Der schlaue Gärtner

Ann Sophie · Kapitel 1 von 3

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Der schlaue Gärtner

Vom Regen in die Traufe

Ann Sophie

 

Der schlaue Gärtner

Vom Regen in die Traufe

Kopfschüttelnd blickte Bilbo dem davon ratternden Wagen hinterher, vor dem ein altersschwaches Pony gespannt war, das schon längst seine letzten Tage auf dem Gnadenhof verbringen müsste. Und nun hatte das arme Tier sogar noch einen Hieb mit der Gerte bekommen, was dem Wagenlenker jedoch nur ein kurzes Zucken mit dem struppigen Ponyschwanz einbrachte, aber nicht mehr an Eile.

„Keine Rücksichtnahme kennt diese Person!“, murmelte Bilbo verärgert. Wie „diese Person“ mit ihm selbst umspringt, war er gewohnt, aber dieses Verhalten hilflosen Kreaturen angedeihen zu lassen, war doch sehr … ungehörig! Aber was wollte man von einer Frau Lobelia Sackheim-Beutlin anderes erwarten? Ergeben seufzend wandte er sich seiner Behausung zu. Es war eh nicht zu ändern!

Wer würde es schon wagen, eine Dame wie Lobelia deren Fehler aufzuzählen? Genau, niemand! Möglicherweise hatte sie ja auch ihre guten Seiten, die er jedoch noch nicht entdecken konnte. Aber die schlimmen Eigenschaften hatte er zuhauf schon an ihr finden dürfen. Würde man ihn fragen, welche ihm da so einfallen, könnte er eine ganze Liste aus dem Stehgreif herunter sagen und an erster Stelle würde ihre besserwisserische Rechthaberei stehen. Und eben diese Charaktereigenschaft war es, die Bilbo gerade mal wieder so verärgerte!

Aber nun sollte ich wohl alles der Reihe nach erzählen, sonst kommen ja meine lieben Leser und Leserinnen komplett durcheinander:

 

Es war einmal ein Hobbit, der in einem Loch in der Erde hauste … dort lebte Bilbo lange Zeit zufrieden und glücklich. Das einzige Ärgernis, welches ihn von Zeit zu Zeit heimsuchte war besagte Lobelia Sackheim-Beutlin, die es sich in den Kopf gesetzt hatte, ihm das Leben so schwer wie nur möglich zu machen. Mindestens einmal im Monat kam sie auf ihrem Karren und dem davor gespannten Pony vor seine Tür gerollt, vorzugsweise mit ihrem Gemahl und dem ungeratenen Bengel von Sohn, den sie wohl als Einzigen in ihrem Leben abgöttische verehrte. Gemeinsam fielen sie in Bilbos Wohnhöhle wie ein Schwarm Heuschrecken ein und benahmen sich auch so. Sobald sie wieder das Weite suchten, waren seine Speisekammern und der Keller soweit geleert, dass es selbst die armen und genügsamen Feldmäuse vor Hunger fortgetrieben haben würde.

Eines Tages standen Bilbo die Verzweiflung und der Ärger über diese unverhofften Überfälle bis zum schmalen Kragen seines Hemdes und schlussendlich holte er aus dem Korb, in dem er immer das Papier und Anzündholz für den Kamin lagerte, das „Hobbinger Wochenblatt“ vom vergangenen Sonntag heraus. Auf der letzten Seite war ihm beim ersten Lesen des Blattes eine Anzeige aufgefallen. Eine ganz kleine, unten links in die Ecke gedrückt, als würde sie sich neben dem doppelt so großen Angebot für „neuartige“ Einkochhilfen verstecken wollen.

„Gärtner gesucht“ stand hier zu lesen, kein Wo und Wann sondern nur der Hinweis, sich bei Interesse an die örtliche „Presse“ zu wenden.

Unwillkürlich musste Bilbo bei dem Gedanken lachen, dass Lobelias Göttergatte wohl eher zur örtlichen Ölpresse gegangen wäre.

Mit schwungvoller Handschrift setzte er ein kurzes Schreiben an den Auftraggeber der Suchanzeige auf und gab dieses, sauber adressiert und ordentlich versiegelt sowie mit einigen Münzen für die Umstände versehen, einem Nachbarn mit, der an diesem Morgen nach Bree fahren und somit den Umschlag in die Welt hinaus mitnehmen wollte.

Und somit begann das Warten …

Ganze sechs Monate verstrichen, bis endlich eine Antwort bei Bilbo eintraf.

Während er die vergangenen Wochen versucht hatte, sich mit gärtnerischen Tipps und Tricks des Herrn Gamdschies in großem Maße einzudecken und die restliche Zeit wie auf Kohlen saß, so still saß er nun an seinem Schreibtisch, den Brief unberührt vor sich, als fürchte er sich vor dessen Inhalt. Mit den Worten „Es ist ein großer Schritt für einen Hobbit, aber ein sehr kleiner für einen Tuk!“, erbrach er schließlich das dunkelblaue Siegelwachs. Es waren nur einige wenige Worte, die ihm in sauberen und eleganten Lettern regelrecht entgegenlächelten, auf welche er ebenso reagierte.

„Einladung!“ stand hier zu lesen und ließ sein Herz vor Freude hüpfen. Im nächsten Moment rutschte es ihm jedoch bis in seine behaarten Füße, als sein Blick auf die weiteren Worte fiel. “Erebor“, murmelte er fassungslos. Nun war er zwar nie über die Grenzen des Auenlandes hinausgekommen, trotzdem wusste Bilbo, dass der Einsame Berg für ihn auch ebenso gut am anderen Ende der Welt liegen könnte. Viel zu weit entfernt und daher unerreichbar für einen kleinen Hobbit.

Zweifel sprangen ihn zu allem Überfluss nun auch noch an, ob er denn wirklich in der Lage wäre, als Gärtner sein Brot zu verdienen, wenn er sich denn dazu entschlösse, die Reise anzutreten! Doch der nächste Morgen nahm ihm die Entscheidung ab, denn Lobelia stand mit ihrem hungrigen Anhang wieder vor seiner Tür.

Während sie sich über seine Speisekammern hermachten, packte Bilbo sein Bündel. Es war nicht viel, was er hinein tat, doch es würde ihm für die lange Reise reichen müssen. Zum Schluss schnürrte er die Decke obenauf, griff nach seinem Wanderstab und angetan mit seiner rostroten Jacke trat er vor Lobelia. Mit einem unbeschreiblichen Gefühl, welches zwischen Trauer, Glücklichsein, Angst und Erleichtung schwankte, drückte er der erstaunten Frau mit den Worten „Werde glücklich damit“ die Schlüssel zu seinem Smial in die Hand.

Zum ersten Mal in seinem Leben erlebte Bilbo sie sprachlos. Zu gern hätte er diese unbeschreibbare Miene weiter betrachtet, doch musste – nein, wollte - er nun gehen.

Ab Bree hatte er das große Glück, mit einem bewaffneten Händlerzug reisen zu dürfen, für welchen ein Koch händeringend gesucht wurde. Das Ziel der Händler war die große Handelsstadt Esgaroth im Langen See, von wo es nur ein Katzensprung bis zum Erebor sein würde.

Nach endlos erscheinenden Monaten langte Bilbo endlich im Einsamen Berg an und da gerade der Frühling vor den mächtigen Toren zum Zwergenreich stand, durfte er sich auch sofort an die ihm zugedachte Arbeit als Gärtner machen. Vom weißhaarigen Ratgeber wurde ihm der hochoffziellen Auftrag erteilt, die königliche Küche mit Obst und Gemüse zu beliefern und diese Aufgabe hatte den Hobbit fast bis an den Rand der Verzweiflung gebracht. Er hatte gesehen, dass sehr viele Zwerge in diesem Reich lebten und wie sollte er diese Arbeit allein bewältigen? Doch schluckte er den Schreck hinunter und nahm den Auftrag an, wie es einem Tuk anstand. Denn schließlich wird nicht alles so heiß gegessen, wie es gekocht wurde und dies bewahrheitete sich auch hier, denn ihm wurden Zwerge zur Seite gestellt, die ihm bei der Arbeit halfen.

Da sich in seinem alten Leben Großvater Gamdschie um seine Blumen- und Gemüsebeete gekümmert hatte, hatte Bilbo nie erleben dürfen, wie befriedigend das Beobachten des Wachsens und Gedeihens sein kann. Mit dem Wissen, welches der alte Herr ihm mitgegeben hatte, war er in kürzester Zeit zu einem wahren Meister des Gartenbaus geworden und er konnte sich dessen rühmen, nach und nach die steinige Einöde, die Smaug hinterlassen hat, wieder zu begrünen.

Dies teilte er auch eines Tages Herrn Gamdschie mit, mit welchem er eine rege Korrespondenz führte und in welcher sie auch Samen von besonders gelungenen Züchtungen austauschten. Doch dummerweise muss Lobelia sein großes Glück zu Ohren gekommen sein, denn nur fünf Jahre, nachdem Bilbo das Auenland und somit seinen herzallerliebsten Anhang hinter sich gelassen hatte, stand dieser vor seiner Tür und begehrte Einlass.

Vom ersten Moment ihrer Anreise nahmen die Neuankömmlinge ihre alten Verhaltensweisen wieder auf und nichts deutete darauf hin, dass es Änderung zum Auenland geben würde.

An einem wunderschönen sonnigen Morgen war sie dann auch mal wieder wie ein Unwetter über Bilbo hereingebrochen und hatte sich ganz einfach zu seinem zweiten Frühstück eingeladen. Dieses Mal allein, ohne Anhang. Während des Essens und Kauens und Schluckens redete sie. Von Dies und Das und Jenes sprach sie und erzählte auch, dass der Zwergenkönig krank wäre. Doktoren und viele gelehrte Männer wären bei ihm gewesen und ratlos wieder abgezogen, niemand war in der Lage, ihm zu helfen. Bilbo interessierte sich nicht sehr für das Gerede Lobelias, trotzdem fragte er aus reiner Höflichkeit nach, was denn dessen Leiden wäre, woraufhin sie meinte: „Der König isst nichts und wenn er doch etwas zu sich nimmt, dann soll es nicht mehr als ein Fingerhut füllen, heißt es!“ Mit diesen Worten griff sie nach dem Erdbeerkuchen, von dem sie sich großzügig auf den Teller lud und obenauf geschlagene Sahne häufte.

Nach dem ersten großen Bissen, den sie sich mit Genuss auf der Zunge zergehen ließ, blickte sie Bilbo mit großen Augen an. „Der Kuchen ist eines Königs würdig!“, brachte sie schließlich hervor, nur um im nächsten Moment aufzuspringen und aus Bilbos Speisekammer einen großen Henkelkorb zu holen. Sprachlos schaute Bilbo zu, wie all die Leckereien, von denen sich Lobelia zuvor reichlich bedient hatte, nach und nach in den Korb verschwanden. Gerade noch rechtzeitig, entriss er ihr eine geräucherte Speckseite. „Was machst du? Was soll das werden? Willst du jetzt etwa alles für deinen ungeratenen Sohn und Taugenichts von Mann mitnehmen?“

Lobelia sagte nichts zu seinen Worten sondern blickte ihn nur verständnislos an. „Hast du mir nicht zugehört, Bilbo?“, fragte sie ihn, wie man manchmal mit einem Kind spricht, welches nicht hören wollte, was gesagt wurde. „Der König ist krank! Und jeder, der das Unmögliche möglich macht, dass er wieder ißt, erhält eine Belohnung!“

„Und deshalb willst du ihm angeschnittene und angefressene Speisen vorsetzen?“, wandte Bilbo ein. „Das kannst du nicht machen! Der König wird dich fragen, wo die andere Hälfte abgeblieben ist!“

Seine Worte wurden aber von Lobelia abgewunken. „Was du schon wieder erzählst! Ihm werden doch niemals ganze Kuchen vorgesetzt, ebensowenig wie ein kompletter Räucherschinken!“ „Woher willst du das wissen, Lobelia?“ Zornig fuchtelte er mit dem Speck vor dem Gesicht der Frau herum. „Warst du schon jemals im Palast und hast dich bewirten lassen? Hast du gesehen, wie er speist? Nein, hast du nicht! Ich habe gesehen, wie ihm aufgetischt wird und da sind ihm keineswegs nur halbe Kuchen vorgesetzt worden!“

Mit einem hämischen Lächeln um die Lippen, griff Lobelia nach der Speckseite und entriss sie Bilbos Fingern. „Das wird sich ja zeigen, mein Lieber! Er wird mich wohl kaum wegen einem fehlenden Stück Kuchens in den Kerker werfen lassen!“

Was sollte der arme Bilbo nun noch dazu sagen? Also ließ er der guten Frau ihren Willen und seine Speisen und blickte ihr hinterher.

Am nächsten Morgen war Bilbo in den weitläufigen Gärten unterwegs, die sich am Fuß des Einsamen Berges erstreckten, als eilige Schritte auf den Kieswegen laut wurden. Erstaunt sah er zwei Angehörigen der königlichen Garde entgegen, die direkt auf ihm zukamen und schließlich vor ihm stehen blieben. Höflich grüßte er die Zwerge mit einem „Guten Morgen“, auch wenn er sich nicht ganz sicher war, ob der Morgen gut sein kann, wenn Wachen ihn bereits so früh am Tag aufsuchen.

Einer der Herren Zwerge grüßte ihn mit einem kurzen Nicken, während die Miene des anderen so hart wirkte wie der Stein, aus denen Aule sie geschaffen haben soll.

„Folgt uns, Herr Gärtner!“, schnarrte der Hartgesichtige und machte eine kurze Handbewegung in Richtung des Tores, welches sie in den Berg hineinführen würde.

„Was? Warum?“, stotterte Bilbo und blickte den freundlicheren Zwerg an. „Wohin wollt Ihr mich bringen?“ Doch von ihm kam ebenso wenig eine Antwort wie von dem anderen. Im nächsten Moment fühlte er sich erbleichen, als ihm ein Verdacht kam, den er aber nicht richtig in Worte fassen konnte. „Ist es wegen meiner Verwandten? Hat sie sich etwa dem König gegenüber unanständig verhalten?“

Ein verständnisloser Blick und ein verneinendes Kopfschütteln brachte Bilbo schließlich zum Schweigen und im nächsten Moment wurde er von einer Hand am Arm ergriffen. Nicht zu fest, aber doch so bestimmend und resolut, dass der Hobbit nicht anders konnte, als der freundlichen Aufforderung der Wache folge zu leisten.