Der Himmel kann warten
Der Himmel kann warten ...
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Er hatte sich auf seine Bettkante gesetzt und sah mit einem leisen Lächeln zu mir auf.
„Wenn es dir leid tut, wie du dich benommen hast, dann setz´ dich gefälligst erst mal.“ sagte er dann.
Ich schaute mich im Zimmer nach einer Sitzgelegenheit um, fand aber nichts ausser seinem Bett oder dem Fussboden. Er begriff, was mein Blick zu bedeuten hatte und klopfte grinsend neben sich auf die Bettkante.
„Na los! Oder hast du Angst, ich könnte beissen?“ Etwas verlegen erwiderte ich sein Grinsen und liess mich dann neben ihm nieder, allerdings mit gebührendem Abstand. Den machte er sofort wieder zunichte, indem er dicht an mich heranrutschte.
Meine Verlegenheit schien ihn köstlich zu amüsieren, denn er grinste wie ein Honigkuchenpferd.
„Wie sieht´s aus, Kumpel? Möchtest du was trinken?“ Er wies auf den Absinth, doch ich schüttelte den Kopf.
„Nein, vielen Dank. Ich glaube, ich werde in nächster Zeit weitgehend auf Alkohol verzichten. Ist besser für mich.“ Er musterte mich mit einem undefinierbaren Blick und meinte dann:“Du gehst doch wohl nicht unter die Abstinenzler, oder?“ Ich zuckte die Achseln in einer unverbindlichen Geste. „Hast du die grüne Fee
überhaupt schon mal probiert?“ Er griff nach der Flasche und seinem Glas, schenkte es zur Hälfte voll mit dem grünen Likör und platzierte den Absinthlöffel quer darüber. Dann setzte er einen Zuckerwürfel darauf, nahm die Karaffe und träufelte Wasser über den weissen Brocken. Langsam löste sich der Zucker auf und tropfte in die grüne Flüssigkeit, die sich dadurch milchig verfärbte. Als der gesamte Zucker sich verflüssigt hatte, legte er den Löffel beiseite und nahm das Glas in die Hand. Er hielt es gegen das Licht, schwenkte es leicht und betrachtete den Inhalt. „Geiles Zeug, dieser Absinth. Du solltest es wirklich mal probieren!“ meinte er ohne mich anzusehen.
Ich versuchte ein Grinsen, obwohl ich mich zunehmend unbehaglich fühlte.
„Wieviele davon hast du denn schon intus?“ Louis nahm einen Schluck und schloss geniesserisch die Augen, während er langsam schluckte. Dann drehte er den Kopf und richtete einen irritierend blauen Blick auf mich.
„Jedenfalls nicht genug!“ lachte er übermütig. „Na komm´, nur ein einziges Glas! Und wenn es dir nicht schmeckt, darfst du es stehen lassen. Onkel Louis wird deine Reste dann schon vernichten!“ Er stand auf und holte ein sauberes Glas aus einem Schrankfach in der Küchenzeile. Damit kam er zurück zum Bett, stellte es auf den Couchtisch und bereitete eine zweite Mischung vor, die er mir hinschob.
Unsicher starrte ich auf das milchige Getränk, zögerte und wusste nicht, was ich machen sollte.
Einerseits wollte ich keinen Alkohol mehr trinken, wollte meinen Lebenswandel ändern, doch andererseits konnte ich die Stimme in meinem Kopf nicht zum Schweigen bringen, die mir einflüsterte, dass an einem einzigen Glas doch wirklich nichts Schlimmes war. Louis bemerkte meinen Zwiespalt, stupste mich in die Seite und meinte:“Na los! Oder ist er zu stark für dich?“ Das schien den Ausschlag zu geben.
Zu stark? Für mich? Pah!
Es war doch noch gar nicht so lange her, da hatte ich halbe Portionen wie ihn unter den Tisch getrunken! Ich umschloss also das Glas, setzte es an die Lippen und leerte es in einem Zug. Dann stellte ich es zurück auf den Tisch und wischte mir die Lippen.
Gar nicht mal so übel, das Zeug.
Dank des Zuckers war nur ein leicht bitterer Nachgeschmack zu spüren und die enthaltenen Kräuteröle mischten sich auf meiner Zunge mit einem angenehmen Prickeln.
Louis sah mich an, wie ein Lehrer einen begabten Schüler, und ich liess mich zu einem zweiten und einem dritten Glas überreden. Bis dahin war ich allerdings schon mehr als angeheitert, da ich ja noch nichts gegessen hatte und der leere Magen für den Alkohol kein Hindernis darstellte.
Danach schob er die Flasche allerdings weg und wandte sich mir zu. Er hatte fleissig mitgetrunken, doch schien er seltsamerweise noch immer weitgehend nüchtern zu sein.
Vertrug er tatsächlich so viel mehr als ich? „Wiescho bisch du nich bedrunkn?“ lallte ich mit schwerer Zunge und er lachte mit blitzenden Augen.
„Das würde ich mir nie erlauben, jetzt betrunken zu sein, so kurz vor meinem Ziel!“
Hä? Was für ein Ziel?
Verständnislos starrte ich ihn an und seine blaue Iris schien zu leuchten, als würde sie von innen angestrahlt. Plötzlich gab er mir einen Stoss, dass ich hintenüberfiel und schwang sich mit einer fliessenden Bewegung über mich. Blitzschnell packte er meine Hände, drückte sie auf die Matratze und presste seine Lippen auf meinen Mund.
Einen Moment lang war ich völlig perplex, doch dann kam die jähe Ernüchterung und ich begann mich zu wehren. Eigentlich hätte es kein Problem sein sollen, Louis schmale Gestalt abzuschütteln, doch zu meinem Erstaunen hielt er mich mühelos unten, selbst als er eine meiner Hände losliess, um seine Finger unter meine Kleider zu schieben.
Was war denn nur in ihn gefahren?
War er etwa schwul?
Und warum war er so stark?
War ich wirklich so betrunken?
Seine Hand fand meine Brustwarzen und er strich mit den Fingern darüber, zwickte hinein und gleichzeitig zwängte er seine Zunge in meinen Mund.
Ich strampelte mit den Beinen und versuchte, mit der freien Hand seinen Kopf von mir weg zu drängen, doch meine Bemühungen prallten an ihm ab, als wäre ich ein kraftloses Kind. Erst als er mir die Hose aufknöpfte und hineinfasste, gelang es mir unter Aufbietung all meiner Kraft, meinen Mund zu befreien. „Louis!? Was soll denn das? Bist du verrückt? Lass´ mich sofort los!“ Aber er lachte nur meckernd, zog seine Finger aus meiner Hose und fing damit meine freie Hand ein, die sich noch immer gegen sein Gesicht presste.
„Verrückt? Manche würden es vielleicht so nennen, Ezekiel! Aber ich wollte schon immer mal einen gefallenen Engel vernaschen. Und da kommst du mir gerade recht! Du baumelst schon längst über dem Abgrund, du weisst es nur noch nicht! Wie eine überreife Frucht, die nur darauf wartet, dass der nächste Windstoss sie herunterwirft! Und dieser Windstoss will ich sein! Nein, ich werde
der Windstoss sein, der dich ins Verderben stösst! Ihr Engel seid ja so überheblich, was uns Dämonen angeht! Glaubst du wirklich, du wärst was Besseres? Meinst du, du kannst dem Abgrund widerstehen, wenn er dich lockt? Wenn ich dich hier und jetzt nehme, kannst du deinem Körper wirklich verbieten zu reagieren?“ Er lachte höhnisch und ich starrte wie hypnotisiert in seine Augen, deren Pupillen sich schlitzartig in die Länge gezogen hatten. „Im Leben nicht! Du nicht! Du bist schwach und erbärmlich, kannst nicht mal dem Alkohol widerstehen, selbst wenn er dir von jemandem angeboten wird, der dir praktisch fremd ist!“ spottete er und beugte sich herunter, um mich erneut zu küssen. „Und wenn ich mir dich jetzt nehme, ich als Dämon, dann gehörst du endgültig zu uns!“ triumphierte er, bevor seine Lippen sich meinen näherten und von ihnen Besitz ergriffen.
Ich warf den Kopf zur Seite, um seinem Kuss zu entgehen, doch er liess meine Hände los, fasste mit den Fingern in meine Haare und hielt mich fest, während er mir seinen Mund aufzwang. Krampfhaft hielt ich die Lippen geschlossen, aber er presste seine Finger kräftig gegen meine Kiefergelenke, sodass ich mit einem dumpfen Aufstöhnen den Mund öffnete, um dem Schmerz zu entgehen. Rasch schob er seine Zunge zu mir und als er das geschafft hatte, liess er erneut beide Hände über meinen Körper wandern. Ich umklammerte sein Handgelenk, als er ein weiteres Mal in meine Hose fasste und meinen Penis mit festem Griff umschloss, doch ich hatte nicht genug Kraft, um ihn daran zu hindern. Louis gehörte also zur anderen Seite, er war ein Dämon, oder zumindest besessen!
Die Angst schnürte mir die Kehle zu.
Was sollte ich nur tun?
Da fiel mir plötzlich ein, was Danael gesagt hatte: In Notfällen wende dich einfach an uns.
Wir werden dich hören.
Mit letzter Kraft befreite ich noch einmal meinen Mund und rief den Namen meines Bewährungshelfers.
„Danael!! Hilfe!!!“
Es war nicht besonders laut, da Louis mich noch immer in seinem Klammergriff hielt, doch es war offenbar laut genug, denn Sekunden später erfüllte ein helles Licht den Raum, der Dämon in Menschengestalt wurde von mir heruntergerissen und flog quer durch den Raum gegen die nächste Wand, an der er langsam herunterrutschte.
Benommen richtete ich mich auf und sah Danael im vollen Glanz seiner Engelsmagie mitten im Raum stehen. Er trat auf Louis zu, der wie ein Häufchen Elend auf dem Teppich kauerte und donnerte:“Im Namen Jesu befehle ich dir, höllischer Geist, weiche von uns und wage nicht wiederzukehren, um uns zu versuchen!“
Dabei hielt er eine Hand in Richtung auf Louis ausgestreckt. Der Mann am Boden krümmte sich wie unter Peitschenhieben, sein Körper zuckte und wand sich und plötzlich schnellte er mit weit geöffneten Augen in die Höhe. Sein Mund öffnete sich und eine Art Rauch quoll zusammen mit einem unmenschlichen Stöhnen heraus. Der Rauch verschwand, der Körper fiel in sich zusammen und rührte sich nicht mehr.
Danael bückte sich, hob ihn auf seine Arme, als hätte er überhaupt kein Gewicht und trug ihn durch das Zimmer auf das Bett. Erst dann wandte er sich mir zu. Sein Gesicht war ernst, als er sagte:“Du bist unvorsichtig, Andreas! Ich hatte dich gewarnt, dass die andere Seite versuchen würde, dich zu Fall zu bringen! Warum hast du wieder getrunken?“
Ich sah zu Boden und blieb die Antwort schuldig. Danael seufzte. „Diesmal konnte ich dir in letzter Minute helfen. Das hier war ein schwacher Dämon. Ihn zu vertreiben war nicht weiter schwer. Aber das nächste Mal werden sie garantiert stärkere Geschütze auffahren!“
„Das nächste Mal?“ fragte ich entsetzt und er nickte mit besorgter Miene.
„Du hast doch nicht etwa geglaubt, sie würden jetzt aufgeben? Du bist ein Engel, Andreas! Dich auf ihre Seite zu ziehen, ist ein Verdienst, den sich jeder Dämon gern zurechnen würde! Sei also in Zukunft nicht mehr so leichtsinnig!“ Er holte tief Luft, bevor er hinzusetzte:“Und lass´ die Finger vom Alkohol!“ Ich nickte. „Verstanden.“
Der Bewusstlose regte sich leicht und Danael fasste meinen Arm. „Geh´ jetzt besser. Wenn Louis zu sich kommt, wird er nichts von dem mehr wissen, was eben hier passiert ist!“ "Hat ihm die Sache geschadet?" wollte ich noch rasch wissen. Danael sah mit bekümmerter Miene zu dem grazilen jungen Mann hinüber.
"Körperlich ist er in Ordnung, vielleicht wird er leichte Kopfschmerzen haben. Aber seine Seele ist es, die beschädigt wurde. Das war sie allerdings schon vorher, sonst hätte der Dämon gar keinen Zugang zu ihm bekommen. Was aus ihm wird - wer kann das schon sagen? Leider gehört er nicht zu den Menschen, die einen persönlichen Schutzengel haben und unser Herr gab allen seinen Kindern einen freien Willen. Es liegt also an ihm, was er aus seinem restlichen Leben macht. Aber jetzt müssen wir wirklich gehen, sonst bemerkt er uns noch!"
Die Gestalt des Engels verblasste bereits und ich beeilte mich, möglichst geräuschlos aus der Tür zu huschen. Die Wirkung des Alkohols schien sich vollkommen verflüchtigt zu haben. Erst als ich in meine Wohnung zurückgekehrt war, begann ich die Nachwirkungen des Schocks zu spüren und liess mich auf meine Schlafcouch fallen, bis mein Herzschlag sich normalisiert hatte und meine Finger nicht mehr zitterten. Jetzt erst begriff ich so richtig in welcher Gefahr ich geschwebt hatte!
Hätte Danael mich nicht gerettet, wäre ich jetzt vielleicht schon ein gefallener Engel, auf dem Weg in die Tiefen der Verdammnis! Wie hatte ich noch vor kurzem zu ihm gesagt? Keine Sorge. So schnell falle ich nicht!
Da hatte ich mich wohl gründlich verschätzt!
Am nächsten Tag fuhr ich mit dem Bus zur Arbeit. Über Nacht hatte es kräftig geschneit und überall sah man Autofahrer, die der Wintereinbruch mit der Tatsache konfrontierte, dass sie auch dieses Jahr mit dem Reifenwechsel zu lange gewartet hatten und die nun in dem halbgefrorenen Matsch auf den Strassen herumrutschten. Von daher hätte ich ohnehin nicht mit dem Fahrrad fahren können. Allerdings bedeutete es auch, dass ich mein neues Rad am heutigen Tag noch nicht würde mit nach Hause nehmen können. Trotzdem wollte ich meine erste Rate begleichen und Moritz bei dieser Gelegenheit einen Besuch abstatten.
Die Kinder waren den ganzen Vormittag über zappelig vor Ungeduld, weil sie natürlich nichts lieber wollten, als hinausrennen und im Schnee spielen.
Als es endlich soweit war, beschlossen die Erzieherinnen, der Einfachheit halber alle Gruppen gleichzeitig draussen spielen zu lassen, damit sich die Kinder nicht gegenseitig ablenkten, weil die eine Gruppe draussen herumtobte und die Anderen sich die Nasen an den Fenstern plattdrückten.
So standen diesmal alle Kolleginnen und ich zusammen in der gewohnten Ecke, wenn auch nicht für lange.
Der Schnee war etwas angetaut und ließ sich leicht zu großen Kugeln rollen, weshalb plötzlich ein Wettbewerb über den schönsten Schneemann ausgerufen wurde.
Jede Gruppe musste in Gemeinschaftsarbeit Einen bauen und dann sollte der Beste prämiert werden. Außerdem wurde heißer Kakao für Alle in Aussicht gestellt.
Mit Feuereifer machten sich die Kinder ans Werk, aber nach einer Weile sah ich eine Gruppe mit hängenden Köpfen neben ihren schon ordentlich gerollten Kugeln stehen. Es war die IG-Gruppe, die nur aus zehn Kindern bestand, von denen dazu über die Hälfte noch keine fünf Jahre alt waren.
Meine Kolleginnen schienen nichts zu bemerken, sondern schwatzten unbekümmert, also ging ich zu den Kleinen hinüber und fragte, was los war.
Zehn Paar grosse Augen schauten mich an und dann erklärte die Älteste der Gruppe, ein kleines, rothaariges Mädchen mit tränenerstickter Stimme, dass sie zwar schöne, grosse Schneekugeln gerollt hatten, diese aber nicht aufeinandersetzen konnten, weil sie schlichtweg zu schwer waren. Eine war ihnen bei dem Versuch schon zerbrochen, und wie sollten sie so bitte schön eine Chance haben, den besten Schneemann zu bauen? Ich überlegte nicht lange, sondern bückte mich und hob die nächstliegende Kugel auf.
„Wo soll sie hin?“ fragte ich und die Kinder strahlten. In der nächsten halben Stunde arbeiteten wir mit vereinten Kräften und unser Schneemann wurde wirklich sehr schön. Zwar errang er nicht den ersten Platz, aber wir wurden nur knapp geschlagen.
Ich freute mich mit den Kindern und ertappte mich sogar dabei, wie ich herzlich mit ihnen lachte und herumalberte. Meine Kolleginnen schienen ebenfalls angetan von meiner neuentdeckten Heiterkeit und Bente meinte irgendwann: „Weisst du eigentlich, dass du ganz anders aussiehst, wenn du lachst? Viel besser!“
Dabei schenkte sie mir einen tiefen Blick , sodass ich erstaunt innehielt und unwillkürlich mein Gesicht betastete. Das brachte sie wiederum zum Lachen und ich stimmte ein bißchen verlegen mit ein.
Es fühlte sich gut an und es tat auch gut, dieses Lachen aus tiefstem Herzen. Schon lange hatte ich es nicht mehr versucht und erst jetzt fiel mir das wirklich auf.
Wann war es mir eigentlich abhanden gekommen? Und wieso hatte ich das nicht gemerkt?
Ich kam allerdings nicht dazu eine ausführliche Nabelschau abzuhalten, denn plötzlich wurde ich an der Hand gepackt und über das Gelände gezerrt. Es war Torben, der mich da hinter sich her schleppte und dann stand ich vor einem niedrigen Schneehaufen, der von fünf weiteren Kindern gerade mit Schaufeln und Händen festgeklopft wurde.
„Du musst uns helfen, Andreas!“ erklärte Torben im Brustton der Überzeugung.
„Aha. Und wobei? Was macht ihr hier?“ fragte ich skeptisch. „Na, wir bauen ein Iglu, das sieht man doch wohl!“ trumpfte ein anderer Knirps auf, den ich nach kurzem Überlegen als Jakob identifizierte.
„Ein Iglu?“ Ich war überrascht, denn bis jetzt hatte der Schneeberg wenig Ähnlichkeit mit dieser frostigen Behausung, sondern wirkte mehr wie ein gigantischer, reichlich flacher Pfannkuchen. „Da braucht ihr aber noch viel mehr Schnee.“ meinte ich deshalb und griff mir eine Schaufel.
Schnell hatte ich die Kinder eingeteilt und jeder machte sich begeistert ans Werk.
Torben und ich schaufelten Schnee oben auf den Hügel und die anderen Pimpfe stampften und klopften ihn fest. Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass die weiße Pracht genügend verdichtet war, durften alle zusammen anfangen, eine Höhle hinein zu graben.
Irgendwann kamen meine Kolleginnen herüber, inspizierten das im Entstehen begriffene Iglu und staunten nicht schlecht, da inzwischen schon zwei der Kinder im Inneren hockten und von dort aus weiter gruben.
Wir bauten immer weiter und bemerkten gar nicht, wie die Zeit verging, bis plötzlich eine Stimme vom Haus her rief:“Kakao ist fertig!“
Da ließen meine Baumeister alles fallen und stürmten johlend Richtung Tür. Nur Torben blieb noch zurück. Er hatte auch aufgehört am Iglu zu bauen, musterte mich und meinte dann gönnerhaft:“Vielleicht hat der Engel ja recht und du bist wirklich gar nicht so langweilig!“
Damit drehte er sich um, liess mich stehen und rannte ebenfalls los, um sich seinen wohlverdienten Kakao zu sichern. Ich sah ihm nach und merkte plötzlich, dass es mich freute, was er da gerade gesagt hatte.
Die übrigen Erzieherinnen, die noch im Freigelände waren, begannen das liegen gelassene Spielzeug einzusammeln und ich wollte ihnen gerade zur Hand gehen, da fiel mein Blick auf das Nachbargrundstück Ich traute meinen Augen kaum, denn da stand Moritz am Zaun, mit nur einer Krücke und auf zwei Beinen. Als er sah, daß ich ihn bemerkt hatte, lächelte er und winkte mich zu sich herüber. Ich eilte zu ihm und wies auf seine Füsse. „Wow! Was ist passiert? Hast du jetzt deine Prothese?“ Er nickte mit gerötetem Gesicht.
„Ja. Ich bin eben aus der Stadt gekommen. Den ganzen Tag darf ich sie zwar bislang nicht am Stück tragen, weil die Wunde noch nicht ganz abgeheilt ist, aber das ist doch gleich ein ganz anderes Lebensgefühl!“
Er grinste. „Du bist heute aber auch anders drauf, als sonst, oder? Zumindest hab´ ich dich noch nie so viel mit der Kindern spielen sehen.“
„Seit wann beobachtest du mich denn schon?“ wollte ich etwas verlegen wissen.
„Och, schon eine ganze Weile. Der Schneemann-Wettbewerb war gerade vorbei, als ich nach Hause gekommen bin. Wie sieht es denn aus mit heute Abend? Dein Rad wirst du ja bei dem Wetter noch nicht mitnehmen wollen. Kommst du trotzdem vorbei?“ „Wenn ich darf, gern. Außerdem steht ja die erste Rate an.“ erwiderte ich und er strahlte.
„Natürlich darfst du! Hast du vielleicht Lust mit uns zu Abend zu essen?“ fragte er dann und ich war überrascht. „Das ist nett, aber macht euch doch wegen mir keine Umstände!“ Er schüttelte heftig den Kopf.
„Das sind doch keine Umstände! Wir müssen schliesslich auch was essen und - ich bin dir noch was schuldig. Wegen gestern...“ fügte er errötend hinzu.
Ich überlegte nicht lange.
„Wenn das so ist, bleibe ich gerne zum Essen!“ „Schön!“ freute er sich und verzog im nächsten Moment das Gesicht. „Was ist?“ fragte ich beunruhigt, doch er winkte ab, hob das rechte Bein und fasste seine Gehhilfe fester.
„Nichts weiter, die Prothese drückt nur noch ein bisschen auf der Wunde. Das vergeht bald.“ Er lächelte wieder und machte eine lässige Geste.
„Also dann, bis heute Abend!“
Ich sah ihm nach, bis er im Haus verschwunden war und begab mich dann auch zurück in den Kindergarten, wo ich gerade noch ein paar Tropfen Kakao aus den Kannen kratzen konnte, die gerade ausreichten, um mich aufzuwärmen.
Die Kinder hatten ihre Tassen längst geleert, waren mit roten Wangen und glänzenden Augen schon wieder in ihre Gruppen zurückgekehrt und auch ich beeilte mich, meine Tasse auszutrinken, während Alina, der zweite Springer bereits die Spülmaschine bestückte.
„Das hat heute richtig Spass gemacht, dir zuzusehen.“ sagte sie etwas schüchtern, als sie bei meinem Platz anlangte und die Hand nach der leeren Tasse ausstreckte. Ich nickte. „Ja, mir hat es auch Spass gemacht.“
Sie schlug verlegen die Augen nieder und meinte: „Bisher hatte ich fast den Eindruck, du magst gar keine Kinder. Aber das kann ja gar nicht sein, schliesslich wärst du sonst bestimmt nicht Erzieher geworden! Und heute hat man auch gemerkt, daß du eigentlich richtig gut mit ihnen umgehen kannst! Ich glaube, die Kinder aus der IG-Gruppe haben dich schon ins Herz geschlossen!“ Mit roten Wangen ging sie zurück in die Küche und hantierte geräuschvoll herum, während ich ihr nachsah und dabei in mich hineinhorchte.
Noch vor kurzem hatte ich Danael gegenüber felsenfest behauptet, daß ich Kinder nicht ausstehen konnte und bisher war das auch so gewesen.
Hatte sich daran inzwischen etwas geändert? Hatte mich die Begegnung mit Louis am vergangenen Abend derart aus der Bahn geworfen?
Auf jeden Fall konnte ich nicht leugnen, dass mir die Veränderung irgendwie gefiel, also zuckte ich innerlich nur mit den Schultern und begab mich zurück zu Bente, mit der ich an diesem Tag zusammenarbeitete.
In zwei Tagen war Laternenfest und daher lief die Bastelmaschinerie auf Hochtouren.
Seufzend liess ich mich auf einem der kleinen Stühle nieder. Das Spielen im Schnee mochte ja spassig gewesen sein, aber die unsägliche Fummelei mit Schere und Heißkleber war definitiv nichts für mich!
Trotzdem gab ich mein Bestes und freute mich mit den Kindern, als endlich alle Laternen für ihren Einsatz bereit waren. „Wie läuft das denn eigentlich ab, bei diesem Laternenumzug übermorgen?“ fragte ich Bente, nachdem wir unsere unbequemen Plätze auf den viel zu niedrigen Stühlen verlassen hatten und unsere schmerzenden Rücken und Beine geradebogen. Ich wusste zwar, dass der Umzug um 19 Uhr beginnen sollte und ich deshalb um 18.30 Uhr nochmals an meinem Arbeitsplatz erscheinen musste. Doch über die organisatorischen Details war ich mir noch nicht im Klaren.
Bente wandte mir lächelnd ihr sommersprossiges Gesicht zu. „Ach, das macht jedes Jahr wieder grossen Spass! Wir teilen die Kinder in zwei Gruppen auf und gehen ungefähr eine Stunde lang hier durch das Viertel. Da ist kaum Autoverkehr und die Anwohner freuen sich schon jedes Jahr auf uns. Die Springer bleiben hier und bereiten in der Zwischenzeit heißen Tee und Bockwürstchen vor. Die können sich die Kinder und Eltern dann holen, wenn wir zurück sind. Anschließend wird noch ein Lagerfeuer angezündet und gesungen und so gegen zehn Uhr löst sich das Ganze meistens auf. Danach muß natürlich noch aufgeräumt werden und meistens gehen wir so gegen halb elf nach Hause.“
„Klingt anstrengend.“ meinte ich und sie nickte. „Ist es auch. Aber es macht den Kindern so viel Freude! Das wirkt richtig ansteckend, glaub´ mir! Es wird dir gefallen!“
Noch vor wenigen Tagen hätten ihre Erläuterungen für eine rasante Talfahrt meiner Stimmung gesorgt, jetzt aber ertappte ich mich dabei, wie ich lächelnd nickte.
Was war denn mit mir los? Wo war der zynische Kinderhasser geblieben?
Aber was auch immer der Grund für die Veränderung war – Bente schien es jedenfalls zu gefallen, denn sie rückte ein bisschen näher und sagte leise:“Also ehrlich, Andreas! Du hast dich wirklich verändert! Das macht ja heute richtig Spaß mit dir zu arbeiten!“ Dabei sah sie mir tief in die Augen und unwillkürlich kamen mir die Auflagen in den Sinn, an die ich mich halten musste, während ich als Mensch auf Erden wandelte.
Keine Frauengeschichten
!
Schade – Bente war wirklich niedlich.
Im nächsten Moment schimpfte ich mich einen Vollidioten. War mir der Ärger durch das missachtete Alkoholverbot noch nicht genug gewesen?
Abgesehen davon – Bente war tatsächlich ein appetitliches Ding, aber ganz bestimmt keins von den leichten Mädchen, mit denen ich mich abgegeben hatte, während ich meine Alleingänge unternahm. Demnach war es sicher besser, unsere Beziehung auf einer kollegialen Ebene zu belassen.
Ich räusperte mich also und lächelte unverbindlich. „Findest du?“ fragte ich und rückte ein Stückchen weg von ihr. „Mir macht es auch Spaß mit dir zu arbeiten. Ich kann bestimmt noch viel von dir lernen, meinst du nicht?“
Etwas Besseres war mir nicht eingefallen und ich sah, wie ihr Lächeln in die Breite wuchs.
„Ja, das glaube ich auch!“ sagte sie mit einem bedeutungsvollen Blick.
Himmel – hatte ich da etwa Öl ins Feuer gegossen? Zum Glück entbrannte in der Puppenecke ein geräuschvoller Streit, der die Anwesenheit meiner Kollegin erforderlich machte und ich brauchte nicht zu antworten.
Gleich darauf belegte mich Torben erneut mit Beschlag und wollte unbedingt, daß ich ihm und seinen Freunden etwas vorlas. So verging der restliche Nachmittag wie im Flug und ehe ich mich´s versah, war der Feierabend herangerückt. Nachdem ich mich vor dem Tor von meinen Kolleginnen verabschiedet hatte, ging ich hinüber zum Hause Fichtner und schon als ich vor der Haustür stand, empfing mich ein köstlicher Duft, den ich zwar nicht zuordnen konnte, der mir aber das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ.
Auf mein Klingeln hin wurde die Haustür von Moritz geöffnet, der noch immer mit seiner Prothese herumlief und mich grinsend begrüsste.
„Hi! Komm´ rein! Das Essen ist gleich fertig!“ Ich streifte mir die Jacke und die nassen Schuhe aus und begrüsste zunächst seine Eltern.
Dann lieferte ich die erste Rate des Kaufpreises ab und ließ mich zusammen mit ihm und seinem Vater auf der Couchgarnitur nieder. Die nächste Viertelstunde war etwas unangenehm, da Herr Fichtner mich ein wenig auszufragen versuchte und ich aufpassen musste, was ich sagte.
Lügen durfte ich nicht und die Wahrheit kam aus naheliegenden Gründen nicht in Frage.
Ich versuchte mich also etwas vage um die Untiefen des Gesprächs herum zu manövrieren und war heilfroh, als Frau Fichtner das Essen auftrug und uns an den Tisch rief.
Die Atmosphäre während der Mahlzeit war angenehm entspannt, wozu sicher auch die - zumindest optische - Abwesenheit von Sariel beitrug. Frau Fichtner hatte ein köstliches Spinatrisotto gekocht und zum Nachtisch gab es Schokoladenpudding mit Vanillesosse. Alle langten wacker zu und auch mir wurde eine zweite Portion aufgenötigt.
Währenddessen erzählte mir Moritz von seinen Zukunftsplänen, auch er schien an diesem Abend aufgeräumt und locker. Als das Abendessen beendet war, bedankte ich mich und wollte mich verabschieden.
Wie beim letzten Mal stand Moritz auf und brachte mich zur Haustür, während Herr Fichtner seiner Frau half, den Tisch abzuräumen. Immer noch redend ging Moritz vor mir her durch den düsteren Flur und da geschah es - er setzte seine Krücke auf die Kante des Läufers, mit dem die Diele ausgelegt war, die Gehhilfe rutschte ab und er geriet ins Straucheln.
Rasch griff ich zu und hielt ihn fest, sodaß lediglich die Krücke aus seiner Hand flog, an die Wand purzelte und langsam zu Boden glitt. In diesem Augenblick, als ich ihn bei den Schultern hielt und er mit erschrockener Miene zu mir aufblickte, war ich ihm so nah, daß ich trotz der schummrigen Beleuchtung die kleinen, dunklen Sprenkel in seiner Iris sehen und sein Shampoo riechen konnte. Plötzlich verspürte ich eine herzklopfende Verlegenheit, die ich mir nicht erklären konnte und obwohl er längst wieder sicheren Tritt gefasst hatte, ließ ich ihn noch nicht los.
Seine Wangen überzogen sich mit einer leichten Röte, er starrte mir ins Gesicht und ich hätte ihn am liebsten in meine Arme geschossen.
Dieses Bild vor meinem geistigen Auge war dermassen irritierend,daß es den Bann brach und ich meine Hände von seinen Schultern löste.
Was hatte ich denn da für Gedanken?
Bemüht sie zu vertreiben, räusperte ich mich und hob die Krücke vom Boden auf.
"Hier."
Mit gesenktem Kopf nahm Moritz sie entgegen und ich sah trotz der blonden Haare, die ihm in die Stirn hingen, dass sein Gesicht flammend rot war.
Meine Güte – warum hatte ich ihn jetzt so in Verlegenheit gebracht? Was hatte ich mir denn eigentlich gerade gedacht? „Ähm, … ich geh´ dann jetzt mal.“ stotterte ich und öffnete die Haustür.
Rasch trat ich nach draußen, um etwas Distanz zwischen uns zu bringen, bevor ich ihn wieder ansah.
Er schien mindestens ebenso durcheinander zu sein, wie ich und nickte nur stumm, bevor er sich hastig verabschiedete. „Ja, ist gut. Ciao, Andreas!“
Er hob noch einmal kurz die Hand und zog sich dann eilig ins Haus zurück.
Während ich den Weg zur Bushaltestelle unter die Füße nahm, ließ das Herzklopfen allmählich nach und ich atmete tief durch. Warum hatte mich die Nähe zu Moritz nur so durcheinander gebracht?
So etwas war mir noch nie passiert und auf dem gesamten Heimweg grübelte ich darüber nach.
Selbst als ich später in meiner Wohnung vor dem Fernseher saß, konnte ich mich nicht auf das bunte Geflacker auf dem Bildschirm konzentrieren, sondern sah ständig sein Gesicht und seine erschrocken aufgerissenen Augen vor mir. Das Bedürfnis, ihn in den Arm zu nehmen war immer noch da und ich fragte mich, ob ich vielleicht auf dem Wege war, die Liebe zu den Menschen neu zu entdecken und wieder zu meinem alten Selbst zurück zu finden.
Vielleicht hatte Danael ja recht und es wäre doch nicht das Schlechteste?
Im Gegenteil, plötzlich schien die Vorstellung wieder ein vollwertiger Schutzengel zu sein, ihren Schrecken weitgehend verloren zu haben. Nach dem heutigen Tag konnte ich nicht mehr leugnen, dass ich dabei war, mich zu verändern.
Das Spielen mit den Kindern hatte nicht nur Spaß gemacht, es hatte auch etwas in mir bewegt. So, als hätte ein riesiger Eisklumpen, der auf meiner Seele lastete, endlich begonnen zu schmelzen. Aber wieso brachte mich das dann derart aus dem Gleichgewicht, dass ich so seltsam auf Moritz´ Nähe reagierte? Ich kannte ihn doch schließlich seit er geboren worden war!
Die hektische Titelmelodie einer Nachrichtensendung riss mich aus meinen Gedanken und ich bemerkte, dass es fast Mitternacht war. Ich schaltete den Fernseher aus und öffnete kurz das Fenster, um vor dem Schlafengehen noch einmal frische Luft herein zu lassen. Dabei wehten mir feuchte Tropfen ins Gesicht und ich sah, dass es angefangen hatte zu regnen.
Verrückt! War es nun November oder April? Der Schnee auf den Straßen und Gehwegen schmolz und die wenigen Autos die auf der Straße noch unterwegs waren, erzeugten rauschende und platschende Geräusche. Da kam mir plötzlich der Gedanke, dass ich bei Fortschreiten der Schneeschmelze vielleicht am nächsten Tag mein neues Rad abholen konnte. Das würde bedeuten, dass ich Moritz wiedersah und als ich gedanklich diesen Zusammenhang hergestellt hatte, beschleunigte sich mein Puls erneut.
Himmel, jetzt war es aber mal gut!
Mit einem ungeduldigen Kopfschütteln schloss ich das Fenster und machte mich bettfertig. Gleich darauf schlüpfte ich unter die Decke und zog sie mir bis zu den Ohren.
Und dann lag ich im Dunkeln und konnte nicht einschlafen... Jedesmal, wenn ich die Augen zumachte, erlebte ich vor meinem geistigen Auge erneut die Szene mit Moritz in der Diele seines Elternhauses und ich wurde immer wacher, anstatt schläfriger. Mist! Was hatte das zu bedeuten?
Man hätte ja beinahe annehmen können, ich hätte mich in ihn verliebt. ... Moment?
Mit einem Ruck setzte ich mich auf.
Was hatte ich da gerade gedacht?
Verliebt? Ich? In Moritz?
Ich wollte ein abfälliges Schnauben loslassen, um mich selbst zu beruhigen, aber das dabei entstehende Geräusch klang dünn und unsicher.
Konnte das möglich sein?
War es denkbar, dass ich mich in einen Mann verliebt hatte? Nein, oder?
Ich horchte in mich hinein und versuchte, die Art der Gefühle auszuloten, die ich für Moritz hatte.
Wie fühlte es sich gleich noch einmal an, wenn man verliebt war? Es schien Äonen her zu sein, dass ich so etwas wie Liebe erlebt hatte.
Naja, genau genommen war es tatsächlich eine kleine Ewigkeit -über 700 Jahre waren seither vergangen. Zu der Zeit nämlich, als ich noch ein Mensch war, lange vor meiner Existenz als Schutzengel, war ich unglücklich in ein Mädchen namens Gudrun verliebt gewesen und diese unglückliche Liebe hatte unter anderem dazu beigetragen, dass ich in ein Kloster eingetreten war. Eine Entscheidung, die ich zwar zu meinen Lebzeiten nie bereut hatte, die ich aber heute ganz sicher nicht mehr so treffen würde. Gut, das war mir soweit klar – und wie hatte es sich nun damals angefühlt?
Ich überlegte und verglich die Gefühle von damals mit meinen jetzigen Empfindungen.
Das Ergebnis ließ mich aus dem Bett springen und wie einen Drogensüchtigen auf Entzug im Zimmer hin und her laufen. Das gab es doch nicht! Das konnte, das durfte nicht wahr sein! Ich hatte mich tatsächlich in meinen ehemaligen Schützling verliebt? In einen Mann?
Himmel hilf! Ich raufte mir die Haare.
Was sollte ich denn jetzt machen?
Ich blieb stehen und wunderte mich über meine eigene Blödheit. War doch klar, was ich machen musste – nämlich gar nichts! Moritz durfte nie erfahren, wie es in mir aussah! Unter gar keinen Umständen!
Niemals!
Selbst wenn er wider Erwarten das Gleiche fühlen sollte, wie ich, gab es keine Zukunft für uns. Egal, wie man es drehte und wendete, ich war noch immer ein Engel und diese Art von Liebe war mir verboten.
Ich hatte zwar in der Vergangenheit oft genug gegen dieses Gebot verstossen, um mich mit fleischlichen Genüssen zu betäuben, mit Moritz jedoch wäre es etwas anderes, soviel war mir jetzt schon klar. Das wäre keine Affäre, um des reinen körperlichen Genusses willen, hier waren echte Gefühle im Spiel.
Dazu kam, dass mein Aufenthalt hier auf der Erde begrenzt war, und ich hätte es mir nie verzeihen können, wenn ich Moritz das Herz brach, indem ich ihm etwas vorspielte, was keine Zukunft hatte. Vielleicht wäre es sogar besser, ich würde mich ganz von ihm fernhalten, überlegte ich.
Mit mechanischen Bewegungen legte ich mich wieder ins Bett. Genau – das würde ich tun – ich würde am nächsten Tag das Fahrrad abholen und dann aus seinem Leben verschwinden. Keine Gespräche mehr über den Zaun, keine Einladungen mehr zum Abendessen, nichts dergleichen. Wenn er mich dann für ein Arschloch hielt – okay, das konnte ich aushalten. Hauptsache, ich brachte sein Leben nicht noch mehr durcheinander als bisher.
Nachdem ich zu diesem Entschluss gekommen war, drehte ich mich auf die Seite, schloss die Augen und verbot mir, weiter darüber nachzudenken.
Das gelang mir nur mäßig und es dauerte noch eine ganze Weile, bis der Schlaf mich endlich übermannte.
Als am nächsten Morgen der Wecker klingelte, fühlte ich mich wie gerädert.
In wirren Träumen war ich auf meinem neu erworbenen Rennrad über eine Landstraße gerast und hatte versucht, Moritz´ Unfall zu verhindern. Sariel und Louis hatten mich verfolgt, sich vor mich geschoben und mich nicht an Moritz herangelassen, der irgendwo vor mir war und ahnungslos seinem Verderben entgegenfuhr. Verzweifelt hatte ich zusehen müssen, wie er mit seinen schmalen Reifen wegrutschte, hatte Bremsen kreischen hören und war hochgeschreckt.
Der gleiche Traum war immer wieder gekommen, jedesmal in leicht veränderter Form, aber immer mit dem gleichen Ausgang und als es endlich Zeit war aufzustehen, war ich schweißgebadet und tappte kraftlos in die Dusche.
Ich zwang mich, einen Toast mit Marmelade zu essen, doch er schien in meinem Mund nicht weniger zu werden und wie Sägemehl zu schmecken.
Zu allem Überfluss regnete es noch immer in Strömen und ich besaß weder einen Schirm, noch eine richtige Regenjacke, sodass ich bereits nach der kurzen Wegstrecke von meiner Wohnung zur Haltestelle gut eingeweicht war. Wie am vorherigen Tag fuhr ich mit dem Bus zur Arbeit wobei meine Nase zu laufen begann und mein Schädel brummte.
Ich schleppte mich durch den Arbeitstag, während meine Nase anfing, für den IronMan zu trainieren und zu dem Brummen im Kopf auch noch ein heftiges Kratzen im Hals dazukam. Jedesmal, wenn ich nieste, sah Bente, mit der ich auch an diesem Tag wieder zusammenarbeitete, mitleidig zu mir herüber und gegen Mittag meinte sie:“Das Spielen im Schnee war wohl doch keine so gute Idee, wie? Da hast du dir ja eine eklige Erkältung eingefangen! Willst du nicht besser nach Hause gehen und dich hinlegen?“ Ich schüttelte den Kopf und erwiderte:“Nein. Ich muss nach Feierabend noch mein neues Fahrrad abholen. Und wenn ich gesund genug bin, mit dem Fahrrad zu fahren, bin ich doch wohl auch gesund genug, um zu arbeiten?“
Sie zog die Brauen zusammen und legte mir die Hand auf die Stirn. „Was ist denn das für eine bescheuerte Logik? Du hast zumindest erhöhte Temperatur und gehörst ins Bett, Andreas! Ausserdem steckst du mir noch sämtliche Kinder an, wenn du hierbleibst - von mir ganz zu schweigen! Und das kann ja wohl nicht dein Ernst sein, dass du mit dem Rad nach Hause fahren willst? Ruf´ in dem Laden an und sag´ dass du es an einem anderen Tag holst!“ Ich nieste und sagte:“Das Rad steht in keinem Laden, sondern nebenan, bei Fichtners.“
„Nebenan?“ Bente zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Du meinst, wo der junge Mann im Rollstuhl sitzt?“ Ich nickte.
„Ja, aber den Rollstuhl braucht er jetzt nicht mehr. Er hat gestern eine Prothese bekommen und wird bald sogar ganz ohne jede Gehhilfe laufen können.“
„Das klingt, als würdest du ihn besser kennen.“ Bildete ich mir das ein, oder war da ein missmutiger Unterton in Bentes Stimme? Ich schob es auf meine Erkältung und antwortete:“Naja, wir haben uns seit ich an meinem ersten Tag draußen umgekippt bin, ein paar Mal über den Zaun hinweg unterhalten. Dabei hat er mir sein Rennrad zum Kauf angeboten, weil er gesehen hat, in welchem Zustand mein eigenes Rad ist. Das ist eigentlich alles.“
„Aha.“ Sie nickte mit einem seltsamen Gesichtsausdruck und meinte dann:“Wie auch immer – du bist krank und deshalb gehst du jetzt heim! Keine Widerrede! Morgen Abend ist Laternenfest, da wird jede Hand gebraucht!
Also sieh zu, dass du bis dahin wieder auf dem Damm bist!“ Sie schob mich zur Tür.
„Los, los! Mit Frau Hellmann rede ich schon! Und jetzt ab mit dir!“ Derart genötigt wollte ich nicht mehr widersprechen, zumal ich mich wirklich nicht gut fühlte, zog meine immer noch feuchte Jacke über und verließ den Kindergarten.
Auf der Straße hielt ich kurz inne und überlegte, dann wandte ich mich dem Fichtner´schen Haus zu und klingelte. Etwas beklommen und mit flattrigem Magen wartete ich, dass man mir öffnete und war mir nicht sicher, was ich mir mehr wünschte: Dass Moritz derjenige war, der das tat, oder eben nicht. Gleich darauf sah ich in seine blauen Augen und sofort stand mir wieder die Szene vom Vorabend vor Augen. Aber auch er schien ein wenig verlegen zu sein und eine leichte Röte zog kurz über seine Wangen.
„Andreas!?“ Er war überrascht. „Was gibt’s?“ „Nichts Besonderes!“ Ich lachte nervös.
„Ich bin nur gerade auf dem Weg nach Hause und wollte mein Rad mitnehmen. Das heißt, wenn es dir recht ist?“ „Ja, natürlich. Komm´ doch rein.“ Er zog die Tür ganz auf und machte einen Schritt zur Seite, damit ich an ihm vorbeigehen und das Haus betreten konnte.
Dabei war ich ihm für einen Moment wieder fast so nah, wie am Abend vorher und mein Herz schlug einen Salto. Er warf mir einen Seitenblick zu und grinste. „Wieso bist du denn schon auf dem Weg nach Hause? Es ist doch gerade mal Mittag! Oder haben sie dich endlich rausgeworfen?“ „Nein.“ Ich war bemüht, meine Nervosität zu überspielen. „Ich hab´ mir nur eine fette Erkältung eingefangen und deshalb Hausverbot bekommen, damit ich nicht alle anstecke.“ „Ach so – und da meinst du, du lädst deine Keime mal kurz bei mir ab, oder wie?“
Wir lachten beide und ich entspannte mich etwas. Unauffällig scannte ich die Umgebung, aber von Sariel war nichts zu sehen, weshalb ich noch etwas ruhiger wurde.
Der finster-feindselige Schutzengel war ja nun nicht gerade mein grösster Fan und in seiner Nähe fühlte ich mich stets unwohl. „Wenn du das Fahrrad jetzt mitnehmen willst, müssen wir aber in den Keller runter. Meine Eltern sind nicht da, deshalb wirst du es allein hochtragen müssen. Schwer ist es ja nicht unbedingt, aber ein bißchen sperrig. Ist das okay?“ Moritz sah mich fragend an. „Ja, klar. Das kriege ich schon hin. Kein Problem!“ Ich steckte die Hände betont lässig in die Taschen meiner Jeans und folgte ihm zu einer Tür am anderen Ende der Diele. Er öffnete sie und drückte auf einen Schalter an der Wand, woraufhin einige Lampen unten im Keller und über einer abwärts führenden Treppe aufflammten.
Er nahm seine Krücke in die rechte Hand und hielt sich mit der Linken am Geländer fest, während er langsam und vorsichtig die Stufen herunterstieg. Unten angelangt stützte er sich wieder auf die Gehhilfe und steuerte eine weitere Tür an. Dahinter befand sich ein gräumiger Kelleraum, der offenbar als eine Art Lager für die unterschiedlichsten Dinge genutzt wurde. Auch hier schaltete er das Licht ein und an einer Wand des Raumes stand, neben einer Menge anderer Sport- und Freizeitutensilien, das blauweiße Rennrad.
Er wies darauf und machte lächelnd eine einladende Geste. Ich schob mich an ihm vorbei, packte das Rad und wollte damit aus dem Raum gehen, doch mit dem vorderen Reifen stieß ich unglücklich gegen ein paar Kisten, die an einer Wand aufgestapelt standen und die dadurch gefährlich ins Schwanken gerieten. Fast wie in Zeitlupe neigte sich der Stapel zur Seite und drohte umzufallen. Moritz riss die Augen auf und streckte die Arme danach aus und ich stellte schnell das Rad ab und tat das Gleiche. Im nächsten Moment lagen meine Finger auf denen von Moritz und gemeinsam hielten wir den Kistenstapel fest. Die Berührung seiner Hand war wie ein Stromstoss und heiß schoss mir das Blut ins Gesicht.
Nachdem die Kisten wieder ins Gleichgewicht gerückt worden waren, standen wir nebeneinander, wagten nicht, uns anzusehen und keiner sagte ein Wort.
Ich spürte, dass es Moritz ähnlich ging wie mir selbst, aber ich wusste auch, dass ich jetzt besser gehen sollte. Es war viel zu gefährlich - für uns beide - wenn wir noch länger allein hier unten blieben!
Obwohl mir das nur zu bewusst war, konnte ich meine Beine nicht dazu bringen, sich vom Fleck zu bewegen. Plötzlich tastete Moritz´ Hand nach meiner und ich schloss die Augen, als sich seine Finger mit meinen verflochten. Ich brauchte ihn nicht zu sehen, um zu wissen, dass er näher rückte, und dann fühlte ich seinen warmen Atem auf meinem Gesicht. „Nicht!“ flüsterte ich verzweifelt, doch da lagen seine Lippen bereits auf meinen und kosteten mich mit solcher Zartheit, dass ich nicht anders konnte, als den Kuss zu erwidern. Behutsam tastend, voller Zärtlichkeit und beinahe keusch erkundete er meinen Mund und seine Arme schlossen sich um meinen Nacken. Wie von selbst legten sich meine Hände um sein Gesicht und meine Lippen öffneten sich unter dem zärtlichen Drängen dieser Liebkosung. Seine Zunge suchte schüchtern nach meiner und ich kam ihr entgegen, ohne zu überlegen. Dieser Kuss war so herrlich süß, dass wir beide nicht genug davon bekamen. Je länger es dauerte, desto gieriger wurden wir, unser Atem ging heftig und wir drängten uns aneinander, bis ich mich mit ungeheurer Willensanstrengung losriss und ihn ein Stückchen von mir wegschob.
Seine Augen waren weit aufgerissen und der Mund noch feucht von unserem Kuss, als er mich ansah und ich konnte in seinem Gesicht lesen, wie in einem offenen Buch.
Auch er war hin und her gerissen, zwischen dem Wunsch nach Nähe und dem Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns. Seufzend senkte ich den Kopf.
„Das dürfen wir nicht, Moritz!“ sagte ich leise und er sog überrascht die Luft ein.
„Was? Wieso nicht?“ fragte er und dann – kaum hörbar: „Magst du mich nicht?“
„Doch, sogar sehr.“ sagte ich widerwillig und bereute es sofort. Ich machte einen Schritt von ihm weg und fuhr mir mit der Hand durch die Haare.
„Es geht eben nicht. Für uns gibt es keine Zukunft, verstehst du?“ „Habe ich denn irgendwas von einer Zukunft gesagt?“ fuhr er auf, doch ich sah ihm an, dass er verletzt war. Mist! Ihm weh zu tun, war doch das Letzte was ich wollte. „Moritz,...“ setzte ich zu einer verzweifelten Erklärung an, doch er hob die Hand und brachte mich zum Schweigen. „Ist schon gut, Andreas. Nimm´ einfach das Bike und hau´ ab.“ Ohne auf eine Erwiderung zu warten, schnappte er sich seine Krücke und hinkte aus dem Kellerraum.
Mir schien die Luft knapp zu werden, alles in mir drängte danach, ihm nachzulaufen, ihn in die Arme zu schliessen und ihm unter Küssen zu sagen, dass es mir leid tat, aber ich zwang mich dazu, einfach nur das Rennrad zu nehmen und den Keller zu verlassen. Als ich oben im Gang ankam, war von Moritz nichts mehr zu sehen. Resigniert schaltete ich das Kellerlicht aus und schloss die Tür hinter mir.
Fröstelnd trat ich gleich darauf aus der Haustür und das Geräusch, mit dem sie hinter mir ins Schloss fiel, hatte etwas Endgültiges. Ich schob das Rad bis zur Straße und schwang mich darauf, ohne einen Blick zurück zu werfen.
Es regnete noch immer und das passte zu meiner Stimmung. Die Stadt, die gestern noch so winterfröhlich gewirkt hatte unter der ersten weißen Pracht des Jahres, lag heute wieder stumpfgrau und lethargisch vor meinen Augen, wie ein schmutziger, alter Hund, der sich unter dem Ansturm der Kälte duckte. Meine Zähne klapperten, während ich nach Hause strampelte, der Regen lief mir aus den Haaren und übers Gesicht und mischte sich mit den Tränen, die ich nicht länger unterdrücken konnte. Frostschauer rieselten mir über den gesamten Körper, aber ich achtete nicht darauf, weil ich ständig nur an Moritz denken konnte, an unseren Kuss und daran, dass ich nun nie wieder so etwas Wundervolles erleben würde.
Zuhause angekommen trug ich das Fahrrad buchstäblich mit letzter Kraft in den Keller und schleppte mich dann als eine weitaus größere Last in meine Wohnung.
Wie ein nasser Sack fiel ich auf meine Bettcouch, mein Kopf dröhnte, der Hals brannte und ich zitterte in schmerzhaften Muskelkrämpfen.
Aber das alles war nichts gegen den Schmerz und die Leere in meinem Herzen, die mich wünschen ließen, ich könnte einfach nur einschlafen und nie wieder aufwachen.
Ohne die feuchten Kleider auszuziehen, zog ich die Bettdecke über mich und zitterte mich in einen fiebrigen Schlaf.
Ende des ersten Teils
Texte: Cover found via Google.de (myspacecdn.com)
Alle Rechte vorbehalten.
Tag der Veröffentlichung: 14.04.2011
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