Der Wendekreis: Erste Folge

Jakob Wassermann · Kapitel 1 von 6 · Teil 9/10

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Der Wendekreis: Erste Folge

Project Gutenberg's Der Wendekreis - Erste Folge, by Jakob Wassermann

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 10 Teile geteilt.

Erasmus schaute in die dunstig flimmernde Ebene hinüber. Er hatte sein spleeniges Lächeln um den Mund. Spiel und Zauberei, ja, das war einmal, dachte er, das darf nicht mehr sein. Eine neue Stunde wies das Zifferblatt der Lebensuhr. Was diese Unentfaltete, listig Verwegene da gesagt hatte, es war zu klug, es ging zu nah; es schickte sich nicht ganz, wollte ihm scheinen.

Unversehens waren sie zu einem Rondell zwischen Beeten gelangt. Sebastiane saß in der Sonne auf einem Gartenstuhl, vor ihr spielten ihre beiden Mädchen im Sand, und der siebenjährige Wolf sah ihnen zu. Als er Erasmus und Aglaia erblickte, trat er ihnen mit reizendem Anstand entgegen und reichte die Hand. Ein verwunderter Blick Sebastianes streifte das Gesicht Erasmus und das des Knaben. »Merkwürdig, wie ähnlich er Ihnen sieht,« sagte sie. Auch Aglaia fand es auffallend.

Während Aglaia ins Haus ging, ließ sich Erasmus auf einem zweiten Stuhl nieder, und im spärlich fließenden Gespräch mit Sebastiane, die von der halbverwachten Nacht müde war, hefteten sich seine Blicke oftmals auf den Knaben. Er beobachtete seine Bewegungen, seine Hände, seine Füße, sein Mienenspiel. Als Wolf auf einem ziemlich entfernten Zweig ein Eichhörnchen erspähte und auf Zehenspitzen, am Bord des Rasens, hinschlich, erhob sich Erasmus und folgte ihm. Er redete ihn höflich an wie einen Erwachsenen. Er fragte ihn, ob er Tiere liebe; ob er die Namen der Bäume kenne; die Namen der späten Blumen, die noch blühten. Die Stimme des Knaben gefiel ihm; die unvordringliche und beherzte Art zu antworten; der groß vertrauensvolle Blick; das Oval des Gesichts. Er nahm ihn an der Hand und ging mit ihm weiter. Er erstaunte über sich selbst; er hatte sich nie mit Kindern beschäftigt, noch sich zu ihnen hingezogen gefühlt; die Empfindung für Sebastianes Kinder hatte ihnen nur in der Vereinigung mit der schönen Mutter gegolten.

Indem er die trockene, warme, winzige Hand in der seinen spürte, dünkte er sich alt. Er erschien sich wie ein Baum, belastet mit Jahren, beladen mit der Erinnerung an viele Wetter, viele stürmische Tage und Nächte, Frost und Glut der Sonne; der Knabe neben ihm, mit dem Haupt nicht weit über seine Hüfte reichend, erschien ihm wie ein Schößling, zart und kräftig, anschmiegend und edel, an ihm empor-, einer unbekannten und zu fürchtenden Zukunft entgegenwachsend. Die gekiesten Wege waren ihm plötzlich verhaßt; die weiße Front des Herrenhauses war eine Gefängnismauer; »möchtest du mit mir zum Fluß gehen, Wolf?« fragte er. Der Knabe bejahte erfreut.

»Erzählen Sie mir eine Geschichte,« bat der Knabe.

Erasmus dachte lange nach. Als sie zum Fluß gelangt waren, der dunkelschlammig zwischen flachen Ufern trieb, setzte er sich auf einen moosigen Stein, legte den Arm um des Knaben Schulter, lächelte verlegen und fing an: »Es ist kein Märchen, was ich dir erzählen will, es ist eine wahre Geschichte, die ich erlebt habe, als ich in Indien war. Am Hof des Vizekönigs, Vizekönig nennt man den Stellvertreter des Königs von England dort, mußt du wissen, am Hof des Vizekönigs also lebte unter vielen andern Fürsten und Radschas ein bengalischer Fürst namens Lal Sarkar, der seit Jahren an einer unheilbaren Schwermut litt, trotzdem er reich und mächtig war, auch schön und klug. Solche Schwermut, weißt du, ist für die Seele und den Geist des Menschen dasselbe wie Fieber und krankhafte Schwäche für den Körper; wer davon heimgesucht wird, der hat an nichts in der Welt mehr Freude. So war das mit Lal Sarkar und wurde mit der Zeit immer ärger. Die Ärzte wußten so wenig Rat wie die Freunde; eines Tages aber kam ein Brahmane, ein Priester, zu ihm und sagte, er solle sich aufmachen und nach Lhasa zum Dalailama reisen, dort würde er Heilung finden. Der Dalailama ist der oberste Priester der indischen und chinesischen Welt, so wie der heilige Vater in Rom Herr über die Christenheit ist. Lal Sarkar tat, was der Brahmane ihn geheißen, rüstete eine Karawane aus und reiste über das hohe Gebirge des Himalaya nach der Stadt Lhasa. Zwei Monate darauf kehrte er zurück, und zwar als ein ganz anderer Mann, heiter, kraftvoll, lebensfroh; und so wunderbar war die Verwandlung, daß auch am Hof des Vizekönigs, wo ich um diese Zeit eintraf, das größte Erstaunen darüber herrschte. Wenn man sich aber erkundigte, erfuhr man nicht viel mehr, als daß eben Lal Sarkar in Lhasa gewesen sei. Mir ließ es keine Ruhe, und ich wußte es anzustellen, daß ich mit dem Radscha bekannt wurde, und eines Abends in sein Haus eingeladen wurde. Das war nun wirklich wie ein Märchen, weißt du, dieser Palast mit seinen Springbrunnen und vergoldeten Säulen und Bassins mit Fischen und den kostbarsten Teppichen. Ich war ganz allein bei ihm, und als wir ins Gespräch gekommen waren, fragte ich ihn nach dem, worüber sich alle Europäer den Kopf zerbrachen, denn sie hatten ihn ja gekannt, als er wie ein Halbtoter sich traurig und hoffnungslos hingeschleppt hatte, und jetzt war er wie neugeboren, kraftvoll und feurig. Ich fragte ihn also und fragte auch, ob ein Fremder wie ich wissen dürfe, wie das vor sich gegangen und was mit ihm geschehen sei. Er sagte, gewiß dürfe ich es wissen, es sei nichts zu verheimlichen. »Ich habe den Dalailama gesehen, das ist alles, ich habe in sein Angesicht geschaut.« – »Das ist alles?« fragte ich, »nur in sein Angesicht geschaut?« – »Ja,« antwortet er, »nur das.« Und als ich verwundert, vielleicht auch ungläubig schwieg, sagte er folgendes, und ich habe nicht ein Wort davon vergessen: »Der Dalailama ist ein Knabe. Zwölf Jahre ungefähr, älter nicht. Er sitzt auf einem Thron und lächelt. Sein Gesicht ist das schönste Menschengesicht auf Erden, so schön, wie man es sich nicht einmal im Traum vorstellen kann. Seine Stirn ist wie ein geschliffener Edelstein und göttliche Weisheit leuchtet auf ihr. Seine Augen strahlen eine Güte aus, daß es jeden, auch den verhärtetsten Unhold bis ins Herz trifft und er nicht anders kann als auf die Knie sinken. Sein Lächeln genügt, damit aller Gram verstummt, aller Schmerz vergeht, alle Sorge aufhört. Er ist ein Knabe, aber wenn man ihn anschaut, ist es, als sei er fünftausend Jahre alt. Er ist ein Knabe, aber man küßt seine Hand und weint. Vor Glück weint man. Er ist ein Knabe, aber er ist mächtiger als Armeen und Schlachtschiffe, unbesiegbarer als die Könige und Kaiser der Erde, er ist die Liebe und das Licht, und indem ich ihn anschaute, wurde ich von meiner Schwermut geheilt.« So sprach Lal Sarkar zu mir. Und das ist meine Geschichte.«

»Es ist eine herrliche Geschichte!« rief Wolf mit hingerissenem Ausdruck, »die mußt du mir noch öfter erzählen.« In seinem begeisterten Eifer dutzte er Erasmus plötzlich, und dieser ließ es sich gern gefallen.

* * * * *

Gegen Abend suchte ihn Frau von Gravenreuth auf und sagte, Marietta wolle ihn sprechen; sie fühle sich besser, obschon man fürchten müsse, daß es ein trügerisches Intervall sei. Auch Erasmus hatte den Wunsch geäußert, sie zu sehen. Einige Heimlichkeit empfahl sich dabei.

Seine erste Regung, als er neben dem Bett stand, war Bedauern über den Wunsch. Das Gesicht war zerfurcht. Ein Tag hatte das Werk von zehn Jahren verrichtet. Dämmerschwäche nietete den Leib in die Kissen und Tücher. Heiße Feuchtigkeit hatte Flecken auf der Haut hervorgetrieben. In den Augen war gelbfahles Licht. Um das Haupt zu entlasten, waren die Haare gelöst, und über das weiße Linnen floß die kupfrige Flut, unvergangene Schönheit.

Sie so hingeworfen und zerstört zu erblicken, war schlimm. Schlimmer der Verlust; seine stumme Absage. Ihre Gestalt entfernte sich aus seinem Innern. Nichts, was zwischen ihr und ihm gewesen war, wollte gewesen sein. Erinnerung an Zärtlichkeit war Scham; was ihm dieser Körper geschenkt, was er ihm geraubt: Sünde. Da lag eine gefährdete Kreatur, arm, entschmückt; nicht Weib, nicht Geliebte, nichts ihm Verbundenes, nicht Teil seines Lebens mehr.

Er flüsterte ihren Namen. Sie lächelte und erhob matt die Hand.

Frau von Gravenreuth hatte das Zimmer verlassen. Marietta winkte ihm, er setzte sich auf den Rand des Bettes. Sie sagte: »Hör mich an, Erasmus. Man weiß nicht, was einem zustoßen kann. Ich werde jedenfalls von bösen Ahnungen geplagt, und es ist besser, du erfährst jetzt, was du erfahren mußt. Hast du Wolf gesehen?« Er nickte; er erbleichte. »Wolf ist mein Kind. Wolf ist dein Sohn.«

Regungslos starrte er Marietta an.

Sie fuhr mit matter Stimme fort und legte ihre Hand auf die seine, die nichts von der Berührung wußte: »Ich habe viel darüber nachgedacht, wie du es aufnehmen wirst. Muß ich erklären, warum ich es vor dir geheimgehalten habe? Prüfe dich selbst, und du wirst wissen, warum. Es ist ein unbekannter finsterer Raum in deiner Brust, vor dem graute mir immer. Es war gut, daß etwas zwischen uns war, das uns trennte, wenn wir vereint waren und uns vereinigte, wenn wir getrennt waren. Ich hätte sonst manches Schwere schwerer ertragen. Ich brauchte einen, der für dich Zeugnis gab. Ich brauchte etwas Lebendiges, wenn du mir starbst. Du bist mir sehr oft gestorben und ich mußte dasitzen und mein Herz in der Hand halten und auf deine Auferstehung warten.«

Noch immer regungslos, mit geschnürter Kehle, starrte er Marietta an.

Sie berichtete mit wenig Worten, erschöpft schon, wann sie das Kind empfangen, wann und wo sie es geboren, wie sie die Verhehlung bewerkstelligt, erinnerte ihn an gewisse Einzelheiten, an die beweisenden Daten, sprach von ihrem Glück, von inneren Kämpfen, von Angst um die Zukunft des Kindes, schwieg, schloß die Augen, wartete auf ein Wort von ihm, aber es kam keines. Er saß regungslos und starrte sie an. Es war eine unbezweifelbare, sogar eine heilige Wahrheit in ihrer Stimme, in ihrem Blick, in ihrem Wesen; er entzog sich dieser Wahrheit nicht, er bezweifelte sie nicht, aber er wollte sie nicht einlassen; sie stand wie mit einem glühenden Schlüssel vor der Pforte des unbekannten finstern Raums, von dem Marietta gesprochen, und fand keinen Einlaß.

»Das Kind ist wohlgeraten,« sagte Marietta leise; »du wirst nicht nur in seinem Äußern viel von dir erkennen. Ich verlange kein Gelöbnis von dir. Dazu war alles zu schwebend zwischen uns. Du mußt ja auch erst mit dir selbst ins Reine kommen. Ich sehe ja, wie es dich verwirrt. Denke nach, Erasmus. Jetzt geh; ich bin müde.«

Der Rest des Tages und Abends war Dunkelheit des Herzens. Angst, Gewissensangst, Frieren des Blutes, bittere Unlust, Gefühl der Einsamkeit, Selbstmißtrauen. Es jagte ihn ruhlos umher. Begegnungen wich er aus. Als Lix ihn anredete, senkte er die Augen wie ein Dieb. Im Haus wuchs die Besorgnis um die Kranke mit jeder Stunde. Doktor Schmidthammer hatte eine Lungenentzündung konstatiert. Während des Soupers herrschte die gedrückteste Stimmung. Die Gräfin saß da wie ohne Maske, alt und ein wenig böse. Selbst Aglaias Miene war ernst. Aber Erasmus sah nicht. Er fürchtete sich vor den schönen Gesichtern. Er fürchtete sich vor dem Blick heimlichen Einverständnisses, der ihn möglicherweise treffen konnte, vor dem enttäuschten, dem fragenden, dem vorwurfsvollen, dem mitleidigen Blick. Er bereute das verspielte Tun, die verspielte Zeit, die verspielten Worte. Es war in ihm ein Verlangen wie in einem, der seekrank ist, nach festem Boden unter den Füßen. Nach Sicherheit, nach Entscheidung ging das Verlangen; nicht nach Entscheidung durch Umstände und abgenötigten Beschluß, sondern nach der, die von oben kommt und unwiderruflich, unwidersprechlich ist.

Nach aufgehobener Tafel verabschiedete er sich von der Gesellschaft. Er wollte allein sein. Im untern Flur ging er noch eine Weile auf und ab. Bisweilen blieb er stehen und betrachtete die farbigen Stiche an den Wänden, Darstellungen englischer Jagdszenen; seine Aufmerksamkeit war künstlich; in Wirklichkeit starrte er in sein beunruhigtes Herz. Da kam Frau von Gravenreuth die Treppe herunter; sie führte Wolf an der Hand und redete mit liebevoller Miene auf ihn ein. Sie sagte zu Erasmus, während der Knabe weiterging: »Er ist so erregt heute, wollte nichts essen; ich weiß nicht, was ich mit ihm beginnen soll. Ich habe ihm versprochen, noch ein wenig ins Freie mit ihm zu gehen.«

Wolf wandte sich um. In seinem edelschmalen Mädchengesicht war ein Lächeln, welches ausdrückte: wir kennen uns, wir sind Freunde; dazu Zweifel, Zurückhaltung und ein suchender Blick.

Das unerwartete Gegenüberstehen war Hölle für Erasmus. Er konnte sich nicht entsinnen, je Quälenderes empfunden zu haben. Es ertönte das Wort, das er selbst gesprochen, füllte seine Ohren, sein Hirn, den Luftraum: alle Legitimität stammt von Gott. Es schlug ihn in den Nacken; es war ein flammender Pfahl, der ihn schlug. Enthielt es Wahrheit, so gab es nichts daran zu mäkeln; war es Irrtum, so saß man am Wendepunkt und verkrampfte sich ins Arge.

Was war mit diesem Kind? Was wollte der Knabe in seinem Leben, fremd hervorgetreten aus der Fremdheit, Geschöpf der Leidenschaft, ungewünschtes, ungewußtes, unverkettetes? Und doch, Augen, Stirn, Hand, das hegenswerte, wunderhafte Ganze; drohende Spiegelung; Spiegelung und Nachfolge.

Indessen war Sebastianes Buley aus einem Winkel hervorgeschossen und auf Wolf zu. Der Knabe beugte sich nieder, um ihn zu packen; das Tier, in spielgieriger Laune, entwich fauchend, kam zurück, sprang an den Beinen des Knaben empor und drängte den Lachenden gegen die Wand. Ein kleiner Schrei; Sturz eines Gefäßes; ein Klirren; die etruskische Vase, die auf einem Säulenpostament neben der Tür des Musikzimmers gestanden, war heruntergefallen und lag in Trümmern. Aus dem Speisesaal kamen die Damen, erschrocken; der Hund, scheuer Verbrecher, flüchtete zur Herrin; die Gräfin kniete mit bedauerndem Gesicht nieder, um die kostbaren Scherben zu sammeln; Wolf war blaß geworden, sein Mund verzog sich zum Weinen, und mit unwillkürlicher Bewegung griff er nach Erasmus Hand. Erasmus, ebenso unwillkürlich, umfaßte die Hand des Knaben mit tröstendem Druck, und die Betrübnis, die sich in seinen Mienen malte, war kindlich und hatte tieferen Bezug als auf die zerbrochene Vase. Doch blieb Widerstand und Angst, trotzdem er sich zu dem Knaben niederbeugte und eine formelhafte Beschwichtigung flüsterte. Schwere aber lastete nun auf allen, und es trat Verlegenheit hinzu, als vom Hoftor herein Eugen Sparre kam, der am Spätnachmittag fortgegangen war und jetzt zurückkehrte.

Erasmus entriß sich. In seinem Zimmer nahm er eine der theologischen Schriften zur Hand, die er stets mit sich führte. Aber er konnte seinen Geist nicht zur Lektüre sammeln. Es wurde spät, und er saß noch immer mit aufgestütztem Kopf, grauem, umrißlosem Denken nachhängend. Schließlich überwältigte ihn der Schlummer, im Sitzen. Es klopfte an der Tür; er hörte es nicht. Es klopfte abermals; er schrak empor; rief, halb im Traum.

Es war wie Traum, als Sparre eintrat.

* * * * *

Die anfängliche Empörung Eugen Sparres hatte nicht lange gedauert, obwohl Ferry Sponeck täppisch wie ein Bauer gewesen war. Da er die Abneigung des Grafen Ungnad deutlich gespürt hatte, war ihm dessen Verhalten nicht einmal so rätselhaft wie seinem Botschafter, um so weniger, als sich Sponeck bemüßigt glaubte, zur Entschuldigung des Freundes auf eine zarte Beziehung zwischen ihm und der Kranken hinzuweisen. Was für Dickhäuter diese Menschen doch sind, dachte Sparre; als ob dadurch der Schimpf harmloser würde.

Man könne vorläufig nichts Rechtes unternehmen, faselte Ferry Sponeck, der nicht wußte, wessen Partei er ergreifen sollte und zwischen der alten Anhänglichkeit an Erasmus und der bewundernden Dämonenfurcht schwankte, die ihn zu Sparre zog; Erasmus sei in einer kritischen Verfassung, jammervoll sei ihm zumut; ob Sparre an ritterliche Austragung denke? doch wohl kaum? Wenn ja, wolle er mit Georg Ulrich Castellani beraten; jedenfalls sei er, Ferry Sponeck, in einer verteufelten Zwickmühle. Sparre lachte. Nein, daran denke er nicht; er gebe Satisfaktion auf die ihm angemessene Art und wünsche sie zu erhalten, wie es sich für gesittete Menschen zieme. Er fühle sich so wenig beleidigt, wie wenn er im Wald über eine Baumwurzel gestolpert wäre; »man war achtlos,« sagte er, »das nächste Mal wird man aufpassen. Mit Ehrenkränkung hat das nichts zu tun.« Worauf ihn Ferry Sponeck kopfschüttelnd für einen unmäßig interessanten Mann erklärte.

Sparre durchschaute den schlechten Schauspieler und hatte Nachsicht. Unbekannt mit einer Welt, in die ihn der Sturm verschlagen, die seine eigene aufwühlte, in die er wie zu einer bergenden Insel geflohen, nicht aus Schrecken über den Sturm, sondern weil er zur Vollendung einer wissenschaftlichen Schrift die Gelegenheit mit Freude ergriffen hatte, die ihm eine vorübergehende Ruhestatt zu bieten versprach, fühlte er stärker noch als unter dem ersten Eindruck das Erstaunen über alles, was ihn umgab.

Diese Menschen waren ihm wie alte Gemälde. Tod war über sie hinweggegangen; Leben in seinem Sinn hatten sie nicht. Etwas wie goldner Staub hing an ihnen, Gefesselte eines prunkenden Rahmens, verjährte Ehrwürdigkeit. Sie sprachen, und ihre Worte waren nicht die der Lebendigen; sie scherzten, und ihr Lächeln war bedungen, ihr Lachen klang aus der Erde. Alles an ihnen war bedungen, gekettet, befohlen und vorgesetzt; ihr traurigster Ernst war noch Spiel, Schattenspiel hinter der Eisdecke. Sie waren einer glitzernden Lüge von Herrschaft hingegeben, und sie wußten um die Lüge, lange schon, aber jeder schmeichelte dem andern die Lüge weg. Sie glichen den Schwerkranken, denen man Gesundheit einredet, mit leichter Mühe, weil ihre Seele getrübt ist; die in jede Gebärde, in jeden Hauch ein Übermaß von Hoffnung und Sorglosigkeit legen und nur die Täuschung wollen, sonst nichts. Diese Stuben, diese Gänge, die glänzenden und alten Dinge, es war ein Mausoleum, ausgeschaltet aus der Zeit, ohne Blut, ohne Kraft, ohne Farbe. Menschenruf verstummte; ein summender Schall war, worauf sie ängstlich lauschten; Menschenforderung galt ihnen für Unbill; sie wohnten noch in der alten Form, sie hielten noch die abgeschnittenen Zügel in ihren Händen, lächelnd, indes der Wagen still stand und die Pferde entführt waren.

Die anmutigen Frauen; wie gelassen sie dem Abgrund zuschritten, dessen Phosphoreszenz sie über seine verschlingende Gewalt betrog. In einer Sehnsucht schmolzen sie, die keine Erfüllung mehr finden konnte, aber sie ahnten vom Unmöglichen nichts. Noch trieben sie Neckerei hinter der Maske; noch gefielen sie sich in ihrem tändelnden Idiom aus verwehten Epochen; nur kein Aufwachen, flehten ihre Mienen, nur kein rauhes Berühren. Die glatten Glieder wohlig hingeschmiegt an gespenstische Bilder; schwelgend in den pikanten Verfeinerungen, die ihre Fantasie noch schenkte, wo doch das Wirkliche bereits hinter der Wand aufbrüllte; sich als Letzte spürend, aber nicht als Vergangene, als Entrückte, aber nicht als Verlorene.

Eugen Sparre sah mit den Augen eines Forschers und eines Kindes. Die Regionen und die Jahre, aus denen er kam, hatten ihn in der Strenge der Betrachtung geübt. Empfundenes und Geschautes nicht zu verfälschen war sein innerstes Amt. Schmucklos war alles in ihm, an ihm und die Bahn hinter ihm. Unverwöhnt und unerweicht, besaß er die Kraft, Leiden zu überwinden und zu erkennen. Das Durchlebte war ihm oft wie giftiger Rauch. Er hatte gegen jede Art von Bedrückung getrotzt, jede Art von Erniedrigung erfahren. Er hatte die Ellbogen gespreizt und sie zu eisernen Balken gemacht, um nicht zu Brei zerquetscht zu werden. Hinaufgeklommen an den schlüpfrigen Quadern des Riesenbaus, von dem auf halbem oder Viertelweg die Schwächlinge und Übergierigen abgestürzt waren, um sich unten die Schädel zu zertrümmern, hatte er mit kühlem Kopf seinen Platz erobert, der Pflicht, die er gewählt, die ihn gewählt, unerschütterlich gehorsam und schicksalkennend wie nur diejenigen sind, deren Herzschlag der Herzschlag des Jahrhunderts und des Volkes ist. Er hatte ungeachtet seiner Jugend zu den Propheten der großen Wandlung gehört; er hatte sie errechnet, sie war ihm Ergebnis logischer Erwägung, und mitten in der Taifunwelle war er leidenschaftslos geblieben, Beobachter, Arzt. Er war heiter geblieben, ohne aufrührerische Gelüste, dem Element vertrauend, es liebend beinahe, in jeder Verwüstung eine höhere Ordnung vorauswissend, denn alles war Notwendigkeit, Geballtes, Gerafftes, Gefügtes, Wüten von Lebenskeimen gegen Todeskeime, Erneuerungsraserei des fiebernden Menschheitsleibes, Wiedergeburt aus Agonie, Qual und Wahnsinn der sterblichen Einzelnen im unsterblichen Ganzen.

Von allen, die auf Rienburg um ihn waren, hatte Graf Erasmus Ungnad seine Aufmerksamkeit am meisten gefesselt. Der erste Anblick des gespannten, leidenden, hochmütigen, geschliffenen Gesichts hatte ihn als Erscheinung berührt. In einem Nu hatte er so scharf wie den andern sich selbst erfaßt, eben sein Anderssein und Andersmüssen, das völlige Widerbild, wie Pol gegen Pol. Und Sonderbares war geschehen: er hatte Schmerz verspürt. Da war Figur; ja, Figur, wie die Sage sie gibt; umschlossene und einsame Gestalt; heimatlose Gestalt; in finster gewordenem Raum mit einer Haltung schreitend, als sei noch Licht die Fülle; müde wie einer, der Schätze getragen hat; ungegenwärtig, verfangen, versponnen, tragisch hinabgehend, von sterbenden Illusionen begleitet, der irrende traurige Ritter; der Adlige. Das war er, der adlige Mann, Überbleibsel und Anachronismus, der, dem auch Gott nur eine Form ist, wie Graf Castellani gesagt hatte, der es nicht nahm, nicht wollte, daß sein Reich aufgehört hatte zu sein und der von der Zeit nichts zurückbehalten hatte als die Jahre, geschäftige Symbole, doch leer und sinnlos.

Die Erschütterung wirkte fort in Eugen Sparre. Sie war derart, daß sie auch durch die beleidigende Feindseligkeit des Grafen nicht vermindert wurde und gab ihm so viel zu denken, daß er seine Arbeit darüber vergaß. Die persönlichen Verhältnisse Ungnads flößten ihm, jenem Allgemeinen gegenüber, nur geringe Teilnahme ein; trotzdem horchte er bei den Andeutungen Ferry Sponecks auf. Sponeck hielt sich in dem Fall nicht zur Verschwiegenheit verbunden; was alle Welt wußte, konnte auch Sparre wissen; für Sparre war es Bestätigung, die den Charakter noch tiefer erleuchtete. Er erblickte Verborgenes, und was seinem Auge entging, vervollständigte die Kombination. Diese Geschicke ließen sich wunderlich leicht entziffern; ihre Hieroglyphen bedurften nicht einmal der Geduld. So zuckte für ihn greller Schein um die Szene im Flur, als er ins Haus trat und alle um die zerbrochene Vase herumstanden. Sekundenkurzes Schauen genügte; haften blieb in Blick und Gedächtnis der mädchenhaft zarte Knabe neben dem überschlanken Erasmus Ungnad, das Gebeugte und Zerquälte an ihm, das zitternd Aufgestörte im Wesen des Kindes, die unverkennbare Ähnlichkeit in der Gesichtsbildung beider, etwas Unsagbares von Verkettung.

Als Erasmus verschwunden war, las Baronin Polyxene die Scherben auf; Ferry Sponeck kniete ebenfalls hin, um ihr zu helfen. Da sagte Sparre, man möge ihm die Stücke überlassen; wenn er Klebestoff bekommen könne, getraue er sich, die Vase wieder zusammenzusetzen; er habe dergleichen schon oft versucht, und mit Glück. Die Beschädigungen waren in der Tat nur geringfügig; die beiden Henkel und ein Teil des oberen Randes waren abgebrochen, ferner war in der Ausbauchung ein rundes Loch. Man sah ihn verwundert an; Ferry Sponeck nickte eifrig und versicherte: »Ja, darauf versteht er sich, er hat auch mir einmal eine Sevreschale geleimt, er ist überhaupt ein Tausendkünstler.« Die beflissene Fürsprache erweckte Heiterkeit, auch bei Sparre selbst, Niklas wurde gerufen, der nach einer Weile ein Töpfchen mit Leim brachte, Sparre packte die Vase samt den Scherben in ein Tuch und begab sich damit in sein Zimmer.

Er hatte von dem Zweck seines Beginnens keine deutliche Vorstellung. Es war ihm ein in das Kleid einer Parabel gehüllter Scherz; eine Mitteilung von ungewisser Tragweite und unbestimmtem Inhalt. Während er mit Sorgfalt die Bruchstellen aneinanderfügte, kleine Splitter mit geschickter Hand einpaßte, lächelte er häufig. Als er nach zweistündiger Arbeit fertig war, ging er zum Fenster; Ungnads Zimmer lag dem seinen schräg gegenüber, wie er wußte. Er sah noch Licht bei ihm. Da nahm er die Vase vorsichtig in die Hand, prüfte das Werk noch einmal, überzeugte sich von der Haltbarkeit der zusammengesetzten Teile und verließ das Zimmer.

* * * * *

Erasmus fuhr auf. »Was wollen Sie?« stotterte er, »was bedeutet das?« Er starrte auf das tönerne Gefäß.

Sparre stellte die Vase auf den Tisch. »Wenn man morgen die Bruchlinien abfeilt, wird der Schaden kaum mehr bemerkbar sein,« sagte er.

»Aber was soll es denn heißen?« murmelte Erasmus. Er hatte sich erhoben, stand frostig da, stirnrunzelnd, abweisend.

»Ich hatte den Eindruck, als sei Ihnen der kleine Unfall nah gegangen,« sagte Sparre; »ich weiß selbst kaum, warum ich mich verpflichtet fühlte, ihn wieder gutzumachen. Vielleicht wollte ich damit auch eine mir geschehene Widerwärtigkeit aus der Welt schaffen. So etwas ist störend, wenn es auch mein Gleichgewicht nicht beeinträchtigen kann. Wo der Hieb nicht trifft, ist keine Wunde. Da Sie mich als Arzt für einen Menschen verpönt haben, habe ich mich begnügt, Arzt bei einem Ding zu sein. Das Ding ist leidlich geheilt, wie Sie sehen.«

Die Stimme klang fast hohl, in ihrer Baßtiefe schleifend.

»Ich verstehe nicht,« stieß Erasmus hervor; »Sie wollen sich über mich mokieren, scheint mir …«

Sparre blickte zu Boden. »Merkwürdig, daß Sie es nicht verstehen,« sagte er wie im Selbstgespräch. »Gibt Ihnen denn das keinen Fingerzeig, daß ich, der Mensch, den Sie hassen oder glauben hassen zu müssen, der Mensch Ihrer Abkehr und Ihres Grauens, dem Sie die unverdiente Ehre einer entscheidenden Funktion zuweisen, daß dieser selbe Mensch etwas Zerbrochenes für Sie wieder ganz gemacht hat?«

Erasmus stutzte. Vor Unwillen rötete sich seine Stirn. »Für mich ganz gemacht? Für mich? Wirklich, Sie erlauben sich ungebührlichen Spaß, Herr Doktor Sparre …«

Sparre schlug langsam den Blick auf. »Ich möchte gern in anderm Ton mit Ihnen sprechen, Graf Ungnad,« sagte er verhalten. »Sie gehen im Wesentlichen fehl. Ihre Voraussetzungen sind falsch. Ich sah eine Not. Als der Krug da herunterstürzte, sah ich eine Menge Zerschmettertes liegen. War der Knabe eigentlich schuld und sein Spiel mit dem Tier? Er fühlte sich aber schuldig, und als Sie seine Hand faßten, hatte ich den Eindruck, als ob Sie sich für seine Schuld mitverantwortlich fühlten. Aber Sie haben es doch nicht gewagt, für ihn einzustehen. Was liegt an diesem altertümlichen Kram, Graf Ungnad? Wenn ihn das Aufräumweib vor mir auf den Kehricht wirft, schau ich nicht einmal darnach hin. Es entspricht auch nicht meiner Überzeugung, daß man Zersplittertes wieder kitten soll. In diesem Fall habe ich mich entschlossen, die Überzeugung zu verleugnen. Ich dachte, es sei gut, es sei nützlich. Ich dachte, ich könne Ihnen damit etwas beweisen. Verstehen Sie mich noch immer nicht?«

In der Tat, Erasmus begriff nichts. Sein Gesicht zeigte Ausdruckslosigkeit und erbittertes Unbehagen. Die Unterlippe stülpte sich; die Handfläche rieb sich an der Lehne des Stuhls.

»Also will ich klarer sein,« fuhr Sparre etwas gedrückt fort, denn er hatte flüssigere Verständigung erwartet; »ich habe etwas über mich vermocht, was meiner Natur und Lebensrichtung diametral entgegen ist. Ich habe etwas versucht, wozu ich mich bisher habe nie gewinnen können, das geistig Geschiedene zu überbrücken, dem, was streng und unbedingt jenseitig für mich ist, mich zu nähern. Ist es hoffnungslos? Diese Tonvase, ich stelle sie her wie einen Markstein, an dem wir uns treffen können, Sie von Ihrer Seite, ich von meiner. Es ist ein Augenblick, der nie wiederkehrt, nie wiederkehren kann. Die Wahrheit, die mich jetzt antreibt und erfüllt, ist sicher nur eine einmalige Flamme. Vielleicht ist dabei etwas in mir von dem geheimnisvollen Verwandlungsinstinkt der Insekten. Vielleicht kann ich den analogen Prozeß in Ihnen beschleunigen. Entziehen Sie sich nicht. Sich auflehnen gegen den Gang der Sterne ist kein Heroismus, das Unabänderliche verfluchen keine Frommheit. Wenn ich Ihnen entgegenkomme, bis zu dem mühsam geleimten Krug auf dem Tisch da, so seien Sie nicht taub für mein #qui vive;# Sie wissen ja, die Posten haben scharfe Ordre. Ich verlange ja nicht Kameradschaft; ich habe nur erfaßt, was mir, was uns dienen kann. Es gibt verschiedenerlei Tugenden, Graf Ungnad, verschiedenerlei Mut und verschiedenerlei Feigheit, verschiedenerlei Grausamkeit und verschiedenerlei Güte. Ich und die meinen, wir können nutzen, was Sie und die Ihren im Lauf der Jahrhunderte an Erntegut in die Scheunen gebracht haben, an blutgehärtetem Stahl und geraffter Muskel und geweihter Lehre und dem Glauben daran und an Erfahrung, die durch die Geschlechter veredelt ist, an geschmolzenem und gemünztem Gold des Lebens. Es ist der Tag vielleicht nicht fern, wo wir zugreifen und dankbar quittieren, wenn wir uns vom ersten Rausch und Anprall erholt haben. Denn sonst sind wir auf unserer Seite so verloren wie Sie auf Ihrer; ein Rachen wird uns schlucken, der keinen Unterschied macht zwischen mehr oder weniger fein gemahlenem Korn. Und Sie, lockern Sie die zu straff gezogenen Schrauben. Geben Sie nach. Werfen Sie das Zerbrochene, auch wenn es kostbar, auch wenn es noch so meisterhaft gekittet ist, auf den Kehricht. Alte Form muß sterben. Und Gesetze sterben wie Formen und wie Menschen. Dagegen ist keine Hilfe als das Leben.«

Er stand noch eine Weile und schaute über Erasmus hinweg, der sich nicht rührte. Dann verließ er mit zeremoniöser Verbeugung den Raum.

Erasmus rührte sich noch immer nicht. Suada haben diese Leute, dachte er, und senkte in peinlicher Benommenheit den Kopf. Aber die Benommenheit wuchs und wuchs. Er fing an auf und ab zu gehen. Es schien ihm, als zerspalte sich der Boden unter seinen Schritten. Einmal seufzte er und lauschte, weil ihn dünkte, das Seufzen käme aus der Mauer. Wenn man die Schwere der Niederlage mildern könnte, ging es ihm, scheinbar zusammenhanglos, durch den Sinn. Und darauf wieder: ich weiß, daß sie sterben wird; heute nacht wird sie sterben, ich weiß es. »Erlöse uns von dem Übel,« murmelte er vor sich hin, das Taschentuch an die Lippen pressend, »und führe uns nicht in Versuchung.«

Abermals lauschte er. Es war still im Hause, und doch lag in den Ohren weitentferntes, gräßliches Geschrei. Jemand ging im Korridor vorüber. Er öffnete die Tür; es war finster. Der Schlaf der Bewohner wälzte sich her, zu schwarzem Schlamm gestockt. Er zündete eine Kerze an und ging, die Flamme mit der Rechten schützend, den Flur entlang. Auf einmal prallte er zurück. Auf der Schwelle einer Tür stand eine Frau. Sie hatte die Hände vors Gesicht gelegt; so stand sie, gegen das Zimmer gewandt, in dem eine umhüllte Lampe brannte.

Es war Helene Gravenreuth. Sie drehte sich um, ließ matt die Arme fallen. »Schlimm steht es,« hauchte sie.

Er schwieg.

»Kommen Sie herein,« sagte sie, »hier schläft Wolf; die Pflegerin hat mich eben jetzt bei Marietta abgelöst. Aber leise, bitte, das Kind schläft spinnwebdünn heute.«

Er trat ein. Er ging zum Bett des Knaben, nachdem er die Kerze verlöscht und weggestellt hatte. Er flüsterte: »Es ist alles so sonderbar, Baronin, so sehr sonderbar.« Seine Wangen wurden fahl, plötzlich kniete er nieder und betete. Frau von Gravenreuth schloß die Tür. »Ich war nicht vorbereitet,« sagte sie mit erstickter Stimme, als Erasmus sich erhob, »bin es noch immer nicht. Was wird werden, Graf?«

Erasmus setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand. »Sie wissen ja, weshalb ich hierhergekommen bin,« sagte er.

Sie nickte. »Ich weiß,« erwiderte sie. »Sie wollten um eine der Komtessen werben, Sie wollten heiraten.«

Er fuhr fort: »Nun wird es anders kommen. Nicht eine Frau werd ich heimbringen, sondern einen Sohn.«

»Aber wie soll es werden, Graf Erasmus, mit diesem Sohn?« fragte Frau von Gravenreuth mit bleichen Lippen.

Erasmus begegnete ihrem zaghaften Blick und antwortete: »Es muß in Liebe werden und im Gesetz, denk ich.«

Ein Geräusch ließ beide zusammenfahren. Wolf war erwacht. Er hatte sich aufgerichtet und schaute mit den tauhaft strahlenden Augen herüber, mit denen Kinder den Schlummer verlassen. Frau von Gravenreuth streckte die Arme aus, als beschwöre sie ihn; Erasmus trat neben ihr an das Bett.

»Erzähl mir vom Dalailama,« sagte die helle Glockenstimme des Knaben.

 

Jost

 

Der Gebieter des Himmels ließ sein Donnerwort ergehen, und wie glänzend gefiederte Schwäne im Sturm eilten die gehorsamen Heerscharen vor seinen unvergänglichen Thron. Da erlas der Herr den Erzengel Michael und sprach zu ihm:

Ich bin irre am Geschlecht der Menschen. Nie hat solcher Kummer die Erde gefüllt; Klage und Anklage erhebt sich maßlos. Schwer ist es, zu wissen, ob sie allesamt Verlorene sind, schwer zu erkennen, ob in allen der Funke erloschen ist, der ihnen als Teil der Göttlichkeit in die Brust gehaucht ward. Ich will eine Probe machen. Geh hinab zu ihnen, du scharfäugiger Spürer, und suche unter den Verstockten den Verstocktesten, unter den Umschlossenen den Umschlossensten. Nicht um den Übeltäter geht es, merke wohl; um den Gleichgiltigen geht es. Den Unscheinbaren, der in der Trägheit verhärtet ist, sollst du suchen in seinem umfriedeten Bezirk; den, dessen Linke nicht weiß, was die Rechte tut. Und wenn du zurückkehrst und sprechen kannst: ich habe ihn erweicht, ich habe ihm die Binde von den Augen gerissen, und er vermag zu sehen, dann soll ihnen noch einmal Gnade gewährt sein und Aufschub des letzten Gerichts.

Der Engel senkte stumm das Haupt, und während ihn gewaltige Posaunenschälle umdröhnten, verließ er in seiner großen Schönheit die erhabene Region, um den Befehl des Herrn zu vollziehen.

* * * * *

In einer Wirtsstube saßen beim trüben Licht mehrere Beamte der Stadt, Notabilitäten in ihrer Art, um einen Tisch. Bis auf einen armselig aussehenden Menschen, der in der Nähe des Ofens kauerte und zu schlafen schien, waren sie die einzigen Gäste. Da sie ihn kannten, auch seiner nicht achteten, brauchten sie sich im Gespräch keinen Zwang aufzuerlegen. Er hieß Jost und war ein Kleinbürger, dem Anschein nach ein Agent oder Vermittler, der an gewissen Abenden kam, um dem Wirt Lieferungsgeschäfte anzutragen.

Die Unterhaltung drehte sich um die Trostlosigkeiten des Alltags. Verärgerung lag jedem im Gemüt, Lebensangst den meisten. Still verhielt sich nur einer, nicht weil er weiser oder zufriedener, sondern weil er bequemer war. Auch dann nahm er nur stummen Anteil, als der trübseligen Gegenwart die glänzende Vergangenheit entgegengehalten wurde, in deren schwachem Widerschein sie sich ihrer Sorgen entledigten. Die Welt, war sie auch zum Erbarmen zugerichtet, einstmals hatte sie ihnen eine festliche Zeit gegeben, und unter diesem Einstmals verstanden sie den Krieg, zumindest seinen Anfang. Da war auch dem Abseitigen unerwartet Macht zugefallen, sofern er nur mit dem allgemeinen Strom geschwommen war, und wie erst, wenn er sich mit seiner Person für das Ziel erklärt hatte. Macht, Bewegung, Wechsel der Geschehnisse; es klang schon jetzt nicht anders als wie es schönfärbende Fibeln den Späteren melden. Auch die sich tätigen Dabeiseins nicht rühmen konnten, ergingen sich breit im Nachgenuß martialischer Erinnerungen. Was Blut und Not und Tod; erlogene Gespenster. Die triumphierende Wahrheit war dort, wo man Ehre gewonnen, wo man sich eingesetzt und gespürt hatte.

Postoffizial Erbegast, als beredtester Schwärmer, sprach davon, wie man Raum gehabt, im Westen, Osten, Süden, überall Raum, Weite, Luft, Landschaft, Freiheit. Raum und Gelegenheit. Quartier in Schlössern, Fahrten ins Unbekannte, neue Städte, neue Menschen, neue Dinge, zwischen Morgen und Abend keine Langeweile. Wenn man da erzählen wollte! Wie es wohltat, sich der Fülle zu erinnern. Er wandte sich lebhaft und herausfordernd an den Schweigsamen, Rechnungsrat Siebold, und ermunterte ihn zur Zustimmung. Mit bloßem Kopfnicken wollte er sich nicht abspeisen lassen. Der Schweigsame ist nicht beliebt, wenn Geister erglühen. Siebold sollte laut bestätigen, da er es doch aus Erfahrung zu tun imstande war, daß man Unvergleichliches gesehen und erlebt habe. Oder sei an ihm die Herrlichkeit spurlos vorübergegangen?

Ungern sah sich Siebold in die Mitte der Aufmerksamkeit versetzt. Er liebte es nicht, sich mit Gewesenem zu beschäftigen. Ihm lag der gestrige Tag schon fern. Unter den fragenden Blicken der Tischgenossen stiegen wohl Bilder aus entlegenen Gehirnschächten empor, aber es gestaltete sich keines. In den Jahren, er zählte die Jahre nicht, waren sie ihm abhanden gekommen, kaum daß er sie noch als eigenen Besitz erkannte. Blasse Farben, schattenhafte Figuren, verhallte Worte. Was berührte einen daran? Man war ein anderer. Jahre! Was ist nicht ein einziges an Gedehntheit! Zudem war er nur vier Monate draußen gewesen; kleiner Fähnrich, freudlos wie tausende. Man hatte ihn darnach in ein Proviantlager geschickt, und als er dort erkrankt, war er auf seinen Platz im Amt zurückgekehrt, wie wenn die Zwischenzeit ein unergiebiger Ferienausflug gewesen wäre.

Es dünkte ihn aber, daß ihn Offizial Erbegast sticheln wollte. Auch die übrigen betrachteten ihn mit ironischen Blicken, als trauten sie ihm besondere Erlebnisse nicht zu und hegten nicht einmal die Erwartung, daß er sich zu solchen bekenne. Das verdroß ihn. Sein bedrohtes Selbstbewußtsein richtete sich wehrhaft auf. Er begriff die Notwendigkeit, den spöttischen Zweiflern Achtung abzuringen und forschte in seinem Gedächtnis. Nicht vergeblich; die verkniffene Miene erhellte sich; ein Vorfall fiel ihm ein, bei dem er handelnd mitgewirkt. Da er sich der Einzelheiten nur ungenau entsann, dauerte es geraume Weile, ehe seine Erzählung in verständlichen Fluß kam. Doch die Zuhörer zeigten Geduld, und so hatte er Muße, der schwerfälligen Erinnerung den Verlauf abzuzwingen.

Die Geschichte war in keiner Weise ungewöhnlich. In einem galizischen Dorf waren sieben Menschen unter dem Verdacht der Spionage eingebracht worden. Die Beschuldigung lautete, sie hätten dem Feind durch das Dachfenster des Gemeindehauses, in welchem sie zusammengepfercht gefunden worden waren, Lichtsignale gegeben. Siebold hatte das Protokoll aufgenommen. Nur einem unter ihnen, einem riesenhaft gewachsenen Burschen, hatte das Verbrechen nachgewiesen werden können; bei den andern sprachen gewichtige Umstände dafür, daß sie die Opfer böswilliger Angeberei waren. Trotzdem hatte der Hauptmann alle Sieben nach einem summarischen Verhör kurzerhand zum Tod verurteilt: drei Juden, ein siebzehnjähriges polnisches Mädchen, einen zwölfjährigen Knaben, einen sechsundsiebzigjährigen Greis, und den Rädelsführer der Bande, eben jenen Riesen.

Ein Tropfen im Meer der Ereignisse; ein paar vernichtete Leben mehr neben den Millionen. Die Welt hatte wohl kaum eine Kunde davon erhalten. Auch jetzt, wo es die Merkmale der Verjährung und der erfahrenen Häufigkeit trug, konnte solches Standgericht kein tieferes Interesse erregen als eines, das aus Höflichkeit dem Erzähler gebührt. Mochte auch der eine oder der andere die Willkür empfinden, die dabei gewaltet und dem in halben Andeutungen Worte verleihen, so wurden die schüchternen Einschiebsel leicht mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit abgetan. Für zarte Gemüter war die Zeit nicht geschaffen; die Moral bürgerlichen Lebens, das humane Gesetz, hatte da keine Giltigkeit mehr, wo man sich täglich seiner Haut wehren mußte. Wer auf seinem Posten stand und der Vorschrift genügte, war entlastet. »Die Gegner haben es genau so gehalten,« wurde gesagt; »weil wir in der Patsche sitzen, spuckt man uns ins Gesicht, und sogar im Lande selbst entblödet man sich nicht, Leuten, die ihre Pflicht erfüllt haben und als Helden gefeiert würden, wenn das Glück bei uns geblieben wäre, soviel wie möglich am Zeug zu flicken.« Jawohl, bemerkte hierzu der Offizial bissig, die Menschen seien eben Schweine und von ihrer schweinischen Natur könne man nichts Besseres erwarten.

Nach diesem Intermezzo nahm Siebold den Faden wieder auf. Da er nun zu sprechen begonnen hatte, wollte er seine Sache auch bis zum Ende führen. Das Wort hatte ihm Hilfe geleistet und Bild um Bild aufgefrischt; er wunderte sich selbst über die wiederbauende Fähigkeit der Erinnerung und gefiel sich in seiner Rolle des Mitrichters über Schicksale. Er verweilte. Er ging in der Schilderung zum Kleinen und Intimen; mit behaglicher Ausführlichkeit beschrieb er die traurige Gegend, das verwahrloste Dorf, die Armut der Menschen, sogar das regnichte Wetter, das geherrscht hatte. Dann erzählte er von der jungen Polin; wie trotzig sie alle angeschaut mit ihren schwarzen Augen; er hatte den Namen gewußt; er hatte ihn vergessen. Er besann sich und fand ihn. Katinka war der Name gewesen. Als wohne dem Namen Leuchtkraft inne, wurde gegenwärtig, wie sie stolz und wild die Antworten verweigert, auch als man ihr den Revolver vor die Stirn gehalten; auch als man ihr versprochen, den Knaben, ihren Bruder, zu schonen. Immer wieder betonte er die teuflische Halsstarrigkeit des Mädchens, schließlich mit Einschaltung eines lasziven Witzes, der, wie billig, belacht wurde. »Glauben Sie, meine Herren, sie hätte die Zähne voneinandergetan? Um keinen Preis. Eher noch die Beine, scheint mir.«

Als der Spruch gefällt war, hatten sich alle, mit Ausnahme der Katinka und des Riesen auf die Knie geworfen. Die Juden vor dem Hauptmann, das Bürschchen vor ihm. Das Bürschchen hatte seine Beine umschlungen und jämmerlich geschluchzt, bis es die Schwester angeschrieen und weggerissen. Der alte Mann hatte ihm fortwährend die Hände geküßt und unverständliche Worte gelallt. In die größte Verzweiflung waren aber die drei Juden geraten. Mit gellenden Anrufungen Gottes hatten sie ihre Unschuld beteuert, sich die Haare gerauft und an den Kaftanen gezerrt. Einer, mit fuchsrotem Bart und käseweißem Gesicht, hatte sich äußerst demütig betragen; als aber der Hauptmann, dem das Unwesen zu lärmend wurde, den Befehl erteilte, die Gesellschaft abzuführen, war es gerade dieser, der die Arme gegen ihn streckte und eine alttestamentarisch-gräuliche Verfluchung ausstieß.

Eine gespenstische Idylle, gerahmt in Selbstzufriedenheit, beschloß die Darstellung: nächtlicher Regensturm; Siebold auf Runde; an den Ästen von sieben Pappeln neben der Chaussee sieben Leichen, schwankend im Wind, unheimliche Kleiderbündel, unheimliche Gerippe, schief, schlapp, verbogen wie die Vogelscheuchen, und in der schwarzen Ebene ein klagend-verklingender Ruf.

Da dem Offizial die Düsterkeit des Gemäldes nichts anzuhaben vermochte, weniger aus Herzenshärte, als weil seine Einbildungskraft, wie übrigens bei alle diesen, das Entscheidende nicht zu fassen vermochte, schreckte er vor der zynischen Erkundigung nicht zurück, ob denn die wilde Katinka ihre vermeldeten Beine nicht hätte nützlich gebrauchen wollen oder können. Im selben Augenblick erhob sich der schlafende Kleinbürger oder Agent Jost mit störendem Geräusch. Er trat an den Tisch der Herren, schüttelte sich raschelnd, feixte verlegen, und während er irgendwelche Laute vor sich hinmummelte, betrachtete er einen um den andern; zuletzt blieben seine Augen, zwei kleine, glitzerige Messingscheibchen wie bei Katzen, auf Siebolds Gesicht haften, mit einem so neugierigen und boshaften Ausdruck, daß es dieser als Belästigung empfand und ihn stirnrunzelnd musterte. Ein Unbehagen blieb.

Doch war seine Haltung aufrecht und seine Stimmung geläutert, als er durch die abendlich finstern Gassen seinem Heim zuwanderte. Ein zurückgedrängtes Stück seiner inneren Person war an dem Abend zu neuem Wertbewußtsein erwacht. Er folgerte daraus, daß dem geistig und sozial entwickelten Menschen Gedankenmitteilung und Gespräch mit Gleichgearteten zu einer Vermehrung des Kräftevorrats verhelfe. Man müsse sich zu erkennen geben, war die Lehre, die er daraus zog; man dürfe sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Zufällig hatte er eine abgebrochene Brücke wieder geschlagen, vernachlässigtes Lebensgut in Sicherheit gebracht; und siehe, er befand sich wohl dabei. Die Färbung der Existenz war intensiver, der Schritt gewichtiger, der Blick bedeutender. Er blieb stehen, sog Luft in die Lunge, nahm eine Zigarre aus dem Behältnis und zündete sie an.

Das Ziel des Weges stand nicht im Einklang mit seiner Gehobenheit. Sechzehn Quadratmeter Raum und vier Betten: das eheliche Schlafgemach. Im Vorgefühl umfing ihn schon die trübe Enge. Die beiden Kinder, die sich von Zeit zu Zeit auf dem Lager wälzten und im Traum redeten. Kleider und Wäsche auf den Stühlen; Schuhe auf dem Boden; die Vorhänge über den Fenstern morsch; oval gerahmte Familienphotographien an den Wänden, deren Tünche zu bröckeln begann; die Decke vom Schlafdunst vieler Nächte geräuchert. Als sicher war anzunehmen, daß die Frau erwachen würde; mit den steifgeflochtenen Zöpfen würde sie sich aufrichten, blaß, vergrämt, verdrossen; würde fragen, wo er gewesen, warum er so spät kam; würde ihn mit ihren häuslichen Miseren quälen: etwa daß sie beim Händler kein Gemüse, beim Kaufmann keinen Zucker bekommen; daß weder Kohle, noch Holz, weder Brot noch Mehl im Hause sei; daß das ältere Töchterchen über Halsschmerzen geklagt und wahrscheinlich Fieber habe. Es wollte ihn bedünken, als gehe dies alles wider die Würde. Man war Beamter mit Machtbefugnissen. Es war ein Zwiespalt zwischen seiner Stellung im öffentlichen und im privaten Leben; unversöhnlicher Konflikt. Der Rechnungsrat in der Steuerverwaltung genoß Ehren; er wollte es nicht verkennen, noch mißachten. Menschen zitterten vor ihm. Menschenwohl und -wehe war in seine Hand gegeben. Der Gatte, der Vater war zur Geringfügigkeit verdammt, niedergezwungen auf die Straße der Vielen.

Er schob es fort. Es gelüstete ihn nach Aufmunterungen. Neulich hatte er auf demselben Weg ein Mädchen getroffen und war mit ihr gegangen. Ungeachtet ihres niedrigen Gewerbes, das zu verabscheuen er als Mann von makellosem Ruf und geachteter Position verpflichtet war, hatte sie ihm gefallen. Es gibt Heimlichkeiten in der Lebensführung, durch die man nur etwas aufs Spiel setzt, wenn sie aufhören, Heimlichkeiten zu sein, also wenn man unvorsichtig ist, wenn man Spuren hinterläßt, wenn man die Grenze nicht respektiert. Sabine Jäger war ihr Name. Ihre Haare waren gelb wie frisches Holz, eine anziehende Besonderheit; sie hatte Temperament und war verhältnismäßig noch unverdorben. Als sie davon gesprochen hatte, ihn wieder zu treffen, hatte er sich nicht ablehnend verhalten. In selbstbetrügerischer Zerstreutheit lenkte er den Schritt nach der Richtung, wo sie wohnte.

Da drang ein Gruß an sein Ohr. Betroffen drehte er sich um und erkannte den Agenten Jost, der ihm gefolgt war.

* * * * *

Er trug ein gelbes Mäntelchen, das kaum bis zu den Hüften reichte. In die schlottrigen Ärmel hatte er die Hände wie in einen Muff gesteckt. So trippelte er vorüber. Aber plötzlich zögerte er, wartete, bis Siebold herankam und sagte mit einer dünnen, hohen, quietschenden Stimme, es freue ihn, den Herrn Rechnungsrat noch getroffen zu haben; er habe nicht gewußt, daß der Herr Rechnungsrat in dieser Gegend zu Hause sei.

Zwischen Herablassung und Mißlaune brummte Siebold ein paar leere Worte, und jener machte Anstalten, weiterzugehen. Wieder trippelte er, wieder hielt er inne. »Weit ists,« seufzte er, zog die Hände aus dem Ärmelmuff und griff nach dem lächerlich flachen Melonenhut mit ausgefransten Rändern, den ein Windstoß zu entführen drohte; »man läuft sich die Füße wund, Tag für Tag. Ist mir nicht an der Wiege gesungen worden, daß es mir so ergehen soll. Darf ich mich Ihnen anschließen, Herr Rechnungsrat? Nur bis zur Ecke da droben, da ist meine Gasse; hinter der Atlantik-Bar. Schönes Lokal, die Atlantik-Bar, wie? Schöne Leute; immerfort Musik. Wer doch auch einmal lustig sein könnte; ei ja!«

Siebold wußte nicht recht, wie er sich zu benehmen habe. Von dem hergelaufenen, verlotterten Menschen angesprochen zu werden, verletzte sein Standesgefühl. Er kannte ihn kaum. Andererseits waren die Zeiten derart, daß man sich hochmütiger Regungen versehen mußte. Er verbarg seinen Ärger, als Jost mit unterwürfiger Zutraulichkeit an seiner Seite weiterging und hatte eine steif zurückhaltende Miene.

Mit der pfeifenden Stimme und vom schnellen Gehen atemlos fuhr Jost fort: »Da kenn ich einen, der ist dort angestellt als Wagenrufer. Ein alter Mann. Vor zwei Jahren hatte er noch ein Speditionsgeschäft und eine Villa. Vor zwei Jahren hat er noch in seinem Garten Rosen gezüchtet. Und jetzt ruft er die Wagen, vielleicht für solche, die früher Kratzfüße vor ihm gemacht haben.« Ein asthmatischer Husten unterbrach ihn. »Angst und bang wird einem, Herr Rechnungsrat,« quietschte er dann, »angst und bang. Das Schicksal ist wie ein Wolf. Tückisch schleicht es her und fällt einen an. Hab drei Kinder zu versorgen; acht Jahre das älteste. Ein Mädchen; ein gutes Kind; eine Seele wie Gold. Eveline heißt sie. Poetischer Name, wie? Nun, das ist der einzige Luxus, den sich die Armen leisten können. Ruft man sie, ruft man Eveline, so wird einem gleich ganz wohl. Sie verkauft Schuhbänder auf den Straßen, Schuhbänder aus Papierstoff; billig und schlecht. Vorige Woche komm ich gegen Abend heim, hängt mir das Fünfjährige am Stiegengeländer, außen am Geländer, unter sich den Abgrund, hängt und zappelt und schreit. Noch zehn Sekunden, Herr, und die Muskelchen haben keine Kraft mehr. Was sagen Sie dazu? Freilich, die armen Würmer sind sich selber überlassen. Die Mutter ist tot. Hin und wieder beaufsichtigt sie das Töchterchen vom Tapezierer nebenan. Aber darauf ist nicht mehr lang zu rechnen. Mit seinen vierzehn Jahren ist das Menschlein bereits schwanger. Der Vater ein Saufbold, der Bruder im Zuchthaus, nicht das Stück Brot zum Fressen, kaum ein Hemd auf dem Leibe, und trotzdem juckt sie das Fleisch. Und wenn man über die Stiegen geht, stolpert man über knochenkranke Kinder, und an den Türen steht ausgemergeltes Volk, und oben ist Elend, und unten ist Elend, und in der Mitte ist Elend. Hab ich da nicht recht, kann einem nicht angst und bang werden?«

Siebold räusperte sich. »Es lebt sich schwer heutzutage,« gab er widerwillig zur Antwort. Die Geschwätzigkeit des einfältigen Menschen, die unliebsame Begleitung vor allem, erregten seine Ungeduld, und er suchte nach einem Vorwand, sich loszumachen.

»Das ganze Leben ist ein finsterer Keller,« fing das Männchen mit seiner weinerlichen Stimme wieder an; »wenn ich mir so die Leute betrachte, mit denen ich zu tun habe, da wird mir, ich weiß nicht wie. Reden, reden, reden. Geschäfte; und was für Geschäfte! Wenn zwei beisammen stehn und wispern, so heißt das gewöhnlich, daß einem dritten die Gurgel zugedrückt wird. Ich komme zu ihnen in ihre Häuser; ob fein, ob nicht fein, ganz gleich, es liegt wie Unrat und Spülicht überall. Auf Tischen und Stühlen, in Schränken und Betten, überall Unrat und Spülicht. Ich glaube, irgendein Stern da droben, ein von Gott verfluchter, hat in irgendeiner Nacht all seinen Unrat und Spülicht auf uns heruntergeschüttet. Dem ist nicht beizukommen, nicht mit Wasser, nicht mit Feuer; Unrat und Spülicht, das klebt in alle Ewigkeit. Nun, wirds bald, sag ich, was redet ihr denn? was sinnt ihr? was macht ihr für Grimassen? was grinst und lacht ihr und laßt euch von einem Alten, der Rosen gezüchtet hat, eure Karossen rufen, wo doch das ganze Leben ein finsterer Keller ist? Heda, was werft ihr denn euern Jammer auf einen Haufen, daß man hineinstürzt und drin erstickt? Und ist der Zorn verraucht, so möcht ich mich am liebsten hinschmeißen und heulen, vom Morgen bis zum Abend, nichts als heulen. Zu denken: so ein Kind, eine vierzehnjährige Schwangere. Zu denken! Herrgott! Das halt ich nicht aus. Das raubt mir den Schlaf in der Nacht; ich liege und liege, und auf einmal seh ich dann den Weg nach Golgatha. Den großen, fürchterlichen, schmerzensreichen Weg nach Golgatha.«

Siebold blieb stehen. Er schleuderte den Zigarrenstummel fort und fragte streng: »Zu welchem Zweck erzählen Sie mir eigentlich das alles? Das ist doch der reine Blödsinn, mein Bester.«

Die schroffe Zurechtweisung beschämte den Kleinen sichtlich. »Es ist wahr, Herr Rechnungsrat, es ist lauter Blödsinn,« erwiderte er schüchtern. »Ich bin eben ein blödsinniger Mensch. Das sagen viele. Ich habe selbst am meisten drunter zu leiden. Es geht bei mir bis zu fixen Ideen. Zum Beispiel, Sie werden es kaum für möglich halten, zum Beispiel hab ich heut abend die Wörter gezählt, die in Ihrer Geschichte vorgekommen sind. Sollte man sowas glauben? Achthundertneunundachtzig Wörter, alles in allem, genau gezählt. Hab mich schlafend gestellt und dabei gezählt. Ich höre, versteh auch den Sinn, zugleich arbeitet das Hirn wie eine Additionsmaschine, klapp, klapp. Kann mir nicht helfen, muß zählen. Achthundertneunundachtzig Wörter, ein ganzer Zeitungsartikel. War aber auch sehr spannend, Herr Rechnungsrat; wirklich, mein Kompliment, eine spannende Geschichte. Aber in der Nacht, wenn ich liege und in die Finsternis stiere, dann marschieren die sämtlichen Wörter an meine Bettstatt, stellen sich der Reihe nach auf wie die Zinnsoldaten, und da begreif ich erst die Meinung, da wird mir alles erst klar, und da seh ich dann den Weg nach Golgatha, wie gesagt. Ein schlimmer Zustand. Es ist kein Spaß, wenn man jede Nacht und jede Nacht auf den Weg nach Golgatha geschleppt wird. Ich muß einmal zum Doktor. Ich muß mich einmal untersuchen lassen.«

Siebold überlief es kalt. Die Reden und das Gebaren des lumpenhaften Menschen beunruhigten ihn allgemach. Daß er es mit einem Verrückten zu tun hatte, stand fest. Entschlossen, sich von der unangenehmen Gesellschaft zu befreien, murmelte er bei der nächsten Straßenabzweigung einen mürrischen Gruß und entfernte sich rasch.

* * * * *

Glückliche Organisation befähigte ihn, leicht zu vergessen. Ist ein Mann aus Neigung wie aus Eignung Beamter, so bilden die täglichen Obliegenheiten seine Schutzwache. Berufsgewalt erhöht ihn.

Weiter: Teil 10 von 10