörte, wie der Jüngling während dieses Ringens um die Seele seines Vaters das Wort ›baiser‹ wiederholt ausrief, und erriet, daß es sich um den Friedenskuß der Kirche handle, mit welchem der Primas seine nächste Unterredung mit dem Könige zu weihen und zu beginnen versprechen sollte.
Nach einer guten Weile schritten die Herren, der blühende Jüngling zur Linken des kasteiten Bischofs, Hand in Hand an mir vorüber durch den Kreuzgang und trennten sich noch innerhalb desselben. Ich folgte. – Herr Richard neigte sich über die blasse Hand des Kanzlers und benetzte sie mit Tränen kindlichen Dankes. Wahrlich, auch mein Herz jubelte, daß die erbarmungswürdigen Leiden meines Königs zu Ende gingen. Da mußte ich, wehe, über den Häuptern der zweie ein steinernes kleines Scheusal erblicken, das, auf dem Gurt eines Pfeilers hockend, mit seinem Krötenbeinchen höhnisch nach ihnen stieß und dazu die Zunge reckte. Dieses mißfiel mir, obschon es ein Zufall war, und ich hätte die beiden Herren lieber erst am nächsten Pfeiler sich scheiden sehen, wo ein harfenierender Engel seine Schwanenfittiche ausbreitete.
Herr Richard schickte mich dann Hals über Kopf zum Könige, seinem Vater, mit einem Schreiben, worin er diesen bat, um Gottes Wunden und um seines eigenen Heiles willen die den Bitten des Sohnes gewährte Zusammenkunft mit dem Primas zu beschleunigen.
Als Herr Heinrich aus dem Briefe entnahm, der Bischof verspreche ihm den heiligen Friedenskuß, litt es ihn nicht länger in seiner Burg, er trieb seine Ritter und schalt seine Knechte, bis wir nach wenigen Stunden spornstreichs verritten – so heiß dürstete ihn nach der Berührung der Lippen, die seine langjährigen Qualen stillen und seinem Leben den Frieden geben sollten, wie sein Glaube war.
Es war an einem grauen Tage und auf einer trübseligen Heide, daß die Herren zusammentrafen. Herr Thomas, der mit kleinem Gefolge erschien, hatte Mühe, sich von seinem Tiere zu heben. Er war schmal von Gestalt und schwankend geworden, wie ein in Sonne und Wind verschmachtetes Schilf. Der König stürzte vor, um ihm den Bügel zu halten, den Primas aber hatten seine Mönche schon in ihren Armen empfangen. Er stand ehrerbietig vor meinem Herrn, ein müder Mann; aus tiefen Höhlen blickten seine Augen, und zitternd klang seine Stimme, als er an den König die erste Rede richtete: ›Gnädiger Herr, laßt die andern zurücktreten, damit unser Geheimnis unbelauscht bleibe.‹ Er winkte seine Mönche weg, und der König wies mit hastigem Gehorsam seine Ritter zurück, denn ihn dürstete nach dem Friedenskusse. Ich aber ergriff die Zügel der beiden Pferde und hielt mich mit ihnen in kleiner Entfernung von den Herren, während die andern, Mönche und Ritter, wohl auf die Weite eines Bogenschusses nach zwei Seiten zurückwichen.
Herr Heinrich konnte sich jetzt nicht länger halten; mit gespitzten Lippen näherte er sein zerfallenes, aufgedunsenes Angesicht dem kasteiten, heiligen Haupte des Kanzlers. Es war häßlich und abstoßend, das Antlitz meines Königs, aber so rührend und sehnsüchtig, als begehre es nach dem Genusse des göttlichen Leibes.
Was jetzt geschah, Herr, was in dem Innern des Kanzlers vorging, wer kann es sagen?
Ich meine, daß dieser Verein von Häßlichkeit und Begierde ihn an die Erwürgung der kindlichen Gnade erinnerte. Er entzog ekelnd seine Lippen dem Könige und betrachtete das nahe Haupt mit Schauder, als erblicke er den Inbegriff jeder Unterdrückung und Schandtat.
Doch der König in seiner blinden Sehnsucht ergriff die Arme und suchte den Mund des Kanzlers, als ihn dieser mit einem Schrei des Entsetzens zurückstieß.
Wie nun Herr Heinrich mit Schmerz und Zorn gewahr wurde, daß ihm der Primas trotz des gegebenen Wortes den Frieden nicht gewähren konnte, verhärtete sich plötzlich sein Gemüt, und er stieß verzweifelnd die Worte aus: ›Was hab ich mit dir zu schaffen, Thomas? Was verfolgst du meine Seele?‹
Der Kanzler aber war seines Willens wieder mächtig und seines Pfades sicher geworden. Er erwiderte mit ruhiger Hoheit: ›Du kennst seit langem meine Natur, o Herr, die in die Stapfen eines Größeren treten muß. Ich bin dessen nicht gewiß, ob der Nazarener, dem ich gehöre und nachzufolgen suche, es über sich gebracht hätte, deine scheusäligen Lippen zu berühren. Den Verräter Judas hat er geküßt, der ihn, die Unschuld und Liebe selbst, verkauft und in den Tod geliefert hat; aber ob er einen Mund geküßt hätte, der die Seele seines Kindes vergiftete und den Leib der Unschuld verdarb, daran muß ich zweifeln. Und da er zugleich ein Gott ist, wie die Kirche lehrt, so kann er den Mord seines Lammes nicht vergeben ohne eine schwere und völlige Sühne, weil er sich selbst, das heißt die Gerechtigkeit, die sein Wesen ist, nicht zerstören kann. Und ich, der ein Mensch, aus heidnischem Blute und nicht so gelassen bin, als ich scheine, ich soll über mich bringen, was mein Meister nicht vermocht hätte! Und doch, es soll geschehen. Aber um ein Lösegeld, Seelen gegen Seele! Sammle deine Sinne, König, höre mich an und überlege.