Die Achatnen Kugeln

Kasimir Edschmid · Kapitel 5 von 7

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Die Achatnen Kugeln

Der dritte Abschnitt

Ein rotbärtiger Mann wartete. Der Vorsteher meldete das Verbot des Zuges.

Der Parlamentarier ließ sich nicht sabotieren, stieg auf den Tender und verlangte

eine Lokomotive. Das Personal machte ihm eine Ovation, fuhr sie heran. Es war

Abend. Er redete von der Feuerung herunter. Dann gab er ganz behutsam Daisy

die Hand, sie stieg herauf, bald waren die Lichter hinter ihnen. Sie fuhren durch

die Provinz. Durch den Süden sprach er von Stadt zu Stadt. Dann kamen sie quer

durch die Bretagne. Ein Telegramm rief ihn von St. Malo zurück. Wieder kamen

Olivenbäume. Jeden Tag liefen rückwärtsgeschleudert erleuchtete Säle mit

Menschenmassen zurück. Er kam aus dem Handdrücken der Komitees direkt in

den Wagen. Sie gab ihm die Hände heraus, er stieg ein. Neue Chausseen

bäumten sich, der Mond schwankte langsam durch die dünnen Alleebäume.

Einmal küßte er ihr die Hand, sie lachte eine Zeitlang über seine Zärtlichkeit. Sie

saß in der ersten Reihe, als in Valence er während des Sprechens die Budjetrede

aus Paris erfuhr und eine wilde Kavalkade dagegen aufmachte. Er aß dann den

ganzen Abend. Unterwegs stieg seine Wut. Abends nahten drei Laternen, sein

Geburtsort Libourne. Seine Vettern erwarteten ihn mit den Weibern, die in

Holzschuhen von einem Bein aufs andere sprangen. Sie staunten sie an, indem

sie sich in den Taillen weit vorneigten, die Arme auf den Rücken schlugen. Er

wurde verlegen, legte ungeschickt den Arm, daß sie fast zusammenbrach, auf

ihre Schulter. Sie lächelte mit den Weibern, nahm sie unter den Arm. Als sie

ihnen ein Schlafzimmer zu zweit anboten, lachte sie, ging hinaus und fuhr ins

Hotel. Die Weiber klatschten auf die Schenkel, grinsten, verhöhnten den Rotbart.

Er ging voll Wut ins Hotel, sie abzuholen, vor ihrem Gesicht begann er die

Hände zu bewegen, als sei sie aus Glas. Er sprach kein Wort. In der

Versammlung stellte er eine Resolution auf, die dem Budjetredner ein Wort ins

Gesicht setzte, das man nur in Libourne verstand. Die Männer stampften wie die

Ochsen und rissen die Mäuler bis gegen das Ohr auf. Sein Cousin Louis trug es

aufs Postamt. Der Beamte weigerte sich. Da holte er den ganzen Saal, sie

steckten die Gartenhütte an, legten ihn auf den Rücken und spritzten ihm aus

einem Winzergummi Schnaps in die Gurgel, bis er es tickte. Am Mittag

schlachtete er ein Schwein. Mit blutigen Armen stand er breitbeinig im Hof, hob

den Kopf und sah sie mit seinen weit auseinanderliegenden Augen an, seine

bloße Brust dampfte. Mittags spät saßen sie im Auto. Er strahlte und wagte sich

zum erstenmal dicht neben sie zu setzen. Sie zog den Mund spitz, hob den

Finger und streckte ihn nach dem Polster auf der anderen Seite. Sofort glitt er

hinüber. In Toulouse zog er den Rock aus im überfüllten Saal, lief auf dem

Podium herum und schrie wie ein Bär, er war fast heiser, sein Publikum raste.

Dem Saaldiener schlug er in guter Laune auf den Rücken, der bekam einen

Hustenanfall, wurde auf drei Stühle gelegt, bekam die Arme gehoben, den Bauch massiert. Sie ärgerte sich und beachtete ihn einen Tag nicht. Sie fuhren nach

Nizza zu einer Kundgebung der italienischen Irredentisten. Da sie nicht mit ihm

sprach, räusperte er sich nach der Uhr jede fünfte Minute. Sie sah hinaus. Die

Bläue spielte um die Äste mit einer Leichtigkeit, als durchdrängen sie sich. Er

benutzte den Augenblick, die Hand herüber auf ihr Knie zu legen. Zornig sah sie

ihn an. Sein schwerer Nacken zog sich ein, die schmalen Augen wurden

ängstlich. Er tat ihr leid, sie griff mit der Faust in seinen Bart, zog ihn von der

einen Seite zur anderen, schüttelte ihn und ließ ihn fahren, er versuchte einen

Griff wie nach einer Magd. Sofort zog er sich in die Ecke zurück, fragte traurig

und kindisch: „Sie haben einen Zug um den Mund, was ist?“ Sie lachte. Er

schüttelte sich vor Behagen und strich den Bart glatt.

Vom Zug kamen sie direkt ins Theater. Ein trentiner Dichter sprach eine

Hymne an das italienische Meer. Der Raum war mit italienischen Flaggen

geschmückt neben den französischen. Der Dichter trat einen Augenblick in die

Loge, den Parlamentarier zu begrüßen. Ihre Blicke kreuzten sich einen Moment.

Doch der Franzose stellte ihn ihr nicht vor. Sie sah einen Schatten von seinem

Auge, als er hinausging. Die Verse langweilten den Parlamentarier, er wurde

müde und schnarchte, aber er mußte bleiben, da er nachher sprach. Daisy stand

auf bei der zweiten Nummer, ging leis hinaus. Sie ging durch das Foyer. Nun

schritt sie gegen einen Spiegel, sah sich, erreichte die Treppe. Als sie den Pelz

um den Hals fester zog an der Tür, trat mit zwei großen, aber langsamen

Schritten der Dichter von dem Pfeiler. Sie nahm seinen Wagen.

Der Frühling stieg mit sehr blauen zarten Morgenstunden aus dem

Luxembourg. An einem Abend, den die Boulevardbäume mit einer blassen

Schwermut trugen, stiegen Ballone aus einem Hoteldach, stiegen mit kleinen

Kerzen und erleuchteten an dem Ende der schwärmerischen Kurve den Himmel

mit ihrem Namenszug. Vor Fontainebleau machte ein Torpedoauto eine ovale

Schleife, ihr Wagen bremste und fuhr in den Graben auf zwei schleifenden

Hinterrädern. Der kleine Spritzer hatte gedreht und verschwand hinter einer

grauen Staubwand. Auf der Chaussee lag ein Strauß Narzissen mit einer

italienischen Schleife. Später fand sie einen Brief darin.

Er kam am Morgen. Selbst sein Parfüm fragte nach ihren Wünschen, die er

erriet, daß es sie bestürzte, denn er brachte ihr keine Geschenke, aber er lauerte

auch auf das Unbewußte jedes Reizes in ihrer Seele. In seinen Arbeiten kam ihr

mit aller Genauigkeit dieser und jener Tag und Gedanke wieder, nur aus der

Frage zum Endgültigen geführt, entgegen. Seine Schöpferkraft sammelte sich in

Verkleidungen um sie, er drang in das Dunkelste und Träumerischste ihres

Lebens und erregte mit der tastenden Verführung seines Geistes. Sein Kopf war

antik-haarlos, die Augen tief und umschattet, aber der Zauber seines Hirns verstrickte mit einer Überlegenheit, selbst wo er bat, daß er sich aufhob. Als sie

ihn nicht empfing, sandte er ihr das Gedicht, das die Adria zur Revolte aufrief,

aus dem Theater in Nizza, um ihr zu zeigen, daß dieser Ehrgeiz und sie das

Verehrungswürdigste seien in seinem Leben. Die Aufrichtigkeit führte sie dicht

zu ihm.

Der französische Staat ließ ihm als Gast Notre Dame allein läuten. Er kam zu

ihr: „Es war keine Schönheit, da du fehltest.“

Er sagte drei Stunden vor Beginn der Premiere ab, denn Daisy lag an Grippe.

Das Telephon rasselte ohne Unterlaß. Er stellte es ab. Vor dem Zimmer stand ein

Boy, der niemand einließ.

„Drei Monate Reklame . . . .“ flüsterte der eine der Direktoren, als sie den Boy

bestochen hatten, im Salon. Er zuckte die Achseln, als sie den Tantiemensatz um

fünf in die Höhe hoben. „Acht“, sagte der andere leis und bebend vor Wut, denn

sein Gegenüber nahm den Finger nicht von der Lippe. Daisy schellte. Er ging

hinein. Sie war aufgewacht: „Gehen Sie doch“. Er machte eine geringschätzige

Gebärde, er sagte ihr, es läge nichts daran, denn diesen Ruhm verachte er, es

gäbe nur jenen einen, der ihn in der Öffentlichkeit reize, und er wies auf das

Gedicht, das sie auf dem Tisch liegen hatte. Er ging leis hinaus, als sie die Augen

schloß.

„Zehne“, sagte der Direktor vom Fenster her, wo er mit den Nägeln das Glas

zum Zittern brachte. Er schüttelte stumm den Kopf. Da bekam der andere einen

Kopf wie ein Puter, der erstickt, hob die Stimme und schrie nach ihm:

„Schieber“.

„Buffone“, er hatte Schaum auf den Lippen. „Marquis de la bouche.“

Mit einer aalglatten Bewegung gab er sofort nach, zog sie auf den Korridor,

besprach sich, sagte zu, vergaß die Beleidigung — denn er fürchtete, daß ihre

Stimmen Daisy weckten.

Gegen Morgen kam er zurück, niedergeschlagen. Sie wagte nicht zu fragen, es

schien eine Niederlage. Sie war frischer, machte Puppen aus den Kissenenden,

schmollte mit ihnen, ließ sie tanzen, lächelte nach der Seite, bis er auf den Knien

lag. Mit dem Frühstück kamen Zeitungen. Sie sah, daß sein Erfolg riesig war. Er

sagte, da sein Blick den ihren nicht traf in der Loge, habe er die Niederlage

gewünscht. Denn ihr Auge allein habe ihm sagen können, daß dieses Rufen

bedeutend für ihn, ja eine Freude sei.

Er saß auf dem gelben Stuhl ohne Lehne und plauderte den Nachmittag mit

ihr, den sie noch lag. Ein Brief kam, er erbrach ihn, biß die Zähne in die

Oberlippe, drehte sich um und schlug die Hände vor das Gesicht.

Sie las den Brief. Er kam bis ans Bett, als die Augen sich trafen, sah sie, wie

er schwankte. In der Tiefe, hinter den goldbraunen Ringen entfernte es sich. Zwei Falten preßten die Augenschlitze gegen die Nase. „Laß packen“, sagte sie.

„Du bist noch krank.“ Sie nickte ein wenig und schellte der Zofe. Er senkte

den Kopf, ging hinaus.

Im Zug schmerzte sie der Rücken bis zum Knie, dann die Arme. Wie sie sich

legte, linderte sie nur die Sekunde. Im Tunnel verlor sich das Fieber, gegen

Mittag kam es heftig zurück. Im Schlafwagen lag sie eine Stunde. Das Decklicht

irrte in blauen Kreisen um sie. Sie setzte sich in die Ecke, in Decken gehüllt.

„Laß dich nicht stören“, sagte sie. Seine Augen waren feucht, kalt nach innen

gerichtet, wo er angespannt sich beschäftigte. Sie nahm eine Zeitung, hielt sie

vor das Gesicht, als lese sie, damit er ihre Schwäche nicht sehe. Er hielt die

Hände nebeneinander und sah durch die dünne Haut auf sie. Die roten

Lichtreflexe machten eine unruhige Zartheit auf ihren Gliedern durch dies

Transparent von rosanem Blut.

Sie kamen bei Regen an. Ein Kommissionär mit schwachsinnigen Augen

umkreiste sie wie ein Hund und fing plötzlich mit den Armen zu drehen und zu

schreien an. Hinten begann eine rasende Musik. Der Regen ward so toll, daß, als

sie auf der Terrasse standen, über den Platz die Herangelaufenen mit

hochgeschlagenen Kragen in die Cafés zurückstürzten. Schwarze Männer

standen auf der Treppe, ein langer Frack warf vom Gaskandelaber den Hut hoch,

knickte die Knie, fuhr hoch, stank aus dem Mund wie ein Fisch. Im Wagen

begann Daisy zu weinen vor Müdigkeit. An der Ecke sah sie die dünne

Erscheinung über den leeren Platz rennen.

Gegen Abend blickte sie vom Balkon, der Nebel erfrischte. Eine Ziegenherde

kam aus der Nebengasse. Ein Radfahrer bog um und fuhr dem Leittier in die

Beine. Es sprang um, jagte auf die Straße. Die Tiere liefen mit geblendeten

Augen an die Häuser. Einige Geiße bockten, liefen irrsinnig im Kreis, warfen

Kinder um, verletzten einen Gendarmen im Gesicht. Der Hirte suchte das

Leittier, sprang durch die Gruppen und pfiff auf dem Fingergelenk. Da nahte

Musik, alles verlief sich Die Musik hielt vor dem Hotel. Daisy ließ sich

auskleiden.

Später drang rote Glut in die Fenster. Als er vom Balkon hereinkam, hob sie

den Kopf aus den Kissen. „Die Unterbeamten“, rief er, schon im Salon. Sie

schloß die Augen unter der Müdigkeit der Schlafpulver. Dann gingen im

Nebenzimmer immer Türen, ein Organ sprach, als gurgle es den Mund voll, das

schläferte ein. Die Türen klappten rascher, die Reden gingen wie ein Bad, es

umplätscherte sie aus der Ferne. Sie hatte Durst, bog den Kopf zur Seite zum

Trinken. Da sauste er vorbei, sie griff nach seiner Hand. „Deputationen“,

flüsterte die Zofe. In der halbgeöffneten Tür, als sie hinausging, stand ein fetter

Herr und verbeugte sich tief mit einem fiesen Lächeln.

Immer ging seine Stimme wie ein Uhrzeiger durch die anderen, die

herumwanderten, leis klangen, bald spitz, manchmal quatschisch schäumten. Sie

bekam Sehnsucht, ihn zu sehen. Sie sah ihn nur im Sprung. Später erwachte sie,

es war Lärm auf der Straße, sie sah in sein überhitztes Gesicht. „Der vierte Zug“,

rief er ihr zu, als er auf den Balkon stürzte. Als er zurückkam, frug sie: „Was war

es“; sie hatte geschlafen in der Zwischenzeit. „Studenten“, stöhnte er. Sie

verstand ihn nicht. „Was wollen sie?“ „Provinzen.“ Sie begriff im Halbschlaf die

Zusammenhänge nicht mehr und schlief sofort ein.

Sie sah in tiefblauen Himmel, gewölbt und fließend wie Glas. Er stand an

ihrem Bett. Sie sah hinunter. Singende irredentistische Vereine zogen zum

Hafen. Der Schlaf hatte sie erholt, sie legte sich herum, um liegen zu bleiben. Er

nahm sie an der Hand, sie stand auf. Beim Anziehen bekam sie Fieber. Sie hielt

ihm den Puls hin. Er fühlte, verfärbte sich ein wenig, dann drehte er sich um. Sie

sah nicht, was vorging. Es dauerte nur kurz. Dann sah er sie fragend an. Sie zog

sich weiter an, eine solche Spannung lag in seinem Blick. Er hob sie hinüber ins

Boot. Die Molen waren schwarz. Auf der Triere ward eine Fahne gelegt. Er trat

darauf. Sie hörte jedes Wort aus dem Theater. Die Schärpen standen grell über

den Hemden wie auf Schilder gelegt. In der weißen Glut platzten die Köpfe fast.

Sie standen wie Zinkknöpfe, heiß und schwitzend. Um sie herum lagen Schiffe

mit Tribünen, von denen die Photos unaufhörlich knackten. Ein amerikanisches

Boot suchte ständig die Sperre zu durchfahren. Die Menge wartete, bis die

Glocken den Berg herunterkamen. Dann schaukelten Tücher über dem Schwarz.

Eine Brandung erhob sich am Ufer. Aus Marmor stieg ein Adler von der Klippe.

Eine dumpfe Salve knatterte hinter der Halbinsel. Dann sprach er jene mystische

Revolte, hatte die Hände gegen die Brust gestemmt, die Beine eine kleine

Spanne auseinander. Auf seinem Kopf lag eine Entschlossenheit der Wollust, als

wiege sein Hirn sich in dem Gedanken, den er mit großen Rhythmen durchmaß.

Unter seinen Sätzen aber, die ihm die Höhe seines Lebens waren, kam aus der

Tiefe des Meeres der Glanz langsam herauf. Aber wie er schloß, überkam sie

eine sinnlose Traurigkeit, sie fiel fast zusammen.

Das Meer schäumte ein wenig, als sie zurückfuhren. So lange sie fuhren,

streichelte er unter dem Mantel ihre Hand. Sie ging sofort in ihr Zimmer, schloß

ab, kleidete sich aus. Dann sprang sie heraus, ließ sich anders anziehen, legte

sich auf den Rücken. Im Nebenzimmer telephonierte er nach dem Arzt. Er

verlangte Rom, einen Spezialisten, rief Summen ins Telephon, trommelte an ihre

Tür. „Öffnen Sie“, sagte sie der Zofe. Im Halbdunkel beugte er sich über das

Bett. Sie brachte den Blick nicht gegen seinen zum Fixieren. „Welches

Unglück“, stöhnte er. Er fluchte, verwünschte den Tag, maß sich die Schuld zu,

daß sie hierher gefolgt, aufs Meer gekommen. Sie lächelte. Das Telephon rief ihn hinaus. Im Dämmern sah sie auf dem Tisch etwas Helles. Es mußte vom Mittag

liegen. „Schließen Sie“, sagte sie der Zofe. Sie machte das Telegramm auf, las,

bückte sich, krümmte sich wie eine Katze.

Er klopfte an die Tür. Er rief durch das Schlüsselloch, er störe sie nicht, nur

bitte er, daß sie den Arzt empfange, wenn er komme. Dann ward es still. Später

kam er noch einmal, sie hörte ihn hin und hergehen, sein Schritt war beängstend

leis, verhalten.

Nur sie habe Sinn für ihn, murmelte er. Er sprach lange mit sich, die Portiere

dämpfte es. Auf dem Tisch stand sein Bild. Daisy sprang auf. „Der Arzt“, schrie

es im Gang, im Nebenzimmer flog das Fenster auf, sie hörte einen

stehenbleibenden Motor. Sie nahm eine Nadel, zielte dreimal nach dem Bild,

steckte sie rasch in ihr Haar, sie kam durch ihre Tür zum Korridor, durch die

zweite Treppe auf den Gang, dann in das Vestibül. Sie fuhr über Mailand nach

Turin. Dann nach Lyon. Das Fieber ließ nach, sobald sie härtere Luft atmete, in

einer Stunde war es vorbei. Von da fuhr sie bis Calais. Mit dem Fünf-Uhr-

Dampfer kam Syg. Sie schritt mit dem Tuch, ohne aufzuhören, winkend über

den Steg auf sie zu.

 

Der Mond flog, ein Vogel, durch den Apfelbaum; Die Syringen hingen schwer

und rot über den Kies; Über den Hyazinthen strudelte die Luft in einer

Kupferfäule. Zwischen den Zweigen des Gebüschs fing das Dunkel erst an und

bebte. Bienen stürzten in die Höhe und von ihren übervollen Poren schaukelten

hochgetragene Blüten langsam und taumelnd in das Wasser zurück. Die

tiefgesenkten Gartenfenster brachen mit runden Quecksilberbogen aus den

Säulen heraus. Die magische Tiefe des Glases blätterte sich nach innen in den

schimmernden Kreisen und sog den Kiesweg mit den Tulpen in einer Spirale

hoch und in sich auf. Aus der Gartenhütte taumelte ein Gegenstand mit

unheimlichem Schütteln, schlug wild gegen den Apfelbaum, kam in den

Mondschein, torkelte in ihm über die Wiese nach einer Maus. Dann hielt er,

verdrehte die Augen, schrie „Do . . . go — — go. Dogo . . .“, schnurrte und

steckte den Schnabel zwischen die Flügel. Der Mond, wie ein unsichtbar

geschlagenes Schild, war weiß von Metall, zitterte durch den Himmel.

Dies alles brachte ihr die Heimat nahe, wenn sie Sygs Hand hielt. Sie gingen

angeschmiegt durch den blauen Dunst der angefachten Nacht. Aber es trug sie

nicht hinüber, sie hatte nur Abwehr. Die Unruhe war gewichen, sobald sie Syg

sah und spürte. Dies aber, dachte sie im Bett, was sie froh machte, war nur die

Gegenwart der Schwester, Sygs Figur und Stimme, vor deren naher Gewalt das

Gelebte zurückfiel. Sie empfand Ruhe und Stille. Sie empfand sogar in

Vaudreuils Grüßen das geheime Suchen und Fragen, aber sie war so sicher, daß sie sie unbefangen zurückgab.

Elfmal schlug die Uhr, dünn und silbern. Der Ton ging hinaus, wo der Glanz

nicht nachließ. Syg konnte nicht schlafen, legte sich herum. Sie lächelten sich in

das Gesicht. Der große helle Raum stand voll Mondstaub. Vor dem Fenster

schwankten Weidengerten auf und nieder, obwohl kein Wind ging, wie der

bebende Rücken eines Tieres. Nun begannen im Boudoir die Silbersachen zu

leuchten, die Bettseide wurde ein Netz von zartestem Weiß, nun stand der Mond

mitten im Rahmenkreuz und durchstieß gelb und flutend das Fenster.

Daisy richtete sich auf, als lausche sie: „Und Well?“ frug sie und horchte

hinterher . . . „und Well? . . .“ Syg sprang aus dem Bett. Der Balkon war mit

wogendem Lichtnebel über den Kletterrosen zugezogen. Die Nacht wurde

immer wärmer und durchsichtiger, schon traten die Figuren vor der hintersten

Hecke deutlich heraus. „O“, flüsterte Syg und führte die flache Hand über das

Geländer. Stück auf Stück der Jugend gaben sie sich in die Hände, hinüber,

herüber wie Bälle, und spielten sie sich zu . . . die Bäume, die Gouvernante, die

vertrocknete Fischkugel, den Ameisenbau. Wie sich die kleinen Dinge, deren

zärtliche Erinnerung sie am sorgfältigsten erfüllte, aus ihrer Erinnerung hoben,

schmolz sie das Gefühl zusammen, daß die Jahre hinaustraten zwischen ihnen

. . . Tage flogen auf und hoben sich in sanften Farben wie aus Strohhalmen

abgesandte Kugeln und schwammen in den Garten hinein. Im Scheitel der Nacht

hing der Mond fröstelnd und starr.

Die Uhr schlug. Vögel sangen, den Kopf noch an der Brust, in das wollüstige

Grauen. Das Gras begann zu leben, und der Tau glühte mit einer hingegebenen

Leidenschaft an der Erde. Daisy bog sich aus ihrem Bett über Sygs klares

Gesicht. Sie empfand, daß ihr Kopf wie ein Spiegel denselben Ausdruck trage.

Sie empfand das Glück dieser Gegenwart mit einem berückenden Gefühl.

„Wie lange hattest du Fieber, Syg?“

„Acht Wochen.“

„Arme, doch wirst du in Firenze nichts tun wie liegen und blaue Luft atmen.“

Sie legte den Kopf an Sygs Brust und liebkoste sie mit der Wange, denn die

Erinnerung der Schmerzen, die Syg gelitten, quälte sie in dieser Stunde der

Seligkeit mehr, als sei es ein eigenes Leid.

Die Uhr schlug. Syg gähnte; zog die Beine herauf und schüttelte die Locken,

reckte die Arme. Sie war zu faul zum Aufstehen. Sie schellten nach dem

Frühstück. Die Zofe brachte es zuerst Daisy an die linke Seite des mit breiten

Stäben gegliederten Messingbettes. Sie wies nach Syg. Das Mädchen sah

verwirrt von einer zur anderen. Sygs blaues Haar wallte um das ovale Gesicht,

sie hatte das Kinn auf die Hand gestützt. Sie sah mit den Augen, die tief und

wundervoll ausgeschnitten und mit leidenschaftlichen Schatten befiedert waren, dem Mädchen zu. In ihrem Weiß lag ein violetter Schimmer.

Sie wurden ohne Pause verwechselt. Die Bonnen kannten sich nicht aus. Der

Kutscher stammelte. Ärgerlich rief Daisy: Pha . . . lux . . . Freunde vertauschten

sie. Aber dies band sie nun erst aneinander, denn in jenem Wechseln der Körper

und Erscheinung fühlten sie hingegebener die Harmonie. Sie lachten sich an vor

dem Spiegel. Sie zogen sich verschieden an, machten sich unähnlich.

Syg trug die Haare hoch um einen dreigezackten Pfeil, Daisy zog sie unter

einer Perle, die über der Stirn lag, halb über die Ohren und scheitelte den Kopf.

Syg trug dunkle Seide. Daisy ging ganz weiß, der Wind schmiegte sich in die

kleinen Blumen des Battists und der Boa.

Umsonst.

Sie tauschten den Puder, die Korsetts, die Rotstifte. Syg blaßte ab wie ein

Pierrot. Daisy ging mit anmutig erhellten Wangen. Doch wie sie sich bemühten,

stieg die Verwirrung. Da gaben sie nach, Syg hatte eine Grimasse, sie tauschten

die Rollen.

„Sie baten mich, die Kette zu besorgen“, sagte ein junger Kanadier, reichte

Daisy ein Etui.

„Es war meine Schwester“, sagte sie. Sie trug ein silbriges Abendkleid mit

Schwarz, ging hinaus, Syg zu rufen.

Sie kam zurück mit Goldpuder und einem roten Samt. Er überreichte es ihr.

Sie dankte. Die Tür ging auf. Syg kam in einem blauen Schneiderkleid wie von

der Straße, gab ihm die Hand und frug: „Haben Sie meine, Kette, John?“

Verblüfft sprang der junge Mann auf: „Haben Sie noch eine Schwester und

wel . . .“ Syg klatschte in die Hände, nahm ihn bei den Ohren, schenkte einen

Kognak ein.

Jeden Tag schob Syg die Abreise hinaus, jeden Morgen freute sich Daisy und

jeden Abend litt ihr Gefühl, das um Syg Sorge trug und doch nicht vermochte,

sich von ihr zu trennen. Die Tage gingen wie ein blauer Mond nach dem anderen

am Fenster vorüber, und Dogo saß in jedem, auf dem Zweig des Faulbaums sich

schaukelnd.

Fribaurt rief an auf der Durchreise, Syg nahm den Hörer. Er kam nach einer

halben Stunde. Daisy empfing ihn. Er sah ihr von unten in die Augen, und da er

ein geschärftes Ohr hatte für das herbere in Sygs Organ, frug er, den Rücken

weich, hündisch, biegend: „Wozu die Komödie?“ Sie gingen auf die Veranda.

Sie hob den Finger an die Lippen.

Unter ihnen stand Syg, vor ihr ein junger, schlanker Gärtner. Sie tollte und

sprang um ihn herum, verzog das Gesicht, schüttelte den Kopf. Sie frug ihn, er

sagte etwas. Sie preßte die Hände in die Hüften, daß die Ellenbogen nach

auswärts standen und lachte. Ihre Bewegungen waren in diesem Augenblick ganz unerlöst und kindlich. Dann frug sie wieder. Er sagte einen slawischen

Namen und zischte. Sie schüttelte den Kopf und lachte noch heller. Sie faßte ihn

unter dem Kinn, richtete sein Auge nach ihrem (denn er schlug es nieder) und

horchte angespannt, dabei bewegte sie die Nüstern in Spott.

Er errötete, dann schrie er mit voller Stimme: „Zsigis“. Syg blieb ganz ernst,

hob die Hand, fuhr ihm die Grenze der Stirn entlang, sagte ihm etwas ins Ohr

und ging lachend die Treppen zur Veranda hinauf. Oben blieb sie stehen: „Pony“

. . . rief sie. Er hielt an, wandte sich um, errötete und blickte hinauf. Dann wurde

er ganz blaß. Sie winkte. Er ging.

„Warum nennst du ihn Pony?“

„Wegen der Haare.“ Auch ihre Locken hingen gefächert in die Stirn.

Daisy preßte plötzlich die Hände fest zusammen: „Fribaurt fährt Donnerstag

nach Italien . . .“ Sie stockte. Mit einem seltsamen und nie gesehenen Ausdruck

sah Syg an Fribaurt hinauf und wieder herab, zuckte kaum deutlich die

Schultern. Aber Fribaurt, der stark nach einem süßen Wasser roch, sah es nicht,

denn sein Blick folgte dem Gärtner, der in den Büschen verschwand.

Aber Daisy vergaß den Ausdruck nicht, mit dem Syg den anderen angesehen.

Sie blieb den ganzen Tag dicht neben ihr, als ob schon die Entfernung eines

Zimmers, der Raum einer Wand sie trenne.

„Ich danke, daß du bleibst“, sagte sie stockend, als sie in den breiten

Mondstrom hineingingen. Sie kamen dreimal um das Bassin, dessen Rotunde in

Marmor glühte. Das Gras war blau und Dogo hing in einem Kreis von

Fächerschatten. Als sie um die Hecken bogen, stand der Mondschein gezackt als

Segel über dem Garten, der unter ihren Füßen schwebte.

„O“, sagte Syg mit plötzlich ganz erhelltem Gesicht, „ich freue mich, daß du

dies sagst.“, Sie gingen hinein, Daisy stumm vor dem Glücksgefühl, das diese

Antwort ihr gab. Aber auf der Treppe zögerte ihr Fuß. Sie spürte, wie unrecht es

sei, daß auch ihr Wunsch nur Syg halte. Aber sie sagte nichts.

Am nächsten Tag fuhr Syg im Métro zur Etoile, besuchte eine Dame in der

Avenue Wagram, schloß das Tor, fuhr zur Seine, stieg an der Madeleine aus und

suchte zur Oper zu ein Geschäft. Sie sah in ein vorübergleitendes Auto. Ein Herr

sprang heraus, in höchster Erregung auf sie einsprechend, sie sah seinen Bart

zittern, die Leute blieben stehen, als er schrie. Sie nahm ihr kleines Stilet,

drängte ihn bis an den Rand, er sprang in sein Auto, verdeckte das Gesicht. Sie

sah um. Ein Photograph knipste und kurbelte neben ihr. Ein Herr mit einem

Notizbuch zog den Hut. Sie machte eine rasche gewandte Bewegung, glitt

zwischen dem Haufen durch, mitten in ein Orchester, das vor dem Café

konzertierte. Sie saß eine halbe Stunde vor einem Whisky. Dann fuhr sie heim.

Zwei Tage sprach sie kein Wort über den Vorfall. Sie lebte neben Daisy. Aber die Worte, die sie gehört und die nicht ihr galten, sondern Daisys Leben

herausrissen aus Stunden, die sie nicht ahnte, entfielen ihr nicht. Nachts setzte

sie sich neben Daisys Bett und sah sie stumm an. Aber die Worte spannten sich

zwischen sie und die Schwester und trieben sie auseinander. Sie vermochte nicht

mehr, den Blick unbefangen auf Daisy zu heften.

„Du hustest?“ frug Daisy und fuhr aus dem Schlaf.

Syg schüttelte den Kopf. Daisy preßte die Lippen, als die Schwester schlief.

Sie fühlte, wie die Unbefangenheit riß, die Ruhe wankte, sie bangte um die

Schwester und wagte nichts zu sagen, denn sie fürchtete, daß dann das Helle aus

dem Himmel falle und die Kraft daraus lösche. Sie lag lange wach. Plötzlich

öffnete Syg die Augen, schloß sie wieder. Mittwoch Nacht sagte sie, daß sie

reise. Daisy sagte kein Wort. Sie gingen nebeneinander durch den Garten, als sie

fuhr. Zwischen den Winden und Bohnen stand mit hohen, schlanken Beinen der

Gärtner. Sie stiegen ein.

Die Räder rollten.

Sie fuhr zurück.

Eine schmutzige Faust reckte sich in ihren Wagen. Sie nahm die Zeitung. Der

Wagen stockte im Lauf eine Sekunde. Sie gab den Sou. Wieder spannten die

Motore sich an. Sie las, ihre Lippen verzerrten sich. Sie verstand zum erstenmal.

Ein maßloser Schreck, dann Zorn verdeckten ihr die Augen. Ekel schüttelte sie,

daß sie die eine Hand mit der anderen festhielt und geschlossenen Auges zurück

sich warf in das Polster. — Sie sah die Karikaturen auf den Parlamentarier, sah

die Photos, die die Kinos von seinem Überfall her spielten, sie begriff die

Verwechslung . . . die Folies Bergères trugen die Nummer in ihrer Revue. In der

Ecke unten unflätige Telegramme, die er aus der Provinz, wohin er vor dem

Skandal geflohen, gedrahtet. Sie biß auf den Daumen vor Schmerz, der Wagen

rauschte in den Garten.

Sie saß auf der Diele. Das tiefe Fenster hinaus nach dem Bassin lag wie ein

niedergelassener Vorhang. In der Tiefe des Gartens stand Pony und arbeitete.

Seine Beine und seine trainierte Brust wiegten mit den elastischen Ruten der

Büsche und Stauden. Der Abendnebel flammte den Geruch der Erde rötlich um

seine Hüften hinauf.

Sie warf die Hände gegen die Brust und empfand zum erstenmal, wie sie,

gleich einem verlassenen Tier, allein sei. Sygs Zug glitt irgendwo in die

Dämmerung und aus ihrem Leben. Sie blieb zurück, um eine Lüge beraubt, die

sie sich vorgeredet jede Sekunde des Daseins und der Gegenwart der Schwester.

Sie fröstelte. Jugend und Heimat fielen an ihr nieder, hart, als klirrten Ringe auf

der Diele. Woran ihr Herz (sei es auch nur wie ein Traum) und unwissentlich

trotz des Hasses gehangen, nun lag es nackt verschwunden. Mit kaltem Grauen empfand sie die Einsamkeit, aus der die zarten Gefühle weggeschwungen.

Einsamer und verzweifelter schluchzte sie auf als jede Stunde, die sie gelebt.

Es kam ihr, wie lind es sei, wenn sie weinen könne. Aber sie konnte es nicht.

Es genügte noch nicht.

Sie fühlte sich frei und verantwortungslos mit einem Male. Aus der Tiefe des

Blutes kam ein Strom, der sie zu einer Unbedingtheit zwang, deren zügelloses.

Streifen sie zu Gelöstheit erhob, die den Atem benahm. Die Lippen bebten

übereinander. Nichts hielt sie, bedingte ihr Tun, gab Verantwortung für ihre

Handlung. Mit einer zerstörerischen Wollust empfand sie ihr Ausgestoßensein,

das ihr eine Kühnheit verlieh, die sie fast berauscht empfand. Nun trat Pony aus

dem Dampf ins Helle. Sie begann zu winken. Das Fenster lag wie eine

aufgeschlagene Terrasse in dem Garten. Tritte schlichen herauf. Dogo schrie in

seinem Ring und stieß die Flügel gegen die Wand, als zerbräche er Glas. Sie

stand auf.

 

Zwischen dem dritten und vierten Tanz hob die Kleine, die zwischen den

Stühlen schaukelte, stehend die Hand nach der Seite. Daisy ging hinüber. In der

Toilette brannte eine weiße Flamme. Sie hob den Schleier, zog Rot über die

Lippen. Im Spiegel sah sie die zögernd Eintretende. Ihre Augen trafen sich in

dem Glas. In dem Gesicht der Tänzerin ging ein Schreck auf, sie flüsterte etwas

und glitt zurück. Daisy ging zu Léons Tisch hinaus. Beim Hinausgehen fragte sie

den Kabarettportier nach ihrem Namen. Sie bestellte sie in das Hotel. Sie kam

und bat, zart wie eine Libelle, daß Daisy ihr den Mann nicht nehme. Sie sah

zitternd auf den gefalteten wollüstigen Mund der Frau vor ihr. Daisy nickte

gleichmütig, prüfte sie mit einem Blick, schenkte ihr Strümpfe, Hosen, Dessous.

Oft, wenn sie abends frei war, kam Renée herauf, ein Band umgab sie. Bald

hatten sie kein Geheimnis. Daisy wußte jede Bewegung des Attachés, seine

Lieblingsworte, seine geheimen Sätze, aber es reizte sie nicht. Sie fuhr mit Léon

baden, sie stieg in das Wasser, das ihren Körper aufsog; ihre Haut aus dem

Wasser heraus selbst trübte ihm die Augen vor Erregung. Auf der Rückfahrt

suchte seine Hand nach ihrer. „Das andere Ufer“, kommandierte sie, er mußte

wenden. Sie ging am Abend mit Renée in den Florissant.

Zwischen orangenen Lampions drehten Matrosen und Mädchen. Als ihre

Hüfte unter den anderen erschien und in der abendlichen Dämmerung in die

Tanzschleife wogte, umgab sie Gedränge, Blicke, Augen. Ein großer Steuermann

von der savoyischen Linie faßte sie, brach die Finger fast an ihren Korsettstäben.

Sie tanzte mit starrem Blick, ihr Zofenkleid machte sie noch herber, sie bog in

den Vorsaal. Er taumelte, fiel in das Knie, schäumte, erhob sich, sie führte, sie

schwindelten, sie tanzten in den Garten. Er konnte sich nicht helfen und stammelte Flüche. Sein Kopf fiel auf ihre Schulter und er schlug sie auf den

Arm. Sie ließ nicht nach, bis sie langsam mit zitternden Knien hineinging in den

Dampf, der Mann besinnungslos auf dem Kiesbeet lag. — Ein Kolonialoffizier

erschoß sich, einen Ring von ihr auf der Brust, durch den er die Kugel gesandt

hatte. Kam sie mit hochroten Lippen durch die Rue du Purgatoire, ward der See

eine Tönung blässer, der Montblanc steiler am Horizont. Die Augen der Männer

wanderten ruhelos nach ihr. Verkleidet im Mannskostüm bei einem Ball jeute sie

im Kursaal, trat hinaus vor die Schnüre von Lichtern, die die Fassade umlohten,

ihr Blick tauchte in den eines ganz jungen Studenten, er fuhr sie hinaus. Ihre

langgeformten Knie, die eine wundervolle Sehnsucht in seine Seele zeichneten,

verzückten ihn, daß er ins Wasser sprang und am Ufer schreiend davonlief. Sie

ging mit zwei weißen Windhunden durch die Palmgefieder des Parc des Eaux

Vives. Sie blieb stehen, kehrte langsam um. Auf einer Bank saßen Léon und

Renée. Ein Zug seines Mundes erinnerte sie den Abend lang an Pony.

Sie fuhr zu ihm. Er hatte den Garten, den sie ihm geschenkt, geschnitten,

begossen, bestellt. Ihren Namen mit Ranunkeln gesetzt, in die vier Bäume des

Eingangs geschnitten. Auf der Höhe des Belchens ihr Wappen mit Steinen

zusammengesetzt. All seine einsamen Tage erstanden als Monument seiner

Liebe. Hinter dem Strohdach sank die Vogesennacht feucht und traurig. Sie

stiegen hinunter am Morgen. Kuheuter und Wiesen rochen unter dem roten

Mond, über dem Rhein lagen die Schwarzwaldtage mit silbernen Wolken. Über

den Grat der Vogesen rollte die purpurne Kugel groß und träg.

„Hast du die Harmonika?“ Er nickte. Nur ein scheuer Blick nach

aufflatternden Vögeln zeigte, daß er Sehnsucht hatte. „Ich schreibe deiner

Schwester“, sagte sie am Morgen. Sie arrangierte ihren Hutkauf, sogar eine

Stelle und nahm ihm mit einem Brief die große Sorge. Aus den Weinbergen

glühte blau die Sonne. Sie lockte unter seinem Fenster. Als er in die Hecke ihr

nachstieg, ließ sie seine Lippen ihn aufmachen und legte ihm seidenschwarze

Brombeeren eine nach der anderen in den Mund, der feucht und schmal und rot

war. Seine Tierischkeit, die die einfältigen schönen Formen der Natur edel

befolgte, gab ihr jeden Tag das Neue. Ringe kamen, Nadeln für ihn. Er spiegelte

sich im Rücken seines Zigarettenetuis.

Er erbrach sich nachdem er zu viel gefressen. Sie saß an seinem Bett, er

fürchtete sich vor dem Unbekannten, das ihm Leiden brachte, verehrte sie wie

eine Mutter, indem seine Seele zum Schutz dicht an ihre sich schmiegte. Er tollte

in die Gesundung, riß den Schwanz der Hühner aus, saß auf den Bäumen, ward

traurig am Abend, wusch sich nicht, roch nach Schweiß und Erde, sie fand ihn

schöner als je.

Sie bekam Sehnsucht nach Wasser, als nach einem Gewitter ein Bach neben dem Haus herabstürzte. Sie fuhren zurück, zusammen diesmal. Neben ihr

zwischen den Hunden schritt Pony in weißen Hosen und Schuhen durch die Rue

du Rhône. Er blieb am Geländer stehen, schaute träumerisch in den tiefblauen

Schuß, der aus der Brücke kam, die Insel umrahmte und überschwungen blieb

von unwahrscheinlichen Schwanenherden. Sie pfiff durch die Zähne. Zwei

Passanten blieben stehen, sahen nach. An der Brücke flog eine Autotür auf, ein

Herr, indem er die Kurve nahm, als sause eine Kugel in einer gebogenen

Schiene, starrte sie an. — Auf dem Balkon saß Renée im Lederstuhl, die Knie

hochgezogen. Ihre Atropinaugen, tief untermalt, glänzten einen milden Schein,

sie starrte auf Pony, flog darauf Daisy an den Hals. Der Abend schoß durch die

Platanen. Renée legte die Gabel hin, kniff ein Fünffrancstück ins Auge, legte

dem Kellner den Absynthstrohhalm über das Ohr und breitete die Arme aus.

Pony sah auf das Wasser. Die Küste wich zurück. Schwärmerische Raketen

überwanderten den immer neu geäderten Himmel. Ein Konzertstück wie eine

rosa Wolke lag mitten im See. Auf den Fußspitzen wiegte Renée erwartend den

ganzen Körper langsam über die Lehne, blieb einige Minuten von einem

unaufhörlichen Zittern durchflossen. Plötzlich wühlte sie den Bauch in den

Mondschein, bebte in der Wage der Hüften in einer pfeilschnellen Schwingung,

tauchte aus dem Licht, fuhr mit einer kreisenden tollen überschwingenden Eile

wieder hinein — dann kamen die Lenden in ein glücklicheres beruhigtes

Schweifen, die Muskeln des Leibes ebbten zurück und wurden spiegelglatt, fast

ohne Atmung. Sie tanzte nur noch mit den Knien, die den Körper in einem fast

gläsernen Taumel ertrugen. Die Hüften malten sich unbeweglich und zart in die

Schatten. Nur der Rock rauschte, Daisy preßte dagegen, sie schwangen atemlos,

ihre Leiber bedeckten sich, sie küßten sich — „Warum brachtest du mich her?“

frug Pony schauernd in ihrem Arm die Nacht. Sie lachte: „Reizt es dich nicht zu

größerer Liebe?“ Sie zog ihn auf ihren Mund: „Pony.“ Er schloß die Augen.

Eines Nachts brachte sie von den Anlegeplätzen vor Versoix Jérôme mit, im

Sweater ohne Kragen und Ärmel. Selbst wenn er flüsterte, war seine Stimme

rauh und biß sich durch die Dunkelheit. Im Zimmer nebenan lag Pony, die Wand

war so dünn, daß das Geräusch einer Fliege im einen Raum im anderen noch

lauter scholl. Sie legte die Kleider langsam ab. Am anderen Tag mußte Jérôme

sie rudern, hinaus, zurück, in die Rhône, um die Insel, dann immer um ihr Haus.

Eine Kette von Schwänen verfolgte das Boot, ihre Weiße verblich am Abend

mählich der Blässe ihrer schimmernden Haut. Sie sah immer auf Jérômes

Nacken, wo die braunen Halsmuskeln wie Fächer zusammenschnellten. Abends

ging sie einsam und allein nach Haus. Die Schwäne geleiteten sie noch eine

Weile in der Dunkelheit am Ufer. Als Léon von der Gesandtschaft in Bern

zurückkam, lag er verzweifelt im Boot vor ihr, berührte ihre Hände, ihre Schuhe. Sie schüttelte den Kopf. Sogar das Wasser erhielt eine Feierlichkeit und

schäumte leicht in dunkler Erregung, wie sie mit langen braunen Beinen immer

tiefer hineinstieg. Auf der Terrasse des Café du Nord ballte Léon die Hände und

hörte auf zu atmen nach seiner Frage. Sie ging hinweg über Pony, schaute ihn

einen Augenblick an, die Bernsteinkörper in seinen Augen ihr gegenüber

erstarrten, sie ließ eine Sekunde schweben, dann sagte sie auf sein Drängen, wie

er es wage, mit ihr zu reden, habe er doch Renée. Ihr Hochmut ließ ihn bei

diesem Namen eine Bewegung machen, als lege er dies nebenhin als ohne

Gewicht für sein Leben. Sie zeigte nichts, aber er strich sich damit aus ihrem

Dasein. Aber Renées Geschrei machte sie müde am anderen Tage, denn sie tobte

in ihren Zimmern, weil sie Léon liebte. Die Zarte irrte wie ein Vogel auf den

Balkon gegen das Blaue und zurück in das Zimmer. Daisy sah sie lange an. Sie

sagte kein Wort, gab ihr Geld und zwei Koffer. Am Abend ging sie zum Zug.

Renée weinte gerührt an ihrem Hals. Als der Zug weg war, sah sie einen

Männerschatten am Bahnhofeingang, sie nickte mit dem Kopf. Zu sich selbst.

Léon griff sie stürmischer an, befreiter, beim Segeln, auf den Quais. Sie

bedeutete ihn ruhig, daß das Opfer, mit dem er sich brüste, ihr nichts bedeute,

denn es sei eine Selbstverständlichkeit und ohne die kleinste Verpflichtung für

sie. Sie kam mit Pony wieder und den Hunden am Abend die Anlage her, als die

Rhône sanft, tiefblau vorüberströmte, schon die Dämmerung aufnehmend,

während ihr Anfang noch biegsam und stählern mit den Schneebergen glühte.

Léon flehte sie an, Pony zu verlassen.

„Gab ich nicht Renée?“ Es verstörte sie eine Sekunde, an die Tänzerin zu

denken. Doch glitt es schon weiter, hinter sie. Sie zog die Augen an, daß sie

schräg standen.

Am Morgen war sie verreist. Enttäuscht von der Brust eines glatten Fischers

kam sie von Beaurivage. Der Morgen fiel prall und von seraphischer Bläue in

die Schwebe getragen auf den weißen Ufersand. Erstaunt sah sie Genf wieder

auftauchen. In der Betäubung des irrsinnigen Suchens fiel Gelebtes sofort hinter

sie, Leidenschaften verschwammen wie nie geatmet nach Tagen. Die Landschaft

der Woche vorher, das Haus, ihre Gedanken prallten schon im Wesenlosen. Als

Léon, die Hand am Steuer, den Großschot in der anderen seilend, in ekstatisch

erhellter Nacht, in der der Mont Blanc wie ein weißer Ballon schwamm, schwor,

Pony zu erschießen, wenn sie ihn nicht verjage, sein Auge den fiebrigen

Wahnsinn bestätigte, wies sie ihn zurück mit Nein. Kalt vor Zorn verließ sie ihn

über die Drohung, mehr voll Liebe zu Pony wie je. In dieser Nacht weigerte sich

Pony zum erstenmal, sein gequälter Körper gab ihm Mut, den sein Geist nicht

hatte. Sie sprang aus dem Bett: „Gut . . . du wirst Bonnen wieder haben.“ Am

Abend kreuzte Léon Ponys Abreise, sie hatte ihn nicht begleitet. Er nahm einen Wagen, jagte. Er kam als Sieger. Auf dem Tablett kam mit ihm ein Brief, Daisy

nahm ihn, als Léon eintrat und legte ihn sofort wieder zurück. „Welche Eitelkeit

in Ihrem Gesicht“, höhnte sie und wandte sich um nach dem Shawl und dem

Spiegel. Bestürzt, zerschmettert kehrte Léon um. Am Ende des Zimmers hielt er,

nahm eine Vase und schlug sie hin, blickte starr und ging hinaus. Daisy trat auf

die Rampe des dunkel gewordenen Hauses, um das die Brust des Wassers

langsam stieg und fiel. Sie pfiff. Zwei grüne Lichter bewegten sich auf dem

Anlegeplatz, stachen ins Wasser, kamen im Bogen heran. An Léon vorbei, strich

Jérôme in das Haus. Plötzlich hob er den wirren braunen Kopf und lauschte. Im

untersten Fenster sang eine weiche berückende Männerstimme: „Andulko me

dite —vy se mne libite . . .“ „Was ist das?“ frug Jérôme. Sie lauschte. Pony war

zurückgekehrt. Sie lachte, zog ihn wie einen Hammel am Fell. „Einer der

Hunde?“ frug sie ihn; er fletschte die Zähne. Sie bückte sich, hob den Brief auf.

Die Schrift war von Syg. Sie ließ ihn in das pfaublaue Wasser hinunterflattern.

Am Morgen brachte sie Pony selbst in die Bahn.

Ringe in Blumen . . . sie gab die Buketts, ohne sie zu sehen, dem

Zimmermädchen. Ein Kreuz mit Ametyst auf Rosenholz, vom Athos, lag auf

ihren Kissen. Ein Pferd stände bereit, schrieb man. Léon schmiegte sich

manchmal durch die Dämmerungsschatten draußen. Eine Yacht trug ihren

Namen am Lee unter dem Fenster vorbei. Eine kalte Verschwendung trug die

Luft jedem aus ihrem Leben zu, die erzittern machte, wer in ihren Kreis trat. Sie

atmete, sah Augen, Tage, blaue Ausschnitte über dem Salève, kurz und farbig

blitzten Blicke in ihren, schon entrann es zu anderem. Es floß zurück wie in

einen Bogen, in dessen Kurve ihre Seele unermüdlich schwang. Irrsinnig eines

Abends erstürmte Léon die Treppen, kam in ein Zimmer, wo sie las, streifte die

Kleider ab. Sie eilte hinaus, schloß ab, klingelte. Er flehte. Sie wollte den

Skandal. Dann überlegte sie, sie schloß einen Vertrag, legte ihm auf, daß er sie

mitnahm auf die Gesandtschaft in Bern. Er kompromittierte seinen Namen, die

Stellung. Doch er sah sie nur entfernt wie immer. Sein Diener erzählte ihm von

dem Kreis und den Monden auf ihrem Leib, er ward ohnmächtig. Sie frug ihn

nach seiner Arbeit, den Geheimnissen des Berufs, sein Leben. Seine Nägel

ballten sich in die Handflächen, aber sie sah die geheimsten Akten. „Wäre ich

eine Agentin?“ Er zuckte die Achseln, schon war ihm alles gleich. Seine Familie

steckte ihn in ein Sanatorium. Er folgte. Vorher bestach er die Zofe, erhielt eine

ihrer Hosen, schluchzend fuhr er damit im Zug. Er hatte sie nicht gehabt. Er

hatte wenigstens dies. Am Abend spielte sie in einen Mann verkleidet auf einem

Kostümfest, an den „Kleinen Pferden“, verlor, konnte nicht alles zahlen, bat

ihren Partner mitzukommen. Er wartete im Vestibül. Als sie die Treppe zurück

herunterkam, erstarrte er. Sie kam als Frau.

Er neigte sich über ihre langen Finger. Wie sie in den Wagen stieg, sprang

Jérôme hinter einem Busch heraus und schrie: „Hure“. Etwas blaß, unsichtbar

durchglüht trat sie zögernd ein wenig zurück. Als sie ihn aber ansah, ließ er die

Hände sinken, schlug sie um den Nacken und lief brüllend davon. Der Wagen

rollte. Sie trat mit ihrem Partner ein Treppenhaus mit Marmor hinauf. Die rote

Weste eines Dieners leuchtete hinauf neben ihr unter einem zehnkerzigen Halter.

Die Fräcke im Saal glitten durch einen dünnen silberbläulichen Rauch, den der

Atem des Tanzes und der Getränke schon zum Rausch gemacht hatten. Sie legte

den Arm auf eine Schulter, der blasse Schein einer Nische umglitt sie. Ein Mund

fiel auf ihre Achsel. Sie zuckte zusammen. Ihre Glieder wurden kalt und

abwesend wie oft in unerklärlichem Wechsel. Sie starrte vor sich hin. Sie hatte

einen Brief eingesteckt, als sie sich umzog. Es fiel ihr ein, sie öffnete ihn. Sie

stand auf. Der Mann hielt sie. „Was?“ Ein verzweifeltes Gesicht krallte sich in

ihr Auge. „Hast du mich nicht wahnsinnig gemacht?“ Sie schüttelte den Kopf.

Sie hatte ihn kaum bemerkt, ihre Gedanken kreisten irgendwo entfernt, es fiel ihr

nicht ein. Mitten im Saal schrie der Mann ihr nach: „Hure“ . . . Sie zuckte kaum

merkbar die Schultern. Sie hörte es zum zweitenmal heute. Allein es drang auf

keinen Punkt in ihr ein, der ihr Gefühl bewegte. Vorbei schon. „Ein Opfer“,

lächelte ein übergroßer lässig gebeugter Herr im Monokel. Schon suchten an

seinem Mund vorüber gleichmütig ihre Augen nach Neuem. Ein olivenfarbener

Jüngling, der wie ein Mädchen tanzte, legte den Arm um sie. Lächelnd glitten sie

Ring auf Ring herum, gewiegt von einer Klarheit der Füße wie nie in diesen

Sekunden. An einer Ecke des Saals fiel ihr das zweifach gesagte Wort mit einem

Mal ein und sie setzte sich. Es war, als zerschmetterte es etwas in ihr. Sie trat an

das Fenster. Unten im Garten hörte sie deutlich eine Frau weinen. Das faßte sie

wie mit Schrauben, sie glitt hinaus. Eine Bank. Es war, als ströme mit dem

Weinen in dem Busch, ihr Leben weg, bräche ein wie in Eis, zerrinne haltlos

zwischen ihren Händen. Sie sah, wie sie Stück auf Stück verloren hatte, unter

dem Schmerzenston brach es zusammen. Sie versuchte nicht, sich zu wehren.

Perlmutten flauschte im Mondschein ein Segel vorüber und rückte ins Dunkel.

Zerfetzte Trümmer lagen um sie, was sie gesehnt, gedacht, begehrt im Blut . . .

es knallte um sie zusammen.

Da erst, wie angezogen von der anderen Stimme, konnte sie weinen und je

länger die Tränen über ihr Gesicht strömten, fühlte sie, wie in ihr die

Verzweiflung und das gierige Suchen brach. Sie fühlte sich elend wie nie, aber

gleichzeitig verband sie ein Strom ungekannter Süßigkeit mit der anderen

Weinenden. Es war ihr, wie, als sie erkannte, daß die Stimme versage, und jedes

Leidende, jede Kreatur dicht ihr Herz berühre. Sie stand in einer wunderbaren

Empfindung. Schon rissen die Wochen hinter ihr wie unwirklich und ihrem Wesen ungehörig sich ab und stießen ins Wesenlose. Aus der Tiefe des Elends

aber zog sie ein Gefühl von einer ergreifenden Harmonie in die Höhe. Sie

empfand, als stehe sie auf anderem Boden, wie plötzlich ihr Schicksal sich

zusammenlegte mit Tausenden von Menschen, an die sie nie gedacht, daß ihr

Schmerz sie erhob und verband, und daß, wie sie verzweifelt gesucht auf der

Jagd und mit den greifenden Händen, in ihr lag mit einer stillen Verantwortung,

die nichts übertraf. Sie sah die Welt plötzlich anders. Es stieg eine Kraft aus

ihrem Elend, die sich in ihr bäumte. Ein Glücksgefühl überfloß sie. Demütig

grüßte sie den Fall der Jetée, die Neigung der Berge, das träumerische Schleifen

der Schwäne. Herauf kam der Kleinen Gesicht, aber die Schuld, die sie empfand,

drückte sie nicht, sondern entflammte sie zur vollen Anspannung. Ihr war, als

ruhe die Achse alles, was Hülfe bedurfte, in ihrem Herzen in dieser Nacht und

ihr Herz drehte es in einem wunderbaren Stolz. Sie schaute lange unter der

vorgehaltenen Hand ins Wasser. Ein Gesicht kam zurück von der glatten Fläche.

Sie schauten sich an. Dann ging sie hinein.

Sie hatte ein anderes Gesicht gesehen.

 

Sie ließ ihre Sachen verteilen. Jérôme sandte sie einen Ring. „Ay . . . ay . . .“

rief sie an der Gasse. Die arabischen Weiber küßten ihre Hände und Füße. Die

Zofen kamen, nahmen. Die Bonnen gingen mit Ballen, zitternden Händen. Die

Kostbarkeiten wurden versteigert. Die Depots sperrte sie. Die Spitzen rannen ihr

durch die Finger. Eine frische stolze Hure in einem Kleid, daß ihrer Haltung zu

gering war, zog sie aus dem Tanzsaal. Die Hosen, deren Plissees rauschten, in

matter Seide zu Dutzenden fielen, durchfühlte sie mit der Hand, gab sie ihr. Mit

jedem Stück, das sie verließ, schenkte sie sich zurück. Und die Wollust des

Hingebens verband sie den Dingen um sie. Gebend lebte sie drei Tage und

fühlte, wie unter dem Hinweggehen ihres seitherigen Daseins Freiheit in sie

strömte.

Eine kleine Summe füllte sie in ihr Portemonnaie. Sie besaß einen Koffer

noch und ein weiches helles Kleid aus indischer Seide. Sie schellte Marguerite,

die Manikure. Vor dem Spiegel die Figur und den Kleidschnitt abmessend, bot

sie ihr den Tausch an. Die lehnte ab, da es zu kostbar war, errötete, ließ sich

langsam zwingen, küßte Daisys Hand. Mit kleinen Sachen ging sie auf die

Straße, gab dem, jenem, Frauen, Kindern. Es reizte sie nicht, zu wissen, wer es

besaß, denn jede Tat der Entäußerung entlastete sie zu Glück. Sie beschäftigte

ein halbes Dutzend Agenten. Ihre Pariser Wohnung ward verkauft. Pferde

untergebracht. Möbel, Schmuck versteigert. Die Summen festgelegt,

geschlossen. Selig fühlte sie alles entgleiten. Dem prächtigen Körper eines

verlotterten Mädchens, dessen Anmut sie rührte, schenkte sie ihr Kleid. Sie stand in Hosen plötzlich am Badestrand abends. Verlegen ging sie in die Kabine,

sandte ein Kind mit dem Portemonnaie zu der Manikure. Das Kind kam mit

einem Kleid, brachte das Geld zurück. Sie zog ihr Armband aus, es Marguerite

zu senden, runzelte die Stirn und blieb eine Minute in einem merkwürdig

erhellten Zustand. Darauf schenkte sie es dem Kind für sich selbst. Küßte es, tief

getroffen. Mit der Entledigung zog die Einsamkeit des Reichtums aus ihr. Sie

besaß noch zwei Ringe. Einen warf sie den Schwänen zu, vom Geländer, abends.