Der junge Gelehrte
The Project Gutenberg eBook of Der junge Gelehrte: Ein Lustspiel in drei Aufzügen
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Lisette. Gehen Sie nur voran; ich muß noch hier verziehen, um meinem jungen Gelehrten—
Valer. Er wird vielleicht schon unten bei dem Vater sein.
Lisette. Wir müssen uns alleine sprechen. Gehen Sie nur! Sie haben ihn doch wohl noch nicht gesprochen?
Valer. Was wollte ich nicht darum geben, wenn ich es ganz und gar überhoben sein könnte! Seinetwegen würde ich dieses Haus fliehen, ärger als ein Tollhaus, wenn nicht ein angenehmerer Gegenstand—
Lisette. So gehen Sie doch, und lassen Sie den angenehmern Gegenstand nicht länger auf sich warten.
(Valer geht ab.)
Dritter Auftritt
Anton. Lisette.
Anton. Nu? was will die! in meines Herrn Studierstube? Jetzt ging Valer heraus; vor einer Weile Juliane; und du bist noch da? Ich glaube gar, ihr habt eure Zusammenkünfte hier. Warte, Lisette! das will ich meinem Herrn sagen. Ich will mich schon rächen; noch für das Gestrige; besinnst du dich?
Lisette. Ich glaube, du keifst? Was willst du mit deinem Gestrigen?
Anton. Eine Maulschelle vergißt sich wohl bei dem leicht, der sie gibt, aber der, dem die Zähne davon gewackelt haben, der denkt eine Zeitlang daran. Warte nur! warte!
Lisette. Wer heißt dich, mich küssen?
Anton. Potz Stern, wie gemein würden die Maulschellen sein; wenn alle die welche bekommen sollten, die euch küssen wollen.—Jetzt soll dich mein Herr dafür wacker—
Lisette. Dein Herr? der wird mir nicht viel tun.
Anton. Nicht? Wievielmal hat er es nicht gesagt, daß so ein heiliger Ort, als eine Studierstube ist, von euch unreinen Geschöpfen nicht müsse entheiliget werden? Der Gott der Gelehrsamkeit—warte, wie nennt er ihn?—Apollo—könne kein Weibsbild leiden. Schon der Geruch davon wäre ihm zuwider. Er fliehe davor wie der Stößer vor den Tauben. —Und du denkst, mein Herr würde es so mit ansehen, daß du ihm den lieben Gott von der Stube treibest?
Lisette. Ich glaube gar, du Narre denkst, der liebe Gott sei nur bei euch Mannspersonen? Schweig, oder—
Anton. Ja, so eine wie gestern vielleicht?
Lisette. Noch eine beßre! der Pinsel hätte gestern mehr als eine verdient. Er kömmt zu mir; es ist finster; er will mich küssen; ich stoße ihn zurück, er kömmt wieder; ich schlage ihn aufs Maul, es tut ihm weh; er läßt nach; er schimpft; er geht fort—Ich möchte dir gleich noch eine geben, wenn ich daran gedenke.
Anton. Ich hätte es also wohl abwarten sollen, wie oft du deine
Karesse hättest wiederholen wollen?
Lisette. Gesetzt, es wären noch einige gefolgt, so würden sie doch immer schwächer und schwächer geworden sein. Vielleicht hätten sich die letztern gar—doch so ein dummer Teufel verdient nichts.
Anton. Was hör ich? ist das dein Ernst, Lisette? Bald hätte ich Lust, die Maulschelle zu vergessen und mich wieder mit dir zu vertragen.
Lisette. Halte es, wie du willst. Was ist mir jetzt an deiner Gunst gelegen? Ich habe ganz ein ander Wildbret auf der Spur.
Anton. Ein anders? au weh, Lisette! Das war wieder eine Ohrfeige, die ich so bald nicht vergessen werde! Ein anders? Ich dächte, du hättest an einem genug, das dir selbst ins Netz gelaufen ist.
Lisette. Und drum eben ist nichts dran.—Aber sage mir, wo bleibt dein Herr?
Anton. Danke du Gott, daß er so lange bleibt; und mache, daß du hier fortkömmst. Wann er dich trifft, so bist du in Gefahr, herausgeprügelt zu werden.
Lisette. Dafür laß mich sorgen! Wo ist er denn? ist er von der Post noch nicht wieder zurück?
Anton. Woher weißt du denn, daß er auf die Post gegangen ist?
Lisette. Genug, ich weiß es. Er wollte dich erst schicken. Aber wie kam es denn, daß er selbst ging? Ha! ha! ha! "Es ist mit dem Schlingel nichts anzufangen." Wahrhaftig, das Lob macht mich ganz verliebt in dich.
Anton. Wer Henker muß dir das gesagt haben?
Lisette. O niemand; sage mir nur, ist er wieder da?
Anton. Schon längst; unten ist er bei seinem Vater.
Lisette. Und was machen sie miteinander?
Anton. Was sie machen? sie zanken sich.
Lisette. Der Sohn will gewiß den Vater von seiner Geschicklichkeit überführen?
Anton. Ohne Zweifel muß es so etwas sein. Damis ist ganz außer sich: er läßt den Alten kein Wort aufbringen: er rechnet ihm tausend Bücher her, die er gesehen; tausend, die er gelesen hat; andere tausend, die er schreiben will, und hundert kleine Bücherchen, die er schon geschrieben hat. Bald nennt er ein Dutzend Professores, die ihm sein Lob schriftlich, mit untergedrucktem Siegel, nicht umsonst, gegeben hätten; bald ein Dutzend Zeitungsschreiber, die eine vortreffliche Posaune für einen jungen Gelehrten sind, wenn man ein silbernes Mundstück darauf steckt; bald ein Dutzend Journalisten, die ihn alle zu ihrem Mitarbeiter flehentlich erbeten haben. Der Vater sieht ganz erstaunt; er ist um die Gesundheit seines Sohnes besorgt; er ruft einmal über das andre: Sohn, erhitze dich doch nicht so! schone deine Lunge! ja doch, ich glaub es! gib dich zufrieden! es war so nicht gemeint!
Lisette. Und Damis?—
Anton. Und Damis läßt nicht nach. Endlich greift sich der Vater an; er überschreit ihn mit Gewalt und besänftiget ihn mit einer Menge solcher Lobsprüche, die in der Welt niemand verdient hat, verdient, noch verdienen wird. Nun wird der Sohn wieder vernünftig, und nun—ja nun schreiten sie zu einem andern Punkte, zu einer andern Sache,—zu—
Lisette. Wozu denn?
Anton. Gott sei Dank, mein Maul kann schweigen!
Lisette. Du willst mir es nicht sagen?
Anton. Nimmermehr! ich bin zwar sonst ein schlechter Kerl; aber wenn es auf die Verschwiegenheit ankömmt—
Lisette. Lerne ich dich so kennen?
Anton. Ich dächte, das sollte dir lieb sein, daß ich schweigen kann; und besonders von Heiratssachen oder was dem anhängig ist—
Lisette. Weißt du nichts mehr? O das habe ich längst gewußt.
Anton. Wie schön sie mich über den Tölpel stoßen will. Also wäre es ja nicht nötig, daß ich dir es sagte?—
Lisette. Freilich nicht! aber mich für dein schelmisches Mißtrauen zu rächen, weiß ich schon, was ich tun will. Du sollst es gewiß nicht mehr wagen, gegen ein Mädchen von meiner Profession verschwiegen zu sein! Besinnst du dich, wie du von deinem Herrn vor kurzem gesprochen hast?
Anton. Besinnen? ein Mann, der in Geschäften sitzt, der einen Tag lang so viel zu reden hat wie ich, soll sich der auf allen Bettel besinnen?
Lisette. Seinen Herrn verleumden, ist etwas mehr, sollte ich meinen.
Anton. Was? verleumden?
Lisette. Ha, ha! Herr Mann, der in Geschäften sitzt, besinnen Sie sich nun? Was haben Sie vorhin gegen seinen Vater von ihm geredt?
Anton. Das Mädel muß den Teufel haben, oder der verzweifelten Alte hat geplaudert. Aber höre, Lisette, weißt du es gewiß, was ich gesagt habe? Was war es denn? Laß einmal hören.
Lisette. Du sollst alles hören, wenn ich es deinem Herrn erzählen werde.
Anton. O wahrhaftig, ich glaube, du machst Ernst daraus. Du wirst mir doch meinen Kredit bei meinem Herrn nicht verderben wollen? Wenn du wirklich etwas weißt, so sei keine Närrin!—Daß ihr Weibsvolk doch niemals Spaß versteht! Ich habe dir eine Ohrfeige vergeben, und du willst dich, einer kleinen Neckerei wegen, rächen? Ich will dir ja alles sagen.
Lisette. Nun so sage—
Anton. Aber du sagst doch nichts?—
Lisette. Je mehr du sagen wirst, je weniger werde ich sagen.
Anton. Was wird es sonst viel sein, als daß der Vater dem Sohne nochmals die Heirat mit Julianen vorschlug? Damis schien ganz aufmerksam zu sein, und—weiter kann ich dir nichts sagen.
Lisette. Weiter nichts? Gut, gut, dein Herr soll alles erfahren.
Anton. Um des Himmels willen, Lisette; ich will dir es nur gestehn.
Lisette. Nun so gesteh!
Anton. Ich will dir es nur gestehen, daß ich wahrhaftig nichts mehr gehört habe. Ich wurde eben weggeschickt. Nun weißt du wohl, wenn man nicht zugegen ist, so kann man nicht viel hören—
Lisette. Das versteht sich. Aber was meinst du, wird Damis sich dazu entschlossen haben?
Anton. Wenn er sich noch nicht dazu entschlossen hat, so will ich mein Äußerstes anwenden, daß er es noch tut. Ich soll für meine Mühe bezahlt werden, Lisette; und du weißt wohl, wenn ich bezahlt werde, daß alsdenn auch du—
Lisette. Ja, ja, auch ich verspreche dir's; du sollst redlich bezahlt werden!—Unterstehe dich!—
Anton. Wie?
Lisette. Habe einmal das Herz!—
Anton. Was?
Lisette. Dummkopf! meine Jungfer will deinen Damis nicht haben—
Anton. Was tut das?—
Lisette. Folglich ist mein Wille, daß er sie auch nicht bekommen soll.
Anton. Folglich, wenn sie mein Herr wird haben wollen, so wird mein
Wille sein müssen, daß er sie bekommen soll.
Lisette. Höre doch! du willst mein Mann werden und einen Willen für dich haben? Bürschchen, das laß dir nicht einkommen! Dein Wille muß mein Wille sein, oder—
Anton. St! potz Element! er kömmt; hörst du? er kömmt! Nun sieh ja, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat. Verstecke dich wenigstens; verstecke dich! Er bringt sonst mich und dich um.
Lisette (beiseite). Halt, ich will beide betrügen!—Wo denn aber hin? wohin? in das Kabinett?
Anton. Ja, ja, nur unterdessen hinein. Vielleicht geht er bald wieder fort.—Und ich, ich will mich geschwind hieher setzen—(Er setzt sich an den Tisch, nimmt ein Buch in die Hand und tut, als ob er den Damis nicht gewahr würde.)
Vierter Auftritt
Anton. Damis.
Anton (vor sich). Ja, die Gelehrten—wie glücklich sind die Leute nicht!—Ist mein Vater nicht ein Esel gewesen, daß er mich nicht auch auf ihre Profession getan hat! Zum Henker, was muß es für eine Lust sein, wenn man alles in der Welt weiß, so wie mein Herr!—Potz Stern, die Bücher alle zu verstehn!—Wenn man nur darunter sitzt, man mag darin lesen oder nicht, so ist man schon ein ganz andrer Mensch!—Ich fühl's, wahrhaftig ich fühl's, der Verstand duftet mir recht daraus entgegen.—Gewiß, er hat recht; ohne die Gelehrsamkeit ist man nichts als eine Bestie.—Ich dumme Bestie!—(Beiseite.) Nun, wie lange wird er mich noch schimpfen lassen?—Wir sind doch närrisch gepaaret, ich und mein Herr!—Er gibt dem Gelehrtesten und ich dem Ungelehrtesten nichts nach.—Ich will auch noch heute anfangen zu lesen.—Wenn ich ein Loch von achtzig Jahren in die Welt lebe, so kann ich schon noch ein ganzer Kerl werden.—Nur frisch angefangen! Da sind Bücher genug! —Ich will mir das kleinste aussuchen; denn anfangs muß man sich nicht übernehmen.—Ha! da finde ich ein allerliebstes Büchelchen.—In so einem muß es sich mit Lust studieren lassen.—Nur frisch angefangen, Anton!—Es wird doch gleichviel sein, ob hinten oder vorne?—Wahrhaftig, es wäre eine Schande für meinen so erstaunlich, so erschrecklich, so abscheulich gelehrten Herrn, wenn er länger einen so dummen Bedienten haben sollte—
Damis (indem er sich ihm vollends nähert). Ja freilich wäre es eine
Schande für ihn.
Anton. Hilf Himmel! mein Herr—
Damis. Erschrick nur nicht! Ich habe alles gehört—
Anton. Sie haben alles gehört?—ich bitte tausendmal um Verzeihung, wenn ich etwas Unrechtes gesprochen habe.—Ich war so eingenommen, so eingenommen von der Schönheit der Gelehrsamkeit—verzeihen Sie mir meinen dummen Streich—, daß ich selbst noch gelehrt werden wollte.
Damis. Schimpfe doch nicht selbst den klügsten Einfall, den du zeitlebens gehabt hast.
Anton. Vor zwanzig Jahren möchte er klug genug gewesen sein.
Damis. Glaube mir, noch bist du zu den Wissenschaften nicht zu alt. Wir können in unsrer Republik schon mehrere aufweisen, die sich gleichfalls den Musen nicht eher in die Arme geworfen haben.
Anton. Nicht in die Arme allein, ich will mich ihnen in den Schoß werfen.—Aber in welcher Stadt sind die Leute?
Damis. In welcher Stadt?
Anton. Ja; ich muß hin, sie kennenzulernen. Sie müssen mir sagen, wie sie es angefangen haben.—
Damis. Was willst du mit der Stadt?
Anton. Sie denken etwa, ich weiß nicht, was eine Republik ist?—Sachsen, zum Exempel—Und eine Republik hat ja mehr wie eine Stadt? nicht?
Damis. Was für ein Idiote! Ich rede von der Republik der Gelehrten.
Was geht uns Gelehrten Sachsen, was Deutschland, was Europa an? Ein
Gelehrter, wie ich bin, ist für die ganze Welt; er ist ein Kosmopolit:
er ist eine Sonne, die den ganzen Erdball erleuchten muß—
Anton. Aber sie muß doch wo liegen, die Republik der Gelehrten.
Damis. Wo liegen? dummer Teufel! die gelehrte Republik ist überall.
Anton. Überall? und also ist sie mit der Republik der Narren an einem Orte? Die, hat man mir gesagt, ist auch überall.
Damis. Ja freilich sind die Narren und die Klugen, die Gelehrten und die Ungelehrten überall untermengt, und zwar so, daß die letztern immer den größten Teil ausmachen. Du kannst es an unserm Hause sehen. Mit wieviel Toren und Unwissenden findest du mich nicht hier umgeben? Einige davon wissen nichts, und wissen es, daß sie nichts wissen. Unter diese gehörst du. Sie wollten aber doch gern etwas lernen, und deswegen sind sie noch die erträglichsten. Andre wissen nichts und wollen auch nichts wissen; sie halten sich bei ihrer Unwissenheit für glücklich; sie scheuen das Licht der Gelehrsamkeit—
Anton. Das Eulengeschlecht!
Damis. Noch andre aber wissen nichts und glauben doch etwas zu wissen; sie haben nichts, gar nichts gelernt, und wollen doch den Schein haben, als hätten sie etwas gelernt. Und diese sind die allerunerträglichsten Narren, worunter, die Wahrheit zu bekennen, auch mein Vater gehört.
Anton. Sie werden doch Ihren Vater, bedenken Sie doch, Ihren Vater, nicht zu einem Erznarren machen?
Damis. Lerne distinguieren! Ich schimpfe meinen Vater nicht, insofern er mein Vater ist, sondern insofern ich ihn als einen betrachten kann, der den Schein der Gelehrsamkeit unverdienterweise an sich reißen will. Insofern verdient er meinen Unwillen. Ich habe es ihm schon oft zu verstehen gegeben, wie ärgerlich er mir ist, wenn er, als ein Kaufmann, als ein Mann, der nichts mehr als gute und schlechte Waren, gutes und falsches Geld kennen darf und höchstens das letzte für das erste wegzugeben wissen soll; wenn der, sage ich, mit seinen Schulbrocken, bei welchen ich doch noch immer etwas erinnern muß, so prahlen will. In dieser Absicht ist er ein Narr, er mag mein Vater sein, oder nicht.
Anton. Schade! ewig schade! daß ich das insofern und in Absicht nicht als ein Junge gewußt habe. Mein Vater hätte mir gewiß nicht so viel Prügel umsonst geben sollen. Er hätte sie alle richtig wiederbekommen; nicht insofern als mein Vater, sondern insofern als einer, der mich zuerst geschlagen hätte. Es lebe die Gelehrsamkeit!—
Damis. Halt! ich besinne mich auf einen Grundsatz des natürlichen
Rechts, der diesem Gedanken vortrefflich zustatten kömmt. Ich muß
doch den Hobbes nachsehen!—Geduld! daraus will ich gewiß eine schöne
Schrift machen!
Anton. Um zu beweisen, daß man seinen Vater wiederprügeln dürfe?—
Damis. Certo respectu allerdings. Nur muß man sich wohl in acht nehmen, daß man, wenn man ihn schlägt, nicht den Vater, sondern den Aggressor zu schlagen sich einbildet; denn sonst—
Anton. Aggressor? Was ist das für ein Ding?
Damis. So heißt der, welcher ausschlägt—
Anton. Ha, ha! nun versteh ich's. Zum Exempel; Ihnen, mein Herr, stieße wieder einmal eine kleine gelehrte Raserei zu, die sich meinem Buckel durch eine Tracht Schläge empfindlich machte: so wären Sie—wie heißt es?—der Aggressor; und ich, ich würde berechtiget sein, mich über den Aggressor zu erbarmen, und ihm—
Damis. Kerl, du bist toll!—
Anton. Sorgen Sie nicht; ich wollte meine Gedanken schon so zu richten wissen, daß der Herr unterdessen beiseite geschafft würde—
Damis. Nun wahrhaftig, das wäre ein merkwürdiges Exempel, in was für verderbliche Irrtümer man verfallen kann, wenn man nicht weiß, aus welcher Disziplin diese oder jene Wahrheit zu entscheiden ist. Die Prügel, die ein Bedienter von seinem Herrn bekommt, gehören nicht in das Recht der Natur, sondern in das bürgerliche Recht. Wenn sich ein Bedienter vermietet, so vermietet er auch seinen Buckel mit. Diesen Grundsatz merke dir.
Anton. Aus dem bürgerlichen Rechte ist er? O das muß ein garstiges Recht sein. Aber ich sehe es nun schon! die verzweifelte Gelehrsamkeit, sie kann ebenso leicht zu Prügeln verhelfen als dafür schützen. Was wollte ich nicht darum geben, wenn ich mich auf alle ihre wächserne Nasen so gut verstünde als Sie—O Herr Damis, erbarmen Sie sich meiner Dummheit!
Damis. Nun wohl, wenn es dein Ernst ist, so greife das Werk an. Es erfreut mich, der Gelehrsamkeit durch mein Exempel einen Proselyten gemacht zu haben. Ich will dich redlich mit meinem Rate und meinen Lehren unterstützen. Bringst du es zu etwas, so verspreche ich dir, dich in die gelehrte Welt selbst einzuführen und mit einem besondern Werke dich ihr anzukündigen. Vielleicht ergreife ich die Gelegenheit, etwas de Eruditis sero ad literas admissis oder de Opsimathia oder auch de studio senili zu schreiben, und so wirst du auf einmal berühmt. —Doch laß einmal sehen, ob ich mir von deiner Lehrbegierde viel zu versprechen habe? Welch Buch hattest du vorhin in Händen?
Anton. Es war ein ganz kleines—
Damis. Welches denn?—
Anton. Es war so allerliebst eingebunden, mit Golde auf dem Rücken und auf dem Schnitte. Wo legte ich's doch hin? Da! da!
Damis. Das hattest du? das?
Anton. Ja, das!
Damis. Das?
Anton. Bin ich an das unrechte gekommen? weil es so hübsch klein war—
Damis. Ich hätte dir selbst kein beßres vorschlagen können.
Anton. Das dacht' ich wohl, daß es ein schön Buch sein müsse. Würde es wohl sonst einen so schönen Rock haben?
Damis. Es ist ein Buch, das seinesgleichen nicht hat. Ich habe es selbst geschrieben. Siehst du?—Auctore Damide!
Anton. Sie selbst? Nu, nu, habe ich's doch immer gehört, daß man die leiblichen Kinder besser in Kleidung hält als die Stiefkinder. Das zeugt von der väterlichen Liebe.
Damis. Ich habe mich in diesem Buche, so zu reden, selbst übertroffen.
Sooft ich es wieder lese, sooft lerne ich auch etwas Neues daraus.
Anton. Aus Ihrem eignen Buche?
Damis. Wundert dich das?—Ach verdammt! nun erinnere ich mich erst: mein Gott, das arme Mädchen! Sie wird doch nicht noch in dem Kabinette stecken (Er geht darauf los.)
Anton. Um Gottes willen, wo wollen Sie hin?
Damis. Was fehlt dir? ins Kabinett. Hast du Lisetten gesehen?
Anton. Nun bin ich verloren!—Nein, Herr Damis, nein; so wahr ich lebe, sie ist nicht drinne.
Damis. Du hast sie also sehen herausgehen? Ist sie schon lange fort?
Anton. Ich habe sie, so wahr ich ehrlich bin, nicht sehen hereingehen.
Sie ist nicht drinne; glauben Sie mir nur, sie ist nicht drinne—
Fünfter Auftritt
Lisette. Damis. Anton.
Lisette. Allerdings ist sie noch drinne—
Anton. O das Rabenaas!
Damis. So lange hat Sie sich hier versteckt gehalten? Arme Lisette! das war mein Wille gar nicht. Sobald mein Vater aus der Stube gewesen wäre, hätte Sie immer wieder herausgehen können.
Lisette. Ich wußte doch nicht, ob ich recht täte. Ich wollte also lieber warten, bis mich der, der mich versteckt hatte, selbst wieder hervorkommen hieß—
Anton. Zum Henker, von was für einem Verstecken reden die? (Sachte zu Lisetten.) So, du feines Tierchen? hat dich mein Herr selbst schon einmal versteckt? Nun weiß ich doch, wie ich die gestrige Ohrfeige auslegen soll. Du Falsche!
Lisette. Schweig; sage nicht ein Wort, daß ich zuvor bei dir gewesen bin, oder—du weißt schon—
Damis. Was schwatzt ihr denn beide da zusammen? Darf ich es nicht hören?
Lisette. Es war nichts; ich sagte ihm bloß, er solle heruntergehen, daß, wenn meine Jungfer nach mir fragte, er unterdessen sagen könnte, ich sei ausgegangen. Juliane ist mißtrauisch; sie suchte mich doch wohl hier, wenn sie mich brauchte.
Damis. Das ist vernünftig. Gleich, Anton, geh!
Anton. Das verlangst du im Ernste, Lisette?
Lisette. Freilich; fort, laß uns allein.
Damis. Wirst du bald gehen?
Anton. Bedenken Sie doch selbst, Herr Damis; wann Sie nun ihr Geplaudre werden überdrüssig sein, und das wird gar bald geschehen, wer soll sie Ihnen denn aus der Stube jagen helfen, wenn ich nicht dabei bin?
Lisette. Warte, ich will dein Lästermaul—
Damis. Laß dich unbekümmert! Wann sie mir beschwerlich fällt, wird sie schon selbst so vernünftig sein und gehen.
Anton. Aber betrachten Sie nur: ein Weibsbild in Ihrer Studierstube!
Was wird Ihr Gott sagen? Er kann ja das Ungeziefer nicht leiden.
Lisette. Endlich werde ich dich wohl zur Stube hinausschmeißen müssen?
Anton. Das wäre mir gelegen.—Die verdammten Mädel! auch bei dem
Teufel können sie sich einschmeicheln. (Geht ab.)
Sechster Auftritt
Lisette. Damis
Damis. Und wo blieben wir denn vorhin?
Lisette. Wo blieben wir? bei dem, was ich allezeit am liebsten höre und wovon ich allezeit am liebsten rede, bei Ihrem Lobe. Wenn es nur nicht eine so gar kitzliche Sache wäre, einen ins Gesicht zu loben! —Ich kann Ihnen unmöglich die Marter antun.
Damis. Aber ich beteure Ihr nochmals, Lisette: es ist mir nicht um mein Lob zu tun! Ich möchte nur gern hören, auf was für verschiedene Art verschiedene Personen einerlei Gegenstand betrachtet haben.
Lisette. Jeder lobte dasjenige an Ihnen, was er an sich Lobenswürdiges zu finden glaubte. Zum Exempel, der kleine dicke Mann mit der ernsthaften Miene, der so selten lacht, der aber, wenn er einmal zu lachen anfängt, mit dem erschütterten Bauche den ganzen Tisch über den Haufen wirft—
Damis. Und wer ist das? Aus Ihrer Beschreibung, Lisette, kann ich es nicht erraten—O es ist mit den Beschreibungen eine kitzliche Sache! Es gehört nicht wenig dazu, sie so einzurichten, daß man, gleich bei dem ersten Anblicke, das Beschriebene erkennen kann. Über nichts aber muß ich mehr lachen, als wenn ich bei diesem und jenem großen Philosophen, wahrhaftig bei Männern, die schon einer ganzen Sekte ihren Namen gegeben haben, öfters Beschreibungen anstatt Erklärungen antreffe. Das macht, die guten Herren haben mehr Einbildungskraft als Beurteilung. Bei der Erklärung muß der Verstand in das Innere der Dinge eindringen; bei der Beschreibung aber darf man bloß auf die äußerlichen Merkmale, auf das—
Lisette. Wir kommen von unsrer Sache, Herr Damis. Ihr Lob—
Damis. Jawohl; fahr Sie nur fort, Lisette. Von wem wollte Sie vorhin reden?
Lisette. Je, sollten Sie denn den kleinen Mann nicht kennen? Er bläset immer die Backen auf—
Damis. Sie meint vielleicht den alten Ratsherrn?
Lisette. Ganz recht, aber seinen Namen—
Damis. Was liegt an dem?—
Lisette. "Ja, Herr Chrysander", sagte also der Ratsherr, an dessen Namen nichts gelegen ist, "Ihr Herr Sohn kann einmal der beste Ratsherr von der Welt werden, wenn er sich nur darauf applizieren will." Es gehört ein aufgeweckter Geist dazu; den hat er: eine fixe Zunge; die hat er: eine tiefe Einsicht in die Staatskunst; die hat er: eine Geschicklichkeit, seine Gedanken zierlich auf das Papier zu bringen; die hat er: eine verschlagne Aufmerksamkeit auf die geringsten Bewegungen unruhiger Bürger; die hat er: und wenn er sie nicht hat—o die Übung—die Übung! Ich weiß ja, wie mir es anfangs ging. Freilich kann man die Geschicklichkeit zu einem so schweren Amte nicht gleich mit auf die Welt bringen—
Damis. Der Narr! es ist zwar wahr, daß ich alle diese
Geschicklichkeiten besitze; allein mit der Hälfte derselben könnte ich
Geheimter Rat werden, und nicht bloß—
Siebenter Auftritt
Anton. Lisette. Damis.
Damis. Nun, was willst du schon wieder?
Anton. Mamsell Juliane weiß es nun, daß Lisette ausgegangen ist.
Fürchten Sie sich nur nicht; sie wird uns nicht überraschen—
Damis. Wer hieß dich denn wiederkommen?
Anton. Sollte ich wohl meinen Herrn allein lassen? Und dazu, es überfiel mich auf einmal so eine Angst, so eine Bangigkeit; die Ohren fingen mir an zu klingen und besonders das linke—Lisette! Lisette!
Lisette. Was willst du denn?
Anton (sachte zu Lisetten). Was habt ihr denn beide allein gemacht?
Was gilt's, es ging auf meine Unkosten!
Lisette. O pack dich—Ich weiß nicht, was der Narre will.
Damis. Fort, Anton! es ist die höchste Zeit; du mußt wieder auf die Post sehen. Ich weiß auch gar nicht, wo sie so lange bleibt.—Wird's bald?
Anton. Lisette, komm mit!
Damis. Was soll denn Lisette mit?
Anton. Und was soll sie denn bei Ihnen?
Damis. Unwissender!
Anton. Ja freilich ist es mein Unglück, daß ich es nicht weiß. (Sachte zu Lisetten.) Rede nur wenigstens ein wenig laut, damit ich höre, was unter euch vorgeht—Ich werde horchen—(Gehet ab.)
Achter Auftritt
Lisette. Damis.
Lisette. Lassen Sie uns ein wenig sachte reden. Sie wissen wohl, man ist vor dem Horcher nicht sicher.
Damis. Jawohl; fahr Sie also nur sachte fort.
Lisette. Sie kennen doch wohl des Herrn Chrysanders Beichtvater?
Damis. Beichtvater? soll ich denn alle solche Handwerksgelehrte kennen?
Lisette. Wenigstens schien er Sie sehr wohl zu kennen. "Ein guter Prediger", fiel er der dicken Rechtsgelehrsamkeit ins Wort, "sollte Herr Damis gewiß auch werden. Eine schöne Statur; eine starke deutliche Stimme; ein gutes Gedächtnis; ein feiner Vortrag; eine anständige Dreistigkeit; ein reifer Verstand, der über seine Meinungen türkenmäßig zu halten weiß: alle diese Eigenschaften glaube ich, in einem ziemlich hohen Grade, bei ihm bemerkt zu haben. Nur um einen Punkt ist mir bange. Ich fürchte, ich fürchte, er ist auch ein wenig von der Freigeisterei angesteckt."—"Ei, was Freigeisterei?" schrie der schon halb trunkene Medikus. "Die Freigeister sind brave Leute! Wird er deswegen keinen Kranken kurieren können? Wenn es nach mir geht, so muß er ein Medikus werden. Griechisch kann er, und Griechisch ist die halbe Medizin. (Indem sie allmählich wieder lauter spricht.) Freilich das Herz, das dazu gehört, kann sich niemand geben. Doch das kömmt von sich selbst, wenn man erst eine Weile praktiziert hat."—"Nu", fiel ihm ein alter Kaufmann in die Rede, "so muß es mit den Herrn Medizinern wohl sein wie mit den Scharfrichtern. Wenn die zum ersten Male köpfen, so zittern und beben sie; je öfter sie aber den Versuch wiederholen, desto frischer geht es."—Und auf diesen Einfall ward eine ganze Viertelstunde gelacht; in einem fort, in einem fort; sogar das Trinken ward darüber vergessen.
Neunter Auftritt
Lisette. Damis. Anton.
Anton. Herr, die Post wird heute vor neun Uhr nicht kommen. Ich habe gefragt; Sie können sieh darauf verlassen.
Damis. Mußt du uns aber denn schon wieder stören, Idiote?
Anton. Es soll mir recht lieb sein, wann ich Sie nur noch zur rechten
Zeit gestört habe.
Damis. Was willst du mit deiner rechten Zeit?
Anton. Ich will mich gegen Lisetten schon deutlicher erklären. Darf ich ihr etwas ins Ohr sagen?
Lisette. Was wirst du mir ins Ohr zu sagen haben?
Anton. Nur ein Wort. (Sachte.) Du denkst, ich habe nicht gehorcht? Sagtest du nicht: du hättest nicht Herz genug dazu? doch wenn du nur erst das Ding eine Weile würdest praktizierst haben—O ich habe alles gehört—Kurz, wir sind geschiedne Leute! Du Unverschämte, Garstige—
Lisette. Sage nur, was du willst?
Damis. Gleich, geh mir wieder aus den Augen! Und komme mir nicht wieder vors Gesicht, bis ich dich rufen werde oder bis du mir Briefe von Berlin bringst!—Ich kann sie kaum erwarten. So macht es die übermäßige Freude! Zwar sollte ich Hoffnung sagen, weil jene nur auf das Gegenwärtige und diese auf das Zukünftige geht. Doch hier ist das Zukünftige schon so gewiß als das Gegenwärtige. Ich brauche die Sprache der Propheten, die ihrer Sachen doch unmöglich so gewiß sein konnten.—Die ganze Akademie müßte blind sein.—Nun, was stehst du noch da? Wirst du gehen?
Zehnter Auftritt
Lisette. Damis.
Lisette. Da sehen Sie! so lobten Sie die Leute.
Damis. Ah, wann die Leute nicht besser loben können, so möchten sie es nur gar bleiben lassen. Ich will mich nicht rühmen, aber doch so viel kann ich mir ohne Hochmut zutrauen: ich will meiner Braut die Wahl lassen, ob sie lieber einen Doktor der Gottesgelahrtheit oder der Rechte oder der Arzneikunst zu ihrem Manne haben will. In allen drei Fakultäten habe ich disputiert; in allen dreien habe ich—
Lisette. Sie sprechen von einer Braut? heiraten Sie denn wirklich?
Damis. Hat Sie denn auch schon davon gehört, Lisette?
Lisette. Kömmt denn wohl ohn' unsereiner irgend in einem Hause eine
Heirat zustande? Aber eingebildet hätte ich mir es nimmermehr, daß
Sie sich für Julianen entschließen würden! für Julianen!
Damis. Größtenteils tue ich es dem Vater zu Gefallen, der auf die
außerordentlichste Weise deswegen in mich dringt. Ich weiß wohl, daß
Juliane meiner nicht wert ist. Allein soll ich einer solchen
Kleinigkeit wegen, als eine Heirat ist, den Vater vor den Kopf stoßen?
Und dazu habe ich sonst einen Einfall, der mir ganz wohl lassen wird.
Lisette. Freilich ist Juliane Ihrer nicht wert; und wenn nur alle
Leute die gute Mamsell so kennten als ich—
Eilfter Auftritt
Anton. Damis. Lisette.
Anton (vor sich). Ich kann die Leute unmöglich so alleine lassen.
—Herr Valer fragt, ob Sie in Ihrer Stube sind? Sind Sie noch da,
Herr Damis?
Damis. Sage mir nur, Unwissender, hast du dir es denn heute recht vorgesetzt, mir beschwerlich zu fallen?
Lisette. So lassen Sie ihn nur da, Herr Damis. Er bleibt doch nicht weg—
Anton. Ja, jetzt soll ich dableiben; jetzt, da es schon vielleicht vorbei ist, was ich nicht hören und sehen sollte.
Damis. Was soll denn vorbei sein?
Anton. Das werden Sie wohl wissen.
Lisette (sachte). Jetzt, Anton, hilf mir, Julianen bei deinem Herrn recht schwarz machen. Willst du?
Anton. Ei ja doch! zum Danke vielleicht—
Lisette. So schweig wenigstens.—Notwendig, Herr Damis, müssen Sie mit Julianen übel fahren. Ich bedaure Sie im voraus. Der ganze Erdboden trägt kein ärgeres Frauenzimmer—
Anton. Glauben Sie es nicht, Herr Damis; Juliane ist ein recht gut
Kind. Sie können mit keiner in der Welt besser fahren. Ich wünsche
Ihnen im voraus Glück.
Lisette. Wahrhaftig! du mußt gegen deinen Herrn sehr redlich gesinnt sein, daß du ihm eine so unerträgliche Plage an den Hals schwatzen willst.
Anton. Noch weit redlicher mußt du gegen deine Mamsell sein, daß du ihr einen so guten Ehemann, als Herr Damis werden wird, mißgönnest.
Lisette. Einen guten Ehemann? Nun wahrhaftig, ein guter Ehemann, das ist auch alles, was sie sich wünscht. Ein Mann, der alles gut sein läßt—
Anton. Ho! ho! alles? Hören Sie, Herr Damis, für was Sie Lisette ansieht? Aus der Ursache möchtest du wohl selbst gern seine Frau sein? Alles? ei! unter das alles, gehört wohl auch—? du verstehst mich doch?
Damis. Aber im Ernste, Lisette; glaubt Sie wirklich, daß Ihre Jungfer eine recht böse Frau werden wird? Hat sie in der Tat viel schlimme Eigenschaften?
Lisette. Viel? Sie hat sie alle, die man haben kann; auch nicht die ausgenommen, die einander widersprechen.
Damis. Will Sie mir nicht ein Verzeichnis davon geben?
Lisette. Wo soll ich anfangen?—Sie ist albern—
Damis. Kleinigkeit!
Anton. Und ich sage: Lügen!
Lisette. Sie ist zänkisch—
Damis. Kleinigkeit!
Anton. Und ich sage: Lügen!
Lisette. Sie ist eitel—
Damis. Kleinigkeit!
Anton. Lügen! sag ich.
Lisette. Sie ist keine Wirtin—
Damis. Kleinigkeit!
Anton. Lügen!
Lisette. Sie wird Sie durch übertriebenen Staat, durch beständige
Ergötzlichkeiten und Schmausereien, um alle das Ihrige bringen—
Damis. Kleinigkeit!
Anton. Lügen!
Lisette. Sie wird Ihnen die Sorge um eine Herde Kinder auf den Hals laden—
Damis. Kleinigkeit!
Anton. Das tun die besten Weiber am ersten!
Lisette. Aber um Kinder, die aus der rechten Quelle nicht geholt sind.
Damis. Kleinigkeit!
Anton. Und zwar Kleinigkeit nach der Mode!
Lisette. Kleinigkeit? aber was denken Sie denn, Herr Damis?
Damis. Ich denke, daß Juliane nicht arg genug sein kann. Ist sie albern? ich bin desto klüger; ist sie zänkisch? ich bin desto gelassener; ist sie eitel? ich bin desto philosophischer gesinnt; vertut sie? sie wird aufhören, wenn sie nichts mehr hat; ist sie fruchtbar? so mag sie sehen, was sie vermag, wann sie es mit mir um die Wette sein will. Ein jedes mache sich ewig, womit es kann; das Weib durch Kinder, der Mann durch Bücher.
Anton. Aber merken Sie denn nicht, daß Lisette ihre Ursachen haben muß, Julianen so zu verleumden?
Damis. Ach freilich merk ich es. Sie gönnt mich ihr und beschreibt sie mir also vollkommen nach meinem Geschmacke. Sie hat es ohne Zweifel geschlossen, daß ich ihre Mamsell nur eben deswegen, weil sie das unerträglichste Frauenzimmer ist, heiraten will.
Lisette. Nur deswegen? nur deswegen? und das hätte ich geschlossen? Ich müßte Sie für irre im Kopfe gehalten haben. Überlegen Sie doch nur—
Damis. Das geht zu weit, Lisette! Traut Sie mir keine Überlegung zu? Was ich gesagt habe, ist die Frucht einer nur allzu scharfen Überlegung. Ja, es ist beschlossen: ich will die Zahl der unglücklich scheinenden Gelehrten, die sich mit bösen Weibern vermählt haben, vermehren. Dieser Vorsatz ist nicht von heute.
Anton. Nein, wahrhaftig!—Was aber der Teufel nicht tun kann! Wer hätte es sich jetzt sollen träumen lassen, jetzt da es Ernst werden soll? Ich muß lachen; Lisette wollte ihn von der Heirat abziehen und hat ihm nur mehr dazu beredt; und ich, ich wollte ihn dazu bereden und hätte ihn bald davon abgezogen.
Damis. Einmal soll geheiratet sein. Auf eine recht gute Frau darf ich mir nicht Rechnung machen; also wähle ich mir eine recht schlimme. Eine Frau von der gemeinen Art, die weder kalt noch warm, weder recht gut noch recht schlimm ist, taugt für einen Gelehrten nichts, ganz und gar nichts! Wer wird sich nach seinem Tode um sie bekümmern? Gleichwohl verdient er es doch, daß sein ganzes Haus mit ihm unsterblich bleibe. Kann ich keine Frau haben, die einmal ihren Platz in einer Abhandlung de bonis Eruditorum uxoribus findet, so will ich wenigstens eine haben, mit welcher ein fleißiger Mann seine Sammlung de malis Eruditorum uxoribus vermehren kann. Ja, ja; ich bin es ohnehin meinem Vater, als der einzige Sohn, schuldig, auf die Erhaltung seines Namens mit der äußersten Sorgfalt bedacht zu sein.
Lisette. Kaum kann ich mich von meinem Erstaunen erholen—Ich habe
Sie, Herr Damis, für einen so großen Geist gehalten—
Damis. Und das nicht mit Unrecht. Doch eben hierdurch glaube ich den stärksten Beweis davon zu geben.
Lisette. Ich möchte platzen!—Ja, ja, den stärksten Beweis, daß niemand schwerer zu fangen ist als ein junger Gelehrter; nicht sowohl wegen seiner Einsicht und Verschlagenheit als wegen seiner Narrheit.
Damis. Wie, so naseweis, Lisette? Ein junger Gelehrter?—ein junger
Gelehrter?—
Lisette. Ich will Ihnen die Verweise ersparen. Valer soll gleich von allem Nachricht bekommen. Ich bin Ihre Dienerin.
Zwölfter Auftritt
Anton. Damis.
Anton. Da sehen Sie! Nun läuft sie fort, da Sie nach ihrer Pfeife nicht tanzen wollen.—
Damis. Mulier non Homo! bald werde ich auch dieses Paradoxon für wahr halten. Wodurch zeigt man, daß man ein Mensch ist? Durch den Verstand. Wodurch zeigt man, daß man Verstand hat? Wann man die Gelehrten und die Gelehrsamkeit gehörig zu schätzen weiß. Dieses kann kein Weibsbild, und also hat es keinen Verstand, und also ist es kein Mensch. Ja, wahrhaftig ja; in diesem Paradoxo liegt mehr Wahrheit als in zwanzig Lehrbüchern.
Anton. Wie ist mir denn? Ich habe Ihnen doch gesagt, daß Sie Herr
Valer gesucht hat? Wollen Sie nicht gehen und ihn sprechen?
Damis. Valer? ich will ihn erwarten. Die Zeiten sind vorbei, da ich ihn hochschätzte. Er hat seit einigen Jahren die Bücher beiseite gelegt; er hat sich das Vorurteil in den Kopf setzen lassen, daß man sich vollends durch den Umgang und durch die Kenntnis der Welt geschickt machen müsse, dem Staate nützliche Dienste zu leisten. Was kann ich mehr tun als ihn bedauern? Doch ja, endlich werde ich mich auch seiner schämen müssen. Ich werde mich schämen müssen, daß ich ihn ehemals meiner Freundschaft wert geschätzt habe. O wie ekel muß man in der Freundschaft sein! Doch was hat geholfen, daß ich es bis auf den höchsten Grad gewesen bin? Umsonst habe ich mich vor der Bekanntschaft aller mittelmäßigen Köpfe gehütet; umsonst habe ich mich bestrebt, nur mit Genies, nur mit originellen Geistern umzugehen: dennoch mußte mich Valer, unter der Larve eines solchen, hintergehen. O Valer! Valer!
Anton. Laut genug, wenn er es hören soll.
Damis. Ich hätte über sein kaltsinniges Kompliment bersten mögen! Von was unterhielt er mich? von nichtswürdigen Kleinigkeiten. Und gleichwohl kam er von Berlin, und gleichwohl hätte er mir die allerangenehmste Neuigkeit zuerst berichten können. O Valer! Valer!
Anton. St! wahrhaftig er kömmt. Sehen Sie, daß er sich nicht dreimal rufen läßt?
Dreizehnter Auftritt
Damis. Valer. Anton.
Valer. Verzeihen Sie, liebster Freund, daß ich Sie in Ihrer gelehrten
Ruhe störe—
Anton. Wenn er doch gleich sagte, Faulheit.
Damis. Stören? Ich sollte glauben, daß Sie mich zu stören kämen?
Nein, Valer, ich kenne Sie zu wohl; Sie kommen, mir die angenehmsten
Neuigkeiten zu hinterbringen, die der Aufmerksamkeit eines Gelehrten,
der seine Belohnung erwartet, würdig sind.—Einen Stuhl, Anton!
—Setzen Sie sich.
Valer. Sie irren sich, liebster Freund. Ich komme, Ihnen die
Unbeständigkeit Ihres Vaters zu klagen; ich komme, eine Erklärung von
Ihnen zu verlangen, von welcher mein ganzes Glück abhängen wird.—
Damis. Oh! ich konnte es Ihnen gleich ansehen, daß Sie vorhin die Gegenwart meines Vaters abhielt, sich mit mir vertraulicher zu besprechen und mir Ihre Freude über die Ehre zu bezeigen, die mir der billige Ausspruch der Akademie—
Valer. Nein, allzu gelehrter Freund; lassen Sie uns einen Augenblick von etwas minder Gleichgültigem reden.
Damis. Von etwas minder Gleichgültigem? Also ist Ihnen meine Ehre gleichgültig? Falscher Freund!—
Valer. Ihnen wird diese Benennung zukommen, wann Sie mich länger von dem, was für ein zärtliches Herz das wichtigste ist, abbringen werden. Ist es wahr, daß Sie Julianen heiraten wollen? daß Ihr Vater dieses allzu zärtliche Frauenzimmer durch Bande der Dankbarkeit binden will, in seiner Wahl minder frei zu handeln? Habe ich Ihnen jemals aus meiner Neigung gegen Julianen ein Geheimnis gemacht? Haben Sie mir nicht von jeher versprochen, meiner Liebe behilflich zu sein?
Damis. Sie ereifern sich, Valer; und vergessen, daß ein Weibsbild die
Ursache ist. Schlagen Sie sich diese Kleinigkeit aus dem Sinne—Sie
müssen in Berlin gewesen sein, da die Akademie den Preis auf dieses
Jahr ausgeteilet hat. Die Monaden sind die Aufgabe gewesen. Sollten
Sie nicht etwa gehört haben, daß die Devise—
Valer. Wie grausam sind Sie, Damis! So antworten Sie mir doch!
Damis. Und Sie wollen mir nicht antworten? Besinnen Sie sich; sollte nicht die Devise Unum est necessarium sein gekrönt worden? Ich schmeichle mir wenigstens—
Valer. Bald schmeichle ich mir nun mit nichts mehr, da ich Sie so ausschweifend sehe. Bald werde ich nun auch glauben müssen, daß die Nachricht, die ich für eine Spötterei von Lisetten gehalten habe, gegründet sei. Sie halten Julianen für Ihrer unwert, Sie halten sie für die Schande ihres Geschlechts, und eben deswegen wollen Sie sie heiraten? Was für ein ungeheurer Einfall!
Damis. Ha! ha! ha!
Valer. Ja, lachen Sie nur, Damis, lachen Sie nur! Ich bin ein Tor, daß ich einen Augenblick solchen Unsinn von Ihnen habe glauben können. Sie haben Lisetten zum besten gehabt oder Lisette mich. Nein, nur in ein zerrüttetes Gehirn kann ein solcher Entschluß kommen! Ihn zu verabscheuen braucht man nur vernünftig zu denken und lange nicht edel, wie Sie doch zu denken gewohnt sind. Aber lösen Sie mir, ich bitte Sie, dieses marternde Rätsel!
Damis. Bald werden Sie mich, Valer, auf Ihr Geschwätze aufmerksam gemacht haben. So verlangen Sie doch in der Tat, daß ich meinen Ruhm Ihrer törichten Neigung nachsetzen soll? Meinen Ruhm!—Doch wahrhaftig, ich will vielmehr glauben, daß Sie scherzen. Sie wollen versuchen, ob ich in meinen Entschließungen auch wankelhaft bin.
Valer. Ich scherzen? der Scherz sei verflucht, der mir hier in den
Sinn kommt!—
Damis. Desto lieber ist mir es, wann Sie endlich ernsthaft reden wollen. Was ich Ihnen sage: die Schrift mit der Devise Unum est necessarium—
Vierzehnter Auftritt
Chrysander. Damis. Valer. Anton.
Chrysander (mit einem Zeitungsblatte in der Hand). Nun, nicht wahr, Herr Valer? mein Sohn ist nicht von der Heirat abzubringen? Sehen Sie, daß nicht sowohl ich als er auf diese Heirat dringt?
Damis. Ich? ich auf die Heirat dringen?
Chrysander. St! st! st!
Damis. Ei was st, st? Meine Ehre leidet hierunter. Könnte man nicht auf die Gedanken kommen, wer weiß was mir an einer Frau gelegen sei?
Chrysander. St! st! st!
Valer. Oh! brauchen Sie doch keine Umstände. Ich sehe es ja wohl;
Sie sind mir beide entgegen. Was für ein Unglück hat mich in dieses
Haus führen müssen! Ich muß eine liebenswürdige Person antreffen; ich
muß ihr gefallen und muß doch endlich, nach vieler Hoffnung, alle
Hoffnung verlieren. Damis, wenn ich jemals einiges Recht auf Ihre
Freundschaft gehabt habe—
Damis. Aber, nicht wahr, Valer? einer Sache wegen muß man auf die Berlinische Akademie recht böse sein? Bedenken Sie doch, sie will künftig die Aufgaben zu dem Preise zwei Jahr vorher bekanntmachen. Warum denn zwei Jahr? war es nicht an einem genug? Hält sie denn die Deutschen für so langsame Köpfe? Seit ihrer Erneuerung habe ich jedes Jahr meine Abhandlung mit eingeschickt; aber, ohne mich zu rühmen, länger als acht Tage habe ich über keine zugebracht.
Chrysander. Wißt ihr denn aber auch, ihr lieben Leute, was in den Niederlanden vorgegangen ist? Ich habe hier eben die neuste Zeitung. Sie haben sich die Köpfe wacker gewaschen. Doch die Alliierten, ich bin in der Tat recht böse auf sie. Haben sie nicht wieder einen wunderbaren Streich gemacht!—
Anton. Nun, da reden alle drei etwas anders! Der spricht von der
Liebe; der von seinen Abhandlungen; der vom Kriege. Wenn ich auch
etwas Besonders reden soll, so werde ich vom Abendessen reden. Vom
Mittage an bis auf den Abend um sechs Uhr zu fasten sind keine
Narrenspossen.
Valer. Unglückliche Liebe!
Damis. Die unbesonnene Akademie!
Chrysander. Die dummen Alliierten!
Anton. Die vierte Stimme fehlt noch: die langsamen Bratenwender!
Funfzehnter Auftritt
Lisette. Damis. Valer. Chrysander. Anton.
Lisette. Nun, Herr Chrysander? ich glaubte, Sie hätten die Herren zu
Tische rufen wollen? Ich sehe aber, Sie wollen selbst gerufen sein.
Es ist schon aufgetragen.
Anton. Das war die höchste Zeit! dem Himmel sei Dank!
Chrysander. Es ist wahr; es ist wahr; ich hätte es bald vergessen. Der Zeitungsmann hielt mich auf der Treppe auf. Kommen Sie, Herr Valer; wir wollen die jetzigen Staatsgeschäfte ein wenig miteinander bei einem Gläschen überlegen. Schlagen Sie sich Julianen aus dem Kopfe. Und du, mein Sohn, du magst mit deiner Braut schwatzen. Du wirst gewiß eine wackre Frau an ihr haben; nicht so eine Xanthippe wie—
Damis. Xanthippe? wie verstehen Sie das? Sind Sie etwa auch noch in dem pöbelhaften Vorurteile, daß Xanthippe eine böse Frau gewesen sei?
Chrysander. Willst du sie etwa für eine gute halten? Du wirst doch nicht die Xanthippe verteidigen? Pfui! das heißt einen Abc-Schnitzer machen. Ich glaube, ihr Gelehrten, je mehr ihr lernt, je mehr vergeßt ihr.
Damis. Ich behaupte aber, daß man kein einzig tüchtiges Zeugnis für Ihre Meinung anführen kann. Das ist das erste, was die ganze Sache verdächtig macht; und zum andern—
Lisette. Das ewige Geplaudre!
Chrysander. Lisette hat recht! Mein Sohn, contra principia negantem, non est disputandum. Kommt! Kommt!
(Chrysander, Damis und Anton gehen ab.)
Valer. Nun ist alles für mich verloren, Lisette. Was soll ich anfangen?
Lisette. Ich weiß keinen Rat; wann nicht der Brief—
Valer. Dieser Betrug wäre zu arg, und Juliane will ihn nicht zugeben.
Lisette. Ei, was Betrug? Wenn der Betrug nützlich ist, so ist er auch erlaubt. Ich sehe es wohl, ich werde es selbst tun müssen. Kommen Sie nur fort, und fassen Sie wieder Mut.
Dritter Aufzug
Erster Auftritt
Lisette. Anton.
Lisette. So warte doch, Anton.
Anton. Ei, laß mich zufrieden. Ich mag mit dir nichts zu tun haben.
Lisette. Wollen wir uns also nicht wieder versöhnen? Willst du nicht tun, was ich dich gebeten habe?
Anton. Dir sollte ich etwas zu Gefallen tun?
Lisette. Anton, lieber Anton, goldner Anton, tu es immer. Wie leicht kannst du nicht dem Alten den Brief geben und ihm sagen, der Postträger habe ihn gebracht?
Anton. Geh! du Schlange! Wie sie nun schmeicheln kann!—Halte mich nicht auf. Ich soll meinem Herrn ein Buch bringen. Laß mich gehen.
Lisette. Deinem Herrn ein Buch? Was will er denn mit dem Buche bei
Tische?
Anton. Die Zeit wird ihm lang; und will er nicht müßige Weile haben, so muß er sich doch wohl etwas zu tun machen.
Lisette. Die Zeit wird ihm lang? bei Tische? Wenn es noch in der
Kirche wäre. Reden sie denn nichts?
Anton. Nicht ein Wort. Ich bin ein Schelm, wenn es auf einem
Totenmahle so stille zugehen kann.
Lisette. Wenigstens wird der Alte reden.
Anton. Der redt, ohne zu reden. Er ißt und redt zugleich; und ich glaube, er gäbe wer weiß was darum, wenn er noch dazu trinken könnte, und das alles dreies auf einmal. Das Zeitungsblatt liegt neben dem Teller; das eine Auge sieht auf den und das andre auf jenes. Mit dem einen Backen kaut er, und mit dem andern redt er. Da kann es freilich nun nicht anders sein, die Worte müssen auf dem Gekauten sitzenbleiben, sodaß man ihn mit genauer Not noch murmeln hört.
Lisette. Was machen aber die übrigen?
Anton. Die übrigen? Valer und Juliane sind wie halb tot. Sie essen nicht und reden nicht; sie sehen einander an; sie seufzen; sie schlagen die Augen nieder; sie schielen bald nach dem Vater, bald nach dem Sohne; sie werden weiß; sie werden rot. Der Zorn und die Verzweiflung sieht beiden aus den Augen.—Aber juchhe! so recht! Siehst du, daß es nicht nach deinem Kopfe gehen muß? Mein Herr soll Julianen haben, und wenn—
Lisette. Ja, dein Herr! Was macht aber der?
Anton. Lauter dumme Streiche. Er kritzelt mit der Gabel auf dem Teller; hängt den Kopf; bewegt das Maul, als ob er mit sich selbst redte; wackelt mit dem Stuhle; stößt einmal ein Weinglas um; läßt es liegen; tut, als wenn er nichts merkte, bis ihm der Wein auf die Kleider laufen will; nun fährt er auf und spricht wohl gar, ich hätte es umgegossen.—Doch genug geplaudert; er wird auf mich fluchen, wo ich ihm das Buch nicht bald bringe. Ich muß es doch suchen. Auf dem Tische, zur rechten Hand, soll es liegen. Ja zur rechten Hand; welche rechte Hand meint er denn? Trete ich so, so ist das die rechte Hand; trete ich so, so ist sie das; trete ich so, so ist sie das; und das wird sie, wenn ich so trete. (Tritt an alle vier Seiten des Tisches.) Sage mir doch, Lisette, welches ist denn die rechte rechte Hand?
Lisette. Das weiß ich so wenig als du. Schade auf das Buch; er mag es selbst holen. Aber Anton, wir vergessen das Wichtigste; den Brief—
Anton. Kömmst du mir schon wieder mit deinem Briefe? Denkt doch; deinetwegen soll ich meinen Herrn betrügen?
Lisette. Es soll aber dein Schade nicht sein.
Anton. So? ist es mein Schade nicht, wann ich das, was mir Chrysander versprochen hat, muß sitzenlassen?
Lisette. Dafür aber verspricht dich Valer schadlos zu halten.
Anton. Wo verspricht er mir es denn?
Lisette. Wunderliche Haut! ich verspreche es dir an seiner Statt.
Anton. Und wenn du es auch an seiner Statt halten sollst, so werde ich viel bekommen. Nein, nein; ein Sperling in der Hand ist besser als eine Taube auf dem Dache.
Lisette. Wann du die Taube gewiß fangen kannst, so wird sie doch besser sein als der Sperling?
Anton. Gewiß fangen! als wenn sich alles fangen ließe! Nicht wahr, wann ich die Taube haschen will, so muß ich den Sperling aus der Hand fliegen lassen?
Lisette. So laß ihn fliegen.
Anton. Gut! und wann sich nun die Taube auch davonmacht? Nein, nein,
Jungfer, so dumm ist Anton nicht.
Lisette. Was du für kindische Umstände machst! Bedenke doch, wie glücklich du sein kannst.
Anton. Wie denn? laß doch hören.
Lisette. Valer hat versprochen, mich auszustatten. Was sind so einem
Kapitalisten tausend Taler?
Anton. Auf die machst du dir Rechnung?
Lisette. Wenigstens. Dich würde er auch nicht leer ausgehen lassen, wann du mir behilflich wärest. Ich hätte alsdenn Geld; du hättest auch Geld: könnten wir nicht ein allerliebstes Paar werden?
Anton. Wir? ein Paar? Wenn dich mein Herr nicht versteckt hätte.
Lisette. Tust du nicht recht albern! Ich habe dir ja alles erzählt, was unter uns vorgegangen ist. Dein Herr, das Bücherwürmchen!
Anton. Ja, auch das sind verdammte Tiere, die Bücherwürmer. Es ist schon wahr, ein Mädel wie du, mit tausend Talern, die ist wenigstens tausend Taler wert; aber nur das Kabinett—das Kabinett—
Lisette. Höre doch einmal auf, Anton, und laß dich nicht so lange bitten.
Anton. Warum willst du aber dem Alten den Brief nicht selbst geben?
Lisette. Ich habe dir ja gesagt, was darin steht. Wie leicht könnte
Chrysander nicht argwöhnen—
Anton. Ja, ja, mein Äffchen, ich merk es schon; du willst die
Kastanien aus der Asche haben und brauchst Katzenpfoten dazu.
Lisette. Je nun, mein liebes Katerchen, tu es immer!
Anton. Wie sie es einem ans Herze legen kann! Liebes Katerchen! Gib nur her, den Brief; gib nur!
Lisette. Da, mein unvergleichlicher Anton—
Anton. Aber es hat doch mit der Ausstattung seine Richtigkeit?—
Lisette. Verlaß dich drauf—
Anton. Und mit meiner Belohnung obendrein?—
Lisette. Desgleichen.
Anton. Nun wohl, der Brief ist übergeben!
Lisette. Aber so bald als möglich—
Anton. Wenn du willst, jetzt gleich. Komm!—Potz Stern! wer kömmt?—Zum Henker, es ist Damis.
Zweiter Auftritt
Damis. Anton. Lisette.
Damis. Wo bleibt denn der Schlingel mit dem Buche?
Anton. Ich wollte gleich, ich wollte—Lisette und—Kurz, ich kann es nicht finden, Herr Damis.
Damis. Nicht finden? Ich habe dir ja gesagt, auf welcher Hand es liegt.
Anton. Auf der rechten, haben Sie wohl gesagt; aber nicht auf welcher rechten? Und das wollte ich Sie gleich fragen kommen.
Damis. Dummkopf, kannst du nicht so viel erraten, daß ich von der
Seite rede, an welcher ich sitze?
Anton. Es ist auch wahr, Lisette; und darüber haben wir uns den Kopf zerbrochen! Herr Damis ist doch immer klüger als wir! (Indem er ihm hinterwärts einen Mönch sticht.) Nun will ich es wohl finden. Weiß eingebunden, roten Schnitt, nicht? Gehen Sie nur, ich will es gleich bringen.
Damis. Ja, nun ist es Zeit, da wir schon vom Tische aufgestanden sind.
Anton. Schon aufgestanden? Zum Henker, ich bin noch nicht satt.
Sind sie schon alle, alle aufgestanden?
Damis. Mein Vater wird noch sitzen und die Zeitung auswendig lernen, damit er morgen in seinem Kränzchen den Staatsmann spielen kann. Geh geschwind, wenn du glaubst, von seinen politischen Brocken satt zu werden. Was will aber Lisette hier?
Lisette. Bin ich jetzt nicht ebensowohl zu leiden als vorhin?
Damis. Nein, wahrhaftig nein. Vorhin glaubte ich, Lisette hätte wenigstens so viel Verstand, daß ihr Plaudern auf eine Viertelstunde erträglich sein könnte; aber ich habe mich geirrt. Sie ist so dumm wie alle übrige im Hause.
Lisette. Ich habe die Ehre, mich im Namen aller übrigen zu bedanken.
Anton. Verzweifelt! das geht ja jetzt aus einem ganz andern Tone! Gott gebe, daß sie sich recht zanken! Aber zuhören mag ich nicht—Lisette, ich will immer gehen.
Lisette (sachte). Den Brief vergiß nicht; geschwind!
Damis. So! hast du Lisetten um Urlaub zu bitten? Ich befehle dir: bleib da. Ich wüßte nicht, wohin du zu gehen hättest.
Anton. Auf die Post, Herr Damis; auf die Post!
Damis. Doch, es ist wahr; nun so geh! geh!
Dritter Auftritt
Damis. Lisette.
Damis. Lisette kann sich nur auch gleich mit fortmachen. Will denn meine Stube heute gar nicht leer werden? Bald ist der da, bald jener; bald die, bald jene. Soll ich denn nicht einen Augenblick allein sein? (Setzt sich an seinen Tisch.) Die Musen verlangen Einsamkeit, und nichts verjagt sie eher als der Tumult. Ich habe so viele und wichtige Verrichtungen, daß ich nicht weiß, wo ich zuerst anfangen soll; und gleichwohl stört man mich. Mit der Heirat, mit einer so nichtswürdigen Sache, ist der größte Teil des Nachmittags daraufgegangen; soll mir denn auch der Abend durch das ewige Hin- und Wiederlaufen entrissen werden? Ich glaube, daß in keinem Hause der Müßiggang so herrschen kann als in diesem.
Lisette. Und besonders auf dieser Stube.
Damis. Auf dieser Stube? Ungelehrte! Unwissende!
Lisette. Ist das geschimpft oder gelobt?
Damis. Was für eine niederträchtige Seele! die Unwissenheit, die Ungelehrsamkeit für keinen Schimpf zu halten! für keinen Schimpf? So möchte ich doch die Begriffe wissen, die eine so unsinnige Schwätzerin von Ehre und Schande hat. Vielleicht, daß bei ihr die Gelehrsamkeit ein Schimpf ist?
Lisette. Wahrhaftig, wann sie durchgängig von dem Schlage ist wie bei
Ihnen—
Damis. Nein, das ist sie nicht. Die wenigsten haben es so weit gebracht—
Lisette. Daß man nicht unterscheiden kann, ob sie närrisch oder gelehrt sind?—
Damis. Ich möchte aus der Haut fahren—
Lisette. Tun Sie das, und fahren Sie in eine klügere.
Damis. Wie lange soll ich noch den Beleidigungen der nichtswürdigsten Kreatur ausgesetzt sein?—Tausend würden sich glücklich preisen, wenn sie nur den zehnten Teil meiner Verdienste hätten. Ich bin erst zwanzig Jahr alt; und wie viele wollte ich finden, die dieses Alter beinahe dreimal auf sich haben und gleichwohl mit mir—Doch ich rede umsonst. Was kann es mir für Ehre bringen, eine Unsinnige von meiner Geschicklichkeit zu überführen? Ich verstehe sieben Sprachen vollkommen und bin erst zwanzig Jahr alt. In dem ganzen Umfange der Geschichte und in allen mit ihr verwandten Wissenschaften bin ich ohne gleichem—
Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt!
Damis. Wie stark ich in der Weltweisheit bin, bezeugt die höchste Würde, die ich schon vor drei Jahren darin erhalten habe. Noch unwidersprechlicher wird es die Welt jetzt aus meiner Abhandlung von den Monaden erkennen.—Ach, die verwünschte Post!—
Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt!
Damis. Von meiner mehr als demosthenischen Beredsamkeit kann meine satirische Lobrede auf den Nix der Nachwelt eine ewige Probe geben.