Der Wendekreis: Erste Folge
Project Gutenberg's Der Wendekreis - Erste Folge, by Jakob Wassermann
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 10 Teile geteilt.
Der Unbekannte hatte einen Ausdruck in den Augen, als schaue er in ein Gewühl, das fern und tief unten war. »Aber ist das nicht auch zu grob, zu tatsächlich, zu zufällig?« fragte er gedankenvoll; »ich greife es heraus, weil es sich herausdrängt. Ich bin zu erfüllt davon. Es haftet auch an der Haut. Und immer ist es aneinandergereiht wie die Käfer auf einem Pappendeckel. Man will beweisen, was man spricht. Ich sehe immer das Exempel. Ich sehe so viele, die ihren Mörder neben sich haben; sie füttern ihn förmlich auf und drücken ihm die Waffe in die Hand. Oft ist es ihr eigener Schatten, der sie mordet, oft ihr Bild in einem Bruder, einer Geliebten, einem Freund. Keiner weiß etwas vom Bruder, von der Geliebten, vom Freund, und es ist wunderlich amüsant, zu erfahren, was er zu wissen vorgibt. Mißverständnisse geben ihnen den stärksten Halt. Es ist überhaupt wunderlich amüsant alles, finden Sie nicht? Immer sehen, immer hören, jede Stunde ausschöpfen, jedes Herz aushorchen! Was hätte ich drum gegeben, wenn ich jenen Diener noch auf dem Gut getroffen hätte! Die fünfundzwanzig Jahre Gehorsam in Schweigen und Haß, was muß da in seinem Gesicht zu lesen gewesen sein! Ich habe ihn lange Zeit gesucht; leider umsonst.«
Er beugte sich vor; die schöngeformten Hände machten eine zaghafte Geste. »Diener! daß es solche gibt!« fuhr er fort; »daß es Knechte gibt, und Türsteher; solche, die Kohlensäcke auf dem Rücken tragen; Schiffszieher; solche, die in Schwefelgruben steigen; solche, die Kloaken säubern; solche, die Bleidämpfe einatmen. Jeder mit seinem ganz besondern Sinn. Einer hat nicht dieselben Finger wie der andere; in zweien sind nicht zwei gleiche Gedanken, und jeder läßt sich die Last aufbürden und schleppt und schleppt. Warum nur? Man kann nicht fertig werden, darüber nachzudenken. Millionen Sklaven keuchen unter der Kette; tausend rebellieren und reißen sich los, und schon zwängen sich tausend neue an ihre Stelle. So mutlos und wundgerieben ist aber keiner, daß er nicht ein Weib bei sich hätte und Kinder mit ihr zeugte, die auch wieder an die Kette geschmiedet werden. Da schwillt das Leiden immer höher. In manchen Ländern steht es bereits so, daß die Kinder mit einem alten finstern Herzen auf die Welt kommen. Ich habe mich davon überzeugt. Ich habe folgendes erlebt. Man geht nichts ahnend hin, und aus dem Erdboden heraus strecken sich einem Kinderarme entgegen, lauter magere Kinderarme wie ein Feld von Strohhalmen; die Fäustchen sind krampfhaft geschlossen, die zarten Gelenke sind rhachitisch. Es ist äußerst merkwürdig: man kann meilenweit wandern, zwischen Fabrikschloten und flammenden Essen, und sie strecken sich einem unabsehbar entgegen, lauter magere Kinderarme, wie Strohhalme, oder wie kleine geschälte Zweige. Manche brechen, manche wachsen, jedenfalls sind es zahllose, und sie versperren einem den Weg. Was sagen Sie dazu? Meinen Sie nicht, daß Ihre Ansicht, die Zeit sei Ihnen entgegen, doch falsch ist? Ist sie nicht geradezu für Sie? Geradezu wie für Sie gemacht? Ist sie nicht wie ein verdorrter Acker, der Bewässerung verlangt, Licht und Wärme? Denken Sie nur an die zahllosen Kinderarme. Sie können sich niederbeugen, die zusammengekrampften Fäustchen öffnen, die frierenden Hände ergreifen. Ich fürchte, das klingt sentimental, aber ich halte es Ihnen als Notwendigkeit vor. Es ist, als schaute man in ein vergiftetes Bassin, wo viele kleine Fische vor dem Krepieren noch ein bißchen zucken. Das einzige Mittel, sie zu retten, ist, neue Quellen und Zuflüsse hineinleiten. Sie sagen, das Werk lasse sich nicht schaffen, weil die Geister und Seelen zerstört sind. Zum Teil ist das ja richtig. Aber war die Auslese der Brauchbaren nicht immer sehr gering? Steht und fällt nicht jedes Werk mit dem einen Hirn, in dem es geboren wird? Und brauchen Sie denn die Menschen? Genügt nicht das Schauspiel von Aufstieg und Sturz, das sie Ihnen bieten? Ist denn der große Lebensteppich zerfetzt oder verbrannt? Sind seine Farben verblaßt? Ist er minder bunt gewirkt als vor zehn, vor hundert, vor tausend Jahren?«
Der Unbekannte schien in einiger Erregung. Der Ton seiner Fragen war dringlich; er hatte die Hände ausgestreckt und sich noch weiter vorgebeugt. »Es scheint mir nicht. Sehen Sie doch hin. Die Paare treten zum Tanz an, der Wein wird ausgeschenkt, die Musik spielt. Es ist ein Haus mit vielen Stockwerken; in dem einen ist Fröhlichkeit, im andern Traurigkeit. Es ist eine Zauberhöhle mit schimmerndem Gestein. Man braucht nicht einmal Aladdins Wunderlampe; die dienenden Geister gehorchen dem, der den Weg gefunden hat. Wozu Gericht? Wozu Verdammung? Nicht einmal urteilen darf man. Zerstörte Geister und Seelen, was heißt das? Ist das eigene Auge und die eigene Seele unzerstört, so ist die Welt unzerstört. Gäbe es eine Hölle wirklich und wären alle ihre Verdammten losgelassen, um aus purer Raserei die Welt zu vernichten, und es fände sich nur ein einziger unter ihnen, der beim Ruf der Erlösung sehnsüchtig stutzt, so würde es sich verlohnen, sie von neuem aufzubauen. Das ist meine Ansicht. Schlagen Sie die Augen empor! Fassen Sie doch, wie ein Kind es tut, das Ungeheure, das Süße, das Schmerzliche, das Blühende, den ungeheuren, überflutenden Reichtum. Freilich ist eines not, wie es auch geschrieben steht. Es steht geschrieben: Von der Neigung zu geliebten Personen mußt du so frei sein, daß du, soviel dich anbelangt, ohne alle menschliche Verbindung zu sein wünschest; umso näher kommt der Mensch Gott, je weiter er sich von allem irdischen Trost entfernt. Aber das ist eine harte Aufgabe. Geöffnet sein und im ehernen Panzer; leicht sein und schwer beladen; den Baum hegen, der die seltenen Früchte trägt, und sie nicht für sich pflücken dürfen. Trotzdem ist es köstlich, zu wandeln und die Luft der Erde zu atmen, wenn man die Botschaft versteht, die einem geworden ist.«
* * * * *
Mörner wollte die Hand des Unbekannten ergreifen, doch der Stuhl, auf dem er gesessen, war leer. Seine Brust hob sich mit einer Sturmwelle, er wußte nicht, ob in freudigem, ob in wehem Gefühl. Fragen quollen ihm auf die Lippen, die er an sich selbst richtete, aus einer Morgendämmerung des Herzens heraus: wo gräbst du? wo wächst du? wo wirkst du? wo ist dein Feld? wo ist dein Weg? Aber ehe er sie bedenken konnte, waren sie von einer geisterhaft-entfernten Stimme beantwortet, und er glaubte einen Arm zu gewahren, der ihm eine goldhäutige, strahlende Frucht zeigte. Der Tag rauschte über das Firmament, und er begrüßte ihn. Er war an der Wende angelangt, wo der Ausgleich ist zwischen Finsterem und Hellem, über welchen der Bogen sich wölbt, an den die Sternbilder geheftet sind, Inbegriff allen Schicksals.
Adam Urbas
Unter den Aufzeichnungen des kürzlich verstorbenen Reichsgerichtspräsidenten Diesterweg, eines scharfsinnigen und geistreichen Kriminalisten vom Schlage des großen Anselm Feuerbach, befand sich auch die folgende.
An einem Oktoberabend, zu später Stunde, kam der Bauer Adam Urbas aus Aha, einem Dorf des südlichen Frankens zwischen Altmühl und Hahnenkamm, auf die Gendarmeriestation in Gunzenhausen und erstattete die Anzeige, daß er an eben diesem Tag seinem achtzehnjährigen Sohn Simon den Hals abgeschnitten habe. Er liege tot in der Kammer zu Hause. Das Messer, mit dem er die Tat verübt, trug er bei sich und überreichte es. Es war noch blutig.
Die Selbstbezichtigung, in ruhigem Ton und mit äußerst knappen Worten vorgebracht, wurde protokolliert. Auf alle weiteren Fragen des Kommissärs verweigerte er die Antwort. Der Lokalaugenschein, der noch in derselben Nacht vorgenommen wurde, bestätigte seine Angaben. Man traf ein vor Entsetzen und Jammer halbwahnsinniges Weib und bestürzte Knechte und Mägde.
Adam Urbas wurde ins Gefängnis nach Ansbach gebracht.
Als ziemlich junger Richter war ich einige Wochen zuvor in diese Kreishauptstadt versetzt worden, und meinem lebhaften Ehrgeiz war es willkommen, daß man mich mit der Voruntersuchung betraute.
Der Fall schien von Anfang sonnenklar. Ein anscheinend beschränkter und in allen Vorurteilen seiner Kaste befangener Bauer hatte seinen entarteten Sprößling, von dem er nur Schande und Unheil erfahren hatte, kurzerhand aus dem Weg geräumt, sowohl um ein Strafgericht zu vollziehen, als auch um noch größerem Übel, das im Entstehen war, vorzubeugen.
Nach den übereinstimmenden Aussagen der Zeugen war der junge Urbas ein völlig verlottertes Individuum gewesen, arbeitsscheuer Herumtreiber, ständiger Gast in allen Wirtshäusern und auf allen Jahrmärkten der Gegend. Für seinen müßiggängerischen und anstößigen Wandel hatte er viel Geld gebraucht, und was ihm die gefügige Mutter, die er einzuschüchtern verstand, nicht gab oder geben konnte, hatte er sich auf andere Weise zu verschaffen gewußt. So hatte er im August beim Getreidehändler Kohn in Weißenburg auf eigene Faust achthundert Mark für gelieferte Gerste abgeholt und das Geld unterschlagen und verpraßt. In Nördlingen hatte er sich mit einem verrufenen Frauenzimmer eingelassen, das von ihm schwanger zu sein behauptete; eines Tages hatte er die Person an einen entlegenen Ort gelockt und zu erwürgen versucht. Durch ihr Geschrei waren zufällig vorbeikommende Leute alarmiert worden, und so war sie ihm entronnen. Über diese Angelegenheit war die Untersuchung noch im Gange, als Adam Urbas den gerichtlichen Maßnahmen zuvorkam.
Auch aus der Knabenzeit Simons wurden Züge und Begebenheiten berichtet, die seinen Charakter in das übelste Licht rückten. Nichts entstammte dem Übermut, was er verübte, es war immer voller Tücke und Abgefeimtheit. So hatte sich z. B. die Großmagd sechs neue Leinenhemden in der Stadt gekauft; freudig zeigte sie die Erwerbung dem übrigen Gesinde und der Bäuerin; es wurde zur Vesper gerufen, und sie legte die blütenweiße Wäsche auf den Tisch in der Tenne. Als sie zurückkam, waren die Hemden mit Wagenschmiere derart besudelt, daß keines mehr brauchbar war. Daß Simon die Büberei begangen, bezweifelte niemand, aber bewiesen werden konnte es nicht, so wenig wie die Sache mit dem Fuhrmann Scharf. Der hatte seinen mit Mehlsäcken beladenen Wagen vor dem Krug halten lassen; als er weiterfahren wollte, rann das Mehl in weichen Bächen auf die Straße; zehn oder zwölf Säcke waren heimlich aufgeschnitten worden. Das ist der Simon Urbas gewesen und kein anderer, hieß es; bewiesen werden konnte es nicht.
Zur Heuchelei und Hinterlist gesellten sich später Frechheit und Gewalttätigkeit, und alle Gutmeinenden waren darüber einig, daß da ein Menschenunkraut emporwuchs, so hoch, daß keine Schere mehr hinanreichte, es zu stutzen und kein Spaten stark genug war, es auszujäten. Ich hätte auf die Fülle des gebotenen Materials verzichten können. Da war kein Problem, keine Verworrenheit, keine Tiefe; alles war eindeutig, platt und roh, zumindest, was den Ermordeten betraf.
Der letzte Akt des dörflichen Schauerdramas hatte sich am Gunzenhauser Kirchweihsonntag abgespielt. Zwei Bauern aus Windsbach hatten sich im Wirtshaus zu Aha darüber unterhalten, daß gegen Simon Urbas ein Verhaftsbefehl erlassen worden sei. Adam Urbas saß unbemerkt von ihnen am Nebentisch. Die anderen Gäste und der Wirt schielten ängstlich nach ihm hin, denn aus der Art, wie er das Glas absetzte und vom Stuhl aufstand, war zu schließen, daß er von der Nördlinger Geschichte noch nichts wußte. Die Schandtaten Simons wurden ihm nämlich so lang wie möglich verhehlt. Es war seine außerordentliche Schweigsamkeit, seine achtunggebietende Haltung und nicht zuletzt seine große Beliebtheit in der Gemeinde und in der ganzen Gegend, die einen schonenden Wall um ihn errichteten. Durch all die Jahre hatte auch die Bäuerin die schlimmsten Nachrichten aufzufangen und in ihrer Wirkung auf Urbas zu mildern gewußt. Aber wenn man annahm, daß er deshalb in Unwissenheit oder nur in halber, in freiwilliger Unwissenheit lebte, so täuschte man sich. Er verstand es eben, seine Umgebung über das, was er sah und in ihm vorging, im Zweifel zu lassen.
Die Bäuerin hatte das drohende Unglück beim Buttern von einer schwatzhaften Magd erfahren. Als Urbas nach Hause kam, stellte sie sich ans Fenster, um ihm nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Da ging, es war schon gegen Abend, der Ziegelarbeiter Franz Schieferer am Haus vorbei und rief ihr zu, der Simon sei drüben in Gunzenhausen im Hirschen; er traktierte die Manns- und Weibsleute und werfe mit Geld herum, daß es nur so klappre; aber, fügte er lachend hinzu, denn er war stark angeheitert, man werde den Vogel bald auf Numero Sicher haben, die Gendarmen seien schon unterwegs. Dem war freilich nicht so, wie sich später erwies; auch das mit dem Verhaftsbefehl war vorläufig leeres Gerücht.
Das ganze Gesinde war zur Kirchweih gegangen. Die Bäuerin ließ sich auf die Wandbank nieder; Urbas wanderte mit schweren Schritten in der Stube auf und ab. Da hörte man von der Straße herein schlürfendes Gehen, dann wurde an der Haustürklinke gerüttelt. Fäuste polterten wider das massive Holz, dazu erschallten Flüche. Die Bäuerin sprang auf und wollte hinaus; Urbas hob den Zeigefinger, nichts weiter; sie verharrte auf der Stelle. Nun zeigte sich Simons Gesicht am Fenster, von Trunkenheit gerötet, mit Augen voller Bosheit. Die Bäuerin schrie auf und winkte ihm zu, er solle weggehen. Er verschwand wieder, eine Weile blieb es ruhig, dann war auf der Tenne Lärm. Er war durch die Tür auf der Hofseite ins Haus gelangt. Im Dunkeln stieß er gegen das Gerät; man vernahm einen Sturz; die Bäuerin riß die Stubentür auf und im hinauslohenden Lampenschein gewahrte sie, wie sich der betrunkene Mensch mühsam vom Boden aufrichtete. Die Arme gegen die beiden in der Stube reckend, drang eine gräulich lästernde Rede aus seinem Mund; vielleicht war dieser Augenblick entscheidend für Urbas. Die Bäuerin sagte aus, daß sie ihn vom Kopf bis zu den Füßen habe zittern sehen. Simon hatte sich indessen zu seiner Kammer getastet; er schlug dröhnend die Tür hinter sich zu, dann war es wieder still. Urbas schaute in die finstere Tenne hinaus, die Bäuerin stand hinter ihm, das Gesicht in die Schürze gepreßt. Das dauerte so an fünf Minuten. Hierauf verließ Urbas die Stube und ging hinüber in die Kammer. Die Bäuerin versicherte, daß sie geahnt und gespürt habe, was kommen würde, daß ihr aber die Glieder wie gefroren gewesen seien und sie während der ganzen Zeit ihrer Sinne nicht mächtig war. Ob Simon so berauscht gewesen, daß er gleich, nachdem er sich auf die Bettstatt geworfen, in Schlaf verfiel, oder ob sie noch miteinander geredet, Vater und Sohn, ließ sich deshalb nicht ermitteln. Einmal sagte sie, es sei alles still geblieben, dann wieder, sie hätten miteinander geredet, und zwar ziemlich lange; die beiden Türen waren aber geschlossen gewesen, und da sie nach ihrer Behauptung im Ofenwinkel gesessen war, konnte, wie durch mehrmaligen Versuch erwiesen wurde, der Schall von bloßem Sprechen unmöglich zu ihr gedrungen sein. Auch ihre Angaben, wie lange Urbas in der Kammer geweilt, waren auffallend unsicher; bald sagte sie, es könne nur eine Viertelstunde, bald, es müßte mehr als eine Stunde gewesen sein. Das Mordmesser hatte nicht Urbas gehört, sondern dem Sohn; ob es dieser bei sich getragen oder ob es in der Kammer gelegen, war ebenfalls nicht zu ermitteln. Hierüber verweigerte Urbas jede Auskunft, und so wichtig der Umstand war, er konnte vorerst nicht ins Klare gebracht werden.
Ich gestehe, daß mir alle diese Vorgänge trotz ihrer Unheimlichkeit zunächst wenig Interesse einflößten. Sie waren als Begleiterscheinung eines solchen Verbrechens typisch. Der Vater ein unbeugsamer Starrkopf, beleidigt in seinem bäuerlichen Ehrgefühl, in echt bäuerlichem Dünkel keine Instanz über sich anerkennend, der Sohn ein Lump, dessen vorzeitiges und gewaltsames Ende man kaum recht bedauern konnte; die Mutter haltlos zwischen beiden schwankend; es war die übliche Konstellation, und die Gerechtigkeit konnte ihren Lauf nehmen, ohne daß sie auf hemmende Dunkelheiten stieß.
Nach und nach aber, bei genauem Einblick in die Vergangenheit und die Art des Adam Urbas, wurde meine Aufmerksamkeit nachhaltiger gefesselt. Es war als gingest du an einer Mauer entlang, die aussieht wie alle andern Mauern in der Welt; plötzlich gewahrst du, erst kaum bemerkbar, dann immer deutlicher, gewisse Zeichen und Runen, die zu prüfen ein Etwas dich zwingt; du kommst nicht mehr los, du beginnst Gruppe um Gruppe zu entziffern, und schließlich wird dir eine unerwartete Mitteilung über das verschlossene Gebiet, das hinter dieser Mauer liegt.
Die Urbassche Ehe war dreizehn Jahre kinderlos gewesen. Die Frau hatte es als unabwendbares Schicksal getragen, der Mann aber hatte sich aufgelehnt gegen den Spruch der Natur. Er war der Letzte eines uralten Bauerngeschlechts; in fränkischen Chroniken des vierzehnten Jahrhunderts schon werden die Urbas genannt. Ihn dünkte es wie Schmach, daß er keinen Leibeserben haben sollte. Wozu war das Schaffen und Sparen, Säen und Ernten? Wozu das Haus mit den gefüllten Truhen, das Vieh im Stall, das Getreide in der Scheune, wozu Acker und Wiese, Mühle, Fluß und Wald?
Er äußerte sich nicht; gegen sein Weib nicht, gegen andere Menschen nicht. Er verzog keine Miene, wenn die andeutende Rede darauf fiel. Kein hartes Wort das Jahr über, keine Erkundigung.
Aber einmal im Monat geschah es, daß er den Blick auf der Frau ruhen ließ. Es ging höhere Gewalt aus von dem Blick. Er wurde dabei nicht von einer bestimmten Absicht gelenkt; es gewann Macht über ihn und brach hervor. Auf dem Feld konnte es sein: er hörte auf, die Garbe zu binden und schaute sie an; beim Abendessen: er ließ den Löffel in die Schüssel fallen und schaute sie an; in der Nacht: die Bäuerin erwachte, er lag da, auf den Arm gestützt und schaute sie an. Auf dem Platz vor der Kirche: sie stand im Gespräch mit andern Weibern, plötzlich verstummte sie, denn er stand drei Schritte vor ihr und schaute sie an. Ohne Zorn, ohne Drohung, ohne Vorwurf, nur prüfend, aus umbuschten Augen still und lang.
Einmal im Monat geschah es und war mit Sicherheit zu erwarten. Anfangs ging es der Bäuerin nicht nah. Sie hielt es für eine Schrulle. Sie gab sich keine Rechenschaft, worauf es abzielte. Sie lachte; sie zwang sich zu einem muntern Wort. Später duckte sie sich, flüchtete mit Sinn und Auge; aber es kamen Stunden und schließlich Tage, wo sie in Grübeleien verfiel und die Frage, die sie an den Bauern nicht zu richten wagte, an seinen geisternden Schatten richtete.
Können Menschen nicht miteinander reden? grübelte sie; wozu hat einer die Zunge im Maul, daß er nicht sagt, was er begehrt? Sie beschloß, den Mann anzuhalten. Doch wenn es so weit war und sie vor ihn hintrat, entfiel ihr der Mut. Verschuldung wuchs, um Aufschluß drängte eine Stimme, Aufschluß kam nicht, sie fühlte sich nicht schuldig, etwas war schuldig, aber das Etwas war in ihr.
Das wechselnde Tun während der lebendigen Jahreszeiten zwang die Tage immer wieder ins gleiche, aber für eine immer kürzer werdende Spanne. Die Angst vor des Bauern Blick, der auf sie eindrang, so oft das Blutzeugnis die Schuld vergrößerte, lähmte die Gedanken. Vom November bis zum Februar rückten die Steine und Balken des Hauses gefährlich aneinander, in den Stuben war schwerere Luft, der Himmel klebte an den Fensterscheiben, der Abend war ein nasser Sack um den Leib, das Linnen schleifte bleich über die Diele, die Kühe lagen in rosigem Dampf, und durch die Schneeschlucht heran zum Stall schwankte durch Irisringe breitgängig, die Laterne in der Hand, die hochschwangere Magd.
Alles war Leib, alles war Angst. Achtundzwanzig Tage und Nächte waren ohne Einschnitt; Urbas saß am Ofen, die Pfeife zwischen den Zähnen; ging ins Wirtshaus und kehrte am Abend zurück; saß wieder am Ofen und studierte die Zeitung; erhob sich, wenn der Topf mit Kraut und Klößen hereingetragen wurde; sprach das Gebet; hörte still zu, wenn die andern redeten, und nichts Heimliches war in seinen Mienen, kein Groll, der sich sammelte, nur Schweigen.
Dann aber kam die Stunde. Die Bäuerin spürte es schon in jeder Ader; die Haare fingen an zu knistern. Eine Tür ging auf, und er stand da; am Morgen, am späten Abend; war es nicht in der Stube, so war es in der Tenne; stand da mit dem unerforschlichen Blick. Kein Räuspern, kein Aufzucken, kein Wort, nur der Blick: warum nicht? warum alle und du nicht? warum liegt dein Acker brach?
Zwölf Jahre waren so verflossen, da hatte die Kraft der Frau ein Ende. Ihr Gemüt umdüsterte sich. In den Nächten wälzte sie sich schlaflos. Durch die Finsternis brannten die Augen des Bauern, auch wenn er schlief. Hörte sie bei Tag seinen Schritt, so verkroch sie sich in einen Winkel der Scheune und kauerte zitternd, bis von allen Seiten das Rufen nach ihr erschallte. Die Zügel der Wirtschaft waren gelockert, das Gesinde wurde lässiger.
Sie versagte sich ihm. Ihr graute vor seiner Umarmung. Ergab sie sich nicht, so hatte er nichts zu fordern, schien es ihr in der Verdunkelung ihrer Sinne. Sie wurde kalt an Haut und Blut; das Weib in ihr erstarrte. Da aber fing Urbas an, um sie zu werben. Es war wie nie zuvor. Sie hatte es nie kennen gelernt. Nicht mit Worten warb er, vielmehr in einem scheuen Dienst. Es lag oft etwas Beklommenes darin, als habe sie sich versteckt, und er müsse sie finden; als suche er und könne sie nicht finden. Er glich einem Tier, das leidet. Ein Jahr lang oder noch länger währte dies, und in der Zeit verlor sich die Angst der Bäuerin, denn sie merkte, daß sie nicht bloß eine an ihn hingeworfene Kreatur in seinen Augen war, der man zu fressen gibt und die man karessiert, wenn sie geschuftet hat, und einen Fußtritt verabreicht, wenn sie nicht leistet, was man von ihr verlangt, sondern daß sie noch was anderes für ihn bedeutete, der Ehrung und der Befragung Würdiges. Sie wandte sich ihm mit bereitwilligerem Herzen wieder zu; einen Monat darauf wurde sie schwanger.
Als dies keinem Zweifel mehr unterlag, verwandelte sich ihr Wesen vollends. Mit jungen Schritten eilte sie durchs Haus, trieb die Säumigen heiter zur Arbeit, legte selbst überall Hand an, gesprächig, hell, aufgeblättert. Staunen war um sie. Auch Urbas wunderte sich. Sie mochte ihm, was bevorstand, nicht geradezu ankündigen; sie wünschte eine Form, in der es festlich und wie ein Geschenk wirken sollte. Am Gründonnerstag legte sie das Staatskleid an, dazu die langen schwarzen Kopfschleifen mit den silbernen Spangen, dann rief sie Urbas in die obere Stube, wo die Glasschränke standen mit dem alten Silber und Porzellan, Jahrhunderterbe. Gewichtig setzte sie sich in den Lehnstuhl, faltete die Hände über dem Leib und sagte, was zu sagen war, kurz und simpel.
Durch Urbas mächtigen Körper ging ein Ruck. Als sie von dieser Stunde sprach, neunzehn Jahre später sich dieses Geständnisses entsann und wie Urbas sich dabei verhalten, war ihr noch immer die Erschütterung anzumerken, die sie damals gespürt. Sein erdbraunes Gesicht wurde rot wie Mohn. Er stieß eine dröhnende Lache aus. Darnach rann ihm die Nässe aus den Augen. Er trat auf sie zu und schlug sie so derb auf die Schulter, daß sie schrie. Bestürzt, sie könne nicht als Liebkosung nehmen, was so gemeint war, tätschelte er ihr den Rücken, zärtlich, andächtig und ließ dazu ein melodisches Gebrumm in der Kehle orgeln.
Auf sein strenges Geheiß mußte sie sich pflegen. Er ging heimlich zum Doktor und bat um Weisungen. Damit die zwei Arme nicht fehlten, heuerte er noch eine Magd. Er überwachte sie; er räumte ihr aus dem Weg, was sie beim Schreiten hinderte. Als die Kinderwäsche genäht wurde, saß er bisweilen mit runden Augen daneben und wiegte den schweren Schädel.
Alles verlief der Natur gemäß, auch die Stunde am Ausgang der neun Monate. Lange hielt Urbas das Neugeborene in der Hand, lange betrachtete er das trübselig-ungestalte Ding. Auf seiner Stirn wetterte es freudig und sorgenvoll.
Simon wuchs auf wie alle andern Bauernkinder; es wurde ihm nichts leichter gemacht. Keine Kenntnis durfte ihm davon werden, wie lang man auf ihn gewartet hatte und mit welcher Ungeduld. Was er seinen Leuten wert war, mußte sich aus seiner Brauchbarkeit ergeben. Frühe Launen zerschellten an der festgefügten Ordnung; frühe Krankheiten waren die Probe, die zu bestehen war: taugst du oder taugst du nicht? Allerdings, wer scharf zusah, konnte dann an Urbas eine unruhige Gespanntheit wahrnehmen, als behorche er den innersten Blutgang im Leib des Knaben.
Das Behorchen blieb in seinen Zügen. Es grub sich faltenmäßig ein. Schien es, wie wenn er nicht beachte, was Simon tat und sprach, so war es falscher Schein. Niemand in seiner Umgebung konnte ermessen, mit welcher Genauigkeit er in diesem Punkte sah. Ich erfuhr es. Ich erfuhr es in einer Weise, die weder zu vergessen, noch eigentlich mitteilbar ist. Es wären dazu andere Behelfe nötig, als sie mir zur Verfügung stehen.
Eine fast erhabene Vorstellung von dem Verhältnis zwischen Vater und Sohn war mit seinem Wesen verschmolzen. Er fühlte sich als Bauer, d. h. er fühlte sich als König. Die Erde war seine Erde. Der Knecht war sein Knecht. Wetter wurde für ihn gemacht, und für den Acker, und für die Ernte. Er war Herr über das Land; sein Auge grenzte es ab bis zu dem Stein, der von altersher unverrückt stand; kein Halm, der nicht in seinem Namen aufschoß. Eigentum war das Heiligste von allem, und Eigentum war des Herrn bedürftig, daß er es wachsam und unerbittlich verwalte, bis auf den Pfennig, bis auf das Saatkorn. Der Sohn übernahm es vom Vater, der Vater gab es dem Sohn, durch alle Zeiten hindurch; so war die Ordnung der Dinge, anders war die Welt nicht zu verstehn.
Aber das heißt vorgreifen, und ich will den Faden behalten.
Die förmlichen Verhöre, die ich mit Urbas vorzunehmen verpflichtet war, führten zu keinem nennenswerten Ergebnis. Die Antworten waren immer dieselben, und sie jedesmal wiederholen zu sollen, schien ihm verwunderlich und lästig zu sein. Er beschränkte sich auf die Tatsache; erklären wollte er nichts. Sich zu verteidigen verschmähte er, auch von einem Rechtsbeistand wollte er nichts wissen, und meinen Belehrungen und Ratschlägen setzte er eine obstinate Gleichgiltigkeit entgegen. Als ich ihm nahelegte, daß er durch eine freimütige Darstellung der Beweggründe seines Verbrechens eine bedeutende Strafmilderung erzielen könne, antwortete er lakonisch: »Es ist nicht an dem.« Ich entschloß mich, auf die fruchtlosen Inquisitionen zu verzichten, zumal die Zeugenaussagen und alles, was mir über die Person des Ermordeten wie über die des Angeklagten selbst bekannt geworden war, eine lückenlose Motivenkette geschaffen hatten.
Dennoch gab es zwei Momente der Ungewißheit, die aufzuhellen noch nicht gelungen war. Das eine war das Gutachten des Gerichtsarztes über den Leichenbefund am Tatort. Die Lage des Körpers zeigte nämlich nicht das geringste Merkmal von verübter Gewalt, weder an der Art wie die Gliederstarre eingetreten war, noch an den Kleidern, noch am Gesichtsausdruck. Wäre nicht die Selbstbeschuldigung des Bauern gewesen, so hätte sich der Beweis des Mordes schwer erbringen lassen. Das zweite knüpfte sich an das unbestrittene Faktum, daß das Messer dem Simon Urbas gehört hatte. Der Bauer behauptete, es sei im Hosengürtel Simons gesteckt, und er habe es einfach herausgezogen; auch zu dieser Angabe verstand er sich erst nach häufigem, ernstlichem Drängen. Sie trug das Gepräge der Unwahrscheinlichkeit an sich, und am nächsten Tag widerrief er sie auch und sagte, das Messer sei aufgeklappt auf dem Tisch gelegen; Simon habe in der Frühe noch Brot damit geschnitten. Als ich ihm mein Erstaunen über diese Veränderung einer wichtigen Aussage nicht verhehlte, blickte er scheu zu Boden. Es war das einzige Mal, daß ich etwas wie Verwirrung an ihm zu beobachten glaubte.
Den beharrlich schweigenden Mund zum Reden zu bringen, wurde zwangvoller Trieb für mich. Fast ununterbrochen waren meine Gedanken mit dem Menschen beschäftigt; die Deutlichkeit der Erscheinung, die Hartnäckigkeit, mit der sie mich verfolgte, beunruhigte und quälte mich. Immer wieder rief mir eine Stimme zu: der Mann ist kein Mörder; das ist der Mann nicht, der hingeht und einem andern den Hals abschneidet wie man ein Huhn schlachtet; dem eigenen Sohn mit Abscheu erregender Brutalität zum Henker wird. Doch hatte er es ja gestanden. Was war vorgegangen? Auf die Frage nach der Dauer seines Aufenthalts in der Kammer hatte er stets geschwiegen oder höchstens die Achseln gezuckt; erst beim letzten Verhör waren ihm, beinahe wider Willen, die Worte entschlüpft, er schätze, es könne eine halbe Stunde gewesen sein. Was war in dieser halben Stunde vorgegangen? Er gewahrte mein Nachdenken, und sein Gesicht verfinsterte sich.
Ich sah, den eigentümlichen Zustand meiner Unruhe und Ungeduld zu beenden, keinen andern Weg, als den Bezirk der Beruflichkeit zu verlassen und ihm gegenüberzutreten, Mensch gegen Mensch. Ein gewisses Vertrauen glaubte ich mir bei ihm erworben zu haben; so oft ich mich bemüht gezeigt hatte, Heikles zart zu behandeln, glaubte ich eine dankbare Regung in ihm verspürt zu haben. Zögern machte mich nur noch die Erwägung, ob sich nicht der angeborene Argwohn gegen den Zudringling aus der fremden Sphäre wenden würde, ob es nicht an den Mitteln zu natürlicher Verständigung von vornherein mangle. Aber darüber halfen mir Bild und Gestalt hinweg; Adam Urbas war ja kein Bauer gewöhnlicher Sorte; er gehörte zu unserer Bauern-Aristokratie, seine bloße Haltung zeugte von Scharfsinn und Noblesse, und so hoffte ich, daß ich den Weg zu ihm nicht vergeblich bahnte. Ich überlegte nicht länger; eines Abends im Dezember war es, als ich in das Gefängnisgebäude ging und mir die Zelle aufsperren ließ, in der sich Urbas befand.
Ich hatte ihm Vergünstigungen für die Haft erwirkt. Es war ein wohnlicher Raum, anständig möbliert mit Waschtisch, Bett und Spiegel, behaglich warm. Er saß bei der Lampe und hatte die Bibel vor sich aufgeschlagen. Ich grüßte, zog den Mantel aus, hing ihn an den Türhaken und setzte mich Urbas gegenüber an den Tisch.
Sein Anblick frappierte mich jedesmal aufs neue; auch jetzt. Er war massig wie ein Stier. Sein Kopf hatte die Rundheit der eingeborenen fränkischen Brachycephalen, doch wies der Schädel, besonders die Bildung an den Schläfen, Merkmale alter Zucht auf; die Knochen waren dort auffallend dünn, die Haut bläulichgelb und fast durchscheinend. Der Mund war weitgeschnitten, mit festverpreßten schmalen Lippen, die Nase gebogen, mit starkem Sattel; das Gesicht, an das eines alten Schauspielers erinnernd, war sorgfältig rasiert, die Hände waren die eines Riesen. Die träglidrigen Augen öffneten sich selten; dann aber hatte der Blick eine überraschende Durchdringungskraft, so daß es auch mir nicht leicht war, ihn auszuhalten.
Um das Gespräch einzuleiten, sagte ich, ich hätte schon lange das Bedürfnis empfunden, ihn aufzusuchen. Ich käme aber nicht in meiner Amtseigenschaft, sondern, wenn er wolle, als Freund, dem ein Besuch zufällig erlaubt sei. Im Grunde sei er mein Schutzbefohlener, und ich trüge die Verantwortung für sein Wohlergehen.
Er blickte mich schweigend an. Nach geraumer Weile sagte er: »Sehr gütig von Ihnen.«
Ich wehrte ab. »So möchte ich es nicht aufgefaßt haben,« sagte ich ungefähr; »ich wünschte, Sie sollen mir jetzt nicht mißtrauen. Dem Richter mißtraut man, unwillkürlich. Sie denken sich: Kommt er nicht als Beamter, um seine Akten vollzuschreiben, so kommt er doch als Neugieriger, um zu schnüffeln. Weder das eine, noch das andere ist meine Absicht. Die Akten sind so gut wie geschlossen; wir stehen vor der Verhandlung. Zur Neugier ist für mich wenig Anlaß; es ist mir ja alles bekannt, will mir scheinen. Warum ich gekommen bin, weiß ich selbst nicht genau. Ich mußte. Es war wie Pflicht.«
Wieder antwortete Urbas lange nicht. Endlich sagte er: »Ich glaube Ihnen.«
Ich griff das Wort auf. »Wenn Sie mir glauben,« erwiderte ich, »dann können wir uns ja über das Geschehene wie zwei gute Bekannte in Ruhe unterhalten.«
Urbas dachte nach. Hierauf sagte er: »Wozu soll ich denn reden? Schlimm genug, daß es hat geschehen müssen.«
»Das ist eben die Frage,« warf ich ein; »hat es geschehen müssen? müssen?«
Er hob den Kopf, aber die Lider blieben gesenkt. »Daran zu zweifeln, wäre die pure Vermessenheit,« sagte er.
»Es gibt nicht nur einen Zweifel,« beharrte ich, »sondern die menschliche Gesellschaft verwirft Ihre Tat und verabscheut sie. Wollte jeder in einem solchen Fall nach eigenem Gutdünken entscheiden, so wäre des Schreckens kein Ende, so lebten wir wie unter reißenden Bestien. Wie Sie sich vor sich selbst und Ihrem höchsten Richter verantworten werden, weiß ich nicht. Uns Menschen sind Sie die Verantwortung noch schuldig.«
Urbas schüttelte den Kopf. »Was kann das Reden hinzutun oder wegtun?« murmelte er gleichgiltig.
»Zwischen Ihnen und uns muß reiner Tisch werden,« sagte ich; »so lange Sie sich trotzig verschließen, bleibt alles ein wüster Graus.«
»Wenn einer aber nicht die Worte hat?«
»Hat er sie nicht oder verweigert er sie nur aus Hoffart und aus Trotz?« entgegnete ich; »prüfen Sie sich.«
Er sagte: »Die Zunge ist schwer; ich bins nicht gewohnt.«
Seine Stirn furchte sich. Ich sah, daß ich nicht weiter in ihn dringen durfte. Ich wartete. Endlich murrte es aus seiner Brust: »Ich hab ihn gemacht.« Sein Blick bohrte nach unten. »Wenn ich ihn gemacht habe, darf ich ihn dann nicht auch vertilgen?« fragte er mit einem seltsamen, listigbösen Ausdruck. »Das mögt Ihr Leute bestreiten, soviel Ihr wollt: den einer gemacht hat, den darf er auch wieder vertilgen, wenns nur zum Unheil war, daß er kam. Ich hab ihn mir geholt; herausgegraben aus seiner Mutter Schoß. Andere Weiber tragen die Frucht neun Monate. Von der kann man sagen, sie hat sie dreizehn Jahre getragen. Ich hab ihn von ihr verlangt; ich hab ihn vom Herrgott verlangt. Ich hab ihn mir zurechtgerichtet, bevor er noch da war. So und so, dacht ich, wirst du mir werden. Wie ein Stück Lehm, das einer aus dem Erdreich schneidet und bastelt daran und knetet es nach seinem Sinn. Auf einmal hat er nichts als eitel Dreck in der Hand. Da schmeißt ers wieder hin, von wo ers hergenommen hat.«
Der listigböse Zug verstärkte sich. Er musterte mich durch einen Spalt zwischen den Lidern. »Daß es zum Unheil war, hat sich erst nach und nach erwiesen,« sagte ich.
Er unterbrach mich mit einer herrischen Gebärde. »Von Anbeginn mißraten. Mißratenes Blut; ich hab es mit meiner Nase gerochen. Andere, von schlechterer Herkunft, wachsen auf, ohne daß man ihrer viel achtet und mißraten doch nicht. Biegen sie sich am Anfang krumm, so biegt sie die Zeit wieder grade. Bei ihm wurde das Krumme immer krummer. Da sah ich, es wird großes Leid entstehn. Und so wars. Jeder Tag ein Sandkorn davon, zuletzt ein Berg. Da bin ich gestanden und habe mich gefragt: was will das werden? Hat mans an einer Stelle fortgeschaufelt, wars an der andern doppelt so hoch; hat mans angegriffen, ists zwischen den Fingern zerronnen. Es war keine Hilfe.«
»Aber können nicht auch schadhafte Keime durch eine sorgfältige Pflege zum Gedeihen geführt werden?« hielt ich ihm entgegen. »Haben Sie sein Gewissen zu wecken versucht? Haben Sie ihn in ernstliche Zucht genommen?«
Urbas hob zum erstenmal die schweren Lider, und in seinen Augen war etwas Verstörtes. »Herr,« erwiderte er jäh, »das Element kann einer nicht bewältigen. Schaffts das Auge nicht, so schaffts auch das Maul nicht, hab ich mir gesagt. Schaffts das Beispiel nicht, so schaffts auch der Prügel nicht. In dem Punkt, den Sie meinen, hat die Bäuerin ihre Schuldigkeit getan. Eine Weibsperson versteht das besser. Wenn er nicht hat spüren können, daß meine Stimme auch dabei war, was war dann an ihm nutze? Wenn er nicht hat hören können, was ich ihn ohne mein Reden habe vernehmen lassen, wär auch des Propheten Wort nur leerer Schall für ihn gewesen. So hab ich mir gesagt. Ich bin vorangegangen, er hätte nachgehen können; ich bin ihm nachgegangen, er hätte sich umdrehn können. Er hat mich nicht gesehen, er hat mich nicht gehört. Mich widerts, daß ich einen Menschen soll packen und ihm ins Ohr schreien: Mensch, sei ordentlich. Was soll das frommen, wenns ihm nicht in der Art liegt? Verzieht einer seine Fratze zum Hohn, während andere beten, so ist er eine verlorene Kreatur. Zucht schlägt an, wo nicht an der Wurzel der Wurm schon nagt.«
»Wußten Sie denn das ganz genau?« fragte ich, und wie ich vermute, nicht ohne Schüchternheit, denn seine Worte, seine Stimme hatten finstere Wucht, »waren Sie denn von Ihrer eigenen Unfehlbarkeit so fest überzeugt?«
Er streckte den Arm über den Tisch und antwortete schweratmend: »Wenn mein Fleisch und Blut wider mich aufsteht, so kann ich nicht mit ihm rechten wie mit einem Händler, der mich betrügt. Wenn der Same, den ich ausgestreut, mir als Schlangenbrut entgegenzüngelt, so kann ich nicht wie ein Schulmeister mit dem Bakel dreinfahren. Das hat kein Verhältnis, das hat keine Menschenwürde. Wenn einer Böses wirkt und Aberböses, auf den man die Zukunft gebaut, unabänderlich Böses, bis Haus und Hof im Schlamm ersticken, was soll man da tun? Soll man ihm die Knochen anders renken, ein anderes Hirn und Herz einblasen?«
Sein Gesicht, in seiner ganzen Mächtigkeit, bebte und flammte. Derselbe Mann, der sich so lange, ein Lebensalter vielleicht, der mitteilenden Rede enthalten, riß vor meinen Augen sein Inneres auf und hatte Worte, Bilder, Töne, die mich verstummen machten und fast mit Angst erfüllten. Doch ich hatte plötzlich den unabweisbaren Eindruck, daß er nur scheinbar mit mir redete, nur scheinbar sich an mich wendete; daß er in Wirklichkeit sich eines abwesenden Bedrängers zu erwehren suchte, der nicht erst seit heute ihm mit Fragen und Vorwürfen zusetzte. Mir wollte es scheinen, als wäre alles, was er gegen mich äußerte, schon als feuriggärender Stoff in ihm angesammelt gewesen und nun quölle es aus ihm heraus, schleudre sich hervor; er konnte es nicht hemmen, und während dies Gewaltige, gewaltig Unterdrückte redete, schien er selbst in Grimm und Qual und noch immer stumm zu lauschen.
Übrigens klang seine Stimme ruhiger, als er mit eckigen Kinnladenbewegungen, den Kopf gesenkt, fortfuhr: »Es könnte wer fragen: wann hast du angefangen, alles zu wissen und wann hast du aufgehört, zu hoffen? So frage er den Aussätzigen: wann hat deine Haut zu schwären angefangen? Er hat es am ersten Tag gewußt, natürlicherweise, aber den Aussatz hat er erst geglaubt, wie es ihn ins Siechenbett gezwungen. Bin gelegen, Nacht für Nacht; hab gesonnen und gesonnen. Hab mich durchforscht, hab ihn durchforscht. Hab dies erwogen, hab jens erwogen. Hab zugesehen und zugesehen, wie der Aussatz um sich gefressen hat. Hab mir den Geist zermartert, wie das Übel zu fassen wäre. Zucht! Zucht kommt immer um den Schritt zu spät, den die Unzucht voraus hat. Das Rohr, mit dem ich seinen Rücken zerbläut, wär mir in der Faust zerbrochen, und die Narben auf dem Fleisch hätten ihn bloß verhärtet. Hätt’ ich ihm Regeln vorsagen sollen? Was für Regeln? welche sind erprobt? Hätt’ ich ihn an Ketten legen sollen wie einen Hund? Alles, was ich an ihm angepackt, war doch mein. Ich der Baum, er der Zweig; ich der Docht, er das Licht; ich das Erdreich, er der Quell. Wie soll denn der Baum zum Zweig reden? es rinnt ja der nämliche Saft durch. Und der Docht zum Licht? er nährt es ja. Und der Boden zum Wasser? es kommt ja aus ihm. Schön; aber woher kommt die Schlechtigkeit? Sie ist da und breitet sich aus wie das Feuer in dürrem Holz; aber woher kommt sie? Und was das für ein unbarmherziges Gestaffel hat: erst die kleine Lüge, dann die große; erst den Pfennig stiebitzt, dann den Taler; erst das Tier malträtiert, dann den Menschen; erst Tagdieberei, dann Ehrabschneiderei; erst ein Hansguckindieluft, dann ein Hurentreiber. Kein Respekt, kein Glauben, keine Redlichkeit, keine Liebe. Woher ist das alles gekommen? Aus mir? Es ist wohl schließlich an dem. Und da hab ich mich gefragt: wo, Urbas, und wann ist dein sterblich Teil oder dein unsterbliches so von der Hölle versengt worden, daß du solchen Stank und Unrat in die Welt gesetzt hast? Ist denn der Mensch nichts als ein geiler Schleim, daß er nur wieder geilen Schleim hervorbringt?«
Er sah mich mit seinem großen Blick an wie ein Lastenschlepper, der unter der schweren Bürde keucht. Es entstand eine Stille. Er wischte sich mit dem Rockärmel die Feuchtigkeit von der Stirn. Ich begriff seine Erschütterung und sie teilte sich mir mit, aber mein in Zwiespalt geratenes Gefühl zieh ihn der Überheblichkeit, und ich konnte mich nicht enthalten, es zu äußern. »Ein solches Maß von Verantwortung sich zuzuschreiben, geht meines Erachtens weit über das hinaus, was einem Menschen verstattet ist,« bemerkte ich; »übernimmt man sich in dem, wozu man sich verpflichtet wähnt, so vergreift man sich auch in seinen Rechten. Sie berufen sich in allen Stücken auf sich allein; als Mann und Vater nur auf sich selbst. Wie steht dann aber die Mutter da, die doch den gleichen Anspruch auf den Sohn hat, den stärkeren sogar? Die wird Ihre Gründe nicht billigen und gewiß nicht die Tat, für die Sie alle Bande der Familie zerreißen mußten.«
»Darüber läßt sich nicht disputieren,« antwortete Urbas hart; »das geht dorthin, wo das Denken aufhört. Ob sie meine Gründe billigt, weiß ich nicht. Sie hat verspielt, und ich hab verspielt. Ist bei ihr der Kummer groß, so ist bei mir die Verdammnis noch größer. Bleibt ihr nichts vom Leben übrig, so ist mirs schon vergällt seit Jahr und Tag. Freilich ist sie mehr zu bedauern. Wars doch als gäb ihr Leib ungern die Frucht her und sträube sich ahndungsvoll gegen meine eitle Torheit und Ungeduld. Man muß nur die Natur recht verstehn, aber man versteht sie mit nichten und wills besser machen und rennt wie ein Bock wider die verriegelte Tür. Es sollte kein Weib ein einziges Kind haben, da steht zuviel drauf. Meine Mutter hatte neun; davon sind allerdings sieben gestorben; meine Ahn sechzehn, und auch von denen sind acht früh mit Tod abgegangen. Solches Sterben hat nichts Bitteres. Von den Körnern bei der Aussaat gehen auch nicht alle auf. Ein einziges Kind soll man nicht haben; damit nimmt man sich zuviel vor, wie beim Lotteriespiel. Da ist kein Ausgleich, da schlägt die Flamme auf einen zurück und wird Qualm. Einer Mutter bangt vielleicht, und ihr Gemüt fällt in Finsternis, wenn ihr Eins und Alles verworfen ist vor Gott und Menschen; aber sie ist drin gefangen für Zeit und Ewigkeit, und träte er mit der aufgehobenen Hacke vor sie hin, sein Leben gälte ihr mehr als ihres. Kein Gut, kein Böse mehr; das Blut schreit lauter. Ich derweil! Vater, hats mich angerufen. Was ist das, Vater? hab ich mich gefragt und hab nach dem Ursinn geforscht. Wär ich zur Magd ins Bett gegangen und hätte mit ihr einen Sohn gezeugt, der hätte mich auch Vater genannt. Wärs dasselbe gewesen? Es wäre nicht dasselbe gewesen. Vielleicht wär der der Geratene, der Ehrfürchtige, der Gewünschte gewesen. Warum nicht ihn gezeugt, warum den Mißratenen? Aber da steht das Gesetz dagegen auf, und das Gesetz ist heilig. Und wär dann das Weib noch mein Weib gewesen? Ich will einmal sagen: der Mann reicht weiter hinauf und hinunter denn das Weib. Ich will auch dieses sagen: der Vater ist tiefer in der Schuld denn die Mutter. Die Mutter sitzt am Rocksaum unseres Herrn, und er mag ihr nichts zuleide tun. Nach dem Vater wird gefragt, er muß Rechenschaft ablegen. Mitteninne steht er in der Geschlechterkette; die obern deuten auf ihn, und die untern deuten auf ihn. Er darf sich nicht gefallen in der Zärtlichkeit und Liebkosung, denn aus den Augen des Sohnes schaut ihn die Gemeinde an, schaut ihn der Kaiser an, schauen ihn die Altvordern an und alle, die nachher sind bis ins vierte und fünfte Glied. Der Sohn ist ihm verliehen als ein Pfand, will ich einmal sagen, daß er es der Welt zurückgeben soll, wenn die Zeit reif ist. Weh dem, der mit leeren Händen kommt und sprechen muß: ich habs verwirkt.«
Er schaute starr in die Luft, erhob sich vom Stuhl und wiederholte laut: »Ich habs verwirkt.« Dann setzte er sich wieder.
Ich wagte nicht die Versunkenheit zu stören, in die er fiel. Auch suchte ich in meinen Gedanken einen Weg, der weiter führte. Von Minute zu Minute war ich meiner Sache sicherer geworden, aber ich hatte Furcht. Eine solche Sicherheit war in mir, daß Vorgänge, die sich bis jetzt auf bloße Vermutungen und Kombinationen gestützt hatten, die Leuchtkraft des Erlebten gewannen, und in einer seherischen Glut fügte sich Bild an Bild. Zweifellos trug hiezu das Fluidum des Menschen bei, der mir gegenübersaß, und daher auch die Furcht. Ich habe trotz einer langen Laufbahn als ausübender Jurist und Richter, oder vielleicht durch sie, die Übertragbarkeit außerordentlicher Seelenzustände zu oft erfahren, um sie hier zu leugnen, wo ich plötzlich eine Fähigkeit zu entfalten vermochte, die ihr entwuchs. Es war etwas Grandioses um den Mann; seines Geheimnisses mich zu bemächtigen, dünkte mich fast unerlaubt; ich zauderte; ich fand das Wort nicht; schließlich aber unterbrach ich das tiefe Schweigen, beugte mich weit über den Tisch und fragte: »Sie sind in die Kammer hinübergegangen, um ein Ende zu machen?«
Er antwortete nicht. Die aufeinander gepreßten Lippen schienen sich der Rede wieder verweigern zu wollen. Doch für mich barst diese hartnäckige Stirn; sie öffnete sich wie ein Buch, und ich konnte in dem Raum dahinter lesen. »Sie waren zweimal in der Kammer,« sagte ich plötzlich aufs Geradewohl, oder vielleicht ist das falsch: aufs Geradewohl, vielleicht geschah es unter der brennenden Eingebung und Vision des Augenblicks; »zweimal; als Sie sie das erste Mal verließen, lebte Simon noch. Als Sie das zweite Mal hineingingen, lag er schon als Leiche auf dem Bett.«
Ich hatte nie gedacht, daß das Gesicht dieses Bauern, das von Natur braun war wie gebeiztes Holz, so weiß werden könne. Das Weiße quoll förmlich aus den Poren heraus und überzog die Haut mit einem Schimmer wie von nassem Kalk. Er stierte mich mit weiten Augen an, seine Backen schlotterten, und mit beiden Händen griff er an den Hals. Nun gab es keine Unschlüssigkeit mehr für mich; ich zwang mich zu angemessener Ruhe und fuhr fort: »Sie sind zu ihm gegangen, um ihm Geld zu bringen. Sie hatten an dem Sonntag kein Geld im Hause und liehen sich unmittelbar nach Tisch zweitausend Mark von Ihrem Nachbarn Stephan Buchner aus. Ist es nicht so? Das Geld sollte dazu dienen, daß sich Simon auf der Stelle davonmachte. Er sollte nach einer Hafenstadt, am selben Abend noch, und von dort nach Amerika. Ist es nicht so? Sie boten ihm das Geld, Sie entwickelten ihm Ihren Plan, und Sie erwarteten, daß er ohne Zögern gehorchen würde. Aber er gehorchte nicht nur nicht, sondern er schlug auch das Geld aus. Sie fragten ihn, da begann er zu sprechen. Zuerst war, was er vorbrachte, wirr und faselnd, denn er war noch benebelt von dem Trinkgelage, dann aber wurde seine Rede klar, Ihnen jedenfalls furchtbar klar. Sie standen vor ihm und schwiegen. Sie nahmen nicht einmal Anstoß daran, daß er auf der Bettstatt liegen blieb und in die Luft hinein sprach; denn Sie fühlten, daß er nicht den Mut gehabt hätte, zu sprechen, wenn er Ihnen ins Gesicht hätte schauen müssen. Sie haben zugehört, nur zugehört, und aus dem Zuhören entstand alles übrige. Verhält es sich so oder nicht?«
Urbas ließ den angstvollen Blick nicht eine Sekunde lang von mir. »Da müssen Sie wohl als ein verzauberter Geist im Hause gewesen sein,« stammelte er verstört.
»Nein,« erwiderte ich; »es sind einfache Schlußfolgerungen aus Tatsachen. Die unscheinbarsten Tatsachen hinterlassen oft die eindringlichsten Spuren. Denken Sie nicht an Zauberei und Blendwerk. Eines Menschen Tun und Treiben wirkt nach allen Richtungen hin mit sonderbarer Gesetzmäßigkeit. Es ist, als schleudre man einen Stein ins Wasser; die Ringe breiten sich aus und vergehen, aber die Bewegung kann noch gemessen werden, auch wo das Auge längst nichts mehr gewahrt. In dem Betracht kann wirklich keiner entrinnen; jeder Schritt nach jeder Seite, was er mit dem Finger faßt und mit dem Atem behaucht, knüpft ihn fester in das Netz. Ich besitze eine Zeugenschaft, der ich anfangs wenig Wert beilegte; im Lauf der Zeit erst begriff ich ihre Wichtigkeit. Es gibt da einen Eichstädter Maler namens Kießling, Freund und Zechkumpan von Simon; ein verbummelter Kerl, eine verkommene Existenz; aber nicht ohne derbe Aufrichtigkeit. Der wußte mancherlei zu erzählen. Wie Sie sich erinnern werden, verschwand im vorigen Winter in Ihrem Haus eine von den alten schönbemalten Porzellankannen. Sie, wie auch die Bäuerin, dachten nicht anders, als daß Simon sie sich angeeignet und beim Händler in der Stadt verklopft habe, denn es war ein wertvolles Stück; die Bäuerin äußerte sogar den Verdacht, Kießling habe bei dem Diebstahl seine Hand als Hehler im Spiel. Daß Simon die Kanne genommen, ist richtig; ebenso, daß Kießling daran interessiert war; er hätte wohl den Beuteanteil nicht verschmäht, wenn er es auch jetzt in Abrede stellt. Aber so weit kam es gar nicht. Simon zertrümmerte die Kanne vor den Augen seines Freundes. Sie waren in dessen Bude beisammen, drüben an der Pleinfelder Chaussee; Simon hatte die Kanne gebracht, Kießling nahm sie, beschaute sie, prüfte sie und wollte eben seine Anerkennung kundgeben, als Simon sie ihm wieder entriß und mit aller Kraft gegen den Fußboden schmetterte, wo sie natürlich in hundert Scherben zerbrach. Der andere machte ihm zornige Vorwürfe, aber Simon, nachdem er eine Weile finster vor sich hingebrütet, rief plötzlich aus: ich möcht ihm einmal einen rechten Tort antun, so daß ers spürt bis in die Eingeweide hinein. Kießling wußte nicht gleich, auf wen der Ausbruch gemünzt war; seine Bekanntschaft mit Simon war damals noch neu; später wurde ihm dann die Sache klar. Er sagte, er habe nie einen jungen Menschen gesehen, der einen solchen Haß gegen seinen Vater gehegt hätte. Von Zeit zu Zeit wiederholten sich die Anfälle, ähnlich jenem ersten; eine ohnmächtige Erbitterung kam über ihn, ein Trieb, zu zerstören; zu anderer Zeit wieder war es eine krankhafte Freudlosigkeit, ein melancholisches Hindämmern und stilles Glosen. Oft schien es nicht Haß zu sein, sondern Furcht; oft nicht Furcht, sondern etwas viel Unergründlicheres. Eine Äußerung, die auch von dritten Personen bezeugt ist, war die: möcht ihm einmal alles ins Gesicht sagen können, dann würde mir wohl. Was konnte er damit gemeint haben? Abgesehen von Kießling, schildern ihn auch sonst Leute, die ihn kannten, nicht als schlecht; es sind meist Leute, denen man ein unbefangenes Urteil zutrauen darf. Sie bezeichnen ihn als schwachen, leicht verführbaren Charakter, als einen Menschen ohne Verwurzelung gleichsam; ausschweifend wie einer, der sich betäuben will, arbeitsscheu wie einer, der fortwährend auf der Flucht ist und verfolgt wird, lasterhaft aus innerer Öde, aber keineswegs schlecht. So beurteile auch ich ihn jetzt. Aber von wem fühlte er sich eigentlich verfolgt? wem hat er getrotzt? was war zu betäuben? Ich glaube, wir beide, Urbas, wir wissen es. Wenn auch die ganze Welt darüber sich den Kopf zerbricht, wir wissen es. Bis zu jenem Abend in der Kammer haben Sie es nicht gewußt. Dort haben Sie es erfahren.«
Er atmete auf; sein Gesicht zuckte wie von inneren Stößen; er schien etwas sagen zu wollen, aber er vermochte es nicht. Doch die Lichter und Schatten in diesem kantigen, kraftvoll bewegten und wahrhaftigen Antlitz hatten ihre eigene Beredsamkeit; das düstere Staunen, der fast abergläubische Schrecken über die plötzliche Enthüllung dessen, was er für sein unantastbares, ewig verwahrtes Geheimnis gehalten, war von ihm gewichen, aber da er das Geheimnis nicht mehr zu schützen hatte, war auch das Gemüt der schweren Last entledigt; daher dies tiefe Aufatmen, das mich bewegte. Ich fand mich verpflichtet, ihm noch über die letzten Hemmnisse zu helfen, und ich sagte: »Erwägt man es genau, so sind die Menschen weit übler daran als die Tiere. Die Tiere können einander nicht mißverstehen. Die Menschen mißverstehen einander im Blut wie im Geist; der Bruder den Bruder, der Freund den Freund, der Vater den Sohn. Jeder steckt in seinem Mißverstehen wie in einem schwarzen Kellerloch, aber eine wunderliche Verblendung macht, daß er es für eine hellerleuchtete Wohnstube hält. Und wenn er meint, daß der Herrgott selber sich um ihn bemüht und ihn zu seinem Sprachrohr auserwählt, so zeigt sichs am Ende, daß es bloß der Teufel war. Dreizehn Jahre lang war Ihr ganzes Trachten auf einen Sohn gerichtet, und wie er dann da war, haben sie achtzehn Jahre lang gebraucht, um dahinter zu kommen, was es mit ihm für eine Bewandtnis hatte; und da wars zu spät. Ists also nicht kläglich bestellt um die menschliche Vernunft und Weisheit? Wozu noch fernerhin sich verstecken, Urbas? Welchen Zweck soll es haben, sich eines Verbrechens anzuschuldigen, das Sie nicht begangen haben? sich Mörder zu nennen an dem, der sich selbst den letzten Weg gewiesen hat? Wozu das frevle Spiel mit der irdischen Gerechtigkeit? wozu, Mann, wozu?«