Der Zauberberg. Zweiter Band

Thomas Mann · Kapitel 9 von 19 · Teil 1/3

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Der Zauberberg. Zweiter Band

Als Soldat und brav

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Immer hatte Hans Castorp kurze Nachrichten von seinem Vetter, erst gute, übermütige, dann weniger günstige, endlich solche, die etwas recht Trauriges matt beschönigten. Die Reihe der Postkarten fing an mit der lustigen Meldung von Joachims Dienstantritt und von der schwärmerischen Zeremonie, bei der er, wie Hans Castorp auf seiner Antwortkarte sich ausdrückte, Armut, Keuschheit und Gehorsam gelobt hatte. Dann ging es heiter fort: die Etappen einer glatten, begünstigten Laufbahn, geebnet durch leidenschaftliche Liebe zur Sache und durch die Sympathie der Oberen, wurden grüßend und winkend bezeichnet. Da Joachim ein paar Semester studiert hatte, war er des Besuches der Kriegsschule überhoben, vom Fähnrichsdienst befreit. Neujahr wurde er zum Unteroffizier befördert und schickte eine Photographie, die ihn mit den Tressen zeigte. Das Entzücken an dem Geist der ehrenstraffen, eisern gefügten und dennoch verbissen-humoristisch dem Menschlichen nachgebenden Hierarchie, in die er eingefügt war, leuchtete aus jedem seiner knappen Rapporte. Er gab Anekdoten von dem romantisch-verzwickten Verhalten seines Feldwebels, eines bärbeißigen und fanatischen Soldaten, zu ihm, dem fehlbaren jungen Untergebenen, in dem er jedoch den geweihten Vorgesetzten von morgen sah, welcher tatsächlich schon im Offizierskasino verkehrte. Es war drollig und wild. Dann war von der Zulassung zur Offiziersprüfung die Rede. Anfang April war Joachim Leutnant.

Augenscheinlich gab es keinen glücklicheren Menschen, keinen, dessen Wesen und Wünsche in dieser besonderen Lebensform reiner aufgegangen wären. Mit einer Art von verschämter Wonne erzählte er, wie er zum erstenmal in seiner jungen Pracht am Rathaus vorübergegangen und dem Posten, der zur Ehrenbezeigung stillgestanden sei, aus einiger Entfernung abgewinkt habe. Er berichtete von kleinen Verdrießlichkeiten und Genugtuungen des Dienstes, von glänzend-wohliger Kameradschaft, von der verschmitzten Treue seines Burschen, komischen Zwischenfällen beim Exerzieren und in der Instruktionsstunde, von Besichtigungen und Liebesmahlen. Auch von gesellschaftlichen Dingen, Visiten, Diners, Bällen, war gelegentlich die Rede. Von seiner Gesundheit überhaupt nicht.

Bis gegen den Sommer nicht. Dann hieß es, er hüte das Bett, habe sich leider krank melden müssen: Katarrhfieber, Angelegenheit von ein paar Tagen. Anfang Juni tat er wieder Dienst, aber Mitte des Monats hatte er abermals „schlapp gemacht“, klagte bitter über sein „Pech“, und die Angst brach durch, er möchte etwa zum großen Manöver, Anfang August, auf das er sich von ganzem Herzen freute, nicht auf dem Posten sein. Unsinn, im Juli war er kerngesund, wochenlang, so lange, bis eine Untersuchung am Horizont erschien, die durch die vermaledeiten Schwankungen seiner Temperatur zur Notwendigkeit geworden war, und von der viel abhängen würde. Über das Ergebnis dieser Untersuchung hörte Hans Castorp dann lange nichts, und als es geschah, war es nicht Joachim, der ihm schrieb, – sei es, weil er nicht in der Lage war, zu schreiben, oder weil er sich schämte, – sondern seine Mutter, Frau Ziemßen, und sie telegraphierte. Sie zeigte an, die Beurlaubung Joachims auf einige Wochen sei ärztlicherseits als unumgänglich befunden worden. Hochgebirge indiziert, alsbaldige Abreise geraten, Belegung zweier Zimmer erbeten. Rückantwort bezahlt. Gezeichnet: Tante Luise.

Es war Ende Juli, als Hans Castorp in seiner Balkonloge diese Depesche durchflog, dann las und wieder las. Er nickte leise dazu, nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem ganzen Oberkörper, und sagte zwischen den Zähnen: „Szo, szo, szo! Szieh, szieh, szieh! – Joachim kommt wieder!“ durchfuhr ihn plötzlich die Freude. Aber er wurde gleich wieder still und dachte: „Hm, hm, schwerwiegende Neuigkeiten. Man könnte sie auch als schöne Bescherung bezeichnen. Verdammt, das ist schnell gegangen – schon reif für die Heimat! Die Mutter fährt mit –“ (er sagte „die Mutter“, nicht „Tante Luise“; sein Gefühl für Verwandtschaft, Familienbeziehungen hatte sich unvermerkt bis zur Fremdheit abgeschwächt) – „das ist gravierend. Und gerade vor den Manövern, auf die der Gute so brannte! Hm, hm, es liegt eine hübsche Portion Gemeinheit darin, höhnische Gemeinheit, es ist ein gegen-idealistisches Faktum. Der Körper triumphiert, er will es anders als die Seele, und setzt sich durch, zur Blamage der Hochfliegenden, die lehren, er sei der Seele untertan. Es scheint, sie wissen nicht, was sie sagen, denn wenn sie recht hätten, so würfe das ein zweifelhaftes Licht auf die Seele, in einem Fall wie diesem. Sapienti sat, ich weiß, wie ichs meine. Denn die Frage, die ich aufstelle, ist eben, wie weit es verfehlt ist, sie gegeneinander zu stellen, wie weit sie vielmehr unter einer Decke stecken und eine abgekartete Partie spielen, – das fällt den Hochfliegenden zu ihrem Glück nicht ein. Guter Joachim, wer wollte dir und deinem Biereifer zu nahe treten! Du meinst es ehrlich – aber was ist Ehrlichkeit, frage ich, wenn Körper und Seele nun mal unter einer Decke stecken? Sollte es möglich sein, daß du gewisse erfrischende Düfte, eine hohe Brust und ein grundloses Gelächter nicht hast vergessen können, die am Tische der Stöhr deiner warten? ... Joachim kommt wieder!“ dachte er neuerdings und zog sich zusammen vor Freude. „Er kommt in schlechtem Zustande, offenbar, aber wir werden wieder zu zweien sein, ich werde nicht mehr so ganz auf eigene Hand hier oben leben. Das ist gut. Es wird nicht alles genau wie früher sein; sein Zimmer ist ja besetzt: Mistreß Macdonald, da hustet sie auf ihre klanglose Art und hat natürlich wieder die Photographie ihres kleinen Sohnes neben sich auf dem Tischchen oder auch in der Hand. Aber das ist finales Stadium, und wenn das Zimmer noch nicht wieder vorgemerkt ist, so ... Vorläufig wird ja ein anderes zu haben sein. 28 ist frei, meines Wissens. Ich will gleich auf die Verwaltung und namentlich zu Behrens. Ist das eine Neuigkeit, – traurig von der einen und famos von der anderen Seite, aber jedenfalls eine mächtige Neuigkeit! Ich möchte nur auf den gdießenden Kameraden warten, der gleich kommen muß, da es, wie ich sehe, halb vier ist. Ich möchte ihn fragen, ob er auch in diesem Falle der Meinung bleibt, daß man das Körperliche als sekundär zu betrachten hat ...“

Noch vorm Tee war er im Verwaltungsbureau. Das gedachte Zimmer, am selben Korridor wie seines gelegen, stand zur Verfügung. Auch für Frau Ziemßen würde sich Unterkunft finden. Er eilte zu Behrens. Er traf ihn im „Labor“, eine Zigarre in der einen Hand, in der anderen ein Reagenzglas mißfarbenen Inhalts.

„Herr Hofrat, wissen Sie was?“ begann Hans Castorp ...

„Ja, daß der Ärger nicht abreißt“, erwiderte der Pneumotom. „Das ist Rosenheim aus Utrecht“, sagte er und wies mit der Zigarre auf das Glas. „Gaffky zehn. Und da kommt Fabrikdirektor Schmitz und zetert und beschwert sich, daß Rosenheim auf der Promenade ausgespuckt hat, – mit Gaffky zehn. Und ich soll ihn rüffeln. Aber wenn ich ihn rüffle, so kriegt er Zustände, denn er ist maßlos irritabel und hat mit Familie drei Zimmer belegt. Ich kann ihn nicht rausgraulen, ich kriege es mit der Generaldirektion zu tun. Da sehen Sie, in was für Konflikte man jeden Augenblick gerät, und wenn man auch noch so gern still und unbefleckt seines Weges ziehen möchte.“

„Dumme Geschichte“, sagte Hans Castorp mit der Einsicht des Intimen und Altsassen. „Ich kenne die Herren. Schmitz ist kolossal korrekt und strebsam und Rosenheim reichlich salopp. Vielleicht bestehen aber auch noch andere, als hygienische, Reibungsflächen, ich möchte es glauben. Schmitz und Rosenheim sind beide befreundet mit Doña Perez aus Barcelona, vom Tisch der Kleefeld, das wird es im Grunde wohl sein. Ich würde vorschlagen, das betreffende Verbot vielleicht allgemein wieder in Erinnerung zu bringen und übrigens ein Auge zuzudrücken.“

„Natürlich drücke ich. Ich kriege ja schon Blepharospasmus vor lauter Augenzudrücken. Was treten Sie hier denn an?“

Und Hans Castorp rückte heraus mit seiner traurigen und auch wieder famosen Neuigkeit.

Nicht, daß der Hofrat überrascht gewesen wäre. Er wäre es auf keinen Fall gewesen, war es aber besonders nicht, weil Hans Castorp ihn, gefragt oder ungefragt, über Joachims Ergehen auf dem laufenden gehalten und schon im Mai Bettlägerigkeit signalisiert hatte.

„Aha“, machte Behrens. „Na also. Und was habe ich Ihnen gesagt? Was habe ich ihm und Ihnen nicht zehn-, sondern hundertmal wörtlich gesagt? Da haben Sie’s nun. Dreiviertel Jahr lang hat er seinen Willen und sein Himmelreich gehabt. Aber ein nicht restlos entgiftetes Himmelreich, dabei ist kein Segen, das hat der Ausbrecher dem ollen Behrens nicht glauben wollen. Man soll aber immer dem ollen Behrens glauben, sonst zieht man den kürzeren und kommt zu spät zu Verstand. Da hat er es nun zum Leutnant gebracht, allerdings, nichts zu sagen. Was hat er davon? Gott sieht ins Herze, der sieht nicht auf Rang und Stand, vor dem stehen wir alle in unsrer Blöße, ob General oder gemeiner Mann ...“ Er geriet ins Kohlen, rieb sich mit der riesigen Hand, zwischen deren Fingern er die Zigarre hielt, die Augen und sagte, nun solle Hans Castorp ihm aber für diesmal nicht länger lästig fallen. Eine Bude für Ziemßen sei ja wohl faßbar, und wenn er komme, solle sein Vetter ihn ohne Verzug ins Bett stecken. Ihn, Behrens, betreffend, so trage er keinem was nach, er halte die Arme väterlich geöffnet und sei bereit, ein Kalb für den Ausreißer zu schlachten.

Hans Castorp telegraphierte. Er erzählte nach rechts und links, daß sein Vetter wiederkomme, und alle, die Joachim kannten, waren betrübt und erfreut, und zwar beides aufrichtig, denn Joachims propperes, ritterliches Wesen hatte die allgemeine Zuneigung gewonnen, und manches unausgesprochene Urteil und Gefühl ging in der Richtung, daß er der Beste gewesen sei von allen hier oben. Wir haben niemanden persönlich im Auge, glauben aber an eine gewisse Genugtuung, die mancher darüber empfand, daß Joachim aus dem Soldatenstande zur horizontalen Lebensweise zurückkehren mußte und in seiner Propperkeit nun wieder einer der Unsrigen sein würde. Frau Stöhr, bekanntlich, hatte sich gleich das ihre gedacht; sie fand sich bestätigt in dem ordinären Zweifelsinn, mit dem sie Joachims Aufbruch ins Flachland begleitet hatte, und verschmähte nicht, sich seiner zu rühmen. „Faul, faul“, machte sie. Sie habe die Sache sogleich als faul erkannt und wolle nur hoffen, daß Ziemßen sie nicht oberfaul gemacht habe mit seinem Eigensinn. („Oberfaul“ sagte sie vor lauter unermeßlicher Gewöhnlichkeit.) Da sei es denn doch viel besser, man bleibe gleich bei der Stange, wie sie, die auch ihre Lebensinteressen im Flachlande, nämlich in Cannstadt, habe, einen Mann und zwei Kinder, sich jedoch zu beherrschen wisse ... Es kam gar keine Rückäußerung mehr von Joachim oder Frau Ziemßen. Hans Castorp blieb unwissend über Tag und Stunde ihrer Ankunft; zu einem Empfang am Bahnhof kam es aus diesem Grunde nicht, sondern drei Tage nach Absendung von Hansens Depesche waren sie einfach da, und Leutnant Joachim trat mit erregtem Lachen an seines Vetters Dienstlager.

Es war nach begonnener Abendliegekur. Derselbe Zug hatte sie hergebracht, mit dem Hans Castorp vor Jahren, die weder kurz noch lang, sondern ohne Zeit, in hohem Grade erlebnisreich und dennoch null und nichtig gewesen waren, hier oben eingetroffen war, und auch die Jahreszeit war dieselbe, sogar genau: der allerersten Augusttage einer. Joachim, wie gesagt, trat freudig – ja, für den Augenblick unzweifelhaft freudig erregt bei Hans Castorp ein oder vielmehr aus dem Zimmer, das er im Geschwindschritt durchmessen, auf den Balkon hinaus und grüßte lachend, rasch atmend, gedämpft und abgerissen. Er hatte die weite Reise, durch mehrerer Herren Länder, über den meerartigen See und dann auf gedrangen Pfaden hoch – hoch herauf wieder zurückgelegt, und da stand er nun, als sei er nie weggewesen, von seinem aus der Horizontale halb aufgefahrenen Verwandten mit Hallos und Nanus empfangen. Seine Farbe war lebhaft, sei es dank dem Freiluftleben, das er geführt, oder durch Reiseerhitzung. Direkt, ohne sein Zimmer erst zu betreten, war er auf Nr. 34 geeilt, um den Genossen alter Tage, die nun wieder Gegenwart wurden, zu begrüßen, während seine Mutter mit ihrer Toilette beschäftigt war. Man wollte zu Abend essen in zehn Minuten, natürlich im Restaurant. Hans Castorp würde schon noch etwas mitessen können oder doch einen Schluck Wein trinken. Und Joachim zog ihn hinüber auf Nr. 28, wo es ging, wie einst am Abend von Hansens Ankunft, nur umgekehrt: Joachim, fiebrig plaudernd, wusch sich am blitzenden Becken die Hände, und Hans Castorp sah ihm zu, – erstaunt übrigens und gewissermaßen enttäuscht, den Vetter in Zivil zu sehen. Man merke ihm von seiner Karriere ja gar nichts an. Er habe ihn sich immer als Offizier, in Uniform vorgestellt, und nun stehe er da in grauem Uni, wie irgend jemand. Joachim lachte und fand ihn naiv. Ach nein, die Uniform habe er hübsch zu Hause gelassen. Mit der Uniform, müsse Hans Castorp wissen, habe es was auf sich. Nicht jedes Lokal besuche man in Uniform. „Ach so. Danke gehorsamst“, sagte Hans Castorp. Aber Joachim schien sich keines beleidigenden Sinnes seiner Erklärung bewußt zu sein, sondern erkundigte sich nach allen Personen und Umständen im „Berghof“ nicht nur ohne jeden Hochmut, sondern mit der ganzen angelegentlichen Bewegtheit des Heimgekehrten. Dann erschien Frau Ziemßen durch die Verbindungstür, begrüßte den Neffen in der Form, die manche Leute bei solchen Gelegenheiten wählen, nämlich als sei sie freudig überrascht, ihn hier zu treffen, ein Ausdruck, der übrigens durch Abgespanntheit und stillen Kummer, welcher sich offenbar auf Joachim bezog, melancholisch gedämpft wurde, – und sie fuhren hinunter.

Luise Ziemßen hatte dieselben schönen, schwarzen und sanften Augen wie Joachim. Ihr ebenfalls schwarzes, mit Weiß aber schon stark vermischtes Haar war durch ein fast unsichtbares Schleiernetz in Form und Sitz befestigt, und das paßte zu ihrer Wesenshaltung überhaupt, die besonnen, freundlich gemessen und sanft zusammengenommen war und ihr bei deutlicher Geistesschlichtheit eine angenehme Würde verlieh. Es war klar, und Hans Castorp wunderte sich auch nicht darüber, daß sie sich auf Joachims Lustigkeit, auf den raschen Gang seiner Atmung und seiner sich überstürzenden Rede, Erscheinungen, die zu seinem Verhalten zu Hause und auf der Reise wahrscheinlich in Widerspruch standen und tatsächlich seiner Lage widersprachen, nicht verstand und gewissermaßen Anstoß daran nahm. Dieser Einzug erschien ihr traurig, und sie glaubte sich dementsprechend halten zu sollen. In die Empfindungen Joachims, turbulente Empfindungen der Heimkehr, die im Augenblick alles Entgegenstehende trunken überwogen und durch das Wiederatmen der Luft, unserer unvergleichlich leichten, nichtigen und erhitzenden Luft hier oben, wohl noch befeuert wurden, konnte sie sich nicht finden, sie waren ihr undurchsichtig. „Mein armer Junge“, dachte sie, und dabei sah sie den armen Jungen sich mit seinem Vetter einer ausgelassenen Fröhlichkeit hingeben, hundert Erinnerungen auffrischen, hundert Fragen stellen und sich mit der Antwort lachend in den Stuhl zurückwerfen. Mehrmals sagte sie: „Aber, Kinder!“ Und was sie schließlich sagte, sollte erfreut kommen, kam aber mit Befremdung und leisem Tadel: „Joachim, wahrhaftig, so habe ich dich lange nicht gesehen. Es scheint, wir müßten hierher fahren, damit du wieder wärest wie am Tag deiner Beförderung.“ Worauf es denn freilich mit Joachims Lustigkeit zu Ende war. Seine Stimmung schlug um, er kam zur Besinnung, schwieg, aß nichts vom Nachtisch, obgleich es ein überaus leckeres Schokolade-Soufflé mit Schlagrahm war, das erschien, (Hans Castorp hielt sich statt seiner daran, obgleich seit Abschluß des übergewaltigen Diners erst eine Stunde vergangen war) und blickte endlich überhaupt nicht mehr auf, offenbar weil er Tränen in den Augen hatte.

Das war Frau Ziemßens Meinung nun gewiß nicht gewesen. Eigentlich mehr anstandshalber hatte sie ein wenig gemäßigten Ernst herbeiführen wollen, unwissend, daß gerade das Mittlere und Gemäßigte hier ortsfremd und nur die Wahl zwischen Extremen gegeben war. Da sie den Sohn so gebrochen sah, schien sie selbst den Tränen nicht fern und war ihrem Neffen dankbar für seine Bemühungen, den Tieftraurigen wieder zu beleben. Ja, was den Personalbestand angehe, sagte er, so werde Joachim manches verändert und erneuert finden, anderes dagegen habe sich während seiner Abwesenheit schon wieder hergestellt und sei wie vordem. Die Großtante zum Beispiel mit Begleitung sei längst wieder da. Die Damen säßen, wie immer, am Tische der Stöhr. Marusja lache viel und herzlich.

Joachim schwieg, Frau Ziemßen dagegen fand sich durch diese Worte an eine Begegnung erinnert und an Grüße, die auszurichten seien, ehe sie es vergesse, – die Begegnung mit einer Dame, nicht unsympathisch, wenn auch alleinstehend und mit etwas gar zu ebenmäßigen Augenbrauen, die in München, wo man zwischen zwei Nachtfahrten einen Tag verbracht hatte, im Restaurant an ihren und Joachims Tisch herangetreten sei, um Joachim zu begrüßen. Eine ehemalige Mitpatientin, – Joachim möge ihr doch helfen ...

„Frau Chauchat“, sagte Joachim still. Sie halte sich zur Zeit in einem Kurort des Allgäus auf und wolle im Herbst nach Spanien gehen. Zum Winter werde sie dann wahrscheinlich wieder hierher kommen. Beste Grüße von ihr.

Hans Castorp war kein Knabe mehr, er hatte Gewalt über die Gefäßnerven, die sein Gesicht hätten erblassen oder erröten lassen können. Er sagte:

„Ach, die war das? Sieh an, da ist sie also wieder hinter dem Kaukasus hervorgekommen. Und nach Spanien will sie?“

Die Dame hatte einen Ort in den Pyrenäen genannt. „Hübsche oder doch reizvolle Frau. Angenehme Stimme, angenehme Bewegungen. Aber freie Manieren, nachlässig“, sagte Frau Ziemßen. „Redet uns einfach an wie alte Freunde, fragt und erzählt, obgleich Joachim, wie ich höre, eigentlich nie ihre Bekanntschaft gemacht hat. Fremdartig.“

„Das ist der Osten und die Krankheit“, erwiderte Hans Castorp. Mit Maßstäben der humanistischen Gesittung dürfe man da nicht herantreten, das sei verfehlt. Und da denke er nun darüber nach, daß Frau Chauchat also nach Spanien zu gehen beabsichtige. Hm. Spanien, das liege andererseits ebensoweit von der humanistischen Mitte ab, – nicht nach der weichen, sondern nach der harten Seite; es sei nicht Formlosigkeit, sondern Überform, der Tod als Form, sozusagen, nicht Todesauflösung, sondern Todesstrenge, schwarz, vornehm und blutig, Inquisition, gestärkte Halskrause, Loyola, Eskorial ... Interessant, wie es Frau Chauchat in Spanien gefallen werde. Das Türenwerfen werde ihr dort wohl vergehen, und vielleicht könne eine gewisse Kompensation der beiden außerhumanistischen Lager zum Menschlichen sich vollziehen. Es könne aber auch etwas recht boshaft Terroristisches zustande kommen, wenn der Osten nach Spanien gehe ...

Nein, er war nicht rot oder blaß geworden, aber der Eindruck, den die unverhofften Nachrichten über Frau Chauchat auf ihn gemacht, äußerte sich in Reden, auf die denn freilich nur betretenes Schweigen die Antwort sein konnte. Joachim war weniger erschrocken; er kannte des Vetters Scharfköpfigkeit hier oben von früher her. Aber in Frau Ziemßens Augen malte sich größte Bestürzung; sie verhielt sich nicht anders, als habe Hans Castorp grobe Unanständigkeiten geäußert, und hob nach einer peinlichen Pause die Tafel mit Worten taktvoller Vertuschung auf. Bevor man sich trennte, teilte Hans Castorp die Order des Hofrats mit, daß Joachim jedenfalls morgen im Bett bleiben solle, bis jener ihn untersucht habe. Das Weitere werde sich finden. Dann lagen die drei Verwandten bald in ihren offenen Zimmern in der Frische der Hochgebirgs-Sommernacht, – ein jeder mit seinen Gedanken, Hans Castorp vornehmlich mit dem an Frau Chauchats binnen Halbjahrsfrist zu erwartende Wiederkehr.

Und so war denn der arme Joachim zu einer rätlich gewordenen kleinen Nachkur wieder in die Heimat eingerückt. Dies Wort von der kleinen Nachkur war offenbar die im Flachland ausgegebene Parole, und auch hier oben ließ man sie gelten. Selbst Hofrat Behrens nahm die Wendung an, obgleich es allein schon vier Wochen Bettlage waren, die er Joachim vor allem einmal aufbrummte: die seien nötig, um das Gröbste zu reparieren, zur neuen Akklimatisation und um seinen Wärmehaushalt vorläufig etwas zu regeln. Sich auf eine Befristung der Nachkur festlegen zu lassen, wußte er zu vermeiden. Frau Ziemßen, verständig, einsichtsvoll, durchaus nicht sanguinisch, brachte, fern von Joachims Lager, den Herbst, Oktober etwa, als Entlassungstermin in Vorschlag, und Behrens stimmte ihr insofern zu, als er erklärte, um diese Zeit werde man jedenfalls weiter sein als gegenwärtig. Übrigens gefiel er ihr ausgezeichnet. Er war ritterlich, sagte „meine gnädigste Frau“, indem er sie mit seinen blutunterlaufenen Quellaugen mannentreu anblickte, und sprach so korpsstudentisch redensartlich, daß sie bei aller Betrübnis lachen mußte. „Ich weiß ihn in besten Händen“, sagte sie, und reiste acht Tage nach ihrer Ankunft nach Hamburg zurück, da von der Notwendigkeit irgendwelcher Pflege nicht ernstlich die Rede sein konnte und Joachim außerdem ja Verwandtengesellschaft hatte.

„Also, sei froh: im Herbst“, sagte Hans Castorp, wenn er auf Nr. 28 an seines Vetters Bette saß. „Der Alte hat sich doch einigermaßen gebunden; du kannst dich daran halten und damit rechnen. Oktober – das ist so die Zeit. Da gehen manche Leute nach Spanien, und du kehrst dann auch zu deiner bandera zurück, um dich über Gebühr auszuzeichnen ...“

Sein täglich Geschäft war, Joachim zu trösten, namentlich darüber, daß dieser das große Kriegsspiel hier oben versäumen mußte, das in diesen Augusttagen begann, – denn das verwand er nicht und äußerte geradezu Selbstverachtung der gottverfluchten Schlappheit wegen, der er im letzten Augenblick unterlegen war.

„ Rebellio carnis“, sagte Hans Castorp. „Was willst du da machen? Da kann der tapferste Offizier nichts machen, und sogar der heilige Antonius wußte ein Lied davon zu singen. In Gottes Namen, Manöver sind jedes Jahr, und dann kennst du doch die hiesige Zeit! Es ist ja gar keine, du bist nicht lange genug fort gewesen, um nicht ganz leicht wieder ins Tempo zu kommen, und eh du die Hand drehst, ist deine kleine Nachkur vorbei.“

Immerhin war die Auffrischung des Zeitsinnes, die Joachim durch das Leben im Flachlande erfahren hatte, zu bedeutend, als daß er sich vor den vier Wochen nicht hätte fürchten sollen. Doch war man ihm vielfach behilflich, sie zurückzulegen; die Sympathie, die man allgemein seiner propperen Natur entgegenbrachte, äußerte sich in Besuchen von nahe und ferner: Settembrini kam, war teilnehmend und charmant und redete Joachim, da er ihn immer schon „Leutnant“ genannt hatte, nun „Capitano“ an; auch Naphta sprach vor, und aus dem Hause selbst ließen sich nach und nach die alten Bekannten sehen, indem sie eine dienstfreie Viertelstunde benutzten, um sich an sein Bett zu setzen, das Wort von der kleinen Nachkur zu wiederholen und sich seine Schicksale erzählen zu lassen: die Damen Stöhr, Levi, Iltis und Kleefeld, die Herren Ferge, Wehsal und andere mehr. Einige brachten ihm sogar Blumen. Als die vier Wochen um waren, stand er auf, da sein Fieber so weit gedämpft war, daß er umhergehen konnte, und setzte sich im Speisesaal zu seinem Vetter, zwischen ihn und die Brauersgattin Frau Magnus, Herrn Magnus gegenüber, an den Eckplatz, den seinerzeit Onkel James und ein paar Tage lang auch Frau Ziemßen eingenommen hatten.

So lebten die jungen Leute denn wieder Seite an Seite wie ehedem; ja, damit das alte Bild noch vollständiger wieder erstehe, fiel ihm, da Mistreß Macdonald, das Bild ihres Knaben in Händen, den letzten Seufzer getan, auch sein angestammtes Zimmer, das neben Hans Castorps, wieder zu, selbstverständlich nach gründlicher Entkeimung durch H₂CO. Eigentlich und gefühlsmäßig gesprochen, war es nun so, daß Joachim an Hans Castorps Seite lebte und nicht mehr umgekehrt: dieser war nun der Eingesessene, dessen Daseinsform der andere auf kurze Zeit und besuchsweise teilte. Denn den Oktobertermin bemühte sich Joachim steif und fest im Auge zu behalten, obgleich gewisse Punkte seines Zentralnervensystems sich nicht zu humanistischer Norm des Verhaltens wollten anhalten lassen und die kompensatorische Wärmeausgabe seiner Haut verhinderten.

Auch ihre Besuche bei Settembrini und Naphta sowie die Spaziergänge mit diesen beiden feindlich Verbundenen nahmen sie wieder auf, und wenn A. K. Ferge und Ferdinand Wehsal sich beteiligten, was öfters geschah, so waren sie zu sechsen, und jene Widersacher im Geiste lieferten ihre unaufhörlichen Duelle, bei deren Vorführung wir irgendwelche Vollständigkeit nicht anstreben könnten, ohne uns ebenso ins Desperat-Unendliche zu verlieren, wie sie es täglich taten, vor einem stattlichen Publikum, wenn auch Hans Castorp seine arme Seele als Hauptgegenstand ihres dialektischen Wettstreites betrachten wollte. Von Naphta hatte er erfahren, daß Settembrini Freimaurer sei, – was keinen geringeren Eindruck auf ihn gemacht hatte als des Italieners Eröffnung über Naphtas jesuitische Herkunft und Versorgtheit. Wiederum war er phantastisch überrascht gewesen, zu hören, daß es im Ernst noch dergleichen gäbe und hatte den Terroristen mit Fleiß über den Ursprung und das Wesen dieser kuriosen Einrichtung ausgeholt, die in einigen Jahren ihr zweihundertjähriges Jubiläum würde begehen können. Wenn Settembrini über Naphtas geistiges Wesen hinter seinem Rücken, im Tone pathetischer Warnung und als von etwas Teuflischem sprach, so machte sich Naphta, hinter dem des anderen, über die Sphäre, die dieser vertrat, ohne Anstrengung lustig, indem er zu verstehen gab, daß es sich da um etwas recht Altmodisches und Rückständiges handle: um bürgerliche Aufklärung und eine Freigeisterei von vorgestern, welche nichts weiter sei, als armseliger Geisterspuk, sich aber der skurrilen Selbsttäuschung hingebe, noch immer revolutionären Lebens voll zu sein. Er sagte: „Was wollen Sie, schon sein Großvater war Carbonaro, zu deutsch also Köhler. Von ihm hat er den Köhlerglauben an die Vernunft, die Freiheit, den Menschheitsfortschritt und diese ganze Mottenkiste klassizistisch-bourgeoiser Tugendideologie ... Sehen Sie, was die Welt verwirrt, ist das Mißverhältnis, das zwischen der Geschwindigkeit des Geistes und der ungeheueren Unbeholfenheit, Langsamkeit, Beharrungsträgheit und -kraft der Materie besteht. Man muß zugeben, daß dieses Mißverhältnis ausreichen würde, jede Interesselosigkeit des Geistes am Wirklichen zu entschuldigen, denn die Regel ist, daß die Fermente, die die Revolutionen der Wirklichkeit herbeiführen, ihm längst zum Ekel geworden sind. Tatsächlich ist toter Geist dem lebendigen widerwärtiger als irgendwelche Basalte, die wenigstens nicht den Anspruch erheben, Geist und Leben zu sein. Solche Basalte, Reste ehemaliger Wirklichkeiten, die der Geist so weit hinter sich gelassen hat, daß er sich weigert, den Begriff des Wirklichen überhaupt noch damit zu verbinden, erhalten sich träge fort und bewahren durch ihren plumpen und toten Fortbestand das Abgeschmackte leidigerweise davor, seiner Abgeschmacktheit inne zu werden. Ich spreche allgemein, aber Sie werden die Nutzanwendung auf jenen humanitären Freisinn zu ziehen wissen, der glaubt, sich gegen Herrschaft und Autorität noch immer in heroischem Stande zu befinden. Ach, und nun gar die Katastrophen, vermittelst deren er sich sein Leben beweisen möchte, die verspäteten und spektakulösen Triumphe, die er vorbereitet und die er eines Tages zu feiern träumt! Beim bloßen Gedanken daran könnte der lebendige Geist sich zu Tode langweilen, wüßte er nicht, daß in Wahrheit doch nur er aus solchen Katastrophen als Sieger und Nutznießer hervorgehen wird, – er, der Elemente des Alten in sich mit Zukünftigstem zu wahrer Revolution verschmilzt ... Wie geht es Ihrem Vetter, Hans Castorp? Sie wissen, daß ich ihm viel Sympathie entgegenbringe.“

„Danke, Herr Naphta. Dem bringt wohl jedermann aufrichtige Sympathie entgegen, ein so braver Junge, wie er ja offensichtlich ist. Auch Herr Settembrini mag ihn ausgesprochen gern leiden, wenn er auch einen gewissen schwärmerischen Terrorismus, der in Joachims Stande liegt, natürlich mißbilligen muß. Da höre ich nun, daß er Logenbruder ist. Sehe einer an. Es berührt mich nachdenklich, das muß ich sagen. Es rückt mir seine Person in eine neue Beleuchtung und verdeutlicht mir manches. Ob er gelegentlich auch seine Füße in den rechten Winkel stellt und seinem Händedruck eine besondere Beschaffenheit verleiht? Ich habe nie etwas bemerkt ...“

„Über solche Kindereien,“ meinte Naphta, „ist unser guter Drei-Punkte-Bruder wohl hinaus. Ich nehme an, daß das Logenzeremoniell eine recht kümmerliche Anpassung an den nüchternen Staatsbürgergeist der Zeiten erfahren hat. Man würde sich des Rituals von ehedem wohl als eines unzivilen Hokuspokus schämen, – nicht mit Unrecht, denn den atheistischen Republikanismus als Mysterium einzukleiden, wäre am Ende wirklich ungereimt. Ich weiß nicht, mit welchen Schrecknissen man Herrn Settembrinis Standhaftigkeit auf die Probe gestellt hat, – ob man ihn mit verbundenen Augen durch allerlei Gänge geführt und ihn in finsteren Gewölben hat warten lassen, bevor der von gespiegeltem Licht erfüllte Bundessaal sich ihm auftat. Ob man ihn feierlich katechisiert und angesichts eines Totenkopfes und dreier Lichter seine entblößte Brust mit Schwertern bedroht hat. Sie müssen ihn selber fragen, aber ich fürchte, Sie werden ihn wenig gesprächig finden, denn sollte es auch viel bürgerlicher dabei zugegangen sein, auf jeden Fall hat er Verschwiegenheit geloben müssen.“

„Geloben? Verschwiegenheit? Also doch?“

„Gewiß. Verschwiegenheit und Gehorsam.“

„Auch noch Gehorsam. Hören Sie, Professor, jetzt kommt mir vor, als ob er gar nicht Ursache hätte, sich über Schwärmerei und Terrorismus im Stande meines Vetters aufzuhalten. Verschwiegenheit und Gehorsam! Nie hätte ich gedacht, daß ein so freisinniger Mann wie Settembrini sich so ausgemacht spanischen Bedingungen und Gelöbnissen unterwerfen könnte. Ich spüre da geradezu was Militärisch-Jesuitisches in der Freimaurerei ...“

„Sie spüren ganz richtig“, erwiderte Naphta. „Ihre Wünschelrute zuckt und klopft auf. Die Idee des Bundes überhaupt ist untrennbar und schon in der Wurzel verbunden mit der des Unbedingten. Folglich ist sie terroristisch, das heißt: antiliberal. Sie entlastet das individuelle Gewissen und heiligt im Namen des absoluten Zweckes jedes Mittel, auch das blutige, auch das Verbrechen. Man hat Anhaltspunkte, daß auch in Maurerlogen ehemals der Bruderbund symbolisch mit Blut besiegelt wurde. Ein Bund ist niemals etwas Beschauliches, sondern immer und seinem Wesen nach etwas in absolutem Geist Organisatorisches. Sie wissen nicht, daß der Gründer des Illuminatenordens, der eine Zeitlang mit der Maurerei beinahe verschmolz, ein ehemaliger Angehöriger der Gesellschaft Jesu war?“

„Nein, das ist mir natürlich neu.“

„Adam Weishaupt organisierte seinen humanitären Geheimbund ganz nach dem Muster des Jesuitenordens durch. Er selbst war Maurer, und die angesehensten Logenmänner der Zeit waren Illuminaten. Ich spreche von der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, die Settembrini nicht zögern wird, Ihnen als eine Zeit der Verderbnis seiner Gilde zu kennzeichnen. In Wirklichkeit war sie die ihrer Hochblüte, wie des ganzen geheimen Bundeswesens überhaupt, die Zeit, wo die Maurerei wahrhaft höheres Leben gewann, ein Leben, von dem sie später durch Leute vom Schlage unseres Menschheitsfreundes wieder gereinigt wurde, der damals unbedingt zu denen gehört hätte, die ihr Jesuitismus und Obskurantismus zum Vorwurf machten.“

„Und dafür gab es Gründe?“

„Ja, – wenn Sie wollen. Die triviale Freigeisterei hatte Gründe dafür. Es war die Zeit, wo unsere Väter den Bund mit katholisch-hierarchischem Leben zu erfüllen suchten, und wo zu Clermont in Frankreich eine jesuitische Freimaurerloge blühte. Es war ferner die Zeit, wo das Rosenkreuzertum in die Logen eindrang, – eine sehr merkwürdige Brüderschaft, von der Sie sich merken dürfen, daß sie rein rationale politisch-gesellschaftliche Verbesserungs- und Beglückungsziele mit eigentümlichen Beziehungen zum Geheimwissen des Ostens, zu indischer und arabischer Weisheit und magischer Naturerkenntnis verband. Damals vollzog sich die Reform und Berichtigung vieler Freimaurerlogen im Sinne der strikten Observanz, – einem ausgesprochen irrationalen und geheimnisvollen, magisch-alchimistischen Sinn, dem die schottischen Hochgrade des Maurertums ihr Dasein verdanken, – Ordensrittergrade, die man der alten militärischen Rangstufenordnung von Lehrling, Geselle und Meister hinzufügte, Großmeistergrade, die ins Hieratische führten und von rosenkreuzerischem Geheimwissen erfüllt waren. Es handelt sich da um ein Zurückgreifen auf gewisse geistliche Ritterorden des Mittelalters, die Templer insbesondere, Sie wissen, die vor dem Patriarchen von Jerusalem das Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams ablegten. Noch heute führt ein Hochgrad der Freimaurerhierarchie den Titel ‚Großfürst von Jerusalem‘.“

„Mir neu, mir alles ganz neu, Herr Naphta. Ich komme da unserem Settembrini auf Schliche ... ‚Großfürst von Jerusalem‘ ist nicht schlecht. So sollten Sie ihn bei Gelegenheit scherzweise auch mal nennen. Er seinerseits hat Ihnen neulich den Spitznamen ‚Doctor angelicus‘ gegeben. Das fordert Rache.“

„Oh, es gibt noch eine Menge ähnlich bedeutender Titel für die Hoch- und Templergrade der Strikten Observanz. Wir haben da einen Vollkommenen Meister, einen Ritter vom Osten, einen Großen Oberpriester, und der einunddreißigste Grad heißt sogar der ‚Erhabene Fürst des königlichen Geheimnisses‘. Sie bemerken, daß alle diese Namen auf Beziehungen zur morgenländischen Mystik deuten. Das Wiedererscheinen des Templers selbst bedeutete nichts anderes, als die Aufnahme solcher Beziehungen, tatsächlich den Einbruch irrationalen Gärstoffes in eine Ideenwelt vernünftig-nützlicher Gesellschaftsverbesserung. Dadurch gewann das Maurertum einen neuen Reiz und Glanz, der den Zulauf erklärt, dessen es sich damals erfreute. Es zog sämtliche Elemente an sich, die der Vernünftelei des Jahrhunderts, seiner humanen Auf- und Abgeklärtheit müde waren und nach stärkeren Lebenstränken durstig. Der Erfolg des Ordens war derart, daß die Philister klagten, er entfremde die Männer dem häuslichen Glück und der weiblichen Würde.

„Nun, hören Sie, Professor, dann muß man es verstehen, daß Herr Settembrini sich nicht gern an diese Hochblüte seines Ordens erinnert.

„Nein, er erinnert sich nicht gern daran, daß es Zeiten gab, wo sein Bund all die Antipathie auf sich versammelte, die Freigeisterei, Atheismus, enzyklopädische Vernunft sonst dem Komplex von Kirche, Katholizismus, Mönch, Mittelalter zuwendete. Sie hörten, daß man die Maurer des Obskurantismus zieh ...“

„Warum? Ich möchte gern deutlicher hören, wieso.“

„Das will ich Ihnen sagen. Die Strikte Observanz war gleichbedeutend mit einer Vertiefung und Erweiterung der Überlieferungen des Ordens, mit einer Zurückverlegung seiner historischen Ursprünge in die Geheimniswelt, die sogenannte Finsternis des Mittelalters. Die Hochmeistergrade der Logen waren Eingeweihte der physica mystica, Träger magischen Naturwissens, in der Hauptsache große Alchimisten ...“

„Jetzt muß ich mich aus allen Kräften zu besinnen suchen, was es mit der Alchimie im Großen-Ganzen noch ungefähr auf sich hatte. Alchimie, das ist also Goldmacherei, Stein der Weisen, Aurum potabile ...“

„Ja, populär gesprochen. Etwas gelehrter gesprochen ist sie Läuterung, Stoffverwandlung und Stoffveredlung, Transsubstantiation, und zwar zum Höheren, Steigerung also, – der lapis philosophorum, das mann-weibliche Produkt aus Sulfur und Merkur, die res bina, die zweigeschlechtige prima materia war nichts weiter, nichts Geringeres als das Prinzip der Steigerung, der Hinauftreibung durch äußere Einwirkungen, – magische Pädagogik, wenn Sie wollen.“

Hans Castorp schwieg. Er blickte augenblinzelnd schräg empor.

„Ein Symbol alchimistischer Transmutation,“ fuhr Naphta fort, „war vor allem die Gruft.“

„Das Grab?“

„Ja, die Stätte der Verwesung. Sie ist der Inbegriff aller Hermetik, nichts anderes als das Gefäß, die wohlverwahrte Kristallretorte, worin der Stoff seiner letzten Wandlung und Läuterung entgegengezwängt wird.“

„‚Hermetik‘ ist gut gesagt, Herr Naphta. ‚Hermetisch‘ – das Wort hat mir immer gefallen. Es ist ein richtiges Zauberwort mit unbestimmt weitläufigen Assoziationen. Entschuldigen Sie, aber ich muß immer dabei an unsere Weckgläser denken, die unsere Hamburger Hausdame – Schalleen heißt sie, ohne Frau und Fräulein, einfach Schalleen – in ihrer Speisekammer reihenweise auf den Börtern stehen hat, – hermetisch verschlossene Gläser mit Früchten und Fleisch und allem möglichen darin. Sie stehen Jahr und Tag, und wenn man eines aufmacht, nach Bedarf, so ist der Inhalt ganz frisch und unberührt, weder Jahr noch Tag hat ihm was anhaben können, man kann ihn genießen, wie er da ist. Das ist nun allerdings nicht Alchimie und Läuterung, es ist bloß Bewahrung, daher der Name Konserve. Aber das Zauberhafte daran ist, daß das Eingeweckte der Zeit entzogen war; es war hermetisch von ihr abgesperrt, die Zeit ging daran vorüber, es hatte keine Zeit, sondern stand außerhalb ihrer auf seinem Bort. Na, soviel von den Weckgläsern. Es ist nicht viel dabei herausgekommen. Pardon. Sie wollten mich, glaube ich, noch weiter belehren.“

„Nur wenn Sie es wünschen. Der Lehrling muß wißbegierig und furchtlos sein, im Stil unseres Gegenstandes zu reden. Die Gruft, das Grab war immer das hauptsächliche Sinnbild der Bundesweihe. Der Lehrling, der zum Wissen Einlaß begehrende Grünling, hat unter ihren Schaudern seine Unerschrockenheit zu bewähren, der Ordensbrauch will, daß er probeweise in sie hinabgeführt wird, und in ihr verweilen muß, um dann an unbekannter Bruderhand daraus hervorzugehen. Daher die verworrenen Gänge und finsteren Gewölbe, durch die der Novize zu wandern hatte, das schwarze Tuch, womit selbst der Bundessaal der Strikten Observanz ausgeschlagen war, der Kultus des Sarges, der bei dem Einweihungs- und Versammlungszeremoniell eine so wichtige Rolle spielte. Der Weg der Mysterien und der Läuterung war von Gefahren umlagert, er führte durch Todesbangen, durch das Reich der Verwesung, und der Lehrling, der Neophyt, ist die nach den Wundern des Lebens begierige, nach Erweckung zu dämonischer Erlebnisfähigkeit verlangende Jugend, geführt von Vermummten, die nur Schatten des Geheimnisses sind.“

„Ich danke sehr, Professor Naphta. Vorzüglich. Das wäre also die hermetische Pädagogik. Es kann nicht schaden, daß mir auch von ihr mal etwas zu Ohren gekommen ist.“

„Um so weniger, als es sich da um eine Führung zum Letzten handelt, zum absoluten Bekenntnis des Übersinnlichen und damit zum Ziele. Die alchimistische Logenobservanz hat viele edle, suchende Geister in späteren Jahrzehnten zu diesem Ziele geführt, – ich muß es nicht nennen, denn es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß die Rangstufenfolge der schottischen Hochgrade nur ein Surrogat ist der Hierarchie, daß die alchimistische Weisheit des Meister-Maurers sich im Mysterium der Wandlung erfüllt, und daß die geheime Führung, die die Loge ihren Zöglingen angedeihen ließ, sich ebenso deutlich in den Gnadenmitteln wiederfindet, wie die sinnbildlichen Spielereien des Bundeszeremoniells in der liturgischen und baulichen Symbolik unserer heiligen katholischen Kirche.“

„Ach so!“

„Ich bitte, auch das ist noch nicht alles. Ich erlaubte mir schon anzudeuten, daß die Ableitung des Logenwesens aus jenen handwerkerlich ehrsamen Maurergilden nur eine historische Veräußerlichung ist. Die Strikte Observanz wenigstens verlieh ihr weit tiefere menschliche Fundamente. Das Geheimnis der Logen hat mit gewissen Mysterien unserer Kirche die deutliche Beziehung gemeinsam zu festlichen Verschwiegenheiten und heiligen Ausschweifungen der frühesten Menschheit ... Ich habe, was die Kirche betrifft, das Nacht- und Liebesmahl im Auge, den sakramentalen Genuß von Leib und Blut, in Dingen der Loge aber –“

„Einen Augenblick. Einen Augenblick für eine Randbemerkung. Es gibt auch in dem unbedingten Bundesleben, dem mein Vetter angehört, sogenannte Liebesmahle. Er hat mir oft davon geschrieben. Natürlich geht es bis auf ein bißchen Betrunkenheit sehr anständig dabei zu, nicht mal so stark wie bei den Korpskneipen ...“

„In Dingen der Loge aber den Gruft- und Sargeskult, auf den ich vorhin Ihre Aufmerksamkeit lenkte. In beiden Fällen handelt es sich um eine Symbolik des Letzten und Äußersten, um Elemente orgiastischer Urreligiosität, gelöste und nächtliche Opferdienste zu Ehren von Sterben und Werden, Tod, Verwandlung und Auferstehung ... Sie erinnern sich, daß die Mysterien der Isis sowohl wie die von Eleusis bei Nacht und in finsteren Höhlen begangen wurden. Nun, der ägyptischen Erinnerungen gab und gibt es im Maurerwesen eine Menge, und unter den geheimen Gesellschaften waren solche, die sich eleusinische Bünde nannten. Es gab da Logenfeste, Feste der eleusischen Mysterien und der aphrodisischen Geheimnisse, bei denen denn endlich doch die Frau ins Spiel trat, – Rosenfeste, auf die jene drei blauen Rosen der Maurerschürze anspielten, und die, wie es scheint, ins Bacchantische auszulaufen pflegten ...“

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