Der Moloch

Jakob Wassermann · Kapitel 37 von 65

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Der Moloch

Siebenunddreißigstes Kapitel

 

Nachdem Arnold Hankas Haus verlassen hatte, stand er eine Weile unschlüssig vor dem Tor. Dann schritt er die unbekannte Gasse entlang, kehrte aber wieder zurück. Schweigend standen die Villen und Landhäuser zu beiden Seiten der Straße, und sein Ohr vernahm keinen andern Laut als den des Regens. Er gelangte vor eine Bank, die unter dem Schutze eines alten Kastanienbaumes leidlich trocken geblieben war und setzte sich nieder.

Der letzte Blick und Händedruck Alexander Hankas wollten ihm nicht aus dem Kopf. Arnold fühlte wohl, daß darin mehr und anderes enthalten war als die dankbare Quittung für einen wohlgemeinten Dienst, anderes jedenfalls, als was Arnold erwartet hatte. Er hatte erwartet, daß ein Mann, der behäbig im Finstern gesessen, sich überrascht, tätig und entschlossen dem Licht zuwenden würde, das ihm ein Freund ins Haus getragen. Statt dessen, das verrieten ihm Empfindung und Beobachtung, hatte er einen Gedemütigten hinter sich gelassen. Arnold hatte geglaubt, eine Wahrheitsschuld abzutragen, und er hatte ein Gericht abgehalten. Hankas Blick war deutlich: du hast gerichtet, aber wer hat dich gerufen? War dies nun die Schwäche Hankas oder war es die menschliche Schwäche oder war es Arnolds Irrtum?

Ist es Hankas Schwäche, dachte Arnold, dann beruht sein Glück darauf, nicht zu sehen, wie das meine, sehen zu wollen. Und so wenig ich die Macht habe, ihm mein Gehirn und mein Auge zu geben, so wenig steht bei mir das Recht, ihm meine Wahrheit aufzureden. Hier ist kein Ausweg, obwohl ich sehe, daß jedes Ding, gutes Ding und böses Ding zwei Seiten hat. War es eine menschliche Schwäche, dann kann es ja auch meine Schwäche sein, und es wird für mich um so vielmal schwerer, Recht zu haben, als es außer mir noch Menschen gibt. Was Hanka besitzt, das ist sein Eigentum: Kleid, Haus und Weib. Ich nehme an, Hanka käme zu mir und sagte: deines Vaters Geld, von dem du zehrst, ist durch List, fremden Schweiß und fremde Not zusammengehäuft. Ich müßte es prüfen und richtig finden und müßte von mir werfen, was ich durch Lüge besitze, weil ich doch behauptet habe, daß jeder seine Lüge von sich werfen soll. Aber wie ist es mit Beate? Vielleicht war es der beste Weg, den sie erkannt hat, zu schweigen? Vielleicht war es ihre Kraft, n i c h t zu bekennen, und sie liebte Hanka am besten, wenn sie sein Nichtwissen liebte? Vielleicht war hier die Lüge das Bessere. Lüge, das ist doch nur ein Wort. Aber wie? wenn er es auf rohe und niederträchtige Art erfahren hätte? ist ein Wille, der etwas vollbringt, nicht ebenso gut wie das Ungefähr? und gilt es darum nicht als Wahrheit, weil ich es gewollt?