Der Krieg der Elben, Dritter Band der Elben-Trilogie

Alfred Bekker · Kapitel 1 von 5 · Teil 2/4

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Der Krieg der Elben, Dritter Band der Elben-Trilogie

Erstes Buch

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.

»Ja, dessen bin ich mir bewusst«, murmelte Keandir. Er ließ den Blick noch einmal über das grausige Schlachtfeld schweifen. Bei manchem der gefallenen Elbenkrieger war das Gesicht derart zerstört, dass der Tote nicht einmal mehr zu identifizieren war.

Zur selben Zeit.

An einem anderen Ort.

Magolas stöhnte laut auf, doch in diesem Moment zog sich die dunkle Hand, die aus purer Finsternis zu bestehen schien, wieder zurück. Ein dumpfer Schrei durchdrang die Hallen des sechstürmigen Tempels, der mitten in den dichten Wäldern Karanors an einem geheimen Ort lag. Ein Schrei des Zorns über eine Niederlage. So zumindest interpretierte Magolas diesen Laut.

Er stand ungefähr zehn Schritte von dem Altar entfernt, der aus einem großen Steinquader bestand und mit magischen Artefakten überhäuft war, darunter auch die beiden Zauberstäbe des Augenlosen Sehers. Auch an den steinernen Wänden waren Artefakte aller Art angebracht, und von der Decke hingen Totenschädel unterschiedlicher Form und Herkunft an fein gesponnenen, fast unsichtbaren Fäden sowie ein groteskes, grausiges Mobile aus bleichen Knochen, das sich beim kleinsten Lufthauch innerhalb der Tempelmauern bewegte und klapperte.

Auch die Elbensteine hätten in diesen Tempel gehört, wenn es nach Xaror gegangen wäre, der seit einem misslungenen magischen Experiment im Limbus gefangen war und darauf wartete, in die diesseitige Welt zurückkehren zu können.

Genau dazu dienten all diese mit Zauberkraft gefüllten Gegenstände, die der Bruder des Augenlosen Sehers, dessen Dunkles Reich für ganze Zeitalter das Zwischenland beherrscht hatte, durch ihm hörige Wesen im Laufe der Zeit hatte sammeln lassen.

Der von den Trorks des Wilderlands als Gott verehrte Axtherrscher war zusammen mit seiner Horde von sechsfingrigen Gnomen Magolas’ Vorgänger gewesen, und jene Gnomen, die vor dem sechstürmigen Tempel Wache gehalten hatte, waren von Magolas’ Soldaten erschlagen worden. Nun bewachten Rhagar-Soldaten den Tempel und schirmten ihn weiträumig gegen jeden ab, der es wagte, sich in die Nähe dieses Gebäudes zu begeben. Dieser Tempel war zum wahren Zentrum jenes Reichs geworden, das Magolas mit dem Schwert geschaffen hatte, und dies ausgerechnet mit der Unterstützung eines Elbenheers, dessen Oberbefehlshaber zudem noch der treue Prinz Sandrilas gewesen war. Denn eigentlich hatte das Königreich Aratan zum Bollwerk werden sollen gegen die von den Südwestlanden ausgehende Gefahr eines neuen geeinten Rhagar-Imperiums, doch unter Magolas’ Herrschaft war es ironischerweise zum Mittelpunkt eines ebensolchen Menschenreichs geworden. Ein Menschenreich, das Magolas inzwischen nur noch vorkam wie der Vorposten einer noch viel größeren Macht, die nur darauf wartete, sich im Zwischenland wieder voll entfalten zu können.

Ein Statthalter auf Zeit war er, ging es Magolas durch den Sinn. Und noch dazu ein Statthalter des Bösen…

Aber er hatte keine andere Wahl, denn wenn er Xaror die Gefolgschaft versagte, bestand keinerlei Hoffnung für seine geliebte Larana, deren lächerlich kurze menschliche Lebensspanne längst ihr Ende gefunden hätte, wäre diese nicht durch Xarors Magie künstlich verlängert worden.

Die Hand aus purer Finsternis hatte für einen Zeitraum, den Magolas im Nachhinein kaum bestimmen konnte, den Kopf des Großkönigs vollkommen umfasst. Nun zog sie sich in den großen schwarzen Fleck zurück, der sich vor dem Altar auf dem Boden befand. Selbst ein Elb mit seinen scharfen Augen vermochte die Natur dieses ungefähr fünf Schritte durchmessenden Flecks nicht näher zu bestimmen. Er wirkte wie eine Öffnung ins Nichts, eine Wunde in der Struktur der Wirklichkeit. Ein Schlund, der bodenlos erschien und der bei jedem von Magolas’ Besuchen im Tempel immer größer wurde.

Bisher war Xarors böser Geist nur im Inneren des Tempels aktiv gewesen; außerhalb der mächtigen Mauern des sechstürmigen Gebäudes konnte er kaum handeln. Dieser Tempel, der wohl einst vom Volk der Sechs Finger errichtet worden war, um seinem gottgleichen Herrscher zu huldigen, war auf lange Zeit sein Gefängnis gewesen. Doch der einstige Herr des Dunklen Reichs bereitete sich offenbar darauf vor, auch körperlich in die Welt der Lebenden zurückzukehren und die Herrschaft über das Zwischenland erneut an sich zu reißen.

Was würde Magolas dann bleiben? Der Status eines Vasallen?

Aber dafür würde Laranas Leben ewig währen. So lange, wie Xaror seinem Diener Magolas jenen Zaubertrank lieferte, den er die »Essenz des Lebens« nannte.

Über die Möglichkeit, diesen Trank oder ein magisches Pendant dazu selbst herzustellen, wagte Magolas innerhalb der Mauern des Tempels nicht einmal nachzudenken, denn er wusste, dass Xarors Macht längst groß genug war, um seine Seele zu durchdringen. Es gab keine Geheimnisse vor dem einstigen Herrn des Dunklen Reichs. Zumindest nicht innerhalb der Tempelmauern. Wie weit sein geistiger Einfluss inzwischen tatsächlich reichte, vermochte Magolas nicht abzuschätzen. Jedenfalls wuchs dieser Einfluss ständig. Und Magolas trug dazu bei, indem er den Befehlen seines Herrn willig folgte und weitere magische Artefakte aus allen Teilen des Magolasischen Reichs herbeischaffen ließ, damit deren Kraft Xaror zufließen konnte.

Magolas fühlte Schwindel. Alles drehte sich für einige Momente vor seinen Augen. Aber er hielt sich auf den Beinen.

Wie groß seine Macht war, hatte Xaror soeben gezeigt, indem er den Großkönig dazu benutzt hatte, über die geistige Verbindung und das seelische Band zwischen Magolas und seinem Vater den Elbenkönig ausfindig zu machen und diesen einem magischen Angriff auszusetzen.

»Sind die Elbensteine denn so wichtig?«, fragte Magolas.

»Du hast die Zauberstäbe deines Bruders, des Augenlosen Sehers von Naranduin, in deinem Besitz. Sie dürften viel mächtiger sein als die Steine – zumal dein Sklave, der Axtherrscher, ziemlich leichtfertig den Elbenstein Athrandil vernichtete.«

»Die Elbensteine sind ein Symbol«, antwortete die Gedankenstimme Xarors. »Um meinen Plan zu verwirklichen, in die Welt der Lebenden und ins Zwischenland zurückzukehren, wären sie mir zwar nützlich, aber nicht zwingend notwendig, da – wie du richtig festgestellt hast – ihre Magie ohnehin durch den unwiederbringlichen Verlust eines der Steine stark geschwächt wurde. Aber ich sehe die Linien des Schicksals. Eines Schicksals, das dein Vater durch die Macht seines Schwerts bis in die Zukunft hinein zu bestimmen versucht. Das Elbenreich ist das größte Hindernis auf dem Weg, meine alte Macht wiederzuerlangen. Doch ohne seinen König wird das Elbenreich sehr wahrscheinlich zerfallen oder in Agonie versinken; einige sehr starke Schicksalslinien deuten in diese Richtung. Je schneller er beseitigt ist, desto besser für mich – und auch für dich, Magolas.«

»Er ist mein Vater«, gab Magolas zu bedenken.

»Und doch steht er dir im Weg, denn er hätte dich auf Zeitalter hinaus niemals seine Nachfolge antreten lassen.« Ein glucksender Laut drang aus der Tiefe des finsteren Schlunds.

Ein Laut, der entfernte Ähnlichkeit mit einem Kichern hatte.

»Mit zunehmender Dauer einer Herrschaft tendiert der Herrscher dazu, sich für unentbehrlich zu halten. Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Glaub mir, du wärst niemals König der Elben geworden!«

»Darum habe ich mir mein eigenes Reich geschaffen.«

»Ein Reich, das du mir bereitwillig zu Füßen gelegt hast, um das Leben deiner Geliebten zu verlängern«, erwiderte Xaror.

»Daran siehst du, wie groß die Macht der Gefühle über deine Seele ist. Aber im Fall deines Vaters solltest du dich nicht von ihnen leiten lassen. Du gefährdest damit das Leben deiner geliebten Menschenprinzessin!«

Magolas versetzte die Drohung einen Stich. Xaror schien sich der Loyalität des Großkönigs – den er als Sklave zu bezeichnen beliebte – noch nicht völlig sicher zu sein und es daher als notwendig zu erachten, Magolas eindrücklich an die Machtverhältnisse zu erinnern: Xaror konnte seine geliebte Larana sterben lassen oder ihr ein Weiterleben über Zeitalter hinweg ermöglichen.

»Die Kraft der Finsternis ist sehr stark in deinem Vater«, stellte er fest.

»Das Gleiche sagt man von mir – und es zeigt sich inzwischen auch in der Schwärze meiner Augen.«

»Ja, denn du hast dieser Kraft immer viel offener gegenübergestanden als König Keandir. Du bist von Anfang an ein Kind der Finsternis gewesen, während er immer noch glaubt, ein König des Lichtes sein zu können.«

Manchmal erschreckte es Magolas, dass der einstige Herrscher des Dunklen Reichs inzwischen offenbar sein gesamtes Wissen in sich aufgesogen hatte. Bei seinen Besuchen im Tempel hatte Magolas gespürt, wie die geistigen Fühler Xarors seine Seele erforscht hatten – bis zu ihrem Grund. Xaror wusste über König Keandir all das, was seinem Sohn bekannt war. Bei dem Gedanken, dass er allein dadurch schon Xaror entscheidende Vorteile im Kampf gegen den Elbenkönig verschaffte, zog sich Magolas der Magen zusammen.

Er musste an die Prophezeiung des Axtherrschers denken, wonach man sein Schwert dereinst »Elbentöter« nennen würde. Im übertragenen Sinn war er selbst bereits zu einem Elbentöter geworden, denn sein Wissen und die geistige Verbindung zu seinem Vater hatten es ermöglicht, dass ein Trupp von Elbenkriegern, der den König auf seinem Weg durch die Berge von Hoch-Elbiana begleitet hatte, bis auf wenige Überlebende ausgelöscht worden war.

Rauch stieg aus dem finsteren Schlund auf. Er verdichtete sich zu einem Schwarm kleiner schwarzer Teilchen, die zuerst sehr unruhig durcheinanderschwirrten und dann miteinander zu verklumpen schienen. Diese Wolke aus Finsternis schwebte zum Altar und setzte sich an der vorderen Kante des Steinquaders fest. Einige der Artefakte gerieten in Bewegung, manche fielen von der Steinplatte. Ein Kelch, verziert mit den Totenköpfen von Eidechsen, deren Augen mit Rubinen und Bernstein besetzt waren, rollte über den Boden und verschwand in dem dunklen Schlund; das Gefäß wurde von Finsternis umfangen und war nicht mehr zu sehen. Ein Geräusch, das einem zufriedenen Aufstoßen ähnelte, drang daraufhin aus der Tiefe.

Dann löste sich die dunkle Wolke auf und gab den Blick auf ein kolbenförmiges Tongefäß frei, das mit einem Korken verschlossen war.

Die Essenz des Lebens!, erkannte Magolas. Jener magische Trank, der seiner Gemahlin das Leben gegeben und die Geburt ihrer Kinder Daron und Sarwen überhaupt erst ermöglicht hatte.

»Nimm dir, weswegen du mich in meiner Einsamkeit aufgesucht hast«, forderte Xaror den Großkönig des Magolasischen Reichs auf. »Nimm dir, was dir zusteht für deine Dienste, Sklave!«

Ein schauderhaftes Gelächter hallte in Magolas’ Kopf.

Gleichzeitig drangen glucksende Laute aus dem dunklen Schlund, die nahezu unerträglich widerlich für das feine Empfinden eines Elben waren. Ein kühler Luftzug wehte aus dem Schlund. Ein Eishauch, der das schaurige Knochenmobile unter der Tempelkuppel zum Klappern brachte. Gleichzeitig stieg der Gestank von Verwesung und Fäulnis aus der bodenlosen Tiefe. Eine Aura unvorstellbaren Alters schien sich von dort aus auszubreiten und den gesamten Tempel auszufüllen.

Magolas presste die Lippen aufeinander und dämpfte seine Sinne, um nicht der vollen Gewalt dieser schauderhaften Eindrücke ausgesetzt zu sein.

Aber trotz all der Fremdheit, die er diesem Wesen gegenüber empfand, dessen eigene Hybris es in den Limbus verbannt hatte, gab es doch auch etwas wie ein Band zwischen dem ehemaligen Herrscher des Dunklen Reichs und Magolas. Ein Band, das über die Tatsache hinausging, dass Xaror ihn jederzeit mit dem Leben seiner Gemahlin zu erpressen vermochte.

Die Finsternis, erkannte Magolas. Es war die Finsternis der Seele, die sie bei allem, was sie ansonsten trennen mochte, gemein hatten…

»Du hast lange gebraucht für diese Erkenntnis, Sklave!«, lautete Xarors von einem spöttischen Lachen begleitete Antwort.

Magolas ging zum Altar und umrundete dabei den dunklen Schlund, dessen Gestank trotz der Sinnesdämpfung unerträglich zu werden drohte. Augenblicke später umfasste seine Hand das Gefäß mit der Essenz des Lebens und nahm es von der Steinplatte. Laranas Weiterleben war damit für einige Zeit gesichert. Für wie lange, war schwer vorhersehbar.

Manchmal war ihr Bedarf an der Essenz sehr groß, und sie brauchte bereits nach wenigen Wochen mehr davon. Es kam aber auch vor, dass die Menge für Monate oder gar Jahre vorhielt, je nachdem, wie heftig der Tod versuchte, sie in sein finsteres Reich zu ziehen, und wie schnell ihre mitunter erschreckend schwachen Kräfte schwanden. Magolas war sich nicht einmal sicher, ob Xaror die Wirksamkeit der Essenz nicht auf irgendeine Weise abschwächen konnte, wenn er wollte, dass der Großkönig in seinem Tempel erschien.

Magolas wich von dem Altar zurück und stellte sich wieder in einiger Entfernung hin.

»Bevor du gehst, möchte ich dir etwas zeigen, Sklave«, kündigte Xaror an.

»Ich werde mir aufmerksam anschauen, was immer du mir vor Augen führst, Gebieter«, antwortete Magolas gehorsam.

»Es sind die Wege des neuen Schicksals. Eines Schicksals, das nicht mehr maßgeblich von deinem Vater beeinflusst wird.

Was ich dir zeigen will, Sklave, ist das, was geschehen wird!«

Die Schwärze des Schlunds spiegelte plötzlich das Licht wider und wirkte auf einmal wie die Oberfläche einer öligen Flüssigkeit. Bilder erschienen auf dieser Fläche.

Marschierende Kolonnen von schwer gerüsteten Soldaten waren zu sehen. Es waren Rhagar, und sie führten gewaltige Kampfmaschinen mit sich: Katapulte, wie sie schon in der Armee des Eisenfürsten Comrrm verwendet worden waren.

Doch dann veränderten sich die bewegten Szenen, und Magolas sah ganze Züge von Monstren. Kreaturen, deren Ungeschlachtheit an die Riesen Zylopiens oder die Trorks des Wilderlands erinnerten. Aber ihre Waffen und ihre Rüstungen hatten nichts mit den primitiven Steinwaffen der Trorks gemein: Leicht gebogene Schwerter von monströser Größe, Armbrüste, Bögen, Schleudern und Morgensterne sah Magolas, aber auch Hellebarden und Piken. Die Köpfe der Kreaturen glichen denen von Stieren. Ihre Kavallerie saß auf gewaltigen Pferden, die an die Rösser erinnerten, auf denen der Axtherrscher und seine Gnomenkrieger geritten waren. Dann folgten Krieger mit Katzenköpfen und Kreaturen, die so absonderlich waren, dass sie wie Ausgeburten einer unbekannten Hölle wirkten, groteske Parodien primitiver Gottheiten, wie die Rhagar sie in ihrer Frühzeit verehrt hatten, bevor sie angefangen hatten, dem Sonnengott zu huldigen.

»Das sind die Geschöpfe des Limbus«, erklärte Xaror. »Ich habe sie um mich geschart und die Äonen meines Exils genutzt, um sie meinem Willen zu unterwerfen. Sie gehen, wohin immer ich sie befehle. Sie sind von der gleichen Finsternis erfüllt wie du, Sklave – und ihre Arme erlahmen im Kampf nie. In Kürze wird meine Kraft groß genug sein, um die Ersten von ihnen in die Welt der Lebenden zu entlassen. Sie werden die Boten meiner kommenden Herrschaft sein, und selbst das Elbenreich wird ihnen nichts entgegenzusetzen haben. Du kannst an meiner Herrschaft teilhaben, Sklave. Als mein Wesir, denn die Finsternis in dir ist sehr stark, sodass ich keinen Zweifel habe, dass du dieser Aufgabe gewachsen bist.

So wie auch deine Kinder.« Erneut erklangen kichernde Laute.

»Vasallen der Finsternis werden sie sein, wie ihr Vater und ihr Großvater. Du hast den Strom der Zukunft gesehen. Die Wogen des Schicksals werden dich emportragen oder verschlingen, das liegt ganz in deiner Hand – so wie auch das Leben deiner Rhagar-Prinzessin. Aber darüber brauchen wir wohl kein Wort mehr zu verlieren, Sklave…«

»Ich bin dein gehorsamer Diener, Xaror«, versicherte Magolas.

»Das weiß ich. Denn glaube mir, wenn ich nur den geringsten Zweifel daran hätte, wärst du nicht mehr am Leben.«

Dann gestattete Xaror dem Großkönig, sich zu entfernen.

Dies geschah durch einen einfachen Gedanken, der nicht in Worte gefasst war, sondern eher einem Zeichen glich, das Magolas bedeutete, dass der einstige Herr des Dunklen Reichs ihn entließ.

Schauder hatte Magolas angesichts der Heere erfasst, die Xaror aus den Kreaturen des Limbus gebildet hatte. Doch schauderte ihn auch, weil er ahnte, welche Rolle er selbst in der künftigen Auseinandersetzung um die Herrschaft im Zwischenland innehaben würde.

Er schritt auf das Haupttor des Tempels zu, während über ihm das Knochenmobile durch einen stinkenden Eishauch aus der Tiefe des dunklen Schlunds ungewöhnlich laut klapperte; Magolas kam es vor, als wäre es das widerliche Lachen Xarors.

Auf halbem Weg zum Tor der gewaltigen Haupthalle blieb er jedoch stehen und drehte sich noch einmal um. »Beantworte mir eine Frage, Xaror!«

»Frag, Sklave!«

»Hat dein Bruder die Finsternis in die Seele meines Vaters gepflanzt, oder war sie dort schon immer vorhanden?«

»Du wirst die Antwort auf diese Frage einst selbst finden, Sklave. Ganz sicher.«

Die Tore des Tempels sprangen auf einmal auf, und grelles Sonnenlicht strahlte herein, das Magolas eigenartigerweise als höchst unangenehm empfand.

Aber er verstand, was der ehemalige Herr des Dunklen Reichs ihm damit deutlich machen wollte.

»Im Moment bin ich deiner Anwesenheit überdrüssig, Sklave!«

Magolas trat vor die Tore des sechstürmigen Tempels. Hinter ihm schlossen sich diese wie von Geisterhand bewegt. Eine Gruppe von Kriegern der Norischen Garde bewachte den Tempel, seit Magolas auf ihn durch den weit gereisten elbischen Kundschafter Lirandil gestoßen war, der im Auftrag von Magolas’ Vater die Länder der Rhagar erforscht hatte.

»Hauptmann Pantall!«, wandte er sich an den Kommandanten der Truppe, die auf der Lichtung um das Tempelgebäude herum in Zelten kampierte. Manche dieser Männer hatten Jahre mit der Bewachung des Tempels verbracht. Und in den karanorischen Wäldern, die dieses Relikt aus einer unvorstellbar fernen Epoche umgaben, waren weitere Verbände des magolasischen Heeres stationiert. Zusätzlich lauerten siebenhundert dariianische Bogenschützen in den Wäldern Karanors und machten jeden nieder, der es wagte, sich dem Tempel zu nähern.

Der angesprochene Hauptmann fiel auf die Knie; eine Ehrbezeugung, die angeblich früher unter dem legendären Eisenfürsten Comrrm üblich gewesen war und die man Magolas immer häufiger entgegenbrachte. Er forderte diese Ehrbezeugung nicht, doch die meisten Rhagar sahen in ihm den Sohn des Sonnengottes, so wie es auch bei Comrrm der Fall gewesen war.

Magolas ließ es zu, dass er auf diese Weise verehrt wurde.

Dass er in der Öffentlichkeit den Glauben an den Sonnengott angenommen hatte und regelmäßig die Sonnentempel von Aratania und Rajar besuchte, war von den Rhagar sehr positiv aufgenommen worden. Er war dadurch in gewisser Weise einer der ihren geworden, ohne seine Sonderstellung als beinahe unsterblicher Herrscher von göttlicher Herkunft zu verlieren. Seit die Länder Karanor und Aybana zu seinem Machtbereich gehörten, besuchte er genauso regelmäßig die heiligen Stätten von Jarakor und Om-Dagar, wo ebenfalls seit den Tagen des Eisenfürsten der Sonne gehuldigt wurde. Seine Kinder Daron und Sarwen hatte Magolas nach dem rhagaräischen Ritus in einer großen festlichen Zeremonie dem Sonnengott weihen lassen, was ihm ebenfalls große Sympathien unter seinen Untertanen eingebracht hatte.

Dass er ein Elb war, daran störte sich niemand – zumal sich die Blutlinien der Rhagar und Elben ja in den Kindern des Großkönigs vereinigt hatten. Davon abgesehen verfügte Magolas über ein gut funktionierendes Heer sowie eine ebenso effektive Geheimpolizei, die jede Form von Aufruhr – und sei es nur Kritik an der Art und Weise, wie er über sein Reich herrschte – im Keim erstickte. Der traditionell so aufmüpfige aratanische Adel hatte jedenfalls schon seit einer Jahrhunderthälfte keinen Aufstand mehr geprobt, und damit war Magolas der erste aratanische Regent seit Menschengedenken, der von sich behaupten konnte, dieses Problem in den Griff bekommen zu haben.

»Erhebt Euch, Hauptmann Pantall!«, befahl der Großkönig.

Der Notier kam dem sofort nach. Wie alle Angehörigen der Norischen Garde trug er die charakteristische flache Lederkappe, die seit Jahrhunderten das Kennzeichen dieser Eliteeinheit war. Deren ursprüngliche Aufgabe war eigentlich die Verteidigung des Palastes und des Königshauses gegen Putschisten aus den Reihen des aufmüpfigen Adels oder des eigenen Militärs. Manchmal wünschte es sich Magolas geradezu, sich nur mit so vergleichsweise harmlosen Problemen befassen zu müssen, mit denen sich seine Vorgänger im Amt des Königs von Aratan herumgeschlagen hatten. Keiner von ihnen hatte Entscheidungen von solcher Tragweite treffen müssen wie Magolas. Und keiner von ihnen war eine Geisel des ehemaligen Herrschers des Dunklen Reichs gewesen.

»Gab es irgendwelche besonderen Vorkommnisse in der Zeit meiner Abwesenheit?«, fragte Magolas.

»Nein, Herr. Abgesehen von ein paar Gnomen aus Hocherde, die hier auftauchten und herumspionierten. Trotz Folter ließen sich ihnen keinerlei Informationen entlocken. Wir haben die Leichen schließlich im Wald verscharrt.«

»Waren es sechsfingrige Gnomen?«, erkundigte sich Magolas.

»Nein«, versicherte Hauptmann Pantall. »Es waren ganz gewöhnliche Gnomen, wie sie zu Hunderten aus Hocherde zu den Märkten von Aratania oder Cadd strömen, um mit Mineralien zu handeln.«

»Dann wird sie wahrscheinlich nur der Zufall in diese Gegend geführt haben«, glaubte Magolas. Dieser Ort war das geheime Machtzentrum seines Imperiums – ebenso wie des künftigen Dunklen Reichs, das Xaror wieder aufzubauen gedachte, und Magolas wollte nicht, dass es ihm als Xarors Diener so erging wie dem Axtherrscher, der Magolas’

Vorgänger gewesen war. Nachdem Magolas dessen sechsfingrige Gnomendiener hatte erschlagen lassen, übte er zumindest die äußere Kontrolle über den Tempel aus. Wie Magolas später erfahren hatte, war der Axtherrscher selbst zu diesem Zeitpunkt von Keandir getötet worden, sodass es Magolas nur noch mit den Lakaien zu tun gehabt hatte.

Wie auch immer, du bist gewarnt…

»Achtet vor allem auf Spione, die von meinem Volk sind!«, forderte Magolas den Hauptmann auf. »Spitze Ohren und elfenbeinfarbene Haut – darauf solltet Ihr besonders achten.«

»Ja, Herr.«

In den letzten Wochen hatte Magolas immer wieder im Traum das Gesicht seines Bruders vor sich gesehen, und inzwischen erschien es ihm auch am Tag. Zweifellos suchte sein älterer Zwillingsbruder eine geistige Verbindung zu ihm, aber Magolas versuchte sich dagegen abzuschirmen. Es war durchaus denkbar, dass der mächtigste Magier der Elben zu einem gefährlichen Gegner wurde, wenn er seine selbst gewählte Isolation erst einmal aufgab.

Er vermochte jederzeit herauszufinden, wo sich Magolas aufhielt, erinnerte sich der Großkönig. Vielleicht hatte er sogar wahrgenommen, was im Tempel vor sich gegangen war. An diese Möglichkeit dachte Magolas mit Schaudern. Wenn sein edler Bruder, der überzeugt davon war, dass es in seiner Seele keinen finsteren Fleck gab, Einzelheiten über Xaror und dessen Pläne erfuhr, konnte es durchaus sein, dass er sich berufen fühlte, dagegen vorzugehen.

Magolas befahl sein Pferd durch einen Gedankenbefehl zu sich. Er bevorzugte nach wie vor Pferde aus Elbenzucht, doch aufgrund der außenpolitischen Spannungen zwischen dem Magolasischen und dem Elbenreich, die den Handel zwischen beiden Machtblöcken so gut wie zum Erliegen gebracht hatten, musste Magolas Zuchttiere über das neutral gebliebene Reich des Seekönigs von Ashkor und Terdos beziehen.

Das Pferd aus Elbenzucht kam herbei. Vorn am Sattel befand sich ein Futteral, das so geformt war, dass es das Gefäß mit der

»Essenz des Lebens« aufnehmen konnte. Das Leder schmiegte sich passgenau an dessen Oberfläche.

Der Großkönig schwang sich in den Sattel. Seine Begleiter – ein Trupp, der aus den besten Kämpfern der Norischen Garde bestand – standen schon bereit.

Magolas spürte die Unruhe seines Pferdes, das sensibel genug war, um die Anwesenheit eines fremden, beobachtenden Geistes zu spüren…

Nein, nicht fremd, dachte Magolas. Genau genommen war es

– zumindest für ihn – ein sehr vertrauter Geist. Er drehte sich im Sattel, weil auch er sich beobachtet fühlte.

»Ist irgendetwas, Herr?«, fragte Hauptmann Pantall.

»Nein«, murmelte Magolas.

3

LICHTE HÖHEN, FINSTERE SCHATTEN

Von den Mauern, welche die Manufaktur auf dem Gipfelplateau des Elfenturms umgaben, hatten die ständig patrouillierenden Posten den Überfall auf König Keandir und seine Eskorte beobachtet und dies sofort gemeldet.

Thamandor der Waffenmeister hatte zunächst erwogen, mit dem Flammenspeer einzugreifen, denn die Schlucht, in der sich der grausige Angriff des magischen Rabenschwarms ereignete, lag keineswegs außerhalb der Reichweite dieser Waffe. Aber Yirantil der Scharfäugige, ein relativ junger Elbianiter, der aus Tirasor in Mittel-Elbiana stammte und Thamandor als Kommandant der Wachmannschaft zugeteilt worden war, hatte den Waffenmeister schließlich vom Einsatz seiner Erfindung abhalten können. Das Risiko, den König mit dem Feuerstrahl zu treffen, sei einfach viel zu groß.

So war Yirantil der Scharfäugige sofort mit allen verfügbaren Elbenkriegern aufgebrochen, um dem König zu Hilfe zu eilen.

Waffenmeister Thamandor begleitete den Trupp. Neben den beiden Einhandarmbrüsten links und rechts an seinem Gürtel sowie dem über den Rücken geschnallten monströsen Schwert mit dem Namen »Der Leichte Tod« führte der größte Erfinder der Elbenheit natürlich auch jenen Flammenspeer mit sich, mit dem er die Schlacht um Turandir entschieden hatte. Die Waffe steckte in einem vorn am Sattel befestigten Futteral, aus dem der obere Teil herausragte. Ein Griff genügte, um den Speer hervorzuziehen.

Den Elbenpferden wurde alles abverlangt, als sie den steil abfallenden und in Serpentinen verlaufenden Weg hinabpreschten.

Als Thamandor und sein Trupp den Ausgang jener Schlucht erreichten, in der das Gemetzel stattgefunden hatte, kamen ihnen bereits König Keandir, Prinz Sandrilas, Siranodir mit den zwei Schwertern und der erblindete Hauptmann Rhiagon entgegen. Siranodir führte den blinden Rhiagon, obwohl er selbst üble Verwundungen davongetragen hatte, vor allem am Hals; sie bluteten zwar nicht mehr, doch jeder wusste, dass von dunkler Magie geschlagene Wunden nur sehr schwer verheilten.

»Mein König!«, stieß Thamandor hervor, und sein Entsetzen stieg noch, als er erfuhr, dass es außer diesen Vieren keine Überlebenden gab.

»In unserem König schlummert ein mächtiger Magier«, sagte Prinz Sandrilas. »Seine Kräfte sind vielleicht sogar jenen seiner Söhne ebenbürtig. Nur dieser Tatsache ist es zu verdanken, dass überhaupt noch jemand am Leben ist.«

König Keandirs Hand umschloss unwillkürlich den Beutel mit den Elbensteinen. Hatten es die Angreifer nur darauf abgesehen gehabt, oder hatten sie den König der Elben vernichten sollen? Die Finsternis fürchtete die Finsternis – so konnte man in den uralten magischen Schriften lesen, die an Bord der Elbenschiffe den Weg aus der alten Heimat Athranor ins Zwischenland gefunden hatten, das die Elben Ethranor nannten.

»Unsere Pferde können gut zwei Reiter tragen«, erklärte Yirantil. »Zumal wir auf dem Rückweg keine besondere Eile haben.« Er gab einigen der Elbenkrieger den Befehl, von ihren Pferden zu steigen und sich hinter ihre Kameraden in die Sättel zu setzen, sodass die Überlebenden des Rabenangriffs Reittiere bekamen.

»Bitte sorgt baldmöglichst für die Bestattung der Toten«, sagte König Keandir, nachdem er aufgesessen war.

»Ich werde das sofort persönlich veranlassen«, erwiderte Yirantil.

»Außerdem möchte ich, dass ein Bote nach Elbenhaven geschickt wird. Er soll Brass Shelian holen. Möglicherweise kann unser Oberster Schamane etwas für die Geister der Toten tun.«

Auf Thamandors ansonsten sehr glatter Stirn bildete sich die für den Waffenmeister charakteristische Falte. Die Anwesenheit eines Schamanen war für ein Totenzeremoniell nicht unbedingt erforderlich; die Seelen der Elben fanden normalerweise auch so ihren Weg nach Eldrana, dem Reich der Jenseitigen Verklärung. Und die Verdammten, die es nach Maldrana, dem Reich der Verblassenden Schatten, verschlug, hatten den verhängnisvollen Weg dorthin zumeist schon in ihrem Leben eingeschlagen.

Aber in diesem Fall war fraglich, ob die Gefallenen die Gefilde der Jenseitigen überhaupt erreichten, wie Keandirs nächste Worte offenbarten. »Die Geister der Toten wurden durch die magischen Schreie der Rabenwesen zerstört«, erklärte er.

Thamandor schluckte schwer. »Dann ist ihnen weit Schlimmeres als der Tod widerfahren.«

Keandir nickte. »Ich habe wenig Hoffnung für ihre Seelen, dennoch möchte ich, dass sich ein Schamane an den Ort des Geschehens begibt, um vielleicht doch noch etwas auszurichten.«

»Ihr solltet damit Euren Sohn Andir beauftragen«, meinte Prinz Sandrilas. »Er ist der mächtigste Magier der Elbenheit, während sowohl andere Magier als auch Schamanen von dieser spirituellen Schwäche befallen sind, die unter uns Elben grassiert, seit wir uns im Zwischenland niedergelassen haben.«

»Ich weiß«, murmelte Keandir.

»Ihr könntet versuchen, mit Eurem Sohn in geistigen Kontakt zu treten und ihn zu rufen«, schlug Sandrilas vor.

Aber Keandir schüttelte den Kopf. »Mein Sohn hat den Weg der Einsamkeit gewählt, und ich habe nicht das Recht, ihn hierher zu beordern.«

In den letzten Jahren war Andir zwar immer wieder für kurze Zeit auf Burg Elbenhaven erschienen, vornehmlich um nach seinem Vater und seiner Mutter, der Königin Ruwen, zu schauen, aber diese Besuche waren immer seltener geworden.

Keandir hatte lange gebraucht, um zu akzeptieren, dass Andir dem Elbenreich den Rücken gekehrt hatte, um in der Einsamkeit seine eigene Seele zu erforschen. So hatte er sich nicht nur seinen Eltern, sondern im Grunde der gesamten Elbenheit entfremdet.

In der Alten Zeit von Athranor hatte es Schamanen gegeben, deren Vergeistigung so weit fortgeschritten gewesen war, dass sie irgendwann auf direktem Weg ins Reich der Jenseitigen Verklärung eingegangen waren. Sie hatten den Tod als ansonsten notwendigen Übergang nach Eldrana nicht gebraucht. Als Eldran hatten sie dann zumeist noch eine Weile die Nähe der diesseitigen Elben gesucht, bevor sie mehr und mehr eins geworden waren mit den jenseitigen Gefilden und sich schließlich allenfalls noch durch mächtige Beschwörungen herbeirufen ließen. Dies aber war schon lange nicht mehr möglich, da die gegenwärtige Elbenheit den spirituellen Kontakt sowohl zu den Namenlosen Göttern als auch zu den jenseitigen Eldran verloren hatte. Doch wenn dies Andirs Weg war, so würde Keandir auch das akzeptieren müssen.

Yirantil ritt mit dem Gros der Elbenkrieger weiter hinein in die Schlucht, um die Gefallenen zu bestatten. An Land übergab man die Leichen üblicherweise dem Feuer, während man sie auf See in den Tiefen des Meeres versenkte.

Unter den Reitern, die bei Thamandor und König Keandir blieben, war auch der Heiler Piandolas. Dieser nahm sich insbesondere Rhiagons an.

»Ihr könnt offen zu mir sein«, sagte Rhiagon mit heiserer Stimme. »Weder Ihr noch irgendein anderes Mitglied der Heilerzunft könnt mir mein Augenlicht zurückgeben.«

»Wir werden sehen«, erwiderte Piandolas, der die Verwundungen Rhiagons mit einer Paste aus dem Extrakt von einem guten Dutzend Heilpflanzen behandelte und ihm anschließend einen Verband anlegte, wozu er einige sehr mächtige Heilformeln sprach.

Rhiagon atmete tief durch. »Es lindert die Schmerzen, und die Wunden werden sich gewiss schließen. Aber mehr werdet Ihr nicht erreichen.«

»Ihr solltet mehr Zuversicht haben, Hauptmann, denn die Zuversicht fördert die Heilung«, entgegnete Piandolas.

Ein raues Lachen entrang sich den Lippen des Kommandanten der königlichen Einhandgarde. »Ihr verwechselt Zuversicht mit grundloser Hoffnung. Es ist keineswegs nötig, mich über die Wahrheit mit schönen Worten hinwegzutrösten.«

Einer der Elbenkrieger führte Rhiagon zu dem Pferd, das man für ihn bereitgestellt hatte, und half ihm, in den Sattel zu steigen. Dann machte sich der Trupp auf den Weg zur Manufaktur.

König Keandirs Gedanken waren bei Ruwen, seiner Gemahlin, die im nahe gelegenen Elbenhaven sicherlich etwas vom Angriff des Rabenschwarms und der Bedrohung, der ihr Gemahl ausgesetzt gewesen war, gespürt hatte. Wie ihre Liebe, so war auch die geistige Verbindung zwischen ihnen im Lauf der Jahrhunderte immer noch stärker geworden, und so war es vollkommen undenkbar, dass sie von den schrecklichen Ereignissen in der Schlucht nicht wenigstens etwas ahnte.

»Ruwen!«

»Geliebter Kean! Du lebst! Es waren so schreckliche Bilder, die mir plötzlich erschienen.«

Es war eine stumm geführte Unterhaltung; manchmal war ihre Verbindung so stark, dass ihnen dies auch über weitere Entfernungen hinweg gelang.

»Es besteht kein Grund zur Sorge, Ruwen. Wir sind auf dem Weg zur Manufaktur.«

»Die Gefahr ist noch nicht vorüber, geliebter Kean. Die Macht, die dich vernichten will, hat jetzt erst erkannt, wie gefährlich du bist. Sie wird erneut versuchen, dich zu töten!«

»Sei unbesorgt. Ich bin stärker als je zuvor, Ruwen…«

Als König Keandir und seine Begleiter die Manufaktur erreichten, hatte sich bereits die Dämmerung wie graue Spinnweben über Hoch-Elbiana gelegt, Dunst hatte sich in den Tälern und Schluchten gebildet, und Nebelschwaden stiegen wie böse Gedanken aus der Tiefe empor. Das sonst so imposante Farbenspiel, das entstand, wenn die untergehende Sonne die schneebedeckten Gipfel beschien, blieb aus.

Stattdessen bildeten sich auch um die Gipfelregionen herum Dunstschleier.

Keandir stieg vom Pferd, und ein Bursche kümmerte sich um das edle Tier aus Elbischer Zucht. Der König indes trat an die Zinnen der Wehrmauer, welche die Manufaktur begrenzte.

Von dort aus waren die Totenfeuer zu sehen, die von Yirantil dem Scharfäugigen und seinen Kriegern entzündet worden waren. Es war gut möglich, dass Ruwen mit ihren Ahnungen recht behielt. Dieser Gedanke beschäftigte Keandir und ließ ihn nicht los.

Thamandor und Sandrilas begaben sich zu ihrem König, während sich Siranodir mit den zwei Schwertern zusammen mit dem Heiler Piandolas um den erblindeten Rhiagon kümmerte.

»Wir werden zweifellos eine größere Anzahl von Flammenlanzen benötigen, wollen wir die Grenzen des Reiches gegen die Übermacht unserer Feinde sichern«, sagte Sandrilas, dann wandte er sich dem Waffenmeister zu. »Ich will offen zu Euch sein, werter Thamandor: So sehr ich Eure Erfindungsgabe schätze, so sehr beunruhigt es mich, dass die Produktion der Flammenspeere noch immer nicht angelaufen ist.«

»Vielleicht ist es angemessener, diese Dinge später zu besprechen«, antwortete der König anstelle des Waffenmeisters, der angesichts dieser offenen Kritik doch ziemlich erstaunt wirkte; er hatte den Mund zwar geöffnet, aber noch keinen Ton hervorgebracht, als der König das Wort ergriff.

»Nein, dieses Problem können wir nicht länger vor uns herschieben, mein König«, widersprach Prinz Sandrilas.

Niemand außer dem Einäugigen konnte es sich erlauben, so mit dem Elbenherrscher zu reden. Sandrilas nahm kein Blatt vor den Mund – auch dann nicht, wenn er den König kritisierte. Und Keandir wusste auch, dass es seinem väterlichen Mentor bei allem, was er tat und sagte, immer nur um eines ging: das Wohl des Elbenreichs.

»Gut, dann besprechen wir die Sache hier und jetzt!«, sagte Thamandor leicht aufgebracht. »Wir müssen noch einmal nach Naranduin, sonst können wir nicht nur die Massenproduktion der Flammenspeere, sondern überhaupt die Produktion dieser Waffe vergessen, mag sie nun langsamer oder schneller, mit viel oder wenig Akribie vonstatten gehen. Ich habe Dutzende von fähigen Fachleuten in die umliegenden Berge geschickt, in der Hoffnung, dass jene magischen Steine, von denen ich einen von Naranduin mitbrachte, vielleicht auch in dieser Gegend zu finden sind. Schließlich sind die Gebirge von Hoch-Elbiana mit jenen auf Naranduin in Form und Beschaffenheit vergleichbar, wie jeder sehen kann, der auch nur ein wenig davon versteht. Aber leider hat sich meine Hoffnung nicht erfüllt.«

»Dann haben Eure sogenannten Fachleute nur nicht an den richtigen Stellen gesucht«, hielt Keandir ihm vor. Allein der Gedanke, noch einmal zu jener Insel zurückzukehren, ließ ihn schaudern. Dort war er einst dem Augenlosen Seher begegnet und hatte sowohl den Furchtbringer als auch den Feuerbringer vernichtet, woraufhin er in die Lage versetzt worden war, sein und der Elbenheit Schicksal selbst zu bestimmen, anstatt länger auf eingefahrenen, vorgezeichneten Wegen zu wandeln.

Dennoch erfüllte ihn allein die Erinnerung an die damaligen Ereignisse mit Schrecken.

Unwillkürlich umfasste der Elbenkönig den Griff seines Schwerts Schicksalsbezwinger und krampfte seine Hand so stark darum, dass die Knöchel unter der hellen Haut deutlich hervortraten. Er sah ihn wieder vor sich, den Augenlosen Seher, wie er sich auf seine beiden Zauberstäbe gestützt hatte, und er hörte ihn wieder erzählen von seiner Verbannung durch seinen eigenen Bruder Xaror, der auf dem zwischenländischen Festland das Dunkle Reich hatte allein regieren wollen und dies wohl auch über viele Zeitalter hinweg getan hatte. Der Augenlose Seher war schließlich von Sandrilas erschlagen worden, aber seit damals war die Finsternis in Keandirs Seele, eine dunkle Kraft, die ihn wahrscheinlich sogar erst in die Lage versetzt hatte, das Elbenreich zu gründen und aufzubauen, vor der er sich aber nach wie vor fürchtete.

»Ich kann nicht mein eigenes Gesetz missachten und Naranduin ansteuern, nur um ein paar Steine zu suchen«, sagte er düster.

»Euer Gesetz ist falsch, mein König!«, hielt Sandrilas mit plötzlicher Heftigkeit dagegen. »Den Schatten der Vergangenheit sollte man sich stellen. Ich fürchte, Ihr werdet schon sehr bald keine andere Wahl haben!«

Keandir schwieg einen Moment, bevor er leise sagte: »Ja, da mögt Ihr recht haben.« Dann hob sich seine Stimme wieder.

»Dennoch will ich alles gut bedenken und nichts überstürzen.«

»Die Schlachten von morgen werden gewonnen oder verloren durch die Entscheidungen, die wir hier und jetzt treffen, mein König«, sagte der Prinz. »Das solltet Ihr nicht vergessen!«

Königin Ruwen fühlte zur selben Zeit tiefe Erleichterung.

»Mein geliebter Kean! Es geht ihm gut«, sagte sie und seufzte tief auf. »Er hat überlebt, und ich fühle, dass die Gefahr zumindest für den Moment vorüber ist.«

Ruwen erhob sich von ihrem Platz. Das lange, dunkle Haar fiel ihr offen über die Schultern. Sie war von zeitloser Schönheit, ihr elfenbeinfarbenes Gesicht fein geschnitten, und ihre Figur entsprach dem Ideal einer Elbin. Mit ihr zusammen weilte die Heilerin Nathranwen im großen Kaminzimmer im Palas von Burg Elbenhaven. Sie war seit Langem eine Vertraute der Königin, und auch der Umstand, dass sie eine Zeit lang am Hof des Großkönigs Magolas in Aratania gedient hatte, änderte daran nichts. Im Gegenteil: Da Ruwen ihre Enkel Daron und Sarwen noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte, lauschte sie gern Nathranwens Berichten, auch wenn sie jeden davon schon dutzendfach gehört hatte und vieles von dem, was die Heilerin aus ihrer Zeit am Hof von Aratania erzählte, Anlass zu großer Sorge bot. Doch Nathranwens Worte erleichterten es Ruwen, eine geistige Verbindung zu ihren Enkeln aufzunehmen und sich ihre Gesichter vorzustellen.

Manchmal war diese innere Verbindung so stark, dass sie mit den Augen der Säuglinge zu sehen vermochte. Aus der Wiege heraus blickte sie dann in die Gesichter ihres Sohnes Magolas und jener Rhagar-Prinzessin, die ihr Sohn zur Frau genommen hatte. Während eines Besuchs des greisen Königs von Aratan in Elbenhaven hatte Magolas sie kennengelernt, und die Leidenschaft hatte ihn gepackt. Ruwen verfluchte innerlich den Tag, an dem dies geschehen war. Schon damals hatten Visionen sie heimgesucht, in denen sie gesehen hatte, wie sich Larana in eine groteske Schattenkreatur verwandelte. Fast eine Jahrhunderthälfte lang hatte sie diese Visionen nicht mehr gehabt, doch seit der Geburt der Zwillinge waren sie wieder häufiger aufgetreten.

Wenn Ruwen mit den Augen ihres Enkels Daron und ihrer Enkelin Sarwen aus der Wiege schaute, wurde sie auch Zeuge der düsteren Rituale, denen die beiden Kinder unterzogen wurden. Der Blick von Magolas’ vollkommen schwarzen Augen ruhte dann auf den Kindern, während er Zauberformeln murmelte, die nichts mit der Magie der Elben gemein hatten, und ihnen Hexenzeichen auf die Stirn und die Hände malte.

In jenen Augenblicken spürte Ruwen die dunkle Kraft, die nach den Seelen ihrer beiden Enkel griff, und schauderte dabei bis tief ins Mark. Es war unerträglich für sie, dass es nichts gab, was sie dagegen tun konnte, denn sie spürte deutlich, wie die Dunkle Macht Einfluss über die Zwillinge gewann.

Ruwen fühlte das Unheil nahen, so als wäre es bereits geschehen. Ein Schatten verdunkelte ihrer aller Schicksal.

»Euer Herz ist nicht wirklich erleichtert«, stellte Nathranwen fest, die als Heilerin ein gutes Auge sowohl für die körperliche als auch für die seelische Verfassung ihrer jeweiligen Gesprächspartner hatte. Dabei spiegelte sich das eine im anderen, und oft genügte es Nathranwen schon, wenn sie den Klang einer Stimme hörte oder das kaum sichtbare Zucken gewisser Muskelpartien im Gesicht eines anderen sah.

»Ich fürchte, dieser Angriff auf meinen Gemahl war nur der Anfang des großen Krieges, den wir seit Langem heraufdämmern sehen«, gestand die Königin. »Und natürlich bedrückt es mich über die Maßen, dass mein geliebter Sohn Magolas zum Feind der Elbenheit und zum Diener der Finsternis geworden ist.«

»Es liegt mir fern, Magolas zu verteidigen«, antwortete Nathranwen. »Schließlich hat er mich von seinem Hof verbannt, damit ich keinen Umgang mehr mit den Zwillingen habe. Aber was er tat, tat Magolas aus Liebe zu Larana.«

»Sie ist seine Unglücksbringerin; das weiß ich seit Langem.«

Ruwen drehte mit einer für sie ungewohnt heftigen und wenig fließenden Bewegung das Gesicht in Richtung der Heilerin.

Auch darin erkannte Nathranwen ein Zeichen der inneren Unausgeglichenheit der Königin – wie auch in der Tatsache, dass Ruwen befohlen hatte, das Feuer im Kamin zu entfachen.

Elben waren sehr temperaturunempfindlich, und insbesondere Kälte machte ihnen wenig aus. Auch wenn inzwischen die ersten Herbststürme von Norden her über das Zwischenländische Meer peitschten und die Schneegrenze in den Bergen Hoch-Elbianas deutlich gefallen war, so war es doch noch weit davon entfernt, dass ein Elb normalerweise ein Kaminfeuer hätte entzünden lassen. Doch es war Ruwens Seele, die angesichts ihrer furchtbaren Ahnungen gewärmt werden wollte, nicht ihr Körper.

»Meine Enkel tun mir leid«, sagte Ruwen. »Obgleich sie von ihrer Herkunft her nur Halbelben sind, spüre ich ihr magisches Talent jedes Mal, wenn es mir gelingt, eine flüchtige geistige Verbindung zu ihnen herzustellen. Ich fürchte, sie werden zu Dienern des Bösen – wie ihre Eltern.«

»Magolas und Larana stehen nicht freiwillig auf der Seite Xarors«, erinnerte Nathranwen nachdrücklich. »Sie haben keine Wahl.«

»Es hätte sicher eine andere Möglichkeit gegeben.«

»Um Laranas Leben zu verlängern?« Nathranwen schüttelte den Kopf. »Ich versichere Euch, meine Königin, es ist alles versucht worden. Aber nichts von den Bemühungen, an denen ich ja auch einen gewissen Anteil hatte, war von Erfolg gekrönt. Ihr hättet die Verzweiflung im Gesicht Eures Sohnes sehen sollen, als wir Heiler ihm schließlich jede Hoffnung nehmen mussten, das Leben seiner geliebten Gemahlin zu verlängern. Euer Sohn verfügt ja selbst über erhebliches magisches Talent, und auch er hat wirklich alles in seiner Macht Stehende versucht. Ich weiß nicht, wie ich an Magolas’

Stelle gehandelt hätte. Er musste eine schreckliche Wahl treffen…«

Ruwen nickte. Dann fragte sie mit belegter Stimme: »Urteile ich zu hart?«

Nathranwen zögerte mit der Antwort. »Es waren so große Hoffnungen, die wir alle seinerzeit mit der Geburt von Andir und Magolas verbanden«, sagte sie schließlich. »Und ich gebe zu, dass sich manche dieser Hoffnungen in ihr Gegenteil verkehrt haben. Das bewirkt harte Urteile.«

»Ja, da habt Ihr zweifellos recht«, gab Ruwen zu. »Nicht nur im Hinblick auf Magolas…« Ihre Gedanken wanderten in der Zeit zurück. Welch ein ungeahntes Glücksgefühl hatte sie durchströmt, als Nathranwen ihr verkündet hatte, sie – Ruwen

– erwarte Zwillinge. Der ganzen Elbenheit war dies als ein gutes Omen erschienen. Ein Zeichen, das König Keandirs Volk förmlich dazu aufgefordert hatte, im Zwischenland zu bleiben und dort ein Elbenreich zu gründen, das größer und schöner hatte sein sollen als alle Elbenreiche, die es in der Alten Heimat Athranor je gegeben hatte.

»Ich verstehe nicht, dass Andir das Schicksal der Elbenheit so gleichgültig sein kann«, äußerte Ruwen nach einer längeren Pause. »Ich habe immer wieder versucht, geistige Verbindung mit ihm aufzunehmen. Aber er scheint schon zu entrückt, um das noch wahrnehmen zu können; anders kann ich mir nicht erklären, dass er mir nicht geantwortet hat und seine Besuche in Elbenhaven immer seltener geworden sind. Dabei sind seine magischen Fähigkeiten einzigartig in der gesamten Elbenheit.«

»Auch Andirs Suche nach sich selbst und der Wahrheit wird irgendwann beendet sein«, entgegnete Nathranwen. »Ihr solltet nicht vergessen, wie viel er dem Königreich Elbiana gegeben hat. Die Brücke über den Nur bei Minasar ist sein Werk, ebenso wie die Aratanische Mauer, die uns seit einem Zeitalter vor den Rhagar schützt. Kein anderer Magier hat so viel geschaffen wie er. Und in der Schlacht gegen den Eisenfürsten war er es, der die Magier und Schamanen der Elbenheit anführte, um aus dem Nichts heraus Gesteinsbrocken erscheinen und sie auf die Reihen des Feindes stürzen zu lassen.«

»Aber jetzt schlägt erneut eine schwere Stunde für die Elbenheit«, sagte Ruwen. »Und er ist nicht da! Statt dem Reich, dem auch er alles verdankt, zu helfen, zieht er sich zurück, um sich der Wahrheitsfindung, der Selbstfindung, der Reinigung seines Geistes und dergleichen mehr zu widmen.«

Ruwen schüttelte den Kopf. »Manchmal will es mir scheinen, als hätte ich in der Erziehung meiner Söhne kläglich versagt.«

»Ihr seid allzu selbstkritisch, meine Königin«, widersprach Nathranwen.

Ruwen erwiderte nichts mehr auf die Worte der Heilerin.

Stattdessen erinnerte sie sich daran, wie Andir und Magolas einst, jeder mit einem der Zauberstäbe des Augenlosen Sehers bewaffnet, im Alter von acht Jahren aufeinander losgegangen waren. Vor ihrem inneren Auge verwandelten sich die beiden Kontrahenten dabei in Männer.

Ruwen erschrak, und sie begann sich zu fragen, ob es tatsächlich wünschenswert war, dass Andir aus seinem selbst gewählten Exil zurückkehrte und in die Geschehnisse eingriff, oder ob dadurch das Ausmaß des tragischen Verhängnisses nicht nur noch schlimmer wurde…

Andir, mein Sohn… Vielleicht sind es ja diese Zweifel, die dich davon abhalten, uns in unserer Not zu helfen!

Ein schneidend kalter Wind durchdrang die Kutte aus grauweißem Elbenzwirn, an der jeglicher Schmutz abperlte.

Doch Andir störte die Kälte nicht. Er spürte sie nicht mal, so wie er insgesamt den unmittelbaren sinnlichen Kontakt zur Welt des Diesseitigen stark eingeschränkt hatte, um der Erkenntnis näherzukommen.

Er befand sich in der schneebedeckten Gipfelregion eines hoch-elbianitischen Bergmassivs, das man das »Horn von Eldrana« nannte. Die Luft war bereits so dünn, dass ein Rhagar ebenso wenig hätte atmen können wie all die größeren und kleineren Tiere, die in der hoch-elbianitischen Bergwelt beheimatet waren. In diesen Höhen war man selbst vor den Riesenzahnkatzen sicher, nicht einmal die Berggeier wagten sich so hoch hinauf, und die Kälte hätte unter normalen Umständen selbst einen Elb erfrieren lassen. Aber Andir hatte in der Zeit seiner Einsamkeit gelernt, den eigenen Körper auf eine so vollkommene Weise zu beherrschen, wie er es früher nie für möglich gehalten hätte.

Seit Tagen hatte er nichts gegessen, vielleicht auch schon seit Wochen. Doch er spürte den Hunger ebenso wenig wie die klirrende Kälte. Die Kraft des Geistes hielt ihn aufrecht. Für sein großes, spirituelles Ziel war er bereit, auch einiges zu riskieren.

Hierher könnt ihr mir nicht folgen, ihr Schatten des Bösen, ging es ihm durch den Sinn.

Ihm war, als würde ein heiseres, spöttisches Gelächter in seinem Kopf widerhallen. Es war der spontane Kommentar eines Teils seiner Seele, jenes Teils, der sich nicht länger weigerte, das Existierende als gegeben hinzunehmen, der sich nicht länger an Illusionen festklammern wollte.

Andir hatte sein Elbenpferd weiter unten zurückgelassen, denn auch das geschickteste Tier wäre nicht in der Lage gewesen, ihm in diese Höhen zu folgen; es stand auf einer der Hochalmen, wo es genug Gras und Wasser gab. Falls er es brauchte, konnte er es nach seinem Abstieg jederzeit mit einem Gedankenbefehl zu sich rufen. Seine geistige Kraft reichte aus, um auch über größere Distanzen hinweg ein ihm vertrautes Pferd zu erreichen.

Mit nichts weiter als seinem Gewand und einem kleinen Lederbeutel, den er am Gürtel trug, war er hinauf in diese atemberaubenden Höhen gestiegen. In dem Beutel befanden sich Kristalle, auf die er einst mit Hilfe eines Zaubers das Wissen aus seiner Bibliothek in Elbenhaven gespeichert hatte.

Von allem hatte er sich befreit, nur davon nicht. Aber eines Tages würde er vielleicht auch dazu die Kraft finden.

Ein dumpfer, summender Laut, der sich in ein qualvolles Stöhnen wandelte, ließ den Magier den Kopf wenden, und sein Blick schweifte über die Umgebung. Vom zerklüfteten Bergland Hoch-Elbianas war kaum etwas zu sehen; eine grauweiße Decke hüllte das Land ein, und nur hier und dort durchstieß ein einsamer Gipfel den dichten Dunst. Das »Horn von Eldrana« aber ragte weit aus der Nebeldecke hervor.

Dort waren sie – die Schatten, das Dunkle. Er würde sich den Mächten der Finsternis stellen müssen; er hatte es lange geahnt, und der Zeitpunkt war schließlich gekommen.

Aufmerksam suchte Andir mit seinen Blicken die Umgebung ab. Er fühlte Schauder bis ins Mark. Diesen Tag hatte er gefürchtet wie nichts anderes.

Es war beinahe lautlos. Und die das Horn umgebende Nebeldecke vermittelte die Illusion, dass er allein in einer bizarren Fantasielandschaft war, die aussah, als wäre sie den dramatischen Darstellungen von Mindoril dem Wahnsinnigen entsprungen. Mindoril war in der Alten Zeit ein Elbischer Maler in Athranor gewesen; seine Gemälde hatten ganze Felswände bedeckt und waren bereits aus einer Entfernung von mehreren Meilen zu bestaunen gewesen. So perfekt waren sie in die Landschaft eingepasst, dass man die auf ihnen dargestellten Fantasmen für real hätte halten können; selbst die scharfen Elbenaugen waren vor dieser Illusion nicht gefeit gewesen. Während Mindorils Gemälde einerseits die positive Eigenschaft gehabt hatten, die ziemlich aggressiven athranorischen Trolle auf Distanz zu halten, hatten sie auf manche besonders empfindsame Elben eine geradezu verheerende Wirkung ausgeübt: Immer wieder hatten sich Betrachter in ihrem Anblick verloren, und es hatte der Kunst eines Heilers oder Schamanen bedurfte, den Betreffenden wieder aus dem Einfluss des jeweiligen Bildes zu befreien.

Den Überlieferungen nach hatte dies zu einer zweitausend Jahre dauernden Spaltung des athranorischen Elbenreichs und zu einem erbitterten Krieg geführt, der zwischen langen Unterbrechungen immer wieder aufgeflammt war: Während im Reich der Osteiben die Malerei ihrer angeblichen Gefährlichkeit wegen vollkommen verboten worden war, blieb sie im Reich der Westeiben eine angesehene Kunstform, und man vertrat dort die Ansicht, dass es der geistigen Disziplin und spirituellen Stärke des Einzelnen oblag, sich nicht in der Betrachtung solcher Gemälde zu verlieren, mochten sie noch so eindrucksvoll sein.

Mindoril der Wahnsinnige – dieser Name wurde jenem Künstler von der in dieser Zeit dominierenden Überlieferung des Ostelbenreichs gegeben, während man ihn im Westeibenreich wechselweise Mindoril den Genialen oder Mindoril den Sichtbarmachenden nannte. Er hatte seinem Leben selbst ein Ende gemacht, da er es nicht länger ertragen hatte, der Grund für die Spaltung der athranorischen Elbenheit zu sein.

Bis zu einem Friedensschluss der beiden Reiche hatte es ein weiteres Jahrtausend gedauert, und bis es dann zu einer Aufhebung des Bilderverbots im Osten und einer Wiedervereinigung der Elbenheit in einem einheitlichen Reich kam, folgten noch anderthalb Jahrtausende mehr oder minder intensiver Verhandlungen – eine Zeit der Zersplitterung, denn es spalteten sich zeitweilig weitere Elbenreiche ab, in denen abweichende Auffassungen zum Bilderstreit vertreten wurden.

Weiter: Teil 3 von 4