Der Zauberberg. Zweiter Band
Als Soldat und brav
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
„Nun, nun, was hör’ ich, Professor Naphta. Und all das ist Freimaurerei? Und mit alldem soll ich in meiner Vorstellung unseren klargesinnten Herrn Settembrini ...“
„Sie täten ihm schweres Unrecht! Nein, von alldem weiß Settembrini durchaus nichts mehr. Ich sagte Ihnen ja, daß die Loge durch seinesgleichen von allen Elementen höheren Lebens wieder gereinigt worden ist. Sie hat sich humanisiert, modernisiert, du lieber Gott. Sie ist aus solchen Verirrungen zum Nutzen, zur Vernunft und zum Fortschritt, zum Kampf gegen Fürsten und Pfaffen, kurzum zu gesellschaftlicher Beglückung zurückgekehrt; man unterhält sich dort jetzt wieder über Natur, Tugend, Mäßigung und Vaterland. Ich nehme an: auch über das Geschäft. Mit einem Wort, es ist die bourgeoise Misere in Klubgestalt ...“
„Schade. Schade um die Rosenfeste. Ich werde Settembrini fragen, ob er denn gar nichts mehr davon weiß.“
„Der ehrliche Ritter vom Winkelmaß!“ höhnte Naphta. „Sie müssen bedenken, daß es ihm gar nicht leicht geworden ist, zum Bauplatz des Menschheitstempels zugelassen zu werden, denn er ist ja arm wie eine Kirchenmaus, und dort wird nicht nur höhere Bildung, humanistische Bildung, ich bitte sehr, verlangt, sondern man muß auch der bemittelten Klasse angehören, um die nicht geringen Aufnahmegebühren und Jahresbeiträge erschwingen zu können. Bildung und Besitz, – da haben Sie den Bourgeois! Da haben Sie die Grundfesten der liberalen Weltrepublik!“
„Allerdings,“ lachte Hans Castorp; „da haben wir sie klipp und klar vor Augen.“
„Dennoch,“ setzte Naphta nach einer Pause hinzu, „möchte ich Ihnen raten, diesen Mann und seine Sache nicht allzu leicht zu nehmen, möchte Sie, da wir denn einmal von diesen Verhältnissen reden, geradezu ersuchen, auf Ihrer Hut zu sein. Das Abgeschmackte ist noch nicht gleichbedeutend mit dem Unschuldigen. Die Beschränktheit braucht nicht harmlos zu sein. Diese Leute haben viel Wasser in ihren Wein getan, der zuzeiten feurig war, aber die Idee des Bundes selbst bleibt stark genug, um viel Verwässerung zu vertragen; sie bewahrt Reste von fruchtbarem Geheimnis, und es ist ebensowenig daran zu zweifeln, daß die Logen ihre Hand im Weltspiel haben, wie daß man in diesem liebenswürdigen Herrn Settembrini mehr zu sehen hat, als eben nur ihn selbst, daß Mächte hinter ihm stehen, deren Verwandter und Emissär er ist ...“
„Ein Emissär?“
„Nun ja, ein Proselytenmacher, ein Seelenfänger.“
Und was bist du für ein Emissär? dachte Hans Castorp. Laut sagte er:
„Danke, Professor Naphta. Aufrichtig verbunden für Wink und Warnung. Wissen Sie was? Ich gehe nun mal eine Etage höher, soweit da oben noch von Etage die Rede sein kann, und fühle dem vermummten Bundesbruder ein bißchen auf den Zahn. Ein Lehrling muß wißbegierig und furchtlos sein ... Natürlich auch vorsichtig ... Mit Emissären ist selbstverständlich Vorsicht geboten.“
Er durfte ungescheut auch Settembrini um weitere Belehrung ansprechen, denn dieser hatte Herrn Naphta in Dingen der Diskretion nichts vorzuwerfen und war übrigens nie sonderlich bedacht gewesen, aus seiner Zugehörigkeit zu jener harmonischen Gesellschaft ein Geheimnis zu machen. Die „Rivista della Massoneria Italiana“ lag offen auf seinem Tisch; Hans Castorp hatte nur eben nicht acht darauf gegeben. Und als er, von Naphta aufgeklärt, das Gespräch auf die königliche Kunst gebracht hatte, so, als sei Settembrinis Verbundenheit mit ihr eine Sache, über die er sich niemals Zweifel gemacht, da war er nur auf geringe Zurückhaltung gestoßen. Zwar gab es Punkte, über die der Literat sich nicht herausließ, sondern bei deren Berührung er mit einer gewissen Ostentation die Lippen verschloß, offenbar gebunden durch jene terroristischen Gelöbnisse, von denen Naphta gesprochen: eine Geheimniskrämerei, die äußere Bräuche und seine eigene Stellung innerhalb der merkwürdigen Organisation betraf. Sonst aber nahm er sogar den Mund sehr voll und gab dem Neugierigen ein bedeutendes Bild von der Ausbreitung seiner Liga, die sich in rund zwanzigtausend Logen und hundertfünfzig Großlogen fast über die ganze Welt und selbst auf Zivilisationen wie Haiti und die Negerrepublik Liberia erstrecke. Auch wußte er sich nicht wenig mit allerlei großen Namen, deren Träger Maurer gewesen waren oder es heute waren, nannte Voltaire, Lafayette und Napoleon, Franklin und Washington, Mazzini und Garibaldi, von Lebenden sogar den König von England und außerdem eine Menge Männer, in deren Händen die Geschäfte der europäischen Staaten lagen, Mitglieder von Regierungen und Parlamenten.
Hans Castorp äußerte Respekt, aber keine Verwunderung. So sei es auch mit den studentischen Korpsverbindungen, meinte er. Die hielten auch zusammen durchs ganze Leben und wüßten ihre Leute wohl unterzubringen, so daß schwerlich jemand im Amtlich-Hierarchischen es zu etwas Rechtem bringe, der nicht Korpsbruder gewesen sei. Darum sei es vielleicht nicht ganz sinngemäß von Herrn Settembrini, daß er die Zugehörigkeit jener Prominenten zur Loge als schmeichelhaft für diese hinstellen wolle; denn es sei umgekehrt anzunehmen, daß die Besetzung so vieler wichtiger Posten mit Bundesbrüdern eben nur die Macht des Bundes beweise, der gewiß mehr, als Herr Settembrini so geradeheraus sagen wolle, seine Hand am Weltspiele habe.
Settembrini lächelte. Er fächelte sich sogar mit dem Heft der „Massoneria“, das er in Händen hielt. Man meine ihm wohl eine Falle zu stellen? fragte er. Man gedenke wohl gar, ihn zu unvorsichtigen Aussagen über das politische Wesen, den wesentlich politischen Geist der Loge zu verleiten? „Unnütze Verschmitztheit, Ingenieur! Wir bekennen uns zur Politik, rückhaltlos, offen. Wir achten das Odium für nichts, das in den Augen einiger Toren – sie sitzen bei Ihnen zulande, Ingenieur, fast nirgends sonst – mit diesem Wort und Titel verbunden ist. Der Menschenfreund kann den Unterschied von Politik und Nichtpolitik überhaupt nicht anerkennen. Es gibt keine Nichtpolitik. Alles ist Politik.“
„Rundweg?“
„Ich weiß wohl, daß es Leute gibt, die auf die ursprünglich unpolitische Natur des Maurergedankens hinzuweisen für gut finden. Aber diese Leute spielen mit Worten und ziehen Grenzen, die als imaginär und unsinnig zu erkennen es längst an der Zeit ist. Erstens zeigten wenigstens die spanischen Logen von allem Anbeginn eine politische Färbung –“
„Kann ich mir denken.“
„Sie können sich wenig denken, Ingenieur. Wähnen Sie nicht, sich von Hause aus viel denken zu können, sondern suchen Sie aufzunehmen und zu verarbeiten – ich bitte Sie darum in Ihrem eigenen Interesse, wie in dem Ihres Landes und im europäischen Interesse – was ich Ihnen zweitens einzuprägen im Begriffe bin. Zweitens nämlich war der Maurergedanke niemals unpolitisch, zu keiner Zeit, er konnte es nicht sein, und wenn er es ja zu sein glaubte, so betrog er sich über sein Wesen. Was sind wir? Bauleute und Handlanger an einem Bau. Der Zweck aller ist einer, das Beste des Ganzen das Grundgesetz der Verbrüderung. Welches ist dieses Beste, dieser Bau? Der kunstgerechte gesellschaftliche Bau, die Vollendung der Menschheit, das neue Jerusalem. Was in aller Welt soll da Politik oder Nichtpolitik? Das gesellschaftliche Problem, das Problem der Koexistenz selbst ist Politik, durch und durch Politik, nichts weiter als Politik. Wer sich ihm weiht – und den Menschennamen verdiente nicht, wer sich dieser Weihe entzöge – gehört der Politik, der inneren wie der äußeren, er versteht, daß die Kunst des freien Maurers Regierungskunst ist –“
„Regierungs...“
„Daß die illuminatistische Maurerei den Regentengrad kannte ...“
„Sehr schön, Herr Settembrini. Regierungskunst, Regentengrad, das gefällt mir. Aber lassen Sie mich nun eines hören: Sind Sie Christen, Sie alle miteinander in Ihrer Loge?“
„Perchè!“
„Entschuldigen Sie, ich will anders fragen, allgemeiner und einfacher. Glauben Sie an Gott?“
„Ich werde Ihnen antworten. Warum fragen Sie?“
„Ich wollte Sie nicht versuchen vorhin, aber es gibt da eine biblische Geschichte, worin jemand den Herrn mit einer römischen Münze versucht und zur Antwort bekommt, man solle dem Kaiser geben, was des Kaisers, und Gott, was Gottes sei. Mir kommt vor: diese Art zu unterscheiden liefert den Unterschied zwischen Politik und Nichtpolitik. Gibt es Gott, so gibt es auch diesen Unterschied. Glauben die Freimaurer an Gott?“
„Ich verpflichtete mich, Ihnen zu antworten. Sie sprechen von einer Einheit, an deren Herstellung gearbeitet wird, die aber heute zum Leidwesen aller Guten noch nicht existiert. Der Weltbund der Freimaurer existiert nicht. Wird er hergestellt sein – und ich wiederhole, es wird mit aller stillen Emsigkeit an diesem großen Werke gearbeitet – so wird ohne Zweifel auch sein religiöses Bekenntnis einheitlich sein, und es wird lauten: ‚Écrasez l’infâme‘.“
„Obligatorisch? Das wäre nicht tolerant.“
„Dem Problem der Toleranz dürften Sie kaum gewachsen sein, Ingenieur. Prägen Sie sich immerhin ein, daß Toleranz zum Verbrechen wird, wenn sie dem Bösen gilt.“
„Gott wäre das Böse?“
„Die Metaphysik ist das Böse. Denn sie ist zu nichts gut, als den Fleiß einzuschläfern, den wir dem Bau des Gesellschaftstempels zuwenden sollen. Und so hat denn schon vor einem Menschenalter der Groß-Orient von Frankreich ein Beispiel gegeben, indem er den Namen Gottes aus seinen sämtlichen Schriftstücken strich. Wir Italiener sind ihm darin nachgefolgt ...“
„Wie katholisch!“
„Sie meinen –“
„Wie enorm katholisch ich das finde, Gott zu streichen!“
„Sie wollen ausdrücken –“
„Nichts Hörenswertes, Herr Settembrini. Achten Sie nicht besonders auf mein Geplapper! Es kam mir nur diesen Moment so vor, als ob Atheismus etwas kolossal Katholisches sei, und als ob man Gott nur streiche, um desto besser katholisch sein zu können.“
Wenn darauf Herr Settembrini eine Pause eintreten ließ, so war klar, daß es einzig aus pädagogischer Besonnenheit geschah. Er antwortete nach gemessenem Stillschweigen:
„Ingenieur, ich bin weit von dem Wunsche entfernt, Sie in Ihrem Protestantismus beirren und kränken zu wollen. Wir sprachen von Toleranz ... Es ist überflüssig, zu betonen, daß ich dem Protestantismus mehr als Duldung, daß ich ihm als dem historischen Opponenten der Gewissensknebelung tiefste Bewunderung entgegenbringe. Die Erfindung der Buchdruckerkunst und die Reformation sind und bleiben die beiden erhabensten Verdienste, die Mitteleuropa sich um die Menschheit erworben hat. Ohne Frage. Allein nach dem, was Sie soeben äußerten, zweifle ich nicht, daß Sie mich aufs Wort verstehen werden, wenn ich darauf hinweise, daß das nur eine Seite der Sache ist, und daß sie ihre zweite hat. Der Protestantismus birgt Elemente ... Die Persönlichkeit Ihres Reformators selbst barg Elemente ... Ich denke an Elemente der Ruheseligkeit und der hypnotischen Versenkung, die nicht europäisch, die dem Lebensgesetz dieses tätigen Erdteils fremd und feindlich sind. Sehen Sie ihn sich doch an, diesen Luther! Betrachten Sie Bildnisse von ihm, jugendliche und spätere! Was ist denn das für ein Schädel, was sind das für Backenknochen, was für ein seltsamer Augensitz! Mein Freund, das ist Asien! Es sollte mich wundern, es sollte mich höchlichst wundern, wenn da nicht Wendisch-Slawisch-Sarmatisches im Spiele gewesen wäre, und wenn also nicht die – wer wollte es leugnen – gewaltige Erscheinung dieses Mannes eine verhängnisvolle Überbelastung einer der beiden in Ihrem Lande so gefährlich gleichstehenden Schalen zu bedeuten gehabt hätte, – ein furchtbares Gewicht in die östliche, von welchem die andere, die westliche Schale, noch heute überwogen gen Himmel flattert ...“
Von dem humanistischen Klapp-Pult am Fensterchen, vor dem er gestanden, war Herr Settembrini an den Rundtisch mit der Wasserflasche getreten, näher zu seinem Schüler hin, der auf dem an die Wand gerückten Ruhebette saß, ohne Rückenlehne, den Ellenbogen aufs Knie und das Kinn in die Hand gestützt.
„Caro!“ sagte Herr Settembrini. „Caro amico! Entscheidungen werden zu treffen sein, – Entscheidungen von unüberschätzbarer Tragweite für das Glück und die Zukunft Europas, und Ihrem Lande werden sie zufallen, in seiner Seele werden sie sich zu vollziehen haben. Zwischen Ost und West gestellt, wird es wählen müssen, wird es endgültig und mit Bewußtsein zwischen den beiden Sphären, die um sein Wesen werben, sich entscheiden müssen. Sie sind jung, Sie werden an dieser Entscheidung beteiligt sein, sind berufen, sie zu beeinflussen. Darum lassen Sie uns das Schicksal segnen, das Sie in diese entsetzlichen Gegenden verschlagen hat, zugleich aber mir Gelegenheit gibt, mit meinem nicht ungeübten, nicht völlig matten Wort auf Ihre bildsame Jugend einzuwirken und ihr die Verantwortlichkeit fühlbar zu machen, die sie –, die Ihr Land vor dem Angesicht der Gesittung trägt ...“
Hans Castorp saß, das Kinn in der Faust. Er blickte zum Mansardenfenster hinaus, und in seinen einfachen blauen Augen war eine gewisse Widerspenstigkeit zu lesen. Er schwieg.
„Sie schweigen“, sprach Herr Settembrini bewegt. „Sie und Ihr Land, Sie lassen ein vorbehaltvolles Schweigen walten, dessen Undurchsichtigkeit kein Urteil über seine Tiefe gestattet. Sie lieben das Wort nicht oder besitzen es nicht oder heiligen es auf eine unfreundliche Weise, – die artikulierte Welt weiß nicht und erfährt nicht, woran sie mit Ihnen ist. Mein Freund, das ist gefährlich. Die Sprache ist die Gesittung selbst ... Das Wort, selbst das widersprechendste, ist so verbindend ... Aber die Wortlosigkeit vereinsamt. Man vermutet, Sie werden Ihre Einsamkeit durch Taten zu brechen suchen. Sie werden Vetter Giacomo“ (Herr Settembrini pflegte Joachim der Bequemlichkeit halber „Giacomo“ zu nennen), „Sie werden Ihren Vetter Giacomo vor Ihr Schweigen treten lassen, ‚und zwei mit gewaltigen Streichen erlegt er, die andern entweichen‘ –“
Da Hans Castorp zu lachen anfing, lächelte auch Herr Settembrini, für den Augenblick auch von dieser Wirkung seines plastischen Wortes befriedigt.
„Gut, lachen wir!“ sagte er. „Zur Heiterkeit werden Sie mich immer bereit finden. ‚Das Lachen ist ein Erglänzen der Seele‘, sagt ein Alter. Auch sind wir abgekommen – auf Dinge, die, wie ich zugebe, mit den Schwierigkeiten zusammenhängen, auf die unsere Vorarbeiten zur Herstellung des maurerischen Weltbundes stoßen, Schwierigkeiten, die namentlich das protestantische Europa entgegenstellt ...“ Und Herr Settembrini fuhr fort, mit Wärme von dem Gedanken dieses Weltbundes zu sprechen, der von Ungarn aus ins Leben getreten und dessen zu erhoffende Verwirklichung bestimmt sei, der Freimaurerei weltentscheidende Macht zu verleihen. Er zeigte leichthin Briefe vor, die er von auswärtigen Bundesgrößen in dieser Sache empfangen, ein eigenhändiges Schreiben des schweizerischen Großmeisters, Bruder Quartier la Tente vom dreiunddreißigsten Grade, und erörterte den Plan, das Kunstidiom Esperanto zur Bundesweltsprache zu erklären. Sein Eifer erhob ihn zur Sphäre der hohen Politik, er richtete sein Auge dahin und dorthin und schätzte die Aussichten ab, die der revolutionär-republikanische Gedanke in seiner eigenen Heimat, in Spanien, in Portugal besitze. Auch mit Personen, die an der Spitze der Großloge der letztgenannten Monarchie standen, wollte er briefliche Fühlung unterhalten. Dort reiften zweifellos die Dinge der Entscheidung entgegen. Hans Castorp möge an ihn denken, wenn in allernächster Zeit da unten die Ereignisse sich überstürzen würden. Hans Castorp versprach, das zu tun.
Es will bemerkt sein, daß diese maurerischen Plaudereien, die zwischen dem Zögling und jedem der beiden Mentoren gesondert verliefen, noch in die Zeit vor Joachims Heimkehr zu Denen hier oben gefallen waren. Die Auseinandersetzung, auf die wir nun kommen, ereignete sich schon während seiner Wiederanwesenheit und in seiner Gegenwart, neun Wochen nach seiner Rückkehr, Anfang Oktober, und Hans Castorp behielt dies Beisammensein in der Herbstsonne vor dem Kurhaus in „Platz“, bei erfrischenden Getränken, darum allezeit so genau im Gedächtnis, weil Joachim ihm damals heimliche Sorge gemacht hatte, – Sorge durch Angaben und Erscheinungen, die sonst eben keine Sorge einzuflößen pflegen, nämlich durch Halsschmerzen und Heiserkeit: harmlose Belästigungen also, die aber dem jungen Castorp in einem irgendwie eigentümlichen Licht erschienen, – eben dem Licht, so kann man sagen, das er in der Tiefe von Joachims Augen zu gewahren glaubte, diesen Augen, die immer sanft und groß gewesen waren, heute aber, genau erst heute, eine gewisse unbestimmbare Vergrößerung und Vertiefung von sinnendem und – man muß das sonderbare Wort hinzufügen – drohendem Ausdruck nebst jener erwähnten stillen Erleuchtung von innen her erfahren hatten, die ganz falsch gekennzeichnet wäre, wenn man sagte, sie hätte Hans Castorp nicht gefallen, – im Gegenteil, sie gefiel ihm sogar sehr gut, nur daß sie ihm dennoch Sorge machte. Und kurz, es ist über diese Eindrücke gar nicht anders als verworren, ihrem eigenen Charakter gemäß, zu reden.
Das Gespräch, die Kontroverse – natürlich eine Kontroverse zwischen Naphta und Settembrini – angehend, so war sie eine Sache für sich und stand mit jenen Sondererörterungen über das Logenwesen nur in lockerem Zusammenhang. Außer den Vettern waren auch Ferge und Wehsal dabei zugegen, und aller Teilnahme war groß, obgleich nicht alle dem Gegenstande gewachsen waren, – Herr Ferge zum Beispiel war es ausdrücklich nicht. Aber ein Streit, der geführt wird, als ob es ums Leben ginge, außerdem aber mit einem Witz und Schliff, als ob es nicht ums Leben, sondern nur um ein elegantes Wettspiel ginge – und so wurden alle Dispute zwischen Settembrini und Naphta geführt –: ein solcher Streit ist selbstverständlich und an und für sich unterhaltend anzuhören, auch für den, der wenig davon versteht und seine Tragweite nur undeutlich absieht. Sogar ganz Unzugehörige, Umsitzende lauschten dem Wortwechsel mit hohen Augenbrauen, gefesselt von Leidenschaft und Zierlichkeit der Wechselrede.
Es war, wie gesagt, vor dem Kurhause, nachmittags nach dem Tee. Die vier Berghofgäste hatten Settembrini dort getroffen, und von ungefähr hatte Naphta sich zugesellt. Sie saßen alle um ein kleines metallenes Tischchen herum bei verschiedenen mit Soda verdünnten Getränken, Anis und Wermut. Naphta, der hier seine Vespermahlzeit einnahm, hatte sich Wein und Kuchen geben lassen, was offenbar eine Erinnerung an seine Alumnenzeit darstellte; Joachim befeuchtete seine leidende Kehle oft mit Naturlimonade, die er sehr stark und sauer trank, weil das zusammenziehe und ihm Erleichterung schaffe, und Settembrini genoß schlechthin Zuckerwasser, jedoch durch einen Strohhalm und auf so anmutig appetitliche Art, als schlürfe er die kostbarste Erquickung. Er scherzte:
„Was höre ich, Ingenieur? Was kommt mir gerüchtweise zu Ohren? Ihre Beatrice kehrt wieder? Ihre Führerin durch alle neun kreisenden Sphären des Paradieses? Nun, ich will hoffen, daß Sie auch dann die leitende Freundeshand Ihres Virgil nicht ganz verschmähen werden! Unser Ekklesiast hier wird Ihnen bestätigen, daß die Welt des medio evo nicht komplett ist, wenn franziskanischer Mystik der Gegenpol thomistischer Erkenntnis fehlt.“
Man lachte über soviel spaßhafte Gelehrsamkeit und sah Hans Castorp an, der ebenfalls lachend „seinem Virgil“ das Wermutglas entgegenhob. Es ist aber kaum zu glauben, was alles aus der, wenn auch geschnörkelten, so doch sehr harmlosen Äußerung Herrn Settembrinis sich an unerschöpflichem Geisteszwist in der nächsten Stunde ergab. Denn Naphta, freilich gewissermaßen herausgefordert, ging sofort zum Angriff über und machte sich über den lateinischen Dichter her, den Settembrini bekanntermaßen abgöttisch liebte, ja, über Homer stellte, während Naphta ihm, wie überhaupt der lateinischen Poesie, schon mehr als einmal die schärfste Geringschätzung bezeigt hatte – und eben hierzu auch jetzt die Gelegenheit prompt und boshaft ergriff. Es sei eine äußerst gutmütige Zeitbefangenheit des großen Dante gewesen, sprach er, diesen mittelmäßigen Versifex so feierlich zu nehmen und ihm in seinem Liede eine so hohe Rolle zuzuweisen, wenn auch Herr Lodovico dieser Rolle wohl eine allzu freimaurerische Bedeutung beilege. Was es denn weiter auf sich gehabt habe mit diesem höfischen Laureatus und Speichellecker des julischen Hauses, diesem Weltstadtliteraten und Prunkrhetor ohne einen Funken von Produktivität, dessen Seele, wenn er eine gehabt habe, jedenfalls aus zweiter Hand gewesen, und der überhaupt kein Dichter, sondern ein Franzose in augusteischer Allongeperücke gewesen sei!
Herr Settembrini zweifelte nicht, daß der Vorredner Mittel und Wege wissen werde, seine Verachtung der römischen Hochzivilisation mit seinem Amt als Lateinlehrer zu vereinbaren, doch scheine es nötig, ihn auf den schwereren Widerspruch hinzuweisen, in den er sich durch solche Urteile mit seinen eigenen Lieblingsjahrhunderten setze, die den Virgilius nicht nur nicht verachtet, sondern seiner Größe auf einfältige Art gerecht geworden seien, indem sie einen weisheitsmächtigen Zauberer aus ihm gemacht hätten.
Recht vergebens, versetzte Naphta, rufe Herr Settembrini die Einfalt jener morgendlichen Zeiten zu seiner Hilfe auf, – die Siegerin, die ihre Schöpferkraft noch in der Dämonisierung des Überwundenen bewährt habe. Übrigens seien die Lehrer der jungen Kirche nicht müde geworden, vor den Lügen der alten Philosophen und Dichter zu warnen, insonderheit davor, sich mit der üppigen Beredsamkeit des Virgil zu beflecken, und heute, wo wieder ein Zeitalter zu Grabe sinke, abermals ein proletarischer Morgen tage, sei wahrhaftig die Stunde günstig, ihnen nachzufühlen! So möge denn, um alles zu beantworten, Herr Lodovico auch überzeugt sein, daß er, Redner, sein bißchen bürgerliche Beschäftigung, worauf jener anzuspielen die Güte gehabt habe, mit aller gebotenen reservatio mentalis betreibe und sich nicht ohne Ironie in einen klassisch-rhetorischen Erziehungsbetrieb einordne, dessen Lebensdauer ein Sanguiniker allenfalls noch nach Jahrzehnten berechnen möge.
„Ihr habt sie,“ rief Settembrini, „ihr habt sie studiert, daß ihr schwitztet, diese alten Dichter und Philosophen, habt euch ihr kostbares Erbe anzueignen versucht, wie ihr das Material der antiken Bauwerke für eure Bethäuser benutztet! Denn ihr fühltet wohl, daß ihr aus eigener Kraft eurer proletarischen Seele keine neue Kunstform hervorzubringen vermöchtet und hofftet, das Altertum mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. So wird es wieder, so wird es immer gehen! Euere ungehobelte Morgendlichkeit wird sich in die Schule begeben müssen bei dem, was zu verachten ihr euch und andere bereden möchtet; denn ohne Bildung bestündet ihr nicht vor dem Angesicht der Menschheit, und es gibt nur eine Bildung: diejenige, die ihr die bürgerliche nennt, und die die menschliche ist!“ Eine Frage von Jahrzehnten – das Ende des humanistischen Erziehungsprinzips? Nur Höflichkeit hinderte Herrn Settembrini, in ein ebenso sorgloses wie spöttisches Gelächter auszubrechen. Ein Europa, das sein Ewigkeitsgut zu wahren wisse, werde über proletarische Apokalypsen, die man da und dort zu erträumen beliebe, in Gemütsruhe zur Tagesordnung klassischer Vernunft übergehen.
Über die Tagesordnung nun gerade, versetzte Naphta beißend, scheine Herr Settembrini nicht ganz wohlunterrichtet. Auf der Tagesordnung eben stehe als Frage, was jener als ausgemacht zu behandeln für gut finde: nämlich, ob die mediterran-klassisch-humanistische Überlieferung eine Menschheitssache und darum menschlich-ewig – oder ob sie allenfalls nur Geistesform und Zubehör einer Epoche, der bürgerlich-liberalen, gewesen sei und mit ihr sterben könne. Dies zu entscheiden, werde Sache der Geschichte sein, und es sei Herrn Settembrini immerhin zu empfehlen, sich nicht allzu sehr in Sicherheit zu wiegen, daß die Entscheidung im Sinn seines lateinischen Konservativismus fallen werde.
Das war eine besondere Unverschämtheit des kleinen Naphta, Herrn Settembrini, den erklärten Diener des Fortschritts, einen Konservativen zu nennen. Alle empfanden es so und mit besonderer Bitterkeit natürlich der Betroffene, der erregt seinen geschwungenen Schnurrbart zwirbelte und im Suchen nach einem Gegenschlage dem Feinde Zeit ließ zu weiteren Ausfällen gegen das klassische Bildungsideal, den rhetorisch-literarischen Geist des europäischen Schul- und Erziehungswesens und seinen grammatisch-formalen Spleen, der nichts als ein Interessenzubehör der bürgerlichen Klassenherrschaft, dem Volke aber längst ein Gelächter sei. Ja, man ahne nicht, wie weidlich das Volk sich über unsere Doktortitel und unser ganzes Bildungsmandarinentum lustig mache und über die staatliche Volksschule, dies Instrument bourgeoiser Klassendiktatur, gehandhabt in dem Wahn, daß Volksbildung verwässerte Gelehrtenbildung sei. Diejenige Bildung und Erziehung, die das Volk im Kampf gegen das morsche Bürgerreich brauche, wisse es sich längst wo anders zu holen als in den obrigkeitlichen Zwangsanstalten, und nachgerade pfiffen die Spatzen es von den Dächern, daß unser Schultypus überhaupt, wie er sich aus der Klosterschule des Mittelalters entwickelt habe, einen lächerlichen Zopf und Anachronismus darstelle, daß niemand in der Welt seine eigentliche Bildung mehr der Schule verdanke, und daß ein freier, offener Unterricht durch öffentliche Vorträge, Ausstellungen, Kinos und so fort jedem Schulunterricht weit überlegen sei.
In der Mischung aus Revolution und Dunkelmännertum, die Naphta da seinen Zuhörern kredenzte, antwortete ihm Herr Settembrini, überwiege der obskurantistische Beisatz in unschmackhafter Weise. Das Gefallen, das seine Sorge um die Aufklärung des Volkes erwecke, leide einige Einbuße durch die Befürchtung, daß hier vielmehr eine Instinktneigung obwalte, Volk und Welt in analphabetische Finsternis zu hüllen.
Naphta lächelte. Analphabetentum! Da glaube man nun ein wahres Entsetzenswort ausgesprochen, das Haupt der Gorgo vorgezeigt zu haben, überzeugt, daß jedermann pflichtschuldig davor erblassen werde. Er, Naphta, bedauere, seinem Gesprächspartner die Enttäuschung bereiten zu müssen, daß die Humanistenfurcht vor dem Begriff des Analphabetentums ihn einfach erheitere. Man müsse ein Renaissanceliterat, ein Prezioser, ein Secentist, ein Marinist, ein Hanswurst des estilo culto sein, um den Disziplinen des Lesens und Schreibens eine so übertriebene erzieherische Vordringlichkeit beizumessen, daß man sich einbilde, Geistesnacht müsse walten, wo ihre Kenntnis fehle. Ob Herr Settembrini sich erinnere, daß der größte Dichter des Mittelalters, Wolfram von Eschenbach, Analphabet gewesen sei? Damals habe es in Deutschland für schimpflich gegolten, einen Knaben, der nicht gerade Geistlicher habe werden wollen, zur Schule zu schicken, und diese adlig-volkstümliche Verachtung der literarischen Künste sei immer das Merkmal vornehmer Wesentlichkeit geblieben, – während der Literat, dieser rechte Sohn des Humanismus und der Bürgerlichkeit, allerdings lesen und schreiben könne, was der Adlige, der Krieger und das Volk nicht könnten oder nur schlecht könnten, – aber weiter könne und verstehe er in aller Welt auch gar nichts, sondern sei noch immer ein latinistischer Windbeutel, der die Rede verwalte und den rechtschaffenen Leuten das Leben überlasse, – weshalb er denn auch aus der Politik einen Beutel voll Wind mache, nämlich voll Rhetorik und schöner Literatur, was in der Parteisprache Radikalismus und Demokratie heiße – und so fort, und so fort.
Darauf denn nun Herr Settembrini! Allzu kühn, rief er, kehre der andere seinen Geschmack an der inbrünstigen Barbarei gewisser Epochen hervor, indem er die Liebe zur literarischen Form verhöhne, ohne die allerdings keine Menschlichkeit möglich und denkbar sei, allerdings nicht und nimmermehr! Vornehmheit? Nur Menschenfeindschaft könne die Wortlosigkeit, die rohe und stumme Dinglichkeit auf ihren Namen taufen. Vornehm vielmehr sei einzig ein gewisser edler Luxus, die generosità, die sich darin bekunde, der Form einen menschlichen, vom Inhalt unabhängigen Eigenwert beizulegen, – der Kultus der Rede als einer Kunst um der Kunst willen, dies Erbe der griechisch-römischen Zivilisation, welches die Humanisten, die uomini letterati, der Romania, ihr wenigstens, zurückgebracht hätten, und das die Quelle jedes weiteren und inhaltlichen Idealismus, auch des politischen, sei. „Jawohl, mein Herr! Was Sie als Trennung von Rede und Leben verunglimpfen möchten, ist nichts als höhere Einheit im Kronrund des Schönen, und mir ist nicht bange, auf welche Seite in einem Streit, dessen Wahlfälle Literatur und Barbarei heißen, hochherzige Jugend sich immer schlagen wird.“
Hans Castorp, dessen Aufmerksamkeit nur halb beim Gespräch gewesen war, da die Person des anwesenden Kriegers und Vertreters vornehmer Wesentlichkeit, oder eigentlich der neuartige Ausdruck seiner Augen ihn beschäftigte, fuhr etwas zusammen, da er sich durch Herrn Settembrinis letzte Worte aufgerufen und angefordert fühlte, machte dann aber ein Gesicht, wie damals, als Settembrini ihn zur Entscheidung zwischen „Ost und West“ feierlich hatte nötigen wollen: ein Gesicht also voller Vorbehalt und Widerspenstigkeit, und schwieg. Alles stellten sie auf die Spitze, diese zwei, wie es wohl nötig war, wenn man streiten wollte, und haderten erbittert um äußerste Wahlfälle, während ihm doch schien, als ob irgendwo inmitten zwischen den strittigen Unleidlichkeiten, zwischen rednerischem Humanismus und analphabetischer Barbarei das gelegen sein müsse, was man als das Menschliche oder Humane persönlich ansprechen durfte. Aber er sprach es nicht an, um nicht beide Geister zu ärgern, und sah, eingehüllt in Vorbehalt, wie sie weiter dahin trieben und einander feindlich behilflich waren, vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen, nachdem Settembrini mit seinem kleinen Scherz vom Lateiner Virgil den Anstoß gegeben.
Er gab das Wort noch nicht her, er schwang es, er ließ es triumphieren. Er warf sich zum Schützer auf des literarischen Genius, feierte die Geschichte des Schrifttums von dem Augenblick an, wo zum erstenmal ein Mensch, um seinem Wissen und Fühlen Denkmalsdauer zu geben, Wortezeichen in einen Stein gegraben hatte. Er sprach von dem ägyptischen Gotte Thot, mit dem der dreimalgroße Hermes des Hellenismus identisch gewesen, und der als Erfinder der Schrift, Schutzherr der Bibliotheken und Anreger aller geistigen Bestrebungen verehrt worden war. Er beugte redend das Knie vor diesem Trismegist, dem humanistischen Hermes, dem Meister der Palästra, dem die Menschheit das Hochgeschenk des literarischen Wortes, der agonalen Rhetorik verdankte, und veranlaßte so Hans Castorp zu der Anmerkung: dann sei dieser gebürtige Ägypter offenbar auch ein Politiker gewesen und habe in größerem Stile dieselbe Rolle gespielt wie Herr Brunetto Latini, der speziell den Florentinern Schliff verliehen und sie das Sprechen gelehrt, sowie die Kunst, ihre Republik nach den Regeln der Politik zu lenken, – worauf Naphta erwiderte, Herr Settembrini schwindle ein bißchen und habe ihm von Thot-Trismegistos ein allzu gelecktes Bild gegeben. Denn das sei vielmehr eine Affen-, Mond- und Seelengottheit gewesen, ein Pavian mit einer Mondsichel auf dem Kopf und unter dem Namen des Hermes vor allem ein Todes- und Totengott: der Seelenzwinger und Seelenführer, der schon der späteren Antike zum Erzzauberer und dem kabbalistischen Mittelalter zum Vater der hermetischen Alchimie geworden sei.
Was, was? In Hansens Gedanken und Vorstellungswerkstatt ging es drunter und drüber. Da war der blaubemantelte Tod als humanistischer Rhetor; und wenn man den pädagogischen Literaturgott und Menschenfreund näher ins Auge faßte, so hockte da statt seiner eine Affenfratze mit dem Zeichen der Nacht und der Zauberei an der Stirn ... Er wehrte und winkte ab mit der Hand und legte sie dann über die Augen. Aber in das Dunkel, worein er sich vor der Verwirrung gerettet, klang Settembrinis Stimme, der fortfuhr, die Literatur zu preisen. Nicht nur die betrachtende, auch die aktive Größe, rief er, sei allezeit mit ihr verbunden gewesen; und er nannte Alexander, Cäsar, Napoleon, nannte den preußischen Friedrich und weitere Helden, sogar Lassalle und Moltke. Es focht ihn nicht an, daß Naphta ihn ins Chinesische heimschicken wollte, wo die skurrilste Vergötterung des Abc herrsche, die je erreicht worden sei, und wo man Generalfeldmarschall werde, wenn man alle vierzigtausend Wortzeichen tuschen könne, was recht nach dem Herzen eines Humanisten sein müsse. Eh, Naphta wußte recht wohl, daß es sich nicht ums Tuschen handelte, sondern um die Literatur als Menschheitsimpuls, um ihren Geist, armer Spötter! welcher der Geist selber war, das Wunder der Verbindung von Analyse und Form. Er war es, der das Verständnis für alles Menschliche weckte, die Schwächung und Auflösung dummer Werturteile und Überzeugungen betrieb, die Sittigung, Veredelung und Besserung des Menschengeschlechtes herbeiführte. Indem er die äußerste moralische Verfeinerung und Reizbarkeit schuf, erzog er, fern davon, zu fanatisieren, zugleich zum Zweifel, zur Gerechtigkeit, zur Duldung. Die reinigende, heiligende Wirkung der Literatur, die Zerstörung der Leidenschaften durch die Erkenntnis und das Wort, die Literatur als Weg zum Verstehen, zum Vergeben und zur Liebe, die erlösende Macht der Sprache, der literarische Geist als edelste Erscheinung des Menschengeistes überhaupt, der Literat als vollkommener Mensch, als Heiliger: – aus dieser strahlenden Tonart ging Herrn Settembrinis apologetischer Lobgesang. Ach, aber auch der Widersacher war nicht auf den Mund gefallen; er wußte das englische Halleluja durch schlimme, glänzende Einwände zu stören, indem er sich zur Partei der Erhaltung und des Lebens schlug gegen den Geist der Zersetzung, welcher sich hinter jener seraphischen Gleisnerei verberge. Die Wunderverbindung, von welcher Herr Settembrini tremoliert habe, hieß es nun, laufe auf nichts als Trug und Gaukelspiel hinaus, denn die Form, die der literarische Geist mit dem Prinzip der Untersuchung und Trennung zu vereinigen sich rühme, sei nur eine Schein- und Lügenform, keine echte, gewachsene, natürliche, keine Lebensform. Der sogenannte Verbesserer des Menschen führe wohl Reinigung und Heiligung im Munde, in Wahrheit aber sei es die Entmannung und Entblutung des Lebens, worauf er ausgehe; ja, der Geist, die eifernde Theorie sei lebensschänderisch, und wer die Leidenschaften zerstören wolle, der wolle das Nichts, – das reine Nichts, rein allerdings, da „rein“ denn in der Tat das einzige Attribut sei, das allenfalls dem Nichts noch könne beigelegt werden. Darin nun aber eben zeige Herr Settembrini, der Literat, sich recht als das, was er sei, nämlich als Mann des Fortschritts, des Liberalismus und der bürgerlichen Revolution. Denn der Fortschritt sei reiner Nihilismus und der liberale Bürger ganz eigentlich der Mann des Nichts und des Teufels, ja, er leugne Gott, das konservativ und positiv Absolute, indem er zum Teuflisch-Gegen-Absoluten schwöre und sich mit seinem Todespazifismus noch wunder wie fromm dünke. Er sei aber nichts weniger als fromm, sondern ein Hochverbrecher am Leben, vor dessen Inquisition und strenge Fehme er peinlich gezogen zu werden verdiene – et cetera.
So wußte Naphta zu pointieren, den Lobgesang ins Diabolische zu verkehren und sich selbst als die Inkarnation bewahrender Liebesstrenge hinzustellen, so daß zu unterscheiden, wo Gott und wo der Teufel, wo Tod und wo Leben war, wieder einmal zur reinen Unmöglichkeit wurde. Man wird es uns aufs Wort glauben, daß sein Gegenspieler Manns genug war, ihm die Antwort nicht schuldig zu bleiben, die hervorragend war, und auf die er wieder eine ebenso gute bekam, wonach es noch eine Weile so fortging und das Gespräch in früher schon angedeutete Erörterungen einmündete. Aber Hans Castorp hörte nicht länger zu, da Joachim zwischendurch geäußert hatte, er glaube bestimmt, Erkältungsfieber zu haben und wisse nicht recht, wie er sich nun verhalten solle, da Erkältungen hier doch nicht „reçu“ seien. Die Duellanten waren darüber hinweggegangen, aber Hans Castorp hatte, wie wir zeigten, ein besorgtes Auge auf seinen Vetter und brach auf mit ihm, mitten in einer Replik, indem er es darauf ankommen ließ, ob von dem restlichen Publikum, bestehend aus Ferge und Wehsal, ein hinlänglicher pädagogischer Antrieb zur Fortsetzung des Wettstreits ausgehen werde.
Unterwegs einigte er sich mit Joachim dahin, daß man in Sachen seiner Erkältung und Halsbeschwerden den Dienstweg einschlagen, das heißt also, den Bademeister anstellen wolle, die Oberin zu benachrichtigen, worauf denn für den Leidenden doch wohl etwas geschehen werde. So war es wohlgetan. Noch am Abend, gleich nach dem Diner, klopfte Adriatica bei Joachim, als Hans Castorp gerade bei ihm im Zimmer war, und erkundigte sich kreischend nach den Wünschen und Klagen des jungen Offiziers. „Halsschmerzen? Heiserkeit?“ wiederholte sie. „Menschenskind, was machen Sie für Sprünge?“ Und sie unternahm den Versuch, ihm durchdringend ins Auge zu blicken, wobei es nicht an Joachim lag, daß ein Ineinander-Ruhen ihrer Blicke mißlang: der ihre war es, der beiseite schweifte. Daß sie es immer wieder versuchte, wenn es ihr nun doch erfahrungsgemäß einmal nicht gegeben war, das Unternehmen durchzuführen! Mit Hilfe einer Art von metallenem Schuhlöffel, den sie aus ihrer Gürteltasche zog, sah sie dem Patienten in den Schlund, wobei Hans Castorp mit der Nachttischlampe leuchten mußte. Während sie, auf den Zehenspitzen stehend, um Joachims Zäpfchen herumspähte, sagte sie:
„Sagen Sie mal, geehrtes Menschenkind, – haben Sie sich schon mal verschluckt?“
Was war nun darauf zu antworten! Im Augenblick, solange sie spähte, war überhaupt keine Möglichkeit, Rede zu stehen; aber auch nachdem sie von ihm abgelassen, blieb guter Rat teuer. Natürlich hatte er sich im Leben schon ein und das andere Mal verschluckt, beim Essen und Trinken; doch das war Menschenlos und konnte bei ihrer Frage nicht wohl gemeint sein. Er sagte: Wieso? Er könne sich an das letztemal nicht erinnern.
Na, gut; es sei bloß so ein Einfall von ihr gewesen. Er habe sich also erkältet, sagte sie zum Erstaunen der Vettern, da sonst das Wort Erkältung doch hier im Hause verpönt war. Zur näheren Untersuchung des Halses sei gegebenenfalls des Hofrats Kehlkopfspiegel vonnöten. Sie ließ Formamint zurück bei ihrem Weggang, sowie einen Verbandwickel nebst Guttapercha zu feuchten Umschlägen für die Nacht, und Joachim machte Gebrauch von beidem, meinte auch deutliche Erleichterung zu spüren dank diesen Anwendungen und fuhr also fort damit, zumal seine Heiserkeit sich nicht klären wollte, ja, in den nächsten Tagen noch stärker wurde, obgleich die Halsschmerzen zuweilen fast ganz verschwanden.
Übrigens war sein Erkältungsfieber reine Einbildung gewesen. Der objektive Befund war der gewöhnliche, – eben der, welcher, zusammen mit den Ergebnissen der hofrätlichen Untersuchungen, den ehrliebenden Joachim hier zu einer kleinen Nachkur festhielt, bevor er wieder zur Fahne würde eilen können. Der Oktobertermin war sang- und klanglos vorübergegangen. Niemand verlor ein Wort darüber, weder der Hofrat, noch die Vettern gegeneinander: still und mit niedergeschlagenen Augen gingen sie darüber hinweg. Nach dem, was Behrens bei der Monatsuntersuchung dem seelenkundigen Famulus in die Feder diktierte, und was die photographische Platte zeigte, war allzu klar, daß höchstens von einer ganz wilden Abreise hätte die Rede sein können, während es doch diesmal galt, im Dienste hier oben mit eiserner Selbstzucht auszuharren, bis zum Flachlanddienste, zur Eideserfüllung dort unten endgültige Wetterfestigkeit gewonnen wäre.
Dies war die geltende Parole, über die einig zu sein man stillschweigend vorgab. Aber die Wahrheit sah so aus, daß einer vom andern nicht so ganz sicher war, ob er in tiefster Seele an diese Parole glaubte, und wenn man die Augen voreinander niederschlug, so geschah es in diesem Zweifel, und es geschah nicht, ohne daß zuvor die Augen sich getroffen hätten. Das aber kam öfters vor seit jenem Kolloquium über die Literatur, während dessen Hans Castorp zum erstenmal das neuartige Licht im Hintergrund von Joachims Augen, sowie den eigentümlich „drohenden“ Ausdruck darin bemerkt hatte. Namentlich einmal bei Tische kam es vor: als nämlich der heisere Joachim sich unversehens ausnehmend heftig verschluckte und kaum wieder zu Atem kommen konnte. Da also, während Joachim hinter seiner Serviette keuchte und Frau Magnus, seine Nachbarin, ihm einer alten Praktik gemäß den Rücken klopfte, trafen sich ihre Augen auf eine Art, die Hans Castorp schreckhafter bewegte, als der Unfall selbst, der selbstverständlich jedem zustoßen konnte, und dann schloß Joachim die seinen und verließ, mit der Serviette verhüllt, Tisch und Saal, um sich draußen auszuhusten.
Lächelnd, wenn auch noch etwas blaß, kehrte er nach zehn Minuten zurück, eine Entschuldigung wegen der verursachten Störung auf den Lippen, nahm wie zuvor an der übergewaltigen Mahlzeit teil, und nachher vergaß man sogar, auch nur mit einer Bemerkung auf den trivialen Zwischenfall zurückzukommen. Als aber einige Tage später, diesmal nicht beim Diner, sondern beim üppigen Gabelfrühstück, sich dasselbe ereignete, übrigens ohne daß die Augen sich getroffen hätten, wenigstens nicht diejenigen der Vettern, da Hans Castorp, über seinen Teller gebeugt, scheinbar unachtsam weiter speiste, mußte man nach aufgehobener Tafel wohl dennoch ein Wort daran wenden, und Joachim schalt auf das verdammte Frauenzimmer, die Mylendonk, die mit ihrer vom Zaun gebrochenen Frage ihm einen Floh ins Ohr gesetzt und ihm etwas eingeredet und angehext habe, der Teufel solle sie holen. Ja, offenbar sei es Suggestion, sagte Hans Castorp, – amüsant zu konstatieren bei aller Unannehmlichkeit. Und Joachim, nachdem man die Sache beim Namen genannt, erwehrte sich fortan mit Erfolg der Hexerei, gab acht beim Essen und verschluckte sich nicht häufiger mehr, als nichtbehexte Leute am Ende auch: erst neun oder zehn Tage später einmal wieder, worüber denn weiter nichts zu sagen war.