Die Achatnen Kugeln
Der fünfte Abschnitt
Die zwanzigste Schüssel . . . sie hing das Tuch an den Ständer, goß den Zuber
aus, stülpte die letzte auf die Neunzehn. — „Durst.“ Sie brachte Wasser an ein
Bett. Sie schaukelte den Zuber in die Badewanne, ließ heißes Wasser einlaufen,
nahm Soda, griff in Schmierseife, schlug Schaum mit einer Bürste. Nun kamen
die Näpfe. Mit einem Zangenpinsel fuhr sie in den Hals der Urinenten, bog den
Draht, schabte den Kalk innen ab. Das Wasser sprudelte. Sie wusch den
Nachtstuhl aus. Die Tür weit offen . . . es dampfte nach Kaffee. Sie schaukelte
das Wasser in die Wanne, wusch die Wanne aus mit Seife und Sand, schaukelte
den Zuber mit den Henkeln auf der Wanne unter den Hahn.
Neues heißes Wasser . . . es lief nicht mehr. Sie schob den Schalter langsam
herum und hielt ein Streichholz daran. Der schmale Gasofen an der Wand spie
nach unten Ruß, nach oben die blaue Flamme, es donnerte. Sie sprang in die
Flamme, schob den Schalter zurück. „Langsamer öffnen“, sagte eine Stimme
hinter ihr. Sie öffnete langsam, entzündete das Holz. Der Ofen explodierte.
„Langsamer sage ich . . .“ Ihr rußiges Gesicht sah um. Langsam öffnete sie, die
Stichflamme schoß in das Zimmer, das Gas knatterte irrsinnig, an der Decke das
Licht losch aus.
„Schreiben Sie auf: der Ofen wird repariert.“
Sie nahm ihr Buch, notierte es. Es stand zum drittenmal mit Blei geschrieben.
Jedesmal untereinander. Der Ofen wurde nicht repariert.
Die Türe fiel hinter dem Arzt.
In der Dämmerung wusch sie die Becken im kalten Wasser. Dann trug sie
Bürste, Pinsel, Stuhl hinaus. Auf dem Gang standen Sechs vor einem Tisch in
Hemden und wuschen sich Hals und Brust. „Meine Zahnbürste.“ „Schlappmaul
. . . meine.“ Ein Rippenstoß . . . sie torkelten im Korridor. „Laßt mich durch.“
Sofort wichen sie zur Seite. Das Klosett verschlossen: „nicht in Ruhe einmal
scheißen . . .“ Sie wartete ruhig. Sie bückte sich unter den Tisch. „Deine
Zahnbürste — — —“ Der Mann winselte. Im Klosett keifte es. In hängenden
Hosen erschien er dann in der Tür, ungekämmt, rieb sich die Augen mürrisch.
Als er sie sah, ging er auf die Seite, wich ihr aus, senkte den Blick. „Falle nicht,“
sagte sie, „der Boden ist naß.“ Die sich wuschen, tuschelten nur noch
miteinander, Mund an Ohr. Sie machte das Fenster auf im Klosett, zog die
Wasserspülung, wusch den Boden auf, rieb das Porzellan glatt. Der Schnee
draußen schimmerte frostig. Sie schloß das Fenster.
Ihr Name flatterte zweimal im Flur. Sie stand neben einem Bett. Sie nahm
zwei Beine, hob sie hoch. Die dicke Schwester, die den Kopf hielt, schrie den
Mann an mit drohendem Baß, die andere band ihm die Hände fest. Der
Schwären auf seiner Weiche juckte ihn so, daß er nun hüpfte im Bett. Die Dicke
gab ihm Kaffee in den Mund, das Brot.
Sie fuhren die Betten in die Ecke. Achtzehn. Die freie Seite kehrten sie,
wanden Lumpen um die Besen, wuschen auf, ließen trocknen, fuhren die Betten
herüber, bewältigten die andere Seite.
„Daisy . . .“ Bittender Ruf. Sie ging mit. Naga hing in ihrem Arm. Sie gingen
über zwei Korridore in den höheren Stock. „Bist du müde?“ Die Brust der
kleinen festen Schwester schmiegte sich an ihren Arm. In dem Zimmer standen
zwei Kolonnen Betten, alle belegt. Die Luft roch scharf nach nassem Tuch.
Große Scheiben gingen ins Land. Aus jedem Bett ragte ein Bein, ein Arm . . .
und lag in einem Gefäß mit Wasser. Naga hielt Bein um Bein, Arm um Arm.
Daisy trug die Wannen hinaus, leerte sie von eitrigem Gerinnsel, scheuerte sie,
füllte sie neu. Das siebente Bett . . . ein junger Mann warf sich im Fieber herum
— — — „Ja, wir werden deiner Mutter schreiben.“ Das elfte Bett . . . die
Fieberkurve gestiegen — sie machte ein Kreuz auf das Brett, drückte auf einen
Knopf. Der Kranke kannte die Bewegung, begann zu winseln, das Bein blau,
geschwollen . . . er warf sich knirschend herum. Sie drückte wieder auf den
Knopf. Jeder kannte die Bewegung. „Nur ein kleiner Schnitt.“ Er lächelte
ungläubig, sie nickte.
Ihr Name auf der Treppe.
Sie trug mit der großen breiten Schwester Mann auf Mann ins Bad. Sie hielt
sie unter den Armen, die andere an den Knöcheln. Im Bad stand ein Schemel.
Darauf lag wechselnd ein verbundenes Bein, ein Knie, ein Arm. Einer lag
darübergekrümmt auf der Seite. Sie wuschen die Leute ab mit Seife und dicken
Bürsten. Sie hoben sie heraus auf den Stuhl, trockneten sie mit den Fingerspitzen
ab:
„Du hast Naga geholfen.“
Sie nickte.
„Sie soll es nicht tun, wenn sie der Aufgabe nicht gewachsen ist.“
„Ich habe nichts versäumt.“
Sie trugen einen anderen herein. Als sie schruppten, ging die Haut ihm ab wie
einer Schlange. Er hatte sich gekratzt, „Du Schwein . . .“ Er sah die große
Schwester an, er sprach kein Wort. Daisy rieb vier Leuten den Rücken, die
Schenkel ab mit Spiritus, gab Puder darauf, ging zu Nagas Station, setzte sich zu
dem Fiebernden, horchte, sprach, schrieb . . .: „Liebe Mutter — — — ich bin
nicht schuld . . .“
Sie aß zu Mittag, ging vor das Haus auf einen Liegestuhl, deckte sich zu und
schloß die Augen. Die Sonne brannte auf den Schnee und färbte ihr Gesicht. Sie
ließ die Glieder sich lösen, Müdigkeit floß an ihr herab, halb schlafend flog ein
Zug zufriedenen Liegens ihr an den Mund.
Sie stand neben dem Arzt. Ein neuer Kranker ward eingeliefert, ein junger Prediger, der entsetzt in die Brille des Arztes stierte: „Sie werden gut tun, sich
damit auseinanderzusetzen, daß Sie hier bleiben. Die Welt draußen ist vorbei.
Sie werden hier sterben. Wenn Sie so denken, werden Sie ruhiger leben, weil Sie
ein kluger Mensch sind.“
Sie ging still mit dem Arzt hinaus, trat von dem Flur in das Nebenzimmer. Ein
Raum dick voll Rauch. Gesichter schwankten mit Bärten zerfließend in der
geballten Luft . . . deutsche Matrosen mit Scharbock von Grönland. Die leichte
Abteilung, nichts gegen die Tragödie drüben. Gesang:
Isch un du
Mir hawwe uns so gern
un leck’st de misch bei Dag am Arsch
da brauchst de kei Laddern.
Sie stand auf dem Sims, wusch mit Petroleum das Lambris, wusch das
Fenster. Sie zog ein Spinnweb aus der Ecke. Sie kehrte die Asche der Zigarren
am Boden zusammen, unter der Heizung jagte sie Flocken, putzte das Messing
der Klinken. Immer ein freier Raum um sie. Immer der fremde Gesang. Die
Männer kaum sichtbar in dem Qualm:
Isch un du
mir hawwe uns so gern
un leck’st de misch bei Nacht am Arsch
da scheine der die Schdern.
Sie ging auf den Zehen an das Bett des Geistlichen. Sein Auge sah starr,
gebrochen vor Melancholie in die Ecke. Er spürte nichts wie die Vernichtung.
Hier Ende seines Lebens. Aufgezogen von einer schönen Frau, seiner Mutter,
hier nun verfaulen. Unmöglich zu fassen, das konnte nicht sein, seine guten
Glieder . . . dieser Mund, der schöne und tapfere Dinge sagte . . . wenn Gott war,
so war dies unbegreiflich . . . ein schwaches Lächeln — er glaubte es nicht —
. . . als die Lippen anschwollen, starrte er vor sich hin. Fassungslos dies große
Ungeheure vor sich, sein Geist zu enge Öffnung, als daß so Maßloses sich in ihn
schon so rasch ergösse. Zu klein sein Hirn für solchen ungeahnten Gott. Acht
Tage lag er steif. Dann fraß ihn das Neue, indem es ihn an sich gewöhnte. Da
gab er sich Wochen der Wut und der Anklage. Der Ausschnitt seines Zimmers,
das Stück kümmerliche Landschaft ward ihm die Welt. Der Mond, entsetzlich
aufsteigend . . . er würde ihn nie mehr sehen von anderem Ort, die
Blumengerüche, der Dampf der regenbeschwerten Erde . . . ein Bauernmädchen,
das vorbeiging . . . nichts zu halten, in die Ferne gerückt, nie zu berühren und zu
haben . . . welches Schicksal. An das Fenster treten, dies alles inbrünstig sehen,
nie haben werden, mit aller Wildheit begehren, kein Gott, der es ihm in die Hände geben würde . . . warum diese Grausamkeit . . . warum ihm . . . — —
Jahre stiegen auf in dem Fensterbogen, entfalteten sich, zeigten jede Sekunde
mit einer Eindringlichkeit, die die Augen schmerzte . . . Spiele der Jugend . . .
eine schmale Frau trat an sein Bett, ein Garten abends . . . er hielt es nicht mehr
. . . schrie. Daisy kam, stellte Wasser neben ihn, rückte einen Stuhl zurecht, legte
Bücher darauf — und ging. Er folgte ihr mit dem Blick, bog ihn zu dem Fenster.
Da stand seine Jugend. Wie war es zu tragen . . . Nun litt er mit geschlossenem
Gesicht. Als der Pendel durchschwang, der Kern des Leides durchlitten war,
löste es sich in schmerzliche Seligkeit, er begann beim Abebben des Zorns eines
Nachts zu weinen. Hell wie ein Kind. Das ganze Haus hörte ihn. Nach Wochen
sagte er zu Daisy: „Wenn ich begreife, daß ein Körper wie meiner verfault — —
wie soll ich fassen, daß Sie in einer Arbeit wie dieser leben können.“ Da sah er
ihren Blick zum erstenmal, der mehr Abgeschlossenes hatte mit den Dingen wie
der seine, fuhr hoch. „Was wundert Sie?“ fragte Daisy. Da begann sein Blick an
ihrem sich zu erstaunen und zu kräftigen. Ihm schien Sterben nicht mehr schwer
von dieser Sekunde. Sein Auge folgte dieser Schwester, wo es sie sah.
Der Arzt nahm sie mit in sein Kabinett: „Sie werden mir operieren helfen. Sie
sind ohne Laune, ruhig.“ Die große Schwester haßte sie von diesem Tag. Sie
hetzte einen Saal auf. Nachts auf dem Korridor umarmte sie einer von hinten,
fiel unter ihrer Parade schreiend zurück. Licht fiel auf sein Gesicht: „Ich sage es
diesmal nicht dem Arzt.“ Er verkroch sich. Auf diesen Mann konnte sie sich
verlassen von nun ab, unbedingt.
Sie hatte das Zimmer über dem Operationsraum, eine Glaswand trennte diesen
in Manneshöhe von ihr. Sie sah nachts einen Schatten, der die Instrumente
beschmutzte und zerwühlte. Sie stand früh auf und ordnete es wie neu.
Es kam eine alte Frau, saß an dem Bett des Fiebernden: „Ist das mein Sohn?“
„Ihr Sohn.“
„Das ist ungeheuerlich.“
Der Kloß verdrehte die Augen, flüsterte, schlug die roten Deckel zurück, die,
ohne Lider, nur im engen Schlitz sich noch öffneten. „Das ist ungeheuerlich. Das
ist nicht mein Sohn. Das soll ein Mensch sein . . . Warum erschlägt man das
nicht. Ist das Gottes Güte? . . . Mein Sohn, den ich auf die Steuerschule schickte
. . .“
„Haben Sie den Mut, es leicht zu nehmen.“
„Sind sie wahnsinnig, Schwester?“
„So haben sie — zum mindesten — soviel Liebe, tapfer zu sein.“ Die Frau
blieb starr unter dieser plötzlich harten Stimme, neigte den Kopf. Daisy legte ein
nasses Tuch auf die Augen des Kranken, wischte sie aus und ging. Sie ging
durch den Flur. Auf der Schwelle saßen Zwei und droschen Karten: „Mitspielen . . .“ Verschmitzte Gesichter. Sie lachte hell: „Ihr Dorsche . . .“ Tief befriedigt
brüllten die Zwei in sich hinein. Im Garten der Frühling. Grün überall leuchtend
. . . Eine Amsel schlug an, hob den silbernen Lauf und bog ihn elegisch in die
Höhe. Daisy wiederholte. Die Amsel pfiff die Läufe zarter und inniger zurück.
Die Uhr schlug. In einem weißen Zimmer allein stand eine Wanne. Der
Zigeuner darin schlief, die Arme auf den Rändern aufgestützt. Sie band das
Wachstuch weg, legte eine Glocke mit einem Rohr in das Wasser, sog an dem
Schlauch, hing das Ende in einen Eimer, ließ Eimer auf Eimer heraus. Dann
wusch sie mit Spiritus und Watte den Körper ab, immer im Bogen um die
offenen Stellen. Sie nahm die Füße, rieb sie mit Äther aus und gab gelbe
Vaseline darauf. Sie waren im Wasser wie Hirne geworden, weiß, tief gefurcht.
Dann trug sie die Eimer heißes Wasser in die Wanne.
Der Kranke ließ seinen Urin hinein.
Sie setzte die Glocke an, leerte aus, goß wieder neues Wasser ein. Eine
Stunde. Der Kranke sah zu, folgte jeder ihrer Bewegungen katzenhaft. Ein
Pfarrer kam, wandte sich zu ihm, allein er schloß die Augen, als schlafe er. Als
Daisy fertig war, grinste er und gab seinen Darm in das frische Wasser; Daisy
sog das Wasser heraus, gab wieder neues zu. Wohltätiger Besuch kam aus der
Stadt. Der Zigeuner zog das Wachstuch weg und zeigte, um zu größeren
Geschenken zu rühren, seinen zerfleischten Körper. Die Dame schluckte,
übergab sich noch im Zimmer und eilte hinaus. Daisy zog das Erbrochene auf,
der Zigeuner warf wütende Blicke.
„Sie mißt mich falsch“, sagte er dem Arzt.
„So . . .“, sagte er und zog den Mund herunter. Der Zigeuner sah zur Seite.
„Scheißen“, rief er. Sie ließ das Wasser aus, zog den Gummiring unter ihm
weg, schob den Stechnapf hinein. Es war eine Lüge. Sie gab ihm neues Wasser.
Er ließ den Arzt holen. Sie petze ihn . . . „Du Schwein“, sagte der Arzt und
schlug ihn aufs Ohr. Zwei Tage darauf vertraute er der großen Schwester an,
indem er weinte und sie zu Fragen zwang, er sei traurig, Daisy speise ihm sein
Essen. Sie meldete es, der Pflicht folgend, dem Arzt. „Wie können Sie . . .?“ Sie
sagte gegen sein Brausen: „Das Statut.“ Der Arzt untersuchte und gab dem
Zigeuner wegen Verleumdung einen Tag Hunger. An diesem Tag speiste ihn
Daisy mit ihrem Essen. Bei der Morgenvisite zeigte er es an. Seine Stimme
lauerte auf den Verweis. Der Arzt tat ihm nicht den Gefallen, sondern bestrafte
die Bosheit mit zwei Tage Hunger. „Es wird durchgeführt.“ Ein Blick in die
Runde. Die Tür fiel zu.
Daisy folgte, setzte sich für ihn ein: „Warum?“ Zwei Brillengläser funkelten
sie an. Sie lehnte an den Tisch: „Er wird sein Leben im Wasser liegen. Sein Haß
gegen alles andere ist natürlich. Aber — Strafe wird ihn nie bessern.“ „Nein,“ sagte der Arzt „das ist nicht meine Sache . . . aber die Autorität wird gewahrt.“
In diesen zwei Tagen ließ Daisy von Naga sich vertreten, tauschte mit ihr die
Station. Sie wohnte in Nagas Zimmer. Ein Gartenbusch lehnte herein. Die
Blumenterrasse dahinter schwoll herein, der Rasen roch. Morgens die Luft blau
und gold, Vögel darin, die unsichtbar sangen. Im Garten Naga, in den Hüften
gebeugt. Eine Eidechse lief über den Kies, grün, glatt, rollte sich über einen
heißen Stein, hob die Augen, züngelte herauf, lief weiter. Naga bückte sich,
huschte rasch, geschmeidig die Hand darauf, hob die Faust, aus der oben der
toderschreckte Tierkopf, unten steif der Schwanz heraussah, federte den
schlanken Körper herum . . . ein Gesicht fassungslos aufgegangen in der Freude.
„Bleib“, sagte Daisy, ging hinauf auf ihre Station, besorgte das Nötige auf der
Nagas, die hinter einem Busch saß, Wolken ansah, die aus dem Meer stiegen.
Zwei Männer kamen durch den Garten. Sie wiesen ihre Papiere. Sie kamen
von einem spanischen Segler. „Scharbockabteilung. In vier Wochen kommt Ihr
wieder raus.“ Naga führte sie hinauf. Sie wurden ausgekleidet, gebadet,
geräuchert, frisch gekleidet. Naga überwachte es. In der Nacht wiegte ein
Gemurmel, lange halb undeutlich, als striche Wind mit Bäumen. Dann schwoll
die Bewegung, die Wände des Gebäudes gaben sie weiter, echoten leis, knaxten.
Stimmen schwebten hindurch, mischten sich. Plötzlich sang einer heiser und
laut.
Naga ging dem Geräusch nach, blitzte mit der Laterne auf leere Betten, kam
durch Tür und Türen näher. Sie stand vor dem Operationssaal. Den Schlüssel
vergessen abzuziehen . . . sie erbleichte. „Coño“, rief der eine Spanier und warf
seinen Mantel auf den Tisch. Links lagen Flaschen auf dem Boden.
Eingeschmuggelt . . . zu wenig Achtung auf ihre Mäntel . . . der Garten. Sie ging
hinein, rasch, fest. Die Fenster waren geöffnet, die Bettücher hingen als Flaggen
hinaus. Patienten der Lepra mit Flaschen am Mund, taumelnd, in der Hand . . .
die Spanier tanzend und krähend eine Orgie . . . Naga stand stumm eine
Sekunde, verzog den Mund zum Weinen und ging starr auf den Spanier zu, riß
an der Flasche, da ging der Schwarze in das Knie, zupfte mit kurzen Rucken an
ihrem Rock, er fiel nieder, er preßte den Kopf an ihre Knie. Entsetzt fühlte sie
den Druck, schon nach der Tür . . . Geheul . . . versperrt der Ausgang. Sie sah die
Leine, hing sich daran, schellte Alarm, riß die Schnur ab . . . die Patienten
machten Jagd, stöhnten ihr nach . . . um den Operationstisch. — — Da schnitt
eine Stimme herein. Das Licht wurde dreifach, ein Reflektor glühte aus der
offenen Tür. Weit geöffnet schrie der Mund des hereinkommenden Arztes. Sie
wurde ohnmächtig. Schwestern, Gehilfen drangen herein. Der Spanier ward
gefesselt, ein Lepröser in die Zwangsjacke gesteckt, er schäumte. „Still
hinüber“; zwei kurze Befehle: „Me caco de la puñedra y jodida alma de la grandissima puda madre qué te caco . . .“ Ein steiler Arm hob sich kurz vor
Daisy, die ihn unter dem Tisch entdeckte. Hinaus . . . Einen Augenblick stand ein
Kreis noch erregt plaudernd um den Arzt, der sich in Sublimat wusch. Dann
gingen Türen. Als alles still war, öffnete sich leis Daisys Tür. Naga kam,
schmiegte sich auf dem Bett an sie: „Ich kann nicht mehr . . .“
Es war dunkel: „Wie lange hast du Kontrakt?“
„Oktober.“
„Geh sofort.“
Doch Augen kamen ihr im Kissen entgegen, die getröstet werden wollten,
gehalten, die noch nicht gehen wollten: „Aber du kannst es doch. Arbeitest du
nicht wie Vier. Hast du nicht Kraft, alle Sehnsucht zu verdrängen. Hast du dazu
nicht mehr gesehen, erlebt wie wir?“ Sie zog sie neben sich: „Der Wille genügt
nicht. Nichts wird vom Ende aus begonnen. Geh, lebe. Kommst du nicht wieder,
fandest du Gegebeneres für dein Schicksal. Kommst du wieder, ist nichts so
entsetzlich, du trügest es nicht mit einem Lächeln.“ Nagas verweintes Gesicht
suchte auf dem Kissen nach ihrem. Tränen an ihrem Mund. Schluchzen . . . was
sollte dies Kind hier. Erst hindurch durch das andere . . . was das Leben zärtlich
und schön macht. „Geh.“ Naga ging schlafen. Die Nacht darauf hatte Daisy
Wache bei dem Zigeuner. Er stellte sich fiebrig, damit sie nicht zum Schlafen
komme. Es klirrte im Nebenraum. Daisy ging hinein, schloß die Tür hinter sich,
reichte Pakete hinaus, ein Kuß mit Tränen, die im Mund blieben. „Mut“,
geflüstert ein heißes Wort zurück, kaum verständlich vor Weinen. Das Fenster
geschlossen . . . zurück zu dem Zigeuner . . . auch dies vorüber. Naga würde nun
fehlen. Kein Lächeln mehr im Hause sein.
Der Zigeuner fluchte. Sie lächelte, einzige Antwort. Bosheit verzerrte sein
Gesicht, er klotzte wie ein Neger. Sie hatte ihn kurz verlassen . . . er beschimpfte
sie. Sie hatte Unrecht, ihn eine Sekunde zu verlassen, sie nahm seinen Vorwurf
hin: Du hast recht. Unbeugsam blieb ihr Mund durch seine Tücke. Er kam in
Raserei, gab ihr jeden Fluch seiner Jugend. „Schlaf“, sagte sie mild. Er spie ihr
in das Gesicht. „Du Armer.“ Sie setzte sich in eine Ecke. Dunkel nun im Raum,
halb licht vom Morgen. Ganz allein in der Nacht ihr Wachen . . . unendliche
Stille ausgegossen in ihr. Die Fenstergardinen schwankten . . . Di Contis Atem
ging mit dem Wind durch den Raum. Die Liebe ging auf in ihrem Gesicht. Sie
saß bis tief in den Morgen.
Die Sonne kam weiß aus dem Meer. Das Wasser ward spiegelig grau mit
einem dunklen Rand. Der Sommer auf der Höhe . . . das Wasser stank faulig. Die
Hitze lag kreiselnd am Himmel. Sand, Meer, Gebirge: eine Ebene erstickendster
Trockenheit, von der ein giftiger Hauch am Mittag gegen das Haus fiel. Aus
heißem Bett, schlaflos, fiel sie morgens, die Nerven zitternd, in den Operationsraum . . . Puls halten, Apparate reichen . . . sie hielt an einer Zange
ein Bein. Zwei Finger des Arztes bohrten im Fleisch, suchten einen Knochen. Da
riß der Gummi des Handschuhs.
„Äther“, schrie der Arzt.
„Hier.“ Er riß den Stöpsel ab, leerte es über die Hand, stöhnte auf.
„Jod . . .“, schrie er, die Augen quollen. „Schlafsenkel . . . Gans . . . ist das
Jod?“ Schon verbanden ihn andere. Über dem Waschbecken knurrte er weiter.
Vor dem Weggehen warf er ihr einen wütenden Blick zu. Unter den anderen
stehend nickte sie mit dem Kopf. Was war das Unrecht? Hätte sie nicht wissen
müssen, daß er irrte, klüger sein wie er in der Stunde der Not . . . auch dies. War
es ein Unrecht . . . sie nahm es mit in den Dienst. Es reichte nicht an ihre Ruhe.
Zwanzigmal das Wasser leeren . . . Gestank. Das eitrige Wasser faulte unter
der Hand. Geruch von Brake und Schlachthaus auf den Korridoren, Schweiß in
den Krankenräumen . . . ein satanischer Sommer. Die Fenster, weit ausgehängt,
lauerten auf Zugluft. Aus den Poren der Mauer kam Hitze. Die Kranken badeten
in ihrem Schweiß, der sie anfraß. Die offenen Schenkel wurden brandig. Die
Gurgeln wurden trocken, krächzten. Einmal begann einer zu schreien,
besinnungslos. Sie stand neben ihm, gab ihm Packungen. Sie kam zu dem
Fiebernden: „Nimm dir Wasser.“ Er hob den Hals, konnte sie nicht ansehen, die
umschlossenen, nie mehr zu öffnenden Augen winselten Dankbarkeit. Sie
spritzte mit einer Blumenfontäne Wasser ohne Pause in die Luft. Dünner Regen
kam aromatisch nieder, Trost einer Sekunde. Ein Atemzug Glück . . . vorbei.
Durch das Zimmer fliegend, sah sie das glanzlose Auge des jungen Priesters.
Erstaunt: „Auch Sie . . .“ Er schüttelte den Kopf, kein Kleinmut, er lächelte,
solches fiel schwerer ab, was ihm menschliche Gewöhnung gelernt, zu schätzen,
dies: „Der Geruch.“ Ihr linkes Augenlid senkte sich kurz. Sie brachte eine
Flasche Eau de Cologne. Er entkorkte die Flasche, roch sie, Tränen schon in den
Augen: dies war die Welt. Er drehte sich um. Am Ende bei ihrem Vorbeigehen
senkte sich ein maulender struppiger Banditenkopf gebändigt. „Ein Gewitter
kommt,“ sagte sie, mit dem Leinentuch wehend zum anderen Ende, „den Abend
wird es frisch vom Meer.“ Im Nebenzimmer, wie Fledermäuse ausgetrocknet,
hockten die Matrosen, sangen nicht mehr, Hunde mit trockenen Schnauzen.
Lächelnd: „Geduld, Struppige . . . Wind.“ Sie bekamen Ausdruck in die
Blickwinkel, schielten sich an, stießen die Ellenbogen sich in die Seiten,
grinsten, schaukelten auf den Stühlen. „Geduld“, sie wehte zeigend mit dem
Tuch nach dem Himmel. Alle sahen hin, alle in Spannung, sahen nach einer
Wolke. Der ganze Saal sammelte sich nach dem Himmel, lag auf der Lauer. Sie
stand im Zimmer: „Mut.“ Der Glaube trat aus ihr heraus. Trat in zwanzig
Halbverweste. Vierzig Augen sahen auf sie, traten in sie ein mit ihrer Hoffnung, klammerten sich an sie, schauten gläubig, mit ihrem Mut gestärkt, nach der
Erlösung. Rochen nicht mehr ihren Eiter, spürten nicht mehr Schweiß, der ihr
Geschwür biß. Keiner, der haderte, niemandes Schmerzruf . . . ganz verhaltene
Stille. Der Glaube von zwanzig Unglücklichen ballte sich heftiger als von
tausend anderen, der Glaube von zwanzig Unglücklichen stand in dem Zimmer,
wuchs in den Räumen. In allen Zimmern stand er auf. Bald das Ende der Qual,
bald Wind und Mut, weiter das andere zu tragen. Ein kleiner Windhauch nur . . .
welch ein Trost. Die Zimmer verbanden sich mit einer Schicht Vertrauen, die
früher nicht herrschte. Die einzelnen kamen sich näher, fühlten sich als
Genossen, lachten sich zu. Die Deutschen sangen wieder. Freude stand über den
Betten. „Dank.“ Sie rief zurück: „Mut.“ Der Tag vorüber, die Nacht rot vor
Hitze, der Morgen graublau, entsetzliche Last. Durch die Zimmer gehen, immer
ein Lächeln. Hinaussehen zum Horizont. Die, die nachts nicht geschlafen, die
halb irrsinnig waren vor Schmerzen, alle, die beginnen wollten zu lästern . . . alle
einigten sich an diesem Lächeln, unternahmen nichts, wurden still, sahen hinaus
auf den Horizont. Sie beruhigte, entflammte still, flüsternd von Ohr zu Ohr,
wenn sie sich bückte: „Geduld . . . es kommt.“ Der Glaube wuchs in den
Zimmern, heftiger, tiefer . . . der Glaube der vierzig Augen stieg, die anderen
glaubten, wuchs in die Räume, ballte sich den Tag . . . die ganze Nacht. Schaum
am nächsten Morgen am Meer, am Mittag die lähmendste Stille. Gegen Abend
wuchs ein Segel, schoß in den Himmel wie ein Gaul, bäumte, riß in einem Rad
den Himmel als Strudel in sich . . . Blitze zuckten flatternd, irr . . . Kühlung kam.
Die Augen geschlossen . . . die Hingabe erhob sich zu ihr, aller Gefühl: „Dank.“
„Wofür . . .?“ Sie starrte hinaus.
Ein Wagen traf ein. Ein Brief.
Das Verhängte lockte. Das Elend des Einzelnen, der ihr Blut berührt, riß sie
von dem, was sie hielt. Der Brief hatte nichts von Gewalt, viel Unterwerfung. Ihr
Herz rührte sich ihm zu. Sie unterbrach, reiste drei Tage, fuhr eine Mauer unter
Oliven, hörte das Meer, traf in dem Park vor einem kleinen einstöckigen Schloß
Stefan, den sie tödlich getroffen glaubte, er wandte sich um, warf eine
Bananenscheibe weg, kam über den Rasen. Sie erstarrte, wandte halb um, voll
Schmerz und Wut. Hörte seine Stimme. Er log nicht, sie kam nicht umsonst. Sie
kannte sein Leben, das zwang, niederhielt, bebenden Boden mit den Beinen
feststampfte, sieben Balken im Schweben hielt. Er hatte Minen um sich gelegt.
Flog eine, sauste er mit. Er hatte genug, ließ sie fliegen. Es reizte ihn nichts
mehr. Er lebte allein seit langem. Er wollte sie sehen, ehe er verreckte.
Ihr Herz war festgebohrt. Es genügte nicht. Sie drehte ganz. Seine Stimme
holte sie ein. Das Raubliebende besaß einen Klang, der sie bannte: „Nimmst du mir den Rest Erlösung?“ Sie sah das Zerrissene seines Lebens darin, das nun der
Erfüllung nahe war. Schicksal, vom Tag, wo sie zuerst ihn sah,
hineingeschrieben in jede Falte des Gesichts, erfuhr unerbittlich seine
Bestimmung. Wie diese Fahrt seines Blutes nun landete in Reue, sich selbst
verwarf, und das Starke sich hinschmiß und bat, ergriff sie mit Rührung, die alles
hinüberneigte zu ihm, zagend und nicht ohne Befremden, doch bezaubert:
„Gehen wir hinein.“
Sie stellte ihr Leben unter seines, trug im Unbewußten die Last, fühlte seinen
Schmerz, seine Seligkeit, sah die Grenze, die bald alles schloß, kannte sie nicht,
roch die Katastrophe, bäumte sich vor ihr, legte in ihn hinein, was ihm das Letzte
klar machte, beruhigend, sicher, Aufflug und Klarheit.
Sie ritt sich die Schenkel wund, er sandte Reithosen und Salbe. Sie rieb sich
die langen schlanken Beine. Durch Gras, durch Fliederhecken, ein Bogen. Ein
verfallener Tempel, ein kupferner Mond darauf, Lusthaus der Frauen des
passierten Jahrhunderts. Dahinter fielen Terrassen. Vor den tiefen Fenstern des
Schlosses tauchten Tritone auf, warfen Wasserlanzen, bliesen aus Hörnern in den
blauen Abend. Sie ging zurück, zog sich ins Zimmer, speiste, schlief, suchte ihn
morgens. Er saß über Papieren, schrieb. Sie wich zurück. Er sah den Schatten,
fuhr herum: „Du störst nicht. Nie.“ Das Geschriebene flog vom Tisch. „Doch.“
Sie wollte gegen seinen Willen, ihm es leicht machen, wandte sich. Er, ihr sich
hingebend, wußte nichts anderes: „Bleib.“ Sie blieb.
Die Luft ward silberblau. Blüten rochen herüber in der Nacht. Im gläsernen
Bauch des Sommers stand noch der Frühling mit Kastanie und Flieder. Es
rauschte Tag auf Tag über die Hängematte. Morgens beim Frühstück frug Stefan:
„Reiten wir?“ Sie nickte. Kein Vorschlag, den sie nicht annahm. Nach einem
Galopp schon sah er die dunklen Ringe unter ihrem Auge, verstand sie, ihre
Woche, verlangte, daß sie sofort absteige: „Welch ein Irrsinn . . .“ Doch sie log.
Wozu Sorge noch mehr ihm geben, diese Stunden vergällen. Lächelnd: „Du
irrst.“ Weiterreiten unter Schmerzen. Reden mit frischen Lippen. Seine Schläfe
lief dick an vor Qual.
Sie stand am Morgen früh auf, öffnete die Tür ihres Zimmers, ging hinaus auf
den Rasen, die hohe Mauer entlang. Der Morgen, dunkelrot, verführte mit
Pracht, sie ging um das Moorstück mit den dunklen Blumen, bog um den
Pavillon. Sie stand unter den Palmen, kam zurück auf die Terrasse. An dem
Rondell setzte ein Schmetterling sich auf ihre Achsel. Sie drehte sich herum, da
trat Stefan hinter einer Figur vor. „So früh?“ sagte er, der spät aufstand. „Nicht
sehr!“ sagte sie, verschwieg den Weg, den er ihr ansah.
Zwischen den Oliven stand die Sonne hell, klar. Der Horizont gewölbt,
kreisrund und stählern, süß die Luft darunter, schwärmerisch die Verzückung des Abends. Eine Lampe auf der Terrasse . . . der samtene Rasen blau in der
Dämmerung. Eine Syrinx flog über die Mauer. Sie stand auf, müde. Er begleitete
sie bis an ihr Zimmer. Sie drehte sich halb um . . . er folgte nicht.
Sie lag die Nacht wach, in gelber Gardine schwamm der Mond. Das Silber der
Stutzuhr im Dunkeln . . . Bilder entblößter Damen, degentragender Herren steif
an den Wänden, undeutlich im Dunkel . . . ein Spiegel glomm tiefer und
ungründiger in seinen matten Glanz hinein auf dem Toilettetisch . . . kein
Geräusch. Kein Vogel. Sie horchte auf Laute. Still und abenteuerlich der Park.
Sie wartete.
Den Morgen blieb sie lange liegen, wartete auf die Stunde seines Aufstehens.
Als sie hinauskam, sah sie ihn über die Terrasse herkommen. Sie errötete. „So
früh?“ Er sah auf seine verstaubten Schuhe. „Nicht sehr!“
Ein weißer Blitz setzte über ihre Hängematte am Mittag, schoß über das
Rondell, flitzte in den Mittelpavillon. Sie sprang ihm nach. Nach links war der
Flügel geschlossen, nach rechts folgten Räume, große Zimmer, vorüber im Lauf
bemalte Wände, goldene Rebstöcke, japanische Tapeten, Mosaike, silberne
Leuchter . . . die Fenster gingen bis zu dem Rasen . . . da stand Stefan neben
einer kleinen Fontäne mitten im Zimmer. Auf seine Schultern hatte ein weißer
Windhund die Pfoten gelegt, seine Hand fuhr an dem geschmeidig zitternden
Rücken herunter. Er sah ihr Gesicht in der Portiere, ging ungestüm auf sie zu,
unterdrückte eine Wallung: „Nimm den Hund. Ich gab ihn weg, weil ich zu sehr
ihn verzog. Heute kam er zurück —.“ „Ach,“ sagte sie, „nein, ich bitte dich, ihn
zu behalten.“ Er liebte ihn, wie konnte sie ihn nehmen! Blieb fest Beim
Abendspeisen sah sie, daß er litt. Sie hatte ihn abgewiesen, um ihn zu freuen.
„Verzeih“, sagte sie an der Schwelle ihrer Tür, berührte schwach seinen Arm,
sah über die Schulter. Seine Hand zitternd am Pfosten. Die Tür schloß, er folgte
nicht. Blumengeruch toll die Nacht. Schlaflos bei aufgerührtem Herzen. Wohin
trieben solche Konflikte, helfen wollen und verletzen . . . annehmen und gegen
das Opferbereite verstoßen . . . Leid auf jedem der Wege . . . Brausen der
Springbrunnen in der Nacht . . . diese Erquickung. Sie sprang hinaus, löste am
Bassin der Tritone die Matinee, tauchte in das Wasser. Eine Wasserrose trug eine
Tauperle. Sie stieß daran, das Kristall flutete vor Licht, zerbrach, der Himmel
ward erschüttert von diesem Fall. Die Büsche schlugen auseinander. Stefan im
Pyjama, den Ginster auseinanderbiegend, oben über den Figuren . . sie schloß
die Augen zitternd . . . sie sah auf. Stefan war fort. Nichts in seinem Gesicht, das
davon sprach den Mittag. Keine Gebärde anders in diesem Kopf. An seiner Ruhe
spürte sie die Gespanntheit vor dem Schlag. Sorgen, Trauer, die sein Hirn
verwüsteten, die Erwartung der tötlichen Minute, vielleicht schon aus dem
Wipfel eines Baums gezückt. Blieb er unrührbar, lief sie heftiger in ihn ein, erschütterte sie seine Haltung unbedingter zu ihm hin. Einmal schoß sein Blick
unverhüllt von der Seite, sie sah ihn im Spiegel. Sofort bändigte er ihn wie ein
Tier. Sie spürte, wieviel ihm fehle, was er unterdrücke und wie es ihn fast
sprengte, daß er sich überwand, sie nicht nahm. Ihr Mitleid erreichte die Tiefe,
der blitzhafte Aufriß seines Herzens, das demütig solche Kraft überwand, wies
sie zu vertiefterer Aufgabe. Sie mußte den Himmel ihm schöner überrunden,
sich unendlicher mit dem Blut unter ihn betten, ganz sich verschenken an das,
was sie verschmähte. In der Nacht, als sie schlief, öffnete ein Gewitterwind die
nach innen geschliffenen Rundfenster, stürzte sich auf sie, schreiend fuhr sie auf,
ergriff den Leuchter, rannte los, sah Stefan an einer Portiere, lief in seinen Arm,
entsetzt von Schlaf und Schrecken. Sein Arm kam. Entfesseltes schlang um ihre
Taille, noch tastend, zag. Dem Zögernden unterzog sie sich, gab sich hinein. Ein
seltsamer Ruf, es schwoll heraus, ihr Hemd schwand, ein Mund nahm ihren.
Hände über ihrem Bauch, die langen Beine fuhr es hinunter. Die Kissen
schwollen über ihr. Lippen zogen über ihren Leib, küßten die Sonne, die um den
Nebel lag, alle Strahlen, die rot wurden. An jede Hautpore wuchs die Hand,
unverlierbar nahm sie, ließ wieder, erfaßte Neues. Tiefster Schmerz durchjubelte
die Hingabe. „Daisy.“ Hell, hingegeben dem Schmerzlichen in der heiseren
Frage, ohne Zögern: „Ja.“ Die Hand über den Hüften griff zu, Nebel riß über den
Augen. Haare lagen zerstört und locker um den Körper, dessen feuchte
glänzende Bronze das Kerzenflackern überschwemmte. Sie lag, als er schlief.
Sie lächelte über das Geschenk, das sie ihm gab. Es war das Letzte, was sie
konnte. Vom verflossenen Gewitter duftet der Garten herein, durchbricht den
Raum. Es war ihr, sie erreiche die verschlossenste Grenze seines Wesens, habe
ihn erfüllt. Am Morgen öffnete er ihr den versperrten linken Flügel. „Ich sparte
es auf bis heute.“ Sie trat ein.
Das Wappen hielt sie fest, lang. Sie zündete die Kerze an. Schlug das Buch
auf, zerfuhr es mit den Fingern, blickte um mit einem rätselvollen Gesicht. Einen
Augenblick trat der Raum hinein. Sie sah nicht die Rebstöcke aus Gold.
Fontänenwasser kam in die verzehrende perlmutterne Schale. Es kamen gerade
Herren, golddunkle Bilder, Damen auf der altjapanischen Tapete und Jäger mit
demantener Agraffe. Es kam ein Degen. Zersplittert, in den Trümmern gerahmt
ein Spiegel mit dem Pistolenschuß in der Mitte. Es kam auf dem Tabourett in
Wachs mit blauen Adern ein Kopf, eine rechte Hand. Es trat wieder aus ihr
hinaus. Sie sah nur das Wappen. Es hielt. Es war das eigene, kam herauf aus den
gestrichenen Jahrzehnten, wurzelte unten im Schoß der Generation. Ihr Blut griff
zu, vermählte sich. Saß über holzgeschnittenen Signets. Es kamen ungeschickte,
gestammelte Worte. Geschnörkelte Zeichnungen machten den Übergang unsicher. Hochmütige Sätze kamen, Buchstaben großer Form. Der Wahlspruch
schien auf: Wenn ihr mit Männern spielt, so wißt mit wem . . . Und ist es mit
Frauen, um was ihr spielt. — Aus dem Buch stieg der Saft des Gelebten. Der
Raum erhielt Gewalt. Aus den Blättern der Miniaturen quoll der angesammelte
Atem der Generationen. Die Farbe der Gewänder bekam Gewalt und blühte.
Die Miniaturen platzten unter den Muskeln, die sich reckten. Der Stolz der
Frauen sprengte die Taillen und die Sanftmut der Elfenbeinfarben. Die Wangen
röteten sich unter dem Puder und glühten, Lider hoben sich schwarz und
flammten sie an. Degen und brokatene Mäntel zuckten. Ein kühnes Auge traf sie
wild. Ein Turban erschien mit den Augen der Gazelle darunter in der Galerie der
Frauen. Von da ab waren die Köpfe ähnlich wie der ihre, wie ihres Vaters.
Sie sah den Ahnen, der dies Haus sich baute. Sein Körper war größer und
gewandter wie der der anderen. Sein Gesicht glatt und gefurcht von zwei großen
leidenschaftlichen Linien. Unter dem Feuer seines Auges fingen die Spiegel des
Raumes zu leuchten an, in ihrem verschleierten Glanz begannen weiche Hüften
der Frauen zu wiegen, braune Torsos schlangen sich dagegen. Atem wilden
Genusses rauschte mit Lachen in der Seide. Dies Gesicht führte ihr Geschlecht
auf den höchsten Punkt ihres Blutes.
Sie sah seine Schrift, seine Briefe. Frauenleiber wandten sich ihm zu und
sträubten sich auf vor ihm. Ehrgeizige Spiele, sehr erleuchtete gläserne Säle . . .
ein großer Ritt, der ihn mit Ruhm behängte, glitt durch die Luft. An einem
heißen Abend begann er, dies Schloß zu bauen für den Sommer und die
Zärtlichkeit der Frauen. Er stand davor, als er ankam. Die tiefen Fenster wühlten
in der wollüstigen Nacht. Terrassen bogen sich kühl hinunter zwischen dem
Taxus und den Hermen. Der Park stand wild voll Duft der Rosen und Jasminen.
Fontänen bohrten sprühende Lanzen in die blaue Blumendämmerung. Ein
Zimmer war erleuchtet mit vielen Kerzen. Er trat hinein. Am Morgen schrieb er
mit vier Sekretären, noch feucht von der Haut der Geliebten. Dann ging die
Sonne auf, er erhob sich und weckte sie aus Träumen von ihm. Da jagte er die
Tiere. Die Sommer wechselten und fielen heiß herunter einer in die Spur des
anderen. Da liebte er Dirnen. Er schoß die Saue. Das Pferd rannte unter dem
Spiel seiner Schenkel. Kerzen blitzten um nächtliche Spiele. Lange Profile
hingen wie Glas gegen den Schatten. Die Edelleute naher Höfe schwitzten um
seinen Kartenschlag. Da fuhr er in Wagen. Da schlug er Hunde und küßte die
Nägel ungeliebter Frauen. Ein einsamer Sommer umgab ihn ganz allein. Er
wanderte, die Arme über die Brust gekreuzt, die Wege herauf, die Wege
herunter. Seine Augenbrauen schoben sich im Dreieck zueinander. In einem
zitronen trockenen Juli sah er auf der Landstraße ein braunes Kind, das in den
Himmel lachte und nicht sprach. Er nahm es mit sich. Aus heißen Ritten warf er den Körper in das Bassin, das kristallen um ihn schäumte. Dumpfe Nächte
durchschlief er mit schweißigem Haar. Mit großen Orden, den Degen zum Knie
gesenkt, empfing er eine Fürstin, den Fuß am Schlag. Sie warf ihm Blicke zu
durch das Glas ihrer Equipage, die er geschmeichelt nahm. Er diktierte Briefe,
Befehle, Politik. Er arbeitete eine Intrige aus, die in London sich kraus gestaltete.
— Dann schlief er allein durch einen ganzen Sommer sich durch, locker in der
Kleidung, zufrieden und still das Gesicht . . nichts weiter tuend, als den Himmel
ansehen durch den Regenbogen der Tritone . . .
Das Buch blieb geschlossen, die Lider stellten sich nach innen. Der Raum trat
aus ihr heraus, wie die Fenster sich öffneten alle in den Parkmorgen. Stefan rief
herein, sie ging neben ihm. Blätter, Büsche, Esel tanzten vorbei. Sie gingen. Das
Ende kannte sie, seine Arbeit, seinen Tod. Es hatte ihre Jugend durchdrungen,
ihrem Dasein Luft gegeben, Liebe. Daher kam sie. Das Vorspiel war neu,
unwichtig, aber bestimmend. Er ging vor ihr her, die gleiche Kurve unten am
Rand des Geschlechts, der gleiche Schnittpunkt führte sie wie ihn. Aus dem
Knax kam sein Werk. Sein Rausch wurde Sinn, als die Gegenströmung in seine
Sehnsucht sauste. Die Summen zog er aus dem Entsagen. Sie reckte sich, spürte
sich mit ihm durchblutet. Er ging vor ihr, war der Vordere, ließ ihr ein
Vermächtnis. Sie lächelte, sicher genug in sich, aber die Rechtfertigung ihres
Daseins aus dieser mystischen Quelle bog sie auf vor Befriedigung. Sie gingen.
Luft strömte frischer, die Beeren leuchteten. Sie gingen rascher. Er hatte gelitten,
geschafft, die Lippen zerbissen, ausgeschlagen, sie empfand jede seiner Minuten.
Das Vermächtnis wuchs. Von Vaudreuils Herzschlag vorwärtsgeschnellt fühlte
sie sich getrieben. Fortsetzung seines Handelns kam an sie nach der Pause des
Geschlechts, nach der Ruhe. Sie führte zurück in die Gemeinschaft, was er
restlos erwarb. Er eroberte. Sie half. Das Angehäufte veredelte nun. Er schuf
Platz für Menschen, siedelte, schaffte Arbeit. Sie aber befreite, die Sklaven
geworden in diesem Beruf. In ihrem Blut saß die Vertrautheit seines Schicksals
so, als habe er sie gezeugt, erzogen, seine Adern hinübergeführt in ihre. Und
jeder Tropfen Blut trieb, forderte, verhieß Vollendung, Wirkung, aufbäumenden
Zwang zur Tat. Die neue Kraft, die bestätigte, bestürzte sie, machte sie gierig
nach Tätigkeit, wenn diese Mission vollendet, die sie noch umfing. Sie neigte
sich zur Seite, nahm Stefans Hand. Es würde vorübergehen. Sie gingen.
Das Gefühl durchdrang den Tag, machte Weichheit hingegebener an das
Umgebende, das Umgebende tiefer verliebt in sie. Die Riesennelken der Beete
brachen auf unter ihrer Berührung, die Zinnfiguren trugen ihr Lächeln, die
Mauern wichen tief vor ihrem Blick in den Himmel. Das Tor fiel auf. Unter den
Lerchen flog betäubend der Horizont auf. Bienen schossen in dunklen Bogen,
die Wiese, die sie berührte, flammt gelb und zart. Sie gingen, nahmen auf, gaben aus. Liebkosten Rehe, scheuten die Saue auf, lachten sie zurück. Nahmen Pferde
an der Ferme, trabten durch die Feigen, um den dreizackigen Wolkenberg,
speisten Zwiebel, Butter, Brot, sanken im tiefen Schatten in Schlaf. In die
violette Dämmerung ergoß sich ihre Ruhe. Kein Wort. Er hielt ihren Halfter, sie
gaben die Gäule ab. Ein Fasan lief über den Weg, Pfaue gingen in einer Kette.
Die Bäume der Allee fielen in rosane Glut. Stefan nahm eine Göttin, hob sie auf
die Erde ins Gebüsch, stellte Daisy auf den Sockel. Sie senkte die Beine in einer
von Anmut so erfüllten Bewegung, daß ihr Knie seine Stirn traf, dann seinen
Mund. Sie spürte ihn, war plötzlich allein. Suchte, rief seinen Namen. Kam an
den Pavillon, verwirrte sich in den Gladiolen, lief in der Gartenstrecke, kam an
die Lichtung. Die Terrassen hingen beleuchtet. Ein Fest. Die Fenster hell,
Springbrunnen fluteten durch die Nacht. Atemlose Stille. Ihr Name kam breit
und voll Sehnsucht geworfen. Sie ging hinein in den Namen, besinnungslos.
Sie verließ ihn, ging hinaus, sah den roten Mond durch die Pappel
schwimmen. Das Wasser. Das Bassin überschäumte weiß, bläulich ihre Haut.
Tritone sangen über ihr. Den breiten Guß eines Löwen fing sie mit der Brust. Die
Blumen schwelgten in der heißen Luft. Das silberne Füllhorn schäumte unter der
Sichel. Es überkam sie Sehnsucht, mehr ihm sich noch zu geben, Furcht, etwas
zu versäumen, Schreck, daß das Schicksal niedersause. Sie überließ sich dem
Wasser. Langsam kam die Ruhe, die einbezog sie in das Geschehen der Nacht.
Im Stillerwerden der Luft ward es klarer in ihr, bis sie den Ausgleich erreichte,
wo nichts sie rührte, alles sie verband. Sie ging hinein, suchte, traf ihn in seinem
Schlafzimmer, die Stirn am Fenster, er hatte ihr zugesehen. Sie lächelte. Ihr
Blick sah hinter ihm im Kreis der Lampe eine Schale. Sie erbleichte. Zog zwei
Kugeln heraus, nickte zu einer, hielt die andere sprachlos ihm auf der offenen
Hand entgegen. Ihr Augen säumten sich, wurden klein.
Sie frug mit dem Blick.
Ihre Lippen trugen den Namen.
Heiser sagte er:
„Le Beau.“
Befreite er ihn, klappte das Messer, riß die Schlinge, flog die Mine, die ihn
erledigte. Er hatte noch kurze Zeit, bis das Schicksal fiel, lebte, die Uhr in der
Hand. Solange bedurfte er die Sicherheit gegen jede Möglichkeit. Er hatte Jahre
sie gesucht. Paris, Marseille, Kalkutta, Pegu . . . hatte sein Leben umgestülpt, auf
sie gerichtet, wurde gut an ihr. Was wog die Ausnahme gegen das Ganze?
Nichts. Das Gewaltige seiner Änderung umfing sie, als sie verglich, trieb sie zu
ihm, unter ihn: „Ich bin bei dir.“
Nachts stand der andere auf, forderte. Sie tat Unrecht, um Liebe zu erweisen. Sie hörte die fadendünne Stutzuhr, sah die Sonne prallen gegen die Rideaux.
Wischte die Nacht weg. Aus den mähnigen, windgestrählten Sonnenblumen trat
Stefan. Sie sah über ihm die Katastrophe. Was galt Überlegung vorm Tod. Es
flog aus ihr, bedingungslos, hinweg.
Sie grübelte den Abend, die Ausnahme drückte sie. Sie maß ihr keinen Sinn
zu. In der Nacht wurde sie riesig: Es kam nicht an auf die Größe, nur auf den
Sinn. Da sprang durch die Portiere der Windhund, den er ihr geschenkt, weil er
ihn liebte, den sie zurückwies aus Rührung. Der schmale lange Kopf strich an
ihrer Wange. Sie hielt, was Güte an Stefan sie fesselte. Kein Gedanke quälte
mehr. Im Halbschlaf gegen Morgen fuhr sie auf. Ein Mensch litt um sie. Sie
ertrug es nicht. Schleifte den Hund aus dem Nebenzimmer herein. Der Hund
genügte nicht mehr. Sie schwankte, ging herum, besah ihr Ohr im Spiegel,
pflückte Glyzinen am Fenster, bückte sich, wechselte die Farbe. Stieg die Leiter
zum Bad hinauf, drehte ab, kam herunter, atmete, sah in den Park. Legte sich
nieder. Erhob sich, packte einige Dinge in einen kleinen Koffer. Ging an die
Portiere seines Zimmers, sah ihn schlafen, schwer, fest, Mücken um seinen
Kopf. Sein Schicksal, das er kindlich nahm, wühlte sie so auf, daß sie erbleichte.
Als er erwachte, konnte sie nicht vermeiden, vorzutreten. Als er den Arm reckte,
war seine Not eine Sekunde so groß, daß sie ihn nicht verließ, hineinging wieder
in sein Schicksal. Als sie erwachte in seinem Arm, hob sie den Kopf, lauschte,
bog die Brust aus seinem Muskel, glitt herunter, sah zurück. Sah nichts mehr als
das Unrecht, sah nur den Gefangenen, der litt. Nahm das Gepackte. Hörte einen
Wagen in der Nacht rollen. Holte ihn ein. Kam in das Dorf, in die Stadt. Schrieb
ein Telegramm, das Le Beau befreite. Hob die Brust, nun atmete sie sicher, sah
zurück aus dem Wagen. Konnte nicht anders. Das flog nun in die Luft. Vorbei.
Es mußte sein — und getragen werden. Von beiden.
Der Wagen kam an eine Barriere, einen Bach, einen Fluß. Der Motor stockte.
Am Mittag saß sie in der Nische über einem kleinen See. Die weißen
Hotelwände prallten von Sonne . . . Sie denkt: Nun ist Le Beau frei. Er fragt:
durch wen? Sieht die Depesche. Weiß: durch sie. Macht sich auf. Noch einmal
fliegt seine Stunde. Das Auge blitzt vor Geist. Er fragt sich durch, beschäftigt
Menschen. Er kommt an das Hotel, fordert. Sie will auch ihm dienen, seiner
Enttäuschung sich unterbreiten, dem Geschlagenen nah sein . . . Ein Raum
schiebt sich zwischen sie und den See. Sie schaut durch die geschlossenen Lider.
Sie kommt gegangen über die Terrasse, geht durch das Zimmer des Ahnen,
öffnet das Schiebfach, hebt die Kerze hinein. Sieht seinen Kopf, beginnt zu
weinen. Eine Stimme aus dem Dunkel: „Ist es Sommer?“ Sie ist tapfer, sagt hell:
„Ja, Claudius.“ Sie fährt mit der Hand über sein rötliches Haar: „Ché . . . mon ami . . . ché . . . doudoux.“ Er lächelte: „Mit Gewalt macht es der andere nie.“
Sie sagt: „Ich befreie dich.“ Sie kommt mit einem Dolch, versucht das Fenster
aufzubrechen. Unmöglich. Sie nimmt den Spaten, gräbt ein Loch von außen. Da
steht Stefan im Fliederrondell, die Brust leuchtet phosphorisch, die Augen
geschlossen. Sie stürzt in sein Zimmer, er liegt, schläft. Sie beißt die Zähne,
zurück, stößt das Messer ins Schloß, das wie ein Kuhmagen gefächert ist, die
Spitze bricht ab. Er ist bleich, lächelte aus dem verwüsteten Gesicht. Sie schreit
laut: „Ich befreie dich.“ Er lächelt mehr: „Das sollst du nicht.“ Fast in der
Ohnmacht fragt sie: „Was . . . was kann ich tun?“ Sie ist außer sich. Sein Auge
schließt sich:
„Denk an mich.“
„Ja.“
Es gelang. Pappeln gigantisch reckten sich vor bleiernem Himmel, Duft der
Syringen lüstern auf die Terrassen gestreckt, sie kam aus Gebüsch. „Traurig?“
„Nein, da du mich liebst.“ Sie beginnt mit den Drähten, arbeitet eine Stunde, es
ist der letzte Plan, in der Pause erschöpft: „Daß du so leidest.“ Er hebt die an
ihren Händen verkrampften Augen: „Leide ich, wenn du mich liebst?“ Sie
beginnt wieder, steif vor Verzweiflung. Sie schafft eine halbe Stunde, Uhren
schlagen, der Haken faßt, es gelingt die Flucht. Ein Gewitter bricht über den
Wagen, weiße geballte Kugel saust überm Himmel. Nun sind sie vereinigt. Sie
haben ein Haus. Fischerboote laufen unter ihrem Fenster, Motore überspielen
delphinisch die Bucht, der Fjord wird größer, schlägt sich auf. Sie sehen sich an.
Wochen, Monate. Sie gibt sich jedem Druck seiner Seele, scheucht das
Gewesene, Trauer fällt ab, Stille umgibt sie. Atmet er ruhig, beglückt sie es,
streift seine Hand sie, fühlt sie sein Glück. Eine Nacht wartet sie auf ihn. Er
kommt nicht, sie wartet die Minuten, Stunden, zählt die tickende Uhr. Am
Morgen erscheint er Sie ruft: „Deine Frau?“ Er winkt ab. Sie ist erledigt, kein
Gedanke streift sie. Aber der Schatten gräbt sich in ihre Seele. Sie übergeht ihn.
Im Unterdrückten wächst er. Sie bekämpft ihn. Sie hat diesen befreit, will ihm
Jahre ersetzen, Glück, das er Jahre erstrebt, bereiten. Aber ihr Herz leidet mit der
Verstoßenen, sieht den Ring im Traum an Claudius Hand vor der Demonstration,
schreit im Schlaf. Sie kann nicht leben auf Kosten der Frau. Aber sein Gesicht ist
heiß, beschwört sie, fordert Liebe. Sie lächelt, gibt ihm aufmerksamer. Doch er
will mehr. Er will das Strömende, nicht das Bewußte. Nicht das gut Gegebene,
will den freiwilligen Akt. Sie sieht auf ihre leeren Hände. Sie hat es nicht,
verstellt sich, macht, als seien sie gefüllt. Allein er sieht ihre leeren Hände,
schreit verzweifelt. Sie hört den Ton, er reißt den Raum weg.
Sie hebt die Lider . . . . — —
Ein Traum erließ ihr, was sie mit Stefan an Partie gespielt, verloren, dasselbe mit Le Beau.
Die feinen samtenen Lider senkten sich über den eisgrauen Blick. Der
schmale ovale Kopf hob sich scharf. Schrieb ein Billet, für den Fall, daß er
käme, sie suche, das ihn zurücktrieb und ihn anfeuerte zugleich. „Du bist elend.
Bin ich glücklich? Suche nach Befriedigung wie ich. Um dich wie um mich
stehen Ungezählte. Der Gedanke, daß wir da sind, hilft uns beiden. Mehr kann
der Einzelne nicht tun.“ Sie packte, fuhr. Ihre Mission, ihr Abschweifung, war zu
Ende. Sie kehrte zurück, der große Schwung riß sie zu sich. Die beiden, die ihr
Blut unvergeßlich zuerst erregt, fielen aus, schieden, sie hatte geirrt, ins Einzelne
sich verwirrt, versagt. Erkannte die magische Grenze der Kraft, die sie
zurückzog. Wollte sich nicht verlieren, konnte nicht, apokalyptischer Hure
gleich, dem, jenem, diesem, Schoß des Mitleids sein, sich verzetteln, sündigen
gegen das Ziel. Sie reckte sich, befreit, jeder Verantwortung ledig gegen ihr
Leben. Die beiden, die ihr Dasein immer gekreuzt, bis in die Tiefe der Demut
durchgelebt ihr Schicksal, stürzten zurück. Was blieb: das Werk. Sie fuhr, stieg
steiler. Saugte sich voll des Horizonts, der perlgrau vor sie sich schmiedete. War
voll Gewinnst bis zum Rand. Trieb über die Nächsten ihres Bluts, die
überwunden, dem Ganzen zu. Wie frei die Bahn vor ihr. Wie geschleudert die
Straße gegen den Himmel hinaufgestreckt. Fuhr auf den Scheitel der Chaussee
hinauf, fast schwingend. Gestrafft in jeder Muskel der Seele. Sicherer wie jede
Sekunde, die sie gelebt. Angezogen auf der Sehne des eigenen Blutes ein Pfeil,
der sich zum Losschwung spannte. Fuhr über den Scheitel der Straße. In der
Senkung blieben die beiden: Wegweiser — — — hin zu den Menschen. Da
standen Tausende.
Sie ließ Minsk, kam mit Empfehlungen nach Kiew, sah Contis Liste nach, traf
die Zentrale, ward nicht abgewiesen, mißtrauisch behandelt, trat in ein offizielles
Büro, sah die Taktiken, kam durch politische Korridors höher, spürte den
Gegenschlag, enträtselte ihn nicht ganz, fiel vor der letzten Erkenntnis, zog eine
Meute Männer, über die sie gesprungen, hinter sich her, verschwand. Bedurfte
nichts weiter, hatte den Kernpunkt nicht, spürte aber die Maschinerie, das
System. Es genügte. Gab es nach Minsk, blieb acht Tage im Südviertel, schaltete
die Organisation nach der offiziellen, verzichtete auf Begleiter. Legte das erste
Hebelwerk, pumpte es entgegen, in der gespanntesten Atmosphäre der Länder,
der verfolgenden, war im Vorsprung, da die Technik die gleiche, Kenntnis der
anderen nur bei ihnen. Glitt die Fäden weiter, wechselte Pässe. Sah in den Listen
nach, machte Abschriften aus Angst, sie zu verlieren, legte die mit Contis
Handschrift in den Safe einer Mittelstadt. Folgte der Linie, Tyska legatione,
Stockholm, in Upsala eine Verschwörung gegen Lund, tastete tiefer, traf den letzten Zirkel der Jungsozialisten, maß die Spannung zu Wallenberg drüben,
Undên, Branting auf der Gegenseite. Tauchte in Genua auf, studierte
Quarantänen, Auswandererbaracken, Krankenhäuser. Erhielt Verstärkung,
Staffetten, Abwechslung der Reviere. Spannte ein Seil nach Minsk.
Vervollständigte die Listen, füllte Skizzen aus. Kaufte ein kleines Haus Rue du
Purgatoire, Genf, aus Holz, vier Zimmer. Setzte Gordon hinein, beobachtete
durch die Zentrale jede Kaserne, jeden Offizier, Stimmung der Eingekleideten,
führte darüber Buch, bohrte, trieb, jagte den Geist, Auflehnung, Umstülpung,
Bessern in jede Lücke. Rue St. Jacques hinter der Sorbonne kontrollierte sich die
Presse, Gerichte, suchte Menschen auf, setzte sie in Stand, sondierte, suchte,
setzte sie ein, entflammte. Fühlte mit neuen Kräften die äußersten Spitzen
radikaler Kräfte ab. Schob Raffaeli vor. Trieb weiter, wo Geistiges verkalkte,
Soziales verfettete, Unehrliches scharfes Ziel verfälschte. Zog die Linie von
hüben und drüben. Sah die Listen nach. Schuf eine Mauer, machte, wurde klar.
Schoß Druckschriften durch die Netze, Löcher der zementenen Mauer, hörte die
Explosion. Sah Bordelle Budapests, Kaschemmen Altonas, Vorhäuser Bergens.
Tabellen, Pläne verquickten sich, es rollte sich mehr rundend ein Ganzes gegen
die Hebel. Kam der Schlag, der schleuderte, fuhr es auf, glitt in die neue Form.
Sauste die Schaukel herunter, flog die andere auf, schmolz die letzte Etappe des
Unglücks, verengte sich die Distanz unter Menschen, erstickte Ungerechtigkeit,
irgendwo war Paradies, weiter. Sah vieles, verstand an den Wurzeln Gutes,
Gemeines — alles fuhr in das Bild, das Conti in der Pupille trug von der Welt,
das sein Hirn dachte: Umschwung der Erde. Traf im Coupé eine Frau, die zu
kreißen begann, gab ihr ein Papier. Ein Mann sprach sie an, schlicht, sachlich,
vornehm, strich über das schwarze Haar, erbat Mittel für eine Mission. Sie
lächelte, das linke Auge schloß sich. Der Mann erbleichte, begriff ein
Überlegenes, ohne daß er verstand. Sie setzte nur auf den großen Schlag, hielt
dicht die Depots zusammen, verbesserte nicht. Wollte ändern. Traf nicht die
Haut, wollte das Herz. Gab nicht verschlampter heuchlerischer Wohltätigkeit
verlogener Gesellschaft einen Sou, tat nichts in verlorenes verspätetes Spiel. Sah
in die Listen. Spürte durch die Zeilen das zischende vulkanische Geräusch
aufsteigender Kräfte. Sie sagten ihr: Wohlfahrt der Massen. Sagten:
Erleichterung der Bürden. Sie horchte: Bildung des Volkes. Verzog den Mund,
höhnisch. Züchtete junges Fleisch, legte nichts mit lächerlicher Gebärde ins
Faule. Ein Mann kam, eine Mütze mit Metallschild funkelte in den Händen. Sie
unterzeichnete ein Papier: Administration des Prisons. Empfing ein Paket, „als
ihr Eigentum bezeichnet“. Öffnete. Es waren die Haare, die Stefan bei der Flucht
in die Berge ihr abschnitt, daß sie einem Jüngling glich. Er trug sie in seinen
Kleidern. Sie kamen zurück. Sie lächelte, nur die Augenecken bebten. Führte die Fäden in ein Netz, legte es in Raffaelis Hand. Zog neue Linien. Vom Grabe Di
Contis drang ungeheure Kraft. Gab Wind in sie, Sturm, nie Pause. Ging in ihre
Sprache, ihre Ordnung, ihren Befehl, ihr Unterwerfen. Sein Geist schnellte von
ihrer Zunge, trieb hoch, erwählte, forderte Unbedingtes — ging in ihrem Bein,
entzündete durch ihr Herz. Bauern starrten blöd auf die Agierende, lachten sich
an breitmäulig, gespalten, gingen heim, vergaßen es nie. Traf mit ihrem Blick ins
Schwankende, vollführte die Entscheidung. Stieß, wie als Kind die Schlange,
Falsches zurück, riß Geeignetes an sich, mit sich hoch. Männer nahmen den
Blick von ihrer Hüfte. Jünglinge gaben sich ihr mit einem Ruck vorbehaltlos:
nimm. Sah die Listen, ließ die Zentren, teilte Kreise, Quadrate, suchte Provinz,
begann Kleines, spritzte Agenten aus aufs Land, schuf Agitatoren, die es nicht
wußten, ließ erkennen, hatte Vertrauensleute, die es nicht ahnten. Warf Summen
in die Siedepole, weißglühende Spannung, Rußland, Indien. Blieb im
Hintergrund, schaffte, verbarg sich, war kleine Agentin, wußte nicht, wann
ereignet es sich, wann gewinnt mein Ziel. Sah in die Listen. Es genügte. Führte
sie. Sie tat das Vermächtnis. Es war genug.
Trat in eine Förderation, die kleine Huren erquickte, ihren Bauch ausruhte.
Raffaeli schob den Mund schief im Bart: „Sie sind eine Frau.“ Sie schüttelte die
Haare, lachend, machte die Ausnahme, stellte sich gegen die Polizei der
Gesinnung, sah das Blödsinnige wohl ihrer Handlung, in diesem Falle
Aussichtslose der Besserung. Tat es dennoch, hatte zu viel hier gesehen, zu sehr
selbst erlebt, konnte nicht warten, bis das Leben sich umdrehte, empfand
Linderung im Gedanken, es werde gelindert. Belog sich, wußte es, sah Raffaeli
an, er senkte das Auge. Sie zwang Vertrauen auch im Traum. Blieb sonst eisig.
Blieb verborgen, Reisende, spanische Tänzerin, Studentin, Dame. Sah die Listen,
folgte der Kurve, sie ging nach aufwärts. Noch nicht die Höhe. Erweiterte das
Einzelne, vervollkommnete, verlängerte. Strich durch, verwarf, erneuerte,
erhöhte. Gründete ein Restaurant Rue Monsieur Le Prince, wo gegen Ausweis
Abgemühte ihres Geistes Essen erhielten. Gab Raffaeli das Schloß, bog den
Rausch des alten Vaudreuil ein in den Sinn ihrer Existenz. Warf die Schatten der
Frauen hinaus. Geschlagene ihres Schlachtfeldes gingen auf den Terrassen. Sie
selbst sah es nie mehr. Studierte die Krankenhäuser großer, kleiner Städte,
machte eine Tabelle, zog eine Gleichung, ward nachdenklich. Machte
Verzeichnisse, wog ab. Gab unter der Boulmichlaterne einem schmalen Dichter
aus Renées Genfer Kabarett zwanzig Francs, traf ihn die Nacht mit Mimis im
Absyntherausch, traf ihn wieder Rue Guijas, schlug ihm Geld ab, gab
Anweisung auf Brot: „Schwärmen Sie, ich bin nicht Pedant. Aber essen Sie,
damit Sie tauchen.“ Raffaeli schluckte, errötete, schloß die Augen zum Schlitz:
„Verzeihen Sie wegen der Förderation.“ Sie schlug einen Kreis um das Grab Di Contis, befreite. Sprach mit einem Sergeanten, ließ ein Haus reinigen, gab es
einem Balten, machte damit eine Kulisse, brachte die Häuser an sich, besiedelte
sie mit seinen Leuten, armen Menschen. Empfing, ließ gehen, erhielt, gab aus.
Reiste, erschien wieder, blitzte auf, verscholl, kam mit neuem Plan, dichtete das
Netz. Hatte einen Reiz auf Menschen, der unwiderstehlich entzündete, gierig
machte, umschlug, die Augen veränderte, das Leben. Tätig machte mit ihr,
fortzog, dienend, hochmütig vor Verantwortung. Reiste nördlich. Zog am
Todestag Contis die Liste heraus. Verglich, zeichnete, ging ans Fenster, sah die
Maste und Schorne steif nebeneinander, ein Wald gereckt. Schloß die Liste.
Legte den Kopf zurück: Fast erreicht, fast erfüllt.
Gab sich der Ruhe hin, Tage, Wochen. Lebte, gab sich preis dem Hafen, dem
ungeheuer Kommenden, Gehenden. Fühlte den Herzschlag des Bodens, Wiegen
des Horizonts. Mit den Schiffen ging sie hinaus, kehrte sie voll zurück. Traf ein
kleines braunes Kind, das die Antennen eines Dampfers visierte, wo die
silbernen Sonnen der drahtlosen Netze blitzten. Nahm es mit, badete es, legte es
zu sich, hörte die Nacht wieder Herzschlag an ihrem. Wachte, ward
nachdenklich, suchte die Gleichung, die Tabellen. Fuhr hinauf über Christiania,
fahles Licht prallte ihr entgegen. Die Schiebetür des Lazaretts tat sich auf. Sie
sprach den Arzt, die Brillengläser standen scharf auf ihr, er prüfte, legte beiseite.
Sie blieb ein paar Tage. Ihr Zimmer stand leer. Andere Pläne umgaben sie,
andere Pflichten. Sie blieb dennoch. Sie war nicht draußen nötig, hatte erfüllt,
was ihre weibliche Kraft konnte: angeschmiegt an die Aufgabe, diese vorwärts
getrieben unhemmbar. Sie kleidete sich um, schritt hinunter zum Saal: „Ist Naga
hier?“ „Nein.“ Am Morgen trat sie in das Zimmer des Zigeuners. Er starrte
schweigend: „Durst.“ Sie brachte Wasser. Er schiffte in die Wanne. Sie schöpfte
sie aus. Grinsend ließ er seinen Darm hinein. Sie legte die Glocke ins Wasser,
sog den Schlauch an, ließ altes Wasser heraus, neues hinein. Er lallte einen
Fluch. Die Zunge gehorchte ihm nicht mehr. Er sprach undeutlich. Sie ging in
Nagas Saal. Daß sie fehlte. Gut . . . wie schön, das Leben heiter und reizvoll zu
nehmen. Der Fiebernde zog an den Lidern. Sie gingen nicht mehr auf.
Dunkelheit immer um ihn. Keine Mutter am Bett. „Deine Mutter?“ „Tot.“ Ihre
Hand auf seiner Stirn . . . er erkannte sie. Licht ging hoch auf seinem Gesicht.
Unruhige Schatten schwankten, wenn sie sie löste.
„Sie . . . da“, des Predigers Auge irrte unstät von ihr zum Fenster. Er sah die
Welt hinter ihr, roch sie in der Luft, die sie noch umgab. Ein Bogen schlug sich
von ihrer Schulter übers Meer: dort die Welt, unmeßbar gepreßt, verführerisch,
sein Schicksal! Haß kam in seine Augen, brannte auf sie. Sie neigte sich zurück:
„Glauben Sie es immer schön . . . leicht?“ Er wollte es nicht hören: „Nur dort
sein.“ Sie lächelte: „Und dann?“ . . . . . . . . . . Weiter. Auf und ab die Räume. Blicke gebannt an ihr . . . . . . die Hitze kam. Der Wind ihres Atems brachte
Ergebung, Ruhe. „Wasser“, sie eilte, kühlte, verband. Wie leicht das Schwerste
zu tragen, stand sie daneben. Welches Glück im Verzweifeln, sah man sie nur
fern. Sie teilte aus, schlichtete, sprach zu, freundlich, unbewegt auch durch
Trotz, Feindschaft prallte ab, ward Neigung. Die große Schwester kam in der
Tür mit ihr zusammen. „Verzeih,“ sagte sie, neigte den Kopf, „daß ich deine
Instrumente einmal beschmutzte.“ „Schon damals verzieh ich.“ Die Schwester
küßte ungeschickt nach ihrer Hand, traf sie nicht, sondern die Klinke. Aus dem
Garten ein Zug . . . ein neuer Kranker, den Blick wie ein Fisch, resigniert ohne
Kampf — — — unmögliches Dasein. Sie stachelte ihn auf, zeigte ihm täglich
das Neue, Buntes, geliebte Landschaft, Bilder von Karussells und Kirmis. Seine
Sehnsucht wuchs, stieg, ward tödlich. Als sie vorbei war, gefestigt in dem
Überwundenen, hatte er Heiterkeit. — — — Sie machte Schaum aus Soda,
Schmierseife, heißem Wasser. Tag auf Tag beginnend mit Schüssel und Schüssel
. . . trotz der Hitze sangen die Matrosen: „Es kommt Gewitter.“ Sie sagte es
zehnmal, jedesmal mit erneut gesteigerter Kraft. In der Unmöglichkeit wuchs der
Glaube nur stärker, verbreitete sich, trat aus. War das Haus eine Kasematte
schmelzenden Bleies in weißer Hitze, lauschten schon halb erquickt die Insassen
dem Regenfall, den sie versprach. Der Glaube der Männer stieg, stand in dem
Raum wie eine Wolke. Der Blick des Predigers traf sie, erstaunt, ohne Haß. „Ich
sollte nicht Kraft haben, zu dulden, wo Sie Ungeheures vermögen?“ Sie schnitt
ihm das Fleisch, legte die Messer hin: „Wie gering ist das alles.“
Nachts beim Füllen des Wassers fiel sie ohnmächtig um neben der Wanne des
Zigeuners. Sie sah auf, erwacht. Die große Schwester drückte ihr ein kaltes
Wasserkissen auf die Brust, schielte mit den Augen zwinkernd nach der Seite,
ein noch nie erblicktes Lächeln um den harten Mund. Der Zigeuner saß in
größter Erregung. Er hatte geschrieen, jetzt beruhigte er sich. Als sie allein mit
ihm war, stammelte er, Sprechens kaum mehr fähig: „Die . . . vorher . . . schlug
mich.“ Er tanzte im Wasser auf und ab. Die Angst, sie zu verlieren, löste ihn. Er
schlug in die Hände: „Bitte . . . bitte . . .“ Dann schwieg er.
Der letzte Sieg. Auch diesen halbverfaulten Kretin, der vor Bösem strotzte,
überwand sie.
In diesem Augenblick fühlte sie verzweifelt, daß etwas fehle. Schwer atmend
ging sie durch den schwülen Raum. Die Luft vor der Küste war
zusammengezogen von silbernen Nebeln. Die Erde, aufgetan, dampfte zarteste
Glut. Sie ging, erschrak, öffnete sich mit maßlosem Entzücken: das Meer. Es lag
hinter dem Schleier, schlug groß und dumpf. Ein Vogel flog auf, stob über den
Boden, setzte sich wieder. Sie erreichte ihn. Er flog zur anderen Seite, wischte
den Nebel zu großen Strudeln. „Rype“, rief sie ihm. Ein Hase mit hell
leuchtendem Pelz. Der Bach geschliffen, stählern. Langsam das Rauschen einer
schwimmenden Otter wie aus der Ferne. Die Gegend ging heller, von seinem
Dunst ins Gespenstische zugezogen. Möven schlugen sich hoch. O Möven. Der
Mond fiel platt auf das Wasser. Dunkelblau gemeißelt stieg das Meer, ungeheuer
gereckt mit metallen gekühlter Wut. Die Möven, hochgerollt, hingen eine
unbewegliche Schlange vor dem Himmel. Alles trug ihren demütigen Sieg ihr
zu. Am höchsten Triumph spürte sie die Lücke. Es genügte nicht. Das Letzte
fehlte. Woher?
Sie hatte Sehnsucht, wußte nicht wohin.
Was Menschliches zu tun war, flammend war es getan. Sie war zufrieden.
Nichts störte ihr Treiben. Im Lallen des leprosen Idioten formte sich glühend ein
Glück. Hatte entsagt dem Eigenen. Nichts Einzelnes sog, lockte, begehrte.
Entwichenes pries nur ihre Unermüdlichkeit. Kein Phantastisches, Gewähntes
verwirrte. Dennoch fehlt das Letzte, stieg das Sehnsüchtige unerträglich. Dreieck
spannte sich aus den Brauen, ihr eisgrauer Blick streifte das Meer.
Ihr Rücken stieß an etwas.
Ein Baum.
Der Saft zog in sie, ihren Leib, die Schenkel, das Herz. Das Meer ward ein
Spiegel, scharf, nebellos: Smaragdene Inseln tauchten aus Fächern der Sonne.
Abends kamen sie ins Freie. „Meer“, schrieen sie. Die Sonne sank blutrot über
Herden neuer Inseln. Phalux. Der Ottava rauschte, Flöße und Feuer. Warum flog
der Körper nicht über das Segel. Tausend Klüver wiegten auf dem Ontario,
schliffen träumerisch den Horizont stahlblau . . . .
Sie senkte die Lider, hielt die Sehnsucht fest im Innern, sie durchdrang sie mit
dem Saft in jeder Pore. Ihr Leib und der Baum hoben sich, ineinandergeflochten,
zum schlankesten Instrument der Sehnsucht. Standen im Traumgrau der
Landschaft aufgerichtet, eine Flöte. Der Klang des Blutes, weich sich hebend,
nur nach Getrenntem gierig, war Schmerz des Rohrs nach der Weide, aus der es
geformt. Wurde tigerhaft, stürzte durch die Gefäße, ein Aufschrei: zurück zur
Heimat.
Der Morgen ging auf.
Ein Segelschiff bootete aus. Sie nahm es. Eine Stadt entschwand. Nebel rollten unter der Sonne. Unter braunen Segeln entschwand glühend das
Kupferbergwerk in die Klippe. Noch einmal standen die Flaggen starr. Dann fraß
das Meer mit einem Ruck das Ganze.
Stand am Schornstein, ging auf Verdeck mit großen raschen Schritten,
schaukelte mit jeder großen Woge, ging hinunter, hinauf, es kam ihr entgegen.
Der magische Pol ihrer Jugend streifte ihr zu, je näher sie rückte. Studierte
Barometer, Karten, die Lotung. Traf Beamte, frug, sah den Kapitän, lächelte.
Wind trug ihr Frische zu. Schaum, vom Bug heraufgeschlagen, legte sich
köstlich auf ihre Haut, Schmelz blühte sie hoch. Abends unter der eingeholten
Fahne kam es: Sie hatte Kraft verbraucht, ihr Leben hingegeben, Stück für Stück
vergeben, gezahlt im Guten wie im Bösen. Die Spannung blieb wohl, die sie
schnellte. Aber erst der Saft der Erde, aus der sie kam, durchdrang sie neu,
strebte ihr entgegen. Kräftigte sie und machte sie schön, glühend, auf langen
Beinen die zarterhaltenen Brüste, der wilde Zug um den demütigen Mund, die
heißen großen Lippen: daß sie die Stärke habe, tätig und unermüdlich wachsend
und handelnd zu warten, Di Contis Vermächtnis erfüllend, daß irgendetwas,
Erdbeben, ein Komet, die faulige Erde (geschminkt zwar und kokottenhaft noch
lächelnd in ihrer Raserei), durchwühle und stürze, daß Schicksal sich balle und
sie selbst zurückkehre, die Maschine zu entfachen in den großen Kreis der Tat,
gespeist aus dem Atem ihrer Jugenderde zu Mut und unentspannbarer Dauer.
Ein Mittag scholl. Klippen. Der Lorenzo. Möven in Spiralen durchwälzten die
Luft. Kanonen brüllten. Der erste Halteplatz kam. Sie raffte die Plaids. Langsam
zählte sie die Koffer, etikettierte, ging über den Steg ins Boot, ans Land. Das
Gepäck häufte sich um sie in der Morgendämmerung, noch grau unter Bäumen.
Ein Park von Wagen scharrte um sie. „Hinweg . . . hinweg —“, ein Diener stieß
sie an, rief einen Namen, rief den Namen, rief ihn dreimal. Hinter ihr
Kommende drückten, kamen vor sie, verdeckten. Da dienerte ein Neger. „Nein.“
Er lutschte die Zunge zurück, steckte die kleinen Finger in die Ohren, wiegte auf
den Beinen. Über ihrer Achsel schwebte etwas, ein Eselmaul schrie, den Hals
hoch neben ihrem Ohr. Etwas fiel vor ihr hin, als klatsche ein nasser Fisch auf
Stein. Sie bückte sich, faßte ihr Paket, sah rasch auf. Ein Schatten blitzte
vorüber. Sofort schloß sie die Augen, griff namenlos entsetzt an die Brust. Es
spielte sich beißend ab unter den geschlossenen Lidern: Ein Mann mit
Lichtkonturen machte eine Bewegung, aber er riß nichts heraus, sondern streifte
die Hand nach ihr, schob etwas in sie hinein. Eine Beglückung durchfuhr sie,
stieg in ihre Haut, in die Warzen der Brust. Sie schwebte. Sein Gesicht war
blond, gescheitelt, das eines Skandinaven, die Figur ihres Traumes, ihrer
Sehnsucht. Ihre Augen hoben sich, es verschwand, das Erhobene, Blutsüße
blieb. Gepäckträger häuften ihre Koffer auf einen Wagen. Sonne stach durch das Grau, brauste mit einer Welle durch die Zweige. Ein Wagen streifte ihre
Schulter, schmiß sie fast um. Sie drehte unter der Gewalt des Stoßes sich um die
Achse. Eine rauhe Stimme brüllte: „Idiot.“ Sie steckte das Paket in die
Manteltasche, wieder blitzte der Schatten, nur ähnlicher, sie erbleichte. Zitternd
hob sie mit der Hand aus der Tasche die drei achatenen Kugeln. Zurück? Sie
dreht sich wild herum. Die Wagen scharren alle, bewegen sich, ein Gewölk unter
den Palmen. Eine Lichtung entsteht.
Da steht darin Caspare Symes. Neben ihm ein Pferd.
Die Kluft ist zu groß — ihr Herz erstarrt — zwischen ihm und ihrem Leben.
Sie hat überwunden, längst. Die unbefangenen Gefühle fehlen zu dem, was im
Menschlichen ihr am erstrebenswertesten schien. Vorbei. Sie zieht den Mund
ein.
Als er den Kopf bewegt, hebt sie die Achseln, ein wenig, zuckend. Sie
schüttelt den Kopf. Nun rast ihr Herz.
Da sieht sie erschreckend, daß sein Gesicht verändert ist. Di Contis Atem
schlägt ihm aus der Haut, sein Geist vom Auge. Seuche, Leidenschaft, Erlebnis
haben ihn geschlossen zu unsterblich menschlicher Schönheit.
Da erkennt sie in ihrer tiefsten Minute plötzlich: Daß dies ihr aufgespart war,
damit sie vor eigenem Glück das Größere, Menschliche erst erfahre. Und da sie
tapfer gekämpft bis auf die Höhe, schlägt der andere Pol ihres Lebens ins
Zentrum, wächst, beglückt, ist da, ist da.
Und da sie nicht enttäuscht und feig vom Dasein kam, sondern durch größte
Bemühung nur der Weisheit näher ein Geringes gekommen, geladen mit Kraft,
gegen die Welt zu stoßen, sie zu ändern und Contis Hebel aufzuschlagen aus
dem nun unfehlbaren Gehäuse, wandte sie ihm, der auf sie zuging, kurz und heiß
die Hand zu:
„Komm.“
Anmerkungen zur Transkription
Die folgenden Korrekturen am Originaltext wurden vorgenommen:
... Marquis ließ Baptiste vorreiten. Er ritt in den Bügel ...
... Marquis ließ Baptiste vorreiten. Er ritt in den Bügeln ...
... Strümpfen kam er, nach Tang riechend, an die Pallisaden ...
... Strümpfen kam er, nach Tang riechend, an die Palisaden ...
... mit Wiesen heruntergespielt zu Fluß. Er sah große ...
... mit Wiesen heruntergespielt zum Fluß. Er sah große ...
... die Spitze des Ereichbaren: das Gespräch brach ...
... die Spitze des Erreichbaren: das Gespräch brach ...
... genaß. In Zackstrahlen von diesem runden Verharrungspunkt ...
... genas. In Zackstrahlen von diesem runden Verharrungspunkt ...
... Ballets, erstaunte sie nichts mehr, es glitt ab. Vorüber ...
... Balletts, erstaunte sie nichts mehr, es glitt ab. Vorüber ...
... übertraf. Sie sah die Welt plötzlich anders. Er ...
... übertraf. Sie sah die Welt plötzlich anders. Es ...
... mit Heiligenbilder vor St. Sulpice. Wohnte Porte ...
... mit Heiligenbildern vor St. Sulpice. Wohnte Porte ...
... Wohnte Rue St. Jaques, die barok vom Panthéon ...
... Wohnte Rue St. Jaques, die barock vom Panthéon ...
... schnellten den Hebel, schoßen für einen Sou die Freimarke ...
... schnellten den Hebel, schossen für einen Sou die Freimarke ...
... Sie stand auf dem Sims, wusch mit Pertoleum ...
... Sie stand auf dem Sims, wusch mit Petroleum ...
... Spiegel mit dem Pistolenschoß in der Mitte. Es ...
... Spiegel mit dem Pistolenschuß in der Mitte. Es ...
... windgestrählten Sonnenblummen trat Stefan. Sie ...
... windgestrählten Sonnenblumen trat Stefan. Sie ...
... Dennoch fehlt das Letztre, stieg das Sehnsüchtige unerträglich. ...
... Dennoch fehlt das Letzte, stieg das Sehnsüchtige unerträglich. ...
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Kasimir Edschmid
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