Die drei ??? Nacht in Angst
19.00 Uhr - Der gewagte Plan
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.
Alfred Hitchcock
Die drei ???
Nacht in Angst
erzählt von Andre Marx
Die drei ???
Nacht in Angst
Freitagabend, 20.25 Uhr, Steadman-Museum, Los Angeles: Mr Peacock, der freundliche, aber schusselige Museumsdirektor, betritt mit Justus, Peter und Bob das Gebäude. In wenigen Minuten werden die drei Detektive exklu-siv den wertvollsten Diamanten der Welt sehen: das berühmte „Feuer des Mondes".
20.28 Uhr: Stromausfall? Sabotage? Im Museum gehen die Lichter aus.
20.30 Uhr: Fünf Gangster dringen in das Museum ein. Kurze Zeit später befinden sich Mr Peacock und die drei ??? in ihrer Gewalt. Die Verbrecher wollen den Diamanten und sie sind bereit; dafür über Leichen zu gehen ...
Die drei ??? - Nacht in Angst
19.00 Uhr - Der gewagte Plan
19.46 Uhr - Eine Premiere der anderen Art 20.28 Uhr - Stromausfall
20.46 Uhr - Ab durch die Mitte
21.01 Uhr - Erwischt!
21.14 Uhr - Fluchtversuche
21.27 Uhr - Lauschangriff
21.44 Uhr - Geständnisse
22.03 Uhr - Unter Zwang
22.20 Uhr - Reingelegt!
22.36 Uhr - Das Geheimnis des Nachtwächters 22.49 Uhr - Kreuzverhör
23.07 Uhr - Nichts als die Wahrheit
23.29 Uhr - Nie wieder Fahrstuhl
0.00 Uhr - Enthüllungen um Mitternacht 19.00 Uhr - Der gewagte Plan
»Wo bleibt er denn? Er ist längst überfällig.« Peter sah immer wieder auf die Uhr. Die klobige Taucheruhr, die er sonst trug, hatte er gegen das edle Modell seines Vaters eingetauscht: mit goldenem Armband und Zeigern statt Digitalanzeige. Es passte besser zu seinem restlichen Outfit, dem schwarzen Anzug, weißen Hemd und schicker Krawatte. Die Sohlen seiner glän-zenden schwarzen Schuhe klapperten auf dem Kunststoffboden, während er unruhig in der Zentrale auf und ab wanderte.
»Nur fünf Minuten«, korrigierte Justus ihn, der entspannt auf dem Schreibtischstuhl saß und den Zweiten Detektiv bei seinem Marsch durch den Campinganhänger beobachtete. »Gönn Bob doch auch mal eine kleine Verspätung.«
»Ja ja, schon gut. Ich will bloß nicht zu spät kommen. Das ist das Ereignis! Ich würde mich bis an mein Lebensende ärgern, wenn ich es verpasse!«
»Keine Panik, Bob wird schon auftauchen.« Justus blickte an sich herunter und strich betont gelassen einen Fussel von seinem schwarzen Jackett. Ein bekanntes Geräusch ließ ihn auf-horchen: das Knattern von Bobs altem Käfer. »Da ist er!« Peter atmete auf. »Dem Himmel sei Dank! Dann kann es jetzt endlich losgehen.«
Doch als Bob die Tür zur Zentrale öffnete und Peter sein Gesicht sah, verließ ihn schlagartig alle Vorfreude. Mit hän-genden Schultern und gesenktem Kopf betrat der dritte Detektiv den Raum und ließ ein kaum hörbares »Hi« vernehmen.
»Oh, mein Gott«, stöhnte Peter. »Du hast die Karten nicht, stimmt's? Du hast die Karten nicht! Gib's zu, Bob!« Bob nickte. »Ich habe die Karten nicht.«
»Nein!«, rief Peter und krümmte sich wie unter körperlichen Schmerzen. »Warum nicht? Ich dachte, die Sache ginge klar!«
»Mein Vater hat keine bekommen.«
»Wieso hat dein Vater keine bekommen? Er arbeitet in Los Angeles bei der Zeitung! Die bekommen immer Karten!«
»Ja, aber diesmal waren es nur zwei oder drei. Und die gingen natürlich an die Filmkritiker vom Kulturteil.«
»Zwei oder drei!«, stöhnte Peter und ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Du hast behauptet, es wäre überhaupt kein Problem, drei Einladungen zu besorgen!«
»Meine Güte, Peter«, erwiderte Bob gereizt. »Nun mach mich nicht dafür verantwortlich. Ist es etwa meine Schuld, dass die Produktionsgesellschaft so knauserig mit ihren Freikarten umgeht?«
Auch Justus, der bisher schweigend zugehört hatte, konnte seine Enttäuschung nicht mehr verbergen. »Natürlich nicht, Bob. Außerdem glaube ich gar nicht, dass es am Geiz liegt.
Vielmehr daran, dass Journalisten aus der ganzen Welt ange-reist sind, um den Film zu sehen. Es ist schließlich nicht ir-gendein Streifen. Es ist der neue Star-Wars-Film!«
»Und wir wären um ein Haar bei der Premiere gewesen, hätten alle Stars gesehen und anschließend auf der Party mit George Lucas Sekt getrunken«, brummte Peter. »Es ist zum Heulen.«
»Dann sehen wir ihn uns eben nächste Woche an, wenn er in den normalen Kinos startet«, schlug Bob versöhnlich vor.
»Glaubst du, das tröstet mich?«
»Oder ich versuche Karten für die nächste Verleihung des
›Goldenen Raben‹ zu kriegen. Vielleicht kriegt George Lucas ja einen Preis.«
»Dann freue ich mich wochenlang darauf, stehe in Schlips und Kragen in den Startlöchern und es klappt doch nicht«, entgegnete Peter. »Nein, danke.«
Justus schlug mit solcher Wucht auf die Tischplatte, dass Peter und Bob erschrocken zusammenzuckten. »Wir fahren zur Premiere!«, rief der Erste Detektiv voller Tatendrang.
»Tolle Idee. Wir lassen uns von Tausenden von Fans tottram-peln, die vor dem Chinese Theater stehen und einen Blick auf ihren Lieblingsstar erhaschen wollen.«
»Ich rede nicht davon, vor dem Kino zu stehen, sondern uns den Film anzusehen.«
»Ach. Und wie sollen wir reinkommen?«, fragte Peter miss-mutig.
»Wir gehen einfach rein.«
»Na, sicher«, erwiderte Peter spöttisch. »Ich frage mich, warum das die anderen Star-Wars-Freaks vor dem Kino eigent-
lich nicht machen. Mal sehen, ob wir noch einen Platz kriegen.«
»Das ist mein Ernst. Wir gehen einfach über den roten Teppich ins Gebäude und tun so, als gehörten wir dazu.«
»Und du meinst, die lassen uns durch? Weil wir schwarze Anzüge tragen oder weil wir wie Filmstars aussehen?« Justus grinste überlegen. »Weil wir aus einem goldbeschlagenen Rolls Royce steigen werden.«
»Ha!«, rief Bob und klatschte vor Begeisterung in die Hände.
»Das ist die Idee! Justus, was würden wir nur ohne dich machen?«
»In allen Lebenslagen verzweifeln.«
»Du meinst, wir sollen dort mit Morton aufkreuzen? Und das funktioniert?«
»Warum denn nicht? Glaubst du, die Türsteher kennen jeden geladenen Gast persönlich? Wenn drei fesche Jungs aus einem Rolls Royce steigen, werden sie sich eher schämen uns nicht zu kennen und uns durchlassen.« Justus drehte sich um und griff nach dem Telefonhörer. »Hoffentlich hat Morton Zeit und fährt nicht gerade einen anderen Prominenten.« Morton war gelegentlich der Chauffeur der drei ???. Justus hatte einmal seine Dienste für dreißig Tage bei einem Preis-ausschreiben gewonnen. Danach hatten die Detektive das Glück gehabt, von einem dankbaren Klienten auch zukünf-tige Fahrten mit dem Rolls Royce bezahlt zu bekommen. Seit Peter und Bob selbst einen Wagen hatten nahmen sie das zwar nur noch selten in Anspruch, doch es gab Ausnahmesituatio-nen, in denen sich eine schwarz-goldene Edelkarosse besser machte als ein gelber VW Käfer.
»Hallo, hier ist Justus Jonas- Ich bin froh, dass Sie da sind, Morton. Haben Sie und der Rolls Royce Zeit für uns? - Nur für eine halbe Stunde, aber wir brauchen Sie sofort. - Fantastisch!
Vielen Dank. - Ja, bis gleich!« Er legte auf. »Das ging ja schnell«, bemerkte Peter. »Morton kommt. Er sagte etwas von einem kleinen Handikap, daher könnte es etwas langer dauern, doch er wird sich beeilen. Wir warten draußen auf ihn.«
»Hoffentlich bezieht sich Handikap nicht auf den Wagen. Eine Panne können wir uns Jetzt nicht leisten - Der Film beginnt in einer knappen Stunde.«
»Peter, du bist ein alter Schwarzseher«, sagte Bob kopfschüt-telnd.
Sie verließen die Zentrale und traten auf den Schrottplatz der Firma Jonas hinaus, der ruhig in der Abenddämmerung lag. Es dauerte nicht lange, da ertönte ein Hupen von der Straße. Da das schmiedeeiserne Tor schon geschlossen war, verließen sie das Gelände durch einen ihrer geheimen Ausgänge, die sie in die Umzäunung eingebaut hatten. Morton, ein hoch gewachsener Mann undefinierbaren Alters, der seine Chauffeursmütze nie abzulegen schien, war aus dem Wagen gestiegen, um die hintere Tür zu öffnen. Er staunte nicht schlecht, als er die drei
??? in schwarzen Anzügen sah. »Guten Abend, Morton. «
»Guten Abend, die Herrschaften- Ich weiß zwar noch nicht wohin ich euch bringen Soll, doch euer Aufzug verrät mir, dass meine Dienste heute in der Tat angebracht sein dürften.«
»Ganz recht«, antworte Justus und unterdrückte ein Schmun-zeln. Morton hatte sie schon unzählige Male gefahren und ihnen auch in brenzligen Situationen geholfen. Sie waren so etwas wie Freunde geworden. Trotzdem legte er seine höfliche Art und die etwas geschraubte Sprechweise nie ab Wahrscheinlich fühlte er sich nur wohl, wenn er die Form wahrte.
Doch manchmal fragte sich Justus, was für ein Mensch unter der Dienstkleidung des Chauffeurs verborgen war - wenn es da überhaupt jemanden gab. Als die drei ??? einstiegen, bemerkte Justus, dass Mortons linkes Bein dicker war als das rechte. Die schwarze Hose war an der Seite aufgeschnitten und ein Gips leuchtete weiß darunter hervor. »Was haben Sie denn gemacht, Morton?«
»Das ist das Handikap, von dem ich sprach. Ein kleiner Unfall
- ich bin beim Polo vom Pferd gefallen.« Damit warf er die Tür zu und humpelte um den Wagen herum. »So so, Polo«, kicherte Justus. »Gibt es eine Sportart, die besser zu ihm passen würde?«
»Gebrochen?«, fragte Peter, als Morton mühsam vorn einge-stiegen war.
»Ja. Sehr schmerzhafte Angelegenheit. Doch zum Glück übe ich meinen Beruf im Sitzen aus und die Kupplung kann ich seit einer Woche wieder bedienen. Wohin darf ich euch bringen?«
»Nach Los Angeles zum Chinese Theater«, antwortete Justus.
»Sehr Wohl« Der Wagen setzte sich in Bewegung. »Ihr wollt zur Premiere des neuen Star-Wars-Films, nehme ich an?«
»Ja!« rief Peter begeistert und beschloss Morton in ihren Plan einzuweihen. Jeder Chauffeur hatte schließlich einen Ehren-kodex und der verpflichtete zur Verschwiegenheit - er würde sie auf keinen Fall verraten. »Wir haben allerdings keine Einladung doch Justus hat eine Idee. Die hoffentlich funktioniert.« Er klärte ihn auf.
»Nun, dann wünsche ich viel Glück. Bei eurer äußeren Er-scheinung sehe ich da zumindest keine Probleme.« Durch den Rückspiegel konnte Peter ihn lächeln sehen.
»Ich wäre gern so zuversichtlich wie Sie«, antwortete Peter.
»Ich bin nicht ganz überzeugt. Was machen wir, wenn sie unsere Einladung sehen wollen?«
»Filmstars brauchen keine Einladung«, winkte Bob ab. Justus stimmte ihm zu. »Das Geheimnis des Erfolges ist, sich auch wie Filmstars zu benehmen.«
»Aha. Und wie geht das? Du hast da doch Erfahrung.« Peter spielte damit auf die lang zurückliegende Karriere des Ersten Detektivs als Kinderstar im Fernsehen an, die dieser am liebs-ten vergessen hätte.
»Wir müssen ganz natürlich wirken. Als würden wir den ganzen Tag nichts anderes tun, als über rote Teppiche zu Film-premieren zu gehen. Und bloß nicht den Türstehern in die Augen sehen! Je unwichtiger sie für uns sind, desto weniger werden sie es wagen, uns anzusprechen.« Peter seufzte tief. »Ich weiß nicht, ob ich das kann. Du als Ex-Schauspieler hast da vielleicht Erfahrung, aber ich werde bestimmt knallrot!«
»Stell dir vor, das Kinoportal sei der Eingang zur Schule«, schlug Bob vor. »Ganz einfach durchgehen, so als war nichts.«
»Alles klar. Ganz einfach.« Aber Peter war absolut nicht wohl bei der Sache. Er wurde immer nervöser und ein einzelner Schweißtropfen lief ihm den Rücken hinunter. Schweißflecken würden sich auf dem weißen Hemd bestimmt nicht gut machen. Als sie den Hollywood Boulevard erreichten, unternahm er einen letzten Versuch: »Sollen wir das nicht doch besser bleiben lassen? Wir kriegen richtig Ärger, wenn wir aufflie-gen.«
Justus und Bob blickten ihn stirnrunzelnd an. »Du warst doch ganz heiß drauf, zur Premiere zu fahren und George Lucas die Hand zu schütteln! Jetzt musst du auch mitspielen.«
»Ja, werde ich ja auch.« Er versuchte ein Lächeln. »Wird schon schief gehen.«
Fünf Minuten später tauchte das berühmte Kino vor ihnen auf.
Das Gebäude war hell erleuchtet und Menschenmassen tum-melten sich auf dem breiten Gehsteig. Nur ein etwa sechs Meter breiter Weg von der Straße zum Eingang war durch eine Absperrung freigehalten. Gerade betraten drei oder vier Menschen, von Blitzlichtgewitter und Kamerascheinwerfern verfolgt, das Kino. Dann ließ der Aufruhr nach und Fans und Re-porter warteten geduldig auf die Ankunft der nächsten Promis.
»Ach du Scheiße«, murmelte Peter. »Da kommen wir nie rein.«
»Klar kommen wir rein«, antwortete Justus kampflustig.
»Aufgeht's, Leute!«
Morton hielt direkt vor dem mit rotem Teppich geschmückten Gang. »Viel Glück!«, wünschte er. Diesmal musste er nicht aussteigen, denn der vornehm gekleidete Portier des Nobelki-nos stand schon bereit und öffnete die Wagentür. Justus schlüpfte als Erster hinaus, dann folgten Peter und Bob. Kame-rablitze flammten auf und Scheinwerferlicht blendete sie. Einige Journalisten wollten nach vorn stürzen, um die vermeintlichen Stars zu ein paar kurzen Fragen zu überreden, doch sie hielten verunsichert inne, als sie die Gesichter der Gäste nicht erkannten. Einer unter ihnen ließ sich trotzdem nicht davon abhalten, Justus über die Absperrung hinweg ein Mikrofon unter die Nase zu halten. »Wie fühlen Sie sich heute Abend?«
»Oh, äh ... großartig«, antwortete Justus wahrheitsgemäß und setzte sein bestes Starlächeln auf. »Sehen Sie den Film heute zum ersten Mal?«
»Zum ersten Mal in ganzer Länge, ja. Ein paar Szenen habe ich in der Rohfassung bereits bewundern dürfen und freue mich auf ein spektakuläres Ereignis.« Auch das war keine Lüge: Justus hatte kurze Ausschnitte im Fernsehen gesehen. Doch bevor der Journalist Fragen stellte, die unangenehm werden konnten, suchte Justus lieber das Weite. Aber er ließ es sich nicht nehmen, der Menge einmal zuzuwinken, bevor er mit Bob und Peter im Schlepptau ins Innere des Kinos verschwand. Aus den Augenwinkeln nahm er zwei Türsteher wahr, kümmerte sich jedoch nicht weiter um sie. So schnell wie möglich wollte er das große Foyer durchqueren, das bereits voller Menschen war, um sich in einer dunklen Ecke unsichtbar zu machen. »Wir haben es geschafft!«, raunte er seinen Freunden freudestrahlend zu.
Noch bevor er das letzte Wort ganz ausgesprochen hatte, legte sich eine schwere Hand auf seine Schulter. »Entschuldigen Sie, dürfte ich Ihre Einladung sehen?«
19.46 Uhr - Eine Premiere der anderen Art Wie angewurzelt blieb Justus stehen. Cool bleiben!, schoss es ihm durch den Kopf. So ruhig wie möglich drehte er sich um und erblickte eine schwarz-weiße Fläche: die in Hemd und Jackett gehüllte Brust des Türstehers, der ihn um mehr als einen Kopf überragte. Düster blickten zwei kleine Augen in einem breiten Gesicht auf ihn herab.
»Ich habe keine Einladung«, sagte Justus lässig. »Ich bin auf ausdrücklichen Wunsch eines Freundes hier.«
»Und wer ist dieser Freund, wenn ich fragen darf?« Der Mann verzog keine Miene.
»Peter Shaw. Er steht neben Ihnen.« Justus wies auf den Zweiten Detektiv, der auf der Stelle totenbleich wurde und Justus entsetzt anstarrte.
»Ich ...«, begann er stotternd, doch dann bemerkte er Justs warnenden Blick und hielt den Mund.
»Sein Vater arbeitet beim Film«, klärte Justus den Türsteher auf. Es entsprach der Wahrheit, Peters Vater war Experte für Spezialeffekte bei einem großen Filmstudio. Nur hatte er mit dieser Produktion nicht das Geringste zu tun gehabt. »Und wie ist der Name Ihres Vaters?«, wandte der Mann sich nun an Peter. »Henry Shaw.«
»Einen Augenblick.« Er griff in seine Innentasche und zog eine Gästeliste hervor. »Der Name ist hier aber nicht aufgeführt.«
»Nun ja, er kann auch leider nicht kommen, weil er andere dringende Verpflichtungen hat«, antwortete Peter und dachte daran, dass seine Eltern heute Abend ausgehen wollten. »Tut mir Leid, aber ohne schriftliche Einladung muss ich Sie bitten zu gehen.«
»Aber mein Vater wollte, dass wir heute Abend hier sind. Was weiß ich, warum er nicht auf Ihrer Liste steht.«
»Einen Augenblick!« Der Mann ließ sie stehen und ging auf eine Gruppe von Leuten in Abendgarderobe zu, die sich in einer Ecke des Foyers aufhielt.
»Die Gelegenheit sich in den Kinosaal zu verdrücken«, raunte Bob.
»Besser nicht«, warnte Justus. »Sonst gibt es wirklich Ärger.«
Der Türsteher sprach einen Mann an, der kurz darauf den Kopf schüttelte und sich wieder den anderen Gästen zuwandte.
»Das... das ist George Lucas!«, zischte Peter, der den Mann erkannt hatte. »Verflixter Mist, das war es dann wohl.« Peter behielt Recht. »Mr Lucas ist kein Henry Shaw bekannt«, sagte der Türsteher wütend. »Und nun verschwindet!« Er packte Justus grob am Arm und zog ihn mit zu einer kleinen Tür.
Dahinter lagen ein schäbiges Treppenhaus und eine weitere Tür aus Stahl. Der Mann riss sie auf und stieß Justus hinaus in eine kleine, dunkle Gasse. Bob und Peter folgten ihm schnell, ohne ein Wort zu sagen. »Versucht das nicht noch einmal!
Beim nächsten Mal rufe ich die Polizei«, zischte der Mann und schlug die Tür wütend zu. Die Außenseite hatte keine Klinke.
Betreten sahen die drei einander einige Sekunden lang an.
Dann verfinsterte sich Peters Gesicht. »Klar kommen wir da rein, Peter. Gar kein Problem, Peter. Du musst nur ganz locker bleiben, Peter. - Das hat ja wirklich hervorragend geklappt!«
»Nun sei nicht ungerecht«, sagte Bob. »Justs Idee war gut.
Dass sie nicht funktioniert hat, ist nicht seine Schuld.«
»Wir können wahrscheinlich froh sein, dass er nicht die Polizei geholt hat. Wohl nur deshalb, weil sich Polizeiaufgebot bei einer Filmpremiere nicht besonders gut macht.«
»Tja«, murmelte Justus zerknirscht, »dumm gelaufen.« Bob fand als Erster seinen Humor wieder. »Aber wie du dem Re-porter ein Kurzinterview gegeben hast, das war große Klasse, Just. Das hätte ich nicht fertig gebracht.«
»Wenn er mich was fragt - selbst schuld«, grinste der Erste Detektiv.
»Und was machen wir jetzt?«, fragte Peter ratlos, als sie Richtung Hollywood Boulevard schlenderten. »Wir stehen dumm in Los Angeles herum und kommen nicht wieder nach Hause.«
»Wir könnten ja trotzdem noch ein paar Promis gucken gehen«, schlug Bob vor.
»Auf keinen Fall!«, protestierte Peter. »Womöglich erkennen uns die Leute da vorn am Eingang wieder. Dann wollen sie entweder Autogramme oder sie begreifen, was passiert ist, und lachen uns aus.«
»Na schön«, lenkte Justus ein, um Peter nicht noch mehr in Rage zu bringen. »Wir fahren nach Hause. Irgendwie.« Als sie die Kreuzung erreichten, entfernten sie sich so schnell wie möglich von der Menschenmenge, die noch immer am Eingang des Kinos stand. Plötzlich hielt ein Auto direkt neben ihnen. Goldene Beschläge blitzten auf und die Scheibe wurde runtergekurbelt. »Darf ich die Herrschaften nach Hause fahren?«
»Morton!«, rief Bob. »Sie sind noch da!«
»Ich dachte, es sei besser, ein paar Minuten zu warten, um sicherzugehen, dass euer Vorhaben tatsächlich von Erfolg gekrönt ist.«
Peter atmete erleichtert auf. »Das war eine großartige Idee, Morton.« Er wartete nicht ab, bis der Chauffeur ausgestiegen war, sondern öffnete selbst die Tür und ließ sich auf die groß-zügige und bequeme Sitzbank fallen. Morton stellte keine Fragen und die drei??? hatten vorerst auch keine Lust von ihrer Schlappe zu berichten. Die ersten fünf Minuten der Fahrt ver-liefen schweigend. Dann piepte das Autotelefon. Morton hob ab und wechselte ein paar Worte. Er
drehte sich halb zu ihnen um und sagte: »Verzeihung, es gehört sich nicht, eine Fahrt zu unterbrechen, aber es handelt sich um einen Notfall. Würde es euch stören, einen kleinen Umweg zu machen und einem weiteren Fahrgast Platz zu gewähren?«
Justus sah seine Kollegen kurz an: »Nein, natürlich nicht, Morton. Wenn es ein Notfall ist.«
»Vielen Dank.« Dann, leiser, sprach er in den Hörer: »Ich bin in wenigen Minuten bei Ihnen, Mr Peacock.« Er schaltete das Telefon aus. »Mr Peacock ist der Direktor des Steadman-Museums und einer meiner Stammfahrgäste. Ich weiß nicht, worum es geht, aber er sagt, es sei dringend.«
»Das Steadman-Museum?« Justus überlegte. »Da ist doch bald diese Ausstellungseröffnung. Ein paar Wochen lang wird man einen der berühmtesten Edelsteine der Welt sehen können: den blauen Diamanten, auch Feuer des Mondes genannt.«
»Morgen«, korrigierte Bob. »Morgen ist die Eröffnung. In der Stadt hängen überall Plakate.«
Morton nickte. »Ich nehme an, dass es darum geht. Vermutlich gibt es in letzter Minute noch Vorbereitungen zu treffen.«
»Und da kann der Direktor nicht mit seinem eigenen Wagen fahren?«, murmelte Peter so leise, dass niemand ihn hörte.
Morton fuhr aus der Innenstadt hinaus, Richtung Beverly Hills.
Es war bereits dunkel, als er kurz vor dem Nobelviertel abbog und durch die Straße einer ruhigen Siedlung fuhr. Der Chauffeur hielt vor einem Haus, das hinter dem von Pflanzen völlig überwucherten Vorgarten kaum zu erkennen war. Ein kleiner, sehr fülliger Mann mit Halbglatze und wulstigen Lippen lief durch die Einfahrt auf den Rolls Royce zu und riss die hintere Tür auf, bevor Morton auch nur die Chance hatte auszusteigen.
»Nur keine Umstände, Morton. Bleiben Sie sitzen, bleiben Sie sitzen«, sagte er hektisch. Erst jetzt bemerkte er die drei Detektive. »Oh, Verzeihung. Ich wollte eure Fahrt bestimmt nicht unterbrechen. Tut mir wirklich sehr Leid. Ihr fahrt sicher zum ersten Mal mit einem so schicken Auto, nicht wahr? Darf ich mal?« Er quetschte sich durch die Tür und ließ sich sofort auf alle viere fallen.
»Keineswegs, Sir«, antwortete Bob und konnte sich ein Lachen kaum verkneifen, als Mr Peacock zu seinen Füßen her-umrutschte. »Wir fahren sogar sehr oft mit diesem Wagen.
Äh... können wir Ihnen irgendwie helfen?«
»Ich habe etwas verloren, ja, verloren. Meinen Cheftimer. Einen Filofax, einen Kalender, ein Notizbuch, versteht ihr? Ich muss ihn heute Mittag hier im Wagen liegen gelassen haben.
Haben Sie zufällig meinen Cheftimer gefunden, Morton, ganz zufällig?«
»Tut mir Leid, Sir, nein. Und seit heute Mittag ist auch niemand mehr mit mir gefahren.«
»Darf ich mal?«, ächzte Mr Peacock und schob sich an Peter vorbei zur Mini-Bar. Doch darin standen wie erwartet nur Getränke und Gläser. Auch im Fach für das Funktelefon fand sich kein Cheftimer, ebenso wenig unter den Sitzen und zwischen den Polstern. Während Mr Peacock suchte, machte Bob Platz und stieg nach vorn neben Morton ein. Hochrot und keu-
chend ließ Mr Peacock sich neben Peter in die Polster sinken.
Er zog ein Taschentuch aus der Brusttasche und betupfte damit seine Stirn. »Zu dumm. Dann liegt er noch im Büro. Ich, äh, ich müsste dort mal ganz dringend hin. Wirklich dringend.« Er lächelte entschuldigend. »Ich bin ohne meinen Cheftimer nur ein halber Mensch. Darin steht sozusagen mein ganzes Leben. Jedenfalls alles, was mit Namen, Zahlen und Terminen zu tun hat. Und ich muss unbedingt noch einige Leute anrufen wegen der Ausstellungseröffnung morgen, wisst ihr. Oh!« Er zuckte zusammen. »Ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt. Peacock. James Peacock, Direktor des Steadman-Museums.« Er streckte die Hand aus, wusste jedoch nicht, wem er sie zuerst reichen sollte, bis Justus ihm zu Hilfe kam und sie einfach ergriff. »Justus Jonas. Und das sind meine Freunde Peter Shaw und Bob Andrews.«
»Ich habe nichts dagegen, einen kleinen Abstecher zum Museum zu machen«, sagte Bob über die Schulter hinweg. »Vorausgesetzt, Sie haben nichts einzuwenden, dass wir Sie begleiten.«
»Oh, ganz und gar nicht, ganz und gar nicht. Es wäre sehr nett von euch, wenn ihr eure Fahrt für mich unterbrecht.
Morton, zum Steadman-Museum, bitte!«
»Sehr wohl, der Herr«, antwortete der Chauffeur. Durch den Rückspiegel blinzelte er Justus zu.
Während der Fahrt redete Mr Peacock, der sich einen Drink eingeschenkt hatte, ohne Punkt und Komma. Über seinen Cheftimer, über die Ausstellung und über den Edelstein. »Der Diamant gehört einem arabischen Ölscheich. Es ist eine große Ehre für uns, dass er ihn dem Museum für ein paar Wochen überlässt. Die Besucher werden wie verrückt in die Ausstellung strömen, endlose Massen, das gibt einen Riesenandrang!
Das Feuer des Mondes ist schließlich einer der wertvollsten Diamanten der Welt. Er bringt stolze 437 Karat auf die Waa-ge, jawohl! Den Namen hat er übrigens wegen seiner blauen Farbe und seiner lumineszlerenden Eigenschaften. Wenn man ihn stark anstrahlt, absorbiert er das Licht und schimmert dann leicht aus sich selbst heraus. Das ist bei Diamanten sehr selten, ungeheuer selten sogar, daher ist er auch so wertvoll. Wollt ihr ihn euch vielleicht ansehen?« Die drei ??? hatten Mr Peacock nur mit halbem Ohr zugehört, deshalb überraschte sie diese direkte Frage etwas. »Ja, gerne«, sagte Peter schnell. »Geht das denn?«
»Nun, ich muss ohnehin in mein Büro im Museum. Ich hoffe nur, dass ich meinen Cheftimer tatsächlich dort vergessen habe. Wir werden sehen. Da kann ich euch auch mitnehmen.
Natürlich ist es nicht erlaubt, aber schließlich bin ich der Direktor.« Er lächelte ihnen verschwörerisch zu. »Das wäre dann eine Premiere. Ihr werdet die ersten Besucher im Steadman-Museum sein, die das Feuer des Mondes zu Gesicht bekommen.«
»Wenigstens eine Premiere, die klappt«, meinte Peter. Er hatte seinen Ärger über ihren misslungenen Kinobesuch zwar noch nicht vergessen, doch die unerwartete Wendung, die der Abend genommen hatte, stimmte ihn etwas versöhnlicher. Nach zwanzig Minuten befanden sie sich wieder in der Innenstadt von Los Angeles. Morton parkte den Wagen auf dem fast ver-lassenen Parkplatz des Museums und seine Fahrgäste stiegen aus.
»Möchten Sie nicht mitkommen, Morton?«, schlug Mr Peacock vor. »Oder haben Sie kein Interesse an Diamanten?«
»Ich würde Sie selbstverständlich gern begleiten, wenn Sie mein reduziertes Tempo in Kauf nehmen.«
»Aber natürlich. Kommen Sie, kommen Sie.« Zur Abwechs-lung hielt Mr Peacock seinem Chauffeur die Tür auf. Gemeinsam gingen beziehungsweise humpelten sie auf das Gebäude zu. Das Museum war ein moderner, mehrstöckiger Bau aus Glas, Stahl und Beton, umgeben von einer winzigen Parkan-lage, die es ein wenig von der Straße abschirmte. Die drei ???
und Morton folgten Mr Peacock zu einem kleinen Seiteneingang, den der Direktor mit einem Sicherheitsschlüssel öffnete.
Direkt hinter ihnen schloss er wieder ab. »Jetzt habe ich drei-
ßig Sekunden Zeit, um den Sicherheitsalarm zu verhindern«, erklärte er und begab sich zu einem kleinen Kasten an der Wand des kahlen Treppenhauses. Mit einem weiteren Schlüssel an seinem dicken Bund öffnete er den Kasten und beugte sich über ein kleines Tastenfeld, um den Geheimcode ein-
zugeben. Ein Piepsen und das Aufleuchten eines grünen Lämpchens versicherten ihm, dass der Alarm außer Betrieb war. »Das ist die einzige Nummer, die ich mir ohne Cheftimer merken kann«, sagte er lächelnd. »Es hat sehr lange gedauert, aber jetzt sitzt sie. Zum Glück, zum Glück, denn sonst wäre in null Komma nichts die Polizei hier.« Er öffnete eine weitere Tür, die direkt in die Eingangshalle des Museums führte. Die spärliche Notbeleuchtung spendete mehr Schatten als Licht, doch es reichte aus, um das Wichtigste zu erkennen: ein riesiges Dinosaurierskelett, das kalt und ge-spenstisch auf sie herabblickte. »Diplodocus«, stellte Justus fachmännisch fest. »Ein Pflanzenfresser aus dem Jura.«
Während Bob und Peter nur die Augen verdrehten, lachte Mr Peacock erfreut auf. »Aha, ein Experte, ein Experte. Das gefällt mir. So, kommt mit. Der blaue Diamant befindet sich im dritten Stock. Wir müssen sowieso ganz nach oben, um in mein Büro zu kommen.« Er wandte sich der breiten Freitreppe zu, die in die erste Etage führte. »Wenn ihr wollt, kann ich euch noch ein paar andere Schätze zeigen. Aber fasst bloß nichts an! Die ausgeschaltete Alarmanlage war nur für die Ein-und Ausgänge bestimmt. Die wertvollen Exponate sind noch einmal extra gesichert.«
»Verzeihung, Mr Peacock«, meldete sich Morton zu Wort und wies auf sein Gipsbein. »Ich befürchte, ich werde Sie nicht begleiten können. Treppensteigen zählt zurzeit nicht gerade zu meinen Hobbys.«
»Oh, mein Lieber, kein Problem. Gar kein Problem! Nehmen wir einfach den Aufzug! Oder wollt ihr euch noch ein paar andere Dinge anschauen, meine jungen Freunde?«
»Ich hätte nichts gegen eine kleine nächtliche Führung einzuwenden«, bekannte Bob und auch Peter nickte zustimmend.
»Na schön. Wir gehen zu Fuß und ich zeige euch ein paar Kostbarkeiten, während Morton den Fahrstuhl nimmt. Dort drüben! Wir treffen uns oben!«
Morton nickte dankbar und machte sich auf den Weg zur Doppeltür des Lifts. »Ich begleite Sie, Morton«, sagte Justus.
»Willst du dich denn nicht umsehen, Just?«, fragte Peter.
»Doch, doch. Aber ich nehme den umgekehrten Weg: von oben nach unten. Das macht das Treppensteigen einfacher.«
»So wirst du deine überflüssigen Pfunde nie los«, spottete Peter und biss sich einen Augenblick später auf die Lippen, als ihm Mr Peacocks Figur einfiel, die die von Justus an Fülle bei weitem übertraf.
Doch der Direktor schien es nicht gehört zu haben oder er ig-norierte Peters Spitze. »Aber nichts anfassen!«, warnte er noch einmal und erklomm die ersten Stufen der Freitreppe, während Justus und Morton in den Fahrstuhl stiegen und nach oben fuhren.
Mr Peacock, Bob und Peter hatten gerade den ersten Treppenabsatz erreicht, als plötzlich das Licht ausfiel.
20.28 Uhr - Stromausfall
»Was ist denn jetzt los?«, fragte Peter erschrocken in die Dunkelheit hinein. »Hat das was mit der Alarmanlage zu tun?«
Niemand antwortete. »Mr Peacock?«
»Jemand ist hier!«, keuchte dieser. »Jemand ist hier!«
»Was meinen Sie damit?«, rief Bob. »Es könnte doch einfach nur der Strom ausgefallen sein.«
»Pst!«, zischte der Museumsdirektor. »Der Strom fällt hier nicht einfach aus! Ganz ausgeschlossen! Völlig unmöglich!
Jemand ist in diesem Gebäude!«
»Aber wie -«
»Ich weiß es nicht! Ich muss ins Sicherheitsbüro und den Strom wieder anstellen!«
»Das Feuer des Mondes!«, rief Peter. »Da will jemand den blauen Diamanten stehlen!«
»Leise!«, raunte Bob. »Willst du, dass hier gleich hundert Leute aufkreuzen?«
»Ich laufe ins Büro«, beschloss Mr Peacock. »Einer von euch muss das Feuer des Mondes bewachen!«
»Das übernehme ich«, entschied Peter. »Bob, du begleitest Mr Peacock.«
Gemeinsam hasteten sie die Stufen hinauf. Inzwischen hatten sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Durch die hohen Fenster und einen Schacht neben der Treppe fiel etwas Licht.
Es reichte aus, um die nähere Umgebung schemenhaft zu erkennen. Mr Peacock geriet schnell ins Schwitzen und keuchte wie eine alte Dampflok. Während Bob wohl oder übel sein Tempo einhalten musste - schließlich wusste er nicht, wo sich das Sicherheitsbüro befand -, sprintete Peter los, ohne auf die anderen zu warten. Als er den dritten Stock erreichte, eilte er den Hauptgang hinunter. Schilder, in der Dunkelheit nur vage zu erkennen, wiesen ihm den Weg zur Sonderaus-stellung. Er durchquerte die geräumige Kunsthalle, die durch das große Oberlicht und den stumpfen PVC-Boden in fahles Grau getaucht war. Bizarre Skulpturen säumten den Mittel-gang wie Wächter, die unerwünschte Eindringlinge fern halten sollten. Hier gab es keine Ecken, keine verborgenen Winkel, in die er notfalls schlüpfen konnte. Wenn sich tatsächlich Verbrecher im Museum aufhalten sollten, war er ihnen in dieser Halle schutzlos ausgeliefert. Peters Schuhe klapperten auf dem Fußboden. Er fühlte sich beobachtet und war froh, als er die Halle verließ.
Nun befand er sich in einem verwinkelten Gewirr aus Gängen, die durch Stellwände, Glasvitrinen und Exponate begrenzt waren. Der mit Teppich ausgelegte Boden schluckte fast jedes Geräusch. Plötzlich nahm er einige Schatten aus dem Augenwinkel wahr. Er blieb wie angewurzelt stehen. Links von ihm, ein paar Meter entfernt, stand ein halbes Dutzend schatten-schwarzer Gestalten, die unbewegt in seine Richtung starrten.
Sie haben mich entdeckt!, schoss es ihm durch den Kopf. Aber warum unternahmen sie nichts? Warum standen sie nur schweigend da? Plötzlich kam ihm ein Verdacht. Er ging langsam auf die Personen zu und lachte leise auf. Es waren Puppen. In dieser Ecke der Halle befanden sich steinzeitliche Werkzeuge in den Vitrinen und hier hatte man mit Hilfe von naturgetreuen Modellen eine Szene aus dem Leben der Höh-lenmenschen nachgestellt. Die Puppen hatten affenähnliche Gesichter und trugen Felle als Kleidung, doch das sah man bei der schwachen Beleuchtung erst auf den zweiten Blick. Erleichtert ging Peter weiter und erreichte bald darauf einen Be-reich, der mit Schautafeln und Modellen voll gestellt war: Tafeln mit Informationen über die Entstehung und Gewinnung von Edelsteinen, Modelle von Diamantenminen und Schleif-maschinen. Im Zentrum dieser Ausstellung stand hinter einer Absperrung aus dicken Seilen ein Glaskasten.
Darin lag auf rotem Samt ein hühnereigroßer, hellblauer Stein: das Feuer des Mondes. Wenn die Scheinwerfer ihn anstrahlten, musste er mit seinen tausend Fassetten funkeln wie ein Weih-nachtsbaum. Doch jetzt war sein Glanz eher enttäuschend. Der Kasten stand direkt unter einem Oberlicht, durch das silbernes Mondlicht fiel und den Stein nur fahl schimmern ließ.
Peter betrachtete den Diamanten und überlegte, was er jetzt tun sollte. Hatten Bob und Mr Peacock das Sicherheitsbüro inzwischen erreicht?
»Schneller, schneller!« Mr Peacock schnappte nach Luft wie ein halb toter Fisch. Dennoch ließ er es sich nicht nehmen, Bob zu größerem Tempo anzuspornen, obwohl er es war, der unendlich langsam und mühsam Stufe für Stufe erklomm.
Schließlich erreichten sie die dritte Etage. Eine schmale Treppe führte noch ein halbes Stockwerk höher. Sie war mit einem Seil versperrt, an dem ein Schild hing: Nur für Personal. Sie kletterten darüber hinweg. Das obere Ende der Treppe führte auf einen dunklen Flur. Mr Peacock lugte vorsichtig um die Ecke, während er seine schweißnasse Stirn mit dem Taschentuch abtupfte. »Was jetzt?«, flüsterte Bob.
»Das Büro liegt am Ende des Ganges. Dort kann ich überprüfen, was mit dem Strom ist, nur dort.«
»Und wenn ihn tatsächlich jemand ausgeschaltet hat? Wäre dieser Jemand dann nicht auch in dem Büro?« Mr Peacock legte den Zeigefinger auf die Lippen. Sie lauschten. Doch der stoßweise Atem des Museumsdirektors direkt neben seinem Ohr übertönte alles, was Bob vielleicht hätte hören können.
»Da ist niemand«, versicherte Mr Peacock dem dritten Detektiv und schlich auf den Flur. Die Tür des Büros war geschlossen. Vorsichtig drückte Peacock die Klinke herunter. »Zu«, sagte er erleichtert. »Sie ist zu, sie ist zu.« Er zog seinen dicken Schlüsselbund aus der Tasche, an dem mindestens zwei Dutzend Schlüssel klimperten, und suchte mit geübtem Blick den richtigen heraus. »Das Schicksal eines Museumsdirektors: Schlüssel, Schlüssel, Schlüssel«, murmelte er, während er die Tür öffnete. Das Büro war klein und dunkel. Das einzige Fenster ging nach hinten, so dass kaum Licht von der Straße in den Raum fiel.
Bob fand den Lichtschalter, doch es blieb finster. Er erkannte einen großen Schreibtisch und einige Monitore an der Wand, die alle schwarz waren. Überall befanden sich Kontrolllampen, auch sie leuchteten nicht. Zwei Computer standen auf dem Schreibtisch. Mr Peacock setzte sich auf den Bürostuhl.
»Normalerweise sind die Kameras und Computer auch nachts in Betrieb«, erklärte er, während er versuchte eines der Geräte zum Laufen zu bringen. »Hier tut sich gar nichts, überhaupt nichts. Der Strom ist weg, überall.«
»Gibt es kein Notstromaggregat? Ich dachte, Museen hätten so was.«
»Gibt es. Aber entweder hat es sich nicht eingeschaltet oder die Verbindungen wurden unterbrochen.« Nervös wischte der Direktor über seine Stirn. »Wenn ich nicht genau wüsste, dass
... Es ist eigentlich unmöglich.«
»Das Telefon«, sagte Bob und wies auf den Apparat. »Das müsste doch funktionieren. Sollten wir nicht die Polizei rufen?«
»Das ist nur ein Haustelefon«, erklärte Mr Peacock. »Unsere Telefonanlage ist zugegebenermaßen etwas rückständig. Der Anruf muss vom Verwaltungsbüro weitergeleitet werden. Da dort aber niemand sitzt, können wir von hier aus nicht nach draußen telefonieren.«
»Dann sollten wir ins Verwaltungsbüro gehen«, schlug Bob vor. »Sie haben doch einen Schlüssel?«
»Ja, ja, selbstverständlich. Du hast Recht, das ist das Beste.«
Er erhob sich ächzend und trat an Bob vorbei auf den Gang.
»Die Verwaltung ist leider ganz unten. Den Fahrstuhl können wir wohl nicht benützen.«
»Der Fahrstuhl!«, rief Bob. Er hatte Justus und Morton ganz vergessen. »Was ist mit dem? Ist er etwa stecken geblieben?«
»Wahrscheinlich, ja, wahrscheinlich. Aber das kriegen wir in den Griff, sobald der Strom wieder da ist. Ein paar Anrufe und die Sache ist erledigt.«
Sie gingen die Treppe hinunter. »Sie glauben also nicht mehr, dass hier Einbrecher am Werk sind?«
»Ich... es wäre schon ein dummer Zufall, wenn ausgerechnet dann jemand ins Museum einbrechen will, wenn wir hier sind, oder?« Mr Peacock lachte leise, doch es klang nicht echt. Als er wieder seine Stirn betupfte, wurde Bob klar, dass der Direktor nur verzweifelt versuchte sich seine Panik nicht anmer-ken zu lassen, um ihn nicht zu beunruhigen. »Es wäre ein genauso dummer Zufall, wenn der Strom ausfällt, während wir hier sind«, bemerkte Bob. Mr Peacock erwiderte nichts. Aber er blieb immer wieder auf der Treppe stehen, um zu lauschen.
Schließlich erreichten sie den Treppenabsatz, von dem aus man das riesige Foyer mit dem fossilen Diplodocus überbli-
cken konnte. Er schaute über das Kassenhäuschen und die Absperrung hinweg zum Haupteingang, zwei gläsernen Schiebetüren. Bob zuckte zusammen. Die äußere Tür war geöffnet und an der inneren machten sich mehrere dunkle Gestalten zu schaffen. Er konnte sich gerade noch mit Mr Peacock hinter eine Säule des steinernen Treppengeländers ducken. Dann wurden die Glaswände unter protestierendem Knarren auseinander gezwungen und fünf Personen betraten das Foyer.
»Schiebt die Türen wieder zu«, befahl ein Mann und seine Stimme hallte unheimlich durch das leere Gewölbe. »Wir wollen niemanden auf der Straße aufmerksam machen.« Seine Begleiter gehorchten. Der Mann schwang sich über die metallene Absperrung, ging auf das Saurierskelett zu und schaltete eine Taschenlampe ein. Er seufzte zufrieden. »Es war einfacher, als ich gedacht hatte. Die Stimme hat Recht behalten. Wenn man erst mal weiß, wie es geht, ist es ein Kin-derspiel, die Stromversorgung eines Museums zu kappen.
Kommt, Leute. Das Feuer des Mondes wartet auf uns!«
Der Fahrstuhl hatte sich eben in Bewegung gesetzt, als es plötzlich einen Ruck gab. Das Licht ging schlagartig aus und es war still.
»Meine Güte, was ist denn jetzt los?«, keuchte Justus erschrocken.
»Der Fahrstuhl ist stehen geblieben.«
»Was Sie nicht sagen.« Sie warteten einige Augenblicke, doch nichts rührte sich. »Funktionieren Fahrstühle nachts nicht?«
»Es gibt keinen Grund, warum sie es nicht tun sollten.« Justus seufzte. »Fantastisch. Ich habe einfach kein Glück mit Fahrstühlen. Das ist schon das dritte Mal, dass ich in einem stecken bleibe. Allerdings das erste Mal im Dunkeln.«
»Keine Sorge, Justus«, beruhigte Morton ihn, »das dauert nicht lange. Die anderen werden bald merken, dass wir nicht da sind, wo wir sein sollten. Als Direktor dieses Museums wird Mr Peacock sicher wissen, wie man den Lift wieder in Bewegung setzt.«
»Ein wenig müssen wir uns schon gedulden, fürchte ich.
Schließlich will Mr Peacock den beiden erst ein paar Kost-
barkeiten zeigen, wie er sagte. Sie kennen ihn besser: Wird es lange dauern?«
»Nun, Mr Peacock kann... recht gesprächig sein, wenn du ver-stehst.«
»Eine halbe Stunde?«
»Möglicherweise.«
»Klasse.« Justus riss die Augen auf und versuchte irgendwas zu erkennen, aber nicht der kleinste Lichtstrahl drang in die Kabine. »Sie haben nicht zufällig eine Taschenlampe dabei?«
»Nein. Aber ein Feuerzeug.«
»Ich wusste gar nicht, dass Sie rauchen.«
»Pfeife. Mein einziges Laster«, bekannte Morton. Dann flammte ein kleines Licht auf und tauchte den Aufzug in gelbe Dämmerung.
»Vielleicht kriegen wir das Ding ja selbst wieder in Gang«, murmelte Justus und wandte sich den Knöpfen zu. Wahllos drückte er darauf herum, ohne Erfolg. »Da tut sich gar nichts.
Ich probiere es mal damit.« Er kippte den Schalter mit der Aufschrift › Stopp ‹, kippte ihn wieder zurück und wiederholte das einige Male. Nichts rührte sich. Dann betätigte er den ein-rastenden Notruf-Knopf und beugte sich über das ins Bedienungsfeld eingelassene Mikrofon. »Hallo! Hallo! Ist da jemand?« Keine Anwort. »Blöde Frage. Natürlich ist da niemand. Wer sollte auch hier sein.«
Das Licht erlosch. »Tut mir Leid, aber das Feuerzeug wird zu heiß«, entschuldigte sich Morton.
Der Erste Detektiv seufzte. »Eine Weile werde ich es auch so aushalten. Obwohl ich die Dunkelheit nicht besonders mag.«
Er lehnte sich an die Wand und rutschte daran entlang, bis er auf dem Boden saß. »Und das nur, weil ich zu faul war zu Fuß zu gehen.«
»Ich würde das anders sehen«, sagte Morton. »Du warst so höflich mir Gesellschaft zu leisten.« Schweigend warteten sie.
Die Leuchtkraft der Zeiger an Justus' Armbanduhr verlor langsam an Intensität, als eine Viertelstunde vergangen war. »So langsam dürften sie aber gemerkt haben, dass wir nicht im dritten Stock auf sie warten. Vorausgesetzt, sie sind überhaupt schon dort angekommen.« Er erhob sich wieder und versuchte in der engen Kabine auf und ab zu laufen, wobei er mit Morton zusammenstieß. »Oh, 'tschuldigung.«
»Du wirkst beunruhigt.«
»Bin ich auch. Sind Sie nicht nervös?«
»Bis jetzt gibt es dafür keinen Grund. Außerdem verträgt sich Nervosität nicht mit meiner beruflich bedingten Gelassenheit.«
Justus musste grinsen, obwohl ihm gar nicht danach zu Mute war. »Mir gefällt das nicht«, sagte er schließlich. »Wir stecken schon zu lange fest. Ich werde das Gefühl nicht los, dass hier was nicht stimmt.«
20.46 Uhr - Ab durch die Mitte
»Wo bleiben die nur?«, murmelte Peter nervös, als er zum wiederholten Male auf die Uhr sah. »Und wo bleibt der Strom?« Er gab Bob und Mr Peacock noch zwei Minuten und patroullierte wie ein Soldat vor dem blauen Diamanten auf und ab. Als die Zeit um war, warf er noch einen schnellen Blick auf die Glasvitrine und kehrte durch die Halle mit den Skulpturen zurück zur Treppe. Von unten waren leise Stimmen zu hören. Peter lief in den zweiten Stock und spähte in den Trep-penschacht. Drei oder vier Lichtkegel tanzten umher und glitten über die Stufen. Sie haben Taschenlampen gefunden, überlegte Peter. Wenigstens etwas. Gerade wollte er zu ihnen hinunterrufen, als er Stimmen hörte. »Beeilt euch, Leute. Das Feuer des Mondes wartet auf uns!«
»Wo ist der Stein?«
»Im dritten Stock. Bern, Dog und Ernie: Ihr holt ihn. Wir bleiben so lange hier unten und passen auf. Die Stimme sagte zwar, es gäbe keinen Nachtwächter und der Sicherheitsdienst der Stadt würde nur alle paar Stunden auf seiner Streife vor-beikommen, aber -«
»Aber Kontrolle ist besser.«
»Richtig. Haltet euch von den anderen Ausstellungsstücken fern. Wir wollen nicht mehr Spuren hinterlassen als nötig.«
»In Ordnung, Alpha. Wir beeilen uns.« Die tanzenden Lichter kamen näher und erklommen die erste Treppe. Peters Kopf zuckte zurück. Mr Peacock hatte Recht gehabt! Im Museum waren Einbrecher! Irgendwie hatten sie den Strom und damit auch die Alarmanlage ausgeschaltet und nun wollten sie den blauen Diamanten stehlen! Einer von euch muss das Feuer des Mondes bewachen!, schössen ihm die Worte des Direktors durch den Kopf. Peter wirbelte herum und lief so schnell und leise wie möglich die Treppe hinauf in den dritten Stock. Er musste etwas unternehmen, Hilfe holen. Bob und Mr Peacock waren vielleicht schon Gefangene und Justus und Morton...
»Reiß dich zusammen, Peter!«, murmelte er. »Denk nach!
Was ist jetzt das Schlauste?«
Er überlegte, was er über die Situation seiner Freunde wusste.
Bob und Mr Peacock konnten noch nicht entdeckt worden sein, sonst wäre das Gespräch zwischen den Eindringlingen anders verlaufen. Sie mussten also im Sicherheitsbüro unter dem Dach des Gebäudes sein. Von dort aus hatten sie sicher bessere Chancen die Polizei zu alarmieren als Peter. Justus und Morton saßen wahrscheinlich im Aufzug fest. Dort waren sie zwar handlungsunfähig, aber auch nicht in unmittelbarer Gefahr. Die Einzigen, für die es gefährlich war, waren er und der Diamant.
Die Schritte auf der Treppe unter ihm kamen näher. Ich muss den Stein in Sicherheit bringen!, beschloss Peter und lief weiter. Das Klappern seiner Sohlen auf dem Kunststoffboden der Skulpturenhalle erschien ihm ohrenbetäubend laut. Spätestens jetzt mussten die Gangster ihn gehört haben. Er hatte keine Zeit zu verlieren! Als er die Vitrine mit dem Stein erreichte, kam ihm ein Gedanke: Mr Peacock hatte gesagt, dass die Si-cherheitsanlagen innerhalb des Museums noch funktionierten.
Wenn er nun versuchte den Diamanten aus seinem Kasten zu holen, würde er einen Alarm auslösen - das Beste, was ihm passieren konnte! Entschlossen sprang er über die Absperrung und versuchte den Glasdeckel abzuheben. Kein Alarm. Und der Deckel rührte sich nicht. Selbst als er an dem kleinen Schloss rüttelte, mit dem die Vitrine gesichert war, geschah nichts. Da half nur rohe Gewalt. Der Zweite Detektiv sah sich fieberhaft um. In der Nähe stand ein Stuhl für das Aufsichts-personal. Er schnappte ihn, holte aus und rammte eines der Metallbeine gegen das Glas. Der Rückstoß ließ ihn taumeln, doch der Kasten war heil geblieben. Er nahm alle Kraft zusammen und versuchte es noch mal. Mit einem lauten Knall zersprang das gläserne Gefängnis in tausend Splitter, die sich über den ganzen Boden verteilten. Aufgeregte Rufe ertönten aus dem Nebensaal. Peter warf den Stuhl beiseite, griff in die Scherben und nahm das Feuer des Mondes an sich. Dann sprang er über die Absperrung und sah sich hektisch um. Hier führte kein Weg weiter, er musste zurück in die Halle - und würde seinen Verfolgern direkt in die Arme laufen. Er rannte los, an den Stellwänden und Modellen vorbei bis zur Steinzeit-
Ausstellung. Von hier aus erblickte er drei Gestalten in der Kunsthalle, die auf ihn zukamen. Mit etwas Glück hatten sie ihn noch nicht gesehen. Peter huschte zwischen die Höhlen-menschen, hockte sich auf den Boden neben eine Puppe, die gerade Feuer machte, und verharrte. Die Schritte und Rufe wurden lauter. »Das Klirren kam aus dieser Halle. Das ist der einzige Ausgang. Er muss noch hier sein«, sagte ein Mann.
»Wer?«, fragte ein anderer.
»Was weiß ich! Irgendjemand ist hier! Finden wir ihn!« Drei Schatten nährten sich. Peter erkannte in der Hand des einen die Umrisse einer Waffe. Langsam, in jeden Winkel spähend, be-wegten sie sich vorwärts. Plötzlich sah ein Mann mit breitem Boxergcsicht Peter direkt an. Der Fremde zuckte zusammen.
»Was ist los, Dog?«
»Diese Figuren. Ich habe sie im ersten Augenblick für echte Menschen gehalten.«
Eine Frau lachte leise. »Wenn du Angst vor Schaufenster-puppen hast, ist dies der falsche Job für dich.« Sie gingen weiter. Erst als sie außer Sichtweite waren, wagte Peter aufzu-atmen. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn. Er musste von hier verschwinden! Aber die drei Unbekannten waren noch zu nahe. »Da!«, rief die Frau. Während die Schritte schneller wurden,
entfernten sich die Stimmen. »Der Glaskasten! Der blaue Diamant ist weg!« Das war die Gelegenheit! Solange sie ihre Aufmerksamkeit der zerstörten Vitrine widmeten, konnte Peter das Weite suchen.
Er sprang auf und lief aus der Halle. Doch der Boden im Kunstsaal vereitelte seine lautlose Flucht. Schon hörte er Stimmen und Schritte hinter sich. »Da ist er!« Peter erreichte den Hauptgang und wandte sich nach rechts. Wenn seine Verfolger klug waren, würden sie sich trennen und ihm früher oder später den Weg abschneiden. Er brauchte ein Versteck! Ge-hetzt blickte er sich um. In einem Saal auf der rechten Seite befand sich die Wikinger-Ausstellung, die von der riesigen Nachbildung eines Schiffes beherrscht wurde. Peter rannte darauf zu, übersprang die Absperrung und erklomm den höl-zernen Rumpf, in der Hoffnung, dass das Modell seinem Ge-
wicht standhielt. Lautlos kletterte er über die Reling und duckte sich. Peters Herz pochte so laut, dass er das Gefühl hatte, man könnte es noch im Erdgeschoss hören. Seine Hand, die den blauen Diamanten fest umklammerte, schmerzte. Erschrocken blickte er auf das Blut, das seinen Unterarm hi-nabrann. Er musste sich an den Glasscherben geschnitten haben. Doch darum konnte er sich jetzt nicht kümmern, denn schon näherten sich die Stimmen. »Wohin ist er gelaufen?«