Der Himmel kann warten
Der Himmel kann warten ...
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Adorabelle
- Das Erwachen -
Ich widme diese Geschichte asjohn, die sich erneut die Mühe
gemacht hat, sie vorab zu lesen und die eine Schwäche für ans Herz
gehende Stories hat!
Hand aufs Herz – was für eine Vorstellung haben Sie von einem Engel?
Genauer gesagt – von einem Schutzengel? Sehen Sie sie auch als ätherische, geflügelte Wesen von unendlicher Sanftmut und Güte, einzig und allein beseelt von dem Wunsch, den ihnen anvertrauten Menschen zu beschützen? Ja? Ich sage dazu nur eins: Vergessen Sie´s! Wie ich dazu komme? Ganz einfach – ich war selbst Einer! Und eins können Sie mir glauben, ein Schutzengel zu sein ist vermutlich der beschissenste Job im ganzen Universum, und zwar mit Abstand!
Zwar hat längst nicht jeder Mensch einen persönlichen Beschützer, die weitaus meisten werden sozusagen im Rudel überwacht, aber manche, die in irgendeiner Weise besonders wichtig für den unergründlichen, göttlichen Plan sind, werden quasi individuell betreut. Und ich war so ein individueller Betreuer
.
Aber was hätte ich nach über sieben Jahrhunderten nicht darum gegeben, den Krempel hinwerfen zu können! Meine Arbeit erfüllte mich schon lange nicht mehr und erschien mir geradezu nervtötend sinnlos!
Der ganze Ärger fängt doch schon an, wenn der uns anvertraute Mensch gerade geboren wird.
Haben Sie eine Ahnung, wie fürchterlich es sein kann, unsichtbar in einem überheizten Kreißsaal zu stehen und darauf zu warten, dass der zukünftige Erdenbürger endlich seinen ersten Schrei loslässt? Und wenn das endlich geschafft ist, wird es ja auch nicht besser – im Gegenteil! Mit jedem Monat der vergeht werden die kleinen Hosenmätze anstrengender. Als wären all die Steckdosen, Treppen und Herdplatten nur zu dem Zweck erfunden worden, um uns beschäftigt zu halten.
Glauben Sie mir, manchmal möchte man nichts lieber, als den verflixten Rotzgören einfach mal gepflegt auf die Finger oder den Hosenboden …
Aber das ist natürlich tabu!
Überhaupt gibt es so einige Tabus in diesem Job. An erster Stelle steht dabei Ungehorsam. Als Engel hat man gefälligst zu gehorchen und zwar ohne sich zu beklagen! - Das fällt natürlich auch unter die Tabus.
Aber das schlimmste dabei ist, dass Engel im Gegensatz zu den Menschen noch nicht mal die Möglichkeit haben, sich mit einem saftigen Fluch oder wüstem Schimpfen Luft zu machen! Wie oft habe ich mir gewünscht, mich wenigstens ein einziges Mal auf diese Weise abzureagieren!
Aber nein – die Devise hiess stets: tief durchatmen und lächeln. Natürlich wurde auch ich nicht als Engel geboren, sondern war vor sehr langer Zeit auch einmal ein Mensch, und als ich nach meinem Tod im Alter von 27 Jahren, wegen meines gottgefälligen Lebenswandels zum Schutzengel auserkoren wurde, fühlte ich mich geehrt und war überglücklich.
Wenn ich damals einen der dienstälteren Kollegen traf, wunderte ich mich oft über die mangelnde Begeisterung, die sie an den Tag legten und verstand nicht, wieso sie genervt die Augen verdrehten, wenn ich ihnen von meinem jeweiligen Schützling vorschwärmte. Später ging es mir dann genauso, ich wurde sozusagen ein Augenverdreher par excellence
!
Die Menschen, die ich beschützte ahnten nichts von meiner Anwesenheit und manchmal hatte ich das Gefühl, ich müsste verrückt werden.
Können Sie sich das vorstellen? Man wacht über jemanden, verhindert ab un zu Unglücksfälle, ohne dass es der Beschützte überhaupt merkt und steht ansonsten wie ein Regenschirm in der Ecke herum und tut - nichts!
Nichts, ausser einem menschlichen Leben dabei zuzusehen, wie es in mehr oder weniger grosser Bedeutungslosigkeit verstreicht. Wenn ich wenigstens gewusst hätte, welche Rolle mein jeweiliger Schützling in dem grossartigen, göttlichen Plan spielte...! Aber solche Dinge teilte man simplen Schutzengeln natürlich nicht mit, wozu auch?
Es interessierte ja niemanden, ob man bei dieser Art Arbeit verblödete!
Und ich brauche nicht zu sagen, dass es in diesem Job keinerlei Aufstiegsmöglichkeiten, keine Entlohnung, Urlaub oder sonstige Anerkennung gab, oder?
Meine Arbeit hing mir zum Halse heraus und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als das ganze Engeldasein hinter mir lassen zu können. Das ging natürlich nicht so einfach, aber ich suchte mir immer häufiger Schlupflöcher, soll heissen, ich überliess meine Schützlinge immer öfter unter irgendeinem fadenscheinigen Vorwand sich selbst und pflegte stattdessen mein Ego.
Und nachdem anfangs auch immer alles gut ging, verstieg ich mich bald in den Glauben, dass meine Anwesenheit doch eigentlich gar nicht nötig war, da sowieso nur selten etwas passierte! Anstatt über meinen Menschen zu wachen, mischte ich mich unters Volk, verfiel schlechten menschlichen Angewohnheiten, wie Rauchen, Trinken und Spielen und selbst, als mich Kollegen warnten, dass das nicht auf Dauer gutgehen könnte, hörte ich einfach weg oder wiegelte mit ein paar Plattitüden ab. So kam natürlich, was kommen musste und mein aktueller Schützling erlitt einen schweren Unfall, den ich mit Leichtigkeit hätte verhindern können, wenn ich dort gewesen wäre – nur leider war ich eben weit weg und betrunken und das machte wahrhaftig auf niemanden einen guten Eindruck.
Als ich erfuhr, was geschehen war, wirkte das wie die sprichwörtliche kalte Dusche.
Zum ersten Mal seit langer Zeit sah ich an mir herunter und bemerkte plötzlich, dass ich mehr einem Stadtstreicher ähnelte, als einem Engel.
Nun sehen Schutzengel heute längst nicht mehr aus, wie in alter Zeit, auch der Himmel muss schliesslich mit der Zeit gehen -wenigstens ein bisschen!
Früher war ein wallendes, weisses Gewand die einheitliche Uniform der Schutzengel, heute ist das anders geworden. Manche Engel fühlen sich im Anzug wohl, andere in Jeans und T-Shirt. Und natürlich gibt es auch weibliche Schutzengel, da ist die Bandbreite beim äusseren Erscheinungsbild noch grösser. Nun könnte man sich fragen, wozu der Aufwand gut sein soll, denn die allermeisten Menschen sehen uns Engel sowieso nicht - es sei denn, wir wollen es selbst, schon allein deshalb, weil das menschliche Gehirn sich schlichtweg weigert, Dinge wahrzunehmen, die es nach den Gesetzen der Logik nicht geben kann. Und selbst wenn uns jemand sieht, gilt das nicht zwangsläufig auch für das Engelhafte unserer Erscheinung, sprich unsere Flügel, denn mal ehrlich - würden Sie es glauben, wenn man Ihnen ernsthaft versichert, dass da jemand herumläuft, der ein Paar überdimensionierte weisse Schwingen auf dem Rücken hat? Sehen Sie? Schon mischt sich der Verstand wieder ein und lässt Sie nur sehen, was es "wirklich" gibt.
Kinder bilden da eine Ausnahme, zumindest hin und wieder - sie haben eben eine grössere Fantasie und sind offener für Unerwartetes. Aber das nur nebenbei!
Jedenfalls hatte ich mich wohl ziemlich gehen lassen in der letzten Zeit und sah auch dementsprechend aus. Meine Jeans waren zerfranst und schmuddelig, mein Kapuzenshirt sah fast aus wie ein Flecktarn-Oberteil, und in meinem Gesicht stand anstelle eines Dreitagebartes ein wüstes Gestrüpp. Was meine Flügel angeht – darüber decken wir lieber den Mantel des Schweigens. Nur soviel sei gesagt: jede heruntergekommene Stadttaube hatte damals ein gepflegteres Federkleid als ich! Ich hatte mich bereits mehrere Wochen lang auf der Amüsiermeile einer Großstadt herumgetrieben und war völlig ahnungslos, was das Schicksal meines Schützlings betraf.
So ziemlich jedes Amüsement, das sich mir bot, hatte ich genossen, ganz egal, ob es sich um Frauen, Schnaps oder sonstige hirnzerfressende Substanzen handelte.
Natürlich war ich mir darüber im Klaren, dass ich es krass übertrieb, aber auch das konnte mich nicht davon abhalten. Ich hatte ja selbst schon so manchen ausgebrannten und desillusionierten Engel getroffen, aber ich kann wohl ohne Übertreibung behaupten, dass es keinen gab, der mir in dieser Hinsicht das Wasser reichen konnte.
Gelegentlich war mir auch der eine oder andere Kollege begegnet und hatte angesichts meines Äusseren entsetzt die Augen aufgerissen, aber ich redete mir immer wieder ein, dass mich das nicht interessierte und machte weiter wie gehabt. Genau genommen interessierte mich nichts mehr wirklich, weder die Menschen im allgemeinen, noch mein Schützling im speziellen, geschweige denn irgendetwas anderes. Ich hatte meine Existenz einfach gründlich satt und versuchte nur noch, meinen Überdruss und die scheinbare Sinnlosigkeit meines Daseins irgendwie zu betäuben, ganz egal womit.
Von dem Unfall meines Schützlings erfuhr ich deshalb erst Wochen danach, durch zwei himmlische Wächter, die geschickt worden waren, um mich zu einer Befragung zu holen. (Ja, auch die "englische" Bürokratie funktioniert manchmal erschreckend langsam!)
Im Rahmen dieser Befragung sollte geklärt werden, inwieweit ich die Schuld daran trug, dass der junge Mann von einem Auto angefahren und beinahe getötet worden war.
Man gab mir die Gelegenheit, mein Äusseres herzurichten, bevor ich vor meine himmlischen Richter treten musste und während ich mein Erscheinungsbild wieder meiner Position anpasste, versuchte ich, mir eine glaubwürdige Ausrede einfallen zu lassen. Dabei wurde mir zu meinem eigenen Erschrecken plötzlich klar, dass ich mich nicht einmal mehr an das Aussehen meines Schützlings erinnern konnte!
Die Gesichter all derer, die ich in den letzten Jahrhunderten von der Wiege bis zur Bahre geleitet hatte, schwammen vor meinem geistigen Auge ineinander und ich war nicht mehr in der Lage, sie zu unterscheiden.
Da endlich begriff ich, dass ich versagt hatte. Und zwar auf ganzer Linie.
Mir war ja noch nicht einmal in den Sinn gekommen zu fragen, ob mein Schützling schwere Verletzungen davongetragen hatte und ob er wieder gesund würde!
Ich war nicht länger würdig, ein Schutzengel zu sein und über Gottes wertvollstes Gut zu wachen – die Menschen! Aber gerade weil ich das nun begriff, war mein Herz mehr denn je erfüllt vom Widerwillen gegen meine Aufgabe. Ich fühlte mich einfach nur hohl und leer und nichts schien mich mehr erreichen zu können.
In dieser Verfassung trat ich den Richtern gegenüber, die aus den ranghöchsten Engeln ausgewählt worden waren.
Ohne Umschweife gestand ich meine Verfehlung ein, in der Hoffnung, den ungeliebten Job endlich für immer loszuwerden. Doch schon nach einer kurzen Beratung stand das Urteil fest – und es fiel nicht gerade so aus, wie ich es mir erhofft hatte. „Ezekiel, du wirst hiermit dazu verurteilt, vorerst für die Dauer eines Jahres dein Engeldasein aufzugeben und als Mensch auf die Erde zurückzukehren. Du verlierst deine Privilegien und deine Flügel und bekommst sie erst nach Ablauf des Jahres zurück, falls eine Überprüfung deines Falles ergibt, dass du gelernt hast, die Menschen wieder zu lieben, wie es die Aufgabe eines Schutzengels ist. Falls nicht, wird dein Exil um ein weiteres Jahr verlängert. Dies wird so weitergehen, bis du entweder wieder würdig bist, deine Flügel zu tragen, oder bis zum jüngsten Tag, an dem dann unser Herr über dich richten möge.“
Unfähig zu einer Antwort starrte ich den Sprecher an und der fuhr fort:“Wir werden dir jemanden zur Seite stellen, der deine Fortschritte regelmässig überprüfen und an uns berichten wird.“ Damit war die Anhörung beendet und ich wurde aus dem Saal geführt.
Für wen das alles jetzt noch seltsam irdisch klingt, dem kann ich nur sagen, er würde sich wundern, wenn er in die Gefilde der niederen Engel käme, zu denen auch und vor allem die Schutzengel gehören. Man könnte dort tatsächlich fast meinen, man wäre noch auf der Erde - vorzugsweise in irgendeiner Behörde. Aber das liegt vermutlich daran, dass die Engel, die dort wandeln, am meisten von allen Himmelsboten mit den Menschen und der sterblichen Welt zu tun haben.
Auf der Erde heisst es „Die Umgebung prägt den Menschen“, bei den Engeln ist es genau umgekehrt, zumindest in den unteren Rängen.
In den höheren Sphären sieht es nach allem was ich weiss anders aus, aber da ich dort nie gewesen bin, kann ich das nur vermuten. Wie auch immer, nach diesem Urteilsspruch verliess ich ziemlich belämmert den Gerichtssaal, kam aber nicht dazu, gross nachzudenken, denn die beiden Wächter, die mich eskortierten, führten mich eine Treppe hinunter in einen anderen Raum, in dem ein weiterer Engel auf mich wartete. Er sass mit gekreuzten Armen auf einem Stuhl und stand auf, als ich hereinkam. Geschäftsmässig reichte er mir die Hand und stellte sich vor:“Ich bin Danael. Mir fällt die Aufgabe zu, dich während des folgenden Jahres zu beobachten. Ich werde zwar nicht ständig um dich sein, aber gelegentlich unangemeldet vorbeikommen und überprüfen, ob du dich an die Auflagen hältst.“
„Auflagen?“ fragte ich nicht sehr intelligent. „Ja. Dir ist es verboten Alkohol zu trinken, zu spielen, irgendwelche Drogen zu konsumieren oder dich mit Frauen abzugeben. Darüber hinaus versteht sich von selbst, dass du an den Kodex der Engel und die zehn Gebote gebunden bist. In der Gegend in der du fortan leben wirst, gibt es ein paar Kirchen, die alle nicht schlecht sind, falls du geistlichen Beistand suchst. In Notfällen wende dich einfach an uns, keine Sorge, wir werden dich hören.“ Ich kratzte mich am Kopf.
„Wovon soll ich als Mensch leben? Habe ich einen Beruf?“ Danael nickte. „Du bist Erzieher in einer Kindertagesstätte.“ Innerlich verdrehte ich die Augen. Schon wieder Kinder! „Ezekiel, du solltest das vielleicht nicht so sehr als Strafe sehen, sondern vielmehr als Chance! Du wirst nicht verdammt, sondern kannst daran arbeiten, wieder zu deinem alten Ich zurück zu finden!“ Er hatte offenbar bemerkt, was mir bei der Erwähnung der Kindertagesstätte durch den Kopf gegangen war... „Dein Name ist übrigens ab sofort nicht mehr Ezekiel, der wäre dann doch etwas zu ungewöhnlich für die Menschen in deinem Umfeld. Du heisst jetzt Andreas. Vergiss´ das nicht.“ mahnte er. „Aha, Andreas also. Und wie weiter?“
Danael mass mich mit einem abschätzenden Blick, bevor er antwortete.
„Wie schon - Engel natürlich!“
Knapp vierundzwanzig Stunden später stand ich vor einem grauen Mietshaus und sah an der Fassade empor. Hier in dieser trostlosen Gegend, die im trüben Licht des Frühwintertages noch deprimierender wirkte, sollte ich also von jetzt an als Andreas Engel leben und lernen, die Menschen wieder zu lieben.
Ich sah mich um und entdeckte auch gleich ein paar Exemplare, die sicher nur darauf warteten, dass ich ihnen meine Zuneigung zeigte -eine Gruppe von Halbstarken, die auf einem kleinen, heruntergekommenen Spielplatz herumhingen und mich musterten, als würden sie überlegen, in welcher Tasche ich wohl mein Portemonnaie aufbewahrte und wieviel Geld sich darin befinden mochte.
Ich stiess die Fäuste in die Taschen meiner Lederjacke und ging an ihnen vorbei zur Eingangstür des Wohnblocks. Dahinter befand sich ein grün gestrichener, fensterloser Flur, von dessen Wänden der Putz bröckelte und in den nur von einem Fenster auf dem ersten Absatz der nach oben führenden Treppe etwas Licht fiel.
Die Neonröhren an der Decke waren entweder kaputt oder fehlten ganz und die Briefkästen waren grösstenteils eingedellt und verbeult. Da hatten sich meine obersten Chefs ja eine tolle Bleibe für mich ausgesucht!
Ich hatte zwar kein Penthouse erwartet, aber etwas mehr Mühe hätten sie sich ruhig geben dürfen, fand ich. Den Fahrstuhl stellte ich gar nicht erst auf die Probe, sondern nahm gleich die Treppenstufen unter die Füsse.
Meine Wohnung lag im dritten Stock, soviel mir Danael gesagt hatte und ich war einigermassen ausser Puste, als ich dort ankam. Als Engel hatte mir so etwas nicht die geringsten Probleme bereitet, notfalls konnte ich mich in Sekundenschnelle an jedem beliebigen Ort materialisieren. Doch jetzt war ich wieder ein Mensch und ich hatte in der letzten Zeit auf meine körperliche Verfassung nicht wirklich gut geachtet.
Als ich aus dem Treppenhaus kam, gelangte ich in einen weiteren schäbigen Flur, von dem zu beiden Seiten Türen abzweigten. Hinter manchen davon waren die typischen Geräusche menschlicher Anwesenheit zu hören. Wasserrauschen, das monotone Geplapper eines Radios oder Fernsehers, stampfende Beats aus einer Stereoanlage, Kindergeschrei oder auch laute Stimmen, die in einer der Wohnungen sogar in einen heftigen Streit verwickelt zu sein schienen. Dann stand ich vor der letzten Tür auf der rechten Seite, deren zerkratztes Holz nichts Gutes erwarten liess und neben der auf einem kleinen Schildchen „Andreas Engel“ stand. Ich fischte den Schlüssel aus der Tasche, den mir Danael gegeben hatte und wollte eben aufschliessen, da wurde von innen geöffnet und mein „Bewährungshelfer“ stand im Türrahmen. „Willkommen in deinem neuen Zuhause, Andreas.“ sagte er ohne zu lächeln und liess mich eintreten.
Ich erwiderte seinen Gruß nicht und schob mich stumm an ihm vorbei. In den nächsten Minuten machte ich eine Inspektionsrunde durch das Appartement und stellte fest, dass die Räumlichkeiten in einem besseren Zustand waren, als erwartet. Zwar verfügte ich in Zukunft lediglich über ein Wohn/Schlafzimmer mit Kochnische und ein winziges Bad, aber die Wohnung war zumindest sauber und komplett eingerichtet.
Ich fand sogar ein paar Kleidungsstücke vor, die ich zunächst verwundert anstarrte, weil ich als Engel immer nur daran hatte denken müssen, welches Erscheinungsbild ich annehmen wollte und schon war ich entsprechend gekleidet.
Ähnlich ging es mir mit dem Kühlschrank. Zwar wusste ich, was es damit auf sich hatte und ich hatte ja auch als Engel gelegentlich gegessen, allerdings nur um des Vergnügens willen, nicht aus Hunger, denn den kennen Engel nicht.
Und im Laufe der Jahrhunderte hatte ich auch immer seltener menschliche Nahrung zu mir genommen, einfach weil das Bedürfnis danach allmählich schwand.
Aber jetzt war mein Körper wieder völlig menschlich, mit allem was dazugehörte. Ich atmete, fühlte, roch und schmeckte wieder, genau wie vor meinem Tod und obwohl das so unfassbar lange her war, erschien es mir kein bisschen ungewohnt, es war einfach nur lästig. „Hast du alles, was du brauchst?“ fragte Danael, der mit der für Engel typischen, leichtfüssigen Geräuschlosigkeit neben mich getreten war.
„Was ich brauche, ist meine Ruhe. Und zwar mindestens für die nächsten 500 Jahre!“ grummelte ich und er legte mir besänftigend die Hand auf die Schulter.
„Versuch´ die Chance zu nutzen, die man dir gegeben hat. Ein Jahr ist schnell vorbei, das weisst du selbst und wenn alles gut läuft, kannst du zurück kommen und deinen Platz wieder einnehmen.“ Aufmunternd lächelte er mich an, doch das liess meinen Groll nur weiter anwachsen.
Er hatte gut reden – schliesslich war er kein Schutzengel, seine Aufgabe war lediglich Beobachten und Berichten! Jetzt holte er einen Zettel aus seiner Tasche und reichte ihn mir. In Schönschrift stand eine Adresse darauf. Ich las sie flüchtig und sah dann fragend zu ihm auf.
„Da arbeitest du ab morgen. Findest du hin?“ erklärte er. Ich warf noch einmal einen Blick auf den Strassennamen – kein Problem, die Gegend kannte ich... ich stutzte und blickte Danael mit zusammengekniffenen Augen an.
„Das ist doch...?“ Er nickte.
„Die Strasse in der dein verunglückter Schützling lebt, ja. Genauer gesagt liegt dein Arbeitsplatz in unmittelbarer Nachbarschaft von seinem Zuhause.“
„Und was soll das?“ fragte ich unwirsch.
Der Gedanke ihm möglicherweise zu begegnen und dadurch an meine Verfehlungen erinnert zu werden, hatte weiss Gott nichts Verlockendes an sich, auch wenn der junge Mann mich gar nicht kannte und von nichts wusste.
Ich wusste es dafür ja umso besser!
Mein Beobachter zuckte mit einem entschuldigenden Lächeln die Achseln.
„Ich bin hier nur der Ausführende. Mit Fragen nach dem Wieso oder Warum bist du bei mir an der falschen Adresse. Tut mir leid!“ „Und was soll ich machen, wenn ...“ wenn ich
ihm begegne
, wollte ich fragen. Ich brachte die Frage nicht zu Ende, aber Danael verstand auch so, was mich bewegte. „Glaub´ mir, das wird sich alles finden. Hab´ Vertrauen, Andreas!“ Wütend drehte ich ihm den Rücken zu und ging zum Fenster. War ich nun wütend auf ihn, auf mich oder auf das ganze verdammte Universum, das sich gegen mich verschworen zu haben schien? Ich wusste es nicht.
Danael schwieg eine Weile, dann begann er wieder zu plappern:“Du bist übrigens nicht an diese Wohnung gebunden. Wenn du genug Geld verdient hast, um umziehen zu können, steht es dir frei, dir eine andere Bleibe zu suchen. Überhaupt kannst du mit deinem Geld machen, was du willst, solange du dich an die Auflagen hältst.“ Richtig, jetzt als Mensch brauchte ich Geld. Geld für Essen, Kleidung, Miete und was es da noch so alles gab im wahren Leben.
Als Engel war Geld für mich kein Problem gewesen, es funktionierte ähnlich wie mit der Kleidung, wobei uns echter Reichtum allerdings verboten gewesen war. Ausserdem wäre es in der obersten Zentrale aufgefallen, wenn einer von uns plötzlich mit Geld um sich geworfen hätte, zumal wir ja für Essen oder Kleidung keines brauchten und auch keine Miete oder Sozialabgaben zahlen mussten. Ich hatte deshalb immer sehr vorsichtig sein müssen, wenn ich meine Streifzüge unternahm. Meistens hatte ich zuerst gespielt, hatte kleinere Summen gesetzt und mit meinen himmlischen Fähigkeiten dem Glück etwas auf die Sprünge geholfen, bis ich genügend Geld beisammen hatte, um mir teurere Vergnügen leisten zu können, wie z.B. eine bestimmte Sorte Frauen, hier und da eine Line oder ein paar Pillen und natürlich – am allerhäufigsten - Alkohol und Zigaretten.
Als ich daran dachte, verspürte ich das geradezu überwältigende Bedürfnis, einen Drink zu mir zu nehmen, oder wenigstens Eine zu rauchen.
Ich nahm mir vor, am nächsten Tag auf jeden Fall eine Flasche Whiskey und eine Stange Zigaretten zu besorgen - Auflagen hin oder her.
Plötzlich bemerkte ich, dass mein Bewährungshelfer schwieg. Ich drehte mich um und sah, wie er mich musterte. „Was?“ fragte ich gereizt.
„Willst du denn gar nicht wissen, wie es Moritz jetzt geht?“ Ein leiser Vorwurf schwang in seiner Stimme mit.
Moritz - das war mein ehemaliger Schützling, und bei der Erwähnung dieses Namens schwappte eine Welle der Schuld in mir hoch.
Ruckartig drehte ich mich wieder weg, damit Danael nicht sah, wie mir die Röte ins Gesicht stieg.
Nein, eigentlich wollte ich nicht wissen, wie es ihm ging. Eigentlich wollte ich durch nichts mehr an ihn erinnert werden.
Nie wieder.
Denn eigentlich wollte ich nur vergessen, was ich vor einem knappen Monat durch meine egoistische Gedankenlosigkeit angerichtet hatte.
Trotzdem hörte ich mich leise fragen:“Wie geht es ihm denn?“ „Schon viel besser, körperlich zumindest. Die Wunde ist gut verheilt und man wird ihm bald eine Prothese anpassen. Dann ist er nicht mehr auf den Rollstuhl angewiesen und kann wieder allein laufen.“ Bei seinen Worten drehte ich mich langsam zurück in seine Richtung und starrte ihn an.
„Prothese?“
Er zog erstaunt die Augenbrauen hoch.
„Wusstest du etwa nicht, dass er infolge des Unfalls den rechten Unterschenkel verloren hat?“
Ich schüttelte wie betäubt den Kopf. Zwar konnte ich mich nicht wirklich an das Gesicht meines Schützlings erinnern, aber ich wusste, dass er leidenschaftlicher Sportler war. Schwimmen, Radfahren, Klettern und natürlich Laufen waren immer sehr wichtig für ihn gewesen.
Nach dem Abitur hatte er sogar eine Zeitlang ernsthaft darüber nachgedacht Sport zu studieren, bevor er sich dann aber doch für den Studiengang der Rechtswissenschaften entschied. Was eine solche Verletzung für ihn bedeuten musste, konnte ich mir lebhaft ausmalen.
„Ich hatte keine Ahnung.“ sagte ich und liess mich auf das Sofa sinken.
„Naja, du hast ja auch nie danach gefragt.“ erwiderte Dananel mit sanftem Tadel. „Er hat jetzt auch einen neuen Schutzengel. Sein Name ist Sariel, er ist noch nicht so lange dabei und dementsprechend ... enthusiastisch.“ erklärte er weiter. „Und wie verkraftet Moritz den Verlust seines Fusses?“ Ich hob den Blick und suchte in Danaels Gesicht nach einem Anzeichen dafür, dass der junge Mann wider Erwarten gut mit seiner frisch erworbenen Behinderung zurechtkam. Doch der wiegte den Kopf mit ernster Miene hin und her und meinte dann:“Es wäre gelogen zu sagen, dass er sich damit abgefunden hat. Er sitzt die meiste Zeit zuhause in seinem Zimmer und lässt niemanden an sich heran. Er hadert mit Gott und der Welt und ist zur Zeit sehr unglücklich und sehr wütend.“
Ich fuhr mir mit beiden Händen über das Gesicht und das Verlangen nach einem Drink wurde übermächtig.
„Aber er hat Menschen, die ihn unterstützen und ihm Halt geben.“ fuhr Danael fort. „Also denke ich, er wird mit der Zeit darüber hinwegkommen. Und du solltest das auch! Es hilft niemandem, wenn du dir Vorwürfe machst und es bringt dich deinem Ziel nicht näher. Konzentrier´ dich zunächst mal auf das, weshalb du hier bist und wenn du das Jahr hinter dich gebracht hast und wieder zurück auf deinem Posten bist, wird dir ein solcher Fehler garantiert nicht noch einmal unterlaufen!“
Er war zu mir gekommen und klopfte mir auf die Schulter. Dann streckte er mir die Hand hin und sagte:“Also dann – Andreas. Ich muss jetzt gehen. In ein paar Tagen komme ich wieder und sehe, wie es dir so geht. Erwarte nicht zu viel von dir, immerhin ist es lange her, dass du ein Mensch warst! Und versuch´ morgen früh pünktlich zu sein! Dein Dienst fängt um halb acht an, okay?“ Im nächsten Moment war er verschwunden und ich blieb allein in meinem neuen Appartement zurück.
Kraftlos sass ich auf dem Sofa und versuchte, mit den Bildern in meinem Kopf fertig zu werden.
Ich erinnerte mich an Moritz als Baby, wie er laufen lernte, an seine Zeit im Kindergarten und in der Schule.
Er war immer ein fröhliches Kind gewesen, ein freundlicher Junge und ein guter Schüler.
Selten hatte es Probleme mit ihm gegeben und er geriet so gut wie nie in Schwierigkeiten.
Vielleicht hatte das mit dazu beigetragen, dass ich mich was ihn betraf in falscher Sicherheit wiegte, ihn allein liess und auf meine Egotrips ging. Aber egal, was mich dazu verleitet hatte, es wäre meine Aufgabe gewesen, ihn zu beschützen und ich war nicht bei ihm, als er am Rande einer Landstrasse mit dem Fahrrad unterwegs gewesen war, von einem Auto bedrängt wurde und stürzte! Und deshalb war es allein meine Schuld, dass er sein Bein verloren hatte und sich jetzt wahrscheinlich fühlte, als wäre sein Leben vorbei, bevor es richtig angefangen hatte!
Unwirsch schüttelte ich den Kopf. Danael hatte recht: Es nützte niemandem, wenn ich mich mit Selbstvorwürfen quälte, Moritz am allerwenigsten!
Ich rappelte mich also hoch und inspizierte den Inhalt des Kühlschranks, in der Absicht, mir ein frühes Abendessen zu gönnen, da mir bereits der Magen knurrte.
Zum Glück hatten meine Chefs mir einen kleinen Fernseher zugestanden, es bestand also die Aussicht, mich anschliessend mit seichter Unterhaltung ablenken zu können. Doch kaum hatte ich meine Nase in das Kühlgerät in meiner Küche gesteckt, als es klingelte.
Genervt schloss ich den Kühlschrank wieder und tappte zur Tür. Ein Blick durch den Spion zeigte mir einen unbekannten jungen Mann. Da er allein war und zumindest keine sichtbaren Waffen trug, öffnete ich die Tür einen Spaltbreit.
„Ja?“
Ein strahlendes Lächeln erschien auf dem Gesicht meines Besuchers und er streckte mir eine Hand hin. „Hallo! Ich bin Louis und wohne zwei Türen weiter! Ich hab´ zufällig mitgekriegt, dass du hier eingezogen bist und wollte mich kurz vorstellen. Darf ich reinkommen?“
Behende schob er sich durch den Türspalt, bevor ich ablehnen oder die Wohnungstür schliessen konnte.
Verdattert folgte ich ihm und stellte fest, dass er es sich bereits auf meiner Couch gemütlich gemacht hatte.
Auf dem Tisch stand eine Flasche Whiskey und als ich verdutzt daraufstarrte, weil ich überlegte, ob er sie mitgebracht hatte, lachte er und sagte:“Kleines Willkommensgeschenk. Ich dachte mir, wir trinken einen zusammen und lernen uns ein bisschen kennen.“ „Eigentlich wollte ich gerade was zu essen machen.“ protestierte ich schwach, doch er klatschte begeistert in die Hände und sprang auf. „Super Idee! Lass´ uns erst was essen, dabei lernt man sich doch am besten kennen, nicht wahr? Ich helf´ dir kochen, ja? Was wolltest du denn machen?“
Fünf Minuten später standen wir gemeinsam vor meiner Küchenzeile und während Louis mit geschickten Bewegungen Zwiebeln würfelte und dabei ohne Unterlass schnatterte, hatte ich Gelegenheit meinen unerwarteten Gast zu mustern.
Ich schätzte ihn ungefähr auf mein Alter, allerdings war sein Körperbau schlanker und graziler als meiner, was gut zu seiner lebhaften Art passte.
Er hatte hohe Wangenknochen und eine schmale Nase, die Brauen über seinen blauen Augen waren fein gestrichelte Bögen von elegantem Schwung, und seine Mundwinkel zeigten einen leichten Aufwärtsschwung, sodass es aussah, als würde er ständig leise vor sich hin lächeln.
Die schwarzen Locken auf seinem Kopf standen zerzaust in alle Richtungen, was ihm das Aussehen eines übermütigen Schuljungen gab und das Gleiche galt für die Turnschuhe an seinen Füßen, seine verwaschene Jeans und das bedruckte Shirt. Gemeinsam brachten wir ein passables Omelett zustande und nachdem wir gegessen und abgewaschen hatten, machten wir es uns auf dem Sofa gemütlich.
Louis öffnete die Whiskeyflasche und ich fand im Schrank zwei Gläser.
Natürlich erinnerte ich mich an das Verbot von Alkohol und ich zögerte einen Moment, als er mir einschenken wollte. „Was ist?“ Louis sah mich erstaunt an.
„Ich sollte das nicht tun.“ sagte ich, doch er wischte meinen Einwand mit einer unbekümmerten Geste weg.
„Ach komm! Ein Glas wird dich schon nicht umbringen, oder? Das ist wirklich ein guter Tropfen! Den hab´ ich selber vor einer ganzen Weile geschenkt bekommen! Aber sowas allein zu trinken ist eine echte Verschwendung. Deshalb teile ich ihn heute mit dir! Das wirst du doch wohl nicht ablehnen?“
Seine Miene wirkte ein bisschen gekränkt und so schob ich ihm schliesslich mein Glas hin...
Aber natürlich blieb es nicht bei diesem einen Glas, denn Louis füllte uns immer wieder nach, bis die Flasche leer war und als er sich verabschiedete, taumelte ich sturzbetrunken ins Bett.
Als am nächsten Morgen der Wecker klingelte, war ich schlichtweg nicht in der Lage aufzustehen.
Ich schlug mit der flachen Hand auf den Ausschalter und zog mir die Decke wieder über den Kopf, um weiter zu schlafen. Sollten mich meinetwegen sämtliche Kindertagesstätten dieser Welt im Mondschein besuchen!!
Doch plötzlich wurde mir die Bettdecke weggezogen, das Licht flammte auf und ein kalter nasser Lappen landete in meinem Gesicht.
Prustend fuhr ich in die Höhe und stiess einen unartikulierten Schrei aus, teils aus Ärger, aber teils auch weil ich erschrocken war. Wer war da in meiner Wohnung?
Als ich klar sehen konnte, stieg mir Kaffeeduft aus nächster Nähe in die Nase und ich entdeckte eine Tasse dieses heissen, schwarzen Muntermachers direkt vor meinem Gesicht, gehalten von einer schmalen Hand. Ich schaute daran entlang und blickte mit zusammengekniffenen Augen in Danaels Gesicht. Er lächelte nicht, sondern sah mich mit einer Mischung aus Ärger und Resignation an.
„Hier. Trink`!“
Von seiner unerwarteten Anwesenheit überrumpelt, nahm ich ihm die Tasse ab und setzte sie an die Lippen, wobei ich mich prompt verbrannte.
„Autsch! Mist!“
Ein warnender Blick traf mich aus Danaels braunen Augen und ich tastete nach meiner schmerzenden Oberlippe. "Wolltest du nicht erst in ein paar Tagen wiederkommen?" „Hatte ich dir nicht von den Auflagen erzählt?“ fragte er kühl. Ich rieb mir den pochenden Kopf.
„Doch, hast du.“ Zu mehr hatte ich keine Lust. „Und?“ Er liess seine Augenbrauen vielsagend in die Höhe schnellen, aber ich hatte immer noch keinen Bock auf seine Spielchen.
„Was und?“
„Und warum hast du sie bereits an deinem ersten Abend als Mensch ignoriert?“
Ich gab keine Antwort, sondern nippte an dem bitteren Getränk, obwohl ich nach dem überstandenen Schock kaum noch wacher werden konnte. Danael seufzte.
„Mach´ es dir doch nicht so schwer, Andreas. Was bezweckst du denn damit? Willst du nicht wieder zurück?“ „Nein.“ Einigermassen geschockt wich er einen Schritt zurück und starrte mich ungläubig an.
„Meinst du das ernst?“ Wider Willen musste ich lachen, ein bitteres, rauhes Lachen.
„Klar meine ich das ernst!“ erwiderte ich und erntete einen weiteren fassungslosen Blick.
„Aber warum?“ Ich sah zu ihm hoch und grinste freudlos. „Warst du mal ein Schutzengel?“
Er schüttelte den Kopf.
„Dann kannst du es natürlich nicht verstehen. Aber glaubst du vielleicht, es ist lustig, zu nichts anderem da zu sein, als irgendeinen Schwachkopf sein Leben lang wie ein unsichtbarer Schatten zu begleiten und ihn daran zu hindern aus eigener Blödheit vorzeitig den Löffel abzugeben? Niemand weiss, dass du da bist, keiner nimmt das wahr, was du tust und ein Danke kriegst du auch nie zu hören! Ich verlange ja wirklich nicht, dass mir jemand aus lauter Dankbarkeit die Füsse küsst, aber eine kleine Anerkennung hier und da wäre echt mal eine Abwechslung! Stattdessen darfst du immer nur lächeln und die Fresse halten! Glaubst du nicht, dass so eine Berufung nach über 700 Jahren mal zur Belastung wird?“ Ich hatte immer lauter gesprochen und gestikulierte so heftig, dass der Kaffeerest aus der Tasse schwappte und sich auf die sonnengelbe Bettwäsche ergoss.
Schweigend sah Danael auf mich herab. Er schien zu überlegen. Schliesslich setzte er sich neben mich auf die Kante meines Schlafsofas.
„Also, so wie du es schilderst, scheinst du schon lange sehr unglücklich mit deinem Posten zu sein.“
Ich atmete tief auf und kroch ebenfalls auf die Bettkante. „Keine Ahnung,“ gestand ich, „vielleicht bin ich auch einfach nur zu lange dabei. Oder ich hatte eben nie wirklich das Zeug zum Schutzengel, keine Ahnung.“ wiederholte ich. „Fest steht für mich nur, dass ich nicht wieder zurück will. Von mir aus bleibe ich als Mensch hier auf der Erde bis zum jüngsten Tag. Schlimmer als vorher kann es nicht werden und so richte ich wenigstens keinen weiteren Schaden an.“
Er schaute mich von der Seite an.
„Mag schon sein, aber begreifst du auch was es für dich bedeuten kann, wenn du hierbleibst und dich nicht an die Auflagen hältst?“ „Was denn?“ Ich war nur mässig interessiert. „Du bist kein gewöhnlicher Mensch, Andreas. Auch wenn du im Moment deine Engelsprivilegien ablegen musstest, bist du nach wie vor innerlich ein Engel. Und ein Engel, der auf dem Pfad der Sünde wandelt, wird früher oder später fallen.“
Sein Blick wurde eindringlich.
„Du verstehst, was ich damit meine?“
Ich schluckte.
„Du meinst …?“
Er nickte, ohne mich aus den Augen zu lassen. „Genau das meine ich! Ich könnte wetten, dass die Gegenseite längst weiss, dass du hier bist und auch, dass du momentan schwach und menschlich bist. Menschen lassen sich leichter verführen als Engel und ich weiß, du hast deinen Abstieg bereits als Engel begonnen! Das könnte ihnen den Weg ebnen, verstehst du? Sie werden bestimmt versuchen, dich auf ihre Seite zu ziehen!“ Ich konnte nicht länger ruhig sitzenbleiben und erhob mich. Während ich damit begann, mich anzuziehen, wirbelten die verschiedensten Bilder durch meinen Kopf.
Gefallene Engel – das war ein Thema über das in unseren Kreisen stets nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde. Tatsache war aber, dass es sie tatsächlich gab, auch heute noch. Immer mal wieder wechselte ein Engel die Seiten, egal ob es nun aus Unzufriedenheit geschah, oder aus irgendeinem anderen Grund. Lockte mich das auch?
Ich horchte in mich hinein.
Nein, ich wollte eigentlich nur eins – in der Versenkung verschwinden und meine Ruhe haben, sonst nichts. Ich hatte genug von Menschen und Engeln, aber das hieß noch lange nicht, dass mir die Gegenseite zusagte! „Keine Sorge, Danael.“ sagte ich und setzte mich wieder, um meine Beine in die Jeans zu stecken. „So schnell falle ich nicht.“ Sein Blick bewies, dass er nicht überzeugt war, doch für mich war das Thema erledigt.
Ich erhob mich wieder, stellte die Tasse weg und fischte mir ein sauberes T-Shirt aus dem Schrank. Ich zog das Sweatshirt vom Vortag aus, streifte das saubere Oberteil über den Kopf und dann kramte ich noch einen Pullover hervor, denn es war November und dementsprechend kalt.
„So. Fertig.“ Ich schaute auf meinen Wecker und stellte fest, dass es erst kurz vor sieben war.
„Mann – warum hast du mich so früh geweckt?“ beschwerte ich mich.
Danael lächelte verlegen.
„Andreas – du bist jetzt ein Mensch. Du musst dich rasieren und dir zumindest die Zähne solltest du dir putzen, sonst erschreckst du die Kinder! Waldschrate arbeiten normalerweise nicht als Erzieher.“ „Ich auch nicht!“ brummte ich halblaut, aber wenn er es verstanden hatte, reagierte er nicht.
Vor mich hin brummelnd trollte ich mich in den winzigen, fensterlosen Verschlag, der als Badezimmer fungierte, machte ausgiebig Gebrauch von der Zahnbürste und hielt dann zum ersten Mal einen elektrischen Rasierapparat in der Hand. Natürlich hatte ich solche Dinger schon einmal gesehen, sogar in Aktion, aber trotzdem war ich etwas unschlüssig, was ich jetzt damit anfangen sollte.
Plötzlich stand Danael hinter mir, nahm mir das Gerät aus den Fingern und schaltete es ein. Gleich darauf zeigte er mir, wie man es benutzte und es war schwer zu sagen, wer von uns beiden verlegener war.
Nachdem er das Bad wieder verlassen hatte, rasierte ich mich fertig und benutzte dann auch gleich noch die Toilette. Auch daran würde ich mich erst gewöhnen müssen! Um viertel nach sieben stand ich schliesslich einigermassen vorzeigbar vor meinem Bewährungshelfer und streifte mir meine Jacke über, um zur Arbeit zu gehen.
„Ach ja – bevor ich es vergesse, unten in deinem Keller steht ein Fahrrad. Es gehört dir, also fahr´ ruhig damit. Wenn es richtig Winter wird, gibt es ja immer noch den Bus.“
Er lächelte wieder, als hätte die Unterhaltung von vorhin nie stattgefunden. Ich grinste schief und erwiderte: „Also kein Dienstwagen für mich, wie?“
Er blinzelte, dann lachte er und sagte: „Siehst du – das ist doch schon gleich viel besser, als immer nur Trübsal zu blasen, oder?“ „Ha ha!“ sagte ich. „Ich platze gleich vor Fröhlichkeit!“
Der erste Tag an meinem neuen Arbeitsplatz erfüllte alle meine Erwartungen - und zwar im negativen Sinne, denn positive Erwartungen hatte ich erst gar nicht!
Nachdem die körperliche Anstrengung des Fahrradfahrens vollkommen ungewohnt war, kam ich schweissgebadet und völlig erledigt in der Kindertagesstätte an.
Dazu mochte natürlich auch die Art beigetragen haben, wie ich den vergangenen Abend verbracht hatte...?
Jedenfalls erntete ich ein paar vielsagende Blicke von Frau Hellmann, meiner neuen Chefin und Leiterin des Kindergartens. Sie sagte jedoch nichts zu meinem Aussehen und führte mich nach einem kurzen Gespräch in ihrem Büro durch die Einrichtung, zeigte mir alles und stellte mir meine Kolleginnen vor. Es waren ausnahmslos Frauen, aber das hatte ich nicht anders erwartet, denn Erzieher ist nicht gerade ein typischer Männerberuf. Besagte Chefin schätzte ich auf Mitte Vierzig und sie hatte die patent-seriöse Ausstrahlung, die man bei einer Frau in ihrer Position erwartete.
Die Kindertagesstätte war eine kirchliche Einrichtung und deshalb personalmässig besser ausgestattet, als vergleichbare Häuser in privater oder öffentlicher Trägerschaft.
Es gab vier Gruppen mit jeweils zwanzig Kindern und eine sogenannte Integrationsgruppe, mit der halben Anzahl. In dieser IG-Gruppe waren vier Kinder mit leichteren Problemen, deren Betreuung erhöhte Aufmerksamkeit erforderte. Es war auch die einzige Gruppe, die zwei Erzieherinnen hatte, in allen anderen Gruppen war es jeweils nur eine Fachkraft und dazu kamen zwei sogenannte Springer und die Leiterin, die hauptsächlich Büroarbeit machte und nur gelegentlich aushalf. Einer der Springer war ab sofort ich.
Nachdem ich alles gesehen hatte und einen Vortrag über den pädagogischen Ansatz, welchen man in diesem Kindergarten verfolgte, über mich hatte ergehen lassen, wurde ich einer der Gruppen zugeteilt, in der man gerade Laternen für das anstehende Martinsfest bastelte.
Das konnten die Kleinen natürlich nicht allein und ich verbrachte die nächsten Stunden damit, aus Transparentpapier ausgeschnittene Figuren in vorgefertigte Rahmen aus schwarzem Tonkarton einzukleben.
Dabei machte ich die lehrreiche Erfahrung, dass Heisskleber so heisst, weil er tatsächlich heiß ist, genau genommen sogar heiß
!
Meine Kollegin sah ein paar Mal schmunzelnd zu mir herüber, wirkte aber nicht feindselig.
Sie war eine zierliche Brünette, mit langen, klein gelockten Haaren, einem hübschen, herzförmigen Gesicht und vielen Sommersprossen, der man ansah, dass sie gern und viel lachte. Sie hiess Bente und die Kinder liebten sie ganz offensichtlich. Mich schauten sie zumeist nur aus grossen Augen an und blieben auf Abstand.
Bente schusterte mir deshalb Arbeitsaufträge in der Laternenproduktion zu und schliesslich standen doch ein paar der Kleinen um mich herum und sahen neugierig zu, wie ich mich abmühte.
„Das kann Bente aber besser!“ meinte ein Pimpf mit skeptischem Blick auf meine brandblasenübersäten Hände. Dann geh´ doch zu ihr und lass´ dir von ihr helfen, anstatt mir auf die Nerven zu gehen
!
...hätte ich am liebsten gesagt, aber ich beherrschte mich und rang mir ein Lächeln ab.
„Es kann eben nicht jeder so geschickt sein wie Bente, oder?“ Er antwortete nicht, sondern betrachtete mich wie ein seltsames Insekt, das er gefunden hatte und von dem er nicht genau wusste, ob er es behalten oder lieber zertreten sollte. „Warum sind deine Haare so komisch?“ wollte er dann wissen. Klar, sogar den Kindern fiel auf, dass ich an diesem Morgen mit der Körperpflege sparsam gewesen war. Die Fahrradfahrt hatte ein Übriges getan und jetzt sass ich mit meiner fettigen und schweissverklebten Matte hier herum.
Und wenn ich eins während meiner Laufbahn als Schutzengel gelernt hatte, dann dass Kinder für gewöhnlich keine Scheu haben, ihren Finger auf die Schwachstelle ihres Gegenübers zu legen, wenn sie so deutlich sichtbar ist.
Im Ernst – gehen Sie mit einem kleinen Kind mal in einen Supermarkt und suchen Sie eine möglichst grosse Dosenpyramide. Als nächstes lassen Sie die Hand des Kindes los und dasselbe für maximal zwei Minuten aus den Augen – was glauben Sie was passiert?
Richtig! Der süsse Fratz wird mit untrüglichem Gespür die zentrale Stützkonserve ausfindig machen, diese herausziehen und so die gesamte Pyramide zum Einsturz bringen! ...und anschliessend von den zwei Minuten noch genug übrig haben um hinter dem nächsten Regal zu verschwinden! Aber auch das wieder einmal nur nebenbei.
Ich überlegte noch, was ich erwidern sollte, da nahm meine Kollegin mir die Antwort ab.
„Der Andreas ist halt heute morgen mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren, Torben. Da schwitzt man schon mal ein bisschen. Das geht dir doch genauso, wenn du mit deinem Rad unterwegs bist und dann so richtig Gas gibst, oder?“
Der Knirps sah von ihr zu mir und wieder zurück und nickte dann. Mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Verlegenheit sah ich zu Bente hoch und versuchte zu lächeln. Sie lächelte zurück und sagte dann laut: „So, alle mal herhören! Für heute ist Schluss mit dem Laternenbasteln. Zieht euch mal alle eure Matschhosen und Gummistiefel an, wir gehen gleich nach draussen! Wer vorher noch mal Pipi muss, geht bitte sofort und wer dabei Hilfe braucht, kommt her!“
Mit fröhlichem Lärmen rannte die ganze Rasselbande in den Flur und stürzte sich auf die Garderobenhaken. Es gab ein paar kleine Rangeleien und Bente und ich hatten alle Hände voll zu tun, um Jacken zu schliessen, Mützen auf Kinderköpfe zu drücken und kleine Füsse in die richtigen Gummistiefel zu stecken. Als endlich alle wetterfest angezogen waren, stürmten sie durch die Eingangstür ins Freigelände und besetzten johlend die Spielgeräte. Bente und ich gingen hinterher und postierten uns in einer geschützten Ecke, von der aus wir alles gut im Blick hatten. Das Wetter war für November erstaunlich freundlich und sogar die Sonne hatte sich noch einmal zwischen den dicken Wolken hervorgewagt.
„Ich wette, gleich kommt der Erste und muss mal.“ konstatierte meine Kollegin schmunzelnd.
„Hast du nicht eben gesagt, wer noch mal muss...“ setzte ich an, doch sie fiel mir lachend ins Wort.
„Klar hab´ ich das gesagt, das sage ich jedesmal. Aber trotzdem...“ Sie unterbrach sich, denn da kam tatsächlich ein kleiner Junge angelaufen und seine Miene drückte aus, dass ihm das Wasser buchstäblich bis zu den Haarwurzeln stand. „Bente!“ piepste er und sie beugte sich zu ihm. „Ich muss mal! Hilfst du mir?“ Grinsend sah sie zu mir hoch. „Ach du, Jakob,“ sie nahm seine Hand, „schau´ mal, heute ist der Andreas hier. Der kann euch Jungs doch viel besser helfen, weil er doch selber ein Junge ist, gell?“
Bereitwillig fasste der Knirps nach meinem Ärmel und zog mich mit sich. Es schien also wirklich dringend zu sein. Na, Klasse! Jetzt musste ich auch noch die Klofrau spielen! Drinnen schälte ich den Pimpf erst aus dem Anorak, dann aus seiner Matschhose und der Jeans und half ihm, sich auf die kindgerechte Toilettenschüssel zu setzen. Als er fertig war, folgte das ganze Spielchen wieder rückwärts und nachdem er sich die Hände gewaschen hatte, lief er voraus, zurück nach draussen und ich folgte ihm.
Bente schien einen Streit im Sandkasten schlichten zu müssen, und so stand ich zunächst allein in unserer Ecke. Ich liess den Blick über das Gelände schweifen und plötzlich wurde er von einer Bewegung auf dem Nachbargrundstück angezogen. Ich schaute genauer hin und ein eiskalter Schrecken fuhr mir in die Glieder.
Dort, unter dem Balkon des mir wohlbekannten, hübschen Einfamilienhauses stand ein Rollstuhl in der Sonne und darin sass ein blonder, junger Mann, der sein Gesicht mit geschlossenen Augen in die wärmenden Strahlen hielt.
Ich begann am ganzen Leib unkontrolliert zu zittern, denn das war niemand anderer als Moritz, mein früherer Schützling. Der leibhaftige Beweis für mein Versagen. Obwohl ich mich die ganze Zeit über nicht mehr an sein Gesicht hatte erinnern können und nur noch wusste, dass er blondes Haar gehabt hatte, erkannte ich ihn jetzt sofort. Im Rahmen meines Jobs als Schutzengel hatte ich mich früher ja öfters auf dem Nachbargrundstück aufgehalten und so viele blonde junge Männer, die im Rollstuhl sassen, würde es dort vermutlich nicht geben.
Als hätte er meinen Blick gespürt, öffnete er plötzlich die Augen, drehte den Kopf zu mir und sah mich direkt an. Sein Gesicht war wütend und er hatte die Brauen feindselig zusammengezogen. Seine Hände griffen in die Räder des Rollstuhls und ich dachte schon, er würde davonfahren. Aber stattdessen rollte er auf mich zu, soweit der gepflasterte Gartenweg es erlaubte. Dann hielt er an und lehnte sich nach vorn. Unwillkürlich war ich auch ein paar Schritte näher an den Zaun getreten und nun wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Ich wollte ihm eben einen guten Tag wünschen, da kam er mir schon zuvor und blaffte mich an.
„So, bin ich jetzt nah genug, damit du alles sehen kannst?“ Er hatte eine Wolldecke über den Beinen liegen, die er nun wegzog, um mir sein verkürztes, rechtes Bein entgegen zu strecken. „Hier, schau´ genau hin! Soll ich den Verband auch noch abnehmen? Oder reicht es so?“
Ich war sprachlos angesichts der Verbitterung und der Wut die mir da entgegenschlug und konnte doch nicht anders, als auf den Stumpf zu starren. Kurz unterhalb des Knies sass ein dicker Verband.
Vor meinem geistigen Auge erschien das Bild von einem jüngeren Moritz, wie er im Sportdress über einen Feldweg joggte. Das Zittern meines Körpers wurde immer stärker, ich fühlte mich geradezu erdrückt von meinen Schuldgefühlen, und in meinen Ohren begann es zu rauschen. Ich bekam einen regelrechten Tunnelblick, Moritz´ Stimme hallte seltsam hohl in meinen Ohren, während mir der Schweiss aus allen Poren brach und ich begann zu schwanken. Der Gesichtsausdruck des jungen Mannes veränderte sich mit einem Mal, aber ich konnte meinen Blick nicht scharf stellen, bemerkte nur, wie er sich im Rollstuhl hochstemmte und irgendetwas zu rufen schien, was ich aber nicht verstand. Im nächsten Moment wurde mir schwarz vor Augen.