Die Achatnen Kugeln

Kasimir Edschmid · Kapitel 3 von 7

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Die Achatnen Kugeln

Der erste Abschnitt

Der schlief mit einer Dänin mit gelbem Fjordhaar. Er lebte ruhig, stiller als

Männer, die seinen Stand hatten. Er kannte keine anderen Frauen. War

rundherum sicher, wußte, was er tat. Als der Bogen beendet, starb er mit gleicher

Ruhe, wie er dagewesen. Sein Sohn glich ihm genau. Er hinkte mit dem linken

Fuß, hatte blaue Augen zu dunklem Haar. Der Besitz wuchs, indem er ihn

erhielt. Er hatte drei Söhne, einen erschlug der Blitz, der andere schoß sich vor

den Kopf. Der Letzte blieb. Er spielte am Strand, war träumerisch und ernst. Sie

lebten nach innen in der ganzen Linie. Nichts stieß sie aus dem Kreis heraus, den

Landschaft, Erdgeruch, Besitztum um sie schlug. In der Pause erholte sich die

Generation, schöpfte Atem, schluckte nach innen, in sich hinein.

Als Daisy die Mutter verließ, flaggten die Schuppen bis Quibec, pfiffen die

Dampfer Schleifen und Spitzen bis zu den Großen Seen. Die Sonne schlug durch

den Zenith. Am Abend starb die Mutter.

Der Vater trat ins Zimmer, duckte den Nacken etwas, schwieg. Schalen

flammten in kurzer Nacht, umglänzten Daisys ersten Tag. Der vierte Vaudreuil

nahm die Hand des Bischofs, es sprühte in besinnungsloser Trauer ihm das

Gefühl der Ehre. Chorknaben durchsangen die Räume, schwenkten das

Rauchfaß. Abordnungen des Hudson neigten das Kinn gegen die Brust. Im

Fensterglas spiegelte ein Segler, der mit halbgehißter Fahne vom Ontario

kreuzte. Nach dem Essen legte Vaudreuil die feine hart gebogene Hand auf die

des Bischofs: „Sie irren, Eminenz, ich setze sie im Garten bei.“

Er stand am Fenster, sah, ungerührt, bewegungslos den Bischof hinabgehn, die

Turbine des Motors schäumte weg von ihm, warf ihm Blasen, Wellen zurück.

Abends kam für Daisy eine eingeborene Nurse. In der Nacht verbrannte er seine

Frau im Garten. Die Nurse senkte die Gardinen. In der Dämmerung erst ging

Vaudreuil zurück ins Haus. Abends trat er in ihr Zimmer. Als er die leere

Bettfülle sah, den faden Geruch spürte, begriff er erst.

Blieb die Nacht wieder draußen, baute mit vier Gärtnern eine Hütte über der

Asche. Jeder Windstoß erregte ihn. Morgens ging Brise. Die Angst wuchs, die

Asche werde verweht. Sie war das Letzte. Von Montreal brachte der Bote den

Wagen mittags. Brown, anglikanischer Pastor, sprach Gebete. Früher wagte

Vaudreuil nicht, die Asche zu sammeln, so schmerzlich seinem Herz, das ohne

schlagende Dränge nur Liebe kannte zu Respekt und Hergebrachtem, der

Priester anderer Konfession war. Er trug die Vase selbst ins Zimmer, mit straffen

Beinen. Dort fiel er zusammen, schlug die Arme auf den Tisch. Langsam, fest

wuchs er in Stunden zurück, bis er senkrecht saß. Er würde weiter leben.

Auferlegtes Werk weiter verwalten, dies Schicksal tragen, dieses und jenes, wie

alles, das er, Erbe, trug. Doch ohne diese Frau, . . . er schloß die Augen.

Brown zog in die Familie ein. Vaudreuil band ihn an Haus, Besitz und Tätigkeit. Hätte ihn um sich gehalten, stänke er wie Aas, vergaß ihm das Gebet

nicht. Nichts hätte dies zwischen ihnen herausgejagt. Doch Brown gewann nicht

ganz Boden. Der Lebensschlag verwirrte ihn hier. Liebe aber wischte ihm das

andere immer hinweg. Er sprach eckig, unfrei, seine Handgelenke, unter

flatternden, fliehenden Manschetten, waren gerötet. Einmal erleichterte er sein

Gewissen, schlug den Übertritt vor zu seiner Konfession, dies eine Mal gab

Vaudreuil keine Antwort. Nichts war gesagt worden. Brown war es los.

Vaudreuil rief den Vorstand der achten Abteilung, zog aus den Akten ein

Bündel, legte ein Papier auf: „Sie irrten.“ „Ich würde bedauern.“ Der junge

Bursche trug den Fehler selbstbewußt.

„Sie haben zum zweitenmal geirrt.“

„Zu Ihrem Vorteil.“

„Das spielt keine Rolle. Das dritte Mal entlasse ich Sie, so sehr Ihr Eifer

anerkannt wird.“ Er drehte sich um. Der Vorstand trat vor, bleich, einen Zahn in

der Lippe. Vaudreuil nickte über die Schulter, der ging, errötete vor Freude. Die

Ledertür fiel. Vaudreuil senkte sein Gesicht. Das Gehaltene verließ ihn, die

Augen sahen durch die Papiere, Holz, Wand. Er ging in den Garten. Jeden Tag

ward die Frist größer, die er blieb, die Intensität erschreckender, mit der er die

Arbeit zusammendrängte, durchfuhr. Brown sprang ein, wagte es (was allein er

konnte), legte die Hand auf seine Schulter, schlug einen Wechsel vor, des

Wohnorts, der Luft. Vaudreuil schüttelte es ab. Generationen hatten hier gelebt.

Er blieb. Brown deutete den Kiesweg runter, wo die Nurse das Kind

heraufschob. „Es handelt sich nicht um Sie.“ Vaudreuil erblaßte etwas, er

erkannte. Schwankte, ohne zu zeigen, was vorging, einige Tage. Dann entschloß

er, ging aufs Ganze. Teilte; arrangierte die Übersiedlung zu den Ottava-Mühlen.

Nachts schlief er am Lorenz, war sein Plan. Morgens fuhr er im Auto zum

anderen Stromhaus, abends wieder zurück. Er hielt auseinander. Da starb die

Frau. Dort lag sein Werk. So hielt er Gleichgewicht, indem er nicht mischte.

Brown nickte in der Sitzung: „Sie bleiben auf eignem Boden.“ Der Vorsteher

der Büros zog zwei Kreise, die sich durchbohrten: „Der Schwerpunkt der

Affären fällt nach Westen“. Nickte. War Franzose, der Plan war sein alter Plan.

„Es geht um die Gesundheit, Fidley. Zaudern Sie nicht, das zu begreifen,“ sagte

Vaudreuil.

Mittags fuhren sie im Auto den Lorenz hinauf, folgten ihm in Launen,

Schlägen, Schnellen. Der Wald war dicht voll Saft, Sonne spielte in fetter Luft.

Vögel schrieen. Schlugen hämmernd hinaus in Weizenebenen. Kühe tollten unter

Bäumen, grad gesetzt, trächtig von Frucht. Blauer Himmel stieg vom Waldblock

herauf, überflog sich taumelnd. Die Nurse saß neben Daisy. Der Wagen

schwenkte nach Norden, fuhr an neuem Strom. Hinauf, hinauf. Ein Gartenhaus stand unter Blumen. Ottavagemurmel nickte, schwamm um jeden Kelch. Der

Wagen hielt. Die Nurse packte Daisy. Sie stiegen aus. Daisy schrie hell und

scharf, verstummte, wachte auf. Lange dunkle Wimpern brachen auf. Grau und

stählern nahm der Blick die Landschaft, saugte sie ein, als besäße er sie.

 

Kam sie am Arm der Nurse schlenkernd herauf vom Fluß, rollten die weißen

Sonnen der Sägen über ihr im Himmel. Gegen die Dämmerung heulten die

Dampfhähne, Feuersignale schossen aus Schloten herauf, herab. Um sie

wimmelten Menschen, grinsten mit gefletschten Zähnen, verbeugten sich, trugen

Hüte in der Hand an ihr vorbei, Weiber drängten um sie Koseworte herum. Die

Rollketten der Wegbahnen knatterten sich in endlosen Ellipsen um den Horizont

herum. Am Garten begann Duft sie zu überfallen. Aus Kronen seltsam geformter

Bäume schüttelten sich Schatten herunter, trieben im Geruch. Nachts schlief sie

auf dem Geschaukel des Ottavageräuschs. Es füllte langsam, wachsend ihr Ohr.

Im Garten suchte sie Syg, Tochter der Nurse, hob die Goldregenzweige,

suchte üppige Grasrosenstände durch, zirpte in Schneeballendickicht,

Salmweiden: Syg. Sie schritten mit langen dünnen Beinen über den schiefrig

blauen Kies; setzten sich auf die Bank in die Sonne, sahen nach dem Haus.

Verschwand der Kopf der Nurse, streckten sie Zungen heraus. Erschien er,

scharrten sie träumerisch mit den Füßen, preßten die Ellenbogen aneinander,

verklucksten sich im Gegen-den-Boden-Lachen lautlos. Plötzlich drückte Daisys

Hand die Sygs hart. Die Zweige hinter ihnen wogten und schluckten, fuhren

rückwärts. Nach der leeren Bank flog der Nurse Geschrei.

Zuerst liefen sie durch Dickicht, Primelbeete, sodann kam das Hundeloch im

Zaun. Hundert Meter dahinter flimmerte Prärie. Unten tief in der zitternden

blauen Dunstwolke, die die Erdscheibe abbog, kam im Halbbogen das Atmen

der Gräser in endlos wellender Flut sanft herauf. Unsichtbare Vögel sangen

gedämpft aus dem Tau der Halme. Das Licht floß auf der Stille, wiegte, glitt. Sie

schlichen bis zu drei Termitenhaufen. Unordnung kam in die brausende Stille,

vom Zaun kamen Rufe. Sie lagen eine Stunde still im Zittergras, trauten der

eingebrochenen Ruhe nicht, die über sie spielte, fürchteten das Spähauge, die

schlaue Lauer der Nurse. Dann zog Syg die Mittelfinger aus den Ohren. Sie

hatten nichts gehört. Daisy hob die Nase. Sprangen auf. Draußen kam ihnen

Wind immer stärker, und wie sie liefen, knatternd sturmhaft um die Schläfen.

Sie banden vom Leib sich Tücher ab, ließen sie hinter sich schwenken. An der

Erhöhung blieben sie stehen, drehten sie um sich langsam im Bogen. Die Sonne

fing an, danach sich zu richten, lief mit ihnen im Kreis, sprang aus einem Tuch

in das andere, mitten stand ein roter Knopf in das Viereck hineingerollt.

Hinter der Schanze kam der Nurse Hand, faßte Daisys Gelenk, Sygs Ohr. Auf Sygs Gequietsch legte Daisy die Hand auf der Nurse Leib, stampfte mit dem Fuß

auf, das Weiß des Auges bekam einen kristallischen Kern. „Do . . . do . . .

Daisy“, lockte die Nurse, knotete den Schürzzipfel, tuschelte damit zu dem

Kind, schnalzte mit der Zunge, hob wie der Kordelhanswurst die Arme. Die

Kinder lachten, hingen an ihren dicken Schenkeln.

Mit acht Jahren war das Tor frei, das Loch verachtet. Sie trugen gleicherweise

dünne Seide, dieselben Röcke bis zu den Knieen, Shawls über den Schultern.

Draußen zogen sie die Schuhe aus. Daisy bog sich in den Lenden vor, ging steif

auf den Zehen, die Hand mit gerundetem Daumen nach unten. Sie schoß nach

unten, hob eine Echse, genau am Hals gefaßt, ohne den Schwanz zu

beschädigen, hoch. Der grüne Leib zuckte, der Kopf fuhr unruhig züngelnd

herum. Riß einen roten großen Klapprachen auf. Ihn hielt Daisy an Sygs Hand.

Die schrie und machte die Faust. Daisy hielt ihre Linke darüber, den Zeigefinger

hinein. Wurde bleich, aber machte nichts, als es klappte. Es tat kaum weh.

Syg lag am Bachrain ohne Mucks. Kroch auf den Vieren weiter, blieb wieder

Beine, Arme weggestreckt. Eine Grille schrie, Sygs Hand machte einen Bogen.

Der Schatten des Armes aber lief eilender, das Tier verschwand. Auf den Knieen

kreist sie herum, hing über dem Mausloch in Parade gegen die Sonne zu. Dann

Ruck auf Ruck kam das Tier. Sie fing es wie eine Mücke ab, fegte es in die

Faust. Stieß mißmutiges Geplärr aus, das Ungeduld bewies. Schlenkerte zu

Daisy, blieb neben ihr, setzte von hinten das Tier ihr in die Brust. Daisy lief

aufschreiend, beide Arme im Busen suchend, ein schmaler Hund lief mit, bellte

leis auf, fraß die Grille, die unten aus dem Rock fiel. Sie tanzten zu dritt im

Kreis, schlugen die Arme jedes quer über den Bauch vor Entzücken, traten das

Gras, das unter ihren Beinen elastisch wieder sich erhob.

Tiefer in der Prärie bückte sich Daisy. Syg sprang ihr auf den Rücken, sah sich

um.

Dann zogen sie die Hemden aus, schlichen, die dünnen schlanken Rücken

neben den Gräsern, zitternd auf hohen Beinen nackt bis zum Baum. Sie legten

die Hemden auf den Termitenberg, warfen zwei Steine hinein, sahen Tausende

darüber wimmeln, Saft darauf spritzen. Erkletterte ein Outsider eine Wade,

hupften sie rehhaft herum, schürten aus Rache neuerdings in dem Haufen. Dann

griffen sie die Hemden heraus, liefen damit weit weg, schälten das letzte Tier

heraus, schnauften, legten die Gesichter in das Leinen und sogen bis zum Rausch

an dem Saftparfum. Als Pferde erklangen, lagen sie tief im Gras. Fidley ritt aus

dem Hochgras. „Sie sehen sich ähnlich.“ Sie sahen sich an. „Syg ist dunkler,“

sagte Vaudreuil nach einer Weile.

Im neunten Jahr brachte Brown die Gouvernante ins Büro. Vaudreuil nickte

hinter dem Schreibtisch. Die harte Figur der Frau schob sich zu einem Knotengeflecht zusammen. Dann wandte sie sich breit zu den Kindern. Daisy

gab abwesend ihr die Hand. Vor Syg harrte die Frau einen Augenblick im

Zweifel. Was in Daisys Blick an Zögerndem, Zweifelndem schwebte, ward fest.

Sie nahm Sygs Hand, legte sie in die der weißen Frau. Dann trat sie zurück,

lauernd, legte den Arm um die Taille der Nurse.

Nun lockte die Gouvernante den Widerstand aus Daisy heraus. Überraschte

sie mit neuen Dingen, Sachen, Sprüchen, Bildern. Sie bezog alles, was sie gab,

auf sich, als schenke sie den Eifelturm, sie den Tegernsee. Sie machte

Geschenke, nichtswertendes Zeug, das aber überraschte, einen Haarring, ein

Ericri. Sie sah die anknospenden kleinen Brüste, wo die Warzen schon unter

sanftem Rotsaft standen. Lobte die Glieder, den Hüftschwung zum Becken, die

Länge der Taille, die untadelige Wölbung, mit der der Schenkel abbog, mit der

das Knie in die Wade absank. „Du, du. Welche Größe habt ihr an Land. Da

werden Schiffe anfahren von drüben, Prinzen kommen, Daisy zu sehen, und

diese und diese Fahne wird aufgehißt.“ Aber der Reflex war von Daisy ein

stummes Fragen. Anders sah sie das Weib nie an.

Da machte diese den ersten Umweg und verwöhnte Syg. Sie behandelte sie

gleich einer Dame. Da von Dienstboten Sygs Stellung gleich der Daisys gehalten

ward, solange sie Kind schien, aber nicht gefestigt war für weiterhin, verwöhnte

sie sie damit. „Du fährst dann in Autos. Durch Städte drüben, sitzest in

Konzerten. Du hast Perlen, Syg.“ Syg lachte. Ihr imponierte mehr Kölnisches

Wasser, das sie auf die Haut strich, das bitzelte und kühlte und roch. Ihre

einfache Dankbarkeit kam der Frau entgegen. An Daisy aber glitt Sygs

Lobgesang vorbei.

Nun schlug sie die zweite Umwegstour und machte sich an die Nurse, nannte

sie Miß und schenkte ihr Tücher. Gab ihr einen Spiegel. Schwabbelnd hing die

Nurse an ihren Röcken, sprach nur noch von ihr. Die Kinder lachten. Da machte

das Weib die umgekehrte Taktik, versuchte die Nurse auszutreiben, weil hier der

Liebespol der Kinder lag, den sie umleiten wollte. Sie nannte die Nurse Diebin,

machte aus dem Spiegel eine verdrehte Geschichte. Aber mit Feuer traten die

Kinder vor die Nurse. Das Bild der prallen Brüste, aus denen sie erstes Blut

gesogen, lag ihrem Hirn so eingebrannt, daß kein Verdacht, selbst keine Tat es

hinausgewischt hätte. Dies gab einen vollen Riß. Über ihn hinüber lauerten die

Beiden. Da versuchte die Gouvernante das letzte, doch es war hirnlos. Sie rückte

sich dem Gestirn zu, aus dem Schatten nach Vaudreuil, suchte ihm aufzufallen,

an ihm sich zu halten. Er sah sie nicht.

Nachts kratzte es an Daisys Tür. Sie öffnete. Syg gab das Zeichen. Daisy zog

die vom Weib verbotenen alten Seidenkleider an, sie verließen auf bloßen Zehen

die Zimmer, zwischen denen das der Gouvernante lag. Mondlos. Dünne schwarze Schatten liefen sie unter dem Himmel. Zwischen Sternen schossen

unaufhörlich Wolken. Sie hatten nasse Füße vom Grastau. „Syg . . . sieh.“ Sie

hob die Hand über die Augen, die Nasenflügel bebten. Feuergeruch schwebte

mit kleinen Rauchsäulen hintereinander deutlich herauf. „Weißt du es, Syg?“

Syg nickte.

„Weither?“ Syg starrte, sagte leis: „Viele Tage.“ Daisy legte die Handflächen

auf den Mund. Aus dem Dunkel kamen breite große Flächen. Um die Ränder

band sich weißer Rauch, sodaß es schien, sie flögen, dazu wellte der Fluß Nebel

in zuckenden Linien um sie hoch. Die offenen Feuer schlugen in den Dampf

hinein; brachten ihn zum Feuerexplodieren, Fächerstrahlen, Prismenschleudern.

Gestalten huschten herum, sprangen schwarz von einem Ende zum andern. Ein

riesenhaftes Ruder ward erfaßt von der Flammenspiegelung, bis an den Horizont

aufgeschwungen. Lautlos glitten die Flöße so herunter.

Syg legte sich auf den Bauch. Die Stille summte von den Weiden herab.

„Los“, stampfte Daisy ungeduldig. Syg legte die Wange gegen die Erde, stellte

die Zunge gegen den Backen, ließ sie dann herausfahren. Zwei wimmernde Töne

stiegen steil durch die Luft! „Pha . . . lux.“

Auf dem Fluß erfror die Stille. Eine Sekunde setzte der Flußlauf aus, gebar

sich Leere, atemlos. Dann flog der gleiche Ton auf, langsam, weich und gedehnt

am Anfang, zitterte auf, sank ab. Das zweite Floß fing ihn auf, ließ ihn nicht

verhallen, setzte in der leisesten Verhallattitüde ein, schwang ihn hinauf, warf

ihn hinter sich. Das dritte bog ihn, ferner schon und daher wehmütiger. Er

schnellte den Fluß hinauf in Springkurven, fiel irgendwie in den Horizont,

dessen Mondaufganglicht ihn hochsog.

Sie gingen Hände ineinander zurück, Syg mit Tanzzucken, das sie

unterschlug, im Knie. Im Korridor stellte Daisy ihren Fuß genau so, daß sie mit

dem anderen ihn schnitt. Stolperte, schlug mit den Händen gegen die Wand, stieß

einen Säbel herunter. Syg hickelte erschreckt. Halbangekleidet stand die

Gouvernante im Gang, mit strohigen Zöpfen, ein dünnes Nachtlicht in der Hand:

„Woher?“

„Vom Garten.“

„Was war im Garten?“ Nichts war im Garten. Lauerndes Schweigen. „Syg,“

sagte die Gouvernante, die Stimme überschnappte sich. „Wir waren beide im

Garten,“ sagte Daisy schnell. „Syg,“ ihr Licht schwankte, sie keifte. „Hier,“

Daisy warf Syg zurück, wiederholte Sygs dunklere Stimme, drang ins Dunkel

vor, empfing zweimal die knochige kalte Hand ins Gesicht. Am Morgen saß sie

auf der Terrassentreppe. Am Auto küßte sie sich mit Vaudreuil, gingen die

Treppe hinauf. Als Vaudreuil sie vorgehen ließ durch die Tür, sah sie schräg

zurück: „Was sagten Sie, wenn die Dame Syg schlüge?“ Eiskalt, neugierig ihr Blick. „Es würde an Syg liegen.“ Sie war stehengeblieben, etwas drängte ihn

zurück, das hartnäckig tiefer herkam als die gleichgültige Frage. „Wenn es nicht

an Syg läge . . .“ „Es würde wohl an Syg liegen . . .“ Da entfaltete sich ihre Stirn,

hochmütig, sie gab es preis: „Sie irren Papa . . . aber — wenn sie Daisy schlüge

und es läge nicht an Daisy . . . oder: es läge selbst daran.“ Die Frage schwebte

zwischen ihnen, erhielt langsam Spannung. Vaudreuil sah die Wange, die ihm

sich entgegenreckte. Sah kurz zu Boden. „Ich ordne es.“ Sie glitt zur Seite. Er

ging hinein. Gegen Mittag fuhr das Auto vor. Die Gouvernante darin, Brown

stieg zu, winkte an der Ecke. Die geröteten Handgelenke stiegen hoch, die

Manschetten waren auf der Flucht.

Syg lief ein Stück nach, schwenkte eine Pfeifenstrauchrute. „Ich wollte noch

sagen, es ist das gleiche: ich und Syg.“ Daisy sah auf ihre Nägel. Vaudreuil fuhr

mit der Hand hoch, als ob er gähne: „Es ist nicht das gleiche. Aber du kannst es

dafür halten.“ Sie sah nicht auf. Nach drei Tagen, als das Auto einfuhr, brachte

Brown ein blondes Geschöpf, zitternd vor Angst, voller Hingebung, dünn an

Organ und Haltung. Sie erschrak heftig vor Daisy, verehrte das Kind, war hilflos,

gefällig. Diese Güte belästigte Daisy. Sie verachtete dieses Wesen ein wenig und

bemitleidete es dunkel. Ein junger Mann tauchte später auf, lehrte alles, wußte

alles, trug ein Pincenez auf kleiner Nase, zog einen steifen Kordon um sich, den

seine korrekte Tätigkeit umschloß. In allem übrigen blieb er entfernt.

Die Mähder gingen im Blau des Damms wie im Himmel entlang. Kühe

dampften vor den Wagen. Als der Stier brüllte, rasselte der Horizont es

rundherum wie ein fliegendes Gong. Tausend kleine Blitze schossen im Gras die

quer. Sie gingen über die Biberwiesen. „Syg, waren es Chipeways . . . sag.“

„Chipeways.“ Sie starrte in das Summen der Hitze. „Fahren sie lange auf den

Flößen?“ Syg dachte an die Nurse: „Zwei Monate,“ sagte sie unsicher. Daisy zog

einen Halm durch den Mund, kaute, schwieg.

Die Arme auf dem Rücken schlenderte sie vor die Nurse: „Du . . . du . . . ei,

habe ich Chipewaysblut ein wenig von früher?“ „O . . . o . . . do . . . Daisy . . .

das sind Hurons.“

„Aber sind diese größer?“ Kopfschütteln. Sie ging.

Ging sofort in das Büro, stellte sich neben die Ledertür an die Wand, lautlos.

Der Sekretär raffte zusammen, knickte ein, ging. Ein Vorstand kam, referierte,

ging rückwärts hinaus. An zwei Stenotypistinnen erging ein niederprasselndes

Diktat. Eine Kommission trat ein. Da sah sie Vaudreuil. Sie ging sofort bis an

den Tisch, legte die Hand darauf, sprach. Vaudreuil kniff die Mundwinkel ein,

um kein Zucken zu verraten, nur die Lider blinzelten. „Du hast es von beiden,

durch Mütter und Väter.“ Sie blieb stehen: „Syg hat auch von Chipeways.“

„Aber du hast edleres.“

Da errötete sie, ging eilig, sicher hinaus. Sagte Syg nicht, daß sie edleres habe.

Liebte Syg über jedes Schweigen hinaus, wie nichts.

Zum vierzehnten Geburtstag schenkte Vaudreuil ihr ein eigenes Pferd. Abends

ward sie ohnmächtig. Das Blut verließ zum erstenmal die Muttergrube, sprudelte

aus ihrem Leib. Drei Tage lag sie. Als sie herauskam, war sie Frau. Auf der Haut

saß ein glatter Reiz, um den Gang floß ungewisser Zauber, wiegte hinter ihr her

noch wie Zurückgebliebenes. Nur die Augen wurden heller, besaßen mehr Kraft

und Wissen zu durchdringen. Sonst zog sich alles von oben zur Brusthügelung,

unten von Fuß und Knie und Hüfte zum Mittelpunkt des Leibes hin zusammen,

sodaß das Weibliche, Auffangende und im Wechsel Hingegebene deutlich ward.

Das Fräulein spielte große Kantilenen. Die Wochen wurden lang dadurch und

hingezogen. Es war, es käme Erlösendes, Rufendes von fern. Erlosch wieder. Die

Jahreszeiten änderten sich, öffneten wie Kapseln ihr Gehäus, gebaren, stäubten

ab, doch das Geheimnis, das ihnen innelag, äußerte sich nicht. Das Haus ward

eng unter vieler Musik. Sie schlug den Blick zum Plafond, haßte Klavier und

blonde Haare, aber sagte es nicht aus Bedauern. Auch der Garten war schon

Grenze und selbst das Hinundherreiten, das ins Wunderbare ging und endete,

hatte schon das Bekannte, hatte Meilensteine, Hürden, an denen es zerschellte

und vor denen das Weite erst brüllend vor Verhaltenheit lag.

Noch ritten sie um das Rondell, sattelten selbst. Schon lag der Zauber halb

verblättert, reckte darüber her anderer sich schon bitter, lockender und schwerer

im Blut aus der Unbekanntheit her auf, ohne daß man wüßte, welcher, woher. In

einer Lichtung bekamen sie Durst. Syg fand einen Ahorn, schälte ihn an, bohrte

ein Loch hinein. Aus einem dicken Halm sogen sie den gelblichen Zucker. Als

sie, satt, nach den Gäulen sah, umdrehte, starrte Sygs Kopf glasig und

eingefallen. Die Kupferhaut war molkig. Über ihrem Kopf saß unregbar mit

vorgeschossenem Kopf, noch schwebend, die Schlange. Daisy sprang vor. Nun

war ihr, sie fliege. Nun kam, erhob sich Unbegreifliches, streifte sie mit

Seligkeit. Ein ganz leiser Schrei verließ den Mund, die Augenbrauen standen im

Dreieck. Grau und kühl, flimmernd, neigte ihr Blick sich gegen den des Tieres.

Der Baum raschelte, es pfiff und klapperte im Geäst. Auch Syg drehte sich nun

ihr zu, weinte in ihre Hand. Aber sie fieberte noch auf dem Pferd, hatte Aufruhr

in den Knien, wogte mit der Brust. Unglücklich verging die Nacht. Es war

aufgestanden in ihr etwas, hatte sie gestreift, sie wußte nicht, wie, wo, welche

Sache. Es hatte gebäumt und sich geduckt. Sie fror.

Die Siebzehnjährigen bestiegen einen Dampfer, den Brown gechartert hatte,

weiß wie Porzellan. Sie reisten ins Innere. Das Fräulein, der Lehrer bezogen

Kabinen. In hellen Kleidern lehnten die Mädchen am Reeling. Vaudreuil winkte

herauf vom Land. Browns Arme schlugen Rudertakt. Daisy schmollte den Mund

schief. Noch einmal: „Komm“. Vaudreuil lachte, schüttelte den. Kopf. Man fuhr

los. „Pa kommt nicht mit“, sagte Syg. In Daisys Stirn fiel eine Locke: „Du

solltest dich nicht weiß anziehen. Du bist zu dunkel. Nimm blau.“

Vier Tage fuhren sie den Lorenz hinauf, die Hitze um sich, weiß. Abends

ankerten sie spät, um solang als möglich Fahrtwind zu haben. Dann kam die

Nachthitze traumhaft. Die schwüle Ruhe lastete mit sprengender

Unausgesprochenheit. Spät kam ein Dachs ans Ufer, hob die Ohren, legte den

Kopf fast auf die Luft, so weich, soff dann. Als nichts zu sehen mehr, erhob sich

das Schlürfen anderer Tiere. Mit jähem Luftdruck schwebte ein Fregattenvogel

von den Wellen glatt übers Deck. Aus dem blauen Dunkel formte sich Figur, Geschehen. In weiten aufschwellenden Kreisen vollzog sich Manches, nicht

gesehen, aber gewußt und geahnt. Das Ufer, das versackt drüben lag, spannte

sich herüber, kam hergeschwebt, riß zurück. Das Gebrumm der Mücken über

dem Schlafnetz steigerte sich, bis, mit allem verwoben, es eine Höhe erreichte,

die sich selbst nicht mehr ertrug. Da schlugen aus der Spannung von Masten,

Geländerspitzen, kleine blaue Flammen auf.

Das Erregte ward nun lauschend, erwartungsvoll. Mit großen Augen

überwanderte sie den Dunkelheitsbogen. Ihr Herz machte sich heran an jeden

Laut, mit jedem Geräusch ging es hoch und tief. Schlug mit dem Gesäusel des

abfahrenden Wassers an Backbord, mit jedem Astwedel, der schauerte. Doch

kam es auch zurück. Sie fühlte in sich, als geschähe es in ihr, das träumerische

Aufschnellen der Fische und das jagende Husch, wenn ein Nachtvogel die Seile

durchschwamm. Irgendeinmal in solchen Nächten schlief man dann ein.

Nun kamen Inseln. Smaragdgrün und gelb war der Strom getupft. Sie loteten

den Tag durch. Gemischtes aus unbekannten Blumen und Wasserfäule lag als

Barriere davor, erstickte sie fast, als sie eindrangen. Betäubendes Labyrinth von

Kanälen umgab sie. Die Inseln wurden kleiner. Ach diese, ach jene, deuteten sie,

und schon war alles verwirrt, erkannten sie die erste nicht mehr. Sie sahen

keinen Boden. Es wucherte nur. Nachts hingen Schlingpflanzen herunter, im

Licht, wie Drähte gespannt, die wogten, durch die von Astlilien Kopfweh

heruntersank und ein grausames Süßes, das sich kaum über dem Wasser trug,

einsank, in die Wellen mischte, so schwer war es.

Morgens tat eine Bai sich auf. Silbern trat die Sonne aus dem Wasser am

Horizont, der ruhig, endlos lag. Sie atmeten tief in das nun Geweitete, befreit.

Am Mittag schwammen neue Inseln entgegen. Aus gewaltigen Grasbüschen

wuchsen Bäume mit kalt geformten Blumen. Schlugen Brücken miteinander. Die

Sonne war weg, der Himmel zu. Unten liefen Regenbogenfische. Oben

schwirrten bunte Vögel, ohne Rast in Bewegung und Getön. Dazwischen wogte

blauer heißer Dunst.

Abends kamen sie ins Freie. Sie liefen wehend zum Vorderschiff, winkten

hinaus. Schrieen: „Das Meer!“ Doch im Untergang brach sich die Sonne in

einem gespaltenen Rubinfächer hinter neuen Inselherden. Sie griffen sich auf,

sammelten sich, umtrieben sie mit Kanälen und Buchten, in denen sie irrten. Syg

holte Daisy in der Nacht, sie schlichen im Schatten der Pflöcke bis hinter die

Taurolle. Am Reeling stand neben dem Fräulein der Lehrer, sie sagten nichts,

berührten sich nicht. Er wies immer mit dem Kneifer gegen das Wasser. Da

unten schwamm aber auch nichts. Jedoch sprang später aus einem Baum eine

Katze auf Verdeck, fraß neben der Küche zwei Hühner, die Matrosen machten

Jagd, und das Tier sprang durch die Glasscheibe in Browns Kajüte. Die nackten Beine sehr verhaart, sonst nur im schwarzen Predigtrock fuhr er entsetzt mit

verschlafenen Haaren auf dem Deck herum, bis man ihn beruhigte. In der Nacht

fuhr das Schiff weiter, es gab ziemlich Licht von oben.

Morgens erst schlugen Himmel und Wasser entfernt fest zusammen und

machten einen Kreis. Erst da ward es endlos. „Das Meer“, sagte Daisy.

„Es ist auf der anderen Seite.“

„Ich weiß Syg.“ Sie machte einen Bogen, am Geländer saß Well, der Wolf des

Steuermanns. Er legte den Kopf, als sie sich kauerte, auf ihr Knie.

Gegen Mittag ward der Ontario tiefblau, spannte sich in gebogenem Spiegel

hinauf und in seidiger Biegung abebbend hinab. Im glänzenden Himmel

begannen Striche zu wachsen. Hoch über dem Horizont, fast wolkennah

schwebten drei große Schiffe. Der Mittag ward voller, ging auf wie ein Gestirn,

kam aus sich selbst und zerrann. Toste von Farben. Der Horizont ward dunkel

von Glut. Es ballte sich die Weite, durchdrang sich und lud die Atmosphäre mit

einem gepreßten ausschwingenden Atem. Segler nahten da und dort, hingen

Fahnen heraus, bogen über das glashafte Seidene des Sees herab. Von eigenen

Masten flaggten Fahnen, das Deck zog festlich, schmal dahin. Unter der Brise

legte das Schiff sich seitlich. Well sprang auf, knurrte, schnappte nach ihrer

Hand, sie zog ihn an der Gurgel wieder herunter. Schaumdünn zog Land in einer

reinen weißen Wölbung heran. Hinter ihnen sammelte sich das Geweitete,

schwang ab in Klarheit mit dem berstenden Geknäul. In der dünnen singenden

Luft begann das Segel über ihr sich plötzlich zu drehen. Geräusch von Ruder

und geschaufeltem Wasser fiel aus ihr heraus. Mit dem davonschwingenden

riesigen Segel flog es in ihr hoch. Es bäumte sich wieder, überrannte sie, stieg

aus ihr und gab sich hinaus, erschauernd, tastend, eine Sekunde. Als ihre Haut zu

zittern anfing darunter, sprang das Knattern und Schäumen wieder in sie. Vorbei.

Sie bebte. Wandte sich um. Das Gewesene nahm plötzlich Platz in ihr wie

vorher. Aus einem Hafen kamen Drähte, Stangen, Schorne, schoben auf sie zu,

fesselten sie mit ihrer Gegenwart an. Sie fuhren ein in Toronto.

Brown brachte ein Tuch. Es ging auf. An der Mole flaggte es viermal. Sogar

eine Rakete schoß hoch und knallte. Darauf kamen Wagen hergerollt aus einer

schrägfallenden Straße. „Sie kommen“, sagte Brown, rieb sich die Hände,

schmunzelte verschmitzt, es ward eine harte Grimasse. Sechs Wagen standen

nebeneinander. Junge Leute sprangen herum, hatten schiefe Helme auf den

Köpfen, sammelten sich, stampften, stellten im Kreis sich um einen starken

Burschen und schrien Hurras. Der junge Mann sprang im Satz an Bord. Brown

fing ihn auf, umarmte ihn, zog ihn beiseite, wisperte, sprach, kicherte. Hinter

seinen Gesten sah der Bursch herüber, schnitt Fratzen vor Ungeduld, trippelte,

hob den Nacken, grinste ins Blaue. Brown brach ab, schnickte den Kopf, nahm ihn am Arm, führte ihn sorglich hinüber, stellte ihn vor. Sein Neffe.

Drei Stunden Zeit. Sie erkletterten Wagen, die Peitschen stäupten auf. Fuhren

den Strand entlang, sahen die Muscheln angeschwemmt in Wällen, einen Fisch,

den Dampfer Skania verkracht, die Kessel gespießt von Klippen. Sahen

grünseidene geschnittene Rasen abgleiten, Blumenschlangen, geordnete Beete.

Sahen von Basalt umstellt eine wütende Quelle, die trommelte, schlug, aufstieß,

im Schweigen noch bebte. Machten einen Korso. Stiegen ab, empfanden, es war

gut, war schön. Sahen sich in die Augen, sahen die Hände, die Hälse, lachten.

Tranken Wein, Schokolade. Lächelten, als Browns Neffe den Lapin setzte,

Brown abschob, bei ihnen landete, das Trittbrett abhieb im Schwung. Sahen

seine Achseln, das Braun des Gesichts, die Hände. Sahen das weißhelle Blau um

die Pupille. Fuhren durch Spaliere, hohe Drähte mit Gärten, die schwebten.

Durch eine Palmenallee, Bosketts mit Hyazinthen, Springbrunnen, durch Berge

Duft. Fuhren durch Straßen mit Riesenfelsen, die selbst Dynamit nicht

zerknackte, unbeugsam blieben. Fuhren unter Hebelwerken, sausenden

Oberbahnen. Fahren durch ein Dickicht, ahnten Lichtes, spürten Bewegung,

sahen dünn wie Lippen Gesträuch sich spalten. Sagten: „Ontario“. Sahen den

See.

Sygs Tuch fiel.

Die Augen streiften, erzitterten. Drei junge Männer sahen nach einem alten

Herrn, der ein Ei aufschlug, blieben daran, erröteten, drehten die Hälse zurück,

schwiegen, wandten sich immer mehr um die Achse, verrenkten sich, sahen

zuletzt in die Luft.

Daisy bückte sich, hob das Tuch selbst, ließ die Lider gesenkt, die

Mundwinkel etwas erschlafft. Lehnte sich ins Polster. Sah Pferdeköpfe,

Pferdehälse, Browns Manschetten kommen, näher, sich vorschieben, bog sich

hinüber: „Zum Hafen“.

Ging rasch, behend, teilte Handdrücke aus, suchte den Kapitän, ersuchte, den

Abend noch zu fahren, sah nicht zurück, pfiff dem Hund. Der Ontario lag wie

Stahl. Zwei gelbe Segel flauschten groß im Mondschein vorüber. Das Wasser

wellte, spielte um das Licht in riesigem Blaukreis. Sie schloß die Augen halb,

zog den Kopf des Hundes in den Schoß, einen Zug Leids von der Braue nach der

Stirn. Nicht um sich. Sie stand auf. Sie fuhren die Nacht durch, den Tag. Fuhren

an Dörfern vorüber, wendeten, sahen sie das zweite Mal vorübergleiten. Kamen

an eine Bucht, Gelächter erscholl beim Baden. Die Linie aber wich nicht von der

Stirn, die sich zum erstenmal verbog, belastete, überschnitt. Sie fuhren nach

Hamilton. Nach Oswego. Legten an bei Port Hope, stellten den Dampfer ins

Dock, fuhren nach dem Huron. Zwei Stunden in der Bahn, erbleichte Daisy an

den Schläfen, wimmerte hinter verbissenen Lippen, fiel in Ohnmacht, erwachte die Nacht, fiebrige Augen im Dunkel. Sie brachten Essen, Trinken. Sie starb fast

unter dem Drängen. Gegen Morgen frug Brown: „Was willst du?“ „Zurück“.

Sie hielt dort an sich drei Tage, saß still bei der Mahlzeit im Garten, fixierte

manchmal das Auto, das kam, fuhr. Knüpfte nach dem Lunch eine Hängematte

auf die Veranda, stieß den Laden zum Privatbüro zurück, schaukelte; als

Vaudreuils Kopf über ihr war, sprang sie auf, eilte über die Diele, trat in das

Büro, bat, daß er Syg adoptiere, stand mit ausgebreiteten Armen gegen die

Wand.

Der Marquis blieb am Fenster, legte ein Messer auf den Papierstoß, schnickte

das Kinn hoch, zweimal, sah auf das aufgeschlossene Gesicht der Tochter, aus

der die Bitte troff, ein Leid sich weit erhob, starrte, nickte, aber sein Blut, das

ohne Dünkel war, sträubte sich gegen das andere Blut, auf das sein Name, sein

Blut sich legen sollte. Sagte: „Sie muß sich gewöhnen, noch mehr Schmerz aus

ihrem Blut zu haben.“ Tonlos, ohne Bewegung schlug Daisy die Lippe auf: „Sie

würde es leichter tragen.“ Ein Spalt warf das Lächeln des Vaters über sie,

überlegen, kühl: „Das ist kein Vorteil.“ Aber von ihrer Haltung ging es über ihn

und was er vorbrachte hinaus: „Sie wird es stolzer überwinden.“ Da beugte der

Marquis den angezogenen Nacken, machte eine Bewegung mit der Hand,

unwillkürlich, schwach, aber mit einer Bedeutung, die sie ehrte und grüßte. Sie

wurde rot, das Straffe, das sie geführt zum Erfolg, zur Sicherheit, ließ ab,

entfaltete sich in eine rührende Bewegung. Sie ging hinaus.

 

An der Tür sah sie ihn gebückt, er schob eine Kassette auf, vernahm ihren

Namen, weich eingehüllt von ihm. Er zog die Nickelschlüssel, gebogene,

drahtschlanke, barocke, wählte klirrend, schob auf, kam auf sie zu, sie ging

entgegen. Er sprach beiläufig, ruhig, gewohnt: „Die Frauen trugen sie zur

Hochzeit. Dann ihr Leben. Ich gebe sie dir früher.“ Sie trug eine Kette aus

gelbem geflochtenem Dukatengold, daran drei achatne Kugeln.

 

Lief stracks zum Schiff, winkte, kam näher, sprang auf das Brett, rief nach

dem Steuermann. Sah seine Hand, die die Luke aufstieß, zerlegenes Haar, die

Hemdsärmel, die Riemen, geblendete Iris. „Was willst du für Well,“ sie deutete

mit dem Fuß auf den Wolfhund. Er fuhr mit dem Unterarm über die Stirn, rieb

den Handrücken über die Augen, zeigte rasch die Zähne, schüttelte wirbelnd die

Hand. Nein. Sie kam in der Dämmerung wieder, hob die Luke, stieg zur Kajüte,

stellte sich in die Tür, ließ sie offen. Fragte. „Nein“. Sie lachte, kokettierte,

betastete sein Messer, das grüne Glas, den Wandkork, verzog die schelmisch

gestreiften Wangen, sagte zweimal plötzlich: „Ich lasse Sie entlassen,“ ging mit

hängenden Armen. In der Nacht bellte es im Garten, ein Hund bellte wie auf der Jagd. Sie öffnete die Balkontüre. Well im Garten stand naß, triefend, außer sich.

Sie öffnete unten die Haustür, ließ ihn herein, er legte den Kopf auf ihr Knie.

Wie auf dem Schiff. Sie vergaß es nicht.

Ging früh zum Dampfer, trat aufs Brett, zog es ab, fuhr zurück, rief in die

Luke, sah unten den Kopf des Steuermannes. „Ich bringe Well zurück.“ Ging mit

langen Beinen rasch hinauf. „Do . . . do . . . Daisy . . .,“ schnatterte die Nurse,

faßte ihr Kleid, küßte es, den Arm, schloß sie an den Busen an, schmatzte,

schlug die flache Hand auf den Mund, tremolierte. Hatte von Vaudreuil ein

kleines Haus, zwei Kühe, eine Magd. Klatschte in die Hände, summte still vor

sich hin, trat mit dem rechten Fuß dazu auf. Im Gang tollte Well. Sie ließ ihn

zurücktreiben. Saß allein in ihrem Zimmer, schob das Hemd ab, sah im Spiegel

über dem bronzenen Körper die Kette mit den Kugeln, als liefe ihr Blut hinein,

ihr Alleinsein, ihr noch Unbekanntes, Umschwebendes, ungeheuer Verhülltes,

glänzender und kühler als ihre Haut, aber ihr zugehörig. Wie ihr Bein, ihre

Warze, ihr Schmerz.

Der Steuermann am Morgen stand auf der Diele, zerknitterte den Hut, nickte

mit dem Nacken, breitete das Maul aus, fletschte, hatte einen Sohn im Büro,

spritzte Kautabak, fuhr Pelze seit Jahren, Schiffe, Städte, Stapel . . . kaute seine

Frau heraus, gab ihr Reiz, Alter, ein schiefes Ohr, Zufriedenheit . . . riß den Hut

hoch, die Tür auf. Well stob herein. Er war unbrauchbar. Sie hatte ihn verdorben.

Er blieb nicht mehr. Er brachte ihn fluchend, Zwinkern in einem Auge. Sie

suchte nach einer Note. Er nahm sie nicht, hätte ihn nie verkauft. Er wollte ihn

nicht mehr. Gab ihn ab. Ging. „Gib ihm ein besseres Schiff,“ sagte Daisy

Vaudreuil, „ich will nicht, daß er mir schenkt.“

Den zehnten Dezember fuhren sie nach Montreal, hoben Syg aus dem Auto,

hoben sie adoptiert hinein, kauften den Tag über, machten Kommissionen,

besahen, beschauten den Mittag, stopften ihn voll, eilend, häufend, bis er

abbrach, die Dämmerung kam mit Laternen. In einer Schwebebahn glitten sie

aus ihnen heraus. Weiß eingenietet brach die Landschaft gegen den Himmel. Das

Nachtlicht flog eisern über Kanäle. „Halt“.

Daisy stieg aus, sie suchten ihren Schleier, fanden ihn, stiegen ein. Am

Trittbrett wandte sie sich langsam herum: „Nehmen Sie vor uns Platz, Fräulein.“

Sie übersah den Lehrer, zog die Achseln ein wenig an, schüttelte sich, legte den

Arm auf Sygs Schoß, die ihre Grausamkeit nicht begriff. Vor dem Schlafengehen

gaben sie sich die Hand. „Du bist froh Syg?“ „Ja.“

Der Winter nahm Kurve auf Karneval, steigerte mit jedem Tag, den er

vortrieb, das Gedrängte, Erhitzte. Männerstimmen jauchzten aus Schlitten zu,

die die Gegend überkreuzten. Aus Pelzen hoben, winkend, beringte Frauenhände

Tücher. Schellen überflirrten die Nacht. Auf Stahlringen der Flüsse kerbten Kufe. Damen fuhren mit Meuten, die vorrasten, sich überschlugen, Haken

bogen, von Lachen aufgereizt, verärgert wurden, bis sie sich verbellten am

Schlag wie ein Wespenschwarm. Pistolen funkelten in Wintersonne, schossen

Salut am Portal. Illuminiert, aus jedem Loch Licht stoßend, hingen die Häuser

der Seigneurs am Horizont. Kostüme kamen, bliesen Tuben.

Vier Fackelträger stiepten die Glut durch die beißende Luft. Alf fuhr sie in

einer Kurve vors Portal, die Pferde stampften in einer Wolke, spritzten Schaum.

Syg trug blaue Kleider. Diener stürzten auf die Treppe, zwischen Kerzen über

Treppen. Der alte Fribaurt führte Daisy. Syg hatte sein Sohn, dessen weibische

Lippen lächelten, ihre Knabenhände nachbebten, als sie eine Orange ihm schnitt.

Im hohen Fensterbogen sah Daisy sie vorbeischwimmen, ihre Zähne leuchteten,

den Körper eingespannt in den Schwung des Partners, ihr Gesicht glatt wie

Frucht. Sah Syg hineingleiten in Unbekanntes, ohne Widerstand, ohne

Bewußtsein, aufklingen in der Saalluft, Fremdenlust, Manngetanz. Sie zog die

leise aufschwebende Linie zwischen Auge und Schläfe mit dem Finger aus. Im

vierten Gang der Familienquadrille blieb ihr Blick im Fenster, ihr Fächer fiel, ein

kleiner Schrei, die Paare verwirrten sich, das Arrangement schoß zum Teufel, die

Augen suchten an ihr. Sie deutete auf den Fächer, der alte Fribaurt küßte ihr,

zornkochend, ehrfurchtsvoll die Hand. Sie aber suchte sich noch einmal

hineinzubegeben in das Umfassende, das sie nicht faßte. Sie spannte sich ihm

entgegen mit aller Kraft und suchte es zu erreichen. Nahm den Arm des

spanischen Vetters, gab sich seinen Pas hin, der Eleganz seiner ungewöhnlichen

Kurven, schaukelte, am Platz drehend, durch alle Voluten der Geschmeidigkeit,

trieb mit ihm in die Entfesselung der letzten Äußerung ihrer Körper. Zog

zugleich die Kraft an und den Willen, tastete, drang vor, erreichte nichts,

erreichte Fremdes, glitt ab mit der Seele. Sein Knie schob sich zwischen ihre

Schenkel. Sie ließ die Arme los, die Nasenlinie ward schärfer. An der

Ballustrade erwartete sie Syg.

Alf auf dem Rücksitz kreuzte die Arme im Muff, Daisy führte, das Eis

schimmerte rosa. An der Ecke der Bucht knirschte das Eis, flimmerte im

Frühlicht, wurde tief, herb, hielt drei Meter, brach. „Pha . . . lux.“

Sie blieben sitzen. Alf kniete auf dem Eis, haschte die Schlinge, zog sie an.

Riß dem Gaul die Adern am Hals zusammen, zog sacht, langsam den Hals des

strampelnden Tieres hoch. Der Bauch schwappte, die Beine traten immer mehr

Eis hinein. Alf machte eine gewaltige Bewegung, das Tier ward ohnmächtig,

ruhig, ging unter. Nun zog ers herauf, schleifte es aufs feste Eis, schlug die

Schlinge ab. Massierte die Schlagadern am Halsstrang. Das Tier röchelte,

schnappte tief Atem, sprang plötzlich auf die vier Beine, fing sich in der

Kandare. Sie fuhren weiter. Syg klatschte mit den Nägeln auf den Daumenballen. Da brach das Eis zum zweitenmal. Alf würgte das Tier, um es zu

retten, zog es herauf, frottierte es ins japsende Leben zurück. Als sie auf das

Haus zu hielten, zog Vaudreuils Auto, vom Lorenz her, die Schleife am Fluß. Sie

stiegen zugleich aus.

„Zweimal mußten wir das Tier erdrosseln,“ Syg küßte ihn. „Zweimal“, lachte

Vaudreuil, schlitzte die Augen eng zur Seite. Daisy war bleicher, aber schöner,

gespannter als Syg.

Der Winter kulminierte, schwang auf der Kurve noch, floß herunter. Ging vor

den Fenstern irgendwie, irgendwo zu Ende, krepierte in den Mulden südlich, fraß

sich satt noch hinter dem Waldgurt zum Hudson. Irgendwelches geschah,

rauschte, färbte sich mit Männern und Frauen und Pferden hinter dem Glas, das

ihrem Atem sich zuwölbte. Manchmal gings in der Nacht über den Horizont hin,

wälzte sich, glühte sich breit aus, manchmal surrte es in der Saublutsonne,

manchmal war es unter sackendem Schnee, brüllte um den Himmel, jagte an den

Bäumen. Sie hob die Achseln, ging zum Stall. Das Eis sprang bis hoch in den

Norden. Alf wartete mit Gäulen. Abends kamen sie von der oberen Mühle. Der

Boden war fester. Blitzende Wolken flirrten zag und dünn herbei. Hirsche

scharrten um eine verdeckte Quelle. Sie umschlich, kam heran, schoß nicht.

Schoß einen Dachs, trug ihn ins Speisezimmer. Vaudreuil erlaubte den Ausflug

mit Alf zu den ersten Faktoreien. Ihre Schenkel waren stark, sehnig, gereckt vor

Grazie und Grausamem, die Hüften in beispiellos abfallender Glätte. Zwei Tage

sattelten sie. Alf pfiff die Hunde heran, zurück. Ordneten, stapelten.

Telephonierten, packten die Säcke für die Tiere, Teppiche, Pelze. Am vorletzten

Tag kam ein Segler den Ottava herauf.

Unter den Hurras wimmelte es an Helmen am Anlegeplatz. Brown schwebte

auf der Veranda, breitete die Arme, rief, was keiner verstand. Die Torontoner

Studenten kamen in einem überlieferten Zug, vorn ein Dudelsack, dann zwei mit

am Rücken gekreuzten Armen, hinten ein Trommler, ein Schaf, ein Kind, unterm

Arm einen grün bemalten Hahn. Ans Tor kam der Marquis, empfing, lächelte ein

wenig. Es waren Engländer.

Acht Tage fingen sie Fische. Lagen halbnackt auf den Balkonen. Schlachteten

Ziegen, Schweine, Stiere. Tranken in einer Mondnacht eine Bowle, steckten eine

Hütte an, fuhren mit Lampionruderern aufs Wasser, warfen um. Lungerten die

Weiber um die Pavillons, schrien nachts, quietschten, machten Vaudreuil sein

Schlafzimmer wechseln, kein Wort sagen. Spielten Dudelsack morgens, abends,

boxten, schrien alle durcheinander, hieben aufeinander ein, entknäulten sich,

zogen blitzschnell in Zweireihen singend ins Wasser. Spritzten, badeten,

rauchten.

Mittags ritt Daisy mit Alf und Browns Neffen über einer Fuchsspur, folgten sie über einen Acker, trieben um einen Wald, durch einen Bach. Als der Mann

ihn im Schuß hatte, wich er, als bocke der Gaul, zur Seite. Daisy kam ins

Schußfeld, rümpfte die Nase über die Achsel, schoß nicht.

Alf wagte nicht zu schießen. Ritten stumm nach Haus. Ostwind hatte sich an

den Pappeln hochgewirbelt, war über den Wald aufgebrochen, losgesaust, wellig,

weiß, fließend ohne Pause stürzte er herunter. Sie fuhren ihm in Jollen

schnäbelnd mit der Pinne entgegen, flogen wie Weberschiffe herauf, herab. Er

faßte herüber nach ihrer Hand, da ließ sie den Fock los, der Großbaum knallte

ihm über den Kopf, er wandte, warf sich herum. Faßte wieder ihre Hand, ihren

Namen, ihren Namen vernahm sie, spürte sie, es wickelte sie ein, das Segel

flatterte um sie wie Vögel. Sie hielt sich fest. Sie hörte immer ihren Namen

flüstern, bis das Segel gegen den Wind stillstand, er am Anlegeplatz stand, ihr

die Hand hinhielt. Sie nahm sie nicht. Sah durch seine ametystblauen Augen. Er

hatte Syg übersehen, als sie farbig war. Der Tochter Vaudreuils nun, adoptierter,

geschätzter, machte er Reverenz, Verbeugung. Er war feig. Sie wandte sich um,

drängte dem entgegen, was seine Augen an ihre band, ihre zu seinen hintrieb.

Fühlte seine Hand rückwärts an der Schulter, seinen Atem, die Lippen. Die

Augen standen im Dreieck. Ein grauer Schein stieß ihn zurück, verlegen,

stotternd, rot. Armselig und zornig stampfte er auf. Sie ging schon hochmütig,

entfernt. Langsam wich der Raum zwischen ihm, zwischen ihr. Die Ecke bog am

Bootshaus. Sie eilte, sprang hinter den Büschen, eilte auf der Treppe. Sagte das

Essen ab, krümmte die Schultern verzogen zusammen, wimmerte im Sofa. Gab

es eine Pause, kam das Bild zurück. Sie verzog das Kinn, den Mund wie unter

sauren Kirschen, Galläpfeln, die Haut schüttelte sich. Zog die Bluse herunter,

das Mieder ab, streifte das Hemd über den Rock, wusch Wasser über die Brust

und den Nacken. Zog sich aus. Sah zum Fenster hinaus, legte die Hände mit den

Flächen fest ins Gesicht. Sah den bronzenen, gebogenen Körper aus dem Spiegel

entgegenkommen. Da nahm sie die Kette ab mit den Kugeln, raffte sie

zusammen, schob sie in die Schublade. Schloß ab.

 

Vom Hügel trieb der Fluß weit und schräg hinunter. Die weiße Fahne Torontos

leckte darauf, Segel schossen in die Tiefe hinab. Der Mond schlug noch über die

Felder. Die weißen Räder standen still im Himmel. Nach zwei Stunden ließ sie

Alf halten, ritt in ein Waldstück, kniete, wusch die Brust, den Nacken in einem

Quell. Sie horchte. Er flüsterte weiter, silberte, verschwand im Laub.

Blumenprärien kamen, ein Orchideenpark. Der Horizont war manchmal gelb,

fast seifig, eine Sonne wuchs daran sich hoch, sanften Rots, später nahm der

Wind ihren Glanz an, stimmte sich wie ein weichkupfernes Abendinstrument,

Oboe und Flöte. Mittags wurde er kalt. An dem Bahnhof verluden sie die Tiere. Zwei Tage darauf kamen sie an die erste Lager-Station. Ein Pavillon war

reserviert, es gab viel Jagd. Alf packte aus, Teppiche, Säcke, Gepäck. Am

Morgen mußte er einpacken, sie ritten den Tag, kamen in ein Dorf,

übernachteten, kamen an die zweite Station. Alf ging ein paarmal im Viereck um

den Raum herum, schwang die Arme, sah unter sich. Sie ließ nicht auspacken.

Als er lange genug gewartet, ging er hinaus, stieg in seinen Schlafsack,

mummelte sich, fluchte, kämmte am Morgen den Bart nicht. Vor dem Stall

knöpfte er sich verdammend seine langen Gamaschen. Ritt den Morgen hinter

ihr her, blieb immer hinten, kam nie an die Seite ihres Gauls. Sie hob die Hand,

äugte nach einem Reh. Fluchs hielt er seinen an, starrte ebenso. Sie hörte ihn in

den Bart reden. Sie rief ihn heran. Kurz blieb er auf gleicher Höhe, dann sockelte

er zurück, fiel ab, blieb hinten. Mittags trafen sie einen Jäger. Er gab ihnen Brot,

zeichnete mit dem Daumen, da ihm der Zeigefinger fehlte, einen Halbkreis in die

Luft. Sie näherten sich den Ringen.

Angezogen in ausgebuchteten riesenschweren Halbkreisen spannten sich die

Faktoreien, gleich Wellen anschäumend, gegen das innere Gebiet. Sie lagen

voreinander, Herden gleich, sprangen vor, bestürmten sich, wurden wilder,

angerissener, warfen mit dem letzten Halbring sich vor die starre Endlosigkeit,

nieteten sich gegen Eis, Horizont, blaue Klippen. Sie kamen gegen den ersten.

Sie mußten langsamer reiten, Alf kam nicht nach. Sein Schimmel ging, als

lahme er. Sie hörte, er glitt aus Fluchen ins Gejammer: au . . you . . . wai!

Spuckte und flennte. Sie ritt zurück, stellte ihn gegen ihr Gesicht. „Ich werde

entlassen.“

„Troll dich.“

Sie ritt weiter. Alf geknickt hinter ihr. Er durfte nur bis zur zweiten Faktorei,

nicht zu den Bögen. Die Junge vor ihm ritt, als sei er nicht da. Es machte ihm

Kummer, er zog den Nacken ein, wurde flau im Magen. Folgte. Der erste

Schuppen kam der dritten Linie, der zweite kam. Am vierten traten sie von

rückwärts ein. Alf schlich ins Nebenzimmer, sie nach. Ein Angestellter hängte

den Hörer des Telephons rasch ein, begann vor sich hinzusingen. Ein bärtiger

Riese trat ein, begann zu lachen, aufs Bein zu schlagen, hatte lang keine Frau

gesehen. Ein anderer flüsterte ihm Namen ins Ohr. Es war deutlich: Sein

Erstaunen war frisiert.

Sofort bot er Jagdplätze aus, erstand sich ihre Beachtung durch

Hartnäckigkeit, trat sein Zimmer ab. Es war schon geheizt. Sie sah sich mit Alf

an. Offenkundig Komödie. Sie waren erwartet, ohne gemeldet zu sein. Sie blieb

drei Tage, fing eine große Forelle, mit der sie eine Stunde kämpfte. Sah sich

nicht sonderlich um. Sie ritten weiter. Wurden an der fünften Station schon

erwartet. An der sechsten stellte man sich unwissend, ungläubig, die Falte des Vorstehers bebte, gefiel ihr nicht. Am Morgen machten sie einen Haken, kehrten

zur fünften zurück. Sie war fast leer nun. „Was sind das für Pelze?“ frug sie.

Schwarze Arbeiter deuteten: für die Bay. Sie zog die Brauen hoch. Kein Wort.

Alf bekam dunkelrote Schläfen und brummte vor sich hin vor Zorn. So liefen sie

das Seil der Schuppen weiter, bis sie gegen die obere aufgespitzte Sichel kamen.

Im Sand sahen sie immer eine Spur vor sich.

Sie schnitten ab, liefen nicht bis oben hin, sondern zogen eine Sehne in die

Serpentine, kamen auf den neu geschwungenen Bogen, trafen Mittags die Spur

wieder, frischer Abwurf zeigte: sie waren nah. Bald sahen sie einen Mann auf

einem Esel, der zu entkommen suchte. Sie holten ihn ein.

Eine halbe Stunde ging es hin und her. Der junge Mann errötete tief, wilde

Augen brachen sich um, staunten. Von selbst nahm er ein Papier, gab es ihnen.

Sah noch einmal um, sie wiederholte ihm Wort für Wort, er prägte sich es ein,

ritt auf seiner Spur zurück, murmelnd, daß er es nicht vergäße, jedes Wort im

Mund haltend, wendend, beleckend, als sei es wertvoll, Gold, ein Stein.

Abends kamen sie zu Colonel Bol. Er hatte, ein alter Offizier, zwei

Serpentinen unter sich, rollte die R, strich den parfümierten weißen Spitzbart,

küßte ihr die Hand. Sie hatte ein Zimmer, verblüffend. Morgens früh strich sie

mit Alf ins Gebüsch, es pfiff, durch die Lücke trat der Bursche mit dem Esel. Sie

nickte. Er nickte wieder. Empfing ein Billet. Ritt nach Süden, zurück, immer

rascher.

Bol genoß. Seine Spirituosen waren etikettiert, er ließ die Wahl. Fuhr sie am

Weiher, stand er am Ufer, klatschte Applaus. Einen weißen Hirsch gab er zum

Abschuß ihr, den er von Woche zu Woche als Dessert sich aufhob. Lieh ihr seine

Gummiwanne. Das Blockhaus roch nach Seife, Talkpuder, Wassern der

Walstreet. Unter Glas wuchsen Blumen, die Wasserpfeife stand im Brennpunkt

des Kreises Seidenkissen. In seinen Pelzschuhen, praktischer und wärmer, kaum

größer als ihre, hielt sie auf dem Anstand. Auf den Teppichen tanzte Adimokuh,

mit Säbelbeinen und Hängebauch, ein Negerzwerg. Er schleifte das Traurigste

der Welt auf seinen Knien. Tränen besternten vor Lachen die Gesichter der

Zuschauer. Bol lächelte. In seinem schmalen Kopf saßen Augen des Elefanten.

Spielte Whist abends mit Daisy, brachte sie bis an ihr Vorzimmer, ging hinaus.

Im Vorzimmer schlief Alf.

Donnerstags galoppierten sechs Gäule am umgerodeten Lagerplatz. Fidley,

der junge, zog den Hut. Die Jäger des Lorenz schossen vor Freude Flinten ab.

Der Bursche, der südlich geritten, drängte sich heraus, war brauner, stärker

geworden. Ritten zur Station. Aßen Lunch, eine Stunde, zwei. Tranken die

etikettierten Liköre, Wein und wieder etikettierte. Aßen Geflügel, Braten,

Gepökeltes, Rauchfisch, Muscheln, Schinken. Tranken Kaffee. Danach stand Fidley auf, hob das Glas, trank es. Sah Colonel Bol an: „Du bist entlassen.“

Kreidehell, mit zitternden Armen warf der sich im Stuhl zurück. Fidley legte

ein Papier auf den Tisch, hob die Faust: „Lump. Hund.“ Langsam, vornehm

richtete Bol sich hoch. Frug hochfahrend, mokanter Lippe, zur Seite geneigt,

was den Irrtum ausmache. Fidley schlug auf den Tisch. „Die dritte Sektion

betrügt. Die achte hat siebzig Prozent. Tosson liefert zur Bay.“ In der Tür stand

der junge Mann, der die Südlichen geholt.

Bol sah ihn nicht.

Wandte sich herum im Kreis, zu Daisy. Sie sagte: „Bei Versva verfaulen zehn

Ballen. Im ersten Bogen fehlt ein Schuppen. Die Staffel Bol ist halb, wird ganz

bezahlt.“

Da sah Bol den jungen Mann.

Stand auf, gefaßt, die Haltung gereckt, schön im Spitzbart, küßte Daisy die

Hand, ging hinaus, schoß sich zweimal durch den Bauch.

Vaudreuils Brief, aus Fidleys Tasche, hatte Gemischtes, Anerkennung,

Staunen, Lob, das verwischt und gedämpft kam, zuletzt Befehl: zurück. Sie wog

den Brief. Ritt allein los, ihn in der Hand. Alf folgte. Sie putschte ihn zurück wie

einen Hund. Er widerstand nicht. Wollte nicht bremsen. Nur bei ihr sein. Weiter

hatte er keinen Wunsch, tiefer ging das Hirn nicht. Zum erstenmal gab sie ihm

die Hand. Aufheulend nahm er sie. Sie kam an den Rand des Hochplateaus.

Unter ihr brach es ab, zackte, wirbelte ein Stück hinunter, ward dann

eingeschlungen in das endlose Getöse, das in den Norden sich einfraß. Sterne

tummelten darüber auf wie Sand, der hochgeblasen kreist. Serpentinen jagten

zuerst noch in Schlingen voran, blieben dann hängen, schwach, dünn, nichts.

Aus dem grauen blitzenden Gewell kam etwas gegen sie, dem sich etwas in ihr

entgegenspannte in einer entscheidenden Bestimmtheit. Etwas trat aus ihr,

machte sie leicht, entstammt, entgegenschwingend. Sie hielt den juckernden

Gaul mit den Schenkeln. In ihrer Hand der Brief band sie. Wog schwerer,

hemmte das Überfließende. Staute es zurück, hart und schmerzlich. Zog sie

zurück. Das Herz, der Mann, der sie gezeugt, Geruch des Stroms, der Gartenerde

band sich an sie, riß sie zurück. Der junge Fidley übernahm den ganzen Bezirk.

Ihre Abreise feierten die Boys, salbten sich mit Bols Parfüms, drehten die Haare,

die Bärte, pomadisiert, in die Höhe. Der junge Bursche trat herein, protestierte

bös. Hatte Bol gehaßt, gehetzt, erledigt. Verbot ihn zu schänden, wo er futsch

war, im Weiher eingescharrt. Fidley gab Daisy Bols Pferd, das so feste Hufe

hatte, daß mans nicht beschlug.

Als nach halber Tagestour die Eskorde zurückgeritten, glitt ihr Gaul aus an

einem Bach, sie fiel herunter, verstauchte sich die Sehne. Alf wollte auf seinem

sie reiten lassen, der Schmerz machte sie ohnmächtig. Er ritt zurück. Aber obwohl sie in Decken gut und weich gewickelt lag, kam die Nacht Fieber über

sie, durch die Zunge sausten Stiche immerfort. Eingeborenenweiber, von Fidley

geholt, zogen sie aus, warteten sie, pflegten. Wuschen, suchten Pretiosen im

Achselhaar, fanden ein Zeichen am Arm, Fisch und Pfeil darin, quatschten die

Nacht darüber, speichelten, summten, suckelten darum hin und her. Sie gaben ihr

Milch mit Wurzelzeug, hineingekocht. Die Nacht gab ihr warmen Schweiß. In

wochenlanger Pflege malten sie ihr mit dünner Nadel eine Sonne um den Nabel

mit Strahlen und Mondzeichen des Tages, an dem sie sie fanden. Kuriere kamen

dreimal die Woche die Kette der Faktoreien herauf, holten Nachricht, ritten zum

Lorenz wieder runter. Später lag sie in der Sonne vor dem Haus.

Dabei spielte sie mit Getier, Hunden, Vögeln. Einmal umschlich ein Fuchs das

Küchenfenster, wo Hühner hingen. Sie lächelte, gluckste, entsetzt sprang er

zurück. Da rief sie, heller bestimmender, er hielt. Sie lockte, er kam. Nicht ganz,

aber er stand im Kreise ihrer Stimme, die wie ein Lazo ihn umschlug. Sie

erbleichte, rückte zurück, lauschte dem Ton ihrer Stimme, der nachklang.

Versuchte sie wieder, versuchte sie neu. Als ströme aus ihr hinaus, Gesichertes,

Bezähmtes in ein Gefäß der Worte, das sie berauschte und erregte bis in das

Dunkel ihrer innersten Grenzen. Es sang und schwang das Belastende herauf,

machte es leicht, wirbelnd, später sanft und gelöst. Sie entspannte sich in dem

Rausch, hatte eine Macht und eine Befreiung. Wundersame Ruhe machte ihre

Tage lang, klar, gut.

Sie spielte mit den Weibern, Kindern durch die Stimme. Lernte das Organ

anzupassen, zu biegen in jede Leidenschaft, alle Bewegung. Spürte ihr Herz

klopfen, dann den stillen Mollton des Bluts. Lernte von den Weibern den

Dialekt. Als sie zum erstenmal ausging, trieben die Kleinen hinter ihr her. Sie

scheuchte sie, zog sie zu sich „Go“ war: springen. „Fu“: erfroren fast halten. Mit

Vögeln gab es andere Signale. Ein Hase hielt bezaubert von dünnem glasklarem

Wimmern. Ein wenig blieb sie nachdenklich, ward traurig bei ihm, denn ihr kam

in den Sinn Well. Sie kam schon bis zum Koniferenbaum. Dann bis zum Plateau.

Das nördliche Flimmern tobte irgendwo unter ihr. Sie ging davon, ungerührt.

Ging allein, verschmähte die Flinte, hatte Unlust zur Jagd. Allein im Gehen,

Liegen, erfand sie Ton und Laut, der wie ihr Blut spritzte, säuselte und bebte.

Gab sich hinein in Klang und Fülle der Vokale, als sei es ihr Anfang, ihr Teil,

sich darin zu verbinden. So kam auch die Gegend ihr näher, wenn sie sie

ansprach, du Strauch sagte, Silberlilie, lieber Dorn, mein Freund. Das wandte

sich ihr zu dann, ward mit ihr gefüllt, lehnte sich hinüber zu ihr, empfing ihren

Atem.

Es kamen Schwäne und Musketen, hinter ihnen mit einem Wagen von der Bay

her Syg. Sie brach in das Verweilen ein, die Windstille des Daseins brachte Unruhe, Ahnung irgendwie von Glück. Trieb Altes, den Lorenzfall herüber in

das Spiegeln des Weihers, blieb aber entfernter als sonst. Wagte nicht das zu

sagen, nicht jenes, denn sie befremdete Ungekanntes an Daisy, das Nicht-

Miterlebte, der Schauer der Krankheit und der ihr entquollenen großen Säfte und

Ideen. Das lag ein wenig dazwischen.

Fidley schloß den Wagen. Weiber heulten. Die kleinen Affen liefen eine Zeit

noch neben dem Schlag. Dann fiel es zurück. Ein Stück Land schob sich vor sie,

glitt auch zurück. Ein Staffel Matrosen erreichte sie. Dann faßte sie fest in die

Mähne des Gauls, schrie fast und erbleichte nach innen in einem Schreck, des sie

nicht bewußt ward.

Unten, unter Dampf lag ein Schiff.

Dahinter das Meer.

Der Bogen der Sehnsucht schoß ab, die Sehne brauste. Es trat aus ihr hinaus,

kein Brief, der es hemmte, kein Gedanke, nichts. Irgendwo in der vor Blau

zitternden Unbegrenztheit des Horizontes traf sich das Innerste ihres Blutes mit

etwas, dem sie sich hineingab, in das sie verströmte, die Lider naß. Alles andere

war Spiel, vergessen, lieb, aber ohne Gewicht. Als das Dunkle in ihr hinrann in

das Ausschweifendste und Hellste, an dessen äußerstem Rand dünn die

Erscheinung hing der Städte, Inseln, irgendeines ungeheuren Daseins, schlug die

Schiffuhr. Es war fünf Uhr am Abend. Die Sonne hatte größte Kraft. Sie ritt bis

an den Strand. Dort stieg sie ab.

Das andere ging fast traumhaft. Zu sehr war sie eingehüllt schon in ein fernres

Geschehen, vor dem der jetzige Augenblick nur als Pause stand. Sie kamen in

den Lorenz. Ein Auto wartete. Well sprang hoch. Der Steg. Palmen hingen

herunter. Kanonen lösten sich. Mövenschwärme in Spiralen. Wagen wühlten

hinter ihr ein Geschiebe. Männer kreischten Namen, Gepäcke. Sie fühlte des

Hundes Druck am Knie. Sie bewegte schmerzlich eine Sekunde die Hände im

Fell des Tieres. Dann kam der Ottava. Rauschte dunkel schon entgegen auf

Kilometer. Das Rauschen lag in der Luft wie ein Schneefeld, sprang in Lawinen

ihr leis entgegen. Die Mühlen rochen. Die Schreie der Nurse blieben hinter

Bäumen stecken. Das Gittertor kam, vertraut mit seinem kalten Eisen. Glitt

zurück.

Des Vaters Hand faßte die ihre. Die Treppe. Sein Mund im Kuß. Er hielt sie

stürmisch mit steifen Armen weg, sie ganz zu beschauen, spürte aus allen Poren

ihres Leibes ihre Richtung, das Hingewandtsein ihrer Seele. Er erbleichte, senkte

den Kopf. Glitt über ihren Leib mit dem Auge, die Brust, den Hals, das zärtliche

und hochmütige Kinn. In ihrem Auge saß, schlagend und aufgedonnert das

Meer. Das Aufgesparte und Vorbereitete in seinem nach innen gekehrten Leben

verstand den Ausbruch. Lächelte. Gab ihr den Arm. Sie gingen hinein.

Das Lächeln hatte gewährt, Unausgesprochenem sich geneigt, bejaht. Es

erlosch. Nichts gab Erinnerung daran. Es fiel in seine Augen wie in einen

Schlund. Die Woche rollte zurück, wie gewohnt. Vaudreuil hütete sein Gesicht.

Schenkte ihr ein neues Pferd, bestellte ein Reitkleid aus Leder. Griff vor,

erwähnte Zukünftiges, das sich band an Ort und Zusammensein. Berief einen

Unterrichter für ungewohnte Kreise, baute ihr Zimmer an, Tapeten kamen weiß

geädert mit Gold. Besprach eine Überraschung für Sygs Geburtstag in vier

Monaten. Malte den Stand der Rosenbosketts aus auf Papier, eine Pergola im

Bogen vor den Terrassen, Fontänen, Vögel, glitzernde Fische, sprach vom

folgenden Sommer, dem Herumgehen, dem Abend. Breitete die Zeit aus vor ihr,

vor sich, uferlos, vorübergleitend über den augenblicklichen Zustand. Ohne

Pause, ohne Intervall. Sah sie wenig, zwischen Mußestunden, bei der Mahlzeit,

ging ohne Zögern von ihr. Ihre Erwartung allein spürte, wie tödlich er an den

Sekunden hing. Sonntag bestellte er die Yacht nach dem Ontario. Sie bereiteten

sich vor.

Montag früh berief er sie in das Büro, brach alles ab. Durch die Maske des

gleichgültig gehaltenen Gesichts stieg von unten tief das Lächeln herauf. Gab

Daisy von sich. Entfernte sie aus eigenem Entschluß. Löste sacht die Ventile von

ihr, gab dem nach, was herausbrach, trieb Mauer und Wand zurück und bog sie

hinter das draußen Strömende und Lockende zu einer tiefen Wölbung, in die er

schmiegte, was aus ihr drang. Diktierte nicht. Folgte nur. Aber die Führung der

Hand hatte die wissende Lindheit, die, nachgebend, bestimmt. So, als sei sein

Plan, sein Wille, was er nur abbog, behütete. Widerlegte Widersprüche, die sie

nicht erhob. Bewies Notwendiges, das sie nicht bezweifelte. Baute eine

Verbindung, die nichts mehr löste zwischen ihm und ihr, indem er verstand und

folgte, und das Kindliche, als es abtrieb, selber abhieb und damit unverlierbar

sich gewann.

Als der Tisch beim Speisen ihr zur schrägen Scheibe ward, durch den Raum

rotierte, Fidleys Pensionen, Schecks, Tips sie umflackerten, das Silber

flimmernd wellte, wogte, Sygs Auge schmerzlich, neidlos, neugierig aufging,

blieb ihr die Stimme Vaudreuils. Ruhig, gelassen wie im Nebel. Einen

Augenblick ertrug sie nicht mehr den trostlosen Schmerz aus der Gefaßtheit des

Tons, sie stand auf, wollte sagen, sie bleibe, nickte, schwieg, ging hinaus.

Sie lief um das Zimmer, betastete die Wand, den Kopf des Betts, die Girlande

des Balkons. Der Garten. Wasserdunst lag, hob und senkte sich, ausgeatmet ihr

entgegen von der Prärie. Hindurch, das Auto blinkte vor der Halle, stieß sich

heraus, die gesiebte, durchlöcherte Brust fauchend, zermalmend die Luft. Sie

beugte sich über den Fluß. Murmeln koste ihr entgegen, entzog sich ihr, floß tiefer, entfernter, uneinholbar. Drüben schleuderten am Rand des Vorstellbaren

Schiffe, Städte, Bahnen sich vor ihr hin, rissen sie nach. Das Tiefe, Bleibende

der Erde zog sie herunter, zu sich. Es ging nicht. Aber es riß zu Schmerz mit

einer Stille, die verzehrte.

Sie legte sich auf den Bauch, senkte den Kopf zum Wasser. Über ihrem

Nacken stand schwingend, kreiselnd in der Luft, aufziehend, Glück, Ahnung, in

die sie hineinschwamm, sich hineinbegab, voll, ganz. Unter ihrem Gesicht

brachen Tränen. Zwischen beidem lag sie, faßte die Binsen in die Hand. Sie

wuchsen an ihrer Haut. Sie fühlte, erschüttert, wie sie sich vertauschte der

Landschaft. Ihr Leib wuchs fest mit Geruch und Duft der Erde. Sie faßte das

Gras, riß daran, es hielt. Sie tauchte die Arme ins Wasser, es war eins. Legte das

Gesicht mit der Wange gegen den Weidenstrauch, den schlanken Baum, da blieb

nichts übrig, was trennte, alles floß, verband sich, gehörte zueinander. Was

trennte, riß entzwei.

Sie spürte plötzlich, das war das Glück. Schon hinter ihr. Nun, wo erkannt,

verdorben, verloren für immer. Je mehr sie sich trennte, um so schärfer schnitt

sie der Schmerz, um so hemmungsloser brach dies Gefühl vor ihr auf. Dies war

ihre Heimat, durchspülte sie mit Erdsaft, machte sicher, frei, groß. Was kommen

sollte, versackte in Staub, bekam feindlichen Atem. Städte lockten nicht,

Menschen fielen schal ab wie von Drähten, Dampferschrauben wühlten durch

ihr Fleisch. Der Tag schien wie Tod, wenn sie sich löse. Kraft und Sicherheit

gingen aus den Adern. Es brach auseinander in ihr. Teilte sich. Unaufhörlich

ging es von ihr: Geruch der Bäume aus den Adern, mit singenden Vögeln, lieben

Namen von Booten, Wolken, Formen der Wellen. Spaltete sich ab von ihr. Sie

hob das Gesicht aus dem Gras.

Frühstückte. Das Nickel des Wagens saß in der Sonne gleich einem

schwingenden Insekt. Der Horizont ward heller. Sie ging zurück ins Zimmer.

Schloß die Schublade auf, wühlte aus der Ecke eine Kette aus gelbem

Dukatengold mit drei Steinen. Zog sie um mit einer langsamen Bewegung. Im

Spiegel schien es zurück. Das Rot des Achats leuchtete glatt und kühl. Ihre

Jugend stand darin, das Entfernte. Was hinter ihr lag. Die Stille, die sehnende

Ruhe des Blutes. Der Umkreis des so Erlebten spiegelte von den Rundungen

herab, das Land, die Wiese, das Gras. Sie warf den Hals im Ruck herum. Trat

hinaus. Biß die Zähne zusammen. Das Auto schlug an. Es ging nicht anders. Sie

folgte.

Fuhren Schleifen, den Fluß durch. Hielten am Lorenz. Hinter Zypressen ihr

Geburtshaus. Vaudreuil gab ihr den Arm. Das Tor zum Park. Elastisch gab

Vaudreuil Platz frei, ging dann rasch vor ihr. Als sie seinen Rücken sah, begriff

sie plötzlich, wie sehr er diese Frau geliebt. Fühlte, was sie versäumt, stand ohne wissendes Blut des Verlustes, ertrug, was sie nie an Mütterlichem besessen, ganz

hell, in einer Sekunde. Die Überlast erhärtete ihr Herz. Feindlich ging sie durch

den Garten. Zedern reckten um die Bleivase sich in das frühe Rot, Tau perlte in

Ketten herab. Die Tür fiel zu. Zurück, Wind strich über die Mauer, senkte sich

brausend einen Moment herein. Dicker Regen platschte aus einer Fichte. Der

Wagen zog an. Bei Montreal verabschiedete sich Vaudreuil. Plötzlich, daß sie

erblaßte. Zusammengepreßt: „Willst du mich immer lieben?“

„Ja, Liebling.“ Sie gab ihm die kalte Hand. Tränen blieben hinter ihren Lidern.

Fuhr weiter. „Nicht traurig“, spürte Sygs Hand herüberkommen, zuckte unter

dem Schleier, zog ihn hoch. Zu dem blonden Fräulein: „Gehen Sie gleich aufs

Schiff.“ Die Koffer stapelten sich. Das Meer schäumte leicht. Von der Barkasse

läutete die Glocke. Neigte sich, küßte Syg. Spürte an ihrem Leib den Geruch

wieder des Waldblocks, des Spiels im Garten, der Betten, die

nebeneinandergestanden. Sie atmete heißer, blieb eine Sekunde. Dann stieg sie

ins Boot. Syg winkte. Es war neblig geworden. Pendelnd, unsicher schlug Sygs

Kopf aus. Bald rückwärts, bald zur Barkasse, die vorwärts stieß. Winkte noch

einmal. Drehte um. Über dem Wagen, den schiebenden Gäulen stand Abglanz

von Blau, Berge, See. Ging ihnen zu.

Das Ende.

Es schien ihr, es müsse geschehen etwas, irgendwie. Sie empfand jede Wolke.

Jede Linie der Küste legte sich hart um ihr Herz. Die Pause ging. Nebel häufte

sich dünn vor das Land, Die Barkasse drang weiter in Flut, entfernte sich, heulte,

stieß vor. Nichts geschah. Da überwältigte sie der traurige Gedanke mit solcher

Gewalt, daß sie den Messingknauf des Geländers zwischen die Hände preßte, die

Stirn zusammenbog mit aller Durchdringung, in der Schmerzlichkeit der Flucht

noch die übersinnliche Kraft des Glaubens: nun reiße die Küste ab, komme

herüber, hielte sie. Da schwand das Land. Der Schrei blieb in der Kehle,

erstarrte. Die Faust ballte sich ihr in Haß. Wandte sich zornig ab vom Boden, den

sie liebte. Haßte jede neue Luftschicht, jede Fahne, Gaffel, Signale um sich.

Trank Gift mit dem Atem, der ihr von der anderen Seite entgegenströmte.

Wandte sich aber mit tieferer Ablehnung weg von dem, was hinter ihr lag.

Vorbei. Das Letzte. Die Augen brannten hell, grau. In rotem Nebel begannen

Maschinen zu stampfen, pufften den Boden auf unterm Fuß mit kleinen

rhythmischen Schlägen. Sie wandte sich um. Die Achseln zuckten. Das Meer vor

ihr aufgewölbt von Glut.

 

Zwei Tage Nebel vermiesten, das Pack johlte, die Feinen wurden nervös. Ein

Matrose griff fehl, stürzte aufs Deck. Ein Gaul brach aus, sprang ins

Schwimmbad, brach den Hals. Abends im Zwischendeck schlug sich ein Dutzend um eine braune Hure. Einer hatte einen Bruch, einer schlug hin auf den

Bauch, heulte und schrie „maman“. Ein Weib lief mit halbem Ohr und sammelnd

durch die Klassen. Rotteten sich zusammen, spießten einen Alten auf die Arme:

„Vieux Ga . . ga.“ Eine dunkle Kugel schob aus dem Wasser, über ihr ein

singender Tag.

Am abgesperrten Zipfel des Promenadendecks lagen drei Malariakranke.

Zwei unterhielten sich den Vormittag, mittags wurden sie gereizt. Trommelten

mit den Daumen, rauchten. Abends machte der eine Vorwürfe, gereizt, heftig,

der andere pfiff leis. Der dritte schwieg.

Sah durch ein Glasfenster auf den Korso, langweilte sich am Geschauten,

spiegelte sich allein in dem Glas: zerrissenes Gesicht, geschmeidigen Körper,

rote Haare. Ein Mischling kam, schöner als ein Weib, flüsterte, verbeugte sich,

kam mit Whisky. Der Mann deutete heftig aufs Glas, der Diener öffnete den

Riegel, folgte dem Zeigefinger, sah eine Frau, einen hünenhaften Mann, nickte,

verschwand. Kam in einer Viertelstunde zurück. Das Paar passierte von Norden

her. Lackaugen vom Mann her wanderten herüber, blieben. Die Frau gähnte.

Zwei Tage ging der Korso, zogen fern langsam Dampfer vorüber. Das Fieber

sank, Temperatur ließ nach. Der Rote erhob sich. Ging am Arm des Dieners hin

und her auf der Promenade, anderen Tags allein am Stock. Fiel auf, elegant,

zerrissen, glatt, Augen voll Geist. Verschenkte Blumen, grüßte, ließ einen

Windhund springen. Trug keinen Hut, die Haare glühend über dem

pockennarbigen Gesicht gescheitelt. Eine Quintrone neben ihm, Chinchilla über

der Schulter, schmalen blauen Auges, auf hohen Beinen.

Warf plötzlich die Quintrone ab. Benutzte einen Moment: Ging vor, ans

Geländer, fuhr mit dem Tuch an die Stirn, knickte ohnmächtig gegen das Eisen,

der Riese stieß einen kleinen Laut aus. In seinem Arm machte er die Augen auf,

streckte sich lässig. Der Riese zog eine grüne Riechflasche, hielt den Arm rund,

weich, damenhaft, den Kopf schräg. Er atmete rasch. Der Mischling Moki kam

zu seinem Herrn, stützte den Roten. Der deutete aufs Meer, das violett erzitterte,

drehte sich um: „Le Beau.“ Lächelte.

„Fribaurt“, sagte der Riese, sah nur den Diener. Le Beau lud den Riesen ein,

zeigte ihm eine Sammlung Säbel. Ging mit ihm durch den Lesesaal, die

Billardbälle. Gingen durch den Maschinensaal. Standen vor der schmiegsamen

Wucht fressenden Metalls. Hörten die Pfiffe, schritten weiter. Ging mit ihm

durch Regen übers Verdeck, sahen den Mond einschlucksen in grauen Brei, der

innerlich geschwängert Blasen aufstieb, Ballone ins Meer setzte. Le Beau

wickelte ihn ein, führte ihn im Kreis, in einer Spirale, streifte Moki, trieb ihn

enger dem Willenspunkt zu, stieß ihn hinein.

Verlor Fribaurt, polierte er die Nägel. Gewann er in Bakkarat, Poker, Sieben, erschien Moki, servierte Zigaretten, Schnaps, Tee. Fribaurt juckte die Haut, der

Blick schweifte rechts, schweifte links, hatte keine Konzentration, leckte über

des Dieners Schenkel. Das Spiel blätterte auseinander, die beste Karte schlug

gegen ihn zurück. Verlor. Spielte Paroli. Blähte die Nüstern, sog die Luft ein, die

ihn verwirrte. Verlor. Rannte in Paroli. Verlor. Moki verschwand lautlos. Die

Summe addiert. Fribaurt erbleichte. Schrieb einen Wechsel, legte ihn herüber. Le

Beau rührte ihn nicht an. Polierte die Nägel, sah Fribaurt starr in die Pupille,

führte ihn bis an den Rand der Spirale, in die er ihn schlug. Stellte ihn neben das

Zentrum, stieß ihn endlich hinein. Sagte leis drei Sätze, abgehackt, deutlich,

akzentuiert wie ein Ausländer. Fribaurt erblaßte ein wenig unter der Hypnose des

Klangs. Erhob sich.

Nahm Daisy am Arm auf Deck wie eine Kusine. Die Namen fielen. Sie sah

zwischen Pockennarben einen Blick, der elastisch in ihrem sich bog, ihn

durchstieß, unter ihrem gestählten Zorn nicht brach. Von der harten, dunklen

Stimme fielen Vokale mit glattem dunklem Wohllaut. Überrumpelt, gereizt

sprang sie zum Englischen. Er folgte mit gleicher Gewandtheit, wie sein Körper,

ihren führend, neben ihr ging, gebogen, nachgebend, hart, fordernd. Er stützte

sich ein wenig auf den Stock. Ihr Schritt ward rascher, wogte auf und herab mit

dem Schiffschaukeln. Er hielt. Über die Achsel sah sie zurück. Er beugte sich,

hob ihr Tuch. „Holen Sie kalten Tee“. Es war heiß geworden. Er drehte um. Sie

ging zur Kabine. Le Beau gab das Tablett dem Steward, warf sich in den

Liegestuhl, wartete. In der Kühle kam sie herauf. Übersah ihn. Die Ablehnung

traf ihn, verzog seinen Mund, lächelnd. Am Geländer spürte Daisy die Richtung

eines Fächers, zog den Blick vom Rosafisch, der sprang, sah in die weiße Iris der

Quintrone, während die Zähne hell sich öffneten. Sahen beide in das Aufzucken

der Lichter, schlossen die Augen, sahen, wie das Schiff festlich, erhöht, auf eine

Masse Lichter zufuhr, die höher wuchsen und stiegen und an ihnen vorbeiglitten.

Die Dampfer tuteten, Lichtschnüre trennten sich, verblaßten. Fribaurt und Le

Beau gingen vorbei. Die Kreolin neigte den Leib, sprach mit der ganzen Haut.

Das Murmeln kam näher, spanische Missionsweiber psalmodierten, sahen in die

Dämmerung, die fiel. Der Quibekaner flüsterte einer Frau zu, daß sie Regen

beschwörten. Sie schrie auf. Er griff in der Dunkelheit fest in ihr volles Bein,

damit die Bewegung ihn nicht verrate. Der Schrei deckte das Manöver. Am

Schornstein applaudierten die Kanadier, sie gingen langsam hinüber.

Da sah sie: im Kreuzschein der großen Signallaternen bewegten sich Fribaurt

und Le Beau wie Ratten, mit Brustschild und Maske, florettierend

gegeneinander. Le Beau lag wundervoll in der Hüfte, bewegte sich in der

Lendenwage nach oben gedreht mit fesselloser Kraft. Stieß vor, im Angriff,

schien plötzlich müde. Übersah die Quintrone, die mit aller Haut atmend in seinen Blickkreis kam. Warf nur einen Blick seitwärts, der dirigierte Moki hinter

seinen Rücken ins vollste Licht. Seine hitzig kalte, fast brausende

Geschmeidigkeit verwirrte sich immer mehr in dem weichen unberechenbar

eleganten Schlag, den Fribaurt in zu seiner Größe und Breite erstaunlichen fast

mit dem Handgelenk gefächerten Etüden heraufwarf. Plötzlich machte Le Beau

eine stumme eindringliche Geste. Mokis Körper schälte sich bronzeschmal aus

der Dämmerung. Beau entblöste die Brust, fing Fribaurts unsicher schwankende

Spitze in letzter Sekunde auf, pfiff von unten die Gegenlage, schleuderte

aufspritzend das Florett des Gegners in die surrende Dunkelheit. Legte

Brustschild, Maske ab, sagte Fribaurt kalt Schmeichelhaftes. Drehte Wasser an,

wusch die Hände. Hob plötzlich den Kopf.

Sammelte das Gesicht zum erstenmal ganz, legte es in den Blick. Warf ihn mit

einem wehenden Ruck herum, mitten in Daisys Gesicht. Entjungferte ihr Auge.

Traf es mit einer Gewalt und Absicht in einer eindeutigen Sicherheit, daß sie

wankte. Schmerz spürte, als durchstäche er sie. Ihr Blut aufflammen fühlte,

zurückstürzen. In den Adern eine bäumende, auflösende Kraft. Sie gab den Blick

nicht zurück, schloß über dem Vorgang die Lider herunter, ging mit dem

Gefüllten rasch hinab, unsicher, überwältigt wie ein im Schlaf begattetes Tier, in

der Haltung zart und süß, den Kopf mondhaft, nicht weinend, zur Seite gebogen.

 

Sie schnitt ihn. Er übersah es. Sie brüskierte ihn. Er sah es nicht. Sie reizte

ihn, brachte ihn zu keiner Äußerung. Sie traf ihn auf Vorderdeck, drehte um. Am

Lunchsaal strich sie ihn fast, sprach abgewendet zum Steward. Fuhr in seinen

Satz, sprengte die Gruppe, in der er stand. Zeigte ihm ein Maß der Ablehnung,

das sie derart steigerte, daß er ein Lächeln einmal abends darauf gab. Sie setzte

die Kiefer fest aufeinander, behandelte ihn gleichgültig, suchte seine Nähe, die

sie gemieden. Frug ihn nach der Zeit, lachend nach dem Barometer, scherzend,

als glaube sie, es sei von der Jagd, nach den Narben seines Gesichts. Er nahm es

gleichmütig, erinnerte in nichts an etwas, das traumhaft hinter ihrem Leben nun

stand, sie trennte von allem. Sie aufhob und ungestüm machte nach einer

Entfaltung. Ihr Drang nach Geben und Zurückströmen des Gefüllten war so

groß, daß selbst die nichtssagende Bewegung ihres Ganges, die Haltung ihrer

Zigarette eine Zugehörigkeit und Verbindung mit ihm annahm. Ihr

nebensächlichstes Wort hatte eine Umkleidung, das ihn stach. Ihr Gespräch mit

anderen nahm Richtung auf ihn. Er blieb gleich, unberührbar in seiner Glätte.

Sie wandte sich Fribaurt entgegen, holte den Klatsch herauf, trat ihn breit mit

ihm, vermengte, versträhnte ihn, daß Le Beau schweigend hörte. Sie gähnte

nicht mehr in des Riesen weibisches Gesicht. Holte neues heraus,

Unerfindliches, Entferntes und breitete es hin. „Sie haben durch den Fächer bei der Quadrille einen Feind in meiner Familie. Mein Vater haßt Sie, daß er Sie fast

liebt.“ Sie lachte ein Lachen, das kein Lachen war. Das Schweigen neben ihr

blieb. Sie lockte es nicht heraus. Sie übernahm sich im Grauen davor, schob

Fribaurt in Dialoge, denen er kaum folgte, erreichte die Spitze des Erreichbaren:

das Gespräch brach ab. Eine Pause fiel.

Da machte Le Beau eine Bewegung. Moki begann auf der anderen Seite

herumzulungern, glitt auf eine Bank. Fribaurt stotterte, zog den Hut, verschwand

Ihr Alleinsein machte sie wortlos, verlegen, fühlte sich verloren. Was sie in ihn

überleiten, ihm zurückgeben wollte, den Zwang . . . es bog sich herum, ward

Leere und Fassungsloses in ihr. Sie wartete, daß er ihre Hilflosigkeit erkenne,

benutze. Allein er schmiegte sich nicht hinein, ließ den Augenblick verklingen.

Es kam eine Ruhe über sie. Ihre Hände ballten sich ein wenig zusammen. Er

änderte seine Stimme nicht. In der Nacht hörte sie sie im Schlaf, sie stieg mit ihr

herauf ins Erwachen. Sie bog die Beine herauf, legte das Gesicht darauf in

schmerzhafter Umarmung. Da schlug ihr die Stimme heiß ins Gesicht aus jedem

Knie.

In ihre Augen, Schalen, legte er, was er wollte. Es war Schmiegsames, Zartes,

das sich mischte mit Stahl. Auf ihr Gesicht schrieb er Vorgänge, ohne sie

anzusehen. In sie hinein sprach er, ohne Widerstand. Nichts stieß ihm entgegen.

Gewölbt stand ihm offen das Ganze. Er schmiegte sich hinein. Warf sein Leben

hinaus ans Meer, es prallte zurück, umgab sie. Dämpfte das Gute, hob das

Schwanken. Baute sich aus in ihr, langsam, gespannt, weich mit einer

eindringlichen Unerbittlichkeit. Die Sonne ging in weißem Bogen. Lauschend

bog sie sich über den Tisch. Langsam sammelte es sich bei ihm. Kam diesmal

ohne Wucht, aber mit bis ans Schreien unterdrückter Süßigkeit. Er flüsterte zwei

Worte. Sie gab den Blick langsam, schwer zurück. Nickte.

Sie stand nachts auf. Es schlug zwei. Die Tür der Kreolin schloß sich, bei

Fribaurt glitt es heraus, dunkel und braun, verschwand. Sie ging die Treppe

hinauf, sagte die Nummer der Kabine mit weißen Lippen vor sich hin, suchte mit

den Augen, den Händen in der Dämmerung des Korridors. Ihr Arm blieb stehen.

Ihr Bein, magisch gezogen, ging unter ihr weiter. Ihre Haut glühte mit einem

Ruck. Da hörte sie neben sich in der Nische ein Geräusch. Sie bückte sich, durch

die Luke kam Nickellicht vom Wasser. Hinter Gittern kamen die roten Augen

kleiner Hasen an sie heran. Ihr Finger berührte die bewegte Schnauze. „Go . . .“

Die Tiere hoben sich, neigten sich herauf. Begannen sich zu bewegen im Ruf,

der sie traf. Ihre Stimme aber kam auf sie zu, umfaßte sie selbst wie von anderen

gesprochen, breitete sich in ihr aus und verließ sie wieder in Seligkeit und

Erfüllung. Was vorging, was sich sammelte aus ihr heraus im Ton, der sie

umschwamm, brachte Ruhe in sie. Trieb sie in eine Klarheit. Stellte irgendwo etwas auf, dem plötzlich alles in ihr wie an Fahnen hingeweht sich zubewegte.

Ihr Blut spannte sich dem entgegen. Es ging über alles hinaus. Trieb darauf zu

mit der Kraft und der Inbrunst des Ziels. Sie lächelte. Kehrte zurück, fiel in

Schlaf wie Traum.

Abgelenkt, vorbeigeführt innen an ihm, gab sie ihm die Hand. Keine Miene

zeigt, daß ihn etwas enttäuschte, Unter den Sätzen warb seine Stimme um sie,

um jeden, er blieb gleich. Sein katzenhaft gestraffter großer Körper blieb neben

ihr. Hörner heulten aus dem gegen die Wellen trommelnden Abend. Blinkfeuer

stachen kreuzend ins Licht. Aus Landduft quollen roh, verquatscht, Hupen. Die

Räder gingen langsam, fielen zurück, die Mole hing voll Menschen gedrängt,

wimmelnd, sich verlierend auf der tiefen Fläche. Unter den rücklaufenden

Wogen schellten die Bojen los. Das Schiff stand. Da sprang plötzlich ihr Herz.

Die Barkasse legte an. Zwischen gestapelten Koffern irrten Passagiere,

auseinandergespritzt. Hände durchglitten ihre. Das Fräulein stieg auf der Treppe

hinunter zum Wasser. Sie sah scharf nach dem Ufer. Es kam auf sie zu.

Sie gab Le Beau die Hand. „Wohin?“ Sie wußte es. Er sagte: Paris. Lächelte

plötzlich: „Wohin fährt ein Franzose . . .“ Sie lachte über die Schulter dem

Reeling zu. Sie sah zurück: Versäumtes, Verfehltes lag auf seinem Gesicht

plötzlich gesammelt, Schmerzhaftes zog es tief in ihn hinein. Es blieb. Verließ

sie nicht. „Leben Sie wohl.“ Wind bewegte sein rotes Haar. Den Hut unterm

Arm. Von unten sah sie ihn am Geländer verschwimmen. Zwischen den weißen

Hosen der Kapelle brach der flackernde Untergang auf. Die Musik spielte über

der Sonne. Die Barkasse legte sich fest an Land.