Der Wendekreis: Erste Folge
Project Gutenberg's Der Wendekreis - Erste Folge, by Jakob Wassermann
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 10 Teile geteilt.
Es war jetzt drei Uhr nachmittags. Bis sechs Uhr mußte also Anastasia eine Stätte für ihren Schützling gefunden haben. Sie irrte eine Weile durch die Straßen, ging bald in dieses, bald in jenes Haus, kehrte aber immer vor den Türen wieder um, weil sie überall eine abschlägige Antwort oder gar Verrat fürchtete. Da verfiel sie in ihrer Bedrängnis auf den Gedanken, Nadinsky in eines jener Häuser zu bringen, in denen an Liebespaare Zimmer vermietet werden, nur dort war es nicht notwendig, einen Paß vorzuweisen; wenn er noch zwei Tage Ruhe und Pflege haben konnte, war er gerettet, so hatte ihr der Arzt versichert, den sie am Morgen zu ihm geführt hatte, dann konnte er zur Grenze gelangen. Um den kühnen Plan durchzuführen, mußte sie aber eine Helferin haben, ein Geschöpf, dem man die Liebe glaubte und das stark, verschwiegen und klug war. Sie ließ alle jungen Damen, die sie kannte, an ihrem inneren Auge vorübergehen, aber keine schien ihr geeignet, eine solche Tat auf sich zu nehmen. Unter den Revolutionärinnen hatte Anastasia keine Bekannte, auch war es nicht geraten, einer Person zu vertrauen, die möglicherweise den Nachspähungen der Polizei ausgesetzt war; an eine Angehörige der untern Klasse oder gar an ein Frauenzimmer, das man bezahlen konnte, war nicht zu denken, es mußte eine Dame oder ein Fräulein aus der Gesellschaft sein.
Sie war ermüdet von den Anstrengungen der letzten Tage, und mehr um zu rasten als um eine Erfrischung zu nehmen, ging sie in eine kleine Konditorei an der Straße, trat in ein Nebenzimmer, in welchem ein dämmeriges Halblicht herrschte und wo zwei Frauen an einem Tischchen saßen und Schokolade tranken. Anastasia setzte sich in ihre Nähe, ohne sie zu beachten, merkte aber dann, daß die eine, die ältere Dame, sie fixierte und mit freundlichem Nicken herübergrüßte. Da erkannte sie die Frau; es war Anna Iwanowna Schmoll, die Gattin eines pensionierten Generals, die taubstumm war, und ihre Tochter Lukardis, ein etwa neunzehnjähriges Mädchen von nicht gewöhnlicher Schönheit. Kaum hatte Anastasia einen Blick auf sie geworfen, so sagte sie sich: Die muß es vollbringen und keine andere. Sie hatte vor Jahren im Hause des Generals Schmoll verkehrt, als Lukardis Nikolajewna fast noch ein Kind gewesen war, aber sie erinnerte sich ihrer wohl, sie hatte sich oft mit ihr beschäftigt, oft mit ihr gesprochen; sie erinnerte sich, daß das damals dreizehnjährige Geschöpf ihr stets in einer Weise aufgefallen war, wie es nur Menschen tun, die eine besondere Eigenschaft, eine besondere Kraft in sich verschließen; was für eine Eigenschaft oder Kraft es war, hatte sie nie ergründen können, soviel sie auch darüber gegrübelt hatte. Die Mutter war eine ziemlich einfältige Frau, fromm, apathisch und harmlos, sogar ihres Gebrechens nur dumpf bewußt.
Anastasia nahm am Tisch der beiden Platz und begann, nachdem sie die Generalin durch Mienen und Gesten nach ihrem Befinden gefragt, leise mit Lukardis Nikolajewna zu sprechen. Die Generalin blickte forschend auf ihren Mund, aber da sie der Unterhaltung nicht zu folgen vermochte, senkte sie bescheiden die Augen und störte das Gespräch durch kein Zeichen der Neugierde mehr. Anastasia spürte die Verwegenheit ihres Vorhabens mit beklommenem Sinn. Sie durfte keine Zeit verlieren; sie mußte sich kurz fassen; sie mußte in wenigen Sätzen alles sagen, das Außerordentliche verlangen, Lukardis innerstes Menschengefühl aufrühren und doch vorsichtig und listig sein, weil Zufall alles vereiteln, Ungeschick alles verraten konnte. Lukardis wußte wenig von den revolutionären Umtrieben; sie ahnte vieles, hatte jedoch weder Einblick noch Urteil; sie lebte in einer Sphäre sanfter Träume, mit der Erinnerung an Puppen und der Gegenwart hübscher Schmuckkästchen, mit dem Echo der neckischen Galanterien verheirateter Herren und der vorsichtigen Beteuerungen lediger und witterte doch, wie ein junges Waldtier, das fernes Jagdgetöse vernimmt, eine ungeheure Bewegung, Blut, Schmerz und Tod. Sie war zu handeln bereit, ohne es zu wissen; es gab Augenblicke, in denen sie eine leidenschaftliche Unruhe empfand, eine grundlose Ergriffenheit, einen Trieb, den Bezirk heuchlerischer Stille, in dem sich ihr Dasein formte, zu verlassen. Aber sie fürchtete die Welt, sie fürchtete die Menschen, sie erbebte vor jeder fremden Hand, die ihr gereicht wurde, ihr war, als ob alles trübe, ja schmutzig sei, was außerhalb ihres Hauses, ihrer Kammer war, sie hörte Leute auf der Gasse nie ohne Schauder reden, sie vermochte keine Zeitung zu lesen, ohne daß sie neben dem Wilden und Rätselhaften, als welches sich ihr das Leben, das Draußen darstellte, auch etwas unendlich Beflecktes und Befleckendes fühlte, selbst die meisten Bücher, ein Vers, ein Gassenhauer, ein Witzwort erweckten diesen schrecklichen, nicht zu besiegenden Eindruck.
Regungslos hörte sie Anastasia zu. Ihr ovales Gesicht färbte und entfärbte sich wieder. Da war keine Lockung, kein Prickeln des Unbekannten, keine mädchenhafte Lüsternheit und ungestandene Aufregungslust; nichts anderes vernahm sie als den Ruf zur Pflicht. Nichts anderes las sie in den harten Zügen Anastasia Karlownas. Sie brauchte nicht einmal einen Entschluß zu fassen; was sie zu tun hatte, stand sogleich und unabänderlich fest. Sie war Braut. Seit sechs Wochen war sie mit einem Petersburger Adeligen, dem Staatsrat Michailowitsch Kussin, verlobt. Ihre Eltern und die Freunde des Hauses glaubten, daß sie an der Seite des reichen Mannes einem beneidenswerten Schicksal entgegengehe, auch sie selbst fühlte sich glücklich. Wenn es etwas gab, das sie irre machen konnte, war es der Gedanke an ihn, dem sie mit schwesterlichem Gefühl zugetan war. Aber als Anastasia, welche dies spüren mochte, eine Andeutung fallen ließ, um sie darüber zu beruhigen, runzelte sie die Stirn und erwiderte, sie bedürfe des Zuspruchs nicht, ihr Bräutigam werde niemals die Meinung hegen, daß sie etwas Schlechtes oder Häßliches begangen habe.
»Sie sind also dazu entschlossen?« fragte Anastasia leise, indem sie den Blick ihrer grauen Augen auf die Hand des Mädchens heftete.
»Ich bin dazu entschlossen,« antwortete Lukardis ebenso leise, ohne die Lider zu erheben. »Es ist nur noch eine Schwierigkeit –«
»Gibt es noch eine Schwierigkeit, wenn man dazu entschlossen ist?« fiel ihr Anastasia rasch und mit einem fanatischen Ton der Stimme ins Wort.
»Wie soll ich es anstellen, zwei Tage und zwei Nächte vom Hause wegzubleiben?« fragte Lukardis, die Finger ihrer weißen Hände verschränkend.
Anastasia starrte düster sinnend auf einen Kuchenteller.
»Nur das eine ist möglich,« fuhr Lukardis flüsternd fort, »ganz in der Stille zu verschwinden, der Mutter einen Brief zu schreiben –«
»Ja ja, ein paar Zeilen, irgend was und um Verschwiegenheit bitten und versprechen, bei der Rückkehr alles zu sagen. Aber auch Sie selbst müssen schweigen, Lukardis Nikolajewna,« setzte sie fast drohend hinzu. »Sie müssen schweigen, als ob Sie es nie gelebt hätten.«
Lukardis nickte bloß. Ihre Augen waren jetzt weit geöffnet und blickten geradeaus. Anastasia schärfte ihr aufs genaueste ein, wie sie sich zu kleiden und wie sie sich zu betragen habe und nachdem sie ihr noch gesagt hatte, wo sie sich einzufinden habe und zu welcher Zeit, flocht sie an das ernste Gespräch, das trotz seiner Gewichtigkeit kaum eine Viertelstunde gedauert hatte, einige Scherzreden an, um Lukardis zum Lächeln zu bringen und in der Generalin keinen Argwohn keimen zu lassen, erhob sich dann erleichterten Herzens und verabschiedete sich.
Sie ging zu Nadinsky und teilte ihm mit, was sie ausgerichtet. Er lag in dem armseligen Zimmer des Laboranten auf dem Sofa, und nachdem er sie angehört hatte, drückte er ihr die Hand und sagte: »Mein Leben ist so vieler Umstände nicht mehr wert, Anastasia Karlowna. Es ist ein verlorenes Leben.« Anastasia verwies ihm diese Worte; sie entgegnete, daß sie sich bessern Dank erhofft habe, als so mutlose Redensarten zu hören, und fing an, den Verband seiner Wunden zu erneuern. Nadinsky seufzte. »Was solls auch« sagte er mit müder Stimme, »mir ist nun alles anders, Auge, Hand und Gefühl. Wie von Gespenstern bin ich umgeben, ich empfinde gar nicht den Abschluß gegen die Welt. Ich sehe meine Mutter auf dem Gut. Sie ahnt noch nichts. Sie hat ihr Medaillon vom Hals genommen und betrachtet das Bild darin. Es ist ein Bild von mir. Sie weiß nicht, daß sie mich nie wiedersehen wird, sie weiß es durchaus nicht, trotzdem weint sie über dem Bild. Aber ich, ich fühle nichts. Mir ist alles so wesenlos geworden, weil ich nichts mehr zu lieben vermag.«
Anastasia hielt diese Reden für einen Ausdruck des Fiebers und schüttelte unwillig den Kopf. Eine Weile, nachdem es dunkel geworden war, fuhr ein Wagen am Toreingang vor. Anastasia hatte einen hübschen Anzug für Nadinsky besorgt, sie hatte ihm bei der Toilette geholfen, besah ihn jetzt noch einmal prüfend und geleitete ihn dann hinunter. Im Wagen saß Lukardis Nikolajewna Schmoll, tief verschleiert. Anastasia reichte ihr ein Paket mit Verbandzeug und sagte zu Nadinsky, daß sie ihn am zweiten Morgen zu einer gewissen Stunde und an einer gewissen Stelle des Bahnhofs erwarten und daß sie sich bis dahin einen Auslandspaß für ihn verschafft haben werde. Dann gab sie dem Kutscher die Adresse, winkte grüßend ins Fenster und der Wagen fuhr davon.
Schweigend saßen Lukardis und Nadinsky nebeneinander. Die Situation war zu ungewöhnlich, zu drohend, zu schicksalsvoll, als daß sie Verlegenheit hätten empfinden können. So oft der Schein einer Laterne hereinfiel, sah Lukardis, daß Nadinsky die Augen geschlossen hatte und daß sein Gesicht bleich war. Er hatte ihr die Hand gegeben, als er sich neben sie gesetzt hatte, das war alles. Sie ihrerseits fand, daß seine Nähe sie nicht schreckte und daß sie schweigen durfte.
Das Haus, zu dem sie fuhren, stand in einer entlegenen Gasse. Nadinsky mußte alle Kraft zusammennehmen, als sie ausstiegen. Er reichte seiner Begleiterin den Arm, doch führte sie ihn mehr als er sie. Er forderte zwei Zimmer. Man war beflissen, ihm gefällig zu sein. Er schleppte sich mit Mühe die Treppe hinauf, bewahrte mit Mühe die Haltung des Lebemanns, den ein flüchtiges Abenteuer beschäftigt. Dem Gebrauch des Hauses entsprechend, wurde ihnen ein Angestellter zu ihrer besonderen Bedienung überwiesen. Dieser Mensch stak in einer silberbetreßten Livree, hatte boshafte, aufmerksame Kugelaugen, ein unveränderliches, abgeschmackt einladendes Lächeln auf den dicken Lippen und war demütig. Lukardis spürte, wie sich ihr Herz bei seinem Anblick zusammenzog. Er deckte den Tisch, blieb hündisch lauschend stehen, während Nadinsky mit erschöpfter Gleichgültigkeit die Speisen, die Weine, den Sekt bestellte, und sein messender Blick schien zu verlangen, daß die beiden auch wirklich waren, was sie zu sein vorgaben. Lukardis war geschminkt; sie hatte ein dekolletiertes Kleid angezogen; sie durfte sich nicht geben, wie sie sonst war; die kindliche Unschuld, von der ihre Miene sonst strahlte, mußte sich in Leichtfertigkeit verwandeln; sie mußte gesprächig sein, Koketterie zeigen, mußte lachen, mußte den Arm um Nadinskys Schultern legen und sich bisweilen auf seinen Schoß setzen, sie mußte passionierte, übermütige, verführerische Gebärden haben; was sie nie beobachtet, nie zu sehen gewünscht, nie anders als schaudernd bedacht, nur durch flüchtige Worte und flüchtige Bilder mit abgewandtem Ohr und Auge erfahren, das mußte sie tun, um jenen Menschen zu täuschen, der mit Tellern, Schüsseln, Gläsern und Flaschen hereinkam, den Sekt in den Eiskübel stellte, die Speisen servierte und dann schweigend, lächelnd, hinter niederträchtig gesenkten Lidern spähend auf Befehle harrte. Sie mußte es um der üppigen Lichter, der bunten Polster, der spiegelnden Wände willen tun, um dieses Hauses willen, dessen lügenhafter Prunk ihre Gedanken in Aufruhr versetzte. Damit nicht genug, durfte sie auch keinen Zweifel an der Echtheit und Natürlichkeit ihres Benehmens erregen; alles mußte wie von ungefähr sein, raffiniert und durchsichtig, ohne Zaudern und ohne Hast; sie mußte von den Speisen essen, sie mußte Wein und Champagner trinken, sowohl aus ihrem eigenen Glas, als auch, wenn der Diener draußen war, aus dem Glas Nadinskys, der nicht trinken, aber das volle Glas nicht vor sich stehen lassen durfte. Des Genusses geistiger Getränke durchaus ungewohnt, ward ihr bang und schwer zumut, und es kostete sie immer größere Anstrengung, die Rolle durchzuführen, die sie mit solcher Instinktgewalt und Aufopferung spielte. So oft der Kellner das Zimmer verließ, erhob sie sich; in ihrem Gesicht löste sich die furchtbare Spannung, um einem Ausdruck der Verstörtheit und der angstvollen Erinnerung Platz zu machen, denn ihr war, als seien viele Jahre verflossen, seit sie aus dem Elternhaus gegangen war. Nadinsky schaute sie dann mit einem schmerzlich verwunderten Blick an, suchte sie wie hinter Masken, beklagte sie stumm, klagte sich selbst mit einer Gebärde an und es wurde ihm nicht leicht, das studierte Lächeln wieder auf seine Lippen zu zwingen und mitzuspielen, wenn der Aufpasser zurückkehrte.
Als der Tisch abgetragen war, kam eine Magd, die ein weißes Häubchen auf dem Kopf trug; sie war jung und sah alt aus, ihr Gesicht war fahl vom beständigen Leben im Lampenlicht und in schlecht gelüfteten Räumen. Sie hatte Wasser zu bringen, das Feuer im Ofen zu nähren und nach den Wünschen des Paares zu fragen; sie redete mit süßlicher Stimme, aber ihre Züge waren versteinert vor Haß gegen die obere Welt, gegen die, die da kamen, um verächtlichen, eiligen Genüssen zu fröhnen. Die Knie wankten Lukardis, wenn sie den Blick auf die Person richten mußte, und sie schämte sich ihrer Füße, ihrer Hände, ihres Halses und ihrer Schultern. Endlich war auch diese Prüfung vorüber und sie konnte die Tür zusperren; sie waren allein. Von einer Turmuhr schlug es zehn Uhr. Die aushallenden Klänge vibrierten durch das Gemach. Nadinsky ging ins andere Zimmer zu dem Doppelbett, über welches ein blauseidener Baldachin gespannt war; er fiel kraftlos darauf nieder. Erst nachdem er eine Viertelstunde geruht, konnte ihm Lukardis beim Auskleiden helfen. Die Decke bis an die Brust gezogen lag er mit nacktem Oberkörper da. Es ist ein Mensch, sagte sich Lukardis, der plötzlich die Tränen in die Augen stiegen, und mit einer Art von Schrecken erinnerte sie sich an das rotwangige Antlitz Alexander Michailowitschs, ihres Verlobten. Sie wusch Nadinskys Wunden und erneuerte den Verband. Nadinsky spürte die zarte Hand wie man in einem Halbtraum Wohlgerüche spürt; zu danken war er nicht fähig; er fürchtete ihr Auge, er fürchtete sie zu beleidigen durch einen Blick des Dankes, er wünschte, sie möchte ihn nur als Leib ansehen, als Gegenstand ohne Gesicht und ohne Gefühl. Und so wie sie, halb entsetzt und halb erbarmend dachte: ein Mensch, so dachte er, halb beseligt und halb in Angst um sie: ein Wesen.
Er schlief ein. Lukardis setzte sich in einen Sessel und rührte sich nicht. Sie hatte in ihrem Täschchen ein Buch mitgenommen, aber sie wußte, daß sie nicht würde lesen können. Sie versuchte, an ihre Mutter, an ihren Vater, an ihre Freundinnen, an den letzten Ball, an die Oper zu denken, die sie zuletzt gehört, aber sie konnte nicht denken, alles verschwamm, alles enteilte. Sie hörte Nadinskys tiefe Atemzüge, sie sah sein blasses, hübsches, von Schmerzen ermüdetes Gesicht, aber auch er, den sie pflegen und bewachen sollte, war ihren Gedanken kaum erreichbar. Ihr schien, daß von ihrem Platz bis zu seinem Bett ein Weg von vielen Meilen sei. Sie lauschte. Sie vernahm Kichern auf der Treppe und schlürfende Schritte im Flur. Stimmen, Frauen- und Männerstimmen, drangen gedämpft durch die Wände, auch von oben herunter und von unten herauf. Gläser klirrten, dann wurde ein Klavier gespielt. Es war ein Walzer. Eine Saite des Instruments mußte gerissen sein, denn immer, wenn eine gewisse Stelle kam, entstand ein Loch in der Melodie wie die Zahnlücke im Mund eines Lachenden. Von irgendwoher schallte Geschrei, dann schwieg das Klavier, und an der Mauer zur Linken raschelte es. Dann war ein Seufzen, bei dem Lukardis das Blut in den Adern gerann. Sie roch den aufgespeicherten Parfüm aus verschlossenen Zimmern, sie hörte das Rauschen von Gewändern und wie man Türen öffnete und wieder schloß. Die Laute riefen Bilder hervor, sie konnte sich ihnen nicht entziehen, sie zitterte, und zitternd mußte sie schauen. So hatte sie die Welt nie verstanden, so das Leben nicht geglaubt. Begegnungen im Finstern, Hände, die einander fremd waren und einander dennoch hielten, ein Taumeln gegen jäh erhellte Spiegel, Übereinkommen in Worten ohne Scham, das Unbekannte entschleiert, das Geheimnisvolle leer, die Weihe besudelt, die heimlichen Schätze der Phantasie entwertet, ach, sie griff an ihr Gesicht, wurde der Schminke auf den Wangen inne und ihr Herz füllte sich mit Grauen.
Nadinsky schlug die Augen auf und stöhnte. Sie schritt den meilenlangen Weg bis zu ihm und reichte ihm ein Glas Wasser. Als sie seine Stirn fühlte und sie heiß fand, legte sie ein feuchtes Tuch darüber. Da erwachte er völlig und fing an zu sprechen. Er redete in kurzen Sätzen, sprach vom Hospital, vom Professor und von Anastasia Karlowna. Lukardis ließ zaghafte Worte in die Pausen fallen. »Morgen werde ich mich kräftig genug fühlen, um das Haus zu verlassen,« sagte er. Sie entgegnete: »Das ist unmöglich, Sie haben noch Fieber und Anastasia Karlowna erwartet Sie erst übermorgen früh um sieben Uhr.« Die sanft gesprochenen Worte durchleuchteten ihm ihr Gemüt, ihre bisher ungetrübte Jugend, ihre reinen und starken Sinne, aber er gewahrte nicht, daß sie fast beständig zitterte. Jetzt wurde das Klavier wieder gespielt, von einer andern Hand, roh, tumultuarisch und trunken, und während der ganzen Dauer des Spiels sahen Nadinsky und Lukardis einander gepeinigt in die Augen. Es war Mitternacht vorüber, und auf einmal wurde drunten dumpf gegen das Tor gepocht. Eine Glocke erschallte mit frechem Lärm. Nadinsky richtete sich halb empor. Seine Finger krampften sich zusammen, sein Blick war voll düsterer Erwartung. Lukardis stand auf und lauschte ohne Atem. Das Klavier schwieg. Es währte lange, bis das Tor geöffnet wurde. Schon hörten sie Schritte auf der Treppe, schauten entgeistert beide auf die Türklinke, harrten auf das Klopfen an die Tür, das ihr fürchterliches Los entscheiden mußte, und wirklich drangen Stimmen in hastiger Wechselrede bis zu ihnen. Aber dann wurde es still, und ihre Pulse begannen wieder regelmäßig zu schlagen. In diesen drei oder vier Minuten fühlten sie sich sonderbar vereint, ihre Kraft und ihre Furcht war gegen ein gemeinsames Ziel gerichtet, es war ihnen, als würden sie von einem Sturmwind in die Luft gehoben und Brust an Brust gegeneinander geschleudert, so daß sie sich mit den Armen umfassen mußten, um einer dem andern Hilfe zu gewähren beim drohenden Sturz. Lukardis vergaß sich selbst und Nadinsky vergaß sich selbst, er spürte nur die Angstglut in ihr, Verlust alles Glückes, Schande und Elend, sie aber ergab sich seinem Geschick, mutig und jetzt erst ahnend, wofür er sein Leben in die Schanze geworfen hatte.
Indessen übermannte den Fiebernden der Schlaf von neuem. Doch konnte er festen Schlummer nicht finden, solange die grellen elektrischen Flammen ihn blendeten. Aus Rücksicht für Lukardis enthielt er sich, den Wunsch nach Dunkelheit zu äußern, aber an der unruhigen Bewegung seiner Lider merkte sie, was ihn störte. So löschte sie die Lichter und zündete im Nebenzimmer eine Kerze an. Auch sie war müde, die späte Stunde wirkte wie ein lähmendes Gift auf sie, und sie sah sich nach einer Lagerstatt um. In diesem Raum war kein Bett, nur eine Ottomane; ihr ekelte vor dem Plüsch, mit dem das Möbelstück bezogen war. Ihr ekelte auch vor den Stühlen und vor dem Teppich. Bei der Schwelle zu Nadinskys Zimmer rollte sie den Teppich auf, warf ihren Pelzmantel auf den Boden und legte sich hin. Die Kerze ließ sie brennen. Aber so war sie dem Haus näher als vordem, hörte sie abgeteilt die bisher verschwommenen Geräusche, einen Ruf, ein Gelächter, ein einzelnes Wort, aber sie hörte auch, wie der Schnee an die Fensterscheiben schlug, und das milde Knistern beruhigte sie; sie hörte die Atemzüge Nadinskys, und dies mahnte sie an ihre Verantwortung. Jeder Atemzug knüpfte sie fester an sein Geschick. Die Wichtigkeiten ihres früheren Lebens wurden bedeutungslos, was sie dort getan, gewollt, gewesen, dünkte ihr kindisches Tändeln. Sehnsüchtig blickte sie zurück wie vom Bord eines Schiffes auf die versinkende Heimat. Sie schlief und schlief gleichwohl nicht. Nadinsky sprach ihr Trost und Mut zu, das war geträumt; er röchelte in einem Fiebertraum, das war Wachen. Im Traum war sie über ihn gebeugt und behütete ihn; im Wachen war sie an den Boden gekettet und vernahm den mänadischen Schrei eines Weibes. Als der Morgen graute, sah sie eine Ratte über den Teppich laufen. Das Tier schien phantastisch groß, daß es sich bewegte, war gespensterhaft; sie richtete sich kniend auf und suchte den Himmel zwischen den Spalten der Vorhänge. Sie gewahrte nur etwas Graues oben und weiter unten ein Fenster, aus welchem ein knochiges Gesicht lugte. Eine Sekunde zermalmender Hoffnungslosigkeit; sie schlich, nein, flüchtete zu Nadinskys Lager. Sein rechter Arm hing schlaff herab, Schweiß perlte auf seiner Stirn. Sein Anblick war ihr erschreckend fremdartig; schmerzlicher Haß loderte in ihrer Brust. Doch gab es auf der Welt keinen andern Menschen mehr, den sie so anblicken konnte; sie hatte viel von ihm zu fordern, ja alles, ohne ihn blieb ihr nichts übrig in der Welt als dieses Haus.
Bei ihrer Ankunft hatten sie nicht gesagt, wie lange sie in den Zimmern bleiben wollten; es war nicht gebräuchlich, sie länger als eine Nacht zu benutzen. Anastasias Plan war gewesen, daß sie sich über Mittag einschließen und dann den Wirt wissen lassen sollten, sie wünschten auch die folgende Nacht hier zu verbringen. Zu diesem Zweck sollten sie dem Diener und dem Stubenmädchen ein Goldstück geben. Aber man brauchte frisches Wasser für die Wunden, und Nadinskys Zustand heischte Nahrung. Es mußte auffallen, wenn sie zu früh läuteten, und wie sollten sie das Verweilen über den ganzen Tag rechtfertigen? Nadinsky war mit offenen Augen wortlos dagelegen, jetzt fing er selbst davon zu sprechen an. Er bat sie um seinen Rock und reichte ihr sein Portefeuille; zwei Goldstücke seien zu wenig, meinte er, man müsse fünfzig Rubel geben; Lukardis erwiderte, das verschwenderische Übermaß werde Verdacht erregen, und man müsse gewärtigen, daß der Eigentümer käme, um zu spionieren. Sie hielt die Geldnote mit bebenden Fingern, und nie war ihr Geld etwas so Wirkliches und zugleich so Unbegreifliches gewesen. Sie verhandelten beide mit äußerster Kälte, doch ihre Stimmen klangen erstickt. Eine Bemerkung Lukardis über das gemeine Gesicht des Aufwärters veranlaßte Nadinsky, ihr, spöttischer als er beabsichtigte, zu entgegnen, sie habe gewiß allzu behütet gelebt, wie in Wolle, und von denen, die da unten hausten, in Schmutz und bösem Wetter, könne keiner ihr Gefallen finden. Es war ein Empörungsversuch gegen das Joch der Dankbarkeit, das sie ihm auferlegte, die Begierde, sie aus sich herauszulocken und Licht und Dunkel in ihren Zügen wechseln zu lassen. Sie blickte traurig zu Boden. Sie gab ihm recht, und er war entwaffnet. Ihre Sanftmut rührte ihn, stachelte ihn aber immer wieder zur Grausamkeit an. Er wollte den Zufall nicht gelten lassen, der sie für achtundvierzig Stunden als Gefährtin an seine Seite gezwungen hatte, er fand sich schuldig an der Erniedrigung, unter der sie litt und zürnte ihr deshalb. Ihm war, als hätte sie, ehe sie ihn getroffen, nur weiße Gewänder getragen und von ihren schönen Lippen hallten nur leere Worte nach, die sie geredet, Abschaum ihrer verwöhnten Klasse. Jetzt erst wurde er zum wahren Rebellen, jetzt, in ihrer Nähe; seine Verborgenheit und seine Flucht kamen ihm schimpflich vor, und er hielt es für wahrscheinlich, daß ihn dies in Lukardis Meinung verkleinerte. Darum sagte er plötzlich, er wollte aufstehen und das Haus verlassen; er wolle sich zeigen, es läge ihm nichts daran, ja es sei seine Pflicht, das Los so vieler Gerichteter zu teilen, die mehr erreicht und mehr gewagt hätten als er. Wem könne er noch nützen, nachdem er über die Grenze geflohen? Dem Volke nicht, den Freunden nicht, seiner unglücklichen Schwester nicht.
Lukardis beschwor ihn, sich zu fassen. Nur allgemeine Gründe konnte sie nennen, nur mädchenhafte Argumente finden. Aber als er verstockt blieb, nahm sie einen gebieterischen Ton an und sah aus wie eine junge Königin. Plötzlich verstummte sie. Sie hatte Schritte gehört. Sie hob den Zeigefinger der rechten Hand und preßte ihn auf ihren Mund. An der Tür stand jemand und lauschte. Ihr stolzer Blick wurde schutzflehend, und Nadinsky senkte den Kopf. Da entschloß sich Lukardis zu dem, was nötig war. Sie schritt auf den Zehen zur Tür, schob den Riegel auf, eilte dann gegen das Bett zurück, schlüpfte schnell unter die Decke neben Nadinsky, zog die Decke bis an ihren Hals, griff nach dem Knopf der elektrischen Klingel, der an einer langen Schnur zu ihren Häuptern herabhing und läutete. Atemlos lagen sie beide da, bis es an der Tür klopfte. Es war die Magd, und sie empfing, an der Tür stehenbleibend, mit nornenhafter Düsterkeit Nadinskys Befehl, frisches Wasser zu bringen und den Kellner zu rufen, damit man das Frühstück bestellen könne. Sie holte zwei Krüge voll frischen Wassers und dann kam der Aufwärter. Sein lauernder Blick durchmaß den Raum und auch den andern, soweit er ihn erspähen konnte, und es war Lukardis, als suche er ihre Kleider, mit denen sie im Bett lag, ein Umstand, der seinen Argwohn zu erregen geeignet war. Sie schloß die Augen, denn diesen Menschen zu sehen war ihr entsetzlich. Nadinsky hatte die Fünfzigrubelnote wieder genommen und gab sie jenem. »Zwanzig sind für das Mädchen, dreißig für dich,« sagte er in einem bemeistert lässigen Ton, »wir wollen noch bis morgen früh bleiben, wenn es geht.« Der Aufwärter verbeugte sich fast bis zur Erde; ein so reiches Geschenk hatte er nicht erwartet. Auch die Magd, die Kohlen in den Ofen warf, kam herzu und wollte Nadinsky die Hand küssen. Er wehrte sie ab. »Wenn es den Herrschaften gefällt, ist sicher nichts einzuwenden,« sagte der Kellner mit einer katzenhaften Gebärde und blinzelte. Nadinsky verlangte ein Frühstück. Es dauerte eine Viertelstunde, bis der Tee mit allem Zubehör gebracht wurde. Indessen lag Lukardis wie auf glühendem Rost. Ihren ganzen Leib durchdrang etwas, das sie nicht bezeichnen konnte, ein Gefühl, aus Kummer und Furcht gemischt, und ihr Antlitz überzog sich mit tödlicher Blässe. Nadinsky rührte sich nicht, ihre Empfindung teilte sich ihm mit, er begriff ihre Qual und vermied es, die Augen gegen sie zu wenden. Der Aufwärter hatte den Tisch gerichtet, verbeugte sich abermals bis zur Erde und entfernte sich. Auch die Magd war fertig, und nun schleuderte Lukardis die Decke weg und erhob sich wie vor Feuer flüchtend. Sie verriegelte die Tür und öffnete ein Fenster. Ihr Haar hatte sich gelöst, sie ließ es ruhig hängen, denn es bedeckte ihre entblößten Schultern. Eine Stunde früher hätte sie sich so vor Nadinsky nicht zeigen mögen, doch seit sie neben ihm gelegen, hüllenlos trotz aller Hüllen, preisgegeben ohne Maß, empörten Blutes, seiner Gnade völlig überwiesen, war es nicht mehr von Belang, daß die Haare von ihrem Haupt herabhingen.
Als das Zimmer von frischer Luft erfüllt war, schloß sie das Fenster und sagte zu Nadinsky, es sei notwendig, den Verband zu wechseln. Schweigend entledigte er sich des Hemdes. Da erwies es sich, selbst Lukardis unkundiges Auge konnte es feststellen, daß die Heilung der Wunde beträchtlich fortgeschritten war, auch hatte Nadinsky kein Fieber mehr. Lukardis war schon gewandter als gestern im Legen und Knüpfen der Binde, und nachdem sie die Verrichtung beendet hatte, reichte sie ihm Milch und Brot. Er wünschte ein wenig Tee in die Milch, und sie gehorchte. Sie selbst nahm nur etwas in Hast zu sich, als grolle sie dem Körper wegen seines Hungers. Im Hause war es sonderbar still. Auf der Straße rollten Wagen und schrien Kinder. Nadinsky verfiel wieder in Schlaf. Lukardis begab sich ins Nebenzimmer. Sie zog ihre Halbstiefel aus, um kein Geräusch zu machen und ging stundenlang auf und ab, wobei sie in beiden Händen Strähnen ihres Haares hielt. Manchmal blieb sie stehen und sann. Manchmal betrachtete sie die Bilder an den Wänden, ohne sie wirklich zu sehen. Eines stellte eine Leda dar, die den Schwan zwischen ihren Knien hielt. Neben der Tür hing ein anderes: ein deutscher Student mit einem Ränzel auf dem Rücken schwenkt die Kappe gegen ein Haus, aus dessen Fenster ein Mädchen mit zwei langen Zöpfen schaut. In den großen Spiegeln spiegelten sich die zwei Zimmer und die gegenüberliegenden Spiegel, und es zeigte sich das Bild einer endlosen Folge von Räumen; in allen Räumen war die Leda in ihrer häßlich fetten Nacktheit und der sentimentale Student und viele, viele Male das Bett mit dem schlummernden Nadinsky und darüber ein Bild des Kaisers Nikolaus, viele Male bis in dämmernde Ferne. Oft stand sie auch am Fenster und sah die Wagen und die Kinder, den Schnee auf den Simsen, Gesichter hinter trüben Fensterscheiben und es schien ihr, als ob sich auch dies viele Male wiederholte bis in dämmernde Ferne. Wo war die Welt hingeschwunden? Wo war alles, was sie geliebt, mit arglosen Sinnen umfangen? Wo war sie selbst, Lukardis, die in einem zierlichen Mädchenboudoir gelebt? Wo Alexander Michailowitsch, der immer rote Backen hatte und immer lächelte? Und wo war das glänzende Moskau mit den verlockenden Auslagen seiner Läden, den freundlichen Bekannten, die man überall traf, den eleganten Offizieren und heiteren Frauen? Wo war die Welt hingeschwunden? Sie sah nur den Mann, der in den vielen Räumen vieler Spiegel lag; sie sah seine Wunde vor sich, in vielen Spiegeln die Wunde auf der weißen Haut, und sie glich einer Flamme, der sie verzaubert folgen mußte.
Die Glocken schlugen mittag, und dann dauerte es noch lange, wie lange, konnte sie nicht ermessen, bis Nadinsky erwachte. Er setzte sich aufrecht, und sie näherte sich ihm zögernd. Mit unerwarteter Entschiedenheit sagte er, sie müsse gehen, wenn die Dunkelheit eingebrochen sei, er fühle sich jetzt kräftig genug, um allein zu bleiben und werde dem Kellner zu verstehen geben, daß sie in der Nacht zurückkehren wolle. In der Nacht werde sich dann niemand mehr darum kümmern. Lukardis schüttelte den Kopf. Sie antwortete, es geschehe ebensowohl um ihret-, als um seinetwillen, wenn sie bleibe; die Wunde sei erst im Beginn des Vernarbens und müsse mindestens noch zweimal gewaschen und verbunden werden; wenn sie ging und ihn darnach ein Unglück traf, würde sie nie wieder schuldlos atmen können. Nadinsky schaute forschend in ihr Gesicht; dann streckte er den Arm aus, so daß sie ihm die Hand reichte. In demselben Moment erschraken beide. Es war wie eine beglückende, aber unheilvolle Verwandlung, die jeder in des andern Augen erlitt. Da trat Lukardis klopfenden Herzens vor einen der Spiegel und steckte ihr Haar wieder auf, aber ihre Finger zitterten dabei. Wenn er ihr jetzt befohlen hätte, zu gehen, hätte sie wahrscheinlich keinen Widerstand mehr geleistet. Doch fing er an, zu klagen, daß er nicht den ehrlichen Tod im Kampf gestorben; was wolle er in den fremden Ländern, ewig wandernd, ewig den nagenden Gram um die gequälten Brüder in der Seele und mit der Sorge um das bloße Leben? Denn er sei nicht reich, habe viele Schulden und das mütterliche Gut sei in Gläubigerhänden. Durch so viel Mutlosigkeit entmutigt, blieb Lukardis still vor dem Spiegel stehen und schaute ihr übernächtiges Gesicht an. Er fuhr fort und schmähte seine Tat; er habe nicht gewußt, was er auf sich genommen, es sei ein Trieb gewesen, kein Entschluß; so seien Helden nicht beschaffen, daß sie sich dem Ungefähr auslieferten, um zermalmt zu werden. Und sie, nun wandte er sich gegen Lukardis, die mit ihm in diese Kloake der großen Stadt geflohen, habe sie in klarer Erkenntnis gehandelt oder nicht vielmehr sich hinreißen lassen durch ein Gefühl, dem Mitleid nachgegeben, dem Reiz des Absonderlichen, der Verführung einer schwärmerischen Freundin? Sei sie nicht erschüttert und durchwühlt, von medusischen Visionen aller Kraft beraubt? »So sind wir alle,« rief er zum Schluß und warf sich in die Kissen zurück, »Ausgelieferte, Hingeworfene, Bettler der Phantasie, Opfer des Augenblicks, Getäuschte unserer Taten.«
Da ging Lukardis und setzte sich auf den Rand seines Bettes. Ruhig und fest blickte sie in sein Gesicht. Ihr Auge leugnete seine Worte, im Ausdruck ihrer Züge war eine seelenvolle Harmonie. Es war als ob die göttliche Natur in einfacher Stummheit der Verwirrung seines Herzens zu Hilfe käme. Ein Strahl von Glück flog über Nadinskys Stirne, und sein zweifelsüchtiger Geist beugte sich beschämt. Unbeirrbare Zuversicht strömte von ihr aus und trug ihn über Stunde und Raum hinweg. Es dunkelte und wurde Nacht; sie blieben im Finstern und ohne zu sprechen. Als dann die Zeit gekommen war, wo sie die Komödie wieder spielen mußten, die das Haus forderte, machte Lukardis Licht, zog die Gardinen zu und ging ins zweite Zimmer, damit sich Nadinsky ankleiden konnte. Nach einigen Minuten rief er sie, weil er ohne Hilfe nicht in die Ärmel seines Rocks zu schlüpfen imstande war. Wie am Abend vorher wurde das Diner serviert; wie am Abend vorher bediente der Aufwärter in silberbetreßter Livree, noch demütiger, noch abgeschmackter lächelnd, noch wachsamer hinter seiner heimtückischen Grimasse. Unlustig aßen sie und vermieden es einander anzuschauen; nur ihre Hände waren bewegt, lautlos gehorsame Geister huschten sie hin und her, den Augen des Spions Harmlosigkeit vorlügend. Lukardis spielte ihren Part heute schlecht; ihr Lachen klang gekünstelter, ihr Getändel weniger glaubhaft. Nadinsky erleichterte ihr die Aufgabe, indem er ihr in einer Pause, wo sie allein waren, zuflüsterte, sie wollten streiten. Er erfand den Namen einer Gräfin und behauptete, das Perlenkollier, das die Gräfin Schuilow beim letzten Jour der Fürstin Karamsin getragen, sei falsch gewesen. Lukardis widersprach. Er nahm eine verdrossene Miene an und beharrte auf seiner Meinung. Eine glühende Röte überzog Lukardis Wangen, denn diese Heuchelei innerhalb der Heuchelei erweckte ihr Erstaunen und eine dunkle Furcht vor Nadinsky. Der livrierte Mensch ging und kam, schenkte den Sekt in die Gläser, und seine Miene zeigte ein albernes Bedauern, als sei er nur an täubchenhaftes Girren gewöhnt. Zum Schluß erhob sich Nadinsky unmutig und herrschte den Kellner an, er möge abräumen. Lukardis bittender Blick setzte ihn in Verwunderung. Er tat, als bereue er sein Ungestüm und schritt mit ausgestreckten Händen auf sie zu. Der Kellner grinste erfreut. Lukardis stand ebenfalls auf und schmiegte nun den Kopf an seine Schulter, aber nur, um ihm zuzuraunen, er dürfe nicht vergessen, für den nächsten Morgen den Wagen zu bestellen. Nadinsky nickte, wandte sich an den Diener und gab den Auftrag, der Wagen sollte um die sechste Morgenstunde am Tor sein. Der Mensch verbeugte sich schweigend und wollte gehen.
Auf einmal erschallte ein durchdringender Schrei. Ein zweiter, ein dritter Schrei folgte. Lukardis faltete erschrocken die Hände, und Nadinsky blickte unruhig zur Tür. Der Kellner hatte die Tür geöffnet; er trug eine metallne Platte und hielt die Tür offen. Ein halbnacktes Frauenzimmer stürzte vorüber. »Die Tür schließen,« hauchte Lukardis wie entseelt. Da krachte ein Schuß. Das schauerliche Brüllen eines Mannes erfüllte das ganze Haus. Nadinsky schob den Aufwärter über die Schwelle und schlug die Tür zu. Ein paar Minuten lang blieb es still, dann gings treppauf, treppab in schnellen, bestürzten Schritten. Stimmen murmelten, eine befehlende Stimme klang von unten, eine jammernde antwortete von oben. Darnach kam ein so herzzerreißendes Schluchzen, daß Lukardis händeringend zur Ottomane lief und sich, das Gesicht vergrabend, darauf niederwarf. Auch auf der Straße schien es nun lebendig zu werden. Es wurde ans Tor gepoltert. Man hörte deutlich die Stimme eines Polizisten. Im Flur tönten Schritte, als ob jemand vorbeigetragen würde. Der Diener kam herein; mit zerknirschtem Gesicht wandte er sich an Nadinsky und sagte: »Ich bitte Eure Exzellenz ganz unbesorgt zu sein, ich bitte die Dame, sich zu beruhigen. Es ist ein unbedeutendes Malheur passiert. Eure Exzellenz werden nicht mehr gestört werden.« Darauf verschwand er. Nadinsky trat zu Lukardis, setzte sich neben sie und streichelte mit bebenden Händen ihr Haar. Zusammenschauernd bei seiner Berührung, erhob sie den Kopf und verbot ihm, dies zu tun. Er entfernte sich von ihr und war des Lebens überdrüssig. Sturm rüttelte an den Fenstern und plötzlich, wie zum Hohn, erschallte wieder das Klavier, derselbe Walzer wie gestern mit derselben zahnlückigen Melodie. Aber lag nur ein Tag dazwischen? nur ein Tag und eine Nacht? waren nicht Jahre seitdem verflossen? hatten diese Jahre nicht alle Bilder und Stimmungen des Daseins vorübergetragen, Lust und Schmerz, Glanz und Armut, Erwartung und Enttäuschung, Gewinn und Verlust, Traum und Tod? Und war dies schon das Ende? Stand nicht eine Nacht bevor, eine unendliche, geheimnisvolle Nacht? Nadinsky war es zumute, als ob er seit jenem Augenblick, wo er die Barrikade erstiegen und die Wunde erhalten hatte, in eine neue Existenz mit bisher unbekannten Bedingungen und Forderungen getreten sei, als ob die frühere Existenz mit allen ihren Beziehungen von ihm losgelöst sei und als ob er in dieses Haus gekommen wäre, um sein eigentliches Schicksal auf sich zu nehmen, von Vergangenheit und Zukunft geschieden, ja ohne Brücken dahin und dorthin.
Beklommen und erregt fiel er auf sein Bett. Nach einer Weile kam Lukardis. Es war kein Licht im Zimmer, nur im Speisezimmer brannten die Lampen. In den Spiegeln dehnten sich die Räume grau und unbestimmt. Lukardis sah nach, ob noch Wasser da war; der eine Krug war noch voll, und nachdem Nadinsky sich entblößt, wusch sie die Wunde. Während sie aus ihrer Handtasche das frische Verbandzeug nahm, fiel ein Buch heraus, und als Nadinsky verbunden war, bat er, sie möge ihm vorlesen. Sie setzte sich auf einen Stuhl und las aus dem Buch vor. Es waren Lermontows Gedichte. Nur wenige Minuten hatte sie gelesen, da fielen ihre Arme schlaff nieder, der Kopf sank zur Seite und der Schlaf überwältigte sie. So ohne Widerstand und Übergang entschlummern Kinder; Nadinsky hütete sich vor jeder Bewegung; seine Blicke hingen an ihrem Antlitz, und es war ihm, als müsse sein eigenes Gesicht an jedem Wechsel des Ausdrucks teilnehmen, welchem ihre Züge unterworfen waren. Wunderbarer Friede kam in sein Gemüt. Er streckte die Glieder und atmete wie in der Luft eines Gartens. Nun regten sich ihre Lippen. Sie flüsterte, sie lächelte zärtlich, die Hände ballten sich und das Buch fiel von ihrem Schoß auf den Teppich. Sie erschrak, öffnete die Augen, ein entsetzter Blick flog durch das halbdunkle Zimmer, dann schlief sie weiter. Doch nun schien die Gewalt des Schlafes immer größer zu werden, der Oberkörper verlor das Gleichgewicht, sie wäre zu Boden geglitten, wenn sie Nadinsky nicht in seinen Armen aufgefangen hätte; er umschlang ihre Schultern und legte die Schläferin vorsichtig quer über sein Bett. Ihre Beine blieben auf dem Sessel liegen, ihr Kopf ruhte auf seinen Oberschenkeln, ihre Arme waren über dem Haupt gekreuzt, die Brust hob und senkte sich in starken Rhythmen. Allmählich fühlte sich Nadinsky beschwert, das Blut in den Schenkeln stockte und er hatte Mühe, so regungslos zu bleiben wie am Anfang. Er ließ sich langsam auf die Kissen zurückfallen, schob die Hände unter die Decke und unter den Rücken des Mädchens und versuchte, die Schlummernde auf diese Art zu stützen. So gelang es ihm, sich Erleichterung zu schaffen; einmal trugen die Arme, einmal die Schenkel und Knie die Last. Dabei empfand er eine glühende Freudigkeit, nicht nur, weil er ihr die Sorgfalt und Mühe vergelten konnte, sondern auch, weil sie so dicht bei ihm war, so nahe als Kreatur, so unbedingt in seiner Hut. Oftmals betrachtete er sie, gedankenvoll entzückt, und ihr Leben, ihr Schlaf, ihr unbewußtes Dasein, die Gliederung des Menschenkörpers, an dem jede Linie eine sinnvolle Schranke gegen das Chaos der Welt bildete, gab ihm ein unendlich beglückendes Gefühl der wiedergewonnenen Herzenskraft.
Stundenlang hatte sie geschlafen, als die Trommel einer auf der Straße vorübermarschierenden Militärpatrouille sie erweckte. Nadinsky hatte sich eben zum Sitzen aufgerichtet, da begegnete er ihrem Blick, in dem sich eine dumpfe Verwunderung malte. Zuerst schienen die Augen heiter strahlen zu wollen, dann hüllten sie sich in Schleier der Scham; sie stieß einen hellen, kleinen Schrei aus, sprang empor, und ihr Gesicht war wie mit Blut übergossen. Sie drückte die Hände gegen die Brust und sah stumm vor sich nieder. Ihre Befangenheit schwand nicht, auch als Nadinsky mit ihr sprach. Er zwang sich gleichgültige Worte ab, erkundigte sich nach dem Wetter und nach der Zeit. Sie antwortete zerstreut, und ihre Miene war bald scheu und ängstlich, bald dankbar und heimlich fragend. Zum letztenmal wusch und verband Lukardis die Wunde Nadinskys, und während sie es tat, hatte sie Mühe, ihre Fassung zu bewahren; die Welt draußen erschien ihr wie der aufgesperrte Rachen eines Tieres. Die Uhr zeigte ein Viertel vor sechs, sie mußten ihre Vorbereitungen treffen. Nadinsky war immer stiller und stiller geworden; als er angekleidet zu Lukardis ins Nebenzimmer trat, war er sehr blaß. Er setzte sich an den Tisch. Lukardis setzte sich gleichfalls, ihm gegenüber; sie hatte den Hut auf, den Pelzmantel an und die Handtasche stand zu ihren Füßen. So warteten sie stumm, mit abgekehrten Blicken, bis es Zeit war, daß sie gehen konnten.
Endlich vernahmen sie von der Straße her das Knattern von Wagenrädern, und bald darauf klopfte es an die Tür. Der Kellner trat ein, diesmal ohne Livree; er trug einen verschmierten Schlafrock, die Haare hingen ihm in öligen Bündeln über die Stirn und sein Gesicht war mürrisch und böse. Er präsentierte die Rechnung, Nadinsky zahlte, gab auch gleich das Fahrgeld für den Kutscher, dann gingen sie hinab. Zwei Eimer voll Kehricht standen am Fuß der Treppe, und auf der Torschwelle lag ein schwarzer Hund, der ihnen schnuppernd bis zum Wagen folgte. Kein Mensch war in den Gassen zu sehen, schweigend fuhren sie den langen Weg.
In einem der inneren Räume des Bahnhofs stand Anastasia Karlowna an einer Säule. Sie begrüßte die beiden und fragte nach Nadinskys Befinden. Dann übergab sie ihm den Paß und einen Koffer, der die notwendigen Gegenstände für die Reise enthielt. Sie eilten auf den Perron, und Nadinsky stieg in das Kupee. Nach einigen Minuten kam er wieder heraus, schritt auf Lukardis zu und reichte ihr die Hand. Eine unbesiegbare Schwäche im Nacken verhinderte sie, den Kopf zu heben und ihm das Gesicht zuzuwenden. Dann ergriff er noch ihre andere Hand, die linke mit seiner linken, und die vier Hände lagen beieinander wie Glieder einer geschmiedeten Kette. So verharrten sie einen Augenblick und erschienen sich selbst als Figuren in einem Traum. Anastasia Karlowna machte warnende Zeichen, da kehrte Nadinsky mit schleppendem Gang zum Waggon zurück und klomm die Treppe hinauf. Er trat ans Fenster, in dessen schwarzer Umrahmung und im Grau des Nebels war sein Gesicht ein kreideweißer Fleck. Nun ertönte die Pfeife, und langsam rollte der Zug aus der Halle.
Als Lukardis nach Hause kam, fand sie ihre Mutter in Tränen aufgelöst. Die Frau hatte nicht gewagt, ihrem Gatten von dem Brief der Tochter Mitteilung zu machen und ihm deren Verschwinden durch mühevolle Listen verheimlicht. Es gab eine sonderbare Auseinandersetzung zwischen Lukardis und der Mutter, eine Szene, bei der die taubstumme Frau in der erregtesten und flehendsten Weise gestikulierte, während das Mädchen nur den Kopf schüttelte und mit keinem Laut, keiner Gebärde sonst antwortete. Allmählich wurde die Generalin von einer heftigen Sorge um Lukardis ergriffen, die sich in Bestürzung verwandelte, als Lukardis sich beharrlich weigerte, den Staatsrat Kussin zu sehen, der für einige Tage nach Moskau gekommen war. Auch der Zorn des Vaters fruchtete nicht, sie sah nur still und ohne zu sprechen vor sich nieder. Die Verlobung mußte gelöst werden, und beflissener noch als zuvor wich Lukardis den Menschen aus, den Freunden, den Fremden, der Mutter, dem Vater, den Schwestern. Sie war ganz in sich gesunken, ganz verwandelt, und da die Ärzte den Rat erteilten, sie auf Reisen zu schicken, ging die Generalin mit ihr nach Paris, später ans bretonische Meer. Eines Nachts überraschte die Mutter sie, wie sie auf den Fliesen der Terrasse ihres Zimmers lag, die Hände hinter dem Kopf verschränkt und mit weitgeöffneten, unbeschreiblich strahlenden Augen in den gestirnten Himmel schaute. Der Ausdruck ihres Gesichts zeugte von einer grenzenlosen, den meisten Menschen unbekannten Einsamkeit.
Nadinsky blieb verschollen. Einige Leute behaupteten, er lebe auf einer Farm im westlichen Kanada. Niemals hat Lukardis seinen Namen erfahren, niemals er den ihren.
Ungnad
Länger als zwölf Jahre dauerte nun die Liaison zwischen Erasmus Ungnad und Gräfin Marietta Giese, und Georg Ulrich Castellanis boshafte Bemerkung, es sei bald an der Zeit, sie in die Galerie berühmter Liebespaare einzureihen, zeigte zum mindesten den Grad der Verwunderung unter manchen Freunden an, vom Mißfallen anderer zu schweigen. Doch die Freunde hatten so wenig Einfluß darauf wie die Familie, die Rücksicht auf die Karriere so wenig wie der Gedanke an persönliches Behagen. Im Grunde stand man vor einem Rätsel. Erasmus war nichts weniger als ein Toggenburg; Ausharren war sonst seine Stärke nicht; Marietta nichts weniger als ein Käthchen, im Gegenteil, eine Frau von Welt, ein überlegener Charakter.
In gewissen Zeitabständen erfolgte ein Bruch. Beiden schien es jedesmal damit Ernst zu sein. In kameradschaftlichen Auseinandersetzungen, brieflich oder mündlich, verständigten sie sich, daß es für das Wohl des andern wünschenswert und notwendig sei, wenn sie auseinandergingen und daß es der gegenseitigen Achtung zum Vorteil diene, wenn es in Frieden und Herzlichkeit geschähe. Sie gaben einander in aller Form frei; zwei Monate darauf war gewöhnlich die Verbindung wieder hergestellt. Erasmus Schwester Francine wußte in solchen Fällen keine triftigere Erklärung, als daß sie Marietta eine dämonische Natur nannte. Drei Jahrhunderte zurück, und sie hätte sie in ihrer Erbitterung öffentlich der Hexerei angeklagt.
Nach seiner Rückkunft aus Japan im Jahre 12 schien die Loslösung nachhaltig zu sein. Er hatte in Tokio einen vielbeneideten Vertrauensposten bekleidet; sein Chef, der Minister des Äußern, großer Herr damals, Leuchte der Diplomatie, der er für seinen Teil und für seinen Monarchen, zum letztenmal wahrscheinlich für alle Zeiten, zu einem Triumph unter den europäischen Mächten verholfen hatte, hielt große Stücke auf ihn und war dem gräflich Ungnad’schen Hause außerdem wohlgesinnt. Diese mächtige Hand eröffnete ihm die glänzendsten Aussichten; er war zunächst zu einer hervorragenden Stellung bei der Botschaft in London bestimmt; das Diplom des Gesandten winkte in nicht allzuweiter Ferne. Francine schwamm in Hoffnung und entfaltete alle ihre Kräfte, um eine vorteilhafte Heirat zustande zu bringen. Der Moment war so günstig wie er nie gewesen. Zwei Projekte waren in den Vordergrund gerückt. Das eine betraf eine junge Baroneß Spielberg, die von Seite ihrer Mutter, einer Amerikanerin, enormen Reichtum zu erwarten hatte; das andere die zweitälteste Tochter der Rienburg-Rhedas, Komteß Sebastiane, zweiundzwanzig Jahre alt, schön, anziehend und, wie Francine erfahren hatte, noch von Rom her, wo Erasmus unter Graf Rienburg-Rheda Legationssekretär gewesen war, in ihn verliebt. Zudem gehörten die Rienburg-Rhedas zum begütertsten Adel des Landes; sie verfügten über soliden und alten Besitz an Grund und Boden, Häusern, Schlössern, Wäldern, Wässern, ererbtem und erheiratetem Besitz, in hundertjährigen Traditionen gefestigt wie die Hausmacht der großen Dynasten.
Beide Projekte zerschlugen sich. Erasmus’ Schuld am Mißlingen war nicht zu durchschauen. Im einen Fall hatte er sich nicht entscheiden können, im andern hatte er sich überhaupt nicht vorgewagt, so daß man es wenigstens mit der Familie nicht verdorben hatte und niemand bloßgestellt war. Die kleine Hortense Spielberg hatte er hingehalten und ihr den Kopf verwirrt, hatte immer wieder Erwartungen in ihr erregt, um sie immer wieder zu enttäuschen, bis sie in einem Zustand hysterischer Überreizung erklärt hatte, sie wolle ihn nicht mehr sehen. Bei Rienburg-Rhedas war er eine Woche lang zu Gast auf dem südmährischen Gut; am dritten Tag raffte ein Schlaganfall den Grafen hin, und er, den Unglücks- und Todesfälle in eine lächerliche Panik versetzten, reiste unverrichteter Dinge wieder ab. Das Ende vom Lied war gleich darauf die Versöhnung mit Marietta.
Francine war verzweifelt. Sie malte ihm die Folgen aus. Es war zu befürchten, daß der Minister seine Hand von ihm abzog. Oft schon war seine Laufbahn durch diese Frau gefährdet gewesen. Francine erinnerte ihn daran, wie sie eines Tages plötzlich in Petersburg erschienen sei und ihm Verdrießlichkeiten bereitet habe; oder den Winter darauf bei der Monarchenzusammenkunft in Berlin; sie rief ihm die Worte ins Gedächtnis, die ihm vor drei Jahren seine Tante, die kluge Terese Klingenberg geschrieben: daß ein Mann, der im politischen Leben wirke, um keinen Preis seinen privaten Wandel meskiner Nachrede darbieten dürfe; entweder müsse alles so verschleiert sein, daß die Neugierde niemals dahinter kommen könne, oder es müsse eine klare Eindeutigkeit walten, so oder so; nichts sei geeigneter, die Öffentlichkeit gegen einen Diplomaten zu verstimmen als ostensible Herzenspassionen.
Sie las ihm die Stelle vor; sie hatte den Brief aufbewahrt. Sie erschöpfte sich in stundenlanger Beredsamkeit. Sie zitierte Urteile, Prophezeiungen, Meinungen seiner nächsten Freunde über ihn und hauptsächlich über Marietta. Sogar der unbeträchtliche Ferry Sponeck mußte herhalten. Ihre Leidenschaft stammte aus der Liebe zu Erasmus, aus der Sorge um ihn. Er war der Letzte des Geschlechts; sie fühlte sich für ihn verantwortlich. Sein Vermögen war gering. Sie hatte in den letzten Jahren versucht, es durch Börsenspekulationen zu vermehren; da sie gut beraten war und mit Geschicklichkeit operierte, war ihr dies gelungen. Aber wenn sie auch Millionen gewonnen hätte, was hätten ihr die gefruchtet; das Glück, das sie für ihn im Auge hatte, war ein höheres. Der in ihr aufgehäufte Groll gegen Marietta verlieh den Argumenten, mit denen sie Erasmus zu Leibe rückte, eindringliche Schärfe. Mit Menschenkenntnis sonst nicht eben begabt, entwarf sie, durch Haß befeuert, ein Bild von Marietta, das in der Verzerrung noch Züge der Wahrheit hatte und abschreckend genug war: Ehrgeizig nannte sie sie; eitel; seelenlos; durch Lektüre verbildet; im Bestreben, die große Dame zu spielen, durch ihre heikle Situation doppelt herausfordernd; mit zur Schau getragener Freiheit nah daran, für eine Abenteuerin zu gelten; unergründlich egoistisch und wie alle sehr egoistischen Frauen gefährlich sinnlich; längst über die erste Jugend hinaus, auch über die zweite bald; getrennt von einem Mann, der ihr alles geopfert, sie auf Händen getragen hatte und unglücklich und vereinsamt war, geistig und körperlich ein Krüppel.
Francine war kühn. Sie mußte auf verletzende Vergleichung gefaßt sein. Sie selbst war ja in heikler Situation. Ihr Schicksal als Weib hatte sie von unbehüteten Jahren an andere Wege geführt als die üblichen und gebilligten. Nur durch ihre Zähigkeit und Klugheit hatte sie dann doch Boden gewonnen und ihre Stellung in der ersten Gesellschaft behauptet. Dunkles Schicksal, das in einem von ihr selbst nie ganz begriffenen Gegensatz zu ihrem Wesen stand.
Erasmus widersprach nicht. In allem, was auf seine Person zielte, pflichtete er ihr bei. Über Marietta schwieg er. Er empfand Francines Zärtlichkeit; ihr Ungestüm belästigte ihn. Sie verlangte Versprechungen, er weigerte sich. Er erbat sich Bedenkzeit, die Bedenkzeit verstrich, und das Ergebnis von Francines Bemühungen war, daß er zu Marietta auf ihren Landsitz Eichfurth reiste. Da ging sie zum Minister. Sie vertraute sich ihm ohne Rückhalt an, und die Art, wie er ihr lauschte, ließ die herzliche Zuneigung für Erasmus erkennen. Er würdigte die Schwierigkeit; ihn zu entfernen, hielt er für notwendig wie sie; der Londoner Posten kam augenblicklich noch nicht in Betracht, dagegen bot sich die Möglichkeit, ihn nach Indien zu schicken; es fand dort eine Jubiläums-Feierlichkeit statt; die englische Regierung und der Vizekönig hatten die Mächte zur Teilnahme eingeladen, und vierundzwanzig Stunden später war Erasmus für die Mission ernannt. Ein Telegramm rief ihn von Eichfurth zurück, zehn Tage darauf lief das Schiff aus dem Triester Hafen. Francine glaubte ihn wieder einmal gerettet. Jeder verflossene Monat war Gewinn. Erasmus war dreiunddreißig, Marietta Giese fünfunddreißig; der Zauber mußte binnen kurzem brechen; was die Vernunft nicht erreichte, würde die Zeit bewirken. Wenn es auch noch Kämpfe kostete, Francine war gerüstet. Indes gelang es ihren hartnäckigen Bemühungen, daß man Erasmus von Kalkutta aus, als seine Aufgabe dort beendet war, unmittelbar nach London befahl.