Der schlaue Gärtner
Das Wichtigste im Leben
Eine Stunde später war Bilbo gesittet gekleidet, wie es sich für einen ordentlichen Hobbit gehörte und saß am Mittagstisch, der nicht so wirkte, als hätte der König noch bis zum gestrigen Tage unter mangelndem Appetit gelitten.
Unsicher blickte er auf den beeindruckenden Mann, welcher am anderen Ende der langgestreckten Tafel saß und gerade über all die Speisen, die dort aufgetischt worden waren, zu ihm herüber lächelte. Bilbo versuchte, das Lächeln zu erwidern, doch bemerkte er, dass es ihm etwas missglückte. Zudem machte der Abstand zu seinem Gegenüber es ihm unmöglich, ein Gespräch zu beginnen … oder sollte er warten, bis der König das Wort an ihn richten würde? Zögernd berührte er mit den Fingerspitzen das goldfarbene Besteck, welches so ganz anders in der Hand liegen würde als jenes, das er sein Eigen nennen konnte. Der Teller vor ihm leuchtete geradzu im Weiß des zartesten Porzellans und war nicht mit den teilweise schon abgenutzten Farben seines heimischen Steingutes zu vergleichen. Wenn er schon bei den täglichen Dingen zögerte, diese zu gebrauchen, wie sollte er dann der Gefährte eines Königs sein, der in diesem gewaltigen Palast leben würde? Wie sollte er hier leben mit all dem Reichtum um sich herum?
Ein leiser Seufzer entrang sich ihm. Worauf hatte er sich nur eingelassen?
Noch am Morgen, lange vor den Zeiten, zu denen man üblicherweise seine Besuche machte, hatte er bereits vor Lobelias Tür gestanden und sie darum gebeten – nein, von ihr verlangt - dass sie ihm gefälligst bei der Lösung des Rätsels zu helfen habe, da sie ja schließlich an der Gesamtsituation schuldig sei. Über den fordernden Ton Bilbos hatte sie erbost um Luft ringen müssen, jedoch bei der Aussicht, dass Bilbo in Gold aufgewogen werden würde, mit glänzenden Augen nachgegeben. In aller Eile hatte sie Sohn und Mann geweckt, welche sich auch umgehend auf die Suche bzw. den Fang des „Geschenkes“ machen sollten. Lobelia höchst selbst eilte zum Nachbarn, um sich dort deren Pony zu borgen. Ebenso beflissen band sie die beiden Tiere mit dem Seil zusammen, während Bilbo aus seinen Sachen stieg und sich in das ebenfalls geliehene Fischernetz wickelte. Nur bei der Aussicht, die Ponies führen zu müssen, widersprach die resolute Frau vehement, doch schließlich gab sie sich dem Drängen Bilbos und wohl einem kleinen Stückchen schlechtem Gewissen geschlagen. Glücklicherweise war es ein frühsommerlicher Tag, an welchem die Sonne bereits am Vormittag warm vom Himmel strahlte. So musste Bilbo nicht Gefahr laufen, sich eine arge Erkältung zuzuziehen, während er auf seine Verwandschaft wartete. Trotzdem bibberte er leicht, als Vater und Sohn endlich den Weg entlang kamen und dabei recht zufrieden aussahen.
Doch es könnte auch an der inneren Anspannung liegen, dass ihm die Zähne aufeinander schlugen.
Von dem Weg, den Bilbo von Lobelias kleinem Häuschen zum Erebor zurück gelegt hatte, war ihm nicht mehr allzuviel im Gedächtnis verblieben. Zu sehr schien er darauf konzentriert zu sein, sich auf dem Seil zu halten, welches schmerzhaft drückte und das Sitzen fast unmöglich machte. Zudem hatte er auch Lobelias Kehrseite direkt vor Augen.
So der Sicht auf die Umgebung beraubt, machte es ihm unmöglich abzuschätzen, wie schnell sie vorankamen und ob er es noch rechtzeitig zur vereinbarten Zeit schaffen würde. In der Zwischenzeit hatte sich auf der Dorfstraße schnell ein kleiner Zug gebildet, der Bilbo begleitete und im Geheimen hoffte er, dass niemand von ihnen auf den Gedanken käme, mit Pauken und Trompeten sein Kommen zu verkünden.
Und dann stand er vor ihm ...
„So schwere Gedanken?“
Erstaunen zeichnete Bilbos Gesicht, als dieser aufblickte. Ihm war wohl nicht bewusst gewesen, dass sein Seufzen bis zum König gedrungen sein könnte.
„Es ist nichts!“, versuchte der Hobbit auch sofort abzuwinken. „Ich muss wohl in Gedanken gewesen sein.“ Doch wirkten die Stimme und seine Bewegung so niedergeschlagen, dass Thorin dem keinen Glauben schenken wollte. Mit einer leichten Handbewegung befahl er einen bediensteten Zwerg herbei, gab ihm leise seine Anweisungen und erhob sich dann von seinem Platz. Nur wenige Minuten später waren sein Gedeck und der Stuhl zur Rechten Bilbos gerichtet, welcher alles mit überraschter Miene beobachtete.
Mit den Worten „Nun können wir uns unterhalten, ohne den Berg zusammenbrüllen zu müssen“, ließ sich Thorin auf dem Platz nieder und auch ohne weitere Umstände griff er nach der Schüssel mit Salat und tat davon dem Hobbit davon auf. „Ich habe gehört, dass ein Hobbit fast stündlich eine Mahlzeit zu sich nimmt. Wenn dem so ist, dann müsstest du bereits verhungert sein, denn ich glaube nicht, dass du heute etwas zu dir genommen hast.“ Ohne auf ablehnende oder zustimmende Worte Bilbos zu achten, sprach Thorin weiter, während er ihm Fleisch, Kartoffeln und Soße auf den Teller häufte. „Ich fände es schrecklich, wenn du bereits am ersten Tag in meinem Palast einen Schwächeanfall wegen Hungers erleiden würdest.“
Unwillkürlich musste Bilbo lächeln. Zu angenehm erschien ihm die Sorge des Königs um sein Wohl und die Art, wie er dies zeigte, war herzerwärmend.
„Verzeiht mir, Hoheit, dass ich kein geeigneter Gesellschafter bei Tisch bin“, entschuldigte er sich schließlich. Die Finger im Schoß nervös ineinander verschlungen, nahm er seinen Mut zusammen und blickte Thorin offen an. „Es ist alles sehr ungewohnt und fremd für mich. Zudem weiß ich nicht, wie bei Eurem Volk die Bedeutung eines Gefährten gewertet wird.“
Thorin hatte sich in seinem Stuhl zurückgelehnt. „Was wird beim Volk der Hobbits als Gefährte angesehen?“, fragte er nach einigen Augenblicken, in denen er nachzudenken schien.
„Ich weiß nicht, ob es im Auenland jemanden gab, der dieser Bezeichnung gerecht geworden wäre“, beginnt Bilbo zögernd und nach den richtigen Worten suchend, „doch ist ein Gefährte für mich jemand, der sich dazu berufen fühlt, einen großen Teil eines Weges mit jemandem zusammen zu gehen. Also, ich meine nicht nur eine bestimmte Strecke, sondern auch eine gewisse Zeit des Lebens miteinander verbringen.“
„Was würden sie miteinander teilen?“, fragte der König, nun interessiert vorgebeugt.
Bilbo zuckte die Schultern. „Gedanken, Erinnerungen, Probleme.“ Thorin lächelte nur leicht und lehnte sich wieder zurück. „Ich mag dich, Bilbo, sehr sogar und es würde mich freuen, wenn du deine Gedanken und Probleme mit mir teilen würdest.“ Wieder trifft Thorin ein erstaunter Blick aus haselnussbraunen Augen. „Du willst dich wirklich mit Lobelia herum ärgern?“
Die folgenden Wochen und Monate vergingen ruhig. Thorin ging seinen täglichen Geschäften nach und Bilbo war in den königlichen Gärten zu finden. Die Tage verbrachte der Hobbit wie er es gewohnt war, nur dass er sein kleines Garthäuschen gegen eine eigene Zimmerflucht im Palast des Zwergenreiches getauscht hatte und sich auch um die Bereitung der täglichen Speisen nicht mehr sorgen musste. Jedoch hielt sich die Kälte hartnäckig im Zwergenpalast, unter der Bilbo arg zu leiden hatte. Als Kind des grünen Auenlandes hatte er sich nie recht an die Temperaturen am Erebor gewöhnen können und dies merkte er besonders im Frühjahr und Sommer, wenn vor den hohen Fenstern alles grünte und er selbst am liebsten im dicken Wintermantel durch die Flure geeilt wäre.
Thorin nahm darauf Rücksicht und so saßen sie nach dem abendlichen Mahl häufig vor dem von lustig flackernden Flammen erhellten Kamin beisammen. Gern erzählte der König dann von den Ereignissen seines Tages und fragte Bilbo häufig nach dessen Meinungen und seinen Ratschlägen.
Auch der Hobbit genoss diese gemütlichen Abende. Er fühlte sich gewertschätzt und das Wissen, dass es jemanden gabe, der Wert auf seine Ansichten legte und sie sogar berücksichtigte, erwärmte ihm das Herz. Viel zu schnell, nach seiner Meinung, fühlte er sich im riesigen Palast der Zwerge heimisch.
Und doch war da immer etwas, was ihm fehlte. Es war nur ein Gefühl und er hätte niemals den Finger darauf legen können, um zu sagen: „Ja, das ist es, was mir zu meinem Glück noch fehlt!“
Nach einem verhältnismäßig warmen Sommer hielt der Herbst mit einer reichen Ernte seinen Einzug. Ihm zu Ehren wurde ein alljährlicher Markt direkt vor den Toren des Einsamen Berges abgehalten, welcher der Zwergenkönig mit einigen freundlichen Worten und einem Rundgang eröffnete. Selbstverständlich begleitete Bilbo Thorin und war so immer an dessen Seite zu finden. Schließlich gelangten sie zu einem Ochsenbauern und einem Bauer mit seinem Pferdefuhrwerk, welche sich lautstark um ein Fohlen stritten, das bei den Ochsen lag.
„Was ist hier los?“, fragte Thorin die beiden Männer, die sich sofort dem König zuwandten und von ihm eine Lösung für das Dilemma erhofften: Der Bauer erzählte, dass seine Stute das Füllen geboren habe, doch durch die Umstände auf dem Markt habe es sich unter die Ochsen gelegt.
Dem widersprach der Ochsbauer und erklärte mit einem siegessicherem Lächeln, dass es schlimm und schrecklich wäre, wenn ein Bauer so wenig Rücksicht auf seine Tiere nähme und diese, trotz ihrer angeblichen Trächtigkeit, einer solchen Anstrengung aussetze und zudem „liegt das Füllen unter dem Ochsen und ist demnach von ihm geboren worden!“ Thorin konnte sich der Beredsamkeit und logisch erscheinenden Bauerschläue des Ochsbauern nicht entziehen und stimmte dem zu. Zum Schluss entschied er, dass das neugeborene Füllen dem gehöre, bei dessen Tieren es liege.
Als Bilbo dieses Urteil hörte, zog er nur erstaunt die Augenbrauen hoch, wagte es jedoch nicht, Thorin vor seinem Volk zu widersprechen. Doch trat der Bauer an ihm heran, da er gesehen hatte, dass Bilbo wohl eine andere Meinung vertrat. „Mein Herr“, begann der Bauer zögernd. „Ihr wurdet mir als klug und mitfühlend beschrieben. Nun hoffe ich sehr, dass Ihr mir einen Rat geben könnt, da ein Fohlen bei der Stute sein sollte, damit es wachsen und gedeihen kann.“
Kurz überlegte Bilbo. „Ich gebe Euch einen Hinweis, wie Ihr verfahren könnt, jedoch ist es an eine Bedingung geknüpft. Verratet unter keinen Umständen, wer Euch den Rat gab!“
Der Bauer stimmte dem eilig zu und beugte sich zum Hobbit herab, um auf dessen geflüsterte Worte lauschen zu können.
Um die Mittagszeit des kommenden Tages spazierte Thorin die gepflegten Wege der Gärten entlang, als er eines seltsamen Anblicks gewahr wurde: Ein Mann warf auf dem trockenen Sand ein Fischernetz aus, um es wieder einzuholen. Es schien, als würde er aus dem Netz etwas herausnehmen, um es in den hölzernen Bottich zu legen.
„Was machst du hier? Fischen in meinem Garten? Auf dem Trockenen?“, fragte Thorin und trat näher, um einen Blick in den mit Wasser gefüllten Bottich zu werfen. „Ihr habt tatsächlich Fische in dem Eimer!“
„Ja, Herr. So, wie ein Ochse ein Füllen werfen kann, kann ich auf dem Trockenen Fische fangen!“, antwortete der Mann, um ein weiteres Mal, das Netz auszuwerfen.
Thorin wusste sofort, woher der Wind wehte und wer dem Mann die Worte in den Mund gelegt hatte. Mit langen Schritten eilte er die Wege entlang, die ihn zu Bilbo führen würden. Zornig funkelten seine Augen, als er an den Beeten vorbeischritt, doch sah er nichts von der blühenden Fülle, die ihn umgab.
Schließlich stand er vor Bilbo und beim Anblick des Hobbits schien aller Zorn verraucht. Nur noch das Gefühl von Enttäuschung erfüllte ihn. „Warum?“, fragte er deshalb nur und erkannte an den Augen des anderen, dass dieser die einfache Frage verstanden hatte und wusste, worauf sie sich bezog. „Warum bist du so falsch zu mir? Ich will dich nicht mehr um mich haben!“, setzte er hinzu, ohne Bilbo die Möglichkeit einer Rechtfertigung zu lassen. „Kehre dorthin zurück, woher du gekommen bist!“ Doch erlaubte er dem Hobbit etwas mitzunehmen, welches ihm das Liebste und das Beste erschien. Bilbo nickte nur verstehend, da er bemerkte, dass jegliche Widerworte und Rechtfertigungen nur den Ärger des Zwerges weiter schüren würden. „Gib mir bis zum Abend Bedenkzeit, was mir das Liebste und Beste ist, dann werde ich den Palast verlassen.“ Bittend blickte Bilbo zum König auf, der den Wunsch schwerlich abschlagen konnte.
Am Morgen des nächsten Tages blickte sich Thorin erstaunt um. Wo war er?
Das Licht, welches durch das Fenster drang, wirkte ganz anders, als er es gewohnt war. Auch die Bettwäsche roch anders und fühlte sich nicht so glatt auf seiner Haut an.
Gedämpfte Geräusche waren zu hören, die er nur schwer zuordnen konnte, jedoch schließlich als das Klappern und Klirren von Geschirr und Besteck erkannte.
Gerade öffnete sich leise kranzend die Tür. „Guten Morgen wünsche ich“, kam es geradezu fröhlich von Bilbo. „Ich hoffe, dass du gut geschlafen hast?“
Leicht verwirrt nickte Thorin während er sich aufsetzte. „Wo bin ich und wie komme ich hier her?“
Der Hobbit zuckte im Gegenzug leicht mit den Schultern. „In meinem Häuschen!“, meinte er, als wäre dies der einzige Ort, an dem sich der König aufhalten sollte. „Und mit etwas Mohnsaft, der dich hat tief und fest schlafen lassen sowie den richtigen Zwergen, die einem armen Hobbit gern behilflich sind, kann man viel erreichen!“ Erzählte Bilbo weiterhin fröhlich während er die bunten Vorhänge aufzog und das Fenster öffnete, um die klare Herbstluft hereinzulassen.
„Warum hast du mich hierher bringen lassen?“ Thorin musste die Frage stellen, obgleich er sich die Antwort darauf bereits denken konnte. Doch es erwärmte ihm um so mehr das Herz, als Bilbo dies mit den nächsten Worten und einem frech wirkenden Lächeln bestätigte: „Mein lieber Herr König! Du hast mir erlaubt, dass ich das Liebste und das Beste aus dem Schloss mitnehmen darf. Nun habe ich nichts Besseres und Lieberes als dich und aus diesem Grund habe ich dich mitgenommen.“
Erstaunt und sprachlos blickte Thorin den Hobbit an. Schlussendlich zuckte ein Lächeln um seine Lippen und auch über sein Gesicht. Geradezu zögernd griff er nach Bilbos schmaler Hand. „Vor einiger Zeit hatten wir uns über die Bedeutung des Gefährten unterhalten und nun benennt dieses Wort bei uns Zwergen ein ähnliches Verhältnis, nur mit mehr Freiheiten“, begann Thorin zögernd. „Seit du in mein Leben getreten bist ist es bunter für mich geworden und mir wurde immer bewusster, wie sehr ich dich mag und allein das Wissen, dich zu verlieren, schmerzte mich zutiefst.“ Ehrlich blickte Thorin den Hobbit an und dieser spürte, dass der König tief von seinen Gefühlen bewegt war, als er weitersprach. „Ich bitte dich von Herzen als mein geliebter Gefährte mit mir in den Berg zurückzukehren.“
Bilbo spürte, dass es das war, was er sich am sehnlichsten wünschte und doch nie recht zu benennen gewusst hatte. So stimmte er dem mit frohem Herzen zu.
Nach einem Tag der Versöhnung kehrten der König und sein Gefährte in das Reich der Zwerge zurück … und dort werden sie ja wohl noch auf den heutigen Tag leben.
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Tag der Veröffentlichung: 06.03.2016
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Ann Sophie