Der schlaue Gärtner

Ann Sophie · Kapitel 2 von 3

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Der schlaue Gärtner

Was andere einbrocken, muss ausgelöffelt werden

Was andere einbrocken, muss ausgelöffelt

werden

Bisher hatte sich Bilbo nur in den Bereichen des Zwergenpalastes aufgehalten, welche für ihn als „Lieferanten des Hofes“ zulässig waren. Dort waren die Flure niedriger und schmaler sowie die Räume kleiner, in die er einen Blick werfen konnte, wenn eine Tür offen stand.

Nun wurde er durch Flure geführt, in denen die Echos seiner Schritte und jene der beiden ihn begleitenden Wachen von den polierten Steinwänden mehrfach zurückgeworfen wurden. Schmale Adern verschiedenfarbigen Erzes zogen sich durch das Gestein, aus welchem der Palast heraus geschlagen worden war. Gold- und silberfarbene Schlieren zierten Gemälden gleich die Mauern und gaben einen Eindruck vom verschwenderischen Reichtum, welcher noch immer im Inneren des Einsamen Berges schlummern mochte. Obwohl er wieder und wieder das Wort an die beiden Zwerge gerichtet hatte, konnte Bilbo noch immer nicht heraus bringen, was geschehen war. Nur einmal hatte der Hartgesichtige ihn angeblickt und grimmig gemeint, dass der König nach ihm verlangt habe. „Der König?“, war Bilbo voller Schreck entfahren. „Etwa Thorin?“ Bisher war er der Meinung gewesen, dass er zum Haushofmeister oder dem Ersten Ratgeber gebracht werden sollte … Aber zum König!

Größte Sorge machte sich in seinem Bauch breit und zwickte ihn gar schmerzhaft. Was wollte er von ihm? Was hatte ein kleiner Gärtner beim Herrscher des Zwergenreiches zu suchen?

Von den Wachen in den großen Thronsaal geschoben, stand Bilbo schließlich allein und mit schlackernden Knien vor dem stolzen König der Zwerge, welcher mit ernstem Blick auf ihn hinab blickte. „So, so!“, sagte dieser nach einer Weile mit tiefer Stimme. Bilbo kniff vor Angst die Augen zu, als könnte er sich in dieser Art unsichtbar machen. Doch es schien nicht zu helfen, denn schon sprach der König weiter und es war kein erstaunter Ausruf, wo denn der Hobbit abgeblieben sei. „Du bist also der Gärtner, der Unserem Palast nicht nur die Früchte der Erde liefert, sondern auch halbe Kuchen!“

Nun riss Bilbo die Augen weit auf und rang vor Entrüstung um Luft. Oh, diese Lobelia! Er hatte es ihr gesagt, dass es den König erzürnen würde!

Mühsam bemühte er sich um Ruhe, obwohl er dem Herrn auf dem Thron schon zu gern eine passende Antwort gegeben hätte. Demütig senkte er jedoch das Haupt und musste gleichzeitig spüren, wie ihm vor Ärger über diese schreckliche Situation die Röte in die Wangen schoss.

„Mein Hoher Herr“, begann er schließlich mit gesenktem Blick. „Verzeiht meiner Verwandten und mir, dass Euch Speisen vom Tisch eines armen Gärtners vorgesetzt worden sind! Doch sie wusste es nicht besser und wollte Eurer Majestät eine Freude bereiten wie sie meinte“, nahm er Lobelias Handeln in Schutz. „Und in ihrem Wahn war sie der Meinung, dass diese Speisen eines Königs würdig wären. Meine Einwände ließ sie nicht gelten, dass Euch nichts Halbes vorgesetzt werden würde, doch ließ sie sich nicht beirren!“ In einer hilflos anmutenden Geste hob er die Hände und blickte zum König auf, der ihn interessiert beobachtete. „Wenn sie durch ihre anmaßende Handlung in Eurem Kerker liegt, bitte ich Euch, Gnade walten zu lassen und sie frei zu geben.“

Mit Erstaunen sah Bilbo, wie die ernste Miene des Königs verschwand. Ein Lächeln schien an seinen Mundwinkeln zu zupfen bis schließlich sein tiefes Lachen den Saal erfüllte. „Du amüsierst mich, Gärtner!“, sagte er, noch immer mit einem leisen Lachen in der Stimme. „Wie kommst du auf den Gedanken, deine Verwandte würde im Kerker liegen? Ich gestehe, dass ich über ihr Auftreten und Gebahren sehr verärgert war und einige Tage im Karzer würden gewiss ihr Mütchen kühlen. Nein, diese Person hat, wie verkündet, ihren Lohn in Gold dafür erhalten, dass sie mir den Appetit und damit die Lust am Essen und Leben wiedergegeben hat und inzwischen dürfte sie auch wieder bei ihrer Familie sein.“

Einige Momente benötigte Bilbo, um die Worte Thorins zu erfassen und gleichzeitig hatte er das Gefühl, in einem Traum gefangen zu sein. So ganz anders als befürchtet entwickelte sich das Gespräch und schien auch eine Richtung zu nehmen, die er noch nicht recht ergreifen konnte. Zudem gefiel dem Hobbit dieser Zwergenkönig, der in seiner dunkelblauen Robe und der Krone auf dem nachtschwarzen Haar, welches wie von Mondstrahlsträhnen durchzogen war, sehr majetätisch auf ihn wirkte. Und das machte ihn nervös und regelrecht kribbelig, weil er noch nie zuvor solch ein Gefühl kennengelernt hatte.

„Ihr seid zu gütig, mein König!“, murmelte Bilbo nun, um seine Unsicherheit zu überspielen und auch weil er glaubte, sich im Namen Lobelias bedanken zu müssen. Ebenso wusste er nicht, wie und was er nach Thorins Worten anworten sollte. Nach einem tiefen Seufzer nahm er jedoch seinen ganzen Mut zusammen und stellte die Frage, die ihn beschäftigte. „Wenn Lobelia Euch von Eurem Leiden heilen konnte, was wünscht Ihr dann von mir, Hoheit?“

Wieder lachte der König, doch leise und warm, wie Bilbo fand. „Diese 'Dame' mag mich von meinem Leiden geheilt haben, doch die Medizin hat wohl jemand anderes zubereitet.“ Thorin hatte sich bei den Worten vom Thron erhoben, kam nun langsam auf den Hobbit zu und blieb vor ihm stehen. „Warum du hier bist? Nun gut, ich will es dir sagen: Du hast mich neugierig gemacht und ich wollte das wohl einzige Wesen in meinem Reich kennenlernen, welches sich mit solch einer von sich selbst eingenommenen Person verträgt und sie sogar vor ihrem eigenen Unglück zu bewahren sucht, auch wenn es bedeuten würde, alle Schuld auf die eigenen Schultern zu laden.“ Langsam begann der König, den Hobbit zu umrunden, die Hände auf dem Rücken verschränkt, als wäre er in Gedanken versunken.

Bilbo fühlte sich fast wie eine Eule, als er versuchte, Thorin nicht aus den Augen zu verlieren. Schlussendlich gab er dieses Unterfangen auf und hielt den Blick auf den Boden vor seinen Zehenspitzen gerichtet.

„Du hast vollbracht, wozu Ärzte, Doktoren und weise Männer nicht in der Lage waren“, hörte er in seinem Rücken die Stimme des Königs. „Du hast bewiesen, dass du schlau bist. Aber bist du auch so klug ein Rätsel zu lösen, welches ich dir stelle?“

Erstaunt wandte sich der Hobbit zu Thorin um. „Ein Rätselspiel?“ Nun war Bilbo ein typischer Hobbit, der nicht nur gutes und reichliches Essen sowie ein gemütliches Heim liebte, sondern auch ein manchmal kindliches Vergnügen darin finden konnte, sich mit allerlei Spielen den Tag zu versüßen. Und nichts war besser, als dieses Vergnügen mit einem Gewinn zu krönen. „Was ist der Einsatz, wenn ich Euer Rätsel lösen kann?“, war dann auch sogleich seine Frage.

Der König schien kurz überlegen zu müssen, bevor er antwortete. „Ich würde dich in Gold aufwiegen lassen.“

Unwillkürlich musste Bilbo schlucken, denn mit solch einem Angebot hatte er nicht gerechnet. Trotzdem blickte er Thorin ernst in die Augen, weil er im Glauben war, dass in diesen zu sehen sei, wenn es jemand ehrlich meinte. Doch konnte er in dem klaren Blau nur Interesse und Entschlossenheit lesen und schließlich nickte er zustimmend. „Wie lautet die Aufgabe?“

Langsamen Schrittes nahm Thorin seine Wanderung um den Hobbit wieder auf, bevor er zu sprechen begann: „Morgen zur Mittagsstunde möchte ich, dass du im Palast erscheinst. Komme nicht gekleidet und nicht nackend, nicht geritten, nicht gefahren, nicht im Weg, nicht außerhalb des Weges und bring mir ein Geschenk, welches doch kein Geschenk ist!“ *)

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Die nächsten Stunden und die darauf folgende Nacht waren für Bilbo sehr unruhig und nervenaufreibend. Er fand für fast jeden Teil des Rätsels eine Lösung, nur für einen nicht. Erst in den frühen Morgenstunden, kurz bevor der Hahn krähend die ersten Sonnenstrahlen begrüßte, konnte er endlich auch diesen Teil lösen. Um die Mittagszeit herum stand Thorin bereits auf seinem Balkon, von welchem aus er einen ausgezeichneten Blick auf die Zufahrt zum Erebor hatte. So recht hätte er es nicht zugeben wollen, aber es interessierte ihn doch sehr, ob und auch wie der Gärtner-Hobbit das Rätsel würde lösen können. Gerade wollte er sich in seine Räume begeben, wo zum Mittagsmahl aufgetischt wurde, als er eine seltsame Prozession um die Straßenbiegung kommen sah. Die Augen mit der Hand beschattend versuchte er zu erkennen, was sich da seinen Palasttoren näherte. Doch schienen sie ihm einen Streich zu spielen, denn zu seltsam sah das Gefährt aus! Um es besser in Augenschein nehmen zu können, eilte Thorin zum hohen Portal hinab, wo soeben die Tore geöffnet wurden.

Mit Erstaunen blickte er auf den Zug, welcher nun vor dem hohen Tor anhielt und nur noch dieses seltsame Gefährt, welches er an dessen Anfang gesehen hatte, auf ihn zukam Nun konnte er auch erkennen, dass es keine Kutsche oder Wagen war, sondern zwei struppige Ponies. Zwischen ihnen schritt eine Person, in welcher er Lobelia erkannte, die die Tiere am Halfter auf ihn zuführte und diese vor ihm anhalten ließ. Mit hochrotem Kopf und einem geziert wirkenden Knicks in Richtung Thorins trat Lobelia zur Seite, um den Blick endgültig freizugeben.

Unwillkürlich musste sich Thorin abwenden, um in der Art sein Lachen zu verbergen. Zu seltsam und im ersten Moment komisch war das Bild, das sich ihm bot:

Zwischen den Ponies war ein Seil gespannt, auf welchem Bilbo saß und sich beidseits am Geschirr der Tiere festhielt. Gekleidet war er in ein Fischernetz, in welches er sich bis an die Brust gewickelt hatte, so dass Arme und Schultern nackt waren, ebenso wie die behaarten Füße, deren Zehen gerade noch den Boden berührten. „Wie ich sehe, kommst du zur festgesetzten Stunde“, sagte Thorin nach einer Weile, in der er den Aufzug des Hobbits betrachtete und darum bemüht war, seine Fassung wiederzuerlangen. „Und wie es scheint, hast du versucht, das Rätsel zu lösen.“

„Wie Ihr seht, Majestät, komme ich nicht gefahren und nicht geritten.“ Mit schmerzverzerrtem Gesicht erhob sich Bilbo von seinem unbequemen Sitz und deutete auf die Leute, die ihn bis zu den Palasttoren begleitet hatten. „Diese guten Menschen und Zwerge können bezeugen, dass ich nicht im und nicht außerhalb des Weges war, als die guten Tiere mich hierher brachten, sondern mich stets in der einen Wagenspur hielten. Und wie Ihr mit eigenen Augen sehen könnt, bin ich weder nackend noch gekleidet.“ Dabei zupfte er leicht an seinem seltsamen Gewand, durch welches an manchen Stellen die blanke Haut hindurch lugte.

Langsam nickte Thorin, betrachtete den Hobbit vor sich. „Was ist mit dem letzten Teil des Rätsels? Dem Geschenk?“ Nun winkte Bilbo eilig nach einem Jungen, der etwas in den hohlen Händen trug. Der Hobbit nahm ihm dieses ebenfalls mit vorsichtigen Händen ab und wandte sich dem König wieder zu. „Der letzte Teil Eures Rätsels: Ein Geschenk, welches keines ist!“

Erwartungsvoll blickte Thorin auf die verschlossenen Hände und fragte sich, was denn wohl in ihnen verborgen sein mochte. Fast erschrocken zuckte er jedoch zurück, als sich die Finger öffneten und einen Vogel freigaben. Sofort flatterte dieser auf und davon und ließ einen überrascht blickenden König zurück. „Euer Geschenk, Majestät!“, hörte er die Stimme des Hobbits. Ein zufriedenes Lachen entrang sich der breiten Zwergenbrust Thorins und wohlwollend blickte er auf Bilbo hinab. „Du hast mein Rätsel zu meiner vollen Zufriedenheit lösen können, Gärtner, und du gefällst mir. Noch nie habe ich ein Wesen Mittelerdes kennengelernt, dass mich so sehr fasziniert und interessiert hat, wie du.“ Abwartend und ernst klang seine Stimme, als er weitersprach. „Anstatt dem Gold biete ich dir an, als mein Gefährte bei mir im Erebor zu bleiben.“

Nun war es an Bilbo, erstaunt den König anzublicken. Ihm gefiel dieser Zwerg ausnehmend gut, doch hätte er nicht gedacht, ein solches Angebot von ihm zu erhalten. Dementsprechend zögerte er auch, Thorin seine Antwort zu geben.

Aber andererseits: Wo wäre er heute, wenn er immer die Sicherheit in seinem Leben gewählt hätte?

Genau, in seinem Smial in Hobbingen.