Der Wahn und die Träume in W. Jensens »Gradiva«
Kapitel III
Im weiteren Verlaufe der Erzählung findet sich noch ein anderer Traum, der
uns vielleicht noch mehr als der erste verlocken kann, seine Übersetzung und
Einfügung in den Zusammenhang des seelischen Geschehens beim Helden zu
versuchen. Aber wir ersparen wenig, wenn wir hier die Darstellung des Dichters
verlassen, um direkt zu diesem zweiten Traum zu eilen, denn wer den Traum
eines anderen deuten will, der kann nicht umhin, sich möglichst ausführlich um
alles zu bekümmern, was der Träumer äußerlich und innerlich erlebt hat. Somit
wäre es fast das beste, wenn wir beim Faden der Erzählung verblieben und diese
fortlaufend mit unseren Glossen versähen.
Die Wahnneubildung vom Tode der Gradiva beim Untergang Pompejis im
Jahre 79 ist nicht die einzige Nachwirkung des von uns analysierten ersten
Traumes. Unmittelbar nachher entschließt sich Hanold zu einer Reise nach
Italien, die ihn endlich nach Pompeji bringt. Vorher aber begibt sich noch etwas
anderes mit ihm; aus dem Fenster lehnend, glaubt er auf der Straße eine Gestalt
mit der Haltung und dem Gange seiner Gradiva zu bemerken, eilt ihr trotz seiner
mangelhaften Bekleidung nach, erreicht sie aber nicht, sondern wird durch den
Spott der Leute auf der Straße zurückgetrieben. Nachdem er wieder in sein
Zimmer zurückgekehrt ist, ruft das Singen eines Kanarienvogels, dessen Käfig
an einem Fenster des Hauses gegenüber hängt, eine Stimmung in ihm hervor, als
ob auch er aus der Gefangenschaft in die Freiheit wollte, und die Frühjahrsreise
ist ebenso schnell beschlossen wie ausgeführt.
Der Dichter hat diese Reise Hanolds in ganz besonders scharfes Licht
gerückt und ihm selbst teilweise Klarheit über seine inneren Vorgänge gegönnt.
Hanold hat sich selbstverständlich einen wissenschaftlichen Vorwand für sein
Reisen angegeben, aber dieser hält nicht vor. Er weiß doch eigentlich, daß »ihm
der Antrieb zur Reise aus einer unnennbaren Empfindung entsprungen war«.
Eine eigentümliche Unruhe heißt ihn mit allem, was er antrifft, unzufrieden sein
und treibt ihn von Rom nach Neapel, von dort nach Pompeji, ohne daß er sich,
auch nicht in dieser letzten Station, in seiner Stimmung zurechtfände. Er ärgert
sich über die Torheit der Hochzeitsreisenden und ist empört über die Frechheit
der Stubenfliegen, die Pompejis Gasthäuser bevölkern. Aber endlich täuscht er
sich nicht darüber, »daß seine Unbefriedigung wohl nicht allein durch das um
ihn herum Befindliche verursacht werde, sondern etwas ihren Ursprung auch aus ihm selbst schöpfe«. Er hält sich für überreizt, fühlt, »daß er mißmutig sei, weil
ihm etwas fehle, ohne daß er sich aufhellen könne, was. Und diese
Mißstimmung bringt er überallhin mit sich«. In solcher Verfassung empört er
sich sogar gegen seine Herrscherin, die Wissenschaft; wie er das erstemal in der
Mittagssonnenglut durch Pompeji wandelt, »hatte seine ganze Wissenschaft ihn
nicht allein verlassen, sondern ließ ihn auch ohne das geringste Begehren, sie
wieder aufzufinden; er erinnerte sich ihrer nur wie aus einer weiten Ferne, und in
seiner Empfindung war sie eine alte, eingetrocknete, langweilige Tante gewesen,
das ledernste und überflüssigste Geschöpf auf der Welt«. (G. p. 55.)
In diesem unerquicklichen und verworrenen Gemütszustand löst sich ihm
dann das eine der Rätsel, welche an dieser Reise hängen, in dem Moment, da er
zuerst die Gradiva durch Pompeji schreiten sieht. Es kommt ihm »zum erstenmal
zum Bewußtwerden: Er sei, ohne selbst von dem Antrieb in seinem Innern zu
wissen, deshalb nach Italien und ohne Aufenthalt von Rom und Neapel bis
Pompeji weitergefahren, um danach zu suchen, ob er hier Spuren von ihr
auffinden könne. Und zwar im wörtlichen Sinne, denn bei ihrer besonderen
Gangart mußte sie in der Asche einen von allen übrigen sich unterscheidenden
Abdruck der Zehen hinterlassen haben«. (G. p. 58.)
Da der Dichter so viel Sorgfalt auf die Darstellung dieser Reise verwendet,
muß es auch uns der Mühe wert sein, deren Verhältnis zum Wahn Hanolds und
deren Stellung im Zusammenhang der Begebenheiten zu erläutern. Die Reise ist
ein Unternehmen aus Motiven, welche die Person zunächst nicht erkennt und
erst später sich eingesteht, Motiven, welche der Dichter direkt als »unbewußte«
bezeichnet. Dies ist gewiß dem Leben abgelauscht; man braucht nicht im Wahn
zu sein, um so zu handeln; vielmehr ist es ein alltägliches Vorkommnis, selbst
bei Gesunden, daß sie sich über die Motive ihres Handelns täuschen und ihrer
erst nachträglich bewußt werden, wenn nur ein Konflikt mehrerer
Gefühlsströmungen ihnen die Bedingung für solche Verworrenheit herstellt. Die
Reise Hanolds war also von Anfang an darauf angelegt, dem Wahne zu dienen,
und sollte ihn nach Pompeji bringen, um die Nachforschung nach der Gradiva
dort fortzusetzen. Wir erinnern, daß vor und unmittelbar nach dem Traum diese
Nachforschung ihn erfüllte, und daß der Traum selbst nur eine von seinem
Bewußtsein erstickte Antwort auf die Frage nach dem Aufenthalt der Gradiva
war. Irgend eine Macht, die wir nicht erkennen, hemmt aber zunächst auch das
Bewußtwerden des wahnhaften Vorsatzes, so daß zur bewußten Motivierung der
Reise nur unzulängliche, streckenweise zu erneuernde Vorwände erübrigen. Ein
anderes Rätsel gibt uns der Dichter auf, indem er den Traum, die Entdeckung der
vermeintlichen Gradiva auf der Straße und die Entschließung zur Reise durch
den Einfluß des singenden Kanarienvogels wie Zufälligkeiten ohne innere Beziehung aufeinander folgen läßt.
Mit Hilfe der Aufklärungen, die wir den späteren Reden der Zoë Bertgang
entnehmen, wird dieses dunkle Stück der Erzählung für unser Verständnis
erhellt. Es war wirklich das Urbild der Gradiva, Fräulein Zoë selbst, das Hanold
von seinem Fenster aus auf der Straße schreiten sah (G. p. 89) und das er bald
eingeholt hätte. Die Mitteilung des Traumes: sie lebt ja am heutigen Tage in der
nämlichen Stadt wie du, hätte so durch einen glücklichen Zufall eine
unwiderstehliche Bekräftigung erfahren, vor welcher sein inneres Sträuben
zusammengebrochen wäre. Der Kanarienvogel aber, dessen Gesang Hanold in
die Ferne trieb, gehörte Zoë, und sein Käfig stand an ihrem Fenster, dem Hause
Hanolds schräg gegenüber. (G. p. 135.) Hanold, der nach der Anklage des
Mädchens die Gabe der »negativen Halluzination« besaß, die Kunst verstand,
auch gegenwärtige Personen nicht zu sehen und nicht zu erkennen, muß von
Anfang an die unbewußte Kenntnis dessen gehabt haben, was wir erst spät
erfahren. Die Zeichen der Nähe Zoës, ihr Erscheinen auf der Straße und der
Gesang ihres Vogels so nahe seinem Fenster, verstärken die Wirkung des
Traumes, und in dieser für seinen Widerstand gegen die Erotik so gefährlichen
Situation – ergreift er die Flucht. Die Reise entspringt einem Aufraffen des
Widerstandes nach jenem Vorstoß der Liebessehnsucht im Traum, einem
Fluchtversuch von der leibhaftigen und gegenwärtigen Geliebten weg. Sie
bedeutet praktisch einen Sieg der Verdrängung, die diesmal im Wahne die
Oberhand behält, wie bei seinem früheren Tun, den »pedestrischen
Untersuchungen« an Frauen und Mädchen, die Erotik siegreich gewesen war.
Überall aber ist in diesem Schwanken des Kampfes die Kompromißnatur der
Entscheidungen gewahrt; die Reise nach Pompeji, die von der lebenden Zoë
wegführen soll, führt wenigstens zu ihrem Ersatz, zur Gradiva. Die Reise, die
den latenten Traumgedanken zum Trotze unternommen wird, folgt doch der
Weisung des manifesten Trauminhaltes nach Pompeji. So triumphiert der Wahn
von neuem, jedesmal wenn Erotik und Widerstand von neuem streiten.
Diese Auffassung der Reise Hanolds als Flucht vor der in ihm erwachenden
Liebessehnsucht nach der so nahen Geliebten harmoniert allein mit den bei ihm
geschilderten Gemütszuständen während seines Aufenthaltes in Italien. Die ihn
beherrschende Ablehnung der Erotik drückt sich dort in seiner Verabscheuung
der Hochzeitsreisenden aus. Ein kleiner Traum im Albergo in Rom, veranlaßt
durch die Nachbarschaft eines deutschen Liebespaares, »August und Grete«,
deren Abendgespräch er durch die dünne Zwischenwand belauschen muß, wirft
wie nachträglich ein Licht auf die erotischen Tendenzen seines ersten großen
Traumes. Der neue Traum versetzt ihn wieder nach Pompeji, wo eben wieder der
Vesuv ausbricht, und knüpft so an den während der Reise fortwirkenden Traum an. Aber unter den gefährdeten Personen gewahrt er diesmal – nicht wie früher
sich und die Gradiva –, sondern den Apoll von Belvedere und die kapitolinische
Venus, wohl als ironische Erhöhungen des Paares im Nachbarraum. Apoll hebt
die Venus auf, trägt sie fort und legt sie auf einen Gegenstand im Dunkeln hin,
der ein Wagen oder Karren zu sein scheint, denn ein »knarrender Ton« schallt
davon her. Der Traum bedarf sonst keiner besonderen Kunst zu seiner Deutung.
(G. p. 31.)
Unser Dichter, dem wir längst zutrauen, daß er auch keinen einzelnen Zug
müßig und absichtslos in seiner Schilderung aufträgt, hat uns noch ein anderes
Zeugnis für die Hanold auf der Reise beherrschende asexuelle Strömung
gegeben. Während des stundenlangen Umherwanderns in Pompeji kommt es
ihm »merkwürdigerweise nicht ein einziges Mal in Erinnerung, daß er vor
einiger Zeit einmal geträumt habe, bei der Verschüttung Pompejis durch den
Kraterausbruch im Jahre 79 zugegen gewesen zu sein«. (G. p. 47.) Erst beim
Anblick der Gradiva besinnt er sich plötzlich dieses Traumes, wie ihm auch
gleichzeitig das wahnhafte Motiv seiner rätselhaften Reise bewußt wird. Was
könnte nun dies Vergessen des Traumes, diese Verdrängungsschranke zwischen
dem Traum und dem Seelenzustand auf der Reise anders bedeuten, als daß die
Reise nicht auf direkte Anregung des Traumes erfolgt ist, sondern in der
Auflehnung gegen denselben, als Ausfluß einer seelischen Macht, die vom
geheimen Sinne des Traumes nichts wissen will?
Anderseits aber wird Hanold dieses Sieges über seine Erotik nicht froh. Die
unterdrückte seelische Regung bleibt stark genug, um sich durch Mißbehagen
und Hemmung an der unterdrückenden zu rächen. Seine Sehnsucht hat sich in
Unruhe und Unbefriedigung verwandelt, die ihm die Reise sinnlos erscheinen
läßt; gehemmt ist die Einsicht in die Motivierung der Reise im Dienste des
Wahnes, gestört sein Verhältnis zu seiner Wissenschaft, die an solchem Orte all
sein Interesse rege machen sollte. So zeigt uns der Dichter seinen Helden nach
seiner Flucht vor der Liebe in einer Art von Krisis, in einem gänzlich
verworrenen und zerfahrenen Zustand, in einer Zerrüttung, wie sie auf der Höhe
der Krankheitszustände vorzukommen pflegt, wenn keine der beiden streitenden
Mächte mehr um so viel stärker ist als die andere, daß die Differenz ein
strammes, seelisches Regime begründen könnte. Hier greift dann der Dichter
helfend und schlichtend ein, denn an dieser Stelle läßt er die Gradiva auftreten,
welche die Heilung des Wahnes unternimmt. Mit seiner Macht, die Schicksale
der von ihm geschaffenen Menschen zum Guten zu lenken, trotz all der
Notwendigkeiten, denen er sie gehorchen läßt, versetzt er das Mädchen, vor dem
Hanold nach Pompeji geflohen ist, ebendahin und korrigiert so die Torheit, die
der Wahn den jungen Mann begehen ließ, sich von dem Wohnort der leibhaftigen Geliebten zur Todesstätte der sie in der Phantasie ersetzenden zu
begeben.
Mit dem Erscheinen der Zoë Bertgang als Gradiva, welches den Höhepunkt
der Spannung in der Erzählung bezeichnet, tritt bald auch eine Wendung in
unserem Interesse ein. Haben wir bisher die Entwicklung eines Wahnes
miterlebt, so sollen wir jetzt Zeugen seiner Heilung werden und dürfen uns
fragen, ob der Dichter den Hergang dieser Heilung bloß fabuliert oder im
Anschluß an wirklich vorhandene Möglichkeiten gebildet hat. Nach Zoës
eigenen Worten in der Unterhaltung mit der Freundin haben wir entschieden das
Recht, ihr solche Heilungsabsicht zuzuschreiben. (G. p. 124.) Wie schickt sie
sich aber dazu an? Nachdem sie die Entrüstung zurückgedrängt, welche die
Zumutung, sich wieder wie »damals« zum Schlafen hinzulegen, bei ihr
hervorgerufen, findet sie sich zur gleichen Mittagsstunde des nächsten Tages am
nämlichen Orte ein und entlockt nun Hanold all das geheime Wissen, das ihr
zum Verständnis seines Benehmens am Vortage gefehlt hat. Sie erfährt von
seinem Traum, vom Reliefbild der Gradiva und von der Eigentümlichkeit des
Ganges, welche sie mit diesem Bilde teilt. Sie akzeptiert die Rolle des für eine
kurze Stunde zum Leben erwachten Gespenstes, welche, wie sie merkt, sein
Wahn ihr zugeteilt, und weist ihm leise in mehrdeutigen Worten eine neue
Stellung an, indem sie die Gräberblume von ihm annimmt, die er ohne bewußte
Absicht mitgebracht, und das Bedauern ausspricht, daß er ihr nicht Rosen
gegeben hat. (G. p. 90.)
Unser Interesse für das Benehmen des überlegen klugen Mädchens, welches
beschlossen hat, sich den Jugendgeliebten zum Manne zu gewinnen, nachdem
sie hinter seinem Wahn seine Liebe als treibende Kraft erkannt, wird aber an
dieser Stelle wahrscheinlich von dem Befremden zurückgedrängt, welches dieser
Wahn selbst bei uns erregen kann. Dessen letzte Ausgestaltung, daß die im Jahre
79 verschüttete Gradiva nun als Mittagsgespenst für eine Stunde mit ihm Rede
tauschen könne, nach deren Ablauf sie versinke oder ihre Gruft wieder aufsuche,
dieses Hirngespinst, welches weder durch die Wahrnehmung ihrer modernen
Fußbekleidung noch durch ihre Unkenntnis der alten Sprachen und ihre
Beherrschung des damals nicht existierenden Deutschen beirrt wird, scheint
wohl die Bezeichnung des Dichters »Ein pompejanisches Phantasiestück« zu
rechtfertigen, aber jedes Messen an der klinischen Wirklichkeit auszuschließen.
Und doch scheint mir bei näherer Erwägung die Unwahrscheinlichkeit dieses
Wahnes zum größeren Teile zu zergehen. Einen Teil der Verschuldung hat ja der
Dichter auf sich genommen und in der Voraussetzung der Erzählung, daß Zoë in
allen Zügen das Ebenbild des Steinreliefs sei, mitgebracht. Man muß sich also
hüten, die Unwahrscheinlichkeit von dieser Voraussetzung auf deren Konsequenz, daß Hanold das Mädchen für die belebte Gradiva hält, zu
verschieben. Die wahnhafte Erklärung wird hier dadurch im Wert gehoben, daß
auch der Dichter uns keine rationelle zur Verfügung gestellt hat. In der
Sonnenglut Kampaniens und in der verwirrenden Zauberkraft des Weines, der
am Vesuv wächst, hat der Dichter ferner andere helfende und mildernde
Umstände für die Ausschreitung des Helden herangezogen. Das wichtigste aller
erklärenden und entschuldigenden Momente bleibt aber die Leichtigkeit, mit
welcher unser Denkvermögen sich zur Annahme eines absurden Inhaltes
entschließt, wenn stark affektbetonte Regungen dabei ihre Befriedigung finden,
Es ist erstaunlich und findet meist viel zu geringe Würdigung, wie leicht und
häufig selbst intelligenzstarke Personen unter solchen psychologischen
Konstellationen die Reaktionen partiellen Schwachsinnes geben, und wer nicht
allzu eingebildet ist, mag dies auch beliebig oft an sich selbst beobachten. Und
nun erst dann, wenn ein Teil der in Betracht kommenden Denkvorgänge an
unbewußten oder verdrängten Motiven haftet! Ich zitiere dabei gern die Worte
eines Philosophen, der mir schreibt: »Ich habe auch angefangen, mir
selbsterlebte Fälle von frappanten Irrtümern zu notieren, gedankenloser
Handlungen, die man sich nachträglich motiviert (in sehr unvernünftiger Weise).
Es ist erschreckend, aber typisch, wieviel Dummheit dabei zu Tage kommt.«
Und nun nehme man dazu, daß der Glaube an Geister und Gespenster und
wiederkehrende Seelen, der so viel Anlehnungen in den Religionen findet, denen
wir alle wenigstens als Kinder angehängt haben, keineswegs bei allen
Gebildeten untergegangen ist, daß so viele sonst Vernünftige die Beschäftigung
mit dem Spiritismus mit der Vernunft vereinbar finden. Ja selbst der nüchtern
und ungläubig Gewordene mag mit Beschämung wahrnehmen, wie leicht er sich
für einen Moment zum Geisterglauben zurückwendet, wenn Ergriffenheit und
Ratlosigkeit bei ihm zusammentreffen. Ich weiß von einem Arzt, der einmal eine
seiner Patientinnen an der Basedowschen Krankheit verloren hatte und einen
leisen Verdacht nicht bannen konnte, daß er durch unvorsichtige Medikation
vielleicht zum unglücklichen Ausgange beigetragen habe. Eines Tages, mehrere
Jahre später, trat ein Mädchen in sein ärztliches Zimmer, in dem er, trotz alles
Sträubens, die Verstorbene erkennen mußte. Er konnte keinen anderen Gedanken
fassen als, es sei doch wahr, daß die Toten wiederkommen können, und sein
Schaudern wich erst der Scham, als die Besucherin sich als die Schwester jener
an der gleichen Krankheit Verstorbenen vorstellte. Die Basedowsche Krankheit
verleiht den von ihr Befallenen eine oft bemerkte, weitgehende Ähnlichkeit der
Gesichtszüge, und in diesem Falle war die typische Ähnlichkeit über der
schwesterlichen aufgetragen. Der Arzt aber, dem sich dies ereignet, war ich
selbst, und darum bin gerade ich nicht geneigt, dem Norbert Hanold die klinische Möglichkeit seines kurzen Wahnes von der ins Leben zurückgekehrten
Gradiva zu bestreiten. Daß in ernsten Fällen chronischer Wahnbildung
(Paranoia) das Äußerste an geistreich ausgesponnenen und gut vertretenen
Absurditäten geleistet wird, ist endlich jedem Psychiater wohlbekannt. –
Nach der ersten Begegnung mit der Gradiva hatte Norbert Hanold zuerst in
dem einen und dann im anderen der ihm bekannten Speisehäuser Pompejis
seinen Wein getrunken, während die anderen Besucher mit der Hauptmahlzeit
beschäftigt waren. »Selbstverständlich war ihm mit keinem Gedanken die
widersinnige Annahme in den Sinn gekommen«, er tue so, um zu erfahren, in
welchem Gasthof die Gradiva wohne und ihre Mahlzeiten einnehme, aber es ist
schwer zu sagen, welchen anderen Sinn dies sein Tun sonst hätte haben können.
Am Tage nach dem zweiten Beisammensein im Hause des Meleager erlebt er
allerlei merkwürdige und scheinbar unzusammenhängende Dinge: er findet
einen engen Spalt in der Mauer des Portikus, dort, wo die Gradiva verschwunden
war, begegnet einem närrischen Eidechsenfänger, der ihn wie einen Bekannten
anredet, entdeckt ein drittes, versteckt gelegenes Wirtshaus, den »Albergo del
Sole«, dessen Besitzer ihm eine grünpatinierte Metallspange als Fundstück bei
den Überresten eines pompejanischen Mädchens aufschwatzt, und wird endlich
in seinem eigenen Gasthof auf ein neu angekommenes junges Menschenpaar
aufmerksam, welches er als Geschwisterpaar diagnostiziert, und dem er seine
Sympathie schenkt. Alle diese Eindrücke verweben sich dann zu einem
»merkwürdig unsinnigen« Traum, der folgenden Wortlaut hat:
»Irgendwo in der Sonne sitzt die Gradiva, macht aus einem Grashalm eine
Schlinge, um eine Eidechse darin zu fangen, und sagt dazu: ›Bitte, halte dich
ganz ruhig – die Kollegin hat recht, das Mittel ist wirklich gut, und sie hat es mit
bestem Erfolge angewendet‹.«
Gegen diesen Traum wehrt er sich noch im Schlafe mit der Kritik, das sei in
der Tat vollständige Verrücktheit, und wirft sich herum, um von ihm
loszukommen. Dies gelingt ihm auch mit Beihilfe eines unsichtbaren Vogels, der
einen kurzen, lachenden Ruf ausstößt und die Lacerte im Schnabel fortträgt.
Wollen wir den Versuch wagen, auch diesen Traum zu deuten, d. h. ihn durch
die latenten Gedanken zu ersetzen, aus deren Entstellung er hervorgegangen sein
muß? Er ist so unsinnig, wie man es nur von einem Traume erwarten kann, und
diese Absurdität der Träume ist ja die Hauptstütze der Anschauung, welche dem
Traum den Charakter eines vollgiltigen psychischen Aktes verweigert und ihn
aus einer planlosen Erregung der psychischen Elemente hervorgehen läßt.
Wir können auf diesen Traum die Technik anwenden, welche als das reguläre
Verfahren der Traumdeutung bezeichnet werden kann. Es besteht darin, sich um
den scheinbaren Zusammenhang im manifesten Traum nicht zu bekümmern, sondern jedes Stück des Inhaltes für sich ins Auge zu fassen und in den
Eindrücken, Erinnerungen und freien Einfällen des Träumers die Ableitung
desselben zu suchen. Da wir aber Hanold nicht examinieren können, werden wir
uns mit der Beziehung auf seine Eindrücke zufrieden geben müssen, und nur
ganz schüchtern unsere eigenen Einfälle an die Stelle der seinigen setzen dürfen.
»Irgendwo in der Sonne sitzt die Gradiva, fängt Eidechsen und spricht dazu«
– an welchen Eindruck des Tages klingt dieser Teil des Traumes an?
Unzweifelhaft an die Begegnung mit dem älteren Herrn, dem Eidechsenfänger,
der also im Traum durch die Gradiva ersetzt ist. Der saß oder lag an »einem
heißbesonnten« Abhang und sprach auch Hanold an. Auch die Reden der
Gradiva im Traum sind nach der Rede jenes Mannes kopiert. Man vergleiche:
»Das vom Kollegen Eimer angegebene Mittel ist wirklich gut, ich habe es schon
mehrmals mit bestem Erfolg angewendet. Bitte, halten Sie sich ganz ruhig –.«
Ganz ähnlich spricht die Gradiva im Traum, nur daß der Kollege Eimer durch
eine unbenannte Kollegin ersetzt ist; auch ist das »mehrmals« aus der Rede des
Zoologen im Traume weggeblieben und die Bindung der Sätze etwas geändert
worden. Es scheint also, daß dieses Erlebnis des Tages durch einige
Abänderungen und Entstellungen zum Traume umgewandelt worden ist. Warum
gerade dieses, und was bedeuten die Entstellungen, der Ersatz des alten Herrn
durch die Gradiva und die Einführung der rätselhaften »Kollegin«?
Es gibt eine Regel der Traumdeutung, welche lautet: Eine im Traum gehörte
Rede stammt immer von einer im Wachen gehörten oder selbst gehaltenen Rede
ab. Nun, diese Regel scheint hier befolgt, die Rede der Gradiva ist nur eine
Modifikation der bei Tag gehörten Rede des alten Zoologen. Eine andere Regel
der Traumdeutung würde uns sagen, die Ersetzung einer Person durch eine
andere oder die Vermengung zweier Personen, indem etwa die eine in einer
Situation gezeigt wird, welche die andere charakterisiert, bedeutet eine
Gleichstellung der beiden Personen, eine Übereinstimmung zwischen denselben.
Wagen wir es, auch diese Regel auf unseren Traum anzuwenden, so ergäbe sich
die Übersetzung: die Gradiva fängt Eidechsen wie jener Alte, versteht sich auf
den Eidechsenfang wie er. Verständlich ist dieses Ergebnis gerade noch nicht,
aber wir haben ja noch ein anderes Rätsel vor uns. Auf welchen Eindruck des
Tages sollen wir die »Kollegin« beziehen, die im Traum den berühmten
Zoologen Eimer ersetzt? Wir haben da zum Glück nicht viel Auswahl, es kann
nur ein anderes Mädchen als Kollegin gemeint sein, also jene sympathische
junge Dame, in der Hanold eine in Gesellschaft ihres Bruders reisende
Schwester erkannt hatte. »Sie trug eine rote Sorrentiner Rose am Kleid, deren
Anblick an etwas im Gedächtnis des aus seiner Stubenecke Hinüberschauenden
rührte, ohne daß er sich darauf besinnen konnte, was es sei.« Diese Bemerkung des Dichters gibt uns wohl das Recht, sie für die »Kollegin« im Traume in
Anspruch zu nehmen. Das, was Hanold nicht erinnern konnte, war gewiß nichts
anderes als das Wort der vermeintlichen Gradiva, glücklicheren Mädchen bringe
man im Frühling Rosen, als sie die weiße Gräberblume von ihm verlangte. In
dieser Rede lag aber eine Werbung verborgen. Was mag das nun für ein
Eidechsenfang sein, der dieser glücklicheren Kollegin so gut gelungen?
Am nächsten Tage überrascht Hanold das vermeintliche Geschwisterpaar in
zärtlicher Umarmung und kann so seinen Irrtum vom Vortage berichtigen. Es ist
wirklich ein Liebespaar, und zwar auf der Hochzeitsreise begriffen, wie wir
später erfahren, als die beiden das dritte Beisammensein Hanolds mit der Zoë so
unvermutet stören. Wenn wir nun annehmen wollen, daß Hanold, der sie bewußt
für Geschwister hält, in seinem Unbewußten sogleich ihre wirkliche Beziehung
erkannt hat, die sich tags darauf so unzweideutig verrät, so ergibt sich allerdings
ein guter Sinn für die Rede der Gradiva im Traume. Die rote Rose wird dann
zum Symbol der Liebesbeziehung; Hanold versteht, daß die beiden das sind,
wozu er und die Gradiva erst werden sollen, der Eidechsenfang bekommt die
Bedeutung des Männerfanges, und die Rede der Gradiva heißt etwa: Laß mich
nur machen, ich verstehe es ebenso gut, mir einen Mann zu gewinnen wie dieses
andere Mädchen.
Warum mußte aber dieses Durchschauen der Absichten der Zoë durchaus in
der Form der Rede des alten Zoologen im Traume erscheinen? Warum die
Geschicklichkeit Zoës im Männerfang durch die des alten Herrn im
Eidechsenfang dargestellt werden? Nun, wir haben es leicht, diese Frage zu
beantworten: wir haben längst erraten, daß der Eidechsenfänger kein anderer ist
als der Zoologieprofessor Bertgang, Zoës Vater, der ja auch Hanold kennen muß,
so daß sich verstehen läßt, daß er Hanold wie einen Bekannten anredet. Nehmen
wir von neuem an, daß Hanold im Unbewußten den Professor gleichfalls sofort
erkannt habe, – »Ihm war's dunkel, das Gesicht des Lacertenjägers sei schon
einmal, wahrscheinlich in einem der beiden Gasthöfe, an seinen Augen
vorübergegangen –«, so erklärt sich die sonderbare Einkleidung des der Zoë
beigelegten Vorsatzes. Sie ist die Tochter des Eidechsenfängers, sie hat diese
Geschicklichkeit von ihm.
Die Ersetzung des Eidechsenfängers durch die Gradiva im Trauminhalt ist
also die Darstellung für die im Unbewußten erkannte Beziehung der beiden
Personen; die Einführung der »Kollegin« an Stelle des Kollegen Eimer gestattet
es dem Traum, das Verständnis ihrer Werbung um den Mann zum Ausdruck zu
bringen. Der Traum hat bisher zwei der Erlebnisse des Tages zu einer Situation
zusammengeschweißt, »verdichtet«, wie wir sagen, um zwei Einsichten, die
nicht bewußt werden durften, einen allerdings sehr unkenntlichen Ausdruck zu verschaffen. Wir können aber weiter gehen, die Sonderbarkeit des Traumes noch
mehr verringern und den Einfluß auch der anderen Tageserlebnisse auf die
Gestaltung des manifesten Traumes nachweisen.
Wir könnten uns unbefriedigt durch die bisherige Auskunft erklären, weshalb
gerade die Szene des Eidechsenfanges zum Kern des Traumes gemacht worden
ist, und vermuten, daß noch andere Elemente in den Traumgedanken für die
Auszeichnung der »Eidechse« im manifesten Traum mit ihrem Einfluß
eingetreten sind. Es könnte wirklich leicht so sein. Erinnern wir uns, daß Hanold
einen Spalt in der Mauer entdeckt hatte, an der Stelle, wo ihm die Gradiva zu
verschwinden schien, der »immerhin breit genug war, um eine Gestalt von
ungewöhnlicher Schlankheit« durchschlüpfen zu lassen. Durch diese
Wahrnehmung wurde er bei Tag zu einer Abänderung in seinem Wahn veranlaßt,
die Gradiva versinke nicht im Boden, wenn sie seinen Blicken entschwinde,
sondern begebe sich auf diesem Wege in ihre Gruft zurück. In seinem
unbewußten Denken mochte er sich sagen, er habe jetzt die natürliche Erklärung
für das überraschende Verschwinden des Mädchens gefunden. Muß aber nicht
das sich durch enge Spalten Zwängen und das Verschwinden in solchen Spalten
an das Benehmen von Lacerten erinnern? Verhält sich die Gradiva dabei nicht
selbst wie ein flinkes Eidechslein? Wir meinen also, diese Entdeckung des
Spaltes in der Mauer habe mitbestimmend auf die Auswahl des Elementes
»Eidechse« für den manifesten Trauminhalt gewirkt, die Eidechsensituation des
Traumes vertrete ebensowohl diesen Eindruck des Tages wie die Begegnung mit
dem Zoologen, Zoës Vater.
Und wenn wir nun, kühn geworden, versuchen wollten, auch für das eine,
noch nicht verwertete Erlebnis des Tages, die Entdeckung des dritten Albergo
»del Sole«, eine Vertretung im Trauminhalt zu finden? Der Dichter hat diese
Episode so ausführlich behandelt und so vielerlei an sie geknüpft, daß wir uns
verwundern müßten, wenn sie allein keinen Beitrag zur Traumbildung
abgegeben hätte. Hanold tritt in dieses Wirtshaus, welches ihm wegen seiner
abgelegenen Lage und Entfernung vom Bahnhofe unbekannt geblieben war, um
sich eine Flasche kohlensauren Wassers gegen seinen Blutandrang geben zu
lassen. Der Wirt benützt diese Gelegenheit, um seine Antiquitäten anzupreisen,
und zeigt ihm eine Spange, die angeblich jenem pompejanischen Mädchen
angehört hatte, das in der Nähe des Forums in inniger Umschlingung mit seinem
Geliebten aufgefunden wurde. Hanold, der diese oft wiederholte Erzählung
bisher niemals geglaubt, wird jetzt durch eine ihm unbekannte Macht genötigt,
an die Wahrheit dieser rührenden Geschichte und an die Echtheit des
Fundstückes zu glauben, erwirbt die Fibula und verläßt mit seinem Erwerb den
Gasthof. Im Fortgehen sieht er an einem der Fenster einen in ein Wasserglas gestellten, mit weißen Blüten behängten Asphodelosschaft herabnicken und
empfindet diesen Anblick als eine Beglaubigung der Echtheit seines neuen
Besitztums. Die wahrhafte Überzeugung durchdringt ihn jetzt, die grüne Spange
habe der Gradiva angehört, und sie sei das Mädchen gewesen, das in der
Umarmung ihres Geliebten gestorben sei. Die quälende Eifersucht, die ihn dabei
erfaßt, beschwichtigt er durch den Vorsatz, sich am nächsten Tage bei der
Gradiva selbst durch das Vorzeigen der Spange Sicherheit wegen seines
Argwohnes zu holen. Dies ist doch ein sonderbares Stück neuer Wahnbildung,
und es sollte keine Spur im Traume der nächstfolgenden Nacht darauf
hinweisen!
Es wird uns wohl der Mühe wert sein, uns die Entstehung dieses
Wahnzuwachses verständlich zu machen, das neue Stück unbewußter Einsicht
aufzusuchen, das sich durch das neue Stück Wahn ersetzt. Der Wahn entsteht
unter dem Einfluß des Wirtes vom Sonnenwirtshaus, gegen den sich Hanold so
merkwürdig leichtgläubig benimmt, als hätte er eine Suggestion von ihm
empfangen. Der Wirt zeigt ihm eine metallene Gewandfibel als echt und als
Besitztum jenes Mädchens, das in den Armen seines Geliebten verschüttet
aufgefunden wurde, und Hanold, der kritisch genug sein könnte, um die
Wahrheit der Geschichte sowie die Echtheit der Spange zu bezweifeln, ist sofort
gläubig gefangen und erwirbt die mehr als zweifelhafte Antiquität. Es ist ganz
unverständlich, warum er sich so benehmen sollte, und es deutet nichts darauf,
daß die Persönlichkeit des Wirtes selbst uns dieses Rätsel lösen könnte. Es ist
aber noch ein anderes Rätsel in dem Vorfall, und zwei Rätsel lösen sich gern
miteinander. Beim Verlassen des Albergo erblickt er einen Asphodelosschaft im
Glase an einem Fenster und findet in ihm eine Beglaubigung für die Echtheit der
Metallspange. Wie kann das nur zugehen? Dieser letzte Zug ist zum Glück der
Lösung leicht zugänglich. Die weiße Blume ist wohl dieselbe, die er zu Mittag
der Gradiva geschenkt, und es ist ganz richtig, daß durch ihren Anblick an einem
der Fenster dieses Gasthofes etwas bekräftigt wird. Freilich nicht die Echtheit
der Spange, aber etwas anderes, was ihm schon bei der Entdeckung dieses bisher
übersehenen Albergo klar geworden. Er hatte bereits am Vortage sich so
benommen, als suchte er in den beiden Gasthöfen Pompejis, wo die Person
wohne, die ihm als Gradiva erscheine. Nun, da er so unvermuteterweise auf
einen dritten stößt, muß er sich im Unbewußten sagen: Also hier wohnt sie; und
dann beim Weggehen: Richtig, da ist ja die Asphodelosblume, die ich ihr
gegeben; das ist also ihr Fenster. Dies wäre also die neue Einsicht, die sich durch
den Wahn ersetzt, die nicht bewußt werden kann, weil ihre Voraussetzung, die
Gradiva sei eine Lebende, von ihm einst gekannte Person, nicht bewußt werden
konnte.
Wie soll nun aber die Ersetzung der neuen Einsicht durch den Wahn vor sich
gegangen sein? Ich meine so, daß das Überzeugungsgefühl, welches der Einsicht
anhaftete, sich behaupten konnte und erhalten blieb, während für die
bewußtseinsunfähige Einsicht selbst ein anderer, aber durch Denkverbindung mit
ihr verknüpfter Vorstellungsinhalt eintrat. So geriet nun das Überzeugungsgefühl
in Verbindung mit einem ihm eigentlich fremden Inhalt, und dieser letztere
gelangte als Wahn zu einer ihm selbst nicht gebührenden Anerkennung. Hanold
überträgt seine Überzeugung, daß die Gradiva in diesem Hause wohne, auf
andere Eindrücke, die er in diesem Hause empfängt, wird auf solche Weise
gläubig für die Reden des Wirtes, die Echtheit der Metallspange und die Wahrheit der Anekdote von dem in Umarmung aufgefundenen Liebespaar, aber
nur auf dem Wege, daß er das in diesem Hause Gehörte mit der Gradiva in
Beziehung bringt. Die in ihm bereitliegende Eifersucht bemächtigt sich dieses
Materials, und es entsteht, selbst im Widerspruch mit seinem ersten Traum, der
Wahn, daß die Gradiva jenes in den Armen ihres Liebhabers verstorbene
Mädchen war, und daß ihr jene von ihm erworbene Spange gehört hat.
Wir werden aufmerksam darauf, daß das Gespräch mit der Gradiva und ihre
leise Werbung »durch die Blume« bereits wichtige Veränderungen bei Hanold
hervorgerufen haben. Züge von männlicher Begehrlichkeit, Komponenten der
Libido, sind bei ihm erwacht, die allerdings der Verhüllung durch bewußte
Vorwände noch nicht entbehren können. Aber das Problem der »leiblichen
Beschaffenheit« der Gradiva, das ihn diesen ganzen Tag über verfolgt, kann
doch seine Abstammung von der erotischen Wißbegierde des Jünglings nach
dem Körper des Weibes nicht verleugnen, auch wenn es durch die bewußte
Betonung des eigentümlichen Schwebens der Gradiva zwischen Tod und Leben
ins Wissenschaftliche gezogen werden soll. Die Eifersucht ist ein weiteres
Zeichen der erwachenden Aktivität Hanolds in der Liebe; er äußert diese
Eifersucht zu Eingang der Unterredung am nächsten Tage und setzt es dann mit
Hilfe eines neuen Vorwandes durch, den Körper des Mädchens zu berühren und
sie, wie in längst vergangenen Zeiten, zu schlagen.
Nun aber ist es Zeit, uns zu fragen, ob denn der Weg der Wahnbildung, den
wir aus der Darstellung des Dichters erschlossen haben, ein sonst bekannter oder
ein überhaupt möglicher sei. Aus unserer ärztlichen Kenntnis können wir nur die
Antwort geben, es sei gewiß der richtige Weg, vielleicht der einzige, auf dem
überhaupt der Wahn zu der unerschütterlichen Anerkennung gelangt, die zu
seinen klinischen Charakteren gehört. Wenn der Kranke so fest an seinen Wahn
glaubt, so geschieht dies nicht durch eine Verkehrung seines Urteilsvermögens,
und rührt nicht von dem her, was am Wahne irrig ist. Sondern in jedem Wahn
steckt auch ein Körnchen Wahrheit, es ist etwas an ihm, was wirklich den
Glauben verdient, und dieses ist die Quelle der also so weit berechtigten
Überzeugung des Kranken. Aber dieses Wahre war lange Zeit verdrängt; wenn
es ihm endlich gelingt, diesmal in entstellter Form zum Bewußtsein
durchzudringen, so ist das ihm anhaftende Überzeugungsgefühl wie zur
Entschädigung überstark, haftet nun am Entstellungsersatz des verdrängten
Wahren und schützt denselben gegen jede kritische Anfechtung. Die
Überzeugung verschiebt sich gleichsam von dem unbewußten Wahren auf das
mit ihm verknüpfte, bewußte Irrige, und bleibt gerade infolge dieser
Verschiebung dort fixiert. Der Fall von Wahnbildung, der sich aus Hanolds
erstem Traum ergab, ist nichts als ein ähnliches, wenn auch nicht identisches Beispiel einer solchen Verschiebung. Ja, die geschilderte Entstehungsweise der
Überzeugung beim Wahne ist nicht einmal grundsätzlich von der Art
verschieden, wie sich Überzeugung in normalen Fällen bildet, wo die
Verdrängung nicht im Spiele ist. Wir alle heften unsere Überzeugung an
Denkinhalte, in denen Wahres mit Falschem vereint ist, und lassen sie vom
ersteren aus sich über das letztere erstrecken. Sie diffundiert gleichsam von dem
Wahren her über das assoziierte Falsche und schützt dieses, wenn auch nicht so
unabänderlich wie beim Wahn, gegen die verdiente Kritik. Beziehungen,
Protektion gleichsam, können auch in der Normalpsychologie den eigenen Wert
ersetzen. –
Ich will nun zum Traum zurückkehren und einen kleinen, aber nicht
uninteressanten Zug hervorheben, der zwischen zwei Anlässen des Traumes eine
Verbindung herstellt. Die Gradiva hatte die weiße Asphodelosblüte in einen
gewissen Gegensatz zur roten Rose gebracht; das Wiederfinden des Asphodelos
am Fenster des Albergo del Sole wird zu einem wichtigen Beweisstück für die
unbewußte Einsicht Hanolds, die sich im neuen Wahn ausdrückt, und dem reiht
sich an, daß die rote Rose am Kleid des sympathischen jungen Mädchens
Hanold im Unbewußten zur richtigen Würdigung ihres Verhältnisses zu ihrem
Begleiter verhilft, so daß er sie im Traum als »Kollegin« auftreten lassen kann.
Wo findet sich nun aber im manifesten Trauminhalt die Spur und Vertretung
jener Entdeckung Hanolds, welche wir durch den neuen Wahn ersetzt fanden,
der Entdeckung, daß die Gradiva mit ihrem Vater in dem dritten versteckten
Gasthof Pompejis, im Albergo del Sole wohne? Nun, es steht ganz und nicht
einmal sehr entstellt im Traume drin; ich scheue mich nur darauf hinzuweisen,
denn ich weiß, selbst bei den Lesern, deren Geduld so weit bei mir ausgehalten
hat, wird sich nun ein starkes Sträuben gegen meine Deutungsversuche regen.
Die Entdeckung Hanolds ist im Trauminhalt, wiederhole ich, voll mitgeteilt, aber
so geschickt versteckt, daß man sie notwendig übersehen muß. Sie ist dort hinter
einem Spiel mit Worten, einer Zweideutigkeit geborgen. »Irgendwo in der Sonne
sitzt die Gradiva,« das haben wir mit Recht auf die Örtlichkeit bezogen, an
welcher Hanold den Zoologen, ihren Vater, traf. Aber soll es nicht auch heißen
können: in der »Sonne«, d. i. im Albergo del Sole, im Gasthaus zur Sonne wohnt
die Gradiva? Und klingt das »Irgendwo«, welches auf die Begegnung mit dem
Vater keinen Bezug hat, nicht gerade darum so heuchlerisch unbestimmt, weil es
die bestimmte Auskunft über den Aufenthalt der Gradiva einleitet? Ich bin nach
meiner sonstigen Erfahrung in der Deutung realer Träume eines solchen
Verständnisses der Zweideutigkeit ganz sicher, aber ich getraute mich wirklich
nicht, dieses Stückchen Deutungsarbeit meinen Lesern vorzulegen, wenn der
Dichter mir nicht hier seine mächtige Hilfe leihen würde. Am nächsten Tage legt er dem Mädchen beim Anblick der Metallspange das nämliche Wortspiel in den
Mund, welches wir für die Deutung der Stelle im Trauminhalt annehmen. »Hast
du sie vielleicht in der Sonne gefunden, die macht hier solche Kunststücke.« Und
da Hanold diese Rede nicht versteht, erläutert sie, sie meine den Gasthof zur
Sonne, die sie hier »Sole« heißen, von woher auch ihr das angebliche Fundstück
bekannt ist.
Und nun möchten wir den Versuch wagen, den »merkwürdig unsinnigen«
Traum Hanolds durch die hinter ihm verborgenen, ihm möglichst unähnlichen,
unbewußten Gedanken zu ersetzen. Etwa so: »Sie wohnt ja in der Sonne mit
ihrem Vater, warum spielt sie solches Spiel mit mir? Will sie ihren Spott mit mir
treiben? Oder sollte es möglich sein, daß sie mich liebt und mich zum Manne
nehmen will?« – Auf diese letztere Möglichkeit erfolgt wohl noch im Schlaf die
abweisende Antwort: das sei ja die reinste Verrücktheit, die sich scheinbar gegen
den ganzen manifesten Traum richtet.
Kritische Leser haben nun das Recht, nach der Herkunft jener bisher nicht
begründeten Einschaltung zu fragen, die sich auf das Verspottetwerden durch die
Gradiva bezieht. Darauf gibt die »Traumdeutung« die Antwort, wenn in den
Traumgedanken Spott, Hohn, erbitterter Widerspruch vorkommt, so wird dies
durch die unsinnige Gestaltung des manifesten Traumes, durch die Absurdität im
Traume ausgedrückt. Letztere bedeutet also kein Erlahmen der psychischen
Tätigkeit, sondern ist eines der Darstellungsmittel, deren sich die Traumarbeit
bedient. Wie immer an besonders schwierigen Stellen kommt uns auch hier der
Dichter zu Hilfe. Der unsinnige Traum hat noch ein kurzes Nachspiel, in dem ein
Vogel einen lachenden Ruf ausstößt und die Lacerte im Schnabel davonträgt.
Einen solchen lachenden Ruf hatte Hanold aber nach dem Verschwinden der
Gradiva gehört. Er kam wirklich von der Zoë her, die den düsteren Ernst ihrer
Unterweltsrolle mit diesem Lachen von sich abschüttelte. Die Gradiva hatte ihn
wirklich ausgelacht. Das Traumbild aber, wie der Vogel die Lacerte davonträgt,
mag an jenes andere in einem früheren Traum erinnern, in dem der Apoll von
Belvedere die kapitolinische Venus davontrug.
Vielleicht besteht noch bei manchem Leser der Eindruck, daß die
Übersetzung der Situation des Eidechsenfanges durch die Idee der
Liebeswerbung nicht genügend gesichert sei. Da mag denn der Hinweis zur
Unterstützung dienen, daß Zoë in dem Gespräch mit der Kollegin das nämliche
von sich bekennt, was Hanolds Gedanken von ihr vermuten, indem sie mitteilt,
sie sei sicher gewesen, sich in Pompeji etwas Interessantes »auszugraben«. Sie
greift dabei in den archäologischen Vorstellungskreis, wie er mit seinem
Gleichnis vom Eidechsenfang in den zoologischen, als ob sie einander
entgegenstreben würden und jeder die Eigenart des anderen annehmen wollte.
So hätten wir die Deutung auch dieses zweiten Traumes erledigt. Beide sind
unserem Verständnis zugänglich geworden unter der Voraussetzung, daß der
Träumer in seinem unbewußten Denken all das weiß, was er im bewußten
vergessen hat, all das dort richtig beurteilt, was er hier wahnhaft verkennt. Dabei
haben wir freilich manche Behauptung aufstellen müssen, die dem Leser, weil
fremd, auch befremdlich klang, und wahrscheinlich oft den Verdacht erweckt,
daß wir für den Sinn des Dichters ausgeben, was nur unser eigener Sinn ist. Wir
sind alles zu tun bereit, um diesen Verdacht zu zerstreuen, und wollen darum
einen der heikelsten Punkte – ich meine die Verwendung zweideutiger Worte
und Reden wie im Beispiele: Irgendwo in der Sonne sitzt die Gradiva – gern
ausführlicher in Betrachtung ziehen.
Es muß jedem Leser der »Gradiva« auffallen, wie häufig der Dichter seinen
beiden Hauptpersonen Reden in den Mund legt, die zweierlei Sinn ergeben. Bei
Hanold sind diese Reden eindeutig gemeint, und nur seine Partnerin, die
Gradiva, wird von deren anderem Sinn ergriffen. So, wenn er nach ihrer ersten
Antwort ausruft: Ich wußte es, so klänge deine Stimme, und die noch
unaufgeklärte Zoë fragen muß, wie das möglich sei, da er sie noch nicht
sprechen gehört habe. In der zweiten Unterredung wird das Mädchen für einen
Augenblick an seinem Wahne irre, da er versichert, er habe sie sofort erkannt.
Sie muß diese Worte in dem Sinne verstehen, der für sein Unbewußtes richtig ist
als Anerkennung ihrer in die Kindheit zurückreichenden Bekanntschaft, während
er natürlich von dieser Tragweite seiner Rede nichts weiß und sie auch nur durch
Beziehung auf den ihn beherrschenden Wahn erläutert. Die Reden des Mädchens
hingegen, in deren Person die hellste Geistesklarheit dem Wahn entgegengestellt
wird, sind mit Absicht zweideutig gehalten. Der eine Sinn derselben schmiegt
sich dem Wahne Hanolds an, um in sein bewußtes Verständnis dringen zu
können, der andere erhebt sich über den Wahn und gibt uns in der Regel die
Übersetzung desselben in die von ihm vertretene unbewußte Wahrheit. Es ist ein
Triumph des Witzes, den Wahn und die Wahrheit in der nämlichen
Ausdrucksform darstellen zu können.
Durchsetzt von solchen Zweideutigkeiten ist die Rede der Zoë, in welcher sie
der Freundin die Situation aufklärt und sich gleichzeitig von ihrer störenden
Gesellschaft befreit; sie ist eigentlich aus dem Buche herausgesprochen, mehr
für uns Leser als für die glückliche Kollegin berechnet. In den Gesprächen mit
Hanold ist der Doppelsinn meist dadurch hergestellt, daß Zoë sich der Symbolik
bedient, welche wir im ersten Traume Hanolds befolgt fanden, der
Gleichstellung von Verdrängung und Verschüttung, Pompeji und Kindheit. So
kann sie mit ihren Reden einerseits in der Rolle verbleiben, die ihr der Wahn
Hanolds anweist, anderseits an die wirklichen Verhältnisse rühren und im Unbewußten Hanolds das Verständnis für dieselben wecken.
»Ich habe mich schon lange daran gewöhnt, tot zu sein.« (G. p. 90.) – »Für
mich ist die Blume der Vergessenheit aus deiner Hand die richtige.« (G. p. 90.)
In diesen Reden meldet sich leise der Vorwurf, der dann in ihrer letzten
Strafpredigt deutlich genug hervorbricht, wo sie ihn mit dem Archäopteryx
vergleicht. »Daß jemand erst sterben muß, um lebendig zu werden. Aber für die
Archäologen ist das wohl notwendig« (G. p. 141), sagt sie noch nachträglich
nach der Lösung des Wahnes, wie um den Schlüssel zu ihren zweideutigen
Reden zu geben. Die schönste Anwendung ihrer Symbolik gelingt ihr aber in der
Frage: (G. p. 118) »Mir ist's, als hätten wir schon vor zweitausend Jahren einmal
so zusammen unser Brot gegessen. Kannst du dich nicht darauf besinnen?«, in
welcher Rede die Ersetzung der Kindheit durch die historische Vorzeit und das
Bemühen, die Erinnerung an die erstere zu erwecken, ganz unverkennbar sind.
Woher nun diese auffällige Bevorzugung der zweideutigen Reden in der
»Gradiva«? Sie erscheint uns nicht als Zufälligkeit, sondern als notwendige
Abfolge aus den Voraussetzungen der Erzählung. Sie ist nichts anderes als das
Seitenstück zur zweifachen Determinierung der Symptome, insofern die Reden
selbst Symptome sind und wie diese aus Kompromissen zwischen Bewußtem
und Unbewußtem hervorgehen. Nur daß man den Reden diesen doppelten
Ursprung leichter anmerkt als etwa den Handlungen, und wenn es gelingt, was
die Schmiegsamkeit des Materials der Rede oftmals ermöglicht, in der
nämlichen Fügung von Worten jedem der beiden Redeabsichten guten Ausdruck
zu verschaffen, dann liegt das vor, was wir eine »Zweideutigkeit« heißen.
Während der psychotherapeutischen Behandlung eines Wahnes oder einer
analogen Störung entwickelt man häufig solche zweideutige Reden beim
Kranken, als neue Symptome von flüchtigstem Bestand, und kann auch selbst in
die Lage kommen, sich ihrer zu bedienen, wobei man mit dem für das
Bewußtsein des Kranken bestimmten Sinn nicht selten das Verständnis für den
im Unbewußten giltigen anregt. Ich weiß aus Erfahrung, daß diese Rolle der
Zweideutigkeit bei den Uneingeweihten den größten Anstoß zu erregen und die
gröbsten Mißverständnisse zu verursachen pflegt, aber der Dichter hatte
jedenfalls recht, auch diesen charakteristischen Zug der Vorgänge bei der Traum-
und Wahnbildung in seiner Schöpfung zur Darstellung zu bringen.