Der Moloch
Achtundfünfzigstes Kapitel
Er ging ins Badezimmer, ließ einen kalten Wasserstrahl über den Kopf laufen, trocknete und kämmte sich und verließ das Haus. Langsam schritt er durch den unbeweglichen Morgennebel. Nach einer halben Stunde stand er vor dem Haus, wo einst Verena gewohnt hatte. Eine Stimme erhob sich aus der Ferne, rief, rief ... Arnold konnte nicht verstehen. War es Verenas Stimme? Fremd war ihm Verena. Wie dunkel lagen die Wege!
Valescott begegnete ihm. »Wie sehen Sie aus, lieber Freund!« rief der Leutnant. »Ihnen ist nicht wohl, wie? Soll ich einen Wagen besorgen? den Arzt benachrichtigen?« Nichts von alledem. Arnold entzog sich dem Besorgten. Jedes menschliche Gesicht flößte ihm Furcht ein, denn in jedem sah er verwandelt sein eigenes, aller guten Triebe beraubt, leer, dünkelhaft und lügnerisch.
Ohne daß ein Vorsatz seine Schritte gelenkt hätte, befand er sich plötzlich vor dem Nordbahnhof. In der Halle studierte er den Zugsplan und sah, daß er in einer Stunde nach Podolin fahren konnte. Er kaufte ein Billett, setzte sich im Wartesaal in einen dunkeln Winkel, und so, ohne Reisegepäck, in wüster, geschlagener Dumpfheit, bestieg er auch den Zug.
Achtundfünfzigstes Kapitel
Der Nebel bedeckte das Land und schien die Bewegung und das Klappern der Räder zu dämpfen. Schwarze Bäume streckten mit verzweifelter Gebärde ihre Äste in den Qualm. Mitten auf freier Strecke mußte der Zug halten, und die Bediensteten liefen rufend hin und wieder. Arnold stieg aus und ging langsam neben einem Acker zur Maschine, vor welcher der Leichnam eines Pferdes hingestreckt lag. Geschäftig, aber untätig standen die Leute beisammen. Arnold wandte sich ab; der Kopf des toten Tieres erinnerte ihn an sein Traumpferd. Angst und Ahnung ließen seine Züge zusammenschrumpfen wie den Schwamm eine Faust.
Das Zeichen zur Weiterfahrt wurde gegeben. Arnold setzte sich wieder in seine Ecke, Minute auf Minute rollte hörbar an seinem Ohr vorbei und mischte sich mit den Millionen der schon verflossenen. Leicht glaubte Arnold diejenige herausklauben zu können, während welcher er auf so rätselhafte Weise sich selbst verloren hatte. Aber alle sahen einander gleich; stumm wie Holzscheite schwammen sie auf dem glatten Strom der Zeit ins Ewige hinaus.
Die Station kam, in der Arnold den Zug verließ. Weit und breit war kein Wagen zu haben. Er mußte zu Fuß nach Podolin. Der Boden war hart, wenn auch nicht gefroren. Von oben schien Gott gegen die Erde zu blasen, worauf das Nebelwerk widerwillig verflog. Wie in die Tiefe eines Trichters blickte ein Stück hellblauen Himmels herab. Leer und still dehnte sich das Land. Auch vor Arnolds Schritten wich der Nebel zurück, bis er sich allmählich gegen den Horizont drängte. Die Sonne beschien ihn bräunlich golden und nur den Fluß entlang türmte er sich noch wie eine fabelhafte Bergkette.
Es war drei Uhr nachmittags, als er durch eine Biegung des Wegs rechts den Hügel von Podolin gewahrte. Er ging links gegen den Ansorge-Hof; auf dem hölzernen Steg, der über den Fluß führte, blieb er stehen und schaute ins Wasser. Jetzt erst dachte er daran, wen das heimatliche Haus drüben beherbergte, und eine finstere Verzagtheit ergriff von ihm Besitz. Morastig und faul wie das Wasser unten erschien ihm sein Inneres, und er lehnte sich mit einer Inbrunst an das schwache Holzgeländer des Stegs, als fürchte er, selbst das dunkle Abbild seines Ichs zu verlieren, welches der Wasserspiegel zurückgab und welches ihm doch wenigstens seine eigenen Züge, seine Augen, seinen Mund, seine Arme zeigte.
Er ging weiter und trat ins Haus, als Ursula gerade mit mehlweißen Händen aus der Küche kam. Freude schien die Alte über sein Kommen nicht zu empfinden. Die Luft im Hause war verändert. Ursula, die hier ihre eigentliche Heimat gefunden hatte, fühlte sich nun unbehaglich. In dem schmalen Flur ging Arnold auf und ab; Ursula beobachtete ihn traurig und etwas erstaunt. Sie fragte, wo er sein Reisegepäck habe, doch er antwortete nicht. Er könne nur in der Hinterstube wohnen, fuhr sie betrübt fort, die drei andern Zimmer hätten der Herr Onkel und Christian inne.
Arnold stellte sich auf die Schwelle zur Küchentüre und lehnte die eine Schläfe gegen den Pfosten, während Ursula hantierte und dabei erzählte. Sie buk einen Obstkuchen für Borromeo; nur dies esse er bisweilen, sonst verweigere er fast alle Nahrung. Er sei sehr ruhig, nur in der Nacht fange er oft an zu phantasieren, aber niemand könne etwas davon begreifen. Es dürfe nie finster sein, er fürchte sich vor der Finsternis. Bevor er sich niederlege, schliche er zehnmal zu den Türen, um zu sehen, ob sie fest verschlossen seien. Oft lasse ihm dieser Gedanke auch im Schlaf keine Ruhe, und Christian müsse dann mit der Kerze in alle Winkel leuchten. »Der hiesige Doktor behauptet,« fuhr Ursula fort, »daß die Einsamkeit an allem schuld ist und daß jetzt nichts mehr zu machen ist. Er ist unheilbar. Jede Woche läuft uns auch eins vom Gesinde davon. Sie sind abergläubisch und ängstigen sich vor dem guten Herrn wie vor dem Teufel.«
Arnold ging wieder in den Flur zurück. Er trat an die Türe von Borromeos Zimmer und legte die Hand auf die Klinke. Er wagte nicht einzutreten, ihm schwindelte. Unsicheren Schrittes ging er auf den Hof und sah vom Zaun aus gegen die Fenster. Dann eilte er in den Park. Er atmete schwer. Plötzlich aber stand er still und klammerte den einen Arm um eine Föhre. Mit aller Gewalt sammelte er sich zu einem Entschluß. Seine Stirn und Blicke waren gesenkt, als er zum Haus zurückging. Ohne weiteres Zaudern öffnete er die Tür zum Zimmer des Oheims.
Borromeo saß einige Schritte vom Fenster entfernt und schaute, eine steinerne Unbeweglichkeit in allen Gliedern und selbst im Gesicht, gegen die Landschaft hinaus. Sein Bart war vollständig grau geworden. Der ziemlich kahle und seltsam abgeplattete Kopf mit der niedrigen Stirn hatte etwas von einem aufgesetzten Wachsmodell. Die Hände waren gelb und schmutzig. Sehr langsam wandte Borromeo den Kopf gegen die Türe. Das Geräusch des Eintretenden war längst verklungen, aber es schien, als brauchten die Laute zehnfache Zeit, um zu seinem Ohr zu gelangen. Er blickte Arnold ins Gesicht. Sein Blick schien nicht sehen, sondern nur tasten zu können. Er fletschte die Lippen und lächelte endlich, wobei Geifer in den Bart rann.
Schrecklich hob und spannte sich Arnolds Brust. »Onkel Borromeo, kennst du mich nicht?« fragte er endlich.
»Hä –?« machte Borromeo. Es war ein empfindungsloser Laut, von einer Bewegung des Mißtrauens begleitet. Auf einmal sagte er, indem er beide Hände zur Höhe des Halses erhob: »Zurückgesetzt ... sie lauern ... man muß vo– orsichtig sein ... Sie sperren einen sonst ins Kloster ...«