Der Wahn und die Träume in W. Jensens »Gradiva«

Kapitel II

 

Es war doch eigentlich nur unsere Absicht, die zwei oder drei Träume, die

sich in der Erzählung »Gradiva« eingestreut finden, mit Hilfe gewisser

analytischer Methoden zu untersuchen; wie kam es denn, daß wir uns zur

Zergliederung der ganzen Geschichte und zur Prüfung der seelischen Vorgänge

bei den beiden Hauptpersonen fortreißen ließen? Nun, das war kein

überflüssiges Stück Arbeit, sondern eine notwendige Vorarbeit. Auch wenn wir

die wirklichen Träume einer realen Person verstehen wollen, müssen wir uns

intensiv um den Charakter und die Schicksale dieser Person kümmern, nicht nur

ihre Erlebnisse kurz vor dem Traume, sondern auch solche in entlegener

Vergangenheit in Erfahrung bringen. Ich meine sogar, wir sind noch immer nicht

frei, uns unserer eigentlichen Aufgabe zuzuwenden, müssen noch bei der

Dichtung selbst verweilen und weitere Vorarbeiten erledigen.

Unsere Leser werden gewiß mit Befremden bemerkt haben, daß wir Norbert

Hanold und Zoë Bertgang in allen ihren seelischen Äußerungen und Tätigkeiten

bisher behandelt haben, als wären sie wirkliche Individuen und nicht Geschöpfe

eines Dichters, als wäre der Sinn des Dichters ein absolut durchlässiges, nicht

ein brechendes oder trübendes Medium. Und um so befremdender muß unser

Vorgehen erscheinen, als der Dichter auf die Wirklichkeitsschilderung

ausdrücklich verzichtet, indem er seine Erzählung ein »Phantasiestück« benennt.

Wir finden aber alle seine Schilderungen der Wirklichkeit so getreulich

nachgebildet, daß wir keinen Widerspruch äußern würden, wenn die »Gradiva«

nicht ein Phantasiestück, sondern eine psychiatrische Studie hieße. Nur in zwei

Punkten hat sich der Dichter der ihm zustehenden Freiheit bedient, um

Voraussetzungen zu schaffen, die nicht im Boden der realen Gesetzmäßigkeit zu

wurzeln scheinen. Das erstemal, indem er den jungen Archäologen ein

unzweifelhaft antikes Reliefbildnis finden läßt, welches nicht nur in der

Besonderheit der Fußstellung beim Schreiten, sondern in allen Details der

Gesichtsbildung und Körperhaltung eine so viel später lebende Person nachahmt,

so daß er die leibliche Erscheinung dieser Person für das lebend gewordene

Steinbild halten kann. Das zweitemal, indem er ihn die Lebende gerade in

Pompeji treffen läßt, wohin nur seine Phantasie die Verstorbene versetzte,

während er sich eben durch die Reise nach Pompeji von der Lebenden, die er auf

der Straße seines Wohnortes bemerkt hatte, entfernte. Allein diese zweite Verfügung des Dichters ist keine gewaltsame Abweichung von der

Lebensmöglichkeit; sie nimmt eben nur den Zufall zur Hilfe, der unbestritten bei

so vielen menschlichen Schicksalen mitspielt, und verleiht ihm überdies einen

guten Sinn, da dieser Zufall das Verhängnis widerspiegelt, welches bestimmt hat,

daß man gerade durch das Mittel der Flucht sich dem ausliefert, vor dem man

flieht. Phantastischer und völlig der Willkür des Dichters entsprungen erscheint

die erste Voraussetzung, welche alle weiteren Begebenheiten trägt, die so

weitgehende Ähnlichkeit des Steinbildes mit dem lebenden Mädchen, wo die

Nüchternheit die Übereinstimmung auf den einen Zug der Fußhaltung beim

Schreiten einschränken möchte. Man wäre versucht, hier zur Anknüpfung an die

Realität die eigene Phantasie spielen zu lassen. Der Name Bertgang könnte

darauf deuten, daß sich die Frauen dieser Familie schon in alten Zeiten durch

solche Eigentümlichkeit des schönen Ganges ausgezeichnet haben, und durch

Geschlechtsabfolge hingen die germanischen Bertgang mit jenen Römern

zusammen, von deren Stamm eine Frau den antiken Künstler veranlaßt hatte, die

Eigentümlichkeit ihres Ganges im Steinbild festzuhalten. Da aber die einzelnen

Variationen der menschlichen Gestaltung nicht unabhängig von einander sind,

und tatsächlich auch in unserer Mitte immer wieder die antiken Typen

auftauchen, die wir in den Sammlungen antreffen, so wäre es nicht ganz

unmöglich, daß eine moderne Bertgang die Gestalt ihrer antiken Ahnfrau auch in

allen anderen Zügen ihrer körperlichen Bildung wiederholte. Klüger als solche

Spekulation dürfte wohl sein, sich bei dem Dichter selbst nach den Quellen zu

erkundigen, aus denen ihm dieses Stück seiner Schöpfung erflossen ist; es

ergäbe sich uns dann eine gute Aussicht, wiederum ein Stück vermeintlicher

Willkür in Gesetzmäßigkeit aufzulösen. Da uns aber der Zugang zu den Quellen

im Seelenleben des Dichters nicht frei steht, so lassen wir ihm das Recht

ungeschmälert, eine durchaus lebenswahre Entwicklung auf eine

unwahrscheinliche Voraussetzung aufzubauen, ein Recht, das z. B. auch

Shakespeare im »King Lear« in Anspruch genommen hat.

Sonst aber, das wollen wir wiederholen, hat uns der Dichter eine völlig

korrekte psychiatrische Studie geliefert, an welcher wir unser Verständnis des

Seelenlebens messen dürfen, eine Kranken- und Heilungsgeschichte, wie zur

Einschärfung gewisser fundamentaler Lehren der ärztlichen Seelenkunde

bestimmt. Sonderbar genug, daß der Dichter dies getan haben sollte! Wie nun,

wenn er auf Befragen diese Absicht ganz und gar in Abrede stellte? Es ist so

leicht anzugleichen und unterzulegen; sind es nicht vielmehr wir, die in die

schöne poetische Erzählung einen Sinn hineingeheimnissen, der dem Dichter

sehr ferne liegt? Möglich; wir wollen später noch darauf zurückkommen.

Vorläufig aber haben wir versucht, uns vor solch tendenziöser Ausdeutung selbst zu bewahren, indem wir die Erzählung fast durchwegs aus den eigenen Worten

des Dichter wiedergaben, Text wie Kommentar von ihm selbst besorgen ließen.

Wer unsere Reproduktion mit dem Wortlaut der »Gradiva« vergleichen will,

wird uns dies zugestehen müssen.

Vielleicht erweisen wir unserem Dichter auch einen schlechten Dienst im

Urteil der allermeisten, wenn wir sein Werk für eine psychiatrische Studie

erklären. Der Dichter soll der Berührung mit der Psychiatrie aus dem Wege

gehen, hören wir sagen, und die Schilderung krankhafter Seelenzustände den

Ärzten überlassen. In Wahrheit hat kein richtiger Dichter je dieses Gebot

geachtet. Die Schilderung des menschlichen Seelenlebens ist ja seine

eigentlichste Domäne; er war jederzeit der Vorläufer der Wissenschaft und so

auch der wissenschaftlichen Psychologie. Die Grenze aber zwischen den normal

und krankhaft benannten Seelenzuständen ist zum Teil eine konventionelle, zum

anderen eine so fließende, daß wahrscheinlich jeder von uns sie im Laufe eines

Tages mehrmals überschreitet. Anderseits täte die Psychiatrie unrecht, wenn sie

sich dauernd auf das Studium jener schweren und düsteren Erkrankungen

einschränken wollte, die durch grobe Beschädigungen des feinen Seelenapparats

entstehen. Die leiseren und ausgleichsfähigen Abweichungen vom Gesunden,

die wir heute nicht weiter als bis zu Störungen im psychischen Kräftespiel

zurückverfolgen können, fallen nicht weniger unter ihr Interesse; ja erst mittels

dieser kann sie die Gesundheit wie die Erscheinungen der schweren Krankheit

verstehen. So kann der Dichter dem Psychiater, der Psychiater dem Dichter nicht

ausweichen, und die poetische Behandlung eines psychiatrischen Themas darf

ohne Einbuße an Schönheit korrekt ausfallen.

Korrekt ist nun wirklich diese dichterische Darstellung einer Krankheits- und

Behandlungsgeschichte, die wir nach Abschluß der Erzählung und Sättigung der

eigenen Spannung besser übersehen können und nun mit den technischen

Ausdrücken unserer Wissenschaft reproduzieren wollen, wobei uns die Nötigung

zur Wiederholung von bereits Gesagtem nicht stören soll.

Der Zustand Norbert Hanolds wird vom Dichter oft genug ein »Wahn«

genannt, und auch wir haben keinen Grund, diese Bezeichnung zu verwerfen.

Zwei Hauptcharaktere können wir vom »Wahn« angeben, durch welche er zwar

nicht erschöpfend beschrieben, aber doch von anderen Störungen kenntlich

gesondert ist. Er gehört erstens zu jener Gruppe von Krankheitszuständen, denen

eine unmittelbare Einwirkung aufs Körperliche nicht zukommt, sondern die sich

nur durch seelische Anzeichen ausdrücken, und er ist zweitens durch die

Tatsache gekennzeichnet, daß bei ihm »Phantasien« zur Oberherrschaft gelangt

sind, d. h. Glauben gefunden und Einfluß auf das Handeln genommen haben.

Erinnern wir uns der Reise nach Pompeji, um in der Asche nach den besonders gestalteten Fußabdrücken der Gradiva zu suchen, so haben wir in ihr ein

prächtiges Beispiel einer Handlung unter der Herrschaft des Wahnes. Der

Psychiater würde den Wahn Norbert Hanolds vielleicht der großen Gruppe

Paranoia zurechnen und etwa als eine »fetischistische Erotomanie« bezeichnen,

weil ihm die Verliebtheit in das Steinbild das Auffälligste wäre, und weil seiner

alles vergröbernden Auffassung das Interesse des jungen Archäologen für die

Füße und Fußstellungen weiblicher Personen als »Fetischismus« verdächtig

erscheinen muß. Indes haben alle solche Benennungen und Einteilungen der

verschiedenen Arten von Wahn nach ihrem Inhalt etwas Mißliches und

Unfruchtbares an sich.(2)

Der gestrenge Psychiater würde ferner unseren Helden als Person, die fähig

ist, auf Grund so sonderbarer Vorliebe einen Wahn zu entwickeln, sofort zum

Dégénéré stempeln und nach der Heredität forschen, die ihn unerbittlich in

solches Schicksal getrieben hat. Hierin folgt ihm aber der Dichter nicht; mit

gutem Grunde. Er will uns ja den Helden näher bringen, uns die »Einfühlung«

erleichtern; mit der Diagnose »Dégénéré«, mag sie nun wissenschaftlich zu

rechtfertigen sein oder nicht, ist uns der junge Archäologe sofort ferne gerückt;

denn wir Leser sind ja die Normalmenschen und das Maß der Menschheit. Auch

die hereditären und konstitutionellen Vorbedingungen des Zustandes kümmern

den Dichter wenig; dafür vertieft er sich in die persönliche seelische Verfassung,

die einem solchen Wahn den Ursprung geben kann.

Norbert Hanold verhält sich in einem wichtigen Punkte ganz anders als ein

gewöhnliches Menschenkind. Er hat kein Interesse für das lebende Weib; die

Wissenschaft, der er dient, hat ihm dieses Interesse genommen und es auf die

Weiber von Stein oder Bronze verschoben. Man halte dies nicht für eine

gleichgültige Eigentümlichkeit; sie ist vielmehr die Grundvoraussetzung der

erzählten Begebenheit, denn eines Tages ereignet es sich, daß ein einzelnes

solches Steinbild alles Interesse für sich beansprucht, das sonst nur dem

lebenden Weib gebührt, und damit ist der Wahn gegeben. Vor unseren Augen

entrollt sich dann, wie dieser Wahn durch eine glückliche Fügung geheilt, das

Interesse vom Stein wieder auf eine Lebende zurückgeschoben wird. Durch

welche Einwirkungen unser Held in den Zustand der Abwendung vom Weibe

geraten ist, läßt uns der Dichter nicht verfolgen; er gibt uns nur an, solches

Verhalten sei nicht durch seine Anlage erklärt, die vielmehr ein Stück

phantastisches – wir dürfen ergänzen: erotisches – Bedürfnis mit einschließt.

Auch ersehen wir von später her, daß er in seiner Kindheit nicht von anderen

Kindern abwich; er hielt damals eine Kinderfreundschaft mit einem kleinen

Mädchen, war unzertrennlich von ihr, teilte mit ihr seine kleinen Mahlzeiten,

puffte sie auch und ließ sich von ihr zausen. In solcher Anhänglichkeit, solcher Vereinigung von Zärtlichkeit und Aggression äußert sich die unfertige Erotik des

Kinderlebens, die ihre Wirkungen erst nachträglich, aber dann unwiderstehlich

äußert, und die während der Kinderzeit selbst nur der Arzt und der Dichter als

Erotik zu erkennen pflegen. Unser Dichter gibt uns deutlich zu verstehen, daß

auch er es nicht anders meint, denn er läßt bei seinem Helden bei geeignetem

Anlaß plötzlich ein lebhaftes Interesse für Gang und Fußhaltung der Frauen

erwachen, das ihn bei der Wissenschaft wie bei den Frauen seines Wohnortes in

den Verruf eines Fußfetischisten bringen muß, das sich uns aber notwendig aus

der Erinnerung an diese Kindergespielin ableitet. Dieses Mädchen zeigte gewiß

schon als Kind die Eigenheit des schönen Ganges mit fast senkrecht aufgestellter

Fußspitze beim Schreiten, und durch die Darstellung eben dieses Ganges

gewinnt später ein antikes Steinrelief für Norbert Hanold jene große Bedeutung.

Fügen wir übrigens gleich hinzu, daß der Dichter sich bei der Ableitung der

merkwürdigen Erscheinung des Fetischismus sich in voller Übereinstimmung

mit der Wissenschaft befindet. Seit A. Binet versuchen wir wirklich, den

Fetischismus auf erotische Kindheitseindrücke zurückzuführen.

Der Zustand der dauernden Abwendung vom Weibe ergibt die persönliche

Eignung, wie wir zu sagen pflegen: die Disposition für die Bildung eines

Wahnes. Die Entwicklung der Seelenstörung setzt mit dem Momente ein, da ein

zufälliger Eindruck die vergessenen und wenigstens spurweise erotisch betonten

Kindererlebnisse aufweckt. Aufweckt ist aber gewiß nicht die richtige

Bezeichnung, wenn wir, was weiter erfolgt, in Betracht ziehen. Wir müssen die

korrekte Darstellung des Dichters in kunstgerechter psychologischer

Ausdrucksweise wiedergeben. Norbert Hanold erinnert sich nicht beim Anblick

des Reliefs, daß er solche Fußstellung schon bei seiner Jugendfreundin gesehen

hat; er erinnert sich überhaupt nicht, und doch rührt alle Wirkung des Reliefs von

solcher Anknüpfung an den Eindruck in der Kindheit her. Der Kindheitseindruck

wird also rege, wird aktiv gemacht, so daß er Wirkungen zu äußern beginnt, er

kommt aber nicht zum Bewußtsein, er bleibt »unbewußt«, wie wir mit einem in

der Psychopathologie unvermeidlich gewordenen Terminus heute zu sagen

pflegen. Dieses Unbewußte möchten wir allen Streitigkeiten der Philosophen

und Naturphilosophen, die oft nur etymologische Bedeutung haben, entzogen

sehen. Für psychische Vorgänge, die sich aktiv benehmen und dabei doch nicht

zum Bewußtsein der betreffenden Person gelangen, haben wir vorläufig keinen

besseren Namen, und nichts anderes meinen wir mit unserem »Unbewußtsein«.

Wenn manche Denker uns die Existenz eines solchen Unbewußten als

widersinnig bestreiten wollen, so glauben wir, sie hätten sich niemals mit den

entsprechenden seelischen Phänomenen beschäftigt, stünden im Banne der

regelmäßigen Erfahrung, daß alles Seelische, was aktiv und intensiv wird, damit gleichzeitig auch bewußt wird, und hätten eben noch zu lernen, was unser

Dichter sehr wohl weiß, daß es allerdings seelische Vorgänge gibt, die, trotzdem

sie intensiv sind und energische Wirkungen äußern, dennoch dem Bewußtsein

ferne bleiben.

Wir haben vorhin einmal ausgesprochen, die Erinnerungen an den

Kinderverkehr mit Zoë befinden sich bei Norbert Hanold im Zustande der

»Verdrängung«; nun haben wir sie »unbewußte« Erinnerungen geheißen. Da

müssen wir wohl dem Verhältnis der beiden Kunstworte, die ja im Sinne

zusammenzufallen scheinen, einige Aufmerksamkeit zuwenden. Es ist nicht

schwer, darüber Aufklärung zu geben. »Unbewußt« ist der weitere Begriff,

»verdrängt« der engere. Alles was verdrängt ist, ist unbewußt; aber nicht von

allem Unbewußten können wir behaupten, daß es verdrängt sei. Hätte Hanold

beim Anblick des Reliefs sich der Gangart seiner Zoë erinnert, so wäre eine

früher unbewußte Erinnerung bei ihm gleichzeitig aktiv und bewußt geworden

und hätte so gezeigt, daß sie früher nicht verdrängt war. »Unbewußt« ist ein rein

deskriptiver, in mancher Hinsicht unbestimmter, ein sozusagen statischer

Terminus, »verdrängt« ist ein dynamischer Ausdruck, der auf das seelische

Kräftespiel Rücksicht nimmt und besagt, es sei ein Bestreben vorhanden, alle

psychischen Wirkungen, darunter auch die des Bewußtwerdens, zu äußern, aber

auch eine Gegenkraft, ein Widerstand, der einen Teil dieser psychischen

Wirkungen, darunter wieder das Bewußtwerden, zu verhindern vermöge.

Kennzeichen des Verdrängten bleibt eben, daß es sich trotz seiner Intensität nicht

zum Bewußtsein zu bringen vermag. In dem Falle Hanolds handelt es sich also

von dem Auftauchen des Reliefs an um ein verdrängtes Unbewußtes, kurzweg

um ein Verdrängtes.

Verdrängt sind bei Norbert Hanold die Erinnerungen an seinen

Kinderverkehr mit dem schön schreitenden Mädchen, aber dies ist noch nicht die

richtige Betrachtung der psychologischen Sachlage. Wir bleiben an der

Oberfläche, so lange wir nur von Erinnerungen und Vorstellungen handeln. Das

einzig Wertbare im Seelenleben sind vielmehr die Gefühle; alle Seelenkräfte

sind nur durch ihre Eignung, Gefühle zu erwecken, bedeutsam. Vorstellungen

werden nur verdrängt, weil sie an Gefühlsentbindungen geknüpft sind, die nicht

zu stande kommen sollen; es wäre richtiger zu sagen, die Verdrängung betreffe

die Gefühle, nur sind uns diese nicht anders als in ihrer Bindung an

Vorstellungen faßbar. Verdrängt sind bei Norbert Hanold also die erotischen

Gefühle, und da seine Erotik kein anderes Objekt kennt oder gekannt hat, als in

seiner Kindheit die Zoë Bertgang, so sind die Erinnerungen an diese vergessen.

Das antike Reliefbild weckt die schlummernde Erotik in ihm auf und macht die

Kindheitserinnerungen aktiv. Wegen eines in ihm bestehenden Widerstandes gegen die Erotik können diese Erinnerungen nur als unbewußte wirksam

werden. Was sich nun weiter in ihm abspielt, ist ein Kampf zwischen der Macht

der Erotik und den sie verdrängenden Kräften; was sich von diesem Kampf

äußert, ist ein Wahn.

Unser Dichter hat zu motivieren unterlassen, woher die Verdrängung des

Liebeslebens bei seinem Helden rührt; die Beschäftigung mit der Wissenschaft

ist ja nur das Mittel, dessen sich die Verdrängung bedient; der Arzt müßte hier

tiefer gründen, vielleicht ohne in seinem Falle auf den Grund zu geraten. Wohl

aber hat der Dichter, wie wir mit Bewunderung hervorgehoben haben, uns

darzustellen nicht versäumt, wie die Erweckung der verdrängten Erotik gerade

aus dem Kreise der zur Verdrängung dienenden Mittel erfolgt. Es ist mit Recht

eine Antike, das Steinbild eines Weibes, durch welches unser Archäologe aus

seiner Abwendung von der Liebe gerissen und gemahnt wird, dem Leben die

Schuld abzutragen, mit der wir von unserer Geburt an belastet sind.

Die ersten Äußerungen des nun in Hanold durch das Reliefbild angeregten

Prozesses sind Phantasien, welche mit der so dargestellten Person spielen. Als

etwas »Heutiges« im besten Sinne erscheint ihm das Modell, als hätte der

Künstler die auf der Straße Schreitende »nach dem Leben« festgehalten. Den

Namen »Gradiva« verleiht er dem antiken Mädchen, den er nach dem Beiwort

des zum Kampfe ausschreitenden Kriegsgottes, des Mars Gradivus, gebildet; mit

immer mehr Bestimmungen stattet er ihre Persönlichkeit aus. Sie mag die

Tochter eines angesehenen Mannes sein, vielleicht eines Patriziers, der mit dem

Tempeldienst einer Gottheit in Verbindung stand, griechische Herkunft glaubt er

ihren Zügen abzusehen, und endlich drängt es ihn, sie ferne vom Getriebe einer

Großstadt in das stillere Pompeji zu versetzen, wo er sie über die Lavatrittsteine

schreiten läßt, die den Übergang von einer Seite der Straße zur anderen

ermöglichen. Willkürlich genug erscheinen diese Leistungen der Phantasie und

doch wieder harmlos unverdächtig. Ja noch dann, als sich aus ihnen zum

erstenmal ein Antrieb zum Handeln ergibt, als der Archäologe von dem Problem

bedrückt, ob solche Fußstellung auch der Wirklichkeit entspreche,

Beobachtungen nach dem Leben anzustellen beginnt, um den zeitgenössischen

Frauen und Mädchen auf die Füße zu sehen, deckt sich dieses Tun durch ihm

bewußte wissenschaftliche Motive, als wäre alles Interesse für das Steinbild der

Gradiva aus dem Boden seiner fachlichen Beschäftigung mit der Archäologie

entsprossen. Die Frauen und Mädchen auf der Straße, die er zu Objekten seiner

Untersuchung nimmt, müssen freilich eine andere, grob erotische Auffassung

seines Treibens wählen, und wir müssen ihnen recht geben. Für uns leidet es

keinen Zweifel, daß Hanold die Motive seiner Forschung so wenig kennt wie die

Herkunft seiner Phantasien über die Gradiva. Diese letzteren sind, wie wir später erfahren, Anklänge an seine Erinnerungen an die Jugendgeliebte, Abkömmlinge

dieser Erinnerungen, Umwandlungen und Entstellungen derselben, nachdem es

ihnen nicht gelungen ist, sich in unveränderter Form zum Bewußtsein zu

bringen. Das vorgeblich ästhetische Urteil, das Steinbild stelle etwas »Heutiges«

dar, ersetzt das Wissen, daß solcher Gang einem ihm bekannten, in der

Gegenwart über die Straße schreitenden Mädchen angehöre; hinter dem

Eindruck »nach dem Leben« und der Phantasie ihres Griechentums verbirgt sich

die Erinnerung an ihren Namen Zoë, der auf Griechisch Leben bedeutet; Gradiva

ist, wie uns der am Ende vom Wahn Geheilte aufklärt, eine gute Übersetzung

ihres Familiennamens Bertgang, welcher so viel bedeutet wie »im Schreiten

glänzend oder prächtig«; die Bestimmungen über ihren Vater stammen von der

Kenntnis, daß Zoë Bertgang die Tochter eines angesehenen Lehrers der

Universität sei, die sich wohl als Tempeldienst in die Antike übersetzen läßt.

Nach Pompeji endlich versetzt sie seine Phantasie, nicht »weil ihre ruhige, stille

Art es zu fordern schien«, sondern weil sich in seiner Wissenschaft keine andere

und keine bessere Analogie mit dem merkwürdigen Zustand finden läßt, in dem

er durch eine dunkle Kundschaft seine Erinnerungen an seine

Kinderfreundschaft verspürt. Hat er einmal, was ihm so nahe liegt, die eigene

Kindheit mit der klassischen Vergangenheit zur Deckung gebracht, so ergibt die

Verschüttung Pompejis, dies Verschwinden mit Erhaltung des Vergangenen, eine

treffliche Ähnlichkeit mit der Verdrängung, von der er durch sozusagen

»endopsychische« Wahrnehmung Kenntnis hat. Es arbeitet dabei in ihm dieselbe

Symbolik, die zum Schlusse der Erzählung der Dichter das Mädchen

bewußterweise gebrauchen läßt.

»Ich sagte mir, irgend etwas Interessantes würde ich wohl schon allein hier

ausgraben. Freilich auf den Fund, den ich gemacht, ..... hatte ich mit keinem

Gedanken gerechnet.« (G. p. 124.) – Zu Ende (G. p. 150) antwortet dann das

Mädchen auf den Reisezielwunsch »ihres gewissermaßen gleichfalls aus der

Verschüttung wieder ausgegrabenen Kindheitsfreundes«.

So finden wir also schon bei den ersten Leistungen von Hanolds

Wahnphantasien und Handlungen eine zweifache Determinierung, eine

Ableitbarkeit aus zwei verschiedenen Quellen. Die eine Determinierung ist die,

welche Hanold selbst erscheint, die andere die, welche sich uns bei der

Nachprüfung seiner seelischen Vorgänge enthüllt. Die eine ist, auf die Person

Hanolds bezogen, die ihm bewußte, die andere, die ihm völlig unbewußte. Die

eine stammt ganz aus dem Vorstellungskreis der archäologischen Wissenschaft,

die andere aber rührt von dem in ihm rege gewordenen verdrängten

Kindheitserinnerungen und den an ihnen haftenden Gefühlstrieben her. Die eine

ist wie oberflächlich und verdeckt die andere, die sich gleichsam hinter ihr verbirgt. Man könnte sagen, die wissenschaftliche Motivierung diene der

unbewußten erotischen zum Vorwand, und die Wissenschaft habe sich ganz in

den Dienst des Wahnes gestellt. Aber man darf auch nicht vergessen, daß die

unbewußte Determinierung nichts anderes durchzusetzen vermag, als was

gleichzeitig der bewußten wissenschaftlichen genügt. Die Symptome des

Wahnes – Phantasien wie Handlungen – sind eben Ergebnisse eines

Kompromisses zwischen den beiden seelischen Strömungen, und bei einem

Kompromiß ist den Anforderungen eines jeden der beiden Teile Rechnung

getragen worden; ein jeder Teil hat aber auch auf ein Stück dessen, was er

durchsetzen wollte, verzichten müssen. Wo ein Kompromiß zu stande

gekommen, da gab es einen Kampf, hier den von uns angenommenen Konflikt

zwischen der unterdrückten Erotik und den sie in der Verdrängung erhaltenden

Mächten. Bei der Bildung eines Wahnes geht dieser Kampf eigentlich nie zu

Ende. Ansturm und Widerstand erneuern sich nach jeder Kompromißbildung,

die sozusagen niemals voll genügt. Dies weiß auch unser Dichter und darum läßt

er ein Gefühl der Unbefriedigung, eine eigentümliche Unruhe dieses Stadium

der Störung bei seinem Helden beherrschen, als Vorläufer und als Bürgschaft

weiterer Entwicklungen.

Diese bedeutsamen Eigentümlichkeiten der zweifachen Determinierung für

Phantasien und Entschlüsse, der Bildung von bewußten Vorwänden für

Handlungen, zu deren Motivierung das Verdrängte den größeren Beitrag

geliefert hat, werden uns im weiteren Fortschritt der Erzählung noch öfters,

vielleicht noch deutlicher, entgegentreten. Und dies mit vollem Rechte, denn der

Dichter hat hiemit den niemals fehlenden Hauptcharakter der krankhaften

Seelenvorgänge erfaßt und zur Darstellung gebracht.

Die Entwicklung des Wahnes bei Norbert Hanold schreitet mit einem

Traume weiter, der, durch kein neues Ereignis veranlaßt, ganz aus seinem von

einem Konflikt erfüllten Seelenleben zu rühren scheint. Doch halten wir ein, ehe

wir daran gehen zu prüfen, ob der Dichter auch bei der Bildung seiner Träume

unserer Erwartung eines tieferen Verständnisses entspricht. Fragen wir uns

vorher, was die psychiatrische Wissenschaft zu seinen Voraussetzungen über die

Entstehung eines Wahnes sagt, wie sie sich zur Rolle der Verdrängung und des

Unbewußten, zum Konflikt und zur Kompromißbildung stellt. Im kurzen, ob die

dichterische Darstellung der Genese eines Wahnes vor dem Richtspruch der

Wissenschaft bestehen kann.

Und da müssen wir die vielleicht unerwartete Antwort geben, daß es sich in

Wirklichkeit leider ganz umgekehrt verhält: die Wissenschaft besteht nicht vor

der Leistung des Dichters. Zwischen den hereditär-konstitutionellen

Vorbedingungen und den als fertig erscheinenden Schöpfungen des Wahnes läßt sie eine Lücke klaffen, die wir beim Dichter ausgefüllt finden. Sie ahnt noch

nicht die Bedeutung der Verdrängung, erkennt nicht, daß sie zur Erklärung der

Welt psychopathologischer Erscheinungen durchaus des Unbewußten bedarf, sie

sucht den Grund des Wahnes nicht in einem psychischen Konflikt und erfaßt die

Symptome desselben nicht als Kompromißbildung. So stünde denn der Dichter

allein gegen die gesamte Wissenschaft? Nein, dies nicht, – wenn der Verfasser

nämlich seine eigenen Arbeiten auch der Wissenschaft zurechnen darf. Denn er

selbst vertritt seit einer Reihe von Jahren – und bis in die letzte Zeit ziemlich

vereinsamt(3) – alle die Anschauungen, die er hier aus der »Gradiva« von W.

Jensen herausgeholt und in den Fachausdrücken dargestellt hat. Er hat, am

ausführlichsten für die als Hysterie und Zwangsvorstellen bekannten Zustände,

als individuelle Bedingung der psychischen Störung die Unterdrückung eines

Stückes des Trieblebens und die Verdrängung der Vorstellungen, durch die der

unterdrückte Trieb vertreten ist, aufgezeigt, und die gleiche Auffassung bald

darauf für manche Formen des Wahnes wiederholt.(4) Ob die für diese

Verursachung in Betracht kommenden Triebe jedesmal Komponenten des

Sexualtriebes sind oder auch andersartige sein können, das ist ein Problem,

welches nur gerade für die Analyse der »Gradiva« gleichgültig bleiben darf, da

es sich in dem vom Dichter gewählten Falle sicherlich um nichts als um die

Unterdrückung des erotischen Empfindens handelt. Die Gesichtspunkte des

psychischen Konflikts und der Symptombildung durch Kompromisse zwischen

den beiden miteinander ringenden Seelenströmungen hat der Verfasser an

wirklich beobachteten und ärztlich behandelten Krankheitsfällen in ganz gleicher

Weise zur Geltung gebracht, wie er es an den vom Dichter erfundenen Norbert

Hanold tun konnte.(5) Die Rückführung der nervösen, speziell der hysterischen

Krankheitsleistungen auf die Macht unbewußter Gedanken hatte vor dem

Verfasser schon P. Janet, der Schüler des großen Charcot, und im Vereine mit

dem Verfasser Josef Breuer in Wien unternommen.(6)

Es war dem Verfasser, als er sich in den auf 1893 folgenden Jahren in solche

Forschungen über die Entstehung der Seelenstörungen vertiefte, wahrlich nicht

eingefallen, Bekräftigung seiner Ergebnisse bei Dichtern zu suchen, und darum

war seine Überraschung nicht gering, als er an der 1903 veröffentlichten

»Gradiva« merkte, daß der Dichter seiner Schöpfung das nämliche zu Grunde

lege, was er aus den Quellen ärztlicher Erfahrung als neu zu schöpfen vermeinte.

Wie kam der Dichter nur zu dem gleichen Wissen wie der Arzt, oder wenigstens

zum Benehmen, als ob er das gleiche wisse? –

Der Wahn Norbert Hanolds, sagten wir, erfahre eine weitere Entwicklung

durch einen Traum, der sich ihm mitten in seinen Bemühungen ereignet, eine Gangart wie die der Gradiva in den Straßen seines Heimatsortes nachzuweisen.

Den Inhalt dieses Traumes können wir leicht in Kürze darstellen. Der Träumer

befindet sich in Pompeji an jenem Tage, welcher der unglücklichen Stadt den

Untergang brachte, macht die Schrecknisse mit, ohne selbst in Gefahr zu

geraten, sieht dort plötzlich die Gradiva schreiten und versteht mit einem Male

als ganz natürlich, da sie ja eine Pompejanerin sei, lebe sie in ihrer Vaterstadt

und, »ohne daß er's geahnt habe, gleichzeitig mit ihm«. Er wird von Angst um

sie ergriffen, ruft sie an, worauf sie ihm flüchtig ihr Gesicht zuwendet. Doch

geht sie, ohne auf ihn zu achten, weiter, legt sich an den Stufen des

Apollotempels nieder, und wird vom Aschenregen verschüttet, nachdem ihr

Gesicht sich entfärbt, wie wenn es sich zu weißem Marmor umwandelte, bis es

völlig einem Steinbild gleicht. Beim Erwachen deutet er noch den Lärm der

Großstadt, der an sein Bett dringt, in das Hilfegeschrei der verzweifelten

Bewohner Pompejis und in das Getöse des wild erregten Meeres um. Das

Gefühl, daß das, was er geträumt, sich wirklich mit ihm zugetragen, will ihm

noch längere Zeit nach dem Erwachen nicht verlassen, und die Überzeugung,

daß die Gradiva in Pompeji gelebt und an jenem Unglückstage gestorben sei,

bleibt als neuer Ansatz an seinen Wahn von diesem Traume übrig.

Weniger bequem wird es uns zu sagen, was der Dichter mit diesem Traum

gewollt, und was ihn veranlaßt hat, die Entwicklung des Wahnes gerade an einen

Traum zu knüpfen. Emsige Traumforscher haben zwar Beispiele genug

gesammelt, wie Geistesstörung an Träume anknüpft und aus Träumen

hervorgeht,(7) und auch in der Lebensgeschichte einzelner hervorragender

Menschen sollen Impulse zu wichtigen Taten und Entschließungen durch

Träume erzeugt worden sein. Aber unser Verständnis gewinnt gerade nicht viel

durch diese Analogien; bleiben wir darum bei unserem Falle, bei dem vom

Dichter fingierten Falle des Archäologen Norbert Hanold. An welchem Ende

muß man einen solchen Traum wohl anfassen, um ihn in den Zusammenhang

einzuflechten, wenn er nicht ein unnötiger Zierat der Darstellung bleiben soll?

Ich kann mir etwa denken, daß ein Leser an dieser Stelle ausruft: Der Traum

ist ja leicht zu erklären. Ein einfacher Angsttraum, veranlaßt durch den Lärm der

Großstadt, der von dem mit seiner Pompejanerin beschäftigten Archäologen auf

den Untergang Pompejis umgedeutet wird! Bei der allgemein herrschenden

Geringschätzung für die Leistungen des Traumes pflegt man nämlich den

Anspruch auf die Traumerklärung dahin einzuschränken, daß man für ein Stück

des geträumten Inhaltes einen äußeren Reiz sucht, der sich etwa mit ihm deckt.

Dieser äußere Anreiz zum Träumen wäre durch den Lärm gegeben, welcher den

Schläfer weckt; das Interesse an diesem Traume wäre damit erledigt. Wenn wir

nur einen Grund hätten anzunehmen, daß die Großstadt an diesem Morgen lärmender gewesen als sonst, wenn z. B. der Dichter nicht versäumt hätte, uns

mitzuteilen, daß Hanold diese Nacht gegen seine Gewohnheit bei geöffnetem

Fenster geschlafen. Schade, daß der Dichter sich diese Mühe nicht gegeben hat!

Und wenn ein Angsttraum nur etwas so Einfaches wäre! Nein, so einfach

erledigt sich dies Interesse nicht.

Die Anknüpfung an einen äußeren Sinnesreiz ist nichts Wesentliches für die

Traumbildung. Der Schläfer kann diesen Reiz aus der Außenwelt

vernachlässigen, er kann sich durch ihn, ohne einen Traum zu bilden, wecken

lassen, er kann ihn auch in seinen Traum verweben, wie es hier geschieht, wenn

es ihm aus irgend welchen anderen Motiven so taugt, und es gibt reichlich

Träume, für deren Inhalt sich eine solche Determinierung durch einen an die

Sinne des Schlafenden gelangenden Reiz nicht erweisen läßt. Nein, versuchen

wir's auf einem anderen Wege.

Vielleicht knüpfen wir an den Rückstand an, den der Traum im wachen

Leben Hanolds zurückläßt. Es war bisher eine Phantasie von ihm gewesen, daß

die Gradiva eine Pompejanerin gewesen sei. Jetzt wird ihm diese Annahme zur

Gewißheit, und die zweite Gewißheit schließt sich daran, daß sie dort im Jahre

79 mit verschüttet worden sei.(8) Wehmütige Empfindungen begleiten diesen

Fortschritt der Wahnbildung, wie ein Nachklang der Angst, die den Traum erfüllt

hatte. Dieser neue Schmerz um die Gradiva will uns nicht recht begreiflich

erscheinen; die Gradiva wäre doch heute auch seit vielen Jahrhunderten tot,

selbst wenn sie im Jahre 79 ihr Leben vor dem Untergange gerettet hätte, oder

sollte man in solcher Weise weder mit Norbert Hanold noch mit dem Dichter

selbst rechten dürfen? Auch hier scheint kein Weg zur Aufklärung zu führen.

Immerhin wollen wir uns anmerken, daß dem Zuwachs, den der Wahn aus

diesem Traum bezieht, eine stark schmerzliche Gefühlsbetonung anhaftet.

Sonst aber wird an unserer Ratlosigkeit nichts gebessert. Dieser Traum

erläutert sich nicht von selbst; wir müssen uns entschließen, Anleihen bei der

»Traumdeutung« des Verfassers zu machen und einige der dort gegebenen

Regeln zur Auflösung der Träume hier anzuwenden.

Da lautet eine dieser Regeln, daß ein Traum regelmäßig mit den Tätigkeiten

am Tage vor dem Traum zusammenhängt. Der Dichter scheint andeuten zu

wollen, daß er diese Regel befolgt habe, indem er den Traum unmittelbar an die

»pedestrischen Prüfungen« Hanolds anknüpft. Nun bedeuten letztere nichts

anderes als ein Suchen nach der Gradiva, die er an ihrem charakteristischen

Gange erkennen will. Der Traum sollte also einen Hinweis darauf, wo die

Gradiva zu finden sei, enthalten. Er enthält ihn wirklich, indem er sie in Pompeji

zeigt, aber das ist noch keine Neuigkeit für uns.

Eine andere Regel besagt: wenn nach einem Traum der Glaube an die Realität der Traumbilder ungewöhnlich lange anhält, so daß man sich nicht aus

dem Traume losreißen kann, so ist dies nicht etwa eine Urteilstäuschung,

hervorgerufen durch die Lebhaftigkeit der Traumbilder, sondern es ist ein

psychischer Akt für sich, eine Versicherung, die sich auf den Trauminhalt

bezieht, daß etwas darin wirklich so ist, wie man es geträumt hat, und man tut

recht daran, dieser Versicherung Glauben zu schenken. Halten wir uns an diese

beiden Regeln, so müssen wir schließen, der Traum gebe eine Auskunft über den

Verbleib der gesuchten Gradiva, die sich mit der Wirklichkeit deckt. Wir kennen

nun den Traum Hanolds; führt die Anwendung der beiden Regeln auf ihn zu

irgend einem vernünftigen Sinne?

Merkwürdigerweise ja. Dieser Sinn ist nur auf eine besondere Art verkleidet,

so daß man ihn nicht sogleich erkennt. Hanold erfährt im Traume, daß die

Gesuchte in einer Stadt und gleichzeitig mit ihm lebe. Das ist ja von der Zoë

Bertgang richtig, nur daß diese Stadt im Traum nicht die deutsche

Universitätsstadt, sondern Pompeji, die Zeit nicht die Gegenwart, sondern das

Jahr 79 unserer Zeitrechnung ist. Es ist wie eine Entstellung durch Verschiebung,

nicht die Gradiva ist in die Gegenwart, sondern der Träumer ist in die

Vergangenheit versetzt; aber das Wesentliche und Neue, daß er mit der

Gesuchten Ort und Zeit teile, ist auch so gesagt. Woher wohl diese Verstellung

und Verkleidung, die uns sowie den Träumer selbst über den eigentlichen Sinn

und Inhalt des Traumes täuschen muß? Nun wir haben bereits die Mittel in der

Hand, um eine befriedigende Antwort auf diese Frage zu geben.

Erinnern wir uns an all das, was wir über die Natur und Abkunft der

Phantasien, dieser Vorläufer des Wahnes, gehört haben. Daß sie Ersatz und

Abkömmlinge von verdrängten Erinnerungen sind, denen ein Widerstand nicht

gestattet, sich unverändert zum Bewußtsein zu bringen, die sich aber das

Bewußtwerden dadurch erkaufen, daß sie durch Veränderungen und

Entstellungen der Zensur des Widerstandes Rechnung tragen. Nachdem dieses

Kompromiß vollzogen ist, sind jene Erinnerungen nun zu diesen Phantasien

geworden, die von der bewußten Person leicht mißverstanden, d. h. im Sinne der

herrschenden psychischen Strömung verstanden werden können. Nun stelle man

sich vor, die Traumbilder seien die sozusagen physiologischen

Wahnschöpfungen des Menschen, die Kompromißergebnisse jenes Kampfes

zwischen Verdrängtem und Herrschendem, den es wahrscheinlich bei jedem,

auch tagsüber völlig geistesgesunden Menschen gibt. Dann versteht man, daß

man die Traumbilder als etwas Entstelltes zu betrachten hat, hinter dem etwas

anderes, nicht Entstelltes, aber in gewissem Sinne Anstößiges zu suchen ist, wie

die verdrängten Erinnerungen Hanolds hinter seinen Phantasien. Dem so

erkannten Gegensatz wird man etwa Ausdruck schaffen, indem man das, was der Träumer beim Erwachen erinnert, als manifesten Trauminhalt unterscheidet von

dem, was die Grundlage des Traumes vor der Zensurentstellung ausmachte, den

latenten Traumgedanken. Einen Traum deuten heißt dann so viel als den

manifesten Trauminhalt in die latenten Traumgedanken übersetzen, die

Entstellung rückgängig machen, welche sich letztere von der Widerstandszensur

gefallen lassen mußten. Wenden wir diese Erwägungen auf den uns

beschäftigenden Traum an, so finden wir, die latenten Traumgedanken können

nur gelautet haben: Das Mädchen, das jenen schönen Gang hat, nach dem du

suchst, lebt wirklich in dieser Stadt mit dir. Aber in dieser Form konnte der

Gedanke nicht bewußt werden; es stand ihm ja im Wege, daß eine Phantasie als

Ergebnis eines früheren Kompromisses festgestellt hatte, die Gradiva sei eine

Pompejanerin, folglich blieb nichts übrig, wenn die wirkliche Tatsache des

Lebens am gleichen Orte und zur gleichen Zeit gewahrt werden sollte, als die

Entstellung vorzunehmen: du lebst ja in Pompeji zur Zeit der Gradiva, und dies

ist dann die Idee, welche der manifeste Trauminhalt realisiert, als eine

Gegenwart, die man durchlebt, darstellt.

Ein Traum ist nur selten die Darstellung, man könnte sagen: Inszenierung

eines einzigen Gedankens, meist einer Reihe von solchen, eines

Gedankengewebes. Aus dem Traume Hanolds läßt sich noch ein anderer

Bestandteil des Inhaltes hervorheben, dessen Entstellung leicht zu beseitigen ist,

so daß man die durch ihn vertretene latente Idee erfährt. Es ist dies ein Stück des

Traumes, auf welches man auch noch die Versicherung der Wirklichkeit

ausdehnen kann, mit welcher der Traum abschloß. Im Traum verwandelt sich

nämlich die schreitende Gradiva in ein Steinbild. Das ist ja nichts anderes als

eine sinnreiche und poetische Darstellung des wirklichen Herganges. Hanold

hatte in der Tat sein Interesse von der Lebenden auf das Steinbild übertragen; die

Geliebte hatte sich ihm in ein steinernes Relief verwandelt. Die latenten

Traumgedanken, die unbewußt bleiben müssen, wollen dies Bild in die Lebende

zurückverwandeln; sie sagen ihm etwa im Zusammenhalt mit dem vorigen: Du

interessierst dich doch nur für das Relief der Gradiva, weil es dich an die

gegenwärtige, hier lebende Zoë erinnert. Aber diese Einsicht würde, wenn sie

bewußt werden könnte, das Ende des Wahnes bedeuten.

Obliegt uns etwa die Verpflichtung, jedes einzelne Stück des manifesten

Trauminhaltes in solcher Weise durch unbewußte Gedanken zu ersetzen?

Strenggenommen, ja; bei der Deutung eines wirklich geträumten Traumes

würden wir uns dieser Pflicht nicht entziehen dürfen. Der Träumer müßte uns

dann auch in ausgiebigster Weise Rede stehen. Es ist begreiflich, daß wir solche

Forderung bei dem Geschöpf des Dichters nicht durchführen können; wir wollen

aber doch nicht übersehen, daß wir den Hauptinhalt dieses Traumes noch nicht der Deutungs- oder Übersetzungsarbeit unterzogen haben.

Der Traum Hanolds ist ja ein Angsttraum. Sein Inhalt ist schreckhaft, Angst

wird vom Träumer im Schlafe verspürt und schmerzliche Empfindungen bleiben

nach ihm übrig. Das ist nun gar nicht bequem für unseren Erklärungsversuch;

wir sind wiederum zu großen Anleihen bei der Lehre von der Traumdeutung

genötigt. Diese mahnt uns dann, doch ja nicht in den Irrtum zu verfallen, die

Angst, die man in einem Traum empfindet, von dem Inhalt des Traumes

abzuleiten, den Trauminhalt doch nicht so zu behandeln wie einen

Vorstellungsinhalt des wachen Lebens. Sie macht uns darauf aufmerksam, wie

oft wir die gräßlichsten Dinge träumen, ohne daß eine Spur von Angst dabei

empfunden wird. Vielmehr sei der wahre Sachverhalt ein ganz anderer, der nicht

leicht zu erraten, aber sicher zu beweisen ist. Die Angst des Angsttraumes

entspreche einem sexuellen Affekt, einer libidinösen Empfindung, wie überhaupt

jede nervöse Angst, und sei durch den Prozeß der Verdrängung aus der Libido

hervorgegangen.(9) Bei der Deutung des Traumes müsse man also die Angst

durch sexuelle Erregtheit ersetzen. Die so entstandene Angst übe nun – nicht

regelmäßig, aber häufig – einen auswählenden Einfluß auf den Trauminhalt aus

und bringe Vorstellungselemente in den Traum, welche für die bewußte und

mißverständliche Auffassung des Traumes zum Angstaffekt passend erscheinen.

Dies sei, wie gesagt, keineswegs regelmäßig der Fall, denn es gebe genug

Angstträume, in denen der Inhalt gar nicht schreckhaft ist, wo man sich also die

verspürte Angst nicht bewußterweise erklären könne.

Ich weiß, daß diese Aufklärung der Angst im Traume sehr befremdlich klingt

und nicht leicht Glauben findet; aber ich kann nur raten, sich mit ihr zu

befreunden. Es wäre übrigens recht merkwürdig, wenn der Traum Norbert

Hanolds sich mit dieser Auffassung der Angst vereinen und aus ihr erklären

ließe. Wir würden dann sagen, beim Träumer rühre sich nächtlicherweise die

Liebessehnsucht, mache einen kräftigen Vorstoß, um ihm die Erinnerung an die

Geliebte bewußt zu machen und ihn so aus dem Wahn zu reißen, erfahre aber

neuerliche Ablehnung und Verwandlung in Angst, die nun ihrerseits die

schreckhaften Bilder aus der Schulerinnerung des Träumers in den Trauminhalt

bringe. Auf diese Weise werde der eigentliche unbewußte Inhalt des Traumes,

die verliebte Sehnsucht nach der einst gekannten Zoë, in den manifesten Inhalt

vom Untergang Pompejis und vom Verlust der Gradiva umgestaltet.

Ich meine, das klingt so weit ganz plausibel. Man könnte aber mit Recht die

Forderung aufstellen, wenn erotische Wünsche den unentstellten Inhalt dieses

Traumes bilden, so müsse man auch im umgeformten Traum wenigstens einen

kenntlichen Rest derselben irgendwo versteckt aufzeigen können. Nun, vielleicht

gelingt selbst dies mit Hilfe eines Hinweises aus der später folgenden Erzählung. Beim ersten Zusammentreffen mit der vermeintlichen Gradiva gedenkt Hanold

dieses Traumes und richtet an die Erscheinung die Bitte, sich wieder so

hinzulegen, wie er es damals gesehen.(10) Daraufhin aber erhebt sich die junge

Dame entrüstet und verläßt ihren sonderbaren Partner, aus dessen

wahnbeherrschten Reden sie den unziemlichen erotischen Wunsch herausgehört

hat. Ich glaube, wir dürfen uns die Deutung der Gradiva zu eigen machen; eine

größere Bestimmtheit für die Darstellung des erotischen Wunsches wird man

auch von einem realen Traume nicht immer fordern dürfen.

Somit hatte die Anwendung einiger Regeln der Traumdeutung auf den ersten

Traum Hanolds den Erfolg gehabt, uns diesen Traum in seinen Hauptzügen

verständlich zu machen und ihn in den Zusammenhang der Erzählung

einzufügen. Er muß also wohl vom Dichter unter Beachtung dieser Regeln

geschaffen worden sein? Man könnte nur noch eine Frage aufwerfen, warum der

Dichter zur weiteren Entwicklung des Wahnes überhaupt einen Traum einführe.

Nun, ich meine, das ist recht sinnreich komponiert und hält wiederum der

Wirklichkeit die Treue. Wir haben schon gehört, daß in realen Krankheitsfällen

eine Wahnbildung recht häufig an einen Traum anschließt, brauchen aber nach

unseren Aufklärungen über das Wesen des Traumes kein neues Rätsel in diesem

Sachverhalt zu finden. Traum und Wahn stammen aus derselben Quelle, vom

Verdrängten her; der Traum ist der sozusagen physiologische Wahn des

normalen Menschen. Ehe das Verdrängte stark genug geworden ist, um sich im

Wachleben als Wahn durchzusetzen, kann es leicht seinen ersten Erfolg unter

den günstigeren Umständen des Schlafzustandes in Gestalt eines nachhaltig

wirkenden Traumes errungen haben. Während des Schlafes tritt nämlich, mit der

Herabsetzung der seelischen Tätigkeit überhaupt, auch ein Nachlaß in der Stärke

des Widerstandes ein, den die herrschenden psychischen Mächte dem

Verdrängten entgegensetzen. Dieser Nachlaß ist es, der die Traumbildung

ermöglicht, und darum wird der Traum für uns der beste Zugang zur Kenntnis

des unbewußten Seelischen. Nur, daß für gewöhnlich mit der Herstellung der

psychischen Besetzungen des Wachens der Traum wieder verfliegt, der vom

Unbewußten gewonnene Boden wieder geräumt wird.