Der Himmel kann warten

Adorabelle · Kapitel 1 von 1 · Teil 2/3

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Der Himmel kann warten

Der Himmel kann warten ...

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Als ich wieder zu mir kam, wunderte ich mich, dass man mir ein derart hartes Bett in die Wohnung gestellt hatte. Dann schlug ich die Augen auf und starrte in die neugierigen Gesichter lauter kleiner Zwerge, die um mich herumstanden.

Ich blinzelte und die Erinnerung kam zurück. Das waren keine Zwerge, sondern die Kinder aus der Kindertageseinrichtung, in der ich seit heute arbeitete.

Aber wieso lag ich hier am Boden? Und dann auch noch offensichtlich draussen?

Ich wollte aufstehen, doch eine Stimme hielt mich davon ab. „Nicht so hastig! Mach´ langsam, sonst fällst du gleich wieder um!“ Richtig, das war Bente, meine Kollegin, mit der zusammen ich ihre Gruppe betreut hatte.

Im Gegensatz zum bisherigen Morgen lächelte sie jetzt nicht, sondern musterte mich besorgt.

„Geht´s wieder?“

Ich nickte etwas benommen und setzte mich mit ihrer Hilfe langsam auf.

„Was ist passiert?“ Unsere Chefin kam eilig um die Hausecke, gefolgt von einem kleinen Jungen, der offenbar geschickt worden war, um sie zu holen.

„Es ist alles in Ordnung, Frau Hellmann. Wirklich, mir geht´s gut!“ bemühte ich mich abzuwiegeln und sie schenkte mir einen kühlen Blick.

„Das wohl kaum. Immerhin sind Sie gerade ohnmächtig geworden, Herr Engel. Wäre es vielleicht besser, wenn wir einen Arzt rufen?“ Ihr Gesicht strafte ihren besorgten Ton Lügen, und ich wehrte dankend ab.

„Nein, nein, geht schon. Ich schätze, ich hab´ gestern abend ein bisschen viel gefeiert, weil ich ja gerade erst in meine neue Wohnung gezogen bin. Normalerweise falle ich nicht einfach so um.“ Ihr Blick wurde etwas weicher.

„Ich verstehe. Haben Sie denn überhaupt schon etwas gegessen heute Morgen?“

Betreten schüttelte ich den Kopf.

„Dann tun Sie das vielleicht besser, bevor sich der Kollaps wiederholt. Sie sollten jetzt ohnehin mit den Kindern hineingehen, Bente!“ wandte die Leiterin sich an meine Kollegin. Die nickte und bückte sich, um mir unter die Arme zu greifen und mir aufzuhelfen. Als sie sich vergewissert hatte, dass ich einigermassen sicher auf den Füssen stand, machte sie sich auf den Weg übers Gelände, um die Kinder zusammen zu trommeln und unsere Chefin ging davon. Ich warf einen scheuen Blick über den Zaun und richtig, Moritz war noch da und musterte mich eindringlich.

„Alles klar, Mann?“ fragte er. Ich bejahte.

„Geht schon – ich hätte gestern Abend nicht so viel trinken sollen, schätze ich. Dann hätte ich wenigstens heute Morgen was gefrühstückt und nicht nur schwarzen Kaffee in mich reingeschüttet!“ Ich gab mich betont locker um meine Unsicherheit und Nervosität zu überspielen.

Er legte den Kopf schief und begann in der Tasche seiner warmen Jacke zu kramen. Im nächsten Moment streckte er mir einen länglichen, in silberne Folie verpackten Gegenstand hin und ich sah dümmlich darauf hinab.

„Was ist das?“ Er grinste.

„Eine Handgranate! - Was soll das schon sein? Ein Müsliriegel halt. Nun nimm´ schon!“ sagte er, als ich noch zögerte. Ich griff über den Zaun danach, riss die Verpackung auf und biss ein Stück ab. In meinem Mund entfaltete sich das Aroma von Nüssen und Honig, während ich geräuschvoll kaute. „Danke.“ nuschelte ich beschämt.

„Keine Ursache. Ich hab´ mich an das Zeug gewöhnt, als ich noch viel Sport gemacht habe. Hab´ praktisch immer was davon dabei. Also dann,“ er tippte sich an einen imagnären Hut, „man sieht sich!“ Damit wendete er geschickt seinen Rollstuhl und fuhr auf das Haus zu. Ich sah ihm nach, bis er in einer Tür verschwunden war und vertilgte dabei den Müsliriegel. Tatsächlich ging es mir mit etwas im Magen gleich viel besser.

Der Rest meines ersten Arbeitstages verlief vergleichsweise unspektakulär, aber als ich um kurz vor 17 Uhr meine Wohnungstür aufschloss, war ich trotzdem vollkommen erledigt. Ich überlegte, ob ich erst duschen oder erst schlafen sollte, entschied mich aber für Letzteres. Also liess ich mich voll angezogen auf mein Schlafsofa fallen und war bereits im Nirwana, als ich aufschlug. Drei Stunden später wurde ich vom stürmischen Klingeln an der Tür aus meinen Träumen gerissen und kämpfte mich mürrisch aus den Federn. Ohne durch den Spion zu schauen, riss ich wütend die Tür auf, bereit demjenigen, der mich da so unsanft geweckt hatte, die Meinung zu geigen und – stand Louis gegenüber, dessen fröhliches Grinsen mir zunächst den Wind aus den Segeln nahm. „Ich stör´ doch nicht, oder?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, schob er sich an mir vorbei in die Wohnung und wedelte gleich darauf demonstrativ mit der Hand. „Was hältst du davon, hier mal zu lüften?“ Augenblicklich steuerte er das Fenster an, zog die Gardinen zurück und öffnete beide Flügel so weit es ging.

„Ich bin gerade nach Hause gekommen und dachte mir, ich schaue mal nach wie es meinem Kumpel Andreas so geht. Und wie es scheint, bin ich ja gerade richtig gekommen, wie? Hast du etwa im Bett gelegen? Das kannst du doch noch genug, wenn du mal alt und tattrig bist, meinst du nicht? Wir Zwei sollten heute Abend mal die Clubszene unsicher machen!“

Er taxierte mich von oben bis unten und meinte dann:“Allerdings müsstest du dich dafür erst mal generalüberholen! Was ist denn mit dir los? Irgendwie siehst du aus, als wärst du unter den Bus gekommen!?“

Ich setzte mich wieder auf meine Bettkante und liess mich zurücksinken.

„Ich bin zwar nicht unter den Bus gekommen, wie du es gerade so charmant formuliert hast, aber ich hatte gestern Abend eine sehr feuchte, kleine Feier mit einem geschwätzigen Nachbarn, der mich dazu verführt hat, mehr zu trinken, als gut für mich ist. Deshalb konnte ich heute Morgen nichts essen und bin an meinem ersten Arbeitstag zur Belustigung aller Anwesenden filmreif zusammengeklappt!“

Louis hatte mir mit erstaunter Miene zugehört und schlug sich jetzt die Hand vor den Mund. Allerdings nicht aus Bestürzung, wie man hätte vermuten können, sondern um sein albernes Grinsen zu verbergen.

„Pffft! Du bist echt umgekippt? Bist wohl nichts gewöhnt, wie? Mach´ dir nichts draus!“ Er winkte ab.

„Mit ein bisschen Übung kriegst du das in den Griff! Wenn du erst ein paar Mal mit dem guten Louis um die Häuser gezogen bist ...“ Ich liess ihn nicht ausreden, sondern hob die Hand. „Ich hab´ nicht vor mit dem guten Louis um die Häuser zu ziehen! Ich bin total kaputt und ich hab´ Hunger. Ausserdem stinke ich wie ein Iltis und will in die Dusche. Ich muss morgen arbeiten und früh aufstehen, deshalb wäre ich dir dankbar, wenn du dich jetzt verziehen würdest! Mein Tag war beschissen und ich hab´ keinen Bock auf Gesellschaft, klar?“

Ich merkte selbst, dass ich unnötig heftig reagierte, konnte aber nichts gegen meine miese Stimmung tun. Louis sah mich einen Moment lang gekränkt an, dann zuckte er die Achseln und wandte sich zur Tür.

„Ich seh´ schon, mit dir ist heute nichts anzufangen. Vielleicht geht’s dir ja morgen besser. Falls ja, kannst du gern vorbeikommen und dich entschuldigen!“

Mit diesen Worten huschte er aus der Tür und schlug sie hinter sich zu.

Seufzend schloss ich die Augen und blieb ein paar Minuten liegen. Die Begegnung mit Moritz kam mir wieder in den Sinn. Am Schluss war sein früheres Selbst wieder zum Vorschein gekommen. Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft waren immer seine hervorstechendsten Merkmale gewesen. Der andere Moritz, der mich wütend angefahren und versucht hatte, mich mit dem Anblick seines verkrüppelten Beins zu schockieren, der war regelrecht furchteinflössend dagegen. Und wessen Schuld war es, dass es diese Seite an ihm jetzt so offen zutage trat?

Einen Tusch, bitte, meine Herrschaften – es folgt der Auftritt von Andreas Engel, alias Ezekiel, versoffener, egoistischer Schutzengel a.D.!

Ich merkte, wie mir die Tränen aus den Augenwinkeln rollten und wischte sie mit einer wütenden Geste weg. „Hör´ auf, dich in Selbstmitleid zu suhlen und mach´ endlich wieder einen Menschen aus dir, du stinkst nämlich wirklich!“ Ich fuhr hoch und sah Danael im Sessel sitzen. Er musterte mich mit strengem Blick und ich stützte mich auf die Ellenbogen. „Du schon wieder!“ sagte ich genervt.

Der Typ hatte mir jetzt gerade noch gefehlt! „Kommst du ab sofort immer so oft hier vorbei?“ Er zog die Brauen zusammen.

„Glaub´ bloss nicht, dass mir das Spass macht! Du bist nämlich längst nicht der Einzige, um den ich mich kümmern muss, falls du das glaubst!“

„Na, dann lass´ mich doch in Ruhe und bleib´ weg!“ grollte ich. „Das werde ich, sobald ich das Gefühl habe, dass man dich eine Weile allein lassen kann, ohne dass du irgendeinen Blödsinn anstellst. Und ich habe irgendwie den Eindruck, dass das noch eine ganze Weile dauern wird!“

Ich brummte mir etwas Unverständliches in den Bart und beschloss, ihn zu ignorieren.

Obwohl ich eben noch vorgehabt hatte zu duschen, blieb ich jetzt stur liegen und starrte schweigend an die Zimmerdecke. Nach einigen Minuten hörte ich Danael seufzen. „Meine Güte, hast du einen Dickschädel! Na gut, na gut, ich gehe. Aber steh´ endlich auf und dusch´ dich, bitte. Und vor allem: Iss´ etwas! Du bist noch nicht daran gewöhnt, dich wieder wie ein Mensch zu ernähren und regelmässig zu essen. Du kannst dich noch nicht darauf verlassen, das dir dein Körper die richtigen Signale sendet, wenn du hungrig bist. Deshalb bist du heute Morgen umgekippt. Vorerst musst du dich noch bewusst daran erinnern, wann es Zeit ist zu essen.“ Er stand auf und kam zu mir herüber.

„Und noch was – tu´ dir selbst einen Gefallen und trink´ nicht wieder so viel, okay?“

„Ja, ja, schon gut.“ erwiderte ich gereizt. „Und jetzt hau´ endlich ab und verschon´ mich so lange wie möglich mit deiner Anwesenheit!“ Ohne ein weiteres Wort verschwand Danael und ich stand auf, um in die Dusche zu gehen.

Als ich zurückkam und mir saubere Sachen angezogen hatte, fühlte ich mich schon viel wohler, obwohl ich mir das Sweatshirt, das ich nach einigem Kramen aus dem Schrank gefischt hatte, garantiert nicht selbst gekauft hätte. Überhaupt befanden sich da Sachen in meiner Kleiderauswahl, die den Schluss nahelegten, dass der, der sie ausgesucht hatte entweder farbenblind war, oder einen grottenschlechten Geschmack hatte. Es wurde höchste Zeit, dass ich mich selbst einkleidete, zumal auch die frische Unterwäsche zur Neige ging.

Ich beschloss also, am nächsten Tag nach der Arbeit ein Kaufhaus aufzusuchen und meine Scheckkarte auszuprobieren. Ich wusste zwar, was das war und wie man es benutzte, hatte aber noch nie selbst so etwas besessen, da wurde es Zeit, meinen Horizont entsprechend zu erweitern.

Während ich diese Pläne machte, inspizierte ich meine Vorräte, öffnete dann eine Dose Erbseneintopf mit Würstchen und erhitzte ihn der Einfachheit halber direkt in der Dose. Dann kippte ich mir die Mahlzeit in einen Teller und setzte mich damit vor den Fernseher. Ich zappte mich durch die verschiedenen Programme und blieb schliesslich bei einem billigen Actionkracher mit viel Geballer, wilden Verfolgungsjagden und eintönigen Dialogen hängen. Das war genau das Richtige an diesem Abend. Es tat mir ehrlich leid, als der Streifen zu Ende war und ich ausser Verbraucherratgebern und dämlichen Talkshows nichts mehr fand, was mich von meinen Gedanken ablenkte.

Seufzend schaltete ich die Glotze aus, stellte meinen Teller in die Spüle und legte mich ins Bett.

Kaum hatte ich das Licht gelöscht überfielen mich wieder die Erinnerungen.

Aber nicht nur die wenigen, die ich von Moritz hatte, sondern ich dachte auch an viele andere meiner Schützlinge vor ihm, bis hin zu den Anfängen meiner Karriere.

Je weiter ich in meiner Erinnerung zurückreiste, desto deutlicher wurden ihre Gesichter und umso mehr Einzelheiten konnte ich abrufen. Schon das war ein deutliches Zeichen dafür, wie ernst ich damals meine Aufgabe genommen hatte und mit welcher Begeisterung ich die mir anvertrauten Menschen begleitet hatte.

Wann und wo war mir das abhanden gekommen? Und wieso? Ich konnte mir die Fragen nicht beantworten und schlief darüber ein.

 

Im Laufe der nächsten Tage entwickelte sich allmählich so etwas wie ein Rhythmus zwischen Arbeit und Freizeit. Neben meiner Arbeit tat ich nicht allzu viel, ausser mit dem Fahrrad oder dem Bus in die Stadt zu fahren, falls ich etwas einkaufen musste, meistens kehrte ich aber gleich in mein Appartement zurück und hing vor dem Fernseher herum.

Louis hatte sich noch nicht wieder blicken lassen, offenbar war er wirklich gekränkt.

Okay – ich würde mich also bei ihm entschuldigen müssen, aber noch verspürte ich dazu nicht die geringste Lust und schob es darum vor mir her.

Auch Danael war noch nicht wieder aufgetaucht, doch er fehlte mir am allerwenigsten von allen.

Bei der täglichen Arbeit war ebenfalls so etwas wie Routine entstanden, auch wenn ich genau merkte, dass die Kinder mir nach wie vor ziemlich reserviert gegenüberstanden. Aber ich konnte nicht gerade behaupten, dass mich das störte. Meine Kolleginnen kannte ich inzwischen alle und irgendwie hatten sie mir gegenüber so etwas wie eine Art Mutterkomplex entwickelt. Die Geschichte von meinem Zusammenbruch hatte offenbar die Runde gemacht und auch wenn ich seither jeden Morgen ordentlich frühstückte, bevor ich zum Dienst fuhr und auf eine ausreichende Körperhygiene achtete, verging trotzdem kein Tag, an dem mir nicht mindestens eine Kollegin etwas zu essen anbot oder mich sonstwie begluckte.

Dabei waren sie zum Teil jünger als ich!

Solange das Wetter noch gut war, gingen wir täglich mit den Kindern spazieren oder ins Freigelände und bei diesen Gelegenheiten konnte ich es mir nicht verkneifen, in den Nachbargarten zu sehen, um nach Moritz Ausschau zu halten.

Einmal stand er mit Krücken auf dem Balkon und als er mich entdeckte, hob er grüssend die Hand.

Am nächsten Tag sass er wieder im Rollstuhl draussen im Garten. Ich arbeitete an diesem Tag mit Käthe zusammen, der ältesten meiner Kolleginnen und während sie Sandspielzeug ausgab, hatte ich meinen Beobachterposten in der Nähe des Zauns bezogen. Ich hatte dem Nachbargrundstück den Rücken zugewandt, nachdem ich kurz zu Moritz hinübergewunken hatte und erschrak deshalb leicht, als er mich plötzlich ansprach.

„Na, alles klar bei dir?“

Ruckartig fuhr ich herum. Angesichts meiner Reaktion erstarb das Grinsen auf seinem Gesicht und machte einem bitteren Ausdruck Platz.

„Tut mir leid – hat der Krüppel dich erschreckt?“ fragte er bissig und wollte sich abwenden.

„Nein, kein Krüppel, sondern du. Mensch ich hab´ dich einfach nicht kommen hören!“ sagte ich schnell und er sah misstrauisch zu mir hoch. Dann drehte er seinen Rollstuhl wieder in meine Richtung und versuchte ein schiefes Lächeln.

„Geschenkt. Vielleicht bin ich in letzter Zeit ein bisschen zu empfindlich, aber egal!“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Warum arbeitest du eigentlich hier?“

„Man muss ja von irgendwas leben.“ zuckte ich die Schultern und er lachte auf.

„Ja, schon. Aber – sei mir nicht böse – mit Kindern hast du doch eigentlich nicht viel am Hut, oder?“

Überrascht schaute ich ihn an.

„Woher willst du denn das wissen?“

„Ich hab´ viel Zeit und hier drüben bei euch ist fast immer irgendwas los, wenn die Kurzen draussen rumrennen. Deshalb bin ich oft zur gleichen Zeit draussen. Und wenn nicht, schaue ich durch das Fenster zu. Naja, und du stehst eigentlich immer nur hier und strahlst so eine Art „Sprich-mich-nicht-an-Aura“ aus. Die Kinder kommen auch so gut wie nie zu dir gelaufen, wenn sie was wollen, sondern gehen zu den Erzieherinnen.“

Erwartungsvoll blickte er mir ins Gesicht, doch ich schwieg. Was sollte ich ihm auch erzählen? Lügen durfte ich nicht und die Wahrheit konnte ich ihm nicht sagen. Ich zuckte also einmal mehr die Achseln und bemühte mich um ein unverbindliches Lächeln. „Naja, ...“ erwiderte ich schliesslich vage und kratzte mich am Kopf. „Ist ja auch egal.“ meinte er. „Geht mich schliesslich nichts an.“ Dann streckte er seine Hand über den Zaun.

„Ich heisse übrigens Moritz Fichtner.“

„Andreas Engel.“ Ich ergriff die angebotene Rechte und schüttelte sie.

Schweigen breitete sich aus und ich fühlte mich unbehaglich. Es schmerzte fast körperlich, mich davon abzuhalten, auf sein Bein zu starren, welches heute von keiner Wolldecke bedeckt war, sodass man den Stumpf auf den ersten Blick sehen konnte. „Übrigens nochmal danke wegen neulich.“ sagte ich schliesslich, nur um irgendetwas zu sagen.

„Gern geschehen.“ antwortete er. Dann kniff er die Augen zusammen und meinte: „Also, halt´ mich meinetwegen für verrückt, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass wir uns irgendwoher kennen. Kann das sein?“

Ich lachte nervös.

„Das kann ich mir nicht vorstellen.“ sagte ich schwach und innerlich leistete ich Abbitte für diese Lüge. Aber mir fiel nun mal gerade keine glaubwürdige Antwort ein.

Unter seinem scharfen Blick zog ich unwillkürlich den Kopf ein und atmete erleichtert auf, als er verkündete: „Wie auch immer, eigentlich wollte ich dich was anderes fragen. Ist das da drüben dein Rad?“ Er wies mit dem Finger auf meinen Drahtesel, der im Fahrradständer an der Hausecke steckte.

„Ja, wieso?“ Moritz lachte. „Woher hast du denn das gute Stück? Aus dem Antiquitätenladen? Hat der überhaupt schon Gangschaltung?“

Er hatte nicht unrecht, mit seinem Spott. Das Fahrrad hatte tatsächlich schon bessere Zeiten gesehen, vermutlich zu ungefähr dem Zeitpunkt, als die Dinosaurier noch auf der Erde herumstampften. Der schwere Rahmen war an einigen Stellen verrostet und es gab wirklich nur drei Gänge. „Hey, nun mach´ mal halblang!“ beschwichtigte ich ihn halbherzig. „Ich bin momentan ein bisschen klamm und den heissen Flitzer habe ich mit der Wohnung zusammen übernommen. Ist doch besser, als zu Fuss gehen oder den Bus bezahlen zu müssen, oder?“

Wider Willen musste ich grinsen, als ich das altersschwache Gefährt als heissen Flitzer bezeichnete und Moritz wollte sich ausschütten vor Lachen.

„Nee, also, das kann doch nicht dein Ernst sein, Mann!?“ Sein Lachen verstummte.

„Was hältst du davon, wenn ich dir mein eigenes Rad günstig überlasse?“

Schlagartig verging auch mir das Grinsen und ich spürte einen kalten Knoten im Magen.

„Dein eigenes Rad?“ echote ich etwas dümmlich und er nickte. „Ja, klar. Ich meine – sieh mich an. Sehe ich aus, als würde ich in absehbarer Zeit auf ein Fahrrad steigen? Und wenn es nur im Keller rumsteht, setzt es über kurz oder lang Rost an. Dafür ist es aber zu schade, ich hab´s erst vor drei Monaten gekauft und noch kaum gefahren. Eigentlich wollte ich ja mein altes Rad verkaufen,“ fuhr er fort, „aber das ist seit dem Unfall nur noch Schrott.“ Sein Gesicht wurde düster, als er das sagte, mein Herzschlag beschleunigte sich und ich spürte wieder die Zentnergewichte der Schuld auf meiner Brust. Dann jedoch schien er die trüben Gedanken abzuschütteln und hob lächelnd den Kopf. „Also, wenn du Interesse hast, komm´ doch nach der Arbeit mal rüber und schau´s dir an.

Es ist ein Bulls Desert Falcon. Im Handel kriegst du das nicht unter 1000 Euro, aber ich würde es dir für die Hälfte geben.“ Ich musste schlucken, als ich das hörte.

500 Euro für ein Fahrrad erschienen mir angesichts meiner momentanen Finanzlage absolut astronomisch. Trotzdem nickte ich und sagte:“Klar, ich komme gern mal vorbei und schau´s mir an. Ich habe gegen halb fünf Feierabend, passt es dir dann?“ Er grinste wieder breit.

„Kein Problem, Mann. Wo sollte ich denn schon gross hingehen mit meinem AOK-Chopper?“

Etwas unsicher erwiderte ich sein Grinsen und er fuhr wieder zurück ins Haus. Ich blieb mit meinen Gedanken allein zurück und schimpfte mich innerlich einen Vollidioten. Warum hatte ich mich jetzt darauf eingelassen? Ich hatte doch sowieso keine 500 Euro, also konnte ich mir dieses Bulls Eye oder wie das Ding hiess doch ohnehin nicht leisten! Wieso wollte ich dann trotzdem zu ihm gehen? Wollte ich unbedingt Salz in meine Wunden streuen, indem ich mir aus der Nähe ansah, wie er lebte und was er durch meine Schuld hatte aufgeben müssen?

Aber was auch immer der Grund war, ich hatte es gesagt und ich würde meine Zusage auch einhalten.

Plötzlich erschien die halb durchsichtige Silhouette eines schwarzhaarigen, jungen Mannes auf der anderen Seite des Zaunes, verfestigte sich und dann starrte ich in ein paar feindselige, dunkle Augen in einem finsteren Gesicht. Er trug eine schwarze, löchrige Jeans, ein rotes Shirt und darüber einen langen, schwarzen Mantel. In Augenbrauen und Lippen glänzten Piercings und die Füsse steckten in schwarzen Boots. Das Auffälligste an ihm waren jedoch die grossen, blendend weissen Flügel auf seinem Rücken.

Das musste Moritz´ neuer Schutzengel sein, wie hiess er noch gleich? Richtig – Sariel, das war der Name. „Lass´ Moritz in Ruhe!“ knurrte er und ich wich instinktiv einen Schritt zurück, so böse sah er mich an.

Gab es etwa neue Statuten bei den Schutzengeln, die ich noch nicht kannte?

Ich hatte jedenfalls nie irgendwelche Menschen eingeschüchtert, um sie von meinem Schützling fernzuhalten!

„He, sachte!“ Ich hob die Hand. „Was hast du für ein Problem?“ „Dich!“ Seine Augen funkelten wütend. „Du bist doch Schuld daran, dass Moritz jetzt einen Fuss weniger hat, oder nicht? Weitere Körperteile wird er deinetwegen nicht einbüssen, das schwöre ich dir!“

Damit hatte er meinen wunden Punkt getroffen und ich senkte beschämt den Blick.

„Woher kennst du mich?“ fragte ich ohne aufzusehen und er lachte freudlos.

„Ich weiss nicht, ob es unter den Schutzengeln überhaupt noch jemanden gibt, der dich nicht kennt! Du hast Mist gebaut und zwar gründlich! Anstatt auf Moritz aufzupassen, hast du dich in irgendeiner Spelunke vollaufen lassen und bist billigen Huren nachgestiegen! Wenn ich zu entscheiden gehabt hätte, wärst du nicht mit so einer läppischen Strafe davongekommen!...“ „Dann sind wir mal froh, dass du nicht zu entscheiden hattest, Sariel!“ ertönte da plötzlich die schneidende Stimme von Danael hinter mir.

Ich drehte mich um und riss erstaunt die Augen auf. Wohl um des grösseren Eindrucks willen zeigte er sich diesmal ebenfalls geflügelt und in seiner ganzen engelhaften Schönheit. Und gegen Sariel wirkte er tatsächlich wie eine überirdische Erscheinung. Hochaufgerichtet stand er da, ein sanfter Lichtschein umfloss ihn und wer genau hinsah, erkannte sogar die Andeutung eines Heiligenscheins über seinem Kopf.

Er musste in der Hierarchie also deutlich höher stehen, als gewöhnliche Schutzengel, denn die haben keinen. Sariel wich automatisch ein Stück zurück, während er ihn genau wie ich mit grossen Augen anstarrte.

„Lass´ Andreas zufrieden. Du weisst nicht genug über ihn, um dir ein Urteil erlauben zu dürfen. Und du bist zu jung, um die Entscheidungen des Gerichts anzuzweifeln! Geh´ lieber und kümmere dich um Moritz. Das ist deine Aufgabe!“ wies Danael ihn zurecht.

Ohne ein Wort des Widerspruchs warf der Schutzengel mir noch einen warnenden Blick zu und verschwand. „Danke.“ sagte ich leise. „Aber er hat ja recht. Der Unfall war

meine Schuld. Ich sollte mich von Moritz fernhalten. Das bin ich ihm schuldig.“

„Und was bist du dir selbst schuldig?“ fragte mich Danael mit sanfter Stimme. Überrascht sah ich in sein Gesicht. „Wieso? Was soll ich mir schuldig sein? Die ganze Sache ist doch wohl nur passiert, weil ich zuviel

an mich gedacht habe!“

„Nein! Du hast nur eine innere Leere verspürt und versucht sie zu füllen, indem du menschliche Vergnügungen gesucht hast. Das hat dich kurzfristig abgelenkt, und es wurde zu einer Art Droge für dich. Und wie bei jeder Droge wurde die Dosis, die du gebraucht hast, um den gleichen Effekt zu erzielen immer grösser. Und jetzt bist du sozusagen auf Entzug.“

Sein Blick war weich, als er das sagte und mir fehlten die Worte. Ich stand einfach nur da, liess seinen Anblick meine wunde Seele streicheln und fühlte, wie die Leere in meinem Herzen für einen Moment von seiner Liebe und Güte gefüllt wurde. Das war pure Engelsmagie in ihrer reinsten Form und ich badete mit Genuss darin. Doch der Zauber währte nicht lange, denn plötzlich wurde ich an der Jacke gezupft und eine Kinderstimme fragte:“Andreas, wer ist der fremde Mann? Und wieso hat er Flügel?“ Danael lächelte auf das Kind hinunter und auch ich senkte den Blick zu Torben, der mit grossen Augen neugierig auf den Engel starrte. „Warum fragst du ihn das nicht selbst?“ forderte ich ihn auf und der Kleine tat wie ihm geheissen.

„Bist du ein Engel?“ fragte er mit hoher Stimme und Unschuldsblick. Dieser kleine Charmeur!

Tat doch glatt, als könnte er kein Wässerchen trüben, dabei war er ein echter Rabauke, nach allem was ich bisher mitbekommen hatte. Rotzfrech und obercool, obwohl er erst knappe sechs Jahre alt war! Wenn es irgendwo Ärger gab, oder etwas zu Bruch ging, gab es zwei Dinge, deren man sich absolut sicher sein konnte: 1. Torben hatte seine Finger im Spiel

! und

2. Er war nirgends zu sehen

!

Es erschien mir erstaunlich genug, dass ausgerechnet er den Engel sehen konnte, denn er war ein richtiges Früchtchen, wie man so schön sagt, doch jetzt gerade sah er aus, wie Muttis Liebling, mit seinen blonden Locken und den grossen, blauen Augen. Danael beugte sich zu ihm hinunter und sah ihm in die Augen. „Ja, Torben, ich bin ein Engel.“

„Und was machst du mit Andreas? Der ist doch voll langweilig!“ insistierte der Knirps und knipste ein 1000Watt-Lächeln an, das jeden schleimigen Talkshowmoderator hätte vor Neid erblassen lassen.

„So langweilig ist er gar nicht." erwiderte Danael. "Er ist nur in letzter Zeit ziemlich traurig gewesen, weisst du. Deshalb hat er so selten Lust Spiele mit euch zu spielen. Aber vielleicht könnt ihr ihm ja helfen wieder fröhlich zu werden?“

Jetzt war der Pimpf interessiert.

„Wieso ist er denn so traurig? Hat ihn seine Freundin verlassen?“ fragte er altklug.

„Nein, das ist es nicht, Torben. Manchmal werden Menschen traurig, weil sie keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen und einsam sind. Das ist ein bisschen so, als hätten sie ein Loch in ihrem Herzen und alle schönen Gefühle fliessen durch dieses Loch nach draussen und sind weg. Das zu reparieren schafft man nicht allein, dazu braucht man Hilfe. Diesen Menschen muss man wieder beibringen, was am Leben schön ist und dass es andere Menschen gibt, die sie mögen und für sie da sind. So wie eure Eltern das mit euch machen. Sie lieben euch und zeigen es euch jeden Tag auf hundert verschiedene Arten. Sie nehmen euch in den Arm, sie trösten euch, wenn ihr euch weh getan habt und hören euch zu, wenn ihr euch mit euren Freunden gestritten oder etwas besonders Schönes erlebt habt." Zweifelnd sah der Junge zu Danael auf. „Sollen wir Andreas etwa auch in den Arm nehmen?“

Der Engel lachte:“Nur wenn ihr wollt!“

Er übersah geflissentlich meinen Gesichtsausdruck. „Aber für den Anfang wäre es doch eine gute Idee, wenn ihr versucht, ihn ein bisschen besser kennenzulernen, oder? Vielleicht erscheint er euch dann auch gar nicht mehr so langweilig, wer weiss?“

Torben drehte sich zu mir um, musterte mich mit schräg gelegtem Kopf und ich bemühte mich, nicht aus der Haut zu fahren. Wann hatte ich bitte schön jemals gesagt, dass ich mir engeren Kontakt zu den Kindern wünschte?

Wie konnte mir Danael das nur antun?

Der legte jetzt mit verschwörerischem Blinzeln einen Finger vor die Lippen und sagte zu dem Kind: „Aber das alles bleibt unser Geheimnis, okay? Ich bin sicher, dass ich mich da auf dich verlassen kann, nicht wahr?“

Torben nickte mit wichtiger Miene. „Klar, ich bin doch kein Baby mehr!“

Damit drehte er sich um und rannte davon. Ich sah ihm einen Moment lang nach und beschwerte mich dann bei Danael:“Was sollte das denn jetzt? Wann habe ich gesagt, dass ich einsam wäre und mir mehr Kontakt mit den Blagen wünsche? Nur damit du´s weisst – ich kann Kinder nicht ausstehen! Sie sind laut, nervig und schmutzig! Und sie tun so gut wie nie, was man ihnen sagt! Das habe ich während meiner Arbeit oft genug erlebt! Ich kann mir was Besseres vorstellen, als dass mir die Gören demnächst womöglich scharenweise am Rockzipfel hängen!“

Der Engel hörte sich meine Tirade ruhig an und meinte dann mit einem Zwinkern:“Tja, da habe ich dir dann wohl einen Bärendienst erwiesen. Das tut mir leid, Andreas. Dabei hatte ich es nur gut gemeint. Ich hoffe, du bist mir deswegen nicht böse?“ Konsterniert sah ich ihn an. Innerlich hatte ich mich auf einen theologisch-philosophischen Vortrag eingestellt und als er stattdessen meine Vorwürfe anstandslos akzeptierte und sich sogar entschuldigte, fiel mein Ärger wie ein Kartenhaus in sich zusammen. „Ähm, naja... eigentlich...!“ Ich sah mich plötzlich ausserstande meinen Zorn zu artikulieren.

Mit einem entschuldigenden Lächeln legte Danael mir die Hand auf die Schulter und seine Flügel und das überirdische Leuchten um seine Gestalt verschwanden. Gleich darauf sah er wieder aus wie ich ihn kannte, wie ein gewöhnlicher junger Mann. „Ich muss jetzt gehen, Andreas, du weisst ja, ich habe noch andere Kunden! Und wenn du heute Abend zu Moritz gehst, nimm dich ein bisschen vor Sariel in acht. Er ist etwas … übereifrig, glaube ich.“ Seine Gestalt wurde durchsichtig und im nächsten Augenblick war er verschwunden.

Ich starrte noch eine Weile auf die Stelle, wo er gestanden hatte und wusste nicht so recht, was ich von ihm halten sollte. Fast hätte ich den Eindruck gewinnen können, er mochte mich. Konnte das sein?

Bisher hatte ich immer geglaubt, für ihn sei ich nichts anderes als ein Fall wie jeder andere, für den er zuständig war. Musste ich meine Meinung etwa revidieren? „Andreas!!“ Käthes Stimme holte mich in die Realität zurück. Ich drehte mich um und beeilte mich, zu meiner Kollegin zu kommen. Sie wollte mit den Kindern zurück nach drinnen und brauchte meine Hilfe dabei.

Der Rest des Tages verging ohne Zwischenfälle und als der Feierabend herankam, begab ich mich mit meinem altersschwachen Fahrrad schiebenderweise zum Nachbargrundstück. Als ich an der Tür klingelte, wurde mir von einem untersetzten, älteren Mann geöffnet, Moritz´ Vater.

Er reichte mir die Hand und begrüsste mich freundlich. „Sie sind sicher der junge Mann, der wegen dem Fahrrad vorbeikommen wollte, nicht wahr? Ich bin Moritz´ Vater. Aber kommen Sie doch herein, bitte! Moritz!!! Dein Besuch ist da!!“ Er drehte sich in den Hausflur und rief nach seinem Sohn, der alsbald die Treppe auf der Rückseite der Diele heruntergehumpelt kam.

Es ging langsam, da er sich mit einer Hand am Treppengeländer festhielt und in der anderen seine Krücken trug, während er mit dem gesunden Fuss von Stufe zu Stufe hüpfte. Mir zog sich unwillkürlich das Herz zusammen, als ich das sah, denn ich erinnerte mich daran, wie Moritz ebendiese Stufen früher regelrecht heruntergestürmt war. Wieder schien die Schuld mich nieder zu drücken und ich hätte fast die Augen geschlossen, um das Elend nicht sehen zu müssen. Als Moritz den Fuss der Treppe erreicht hatte, nahm er eine Gehhilfe in jede Hand und kam lächelnd auf mich zu. „Hallo Andreas!“ Er reichte mir die Hand.

„Mein Vater war so nett, das Rad aus dem Keller zu holen. Dann brauche ich mich nicht die Stufen runter zu quälen.“ Ein Schatten flog über sein Gesicht, bevor er weitersprach. „Es steht hinter dem Haus. Sollen wir es uns gleich ansehen?“ Ich nickte und er wandte sich um. Sein Vater begleitete uns bis zur Hintertür und blieb dann stumm im Türrahmen stehen, während wir zu dem weissblauen Rennrad gingen und Moritz mir kurz ein paar Einzelheiten um die Ohren schlug, die sich zwar beeindruckend anhörten, mit denen ich aber nicht das Geringste anfangen konnte. „Da steht das gute Stück!“ Er legte die Hand beinahe zärtlich auf den Sattel. „Der Rahmen besteht aus superleichtem Aluminium, das Gesamtgewicht liegt unter neun Kilo. Schaltung und Bremsen Shimano Ultegra, Ladenpreis im Schnitt 1000 Euro. Na, was sagst du?“

Ich bemühte mich, eine Miene aufzusetzen, die fachmännische wirkte, ging um das Fahrrad herum und bückte mich, als wollte ich Bereifung und Schaltwerk in Augenschein nehmen, obwohl ich von der ganzen Materie ungefähr so viel Ahnung hatte, wie der Papst vom Kinderkriegen. Dabei überlegte ich die ganze Zeit, wie ich aus der Sache wieder rauskam.

Mit geschürzten Lippen nickte ich und sagte: „Schönes Bike, wirklich. Aber um ehrlich zu sein, Moritz, ich hab´ gerade keine 500 Euro. Also fürchte ich, aus dem Geschäft wird nichts, leider.“ Ich setzte eine bedauernde Miene auf, erhob mich aus der Hocke und schob die Hände in die Jackentaschen. „Also, wenn das das einzige Problem ist, dafür lässt sich doch eine Lösung finden, nicht wahr Moritz?“ mischte sich jetzt Herr Fichtner ein, der uns die ganze Zeit beobachtet hatte. Der Angesprochene nickte.

„Wenn du willst, kannst du mir den Kaufpreis auch abstottern. Mir geht’s ja nicht ums Geld, sondern darum, dass mein Baby nicht im Keller verrottet.“

Er sah mich fragend an und ich zermarterte mir das Hirn, was ich jetzt machen sollte.

Aber es war zu spät – ich hatte mich in eine Falle manövriert und zehn Minuten später war ich stolzer Besitzer eines Rennrades, für dass ich die nächsten zehn Monate alle vier Wochen fünfzig Euro abstottern musste.

Moritz schien hin und her gerissen zwischen der Freude, sein Rad losgeworden zu sein und der Bitterkeit des Verlustes. Herr Fichtner setzte einen handschriftlichen Vertrag auf und bot mir dann eine Tasse Kaffee an, um den Abschluss zu feiern, wie er sagte.

Als wir im Wohnzimmer vor den dampfenden Tassen sassen, kam auch Moritz´ Mutter herein und reichte mir lächelnd die Hand. „Sie sind also Herr Engel aus dem Kindergarten nebenan? Freut mich sehr. Gefällt ihnen das Rad? Moritz hat ja lange darauf gespart, aber ich finde er hat die richtige Entscheidung getroffen, dass er es verkauft. Bis er wieder radfahren darf wird noch viel Zeit vergehen, selbst mit Prothese und ob ein Rennrad dann gleich der richtige Einstieg ist, wer weiss? Jedenfalls ist es gut, wenn er nach vorn schaut und nicht immer nur daran denkt, was er verloren hat, nicht wahr?“

„Mama!“ Moritz hatte die Brauen zusammengezogen und schenkte ihr einen strafenden Blick. „Das will Andreas ganz sicher nicht wissen!“

„Aber warum denn nicht? Er kann doch deutlich sehen, dass du jetzt behindert bist!“

Ups – wie war die denn drauf?

Ich hatte Mühe, sie nicht erstaunt anzustarren. Moritz sagte nichts mehr, sondern schaute stumm in seine Kaffeetasse und sein Vater schien peinlich berührt. Plötzlich gab es eine Bewegung in einer der hinteren Zimmerecken, und ich drehte unwillkürlich den Kopf in die entsprechende Richtung. Sariel sass auf der Armlehne des Sofas und starrte mit funkelnden Augen und verschränkten Armen drohend zu mir herüber. Das war dann wohl der Wink für mich zu verschwinden. Ich trank also meinen Kaffee aus und erhob mich.

„Frau Fichtner, Herr Fichtner, Moritz, ich möchte nicht unhöflich erscheinen, aber ich habe schon genug Ihrer Zeit in Anspruch genommen. Wenn es Ihnen recht ist, lasse ich das Fahrrad heute noch bei ihnen und hole es morgen nach der Arbeit ab? Dann entrichte ich auch die erste Rate.“

Mein ehemaliger Schützling nickte und stand ebenfalls auf. „Warte, ich bring´ dich noch zur Tür.“ Es war offensichtlich, dass er der Atmosphäre im Wohnzimmer entfliehen wollte, daher wartete ich, bis er seine Krücken zur Hand genommen hatte und vor mir her zur Tür ging.

Auf dem Weg durch die Diele sagte keiner von uns ein Wort, erst als wir vor der offenen Haustür standen, reichte er mir die Hand und sagte:“Tut mir leid, meine Mutter meint, sie müsste mich abhärten, bevor ich wieder auf die Menschheit losgelassen werde. Aber manchmal merkt sie nicht, dass sie es ein bisschen übertreibt, gerade wenn fremde Leute dabei sind.“

Er lächelte ein bisschen schief und in seinen Augen war plötzlich alles zu lesen, was er sonst vermutlich sorgfältig verbarg. Der Schmerz und die Wut über den Verlust seines Beines und vor allem auch die Sehnsucht nach seinem alten unwiederbringlich verlorenen Leben, die Tatsache, dass er noch längst nicht soweit war, sich mit seiner Behinderung abzufinden, sondern noch heftig um seine innere Mitte kämpfte, der Hass auf sich selbst, dass sein Körper ihm derart den Gehorsam verweigerte und der Hass auf die Menschen um ihn herum, weil sie zwei gesunde Beine hatten und es nicht zu schätzen wussten.

Warum ich

?

Die Frage hätte nicht deutlicher in seinem Gesicht zu lesen sein können, wenn er sie sich in grossen Lettern auf die Stirn geschrieben hätte.

Das war zuviel für mich. Ich krümmte mich unter der Wucht meiner Schuld und Moritz sah mich erstaunt an, als ich mit gesenktem Kopf stammelte:“Es tut mir leid, Moritz. Es tut mir so furchtbar leid! Bitte verzeih´ mir!“

Er sah mich verständnislos an und fragte verwirrt:“Was tut dir leid?“ „Das mit deinem Fuss, ich ...“

Weiter kam ich nicht, denn im Gang hinter ihm tauchte die Silhouette von Sariel auf. Ich versuchte, mich zusammenzureissen, doch Moritz wirkte noch immer irritiert.

„Okay, Mann, aber - damit hast du doch nichts zu tun! Dafür brauchst du

dich doch nicht zu entschuldigen!“

Den Blick weiter auf seinen Schutzengel gerichtet, straffte ich mühsam den Rücken und murmelte: „Ich schätze, ich bin ein bisschen fertig nach meinem Arbeitstag. Ich sollte jetzt wirklich gehen.“

Meinen Worten zum Trotz blieb ich noch stehen, weil ich irgendwie das Gefühl hatte, er wollte noch etwas sagen. Im Hintergrund rückte Sariel ein Stück näher und ich spürte seine Feindseligkeit, die von ihm ausstrahlte wie eisige Böen. „Ich bin eigentlich selbst Schuld.“ hörte ich Moritz plötzlich leise sagen und hielt den Atem an.

Sprach er von seinem Unfall?

„Es hat geregnet an dem Nachmittag und ich war viel zu schnell unterwegs. In einer Kurve bin ich dann weggerutscht und gestürzt. Das Letzte, woran ich mich erinnere ist, wie das Auto auf mich zurast und ich merke, dass das Rad unter mir ausbricht. Danach ist alles dunkel. Als ich im Krankenhaus wach geworden bin, war mein Bein weg und die Ärzte haben mir gesagt, ich wäre damit unter die Leitplanke geraten und hätte es mir abgetrennt. Leider ist es auf die Strasse gerollt und unter den Reifen eines LKWs zerquetscht worden. Sonst hätten sie es mir vielleicht sogar wieder annähen können.“

Er sah zur Seite und ich bemerkte, dass ihm eine Träne über die Wange rollte. Mit einer ärgerlichen Geste wischte er sie weg und sagte sarkastisch: „Oh Mann, jetzt löse ich mich hier auch noch auf! Ich weiss gar nicht, warum ich dir das überhaupt erzähle und dich mit meinen Problemen belaste. Vergiss es einfach, okay?“ Er machte Anstalten, ins Innere des Hauses zurückzukehren, doch einer spontanen Eingebung folgend hielt ich ihn zurück und schloss ihn in meine Arme.

Einen Augenblick lang wirkte er erschrocken und lag stocksteif in meinem Arm, doch dann spürte ich, wie er sich entspannte, sich an mich drückte und zu weinen begann.

Nachdem der Damm erst einmal gebrochen war, schien ein regelrechter Sturzbach aus ihm heraus zu strömen. Er schlang die Arme um meinen Rücken, klammerte sich an mich und schluchzte wie ein kleines Kind.

Seine Krücken fielen klappernd zu Boden und im Hintergrund tauchte Vater Fichtner aus der Tür auf. Als er uns so da stehen sah, kam er eilig herbeigeeilt und seinem Gesicht und den verdächtig glänzenden Augen war anzusehen, dass er am liebsten ebenfalls geweint hätte. Bei uns angelangt, legte er behutsam den Arm um seinen Sohn und löste seine Finger von mir. „Komm` mein Junge, komm´ her.“ redete er ihm leise zu. Dann hob er eine Krücke auf, drückte sie ihm in die Hand und führte den immer noch Weinenden durch die Diele zurück ins Haus und die Treppe hinauf.

Ich blieb mit nassgeweintem Pullover und einem dicken Kloss in der Kehle in der immer noch geöffneten Haustür stehen und sah ihnen nach.

Da schob sich Sariel aus dem Hintergrund und schritt auf mich zu. Bei mir angekommen, musterte er mich mit einem abschätzenden Blick.

„Reife Leistung, Ezekiel!“

Ich verzog das Gesicht. „Auf deine Häme kann ich verzichten!“ Er schüttelte den Kopf. „Das war keine Häme, auch wenn ich wünschte, es wäre so! Moritz hat seit dem Unfall noch kein einziges Mal geweint. Er hat immer nur versucht, stark zu sein, um es den Menschen in seiner Umgebung so leicht wie möglich zu machen. Ich kann dich immer noch nicht leiden, Ezekiel, aber das war auf jeden Fall ein Fortschritt für ihn!“

Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich um und ging zur Treppe. Auf dem Weg dorthin wurde er durchsichtig und war gleich darauf verschwunden.

Was hatte er da gerade gesagt?

Moritz hatte seit dem Unfall noch kein einziges Mal geweint? Das war schlicht unvorstellbar. Er musste über eine immense innere Stärke verfügen, wenn das stimmte.

Und es musste schon stimmen, wenn Sariel es sagte. Er war schliesslich Tag und Nacht in seiner Nähe. Angesichts dessen erschien mir meine eigene Schwäche doppelt verwerflich. Ich liess den Kopf hängen, bückte mich und stellte den einzeln zurückgebliebenen Gehstock in die Ecke hinter der Haustür. Anschliessend zog ich die Tür zu, trottete durch den Vorgarten und schwang mich auf mein klappriges, altes Fahrrad, welches von innen an den Zaun gelehnt auf mich gewartet hatte. Während ich nach Hause fuhr, bezog sich der Himmel mit dicken, bleigrauen Wolken und als ich in meiner Wohnung angekommen war und aus dem Fenster sah, begann es in grossen, federleichten Flocken zu schneien.

Obwohl ich hungrig war, warf ich mich auf mein Bett, verschränkte die Hände unter dem Kopf und starrte an die Decke, während ich noch immer Moritz´ Hände spürte, wie sie sich in meinen Pullover krallten und das Beben seines Körpers noch immer sein Echo in mir fand.

So viel Verzweiflung!

So viel Angst, Schmerz und Bitterkeit in einem einzigen Menschen! Wie sollte er da allein wieder herausfinden? Ich schloss die Augen und in meinem Geist tanzten Bilder von Moritz vor und nach dem Unfall.

Hatte er denn keine Freunde?

Ich zermarterte mir das Hirn und versuchte mich zu erinnern. Aber alles was ich fand, waren Schulfreunde, Jungen und Mädchen, die sein Leben geteilt hatten, solange er noch ein Jugendlicher war. Ich wusste einfach nicht, ob es ausser den Eltern Menschen in seinem Leben gab, mit denen er seine Sorgen und seine Freuden teilte, mit denen er lachte und vielleicht auch weinte, mit denen er ins Kino ging, in eine Kneipe oder ein Popkonzert. Ich hatte schlichtweg keine Ahnung, weil ich mich nicht dafür interessiert hatte, als noch Zeit dafür gewesen wäre. Mein Gesicht brannte vor Scham bei diesem Gedanken, doch gleichzeitig reifte ein Entschluss in mir: Ich konnte zwar den Unfall nicht ungeschehen machen und ihm auch sein Bein nicht wiedergeben, aber ich konnte versuchen, für ihn da zu sein! Und wenn er wider Erwarten tatsächlich niemanden sonst hatte, konnte ich vielleicht sein Freund werden, seine Tränen aushalten und seine Wut. Konnte ihm vielleicht helfen, bei dem Versuch, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen!

Ich setzte mich auf.

Konnte ich auf diese Weise nicht auch mein eigenes menschliches Dasein wieder unter Kontrolle bekommen? Indem ich ihm einen Sinn gab?

Einen Sinn der nicht darin bestand, einfach nur irgendwie zu überleben, hin und her gerissen zwischen dem Wunsch nach dem nächsten Drink, der nächsten Kippe, der nächsten willigen Frau und der Sehnsucht nach Begreifen, nach Erfüllung, Ruhe und innerem Frieden?

Es war einen Versuch wert, fand ich.

Und wenn ich schon gerade dabei war, gab es da doch noch etwas, was ich besser nicht mehr auf die lange Bank schieben sollte, nämlich die Sache mit Louis!

Das zu klären schien mir ein guter Anfang zu sein. Seufzend stand ich auf, strich meine Kleider glatt und griff nach dem Wohnungsschlüssel.

Eine knappe Minute später stand ich im Gang vor einer Tür, neben der ein Schild verkündete, dass hier ein gewisser L. Levin

wohnte. Nach Louis´ Beschreibung und der Beschriftung musste ich hier richtig sein.

Einen Moment zögerte ich noch, dann drückte ich entschlossen auf den Klingelknopf.

Es surrte im Inneren des Appartements, doch danach blieb es eine ganze Weile still und ich dachte schon, es wäre niemand zuhause. Plötzlich jedoch verdunkelte sich der Türspion und gleich darauf wurde geöffnet.

„Andreas?“ Louis stand in Boxershorts und T-Shirt mit verstrubbelten Haaren auf der Türschwelle und sah mich aus seinen blauen Augen erstaunt an. Ich lächelte verlegen.

„Darf ich kurz reinkommen?“

Er trat zur Seite und machte stumm eine einladende Geste. Seine Wohnung war das Gegenstück zu meiner, wie ich feststellte, doch war sie völlig anders eingerichtet.

Die Wände des Wohnzimmers und des Flurs waren mit Postern, Bildern und allem möglichen Schnickschnack buchstäblich tapeziert, sodass das dunkle Rot der Wandfarbe kaum noch zu sehen war. Neben der Tür zum Wohn/Schlafraum stand sein Bett an der Wand und ich registrierte am Rande, dass es keine einfache Schlafcouch war, wie bei mir, sondern ein breites Doppelbett, dessen Bettzeug zerwühlt halb auf dem Boden hing.

Direkt gegenüber standen ein Fernseher und eine Stereoanlage, CDs und DVDs lagen in unordentlichen Haufen auf dem verkrümelten, purpurfarbenen Teppichboden und eine angebrochene Flasche mit grün schillerndem Inhalt stand auf einem kleinen, fleckigen Couchtisch. Bei näherem Hinsehen erkannte ich, dass es sich um Absinth handelte. Daneben stand ein Glas mit einem speziellen Absinthlöffel, eine kleine Wasserkaraffe und eine Packung Zuckerwürfel.

Dieses Getränk hatte ich im 19. Jahrhundert öfters gesehen, aber selbst nie probiert.

Ich wusste lediglich, dass es sich um einen bitteren Kräuterlikör handelte, der wegen des hohen Alkoholgehaltes von teilweise über 80% grundsätzlich mit Wasser verdünnt getrunken werden sollte. Nachdem er lange Zeit verboten war, kam er in den letzten Jahren wieder zunehmend in Mode.

Offenbar auch bei meinem Nachbarn.

Im Gegensatz zum restlichen Raum war die Küchenzeile sauber und wirkte unbenutzt.

„Was kann ich für dich tun?“ unterbrach Louis meine Inspektion und ich drehte mich zu ihm um.

Er wirkte etwas benommen, so als hätte ich ihn gerade aus dem Bett geholt und ich kam nicht umhin mich zu fragen, wann er vergangene Nacht nach Hause gekommen war. Immerhin war es früher Abend und bereits stockdunkel.

Als hätte er meine Gedanken gelesen, gähnte er und fuhr sich mit den Fingern durch seine schwarzen Locken, dass sie noch wilder in alle Richtungen abstanden.

„Tut mir leid, ich bin noch nicht ganz da.“ sagte er. „Ich war auf einer Megaparty letzte Nacht und bin erst heute Morgen um sieben nach Hause gekommen.“ Plötzlich warf er mir einen verschmitzten Blick zu. „Du hättest mitkommen sollen! Wer weiss, vielleicht hätte es dir gefallen?“

Er kicherte leise und bückte sich, um sein Bettzeug aufzuheben. „Naja,“ ich druckste ein bisschen herum, gab mir aber dann einen Ruck, „ich wollte mich eigentlich nur bei dir entschuldigen. Mein Benehmen letztes Mal war wirklich nicht in Ordnung. Also, was ich sagen wollte – es tut mir echt leid.“

Weiter: Teil 3 von 3