Der junge Gelehrte

Gotthold Ephraim Lessing · Kapitel 1 von 1 · Teil 3/3

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Der junge Gelehrte

The Project Gutenberg eBook of Der junge Gelehrte: Ein Lustspiel in drei Aufzügen

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt!

Damis. Freilich! Auch in der Poesie darf ich meine Hand nach dem unvergänglichsten Lorbeer ausstrecken. Gegen mich kriecht Milton, und Haller ist gegen mich ein Schwätzer. Meine Freunde, welchen ich sonst zum öftern meine Versuche, wie ich sie zu nennen belieben vorgelesen habe, wollen jetzt gar nichts mehr davon hören und versichern mich allezeit auf das aufrichtigste, daß sie schon genugsam von meiner mehr als göttlichen Ader überzeugt wären.

Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt!

Damis. Kurz, ich bin ein Philolog, ein Geschichtskundiger, ein
Weltweiser, ein Redner, ein Dichter—

Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! Ein Weltweiser ohne
Bart und ein Redner, der noch nicht mündig ist! schöne Raritäten!

Damis. Fort! den Augenblick aus meiner Stube!

Lisette. Den Augenblick? Ich möchte gar zu gern die schöne Ausrufung: und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! noch einmal anbringen. Haben Sie nichts mehr an sich zu rühmen? O noch etwas! Wollen Sie nicht? Nun so will ich es selbst tun. Hören Sie recht zu, Herr Damis: Sie sind noch nicht klug und sind schon zwanzig Jahr alt!

Damis. Was? wie? (Steht zornig auf.)

Lisette. Leben Sie wohl! Leben Sie wohl!

Damis. Himmel! was muß man von den ungelehrten Bestien erdulden! Ist es möglich von einem unwissenden Weibsbilde—

Vierter Auftritt

Chrysander. Anton. Damis.

Chrysander. Das ist ein verfluchter Brief, Anton! Ei! ei! mein Sohn, mein Sohn, post coenam stabis, vel passus mille meabis. Du wirst doch nicht schon wieder sitzen?

Damis. Ein andrer, der nichts zu tun hat, mag sich um dergleichen barbarische Gesundheitsregeln bekümmern. Wichtige Beschäftigungen—

Chrysander. Was willst du von wichtigen Beschäftigungen reden?

Damis. Ich nicht, Herr Vater? Die meisten von den Büchern, die Sie hier auf dem Tische sehen, warten teils auf meine Noten, teils auf meine Übersetzung, teils auf meine Widerlegung, teils auf meine Verteidigung, teils auch auf mein bloßes Urteil.

Chrysander. Laß sie warten! Jetzt—

Damis. Jetzt kann ich freilich nicht alles auf einmal verrichten. Wann ich nur erst mit dem Wichtigsten werde zustande sein. Sie glauben nicht, was mir hier eine gewisse Untersuchung für Nachschlagen und Kopfbrechen kostet. Noch eine einzige Kleinigkeit fehlt mir, so habe ich es bewiesen, daß sich Kleopatra die Schlangen an den Arm, und nicht an die Brust, gesetzt hat—

Chrysander. Die Schlangen taugen nirgends viel. Mir wäre beinahe jetzt auch eine in Busen gekrochen; aber noch ist es Zeit. Höre einmal, mein Sohn; hier habe ich einen Brief bekommen, der mich—

Damis. Wie? einen Brief? einen Brief? Ach, lieber Anton! einen Brief? Liebster Herr Vater, einen Brief? von Berlin? Lassen Sie mich nicht länger warten; wo ist er? Nicht wahr, nunmehr werden Sie aufhören an meiner Geschicklichkeit zu zweifeln? Wie glücklich bin ich! Anton, weißt du es auch schon, was darin steht?

Chrysander. Was schwärmst du wieder? Der Brief ist nicht von Berlin; er ist von meinem Advokaten aus Dresden, und nach dem, was er schreibt, kann aus deiner Heirat mit Julianen nichts werden.

Damis. Nichtswürdiger Kerl! so bist du noch nicht wieder auf der Post gewesen?

Anton. Ich habe es Ihnen ja gesagt, daß vor neun Uhr für mich auf der
Post nichts zu tun ist.

Damis. Ah, verberabilissime, non fur, sed trifur! Himmel! daß ich vor Zorn sogar des Plautus Schimpfwörter brauchen muß. Wird dir denn ein vergebner Gang gleich den Hals kosten?

Anton. Schimpften Sie mich? Weil ich es nicht verstanden habe, so mag es hingehen.

Chrysander. Aber sage mir nur, Damis; nicht wahr, du hast doch einen kleinen Widerwillen gegen Julianen? Wenn das ist, so will ich dich nicht zwingen. Du mußt wissen, daß ich keiner von den Vätern bin—

Damis. Ist die Heirat schon wieder auf dem Tapete? Wann Sie doch wegen meines Widerwillens unbesorgt sein wollten. Genug, ich heirate sie—

Chrysander. Das heißt so viel, du wolltest dich meinetwegen zwingen? Das will ich durchaus nicht. Wenn du gleich mein Sohn bist, so bist du doch ein Mensch; und jeder Mensch wird frei geboren; er muß machen können, was er will; und—kurz—ich gebe dir dein Wort wieder zurück.

Damis. Wieder zurück? und vor einigen Stunden konnte ich mich nicht hurtig genug entschließen? Wie soll ich das verstehen?

Chrysander. Das sollst du so verstehen, daß ich es überlegt habe und daß, weil dir Juliane nicht gefällt, sie mir auch nicht ansteht; daß ich ihre wahren Umstände in diesem Briefe wieder gefunden habe und daß—Du siehst es ja, daß ich den Brief nur jetzt gleich bekommen habe. Ich weiß zwar wahrhaftig nicht, was ich davon denken soll? Die Hand meines Advokaten ist es nicht—

(Damis setzt sich wieder an den Tisch.)

Anton. Nicht? oh! die Leutchen müssen mehr als eine Hand zu schreiben wissen.

Chrysander. Zu geschwind ist es beinahe auch. Kaum sind es acht Tage, daß ich ihm geschrieben habe. Sollte er das Ding in der kurzen Zeit schon haben untersuchen können? Von wem hast du denn den Brief bekommen, Anton?

Anton. Von Lisetten.

Chrysander. Und Lisette?

Anton. Von dem Briefträger, ohne Zweifel.

Chrysander. Aber warum bringt denn der Kerl die Briefe nicht mir selbst?

Anton. Sie werden sich doch in den Händen, wodurch sie gehen, nicht verändern können?

Chrysander. Man weiß nicht—Gleichwohl aber lassen sich die Gründe, die er anführt, hören. Ich muß also wohl den sichersten Weg nehmen und dir, mein Sohn—Aber, ich glaube gar, du hast dich wieder an den Tisch gesetzt und studierst?

Damis. Mein Gott! ich habe zu tun, ich habe sogar viel zu tun.

Chrysander. Drum mit einem Worte, damit ich dich nicht um die Zeit bringe: die Heirat mit Julianen war nichts als ein Gedanke, den du wieder vergessen kannst. Wann ich es recht überlege, so hat doch Valer das größte Recht auf sie.

Damis. Sie betrügen sich, wenn Sie glauben, daß ich nunmehr davon abgehen werde.—Ich habe alles wohl überleget, und ich muß es Ihnen nur mit ganz trocknen Worten sagen, daß eine böse Frau mir helfen soll, meinen Ruhm unsterblich zu machen; oder vielmehr, daß ich eine böse Frau, an die man nicht denken würde, wann sie keinen Gelehrten gehabt hätte, mit mir zugleich unsterblich machen will. Der Charakter eines solchen Eheteufels wird auf den meinigen ein gewisses Licht werfen—

Chrysander. Nun wohl, wohl; so nimm dir eine böse Frau; nur aber eine mit Gelde, weil an einer solchen die Bosheit noch erträglich ist. Von der Gattung war meine erste selige Frau. Um die zwanzigtausend Taler, die ich mit ihr bekam, hätte ich des bösen Feindes Schwester heiraten wollen—Du mußt mich nur recht verstehen: ich meine es nicht nach den Worten.—Wann sie aber böse sein soll, deine Frau, was willst du mit Julianen?—Höre, ich kenne eine alte Witwe, die schon vier Männer ins Grab gezankt hat; sie hat ihr feines Auskommen: ich dächte, das wäre deine Sache; nimm die! Ich habe dir das Maul einmal wäßrig gemacht, ich muß dir also doch etwas darein geben. Wann es einmal eine Xanthippe sein soll, so kannst du keine beßre finden.

Damis. Mit Ihrer Xanthippe! ich habe es Ihnen ja schon mehr als einmal gesagt, daß Xanthippe keine böse Frau gewesen ist. Haben Sie meine Beweisgründe schon wieder vergessen?

Chrysander. Ei was? mein Beweis ist das Abc-Buch. Wer so ein Buch hat schreiben können, das so allgemein geworden ist, der muß es gewiß besser verstanden haben als du. Und kurz, mir liegt daran, daß Xanthippe eine böse Frau gewesen ist. Ich könnte mich nicht zufriedengeben, wenn ich meine erste Frau so oft sollte gelobt haben. Schweig also mit deinen Narrenspossen; ich mag von dir nicht besser unterrichtet sein.

Damis. So wird uns gedankt, wenn wir die Leute aus ihren Irrtümern helfen wollen.

Chrysander. Seit wenn ist denn das Ei klüger als die Henne? he? Herr Doktor, vergeß Er nicht, daß ich Vater bin und daß es auf den Vater ankömmt, wenn der Sohn heiraten soll. Ich will an Julianen nicht mehr gedacht wissen—

Damis. Und warum nicht?

Chrysander. Soll ich meinem einzigen Sohne ein armes Mädchen aufhängen? Du bist nicht wert, daß ich für dich so besorgt bin. Du weißt ja, daß sie nichts im Vermögen hat.

Damis. Hatte sie vorhin, da ich sie heiraten sollte, mehr als jetzt?

Chrysander. Das verstehst du nicht. Ich wußte wohl, was ich vorhin tat: aber ich weiß auch, was ich jetzt tue.

Damis. Gut, desto besser ist es, wann sie kein Geld hat. Man wird mir also nicht nachreden können, die böse Frau des Geldes wegen genommen zu haben; man wird es zugestehen müssen, daß ich keine andere Absicht gehabt als die, mich in den Tugenden zu üben, die bei Erduldung eines solchen Weibes nötig sind.

Chrysander. Eines solchen Weibes! Wer hat dir denn gesagt, daß
Juliane eine böse Frau werden wird?

Damis. Wenn ich nicht, wie wir Gelehrten zu reden pflegen, a priori davon überführt wäre, so würde ich es schon daraus schließen können, weil Sie daran zweifeln.

Chrysander. Fein naseweis, mein Sohn! fein naseweis! Ich habe Julianen auferzogen; sie hat viel Wohltaten bei mir genossen; ich habe ihr alles Gute beigebracht: wer von ihr Übels spricht, der spricht es zugleich von mir. Was? ich sollte nicht ein Frauenzimmer zu ziehen wissen? Ich sollte ein Mädchen, das unter meiner Aufsicht groß geworden ist, nicht so weit gebracht haben, daß es einmal eine rechtschaffne wackre Frau würde? Reich habe ich sie freilich nicht machen können; ich bin der Wohltat selbst noch benötigt. Aber daß ich sie nicht tugendhaft, nicht verständig gemacht hätte, das kann mir nur einer nachreden, der so dumm ist als du, mein Sohn. Nimm mir es nicht übel, daß ich mit der Sprache herausrücke. Du bist so ein eingemachter Narre, so ein Stockfisch—nimm mir's nicht übel, mein Sohn—so ein überstudierter Pickelhering—aber nimm mir's nicht übel—

Damis (beiseite). Bald sollte ich glauben, daß sein erster Handel mit eingesalznen Fischen gewesen sei.—Schon gut, Herr Vater; von Julianens Tugend will ich nichts sagen; die Tugend ist oft eine Art von Dummheit. Aber was ihren Verstand anbelangt, von dem werden Sie mir erlauben, daß ich ihn noch immer in Zweifel ziehe. Ich bin nun schon eine ziemliche Zeit wieder hier; ich habe mir auch manchmal die Mühe genommen, ein paar Worte mit ihr zu sprechen: hat sie aber wohl jemals an meine Gelehrsamkeit gedacht? Ich mag nicht gelobt sein; so eitel bin ich nicht; nur muß man den Leuten ihr Recht widerfahren lassen—

Fünfter Auftritt

Chrysander. Damis. Valer.

Chrysander. Gut, gut, Herr Valer, Sie kommen gleich zur rechten
Stunde.

Damis. Was will der unerträgliche Mensch wieder?

Valer. Ich komme, Abschied von Ihnen beiden zu nehmen—

Chrysander. Abschied? so zeitig? warum denn?

Valer. Ich glaube nicht, daß Sie im Ernste fragen.

Chrysander. Gott weiß es, Herr Valer; in dem allerernstlichstem
Ernste. Ich lasse Sie wahrhaftig nicht.

Valer. Um mich noch empfindlicher zu martern? Sie wissen, wie lieb mir die Person allezeit gewesen ist, die Sie mir heute entreißen. Doch das Unglück wäre klein, wenn es mich nur allein träfe. Sie wollen noch dazu diese geliebte Person mit einem verbinden, der sie ebenso sehr haßt, als ich sie verehre? Meine ganze Seele ist voller Verzweiflung, und von nun an werde ich weder hier noch irgendswo in der Welt wieder ruhig werden. Ich gehe, um mich—

Chrysander. Nicht gehen, Herr Valer, nicht gehen! Dem Übel ist vielleicht noch abzuhelfen.

Valer. Abzuhelfen? Sie beschimpfen mich, wenn Sie glauben, daß ich jemals diesen Streich überwinden werde. Er würde für ein minder zärtliches Herz, als das meinige ist, tödlich sein.

Damis. Was für ein Gewäsche! (Setzt sich an seinen Tisch.)

Valer. Wie glücklich sind Sie, Damis! Lernen Sie wenigstens Ihr Glück erkennen; es ist der geringste Dank, den Sie dem Himmel schuldig sind. Juliane wird die Ihrige—

Chrysander. Ei, wer sagt denn das? Sie soll noch zeitig genug die
Ihrige werden, Herr Valer, nur Geduld!

Valer. Halten Sie inne mit Ihren kalten Verspottungen—

Chrysander. Verspottungen? Sie müssen mich schlecht kennen. Was ich sage, das sag ich. Ich habe die Sache nun besser überlegt; ich sehe, Juliane schickt sich für meinen Sohn nicht und er sich noch viel weniger für Julianen. Sie lieben sie; Sie haben längst bei mir um sie angehalten; wer am ersten kömmt, der muß am ersten mahlen. Ich habe eben mit meinem Sohne davon geredt—Sie kennen ihn ja—

Valer. Himmel, was hör ich? Ist es möglich? welche glückliche Veränderung! Erlauben Sie, daß ich Sie tausendmal umfange. Soll ich also doch noch glücklich sein? O Chrysander! o Damis!

Chrysander. Reden Sie mit ihm und setzen Sie ihm den Kopf ein wenig zurechte. Ich will zu Julianen gehen und ihr meinen veränderten Entschluß hinterbringen. Sie wird mir es doch nicht übelnehmen?

Valer. Übel? Sie werden ihr das Leben wiedergeben, so wie Sie es mir wiedergegeben haben.

Chrysander. Ei, kann ich das? (Geht ab.)

Sechster Auftritt

Damis. Valer. Anton.

Valer. Und in welchem Tone soll ich nun mit Ihnen reden, liebster Freund? Das erneuerte Versprechen Ihres Vaters berechtigte mich, Sie ganz und gar zu übergehen. Ich habe gewonnen, sobald Chrysander Julianen zu zwingen aufhört. Doch wie angenehm soll es mir sein, wann ich ihren Besitz zum Teil auch Ihnen werde verdanken können.

Damis. Anton!

Anton (kömmt). Was soll der? ist Ihnen die Post wieder eingefallen?

Damis. Gleich geh! sie muß notwendig da sein.

Anton. Aber ich sage Ihnen, daß sie bei so übeln Wetter vor zehn Uhr nicht kommen kann.

Damis. Gibst du abermals eine Stunde zu? Kurz, geh! und kömmst du leer wieder, so sieh dich vor!

Anton. Wenn ich diese Nacht nicht sanft schlafe, so glaube ich zeitlebens nicht mehr, daß die Müdigkeit etwas dazu helfen kann. (Gehet ab.)

Siebenter Auftritt

Damis. Valer.

Valer. So? anstatt zu antworten, reden Sie mit dem Bedienten?

Damis. Verzeihen Sie, Valer; Sie haben also mit mir gesprochen? Ich habe den Kopf so voll; es ist mir unmöglich, auf alles zu hören.

Valer. Und Sie wollen sich auch bei mir verstellen? Ich weiß die Zeit noch sehr wohl, da ich in ebendem wunderbaren Wahne stand, es ließe gelehrt, so zerstreut als möglich und auf nichts als auf sein Buch aufmerksam zu tun. Doch glauben Sie nur, der muß sehr einfältig sein, den Sie mit diesen Gaukeleien hintergehen wollen.

Damis. Und Sie müssen noch einfältiger sein, daß Sie glauben können, ein jeder Kopf sei so gedankenleer als der Ihrige. Und verdient denn Ihr Geschwätz, daß ich darauf höre? Sie haben ja gewonnen, sobald Chrysander Julianen zu zwingen aufhört; Sie sind ja berechtiget, mich zu übergehen—

Valer. Das muß doch eine besondere Art der Zerstreuung sein, in welcher man des andern Reden gleichwohl so genau höret, daß man sie von Wort zu Wort wiederholen kann.

Damis. Ihre Spötterei ist sehr trocken. (Sieht wieder auf sein Buch.)

Valer. Doch aber zu empfinden?—Was für eine Marter ist es, mit einem
Menschen von Ihrer Art zu tun zu haben? Es gibt deren wenige—

Damis. Das sollte ich selbst glauben.

Valer. Es würden sich aber mehrere finden, wenn selbst—

Damis. Ganz recht; wenn die wahre Gelehrsamkeit nicht so schwer zu erlangen, die natürliche Fähigkeit dazu gemeiner und ein unermüdeter Fleiß nicht so etwas Beschwerliches wären—

Valer. Ha! ha! ha!

Damis. Das Lachen eines wahren Idioten!

Valer. Sie reden von Ihrer Gelehrsamkeit, und ich, mit Vergebung, wollte von Ihrer Torheit reden. Hierin, meinte ich, würden Sie mehrere Ihresgleichen finden, wenn selbst diese Torheit ihren Sklaven nicht zur Last werden müßte.

Damis. Verdienen Sie also, daß ich Ihnen antworte? (Sieht wieder in sein Buch.)

Valer. Und verdienen Sie wohl, daß ich noch Freundes genug bin, mit
Ihnen ohne Verstellung zu reden? Glauben Sie mir, Sie werden Ihre
Torheiten bei mehreren Verstande bereuen—

Damis. Bei mehreren Verstande? (Spöttisch.)

Valer. Werden Sie darüber ungehalten? Das ist wunderbar! Ihr Körper kann, Ihren Jahren nach, noch nicht ausgewachsen haben, und Sie glauben, daß Ihre Seele gleichwohl schon zu ihrer möglichen Vollkommenheit gelanget sei? Ich würde den für meinen Feind halten, welcher mir den Vorzug, täglich zu mehrerm Verstande zu kommen, streitig machen wollte.

Damis. Sie!

Valer. Sie werden so spöttisch, mein Herr Nebenbuhler—Doch da ist sie selbst! (Läuft ihr entgegen.) Ah, Juliane—

Achter Auftritt

Juliane. Damis. Valer.

Juliane. Ach, Valer, welche glückliche Veränderung!—

Damis (indem er sich auf dem Stuhle umwendet). Die Ehre, Sie hier zu sehen, Mademoiselle, habe ich ohne Zweifel einem Irrtume zu danken? Sie glauben vielleicht, in Ihr Schlafzimmer zu kommen—

Juliane. Dieser Irrtum wäre unvergeblich! Nein! mein Herr, es geschieht auf Befehl Ihres Herrn Vaters, daß ich diesen heiligen Ort betrete. Ich komme, Ihnen einen Kauf aufzusagen und mich bei Ihrer Muse zu entschuldigen, daß ich beinahe in die Gefahr gekommen wäre, ihr einen so liebenswürdigen Geist abspenstig zu machen.

Valer. O wie entzückt bin ich, schönste Juliane, Sie auf einmal wieder in Ihrer Heiterkeit zu sehen.

Damis. Wenn ich das Gewäsche eines Frauenzimmers recht verstehe, so kommen Sie, ein Paktum aufzuheben, welches doch alle Requisita hat, die zu einem unumstößlichen Pakto erfordert werden.

Juliane. Und wann ich das Galimathias eines jungen Gelehrten verstehen darf, so haben Sie es getroffen.

Damis. Mein Vater ist ein Idiote. Kömmt es denn nur auf ihn oder auf Sie, Mademoiselle, an, einen Vertrag, der an meinem Teil fest bestehet, ungültig zu machen?—Es wird sich alles zeigen; nur wollte ich bitten, mich jetzt ungestört zu lassen—(Wendet sich wieder an den Tisch.)

Valer. Was für ein Bezeigen! hat man jemals einem Frauenzimmer, auf dessen Besitz man Anspruch macht, so begegnet?

Damis. Und ist man jemals einem beschäftigten Gelehrten so überlästig gewesen? Diese verdrießliche Gesellschaft loszuwerden, muß ich nur selbst meine vier Wände verlassen. (Geht ab.)

Neunter Auftritt

Valer. Juliane.

Juliane. Und wir lachen ihm nicht nach?

Valer. Nein, Juliane; eine bessere Freude mag uns jetzt erfüllen; und beinahe gehört eine Art von Grausamkeit dazu, sich über einen so kläglichen Toren lustig zu machen. Wie soll ich Ihnen die Regungen meines Herzens beschreiben, jetzt, da man ihm alle seine Glückseligkeit wiedergegeben hat? Ich beschwöre Sie, Juliane, wann Sie mich lieben, so verlassen Sie noch heute mit mir dieses gefährliche Haus. Setzen Sie sich nicht länger der Ungestümigkeit eines veränderlichen Alten, der Raserei eines jungen Pedanten und der Schwäche Ihrer eignen allzu zärtlichen Denkungsart aus. Sie sind mir in einem Tage genommen und wiedergegeben worden; lassen Sie ihn den ersten und den letzten sein, der so grausam mit uns spielen darf!

Juliane. Fassen Sie sich, Valer. Wir wollen lieber nichts tun, was uns einige Vorwürfe von Chrysandern zuziehen könnte. Sie sehen, er ist auf dem besten Wege, und ich liebe ihn ebensosehr, als ich den Damis verachte. Durch das Mißtrauen, wodurch ich mich auf einmal seiner Vorsorge entzöge, würde ich ihm für seine Wohltaten schlecht danken—

Valer. Noch immer reden Sie von Wohltaten? Ich werde nicht eher ruhig, als bis ich Sie von diesen gefährlichen Banden befreiet habe. Erlauben Sie mir, daß ich sie sogleich gänzlich vernichte und dem alten Eigennützigen—

Juliane. Nennen Sie ihn anders, Valer; er ist das nicht; und schon seine Veränderung zeigt es, daß Lisette falsch gehört oder uns hintergangen hat. Zwar weiß ich nicht, wem ich diese Veränderung zuschreiben soll—(Nachsinnend.)

Valer. Warum auf einmal so in Gedanken? Die Ursache, die ihn bewogen hat, mag sein, welche es will; ich weiß doch gewiß, daß es eine Fügung des Himmels ist.

Juliane. Des Himmels oder Lisettens. Auf einmal fällt mir ein, was Sie mir von einem Briefe gesagt haben. Sollte wohl Lisettens allzu große Dienstfertigkeit—

Valer. Welche Einbildung, liebste Juliane! Sie weiß es ja, daß Ihre
Tugend in diesen kleinen Betrug nicht willigen wollen.

Juliane. Gleichwohl, je mehr ich nachdenke—

Valer. Wenn es nun auch wäre, wollten Sie denn deswegen—

Juliane. Wann es nun auch wäre? wie?

Zehnter Auftritt

Lisette. Valer. Juliane.

Juliane. Du kömmst als gerufen, Lisette.

Lisette. Nun, gehen meine Sachen nicht vortrefflich? Wollen Sie es nicht unten mit anhören, wie sich Damis und Chrysander zanken? "Du sollst sie nicht bekommen; ich muß sie bekommen: ich bin Vater; Sie haben mir sie versprochen: ich habe mich anders besonnen; ich aber nicht: so muß es noch geschehen; das ist unmöglich: unmöglich oder nicht; kurz, ich geh nicht ab, ich will es Ihnen aus Büchern beweisen, daß Sie mir Wort halten müssen: du kannst mit deinen Büchern an den Galgen gehen."—Was wiederhole ich viel ihre närrische Reden? Der Vater hat recht; er handelt klug: er würde aber gewiß nicht so klug handeln, wenn ich nicht vorher so klug gewesen wäre.

Juliane. Wie verstehst du das, Lisette?

Lisette. Ich lobe mich nicht gerne selbst. Kurz, meine liebe Mamsell,
Ihr Schutzengel, der bin ich!

Juliane. Der bist du? und wie denn?

Lisette. Dadurch, daß ich einen Betrüger mit seiner Münze bezahlt habe. Der alte häßliche—

Juliane. Und also hast du Chrysandern betrogen?

Lisette. Ei, sagen Sie doch das nicht; einen Betrüger betrügt man nicht, sondern den hintergeht man nur. Hintergangen hab ich ihn.

Valer. Und wie?

Lisette. Schlecht genug, daß Sie es schon wieder vergessen haben.
Ich sollte meinen, erkenntlich zu sein, brauche man ein besser
Gedächtnis.

Juliane. Du hast ihm also wohl gar den falschen Brief untergeschoben?

Lisette. Behüte Gott! ich habe ihn bloß durch einen erdichteten Brief auf andere Gedanken zu bringen gesucht; und das ist mir gelungen.

Juliane. Das hast du getan? Und ich sollte mein Glück einer Betrügerin zu danken haben? Es mag mir gehen, wie es will; Chrysander soll es den Augenblick erfahren—

Lisette. Was soll denn das heißen? Ist das mein Dank?

Valer. Besinnen Sie sich, Juliane; verziehen Sie!

Juliane. Unmöglich, Valer; lassen Sie mich. (Juliane geht ab.)

Eilfter Auftritt

Valer. Lisette.

Valer. Himmel, nun ist alles wieder aus!

Lisette. So mag sie es haben! Gift und Galle möchte ich speien, so toll bin ich! Für meinen guten Willen mich eine Betrügerin zu heißen? Ich hoffte, sie würde mir vor Freuden um den Hals fallen.—Wie wird der Alte auf mich losziehen! Er jagt mich und Sie zum Hause heraus. Was wollen Sie nun anfangen?

Valer. Ja, was soll ich nun anfangen, Lisette?

Lisette. Ich glaube, Sie antworten mir mit meiner eignen Frage? Das ist bequem. Mein guter Rat hat ein Ende. Ich will mich bald wieder in so etwas mengen!

Valer. Zu was für einer ungelegnen Zeit kamst du aber auch, Lisette? Ich hatte dir es gesagt, daß Juliane in diesen Streich nicht willigen wollte. Hättest du nicht noch einige Zeit schweigen können?

Lisette. Konnte ich denn vermuten, daß sie so übertrieben eigensinnig sein würde? Sie können sich leicht einbilden, wie es mit unsereiner ist: ich hätte nicht wieviel nehmen und es gegen sie länger verbergen wollen, wem sie ihr Glück zu danken habe. Die Freude ist schwatzhaft, und—Ach, ich möchte gleich—

Zwölfter Auftritt

Anton. Valer. Lisette.

Anton (mit Briefen in der Hand). Ha! ha! haltet ihr wieder Konferenz! Wenn es mein Herr wüßte, daß in seiner eignen Stube die schlimmsten Anschläge wider ihn geschmiedet werden, er würde dich, Lisette—Aber, wie steht ihr denn da beisammen? Herr Valer scheint betrübt: du bist erhitzt, erhitzt wie ein Zinshahn. Habt ihr euch geschlagen, oder habt ihr euch sonst eine Motion gemacht? Ei, ei, Lisette! höre—(sachte zu Lisetten) du hast dich doch der Ausstattung wegen mit ihm nicht überworfen? Hat er sein Wort etwa zurückgezogen? Das wäre ein verfluchter Streich. (Laut.) Nein, nein, Herr Valer, was man verspricht, das muß man halten. Sie hat Ihnen redlich gedienet und ich auch. Zum Henker! glauben Sie denn, daß es einmal einer ehrlichen Seele keine Gewissensbisse verursachen muß, wenn sie ihre Herrschaft für null und nichts betrogen hat? Ich lasse mich nicht vexieren; und meine Forderung wenigstens—Hol' mich dieser und jener! ich nehm einen Advokaten an, einen rechten Bullenbeißer von einem Advokaten, der Ihnen gewiß so viel soll zu schaffen machen—

Lisette. Ach Narre, schweig!

Valer. Was will er denn? Mit wem sprichst du denn?

Anton. Potz Stern! mit unserm Schuldmanne sprech ich. Das können Sie ja wohl am Tone hören.

Valer. Wer ist denn dein Schuldmann?

Anton. Kommt es nun da heraus, daß Sie die Schuld leugnen wollen?
Hören Sie: mein Advokat bringt Sie zum Schwur—

Valer. Lisette, weißt denn du, was er will?

Lisette. Der Schwärmer! ich brauchte ihn vorhin zu Überbringung des
Briefes und versprach ihm, wenn die Sache gut ausfallen sollte, eine
Belohnung von Ihnen.

Valer. Weiter ist es nichts?

Anton. Ich dächte doch, das wäre genug. Und wie hält es denn mit Lisettens Ausstattung? Ich muß mich um ihr Vermögen so gut als um das meinige bekümmern, weil es doch meine werden soll.

Valer. Seid unbesorgt; wenn ich mein Glück mache, so will ich das eurige gewiß nicht vergessen.

Anton. Gesetzt aber, Sie machten es nicht? Und was versprochen ist, ist doch versprochen.

Valer. Auch alsdenn will ich euern Eifer nicht unbelohnt lassen.

Anton. Ach, das sind Komplimente, Komplimente!

Lisette. So hör einmal auf!

Anton. Bist du nicht eine Närrin; ich rede ja für dich mit.

Lisette. Es ist aber ganz unnötig.

Anton. Unnötig? habt ihr euch denn nicht gezankt?

Lisette. Warum nicht gar?

Anton. Hat er sein Versprechen nicht zurückgezogen?

Lisette. Nein doch.

Anton. O so verzeihen Sie mir, Herr Valer. Die Galle kann einem ehrlichen Manne leicht überlaufen. Ich bin ein wenig hitzig, zumal in Geldsachen. Fürchten Sie sich für den Advokaten nur nicht—

Valer. Und ich kann in einer so marternden Ungewißheit hier noch verziehen? Ich muß sie sprechen; vielleicht hat sie es noch nicht getan—

Lisette. Hat sie es aber getan, so kommen Sie dem Alten ja nicht zu nahe!

Valer. Ich habe von dem ganzen Handel nichts gewußt.

Lisette. Desto schlimmer alsdenn für mich. Gehen Sie nur.

Dreizehnter Auftritt

Anton. Lisette.

Anton. Desto schlimmer für dich? Was ist denn desto schlimmer für dich? Warum soll er denn dem Alten nicht zu nahe kommen? Was habt ihr denn wieder!

Lisette. Je, der verfluchte Brief!

Anton. Was für ein Brief?

Lisette. Den ich dir vorhin gab.

Anton. Was ist denn mit dem?

Lisette. Es ist alles umsonst; meine Mühe ist vergebens.

Anton. Wie denn so? So wahr ich lebe, ich habe ihn richtig bestellt.
Mache keine Possen und schiebe die Schuld etwa auf mich!

Lisette. Richtig übergeben ist er wohl; er tat auch schon seine Wirkung. Aber Juliane hat uns selbst einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie will es durchaus entdecken, daß es ein falscher Brief gewesen sei, und hat es vielleicht auch schon getan.

Anton. Was zum Henker, sie selbst? Da werden wir ankommen! Siehst du; nun ist der Sperling und die Taube weg. Und was das schlimmste ist: da ich die Taube habe fangen wollen, so bin ich darüber mit der Nase ins Weiche gefallen. Oder deutlicher und ohne Gleichnis mit dir zu reden: die versprochene Belohnung bei dem Alten hab ich verloren, die eingebildete bei Valeren entgeht mir auch, und aller Profit, den ich dabei machen werde, ist, nebst einem gnädigen Rippenstoße, ein Pack dich zum Teufel!—Will Sie mich alsdenn noch, Jungfer Lisette?—Oh, Sie muß mich. Ich will Sie die Leute lehren unglücklich machen—

Lisette. Es wird mir gewiß besser gehen? Wir wandern miteinander, und wenn wir nur einmal ein Paar sind, so magst du sehen, wie du mich ernährest.

Anton. Ich dich ernähren? bei der teuren Zeit? Wenn ich noch könnte mit dir herumziehen, wie der mit dem großen Tiere, das ein Horn auf der Nase hat.

Lisette. Sorge nicht, in ein Tier mit einem Horne will ich dich bald verwandeln. Es wird alsdenn doch wohl einerlei sein, ob du mit mir oder ich mit dir herumziehe.

Anton. Nu wahrhaftig, mit dir weiß man doch noch, woran man ist.
—Aber, damit wir nicht eins ins andre reden, wo ist denn nun mein
Herr? Da sind endlich seine verdammten Briefe!

Lisette. Siehst du ihn?

Anton. Nein; aber wo mir recht ist, jetzt hör ich ihn.

Lisette. Laß ihn nur kommen; toll will ich ihn noch machen, zu guter
Letzt.

Vierzehnter Auftritt

Anton. Lisette. Damis (kömmt ganz tiefsinnig; Lisette schleicht hinter ihm her und macht seine Grimassen nach).

Anton. Halt! ich will ihn noch ein wenig zappeln lassen und ihm die
Briefe nicht gleich geben. (Steckt sie ein.) Wie so tiefsinnig, Herr
Damis? was steckt Ihnen wieder im Kopfe?

Damis. Halt dein Maul!

Anton. Kurz geantwortet! Aber soll sich denn ein Bedienter nicht um seinen Herrn bekümmern? Es wäre doch ganz billig, wann ich auch wüßte, worauf Sie dächten. Eine blinde Henne findet auch manchmal ein Körnchen, und vielleicht könnte ich Ihnen—

Damis. Schweig!

Anton. Die Antwort war noch kürzer. Wenn sie stufenweise so abnimmt, so will ich einmal sehen, was übrigbleiben wird.—Was zählen Sie denn an den Fingern? Was hat Ihnen denn der arme Nagel getan, daß Sie ihn so zerreißen? (Er wird Lisetten gewahr.)—Und, zum Henker, was ist denn das für ein Affe? Kömmst du von Sinnen?

Lisette. Halt dein Maul!

Anton. Um des Himmels willen geh! Wann mein Herr aus seinem Schlafe erwacht und dich sieht—

Lisette. Schweig!

Anton. Willst du mich oder meinen Herrn zum besten haben? So sehen
Sie doch einmal hinter sich, Herr Damis!

Damis (geht einigemal tiefsinnig auf und nieder; Lisette in gleichen
Stellungen hinter ihm her; und wann er sich umwendet, schleicht sie
sich hurtig herum, daß er sie nicht gewahr wird). Meiner
Hochzeitfackel Brand Sei von mir jetzt selbst gesungen!

Anton. Ho! ho! Sie machen Verse? Komm, Lisette, nun müssen wir ihn allein lassen. Bei solcher Gelegenheit hat er mich selbst schon, mehr als einmal, aus der Stube gestoßen. Komm nur; er ruft uns gewiß selbst wieder, sobald er fertig ist, und vielleicht das ganze Haus dazu.

Lisette (indem sich Damis umwendet, bleibt sie starr vor ihm stehen und nimmt seinen Ton an). Meiner Hochzeitfackel Brand Sei von mir jetzt selbst gesungen!

(Damis tut, als ob er sie nicht gewahr würde, und stößt auf sie.)

Damis. Was ist das?

Lisette. Was ist das?

(Beide, als ob sie zu sich selbst kämen.)

Damis. Unwissender, niederträchtiger Kerl! habe ich dir nicht oft genug gesagt, keine Seele in meine Stube zu lassen als aufs höchste meinen Vater? Was will denn die hier?

Lisette. Unwissender, niederträchtiger Kerl! hast du mir es nicht oft genug gesagt, daß ich mich aus der Stube fortmachen soll? Kannst du dir denn aber nicht einbilden, daß die, welche im Kabinette hat sein dürfen, auch Erlaubnis haben werde, in der Stube zu sein? Unwissender, niederträchtiger Kerl!

Anton. Wem soll ich nun antworten?

Damis. Gleich stoße sie zur Stube hinaus!

Anton. Stoßen? mit Gewalt?

Damis. Wenn sie nicht in gutem gehen will—

Anton. Lisette, geh immer in gutem—

Lisette. Sobald es mir gelegen sein wird.

Damis. Stoß sie heraus, sag ich!

Anton. Komm, Lisette, gib mir die Hand; ich will dich ganz ehrbar herausführen.

Lisette. Grobian, wer wird denn ein Frauenzimmer mit der bloßen Hand führen wollen?

Anton. O ich weiß auch zu leben!—In Ermanglung eines Handschuhs also—(er nimmt den Zipfel von der Weste)—werde ich die Ehre haben—

Damis. Ich seh wohl, ich soll mich selbst über sie machen—(Geht auf sie los.)

Lisette. Ha! ha! ha! so weit wollte ich Sie nur gern bringen. Adieu!

Funfzehnter Auftritt

Anton. Damis.

Damis. Nun sind alle Gedanken wieder fort! Das Feuer ist verraucht; die Einbildungskraft ist zerstreut. Der Gott, der uns begeistern muß, hat mich verlassen—Verdammte Kreatur! was für Verdruß hat sie mir heute nicht schon gemacht! wie spöttisch ist sie mit mir umgegangen! Himmel! in meiner Tiefsinnigkeit mir alles so lächerlich nachzuäffen.

Anton. Sie sahen es ja aber nicht.

Damis. Ich sah es nicht?

Anton. Ja? ist's möglich? und Sie stellten sich nur so?

Damis. Schweig, Idiote!—Ich will sehen, ob ich mich wieder in die
Entzückung setzen kann—

Anton. Tun Sie das lieber nicht; die Verse können unmöglich geraten, wobei man so finster aussieht.—Darf man aber nicht wissen, was es werden wird? ein Abendlied oder ein Morgenlied?

Damis. Dummkopf!

Anton. Ein Bußlied?

Damis. Einfaltspinsel!

Anton. Ein Tischlied? auch nicht?—Ein Sterbelied werden Sie doch nicht machen? So wahr ich ehrlich bin, wenn ich auch noch so ein großer Poet wäre, das bliebe von mir ungemacht. Sterben ist der abgeschmackteste Streich, den man sich selbst spielt. Er verdient nicht einen Vers, geschweige ein Lied.

Damis. Ich muß Mitleiden mit deiner Unwissenheit haben. Du kennst keine andre Arten von Gedichten, als die du im Gesangbuche gefunden hast.

Anton. Es wird gewiß noch andre geben? So lassen Sie doch hören, was
Sie machen.

Damis. Ich mache—ein Epithalamium—

Anton. Ein Epithalamium? Potz Stern, das ist ein schwer Ding! Damit können Sie wirklich zurechte kommen? Da gehört Kunst dazu—Aber, Herr Damis, im Vertrauen, was ist denn das ein Epith—pitha—thlamium?

Damis. Wie kannst du es denn schwer nennen, wenn du noch nicht weißt, was es ist?

Anton. Ei nun, das Wort ist ja schon schwer genug. Sagen Sie mir nur ein wenig mit einem andern Namen, was es ist.

Damis. Ein Epithalamium ist ein Thalassio.

Anton. So, so! nun versteh ich's; ein Epithalamium ist ein—wie hieß es?—

Damis. Thalassio.

Anton. Ein Thalassio; und das können Sie machen? Wenigstens werden Sie viel Zeit dazu brauchen—Aber, hören Sie doch, wenn mich nun jemand fragt, was ein Thalassio ist, was muß ich ihm wohl antworten?

Damis. Auch das weißt du nicht, was ein Thalassio ist?

Anton. Ich für mein Teil weiß es wohl. Ein Thalassio ist ein—wie hieß das vorige Wort?

Damis. Epithalamium.

Anton. Ist ein Epithalamium. Und ein Epithalamium ist ein Thalassio.
Nicht wahr, ich habe es gut behalten? Aber das möchte nur andern
Leuten nicht deutlich sein, welche beide Worte nicht verstehen.

Damis. Je nun, so sage ihnen, Thalassio sei ein Hymenaeus.

Anton. Zum Henker! das heißt Leute vexieren. Ein Epithalamium ist ein Thalassio, und ein Thalassio ist ein Hymenaeus. Und so umgekehrt, ein Hym—Hym—Die Namen mag sonst einer merken!

Damis. Recht! recht! ich sehe doch, daß du anfängst einen Begriff von
Sachen zu bekommen.

Anton. Ich einen Begriff hiervon? so wahr ich ehrlich bin! Sie irren sich. Der Kobold müßte mir's eingeblasen haben, wenn ich wüßte, was die kauderwelschen Worte heißen sollen. Sagen Sie mir doch ihren deutschen Namen; oder haben sie keinen?

Damis. Sie haben zwar einen, allein er ist lange nicht von der
Annehmlichkeit und dem Nachdrucke der griechischen oder lateinischen.
Sage einmal selbst, ob ein Hochzeitgedichte nicht viel kahler klingt
als ein Epithalamium, ein Hymenaeus, ein Thalassio.

Anton. Mir nicht; wahrhaftig mir nicht! denn jenes versteh ich und dieses nicht. Ein Hochzeitgedichte haben Sie also machen wollen? Warum sagten Sie das nicht gleich?—Oh! in Hochzeitgedichten habe ich. eine Belesenheit, die erstaunend ist. Ich muß Ihnen nur sagen, wie ich dazu gekommen bin. Mein weiland seliger Vater hatte einen Vetter—und gewissermaßen war es also auch mein Vetter—

Damis. Was wird das für ein Gewäsche werden?

Anton. Sie wollen es nicht abwarten? Gut! Der Schade ist Ihre. —Weiter also: Verse auf eine Hochzeit wollten Sie machen? aber auf was denn für eine?

Damis. Welche Frage! auf meine eigne.

Anton. Sie heiraten also Julianen noch? Der Alte will es ja nicht?—

Damis. Ah der!

Anton. Es ist schon wahr; was hat sich ein Sohn um den Vater zu bekümmern? Aber sagen Sie mir doch: schickt es sich denn, daß man auf seine eigne Hochzeit Verse macht?

Damis. Gewöhnlich ist es freilich nicht; aber desto besser! Geister wie ich lieben das Besondre.

Anton (beiseite). St! jetzt will ich ihm einen Streich spielen! —(Laut.) Hören Sie nur, Herr Damis, ich werde es selbst gern sehen, wenn Sie Julianen heiraten.

Damis. Wieso?

Anton. Ich weiß nicht, ob ich mich unterstehen darf, es Ihnen zu sagen. Ich habe—ich habe selbst—

Damis. Nur heraus mit der Sprache!

Anton. Ich habe selbst versucht, Verse auf Ihre Hochzeit zu machen, und deswegen wollte ich nun nicht gern, daß meine Mühe verloren wäre.

Damis. Das wird etwas Schönes sein!

Anton. Freilich! denn das ist mein Fehler; ich mache entweder etwas
Rechtes oder gar nichts.

Damis. Gib doch her! vielleicht kann ich deine Reime verbessern, daß sie alsdenn mir und dir Ehre machen.

Anton. Hören Sie nur, ich will sie Ihnen vorlesen. (Er sucht einen Zettel aus der Tasche.) Ganz bin ich noch nicht fertig, muß ich Ihnen sagen. Der Anfang aber, aus dem auch allenfalls das Ende werden kann, klingt so—Rücken Sie mir doch das Licht ein wenig näher!—Du, o edle Fertigkeit, Zu den vorgesetzten Zwecken Tücht'ge Mittel—

Damis. Halt! du bist ein elender Stümper! Ha! ha! ha! Das du o steht ganz vergebens. Edle Fertigkeit sagt nichts weniger, und Du, o edle Fertigkeit nichts mehr. Deleatur ergo du o! Damit aber nicht zwei Silben fehlen, so verstärke das Beiwort edel, nach Art der Griechen, und sage überedel. Ich weiß zwar wohl, überedel ist ein neues Wort; aber ich weiß auch, daß neue Wörter dasjenige sind, was die Poesie am meisten von der Prose unterscheiden muß. Solche Vorteilchen merke dir! Du mußt dich durchaus bestreben, etwas Unerhörtes, etwas Ungesagtes zu sagen. Verstehst du mich, dummer Teufel?

Anton. Ich will es hoffen.

Damis. Also heißt dein erster Vers

überedle Fertigkeit

usw. Nun lies weiter!

Anton. Zu den vorgesetzten Zwecken Tücht'ge Mittel zu entdecken Und sich dann zur rechten Zeit Ihrer Kräfte zu bedienen, Wirst, so lange, bis die Welt In ihr erstes Cha- Cha- Chaos fällt, Wie die Pappelbäume grünen.

Aber, Herr Damis, können Sie mir nicht sagen, was ich hier muß gedacht haben? Verflucht! das ist schön; ich verstehe mich selbst nicht mehr. Das erste Cha—Chaos;—ich dächte, ich hätte das Wort noch nie in meinen Mund genommen, so fürchterlich klingt es mir.

Damis. Zeige doch—

Anton. Warten Sie, warten Sie! ich will es Ihnen noch einmal vorlesen.

Damis. Nein, nein; weise mir nur den Zettel her.

Anton. Sie können es unmöglich lesen. Ich habe gar zu schlecht geschrieben; kein Buchstabe steht gerade; sie hocken einer auf den andern, als ob sie Junge hecken wollten.

Damis. O so gib her!

Anton (gibt ihm den Zettel mit Zittern). Zum Henker, es ist seine eigne Hand!

Damis (betrachtet ihn einige Zeit). Was soll das heißen? (Steht zornig auf.) Verfluchter Verräter, wo hast du dieses Blatt her?

Anton. Nicht so zornig; nicht so zornig!

Damis. Wo hast du es her?

Anton. Wollen Sie mich denn erwürgen?

Damis. Wo hast du das Blatt her, frag ich?

Anton. Lassen Sie nur erst nach.

Damis. Gesteh!

Anton. Aus—aus Ihrer—Westentasche.

Damis. Ungelehrte Bestie! ist das deine Treue? Das ist ein Diebstahl; ein Plagium.

Anton. Zum Henker! des Quarks wegen mich zu einem Diebe zu machen?

Damis. Des Quarks wegen? was? den Anfang eines philosophischen
Lehrgedichts einen Quark zu nennen?

Anton. Sie sagten ja selbst, es tauge nichts.

Damis. Ja, insofern es ein Hochzeitkarmen vorstellen sollte und du der Verfasser davon wärest. Gleich schaffe die andern Manuskripte, die du mir sonst entwandt hast, auch herbei! Soll ich meine Arbeit in fremden Händen sehen? Soll ich zugeben, daß sich eine häßliche Dohle mit meinen prächtigen Pfauenfedern ausschmücke? Mach bald! oder ich werde andre Maßregeln ergreifen.

Anton. Was wollen Sie denn? Ich habe nicht einen Buchstaben mehr von
Ihnen.

Damis. Gleich wende alle Taschen um!

Anton. Warum auch nicht? Wenn ich sie umwende, so fällt ja alles heraus, was ich darin habe.

Damis. Mach und erzürne mich nicht!

Anton. Ich will ein Schelm sein, wenn Sie nur ein Stäubchen Papier bei mir finden. Damit Sie aber doch Ihren Willen haben;—hier ist die eine; da ist die andre—Was sehen Sie?—Da ist die dritte; die ist auch leer.—Nun kommt die vierte—(Indem er sie umwendet, fallen die Briefe heraus.)—Zum Henker, die verfluchten Briefe! die hatte ich ganz vergessen—(Er will sie geschwind wieder aufheben.)

Damis. Gib her, gib her! was fiel da heraus? Ganz gewiß wird es wieder etwas von mir sein.

Anton. So wahr ich lebe, es ist nichts von Ihnen. An Sie könnte es eher noch etwas sein.

Damis. Halte mich nicht auf; ich habe mehr zu tun.

Anton. Halten Sie mich nur nicht auf. Sie wissen ja, daß ich nun bald wieder auf die Post gehen muß. Ich weiß, es sind Briefe da.

Damis. Nun so geh, so geh! Aber durchaus zeige mir erst, was du so eilfertig aufhobst. Ich muß es sehen.

Anton. Zum Henker! wenn das ist, so brauche ich nicht auf die Post zu gehen.

Damis. Wieso?

Anton. Nu, nu! da haben Sie es. Ich will hurtig gehen. (Er gibt ihm den Brief und will fortlaufen.)

Damis (indem er ihn besieht). Je, Anton, Anton! das ist ja eben der
Brief aus Berlin, welchen ich erwarte. Ich kenn ihn an der Aufschrift.

Anton. Es kann wohl sein, daß er es ist. Aber, Herr Damis, werden Sie nur—nur nicht ungehalten. Ich hatte es, bei meiner armen Seele! ganz vergessen—

Damis. Was hast du denn vergessen?

Anton. Daß ich den Brief, beinahe schon eine halbe Stunde, in der
Tasche trage. Mit dem verdammten Plaudern!—

Damis. Weil er nun da ist, so will ich dir den dummen Streich verzeihen.—Aber, allerliebster Anton, was müssen hierin für unvergleichliche, für unschätzbare Nachrichten stehen! Wie wird sich mein Vater freuen! Was für Ehre, was für Lobsprüche!—O Anton!—ich will dir ihn gleich vorlesen—(Bricht ihn hastig auf.)

Anton. Nur sachte, sonst zerreißen Sie ihn gar. Nun da! sagte ich's nicht?

Damis. Es schadet nichts; er wird doch noch zu lesen sein.—Vor allen Dingen muß ich dir sagen, was er betrifft. Du weißt, oder vielmehr du weißt nicht, daß die Preußische Akademie auf die beste Untersuchung der Lehre von den Monaden einen Preis gesetzt hat. Es kam mir noch ganz spät ein, unsern Philosophen diesen Preis vor dem Maule wegzufangen. Ich machte mich also geschwind darüber und schrieb eine Abhandlung, die noch gleich zur rechten Zeit muß gekommen sein.—Eine Abhandlung, Anton—ich weiß selbst nicht, wo ich sie hergenommen habe, so gelehrt ist sie. Nun hat die Akademie vor acht Tagen ihr Urteil über die eingeschickten Schriften bekanntgemacht, welches notwendig zu meiner Ehre muß ausgefallen sein. Ich, ich muß den Preis haben und kein andrer. Ich habe es einem von meinen Freunden daselbst heilig eingebunden, mir sogleich Nachricht davon zu geben. Hier ist sie; nun höre zu.

"Mein Herr,

"Wie nahe können Sie einem Freunde das Antworten legen! Sie drohen mir mit dem Verluste Ihrer Liebe, wenn Sie nicht von mir die erste Nachricht erhielten, ob Sie oder ein anderer den akademischen Preis davongetragen hätten. Ich muß Ihnen also in aller Eil' melden, daß Sie ihn nicht—(stotternd) bekommen haben und auch—(immer furchtsamer) nicht haben—bekommen können.—"

Was? ich nicht? und wer denn? und warum denn nicht?—

"Erlauben Sie mir aber, daß ich als ein Freund mit Ihnen reden darf."

So rede, Verräter!

"Ich habe Ihnen unmöglich den schlimmen Dienst erweisen können, Ihre
Abhandlung zu übergeben.—"

Du hast sie also nicht übergeben, Treuloser? Himmel, was für ein Donnerschlag!—So soll mich deine Nachlässigkeit, unwürdiger Freund, um die verdienteste Belohnung bringen?—Wie wird er sich entschuldigen, der Nichtswürdige?

"Wenn ich es frei gestehen soll, so scheinen Sie etwas ganz anders getan zu haben, als die Akademie verlangt hat. Sie wollte nicht untersucht wissen, was das Wort Monas grammatikalisch bedeute? wer es zuerst gebraucht habe? was es bei dem Xenokrates anzeige? ob die Monaden des Pythagoras die Atomi des Moschus gewesen? usw. Was ist ihr an diesen kritischen Kleinigkeiten gelegen, und besonders alsdann, wann die Hauptsache dabei aus den Augen gesetzt wird? Wie leicht hätte man Ihren Namen mutmaßen können, und Sie würden vielleicht Spöttereien sein ausgesetzt worden, dergleichen ich nur vor wenig Tagen in einer gelehrten Zeitung über Sie gefunden habe.—"

Was lese ich? kann ich meinen Augen trauen? Ah, verfluchtes Papier! verfluchte Hand, die dich schrieb! (Wirft den Brief auf die Erde und tritt mit den Füßen darauf.)

Anton. Der arme Brief! man muß ihn doch vollends auslesen! (Hebt ihn auf.) Das Beste kömmt vielleicht noch, Herr Damis. Wo blieben Sie? Da, da! hören Sie nur!

"… gelehrten Zeitung gefunden habe.—Man nennt Sie ein junges Gelehrtchen, welches überall gern glänzen möchte und dessen Schreibesucht—"

Damis (reißt ihm den Brief aus der Hand). Verdammter Korrespondent! —Das ist der Lohn, den dein Brief verdient! (Er zerreißt ihn.) Du zerreißest mein Herz, und ich zerreiße deine unverschämte Neuigkeiten. Wollte Gott, daß ich ein gleiches mit deinem Eingeweide tun könnte! Aber—(zu Anton) du nichtswürdige, unwissende Bestie! An alledem bist du schuld!

Anton. Ich, Herr Damis?

Damis. Ja du! wie lange hast du nicht den Brief in der Tasche behalten?

Anton. Herr, meine Tasche kann weder schreiben noch lesen: wenn Sie etwa denken, daß ihn die anders gemacht hat—

Damis. Schweig! Und solche Beschimpfungen kann ich überleben?—O ihr dummen Deutschen! ja freilich, solche Werke, als die meinigen sind, gehörig zu schätzen, dazu werden andre Genies erfordert! Ihr werdet ewig in eurer barbarischen Finsternis bleiben und ein Spott eurer witzigen Nachbarn sein!—Ich aber will mich an euch rächen und von nun an aufhören, ein Deutscher zu heißen. Ich will mein undankbares Vaterland verlassen. Vater, Anverwandte und Freunde, alle, alle verdienen es nicht, daß ich sie länger kenne, weil sie Deutsche sind; weil sie aus dem Volke sind, das ihre größten Geister mit Gewalt von sich ausstößt. Ich weiß gewiß, Frankreich und Engeland werden meine Verdienste erkennen—

Anton. Herr Damis, Herr Damis, Sie fangen an zu rasen. Ich bin nicht sicher bei Ihnen; ich werde jemand rufen müssen.

Damis. Sie werden es schon empfinden, die dummen Deutschen, was sie an mir verloren haben! Morgen will ich Anstalt machen, dieses unselige Land zu verlassen—

Sechzehnter Auftritt

Chrysander. Damis. Anton.

Anton. Gott sei Dank, daß jemand kömmt!

Chrysander. Das verzweifelte Mädel, die Lisette! Und (zu Anton) du, du Spitzbube! du sollst dein Briefträgerlohn auch bekommen, Mich so zu hintergehen? schon gut!—Mein Sohn, ich habe mich besonnen; du hast recht; ich kann dir Julianen nun nicht wieder nehmen. Du sollst sie behalten.

Damis. Schon wieder Juliane? Jetzt, da ich ganz andre Dinge zu beschließen habe—Hören Sie nur auf damit; ich mag sie nicht.

Chrysander. Es würde unrecht sein, wenn ich dir länger widerstehen wollte. Ich lasse jedem seine Freiheit; und ich sehe wohl, Juliane gefällt dir—

Damis. Mir? eine dumme Deutsche?

Chrysander. Sie ist ein hübsches, tugendhaftes, aufrichtiges Mädchen; sie wird dir tausend Vergnügen machen.

Damis. Sie mögen sie loben oder schelten; mir gilt alles gleich. Ich weiß mich nach Ihrem Willen zu richten, und dieser ist, nicht an sie zu gedenken.

Chrysander. Nein, nein; du sollst dich über meine Härte nicht beklagen dürfen.

Damis. Und Sie sich noch weniger über meinen Ungehorsam.

Chrysander. Ich will dir zeigen, daß du einen gütigen Vater hast, der sich mehr nach deinem als nach seinem eignen Willen richtet.

Damis. Und ich will Ihnen zeigen, daß Sie einen Sohn haben, der Ihnen in allen die schuldige Untertänigkeit leistet.

Chrysander. Ja, ja; nimm Julianen! Ich gebe dir meinen Segen.

Damis. Nein, nein; ich werde Sie nicht so erzürnen—

Chrysander. Aber was soll denn das Widersprechen? Dadurch erzürnst du mich!

Damis. Ich will doch nicht glauben, daß Sie sich im Ernste schon zum drittenmal anders besonnen haben?

Chrysander. Und warum das nicht?

Damis. Oh, dem sei nun, wie ihm wolle! Ich habe mich gleichfalls geändert und fest entschlossen, ganz und gar nicht zu heiraten. Ich muß auf Reisen gehen, und ich werde mich, je eher, je lieber, davonmachen.

Chrysander. Was? du willst ohne meine Erlaubnis in die Welt laufen?

Anton. Das geht lustig! Der dritte Mann fehlt noch, und den will ich gleich holen. Damis will Julianen nicht, vielleicht fischt sie Valer. (Gehet ab.)

Siebzehnter Auftritt

Chrysander. Damis.

Damis. Ja, ja; in zweimal vierundzwanzig Stunden muß ich schon unterwegens sein.

Chrysander. Aber was ist dir denn in den Kopf gekommen?

Damis. Ich bin es längst überdrüssig gewesen, länger in Deutschland zu bleiben; in diesem nordischen Sitze der Grobheit und Dummheit; wo es alle Elemente verwehren, klug zu sein; wo kaum alle hundert Jahr ein Geist meinesgleichen geboren wird—

Chrysander. Hast du vergessen, daß Deutschland dein Vaterland ist?

Damis. Was Vaterland!

Chrysander. Du Bösewicht, sprich doch lieber gar: was Vater! Aber ich will dir es zeigen: du mußt Julianen nehmen; du hast ihr dein Wort gegeben und sie dir das ihrige.

Damis. Sie hat das ihrige zurückgenommen wie ich jetzt das meinige; also—

Chrysander. Also!—also!—Kurz von der Sache zu reden, glaubst du, daß ich vermögend bin, dich zu enterben, wann du mir nicht folgest?

Damis. Tun Sie, was Sie wollen. Nur, wann ich bitten darf, lassen Sie mich jetzt allein. Ich muß vor meiner Abreise noch zwei Schriften zustande bringen, die ich meinen Landsleuten, aus Barmherzigkeit, noch zurücklassen will. Ich bitte nochmals, lassen Sie mich—

Chrysander. Willst du mich nicht lieber gar zur Tür hinausstoßen?

Achtzehnter Auftritt

Valer. Anton. Chrysander. Damis.

Valer. Wie, Damis? ist es wahr, daß Sie wieder zu sich selbst gekommen sind?—daß Sie von Julianen abstehen?

Chrysander. Ach, Herr Valer, Sie könnten mir nicht ungelegener kommen. Bestärken Sie ihn fein in seinem Trotze. So? Sie verdienten es wohl, daß ich mich nach Ihrem Wunsche bequemte? Mich auf eine so gottlose Art hintergehen zu wollen?—Mein Sohn, widersprich mir nicht länger, oder—

Damis. Ihre Drohungen sind umsonst. Ich muß mich fremden Ländern zeigen, die sowohl ein Recht auf mich haben als das Vaterland. Und Sie verlangen doch nicht, daß ich eine Frau mit herumführen soll?

Valer. Damis hat recht, daß er auf das Reisen dringt. Nichts kann ihm, in seinen Umständen, nützlicher sein. Lassen Sie ihm seinen Willen, und mir lassen Sie Julianen, die Sie mir so heilig versprochen haben.

Chrysander. Was versprochen? Betrügern braucht man sein Wort nicht zu halten.

Valer. Ich habe es Ihnen schon beschworen, daß einzig und allein Lisette diesen Betrug hat spielen wollen, ohne die wir von dem Dokumente gar nichts wissen würden.—Wie glücklich, wann es nie zum Vorschein gekommen wäre! Es ist das grausamste Glück, das Julianen hat treffen können. Wie gern würde sie es aufopfern, wenn sie dadurch die Freiheit über ihr Herz erhalten könnte.

Chrysander. Aufopfern? Herr Valer, bedenken Sie, was das sagen will.
Wir Handelsleute fassen einander gern bei dem Worte.

Valer. Oh, tun Sie es auch hier! Mit Freuden tritt Ihnen Juliane das Dokument ab. Fangen Sie den Prozeß an, wenn Sie wollen; der Vorteil davon soll ganz Ihnen gehören. Juliane hält dieses für das kleinste Zeichen ihrer Dankbarkeit. Sie glaubt Ihnen noch weit mehr schuldig zu sein.—

Chrysander. Nu, nu, sie ist mir immer ganz erkenntlich vorgekommen—Aber was würden Sie denn, Valer, als ihr künft'ger Mann, zu dieser Dankbarkeit sagen?

Valer. Denken Sie besser von mir. Ich habe Julianen geliebt, da sie zu nichts Hoffnung hatte. Ich liebe sie auch noch, ohne die geringste eigennützige Absicht. Und ich bitte Sie: was schenkt man denn einem ehrlichen Manne, wenn man ihm einen schweren Prozeß schenkt?

Chrysander. Valer, ist das Ihr Ernst?

Valer. Fordern Sie noch mehr als das Dokument; mein halbes Vermögen ist Ihre.

Chrysander. Da sei Gott vor, daß ich von Ihrem Vermögen einen Heller haben wollte! Sie müssen mich nicht für so eigennützig ansehen.—Wir sind gute Freunde, und es bleibt bei dem alten: Juliane ist Ihre! Und wenn das Dokument meine soll, so ist sie um so viel mehr Ihre.

Valer. Kommen Sie, Herr Chrysander, bekräftigen Sie ihr dieses selbst!
Wie angenehm wird es ihr sein, uns beide vergnügt machen zu können.

Chrysander. Wenn das ist, Damis; so kannst du meinetwegen noch heute die Nacht fortreisen. Ich will Gott danken, wenn ich dich Narren wieder aus dem Hause los bin.

Damis. Gehen Sie doch nur, und lassen Sie mich allein.

Valer. Damis, und endlich muß ich Ihnen doch noch mein Glück verdanken? Ich tue es mit der aufrichtigsten Zärtlichkeit, ob ich schon weiß, daß ich die Ursache Ihrer Veränderung nicht bin.

Damis. Aber die wahre Ursache?—(Zu Anton.) Verfluchter Kerl, hast du dein Maul nicht halten können?—Gehen Sie nur, Valer—

(Indem Chrysander und Valer abgeben wollen, hält Anton Valeren zurück.)

Anton (sachte). Nicht so geschwind! Wie steht es mit Lisettens
Ausstattung, Herr Valer? und mit—

Valer. Seid ohne Sorgen; ich werde mehr halten, als ich versprochen habe.

Anton. Juchhe! nun war die Taube gefangen.

Letzter Auftritt

Damis (an seinem Tische). Anton.

Anton. Noch ein Wort, Herr Damis, habe ich mit Ihnen zu reden.

Damis. Und?—

Anton. Sie wollen auf Reisen gehen?—

Damis. Zur Sache! es ist schon mehr als ein Wort.

Anton. Je nun! meinen Abschied.

Damis. Deinen Abschied? Du denkst vielleicht, daß ich dich ungelehrten Esel mitnehmen würde?

Anton. Nicht? und ich habe also meinen Abschied? Gott sei Dank! empfangen Sie nun auch den Ihrigen, welcher in einer kleinen Lehre bestehen soll. Ich habe Ihre Torheiten nun länger als drei Jahr angesehen und selber alber genug dabei getan, weil ich weiß, daß ein Bedienter, wenn sein Herr auch noch so närrisch ist—

Damis. Unverschämter Idiote, wirst du mir aus den Augen gehen?

Anton. Je nun! wem nicht zu raten steht, dem steht auch nicht zu helfen. Bleiben Sie zeitlebens der gelehrte Herr Damis! (Gehet ab.)

Damis. Geh, sag ich, oder!—

(Er wirft ihm sein Buch nach, und das Theater fällt zu.)

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Ephraim Lessing.

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