Der Moloch

Jakob Wassermann · Kapitel 34 von 65

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Der Moloch

Vierunddreißigstes Kapitel

Arnold machte sich wieder an die Arbeit. Er ging bald zu Bett und stand in der frühesten Frühe auf. Auch dieser Tag ging mit Arbeit hin. Eine wunderbare Unermüdlichkeit war in ihm entstanden, denn wer täglich frische Klarheit über das Notwendige erwirbt, muß täglich über seine frischen Kräfte verfügen.

Am Abend trieb ihn die Begierde nach guter Luft aus dem Haus. Kaum war er um die nächste Straßenecke gebogen, so sah er vor sich eine große Ansammlung von Wagen, die sich gestaut hatten, da der Weg durch ein umgestürztes Frachtfuhrwerk gesperrt war. Plötzlich gewahrte er in einem der eleganten Fiaker Beate Hanka. Ihr lachendes Gesicht war von der Abendröte beschienen, und ihre mutwillige Hand hatte den Vorhang des Wagens zurückgeschoben. Mit aufgeregter Neugier spähte sie nach dem Hindernis, und Arnold war sehr überrascht, als er an ihrer Seite nicht Hanka, sondern Maxim Specht gewahrte. Er hatte nicht Zeit, näher hinzuschauen, denn schnell fiel der Vorhang wieder über das Fenster.

 

Vierunddreißigstes Kapitel

 

Indem Arnold weiterging, fiel ihm dieses Zusammentreffen schwer aufs Herz.

Ihm wäre es durchaus nicht auffallend erschienen, Specht und Beate so vertraut beisammen zu sehen, hätte er nicht gewußt, wie die beiden auseinandergegangen waren. Es beschlich ihn etwas Dunkles, und er mußte stehen bleiben, um seine Überlegungen zu sammeln. Hankas trockene und gerade Art wurde ihm gegenwärtig, ebenso wie Beates schlüpfriges Wesen. Er fand sich aufs wunderlichste für eine Sache verantwortlich, die ihn mit Ahnungen von Trug und Geheimnis beschäftigte; mit schmerzlichem Zorn dachte er an Hanka, wenn er in ihm einen Mann sehen sollte, in dessen Leben keine Wahrheit floß. Wie er sich auch stellen mochte, nichts konnte ihn seiner Unruhe entreißen. Die Furcht des Irrtums ließ ihm seinen Zweifel ungeheuerlich erscheinen, und er beschloß irgendwie zu handeln.

Als er nach Hause kam, fand er einen Brief von Natalie, worin sie ihn bat, er möge gleich zu ihr kommen, sie wünsche ihn dringend zu sprechen.

Er ging hin.

Natalie war aufs eifrigste mit dem Packen von Koffern beschäftigt. »Wir ziehen morgen aufs Land,« sagte sie und sah sich mit lachender Verzweiflung nach einem Stuhl um; überall lagen Kleider und Wäsche. »Es ist schon ein wenig spät im Jahr, aber ich freu’ mich riesig auf Wälder, Wiesen und Luft. Petra ist heut bei Mama. Mama ist krank, wird aber jedenfalls reisen, denk’ ich. Werden Sie uns nicht besuchen im Gebirg? Das wäre märchenhaft. Hier, setzen Sie sich auf den Hutkoffer. Die Kinder sind schon zu Bett. Denken Sie nur, was Helenchen heute zu ihrem Vater sagte. Papa, sagte sie, ich kann gar nicht begreifen, daß du dich bei Mama langweilst. Wie finden Sie das? Herrlich, nicht? Nun, wenn die Väter so klug wären wie ihre Kinder, würden sie keine haben.«

Arnold nahm Platz und fragte Natalie, weshalb sie ihn gerufen.

Natalie erblaßte, griff sich an die Stirn und murmelte: »Ach so! richtig!« Dann legte sie ihre Hand auf seine Schulter und fragte mit tragischer Betonung: »Sind Sie ein Freund? Sind Sie ein wahrer Freund?«

Arnold blickte sie mißtrauisch an und schwieg. Auf einmal begann sie zu schluchzen. Arnold rührte sich nicht. Eine schöne Geschichte, dachte er und runzelte die Stirn.

»Nein, ich kann nicht, ich kann nicht,« stöhnte Natalie, schlug die Hand vor das Gesicht und schielte durch die gespreizten Finger nach Arnold.

»Also was ist denn los?« fuhr Arnold ärgerlich heraus.

»Ich kann nicht,« wiederholte Natalie mit herzbrechendem Ton, fuhr aber sogleich fort: »Es handelt sich um eine Bürgschaft, lieber Freund. Mein Mann hat wieder einmal eine kolossale Dummheit gemacht. Wir sollen morgen dreitausend Gulden bezahlen und haben nicht hundert im Haus. Nächste Woche erwartet Osterburg große Summen aus Amerika. Helfen Sie mir. Ich will es Ihnen ewig danken. Ich schwöre Ihnen beim Leben meiner Kinder, daß Sie alles zurückerhalten sollen. Zeigen Sie mir, daß ich einen Menschen in Ihnen gefunden habe. Ich bin ja so unglücklich!« Und sie schluchzte weiter.

Herrgott, dachte Arnold, für die Leute ist man ja der reine Geldsack. Er war nicht im mindesten ergriffen, im Gegenteil, alles das erschien ihm sinnlos und widerwärtig.

»Ich werde Ihnen morgen früh eine Anweisung schicken,« sagte er kalt. »Aber schwören Sie nicht solche dumme Schwüre.«

Es fehlte nicht viel, und Natalie hätte ihn umarmt. Sie hatte eigentlich nicht daran geglaubt und vergoß nun echte Tränen. Dennoch bereute sie, daß sie nicht um tausend Gulden mehr verlangt hatte.

Ihre verworrenen und überschwenglichen Danksagungen waren Arnold unbequem. »Hören Sie einmal zu, Frau Natalie,« unterbrach er sie, »warum glauben Sie eigentlich, daß zwischen Hanka und Beate keine Ehrlichkeit besteht?«

Natalie starrte ihm erstaunt ins Gesicht, dann schlug sie die Hände zusammen und setzte sich ihm gegenüber auf einen aufgerollten Teppich. »Ich?« erwiderte sie halb bestürzt, halb belustigt, »ich hätte so etwas gesagt? Wann denn?«

»Sie haben es gesagt,« beharrte Arnold. »Wie ich das erstemal bei Ihnen war und wir von der Verheiratung Hankas gesprochen haben –«

»Ach so! Das meinen Sie! Warum? was ist denn geschehen?«

»Ich möchte nicht mehr darüber sagen,« antwortete Arnold. »Aber weil wir so darüber sprechen und denken, gerade so und nicht anders und weil wahrscheinlich auch andere Menschen glauben, daß der Doktor Hanka nicht weiß, wie es die Beate seinerzeit in Podolin getrieben hat, so fragt es sich, ob man dem Mann nicht reinen Wein einschenken muß.«

Natalies Stirn legte sich in bedächtige Falten und mit niedergeschlagenen Augen drehte sie ihren Ring am Finger rundum. »Ich verstehe nicht,« sagte sie aufgeregt. »Was wissen Sie denn? Erzählen Sie doch.«

»Erzählt wird nichts. Ich frage nur: soll man dem Doktor Hanka sagen, mit deiner Frau steht es so und so, du scheinst nichts davon zu wissen –«

»Was für verdrehte Ideen!« rief Natalie aus. »Und wenn er Sie dann vor die Tür setzt? Was dann? Wer sagt Ihnen denn, daß er nichts weiß?«

»Das ist klar. Weil die Beate nicht so wäre wie sie ist, wenn er was wüßte. Und weil sie überhaupt ein Lügenbeutel ist.«

»Aber das alles ist mir ja riesig interessant,« flüsterte Natalie und sah Arnold mit naivem Entsetzen an. »Machen Sie nur keine Dummheiten, ich bitte Sie. Glauben Sie denn, daß die Welt auf Wahrheit gestellt ist? Das ist ja Unsinn. Wenn das wäre, müßten wir ja allesamt ins Gefängnis oder Gott weiß wohin wandern.«

In diesem Augenblick kam Osterburg, erhitzt und wichtig, wie von großen Erlebnissen strahlend. Mit einer Mischung von Vertraulichkeit und Leutseligkeit schüttelte er Arnolds Hand und sagte sofort, als ob er sich seit Wochen mit diesem Plan beschäftigt hätte: »Herr Ansorge, Sie müssen heiraten. Ich habe ein wunderbares Mädchen für Sie, ohne Spaß, mein Ehrenwort. Nicht reich, nicht arm, aber was man so sagt, intelligent. Unter uns, eine famose Person. Grundsätze, Ideale, wie das heute so üblich ist.« Breitbeinig stand er da, sah verständnisinnig aus, schmatzte mit den Lippen und fächelte sich mit dem Taschentuch Kühlung zu. Natalie sah ihn voll Schrecken und Staunen an.

»Das einzige Hindernis wäre,« fuhr er fort, »daß sie eine Jüdin ist. Aber Sie sind ja sozusagen ein aufgeklärter Geist.« Er ging mit großartigen Schritten herum und fuchtelte mit den Armen. »Was geht uns überhaupt diese Geschichte an, die da vor zweitausend Jahren passiert sein soll? Wir sind alle Menschen, alle sind wir Brüder. Wenn wir auch Christen sind, Gott ist der Herr. Mein Ehrenwort, das ist meine Meinung, Herr Ansorge.« Diese letzten Worte schrie er beinahe zum Fenster hinaus.

»Bist du betrunken?« fragte Natalie mit eisiger Ruhe.

Osterburg wurde plötzlich kleinlaut. »Ach, ach,« seufzte er, »früher war ich so geistreich; erst seit zwei Jahren bin ich so stupid geworden.«

Arnold verabschiedete sich. In diesem Hause umfing ihn stets eine Luft von seltsamer Wesenlosigkeit, ein Gewebe abenteuerlicher und zweckloser Reden, ein grundloses Auf und Ab von Lachen und Trauer, von Eifer und Leerheit, von Wichtigkeit und Bodenlosigkeit.

Am nächsten Tag fand sich der junge Mann ein, den Verena zu schicken versprochen hatte. Er hieß Wolmut und war ein zarter Mensch von bürschchenhaftem Ansehen, mit rosigem Kindergesicht und ernsten, klugen Augen. Seine Redeweise hatte etwas Nüchtern-Belehrendes, sein Betragen war gewandt und kühl, aber Arnold spürte sofort, daß dies der ihm notwendige Helfer sei. Was er vor allem aus dem kleinen blonden Mann dunkel herausfand, war eine gewisse Ehrlichkeit und Zartheit; er fühlte die Gegenwart einer tüchtigen und klaren Natur. So sah er sich mit Vergnügen am Eingang einer arbeitsreichen Epoche, und als von Hankas eine schriftliche Ermahnung kam, er möge den heutigen Abend nicht vergessen, da war für ihn beschlossen, nicht hinzugehen. Wozu das Trübe suchen? dachte er; im schlammigen Wasser steckt kein Fisch. Als er sich nachmittags hinsetzte, um durch eine Karte sein Nichtkommen zu melden, ward es jedoch anders. Mit seinen groben Federzügen schrieb er Anrede und Anfangsworte und legte langsam den Halter auf den Tisch zurück. Ernst und fragend tauchte Alexander Hankas Gesicht vor ihm empor.

Es war ein heißer Tag, Arnold wurde gelähmt durch die brütende, staubige Stadthitze. Die Sonne leuchtete nicht, sondern glomm in einem Dunstnest. Nach Tisch ging Arnold aus, aber auf der Straße war es noch übler als im Zimmer, und er wollte schon umkehren, da zog es ihn plötzlich nach einer ganz andern Richtung, und er beschloß, Verena Hoffmann aufzusuchen.

Er läutete einige Male an der Tür und niemand rührte sich drinnen. Als er sich enttäuscht zur Treppe wandte, kam Verena von unten herauf. Am Fuß der letzten Stiege gewahrte sie ihn schon, blieb einen Augenblick stehen und lächelte empor. Sie trug ein weißes Leinwandkleid mit schwarzem Band um den Hals und um die Taille. Sie reichte ihm die Hand, deren festen Druck er fest erwiderte, dann schloß sie auf, ging voran, warf ohne sonderliche Verlegenheit eine Wolldecke über das noch ungemachte Bett, brachte Streuzucker und eine Art Sodawasser bei und beide nahmen an einem Tisch beim Fenster Platz. Von hier war ein weiter Blick in die Nachbarhöfe und Verena sagte, indem sie hinausdeutete: »Zweihundertfünfzig Fenster.«

Arnold nickte. »Auf wie viele Menschen kommt da ein Fenster?« erwiderte er.

Verena sagte, sie freue sich, daß er gekommen sei.

»Was hat Ihnen denn Hyrtl eigentlich von mir erzählt?« fragte Arnold neugierig.

»Es ist die Geschichte mit dem Judenmädchen. Ist es wahr, war das wirklich der Anlaß für Sie, Ihre Heimat zu verlassen?«

»Ja, das ist wahr,« murmelte er. »Aber ich habe bis jetzt nichts erreicht, gar nichts. Es ist schändlich.«

»Kennen Sie das Mädchen näher?«

»Die Jutta Elasser? Ich habe sie einmal im Leben gesehen. Ein häßliches kleines Ding.«

Verena sah ihn aufmerksam an. Es schien als ob diese Antwort erst ein tieferes Interesse für ihn erweckt hätte. Doch sprach sie nicht weiter von der Sache und dafür war Arnold ihr dankbar.

Sie saßen nun mindestens eine Viertelstunde schweigend beisammen. Arnold staunte vor sich hin. Eine wunderbare Bewegung war in seiner Brust, und er hatte das Gefühl, als überströmten ihn Wohlgerüche.

»Ist Wolmut zu Ihnen gekommen?« fragte Verena endlich.

»Ja, er ist gekommen.«

»Finden Sie ihn sympathisch?«

»Sehr sympathisch.«

»Er ist einer der nützlichsten Menschen, die ich kenne; er wird es sicher noch sehr weit bringen, das heißt, soweit man es in diesem korrumpierten Land eben bringen kann.«

»Weit bringen, das heißt, ein großes Amt bekommen?«

»Ja, ungefähr.«

»So weit werd’ ich’s wohl nie bringen.«

»Kaum. Idealisten bringen es nicht zu hohen Ämtern.«

»Idealisten? Das ist ein dummes Wort. Ich bin doch kein Schiller.«

Verena lachte. »Aber die Idealisten können es noch weiter bringen als zu hohen Ämtern.«

»Ach, dann bin ich versöhnt.«

»Ja, aber es gibt Gefahren.«

»Gefahren?«

»Die Idealisten dürfen sich nicht verpflichten. Sie dürfen keine anspruchsvollen Freundschaften haben.«

»Wieso? Sie meinen, daß man sparsam mit seinem Herzen sein muß.«

»Vielleicht. Oder doch, daß man das Herz nicht verschwenden soll.«

»Das scheint mir aber unmoralisch. Meiner Ansicht nach kann das Herz nicht arm werden, soviel es auch gibt.«

»Glauben Sie? Da sind Sie aber sehr auf dem Holzweg. Das Herz kann sich nämlich auch irren und sogar verirren. Und wenn es sich einmal verirrt hat, dann wird es aufgebraucht.«

»Na na, und wenn? Dazu sind wir ja da. Man kann doch nicht eine Rechenmaschine in die Brust hineinstellen.«

»Aber wenn einer ein Ziel hat, dann muß er sein Herz bewahren, sonst ist er nichts wert.«