
Der Wahn und die Träume in W. Jensens »Gradiva«
Der Wahn und die Träume in W. Jensens »Gradiva« erschien 1907 als erstes Heft der von Freud herausgegebenen Reihe Schriften zur angewandten Seelenkunde bei Hugo Heller in Wien und Leipzig. Freud unterzieht darin die Träume einer eigenwilligen Untersuchung: nicht wirklich geträumte, sondern von einem Dichter, Wilhelm Jensen, erfundene Träume, die er seiner archäologisch-psychiatrischen Novelle Gradiva beigelegt hat. Freud verteidigt dabei seine eigene, gegen den Einspruch der Wissenschaft gerichtete Überzeugung, dass der Traum ein erfüllter Wunsch sei, und zeigt an Jensens Figur des jungen Archäologen Norbert Hanold, der sich in das Relief einer schreitenden Frau verliebt und ihr wahnhaft durch die Ruinen von Pompeji folgt, wie literarische Fantasie unbewusst dieselben Mechanismen der Traumarbeit nutzt, die Freud in seiner Traumdeutung beschrieben hatte. Der Essay gilt als Gründungstext der psychoanalytischen Literaturwissenschaft.






