Die drei ??? Nacht in Angst
19.00 Uhr - Der gewagte Plan
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.
»Ich habe keine Ahnung, Beth. Am besten trennen wir uns. Ich übernehme diesen Raum.«
»Alles klar!«
Jemand betrat die Wikinger-Ausstellung. Der Strahl einer Taschenlampe glitt über das Schiff.
»In Ordnung, Alpha. Wir beeilen uns.« Drei Gestalten näherten sich der Treppe. Bob zuckte zusammen. Sie kamen direkt auf sie zu! Geduckt schlich er die Stufen hinauf und zerrte Mr Peacock mit sich, bevor der Schein der Taschenlampen sie erfassen konnte. Im zweiten Stock rannten sie in einen Aus-stellungsraum und pressten sich neben dem Eingang dicht an die Wand. Die Stimmen der drei Einbrecher kamen näher, dann wurden sie wieder leiser: Sie waren auf dem Weg in die nächste Etage.
»Das war knapp!«, raunte Bob. »Sie hatten Recht. Irgendwie müssen diese Burschen von außen den Strom abgeschaltet und alle Sicherheitssysteme außer Kraft gesetzt haben.«
»Sie wollen den Diamanten. Dein Freund Peter ist noch da oben!«
»Peter kann auf sich selbst aufpassen«, erwiderte Bob, obwohl er da gar nicht sicher war. Möglicherweise lief der Zweite Detektiv den Gangstern auch direkt in die Arme. Aber daran konnte er nichts ändern. »Wir müssen Hilfe holen!«
»Die Polizei!«, keuchte der Museumsdirektor atemlos. »Die Polizei anrufen, schnell!«
»Wo ist das Verwaltungsbüro?«
»Unten, hinter einer Tür neben dem Kassenhäuschen, direkt daneben.«
»Wenn wir die Treppe hinuntergehen, sehen uns die beiden, die zurückgeblieben sind, sofort«, überlegte Bob. »Es gibt noch ein anderes Treppenhaus. Für das Personal.« Mr Peacock deutete mit dem Kopf in die entsprechende Richtung.
»Dann los! Vielleicht kommen wir von dort zum Telefon.« Sie liefen den Gang hinunter und Mr Peacock öffnete mit einem seiner zahlreichen Schlüssel die Tür zum Treppenhaus. Hier gab es keine Fenster, es war stockdunkel. Vorsichtig tasteten sie sich nach unten. Endlich erreichten sie am Ende der Treppe eine Stahltür.
»Dahinter befindet sich das Foyer. Wir müssen am Diplodocus vorbei auf die andere Seite. Die Verwaltung liegt gegen-
über, direkt gegenüber.«
»Deren Tür verschlossen ist«, vermutete Bob.
»Richtig. Aber ich habe den Schlüssel. Ich habe alle Schlüssel.«
»Im Foyer stehen vermutlich auch die beiden Männer. Wir haben also nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir schleichen uns rüber oder wir rennen, so schnell es geht, los, schließen auf, verschwinden im Verwaltungsbüro und sperren hinter uns wieder ab.«
»Ich werde erst mal vorsichtig diese Tür öffnen und raus-spähen, ja, das ist am besten.«
»In Ordnung. Aber wenn sie uns bemerken, laufe ich los«, schlug Bob vor. »Geben Sie mir den Schlüsselbund. Ich glaube, ich bin schneller drüben.«
»Gut. Ja, gute Idee.« Die Schlüssel klimperten, dann drückte Mr Peacock Bob den Bund in die Hand und erklärte ihm, welcher Schlüssel zu welcher Tür gehörte. »Sind Sie sicher? Es ist immerhin stockfinster hier.« Er lachte leise. »Bei meinen Schlüsseln kenne ich mich aus.«
»Gut. Los geht's.« Bob öffnete das Schloss, so langsam es ging. Nach dem leisen Klicken wartete er einige Augenblicke, bevor er die Klinke geräuschlos hinunterdrückte und die Tür einen Spalt aufzog. Ein schmaler Streifen Dämmerlicht fiel in das Treppenhaus. Bob sah das Saurierskelett, die große Freitreppe und zwei Männer, die direkt davor unruhig auf und ab gingen und leise miteinander sprachen. Sie würden Bob sofort sehen, wenn er loslief. Es gab aber auch keine Möglichkeit, unbemerkt ins Foyer zu schleichen und sich zu verstecken. Er sah Mr Peacock an und schüttelte den Kopf. Sie warteten. Die Männer konnten nicht ewig dort patroullieren.
Etwa zehn Minuten vergingen, als plötzlich Stimmen laut wurden. Zwei Männer und eine Frau kamen aufgeregt die Treppe heruntergelaufen. »Was ist los?«, bellte eine Stimme.
»Wir kamen oben an und hörten ein Klirren. Der Stein ist weg.
Jemand ist uns zuvorgekommen«, antwortete die Frau.
»Wie bitte?«, fragte der Mann drohend. »Jemand ist euch zuvorgekommen? Hier ist kein Jemand!«
»Doch, Alpha. Wir haben ihn weglaufen sehen.«
»Ihr habt was? Wer ist er? Wo ist er?«
»Er ist uns entwischt.«
»Er ist... Jemand schleicht durch dieses Museum, schnappt uns das Feuer des Mondes vor der Nase weg und ihr lasst ihn entkommen?«, brüllte Alpha, dass seine Stimme sich überschlug.
»Findet ihn! Ceewee, du bleibst hier und bewachst beide Ausgänge. Er darf uns auf gar keinen Fall entkommen.« Mit gro-
ßen Schritten stürmte er die Treppe hinauf, gefolgt von seinen drei Kumpanen. Ceewee blieb unten und blickte ihnen nach.
Die letzte Chance!, durchfuhr es Bob. Er riss die Tür auf und rannte los.
Er hatte das Foyer schon halb durchquert, als er von Ceewee bemerkt wurde. »Halt! Hier ist er!« Der dritte Detektiv achtete weder auf ihn noch auf Mr Peacock, der irgendwo hinter ihm keuchte. Er erreichte das Verwaltungsbüro, Ceewee war noch zwanzig Meter entfernt. Mit zitternden Fingern versuchte er den Schlüssel ins Schloss zu schieben. Er passte nicht.
21.01 Uhr - Erwischt!
Justus horchte auf. »War da nicht gerade was? Morton, haben Sie das eben auch gehört?«
»Nein, was denn?"
»Ich dachte, da hätte jemand geschrien.« Der Erste Detektiv seufzte. »Ich höre wahrscheinlich schon Gespenster. Wir sitzen jetzt seit einer halben Stunde hier fest. Inzwischen müssten sie doch gemerkt haben, dass der Fahrstuhl feststeckt. Warum haben sie noch nicht einmal nach uns gerufen? So interessant kann dieses Museum nun wirklich nicht sein, dass Peter und Bob den ganzen Abend hier verbringen wollen. Da ist was faul, Morton.«
»Ich kann deine Sorge zwar nicht ganz teilen, aber vielleicht sollten wir tatsächlich selbst Bemühungen starten, uns aus dieser misslichen Lage zu befreien.«
»Der Meinung bin ich auch.« Justus stand entschlossen auf.
»Ob man den Fahrstuhl mit der Hand aufkriegt?« Er tastete nach dem Spalt zwischen Tür und Kabinenwand, krallte seine Finger hinein und zog, so fest er konnte. Die Schiebetür gab ein bisschen nach, doch die Bemühungen des Ersten Detektivs reichten nicht aus, um sie ganz zu öffnen. »Helfen Sie mir, Morton!«
Mit vereinten Kräften schafften sie es, die Tür aufzuziehen.
Doch als Morton sein Feuerzeug aufflammen ließ, starrte sie kalter Beton an. »Mir scheint, wir sind genau zwischen zwei Etagen gelandet«, stellte er fest.
»Das war klar«, stöhnte Justus. »Sonst wäre es ja kein Fahrstuhl-Abenteuer. Also schön, dann versuchen wir es mal über die Decke. In Filmen gibt es doch immer eine Luke, durch die man rausklettern kann. Hier sehe ich allerdings nur ein Metallgitter.«
»Darüber befinden sich wahrscheinlich die Glühlampen«, vermutete Morton und steckte das Feuerzeug wieder ein. »Und vielleicht auch ein Notausgang. Doch ich bin der Meinung, dass es für Sachbeschädigung noch zu früh ist. Wir befinden uns in keiner akuten Notlage. Nur in einer etwas unangeneh-men Situation.«
»Na schön. Ich gebe denen da draußen noch eine weitere halbe Stunde. Wenn sich bis dahin nichts getan hat, werde ich vor Sachbeschädigung nicht mehr zurückschrecken.« Der Erste Detektiv ließ sich wieder auf den Boden sinken. Der Anzug war verdammt unbequem. »Sie sollten sich auch setzen, Morton. Ihrem Bein tut es bestimmt nicht gut, wenn Sie die ganze Zeit stehen.«
»Da hast du sicherlich Recht«, erwiderte Morton und gesellte sich zu ihm. Doch an dem Zögern in seiner Stimme erkannte Justus, dass es dem Chauffeur unangenehm war, seine vor-nehme Haltung auf diese Weise zu verlieren. »Diese Dunkelheit macht mich wahnsinnig«, gestand Justus nach einer Weile.
»Und die Enge in dieser verfluchten Kabine. Habe ich Ihnen eigentlich schon erzählt, dass ich mal stundenlang in zweitau-send Meter Tiefe in einem winzigen und absolut finsteren U-Boot gefangen war?«
»Nein, das ist mir neu.«
»Na schön, wenn Sie möchten, erzähle ich Ihnen die Geschichte. Irgendwie müssen wir uns ja die Zeitvertreiben. Wer weiß, wann wir aus dem Fahrstuhl befreit werden.«
Eine schwere Hand legte sich auf Bobs Schulter und riss ihn gewaltsam herum. Er starrte in den Lauf einer Pistole. Eine Sekunde später wurde ihm der Schlüsselbund aus der Hand geschlagen. Mr Peacock bückte sich schnell und hob ihn auf.
»Rühr dich nicht!«, brüllte der Mann. »Stell dich da rüber!«
»Wo- wohin?«, stotterte Bob.
»Nicht du! Du da, Fettsack. Los, rüber!« Mr Peacock wurde grob nach vorn gestoßen. Nun hatten er und Bob die Wand im Rücken. Vor ihnen stand Ceewee, ein bulliger Mann mit sträh-nigen, zu einem Zopf gebundenen Haaren und kalt blitzenden Augen. Er hielt seine Waffe auf die beiden gerichtet. Es gab keine Fluchtmöglichkeit.
Nun kamen auch seine Kollegen angelaufen und stellten sich im Halbkreis um sie auf. »Gut gemacht, Ceewee«, raunte Alpha, dann blickte er abwechselnd Bob und Mr Peacock in die Augen. »Sieh an, ein paar Museumsbesucher haben die Öff-nungszeiten missverstanden. Wer seid ihr?«
»Ich bin... Museumsdirektor Peacock«, krächzte dieser heiser.
»Bob Andrews«, sagte Bob, dem nichts Besseres einfiel. »Der Direktor persönlich! Welch eine Ehre!«, säuselte Alpha samtweich. Er war ein kleiner, drahtiger Mann mit dunklen Haaren.
»Was habt ihr hier zu suchen?«
»Ich... ich wollte meinem jungen Freund die Ausstellung zeigen«, erklärte Peacock und zupfte sein Taschentuch aus der Brusttasche.
»So ein Zufall. Das hatten meine Freunde und ich auch vor«, lächelte der Anführer der Bande. »Bei der Gelegenheit habt ihr gleich den blauen Diamanten mitgehen lassen, wie? Wo ist er?«
»Wir haben ihn nicht«, antwortete Bob. »Durchsucht sie!«, befahl Alpha seinen Leuten. Bob und Mr Peacock wurden gepackt und abgeklopft. »Der Junge hat Recht«, unterbrach die Frau die Durchsuchung. »Sie waren es nicht. Der Dieb muss immer noch oben sein. Ich bin sicher, dass er den dritten Stock nicht verlassen hat, während wir dort waren.«
»Aha. Dann seid ihr also in Begleitung. Wer ist das da oben?«
Sie antworteten nicht.
»Wer?«, knurrte der Anführer wie ein gereizter Wolf und starrte Bob an. »Ich weiß es nicht.«
Alpha sprang vor, packte ihn beim Kragen und zog ihn so dicht zu sich heran, dass Bob seinen warmen Atem im Gesicht spürte. »Spiel keine Spielchen mit mir!«
»Lassen Sie den Jungen in Ruhe. Wir wissen beide nicht, wer sich hier noch herumtreibt. Wir hatten schließlich auch keine Ahnung, dass Sie auftauchen würden. Überhaupt keine Ahnung, nein.« Mr Peacocks Stimme zitterte, doch Bob war froh, dass er Alphas Aufmerksamkeit für einen Moment abgelenkt hatte.
»Und das soll ich glauben? Dass hier ganz zufällig noch jemand herumschwirrt, der weder mit uns noch mit Ihnen etwas zu tun hat?«
»Glauben Sie, was Sie wollen«, erwiderte Mr Peacock. »Es ist die Wahrheit, nichts als die Wahrheit, jawohl.« Alpha hielt Bob offenbar für den schwächeren Gegner, denn er packte ihn erneut und brüllte: »Wer?« Bob hatte Angst. Doch um Alpha zu überzeugen, musste er etwas übertreiben. Er sackte in die Knie und wimmerte: »Ich weiß es nicht!« »Schon gut, Alpha, er weiß es wirklich nicht«, versuchte die Frau ihn zu beruhigen. »Lass ihn in Ruhe.« Der Anführer ließ Bob los, schoss auf die Frau zu und schrie: »Die Entscheidun-gen treffe ich, Bern!« Plötzlich riss er die Augen auf und schnappte nach Luft. Sein Atem ging keuchend. Mit zittrigen Fingern griff er in die Innentasche seiner schwarzen Jacke und zog einen Inhalator hervor. Er steckte ihn in den Mund und atmete zwei-, dreimal das zischende Gas ein.
Langsam beruhigte er sich wieder. »In Ordnung«, fuhr er mit normaler Stimme fort. »Ceewee, du bleibst hier und bewachst weiter die beiden Ausgänge. Beth, Dog und Ernie, ihr sucht diesen Kerl. Und ihr findet ihn! Ich werde unsere beiden Gäste ins Sicherheitsbüro bringen und dort auf sie aufpassen. Verstanden?« Ohne eine Antwort abzuwarten, zerrte er eine Waffe hervor, richtete sie auf Mr Peacock und Bob und bedeu-tete ihnen mit dem Kopf voranzugehen. Gemeinsam verließen sie das Foyer über die Treppe.
Bob überlegte fieberhaft. Wenn er erst mal im Büro festsaß, gab es vermutlich keine Möglichkeit mehr zur Flucht. Er musste jetzt abhauen! Doch wie? Und wohin? Ceewee be-wachte den Ausgang. Den anderen hatte Mr Peacock abge-schlossen ... Der Schlüssel! Der Direktor hatte ihn eingesteckt und niemand hatte Notiz davon genommen. Das war ihr einziges Ass im Ärmel. Vielleicht würde es doch noch eine Gelegenheit geben zu verschwinden.
Im dritten Stock befahl Alpha seinen Leuten: »Ihr durchsucht systematisch das ganze Museum, von oben bis unten!« Dann stieg er mit seinen beiden Gefangenen die kleine Treppe hinauf ins Sicherheitsbüro. Er stellte seine Taschenlampe auf ein Ak-tenregal. In die Lampe war eine kleine Neonröhre eingebaut, die er einschaltete. Das kalte Licht erhellte den Raum nur ein wenig, doch es tat gut, endlich wieder mehr zu sehen als nur Schatten. Alpha ließ sich auf den Schreibtischstuhl fallen und dirigierte Bob und Mr Peacock mit der Waffe zur gegenüberliegenden Wand. Über die Lehne hinweg fixierte er sie.
»Was... was haben Sie jetzt vor?«, fragte Bob zögernd.
»Warten«, erwiderte Alpha einsilbig. »Und was geschieht mit uns?« Er antwortete nicht.
»Damit kommen Sie nicht durch«, behauptete Mr Peacock, der immer wieder seine Stirn trockenwischte. »Nein, nein, niemals.«
»Womit?«
»Mit dem Diebstahl des blauen Diamanten. Die Polizei wird Sie schnappen, ganz gleich wie geschickt Sie sich anstellen.
Besser, Sie stellen sich sofort, ja, sofort.« Alpha lachte auf.
»Mich stellen? Niemand weiß, dass wir hier sind. Niemand weiß, wer ich bin und wohin ich gehen werde.
Es besteht überhaupt keine Gefahr für mich und meine Leute.
Wir werden den geheimnisvollen Unbekannten finden, ihm den Stein abnehmen, ihn töten und dann werden wir spurlos verschwinden.«
»Ihn töten?«, rief Bob.
Ein kaltes Lächeln war die Antwort. »Ihr kennt ihn also doch!«
Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Sie hing wie ein hochexplosives Gas in der Luft.
»Nein«, beteuerte Bob. »Wir wissen wirklich nicht, wer das ist. Wir -«
Urplötzlich machte Mr Peacock einen Satz nach vorn und trat gegen die Rückenlehne des Stuhls, so dass Alpha mit den Rippen gegen die Tischkante prallte. Der Direktor hechtete zur Tür und stürzte auf den Gang. Ehe Bob reagieren konnte, war Alpha aufgesprungen. Der viel jüngere und schnellere Mann hatte Mr Peacock schon nach wenigen Schritten eingeholt. Er packte ihn an der Schulter und hieb ihm den Griff seiner Waffe in den Nacken. Mr Peacock ging stöhnend zu Boden.
Als das Licht der Taschenlampe verschwunden war, atmete Peter auf. Sie hatten ihn nicht entdeckt, aber das war nur eine Frage der Zeit. Er musste verschwinden! Er musste die Polizei alarmieren! Er musste Justus und Morton befreien! Er musste Bob und Mr Peacock finden! Er musste-»Nachdenken!«, murmelte er. »Ich muss vor allem nachdenken!« Konnte er riskieren sein Versteck zu verlassen? Vielleicht waren die Gangster noch ganz in der Nähe und warteten nur darauf, dass er herauskam. Andererseits war dies womöglich seine letzte Möglichkeit zur Flucht. Seine Hand schmerzte. Er schloss die Augen und lauschte. Außer dem Pochen seines Herzens und dem Rauschen des Blutes in seinen Ohren hörte er nichts. Er wartete fünf Minuten. Dann drangen leise Stimmen aus dem Untergeschoss zu ihm. Er verstand kein einziges Wort, dafür war es zu weit weg, doch sie klangen sehr aufgeregt. Zögernd lugte Peter über die Reling des Schiffes. Nichts rührte sich. Er kletterte hinunter und schlich zum Ausgang der Halle, wo er vorsichtig einen Blick in den Hauptgang warf. Auch hier war niemand. Von Schatten zu Schatten arbeitete er sich bis zur Treppe vor und warf einen Blick hinunter. Die Stimmen waren noch immer zu hören. Die ganze Bande schien dort unten zu sein. Peter ging langsam Stufe für Stufe hinunter. Er hatte eben den zweiten Stock erreicht, als Schritte auf dem Steinfußboden des Foyers zu hören waren. Sie wollten zur Treppe! »Verflucht!«, zischte Peter.
»Zu lange gewartet!« Er lief wieder nach oben und suchte sein altes Versteck an Bord des Wikingerschiffes auf. Hier würde so schnell niemand nach ihm suchen.
Wieder kamen Schritte näher und nun konnte Peter endlich etwas verstehen.
»Ihr durchsucht systematisch das ganze Museum, von oben bis unten!«
Großartig!, dachte Peter. Für eine Flucht war es nun zu spät.
Er konnte nur hoffen, dass seine Verfolger nicht sehr gründ-lich waren.
Es dauerte nicht lange, bis sich die Schritte dem Ausstel-lungsraum näherten. »Ernie, du bleibst auf dem Gang, damit er uns nicht entwischt. Beth und ich suchen Raum für Raum ab.«
Durch die Dunkelheit des Saales glitten zwei Lichtfinger. Aber nicht so fahrig wie beim letzten Mal. Gezielt suchten sie jeden Winkel ab, leuchteten zwischen Wikingerhelmen und den toten Bildschirmen der Videoinstallationen. Dann näherten sie sich dem Schiff. Peter duckte sich noch tiefer. Er war froh dieses Versteck gewählt zu haben. Die Reling war so hoch, dass sie ihn unmöglich entdecken konn-
ten. Jedenfalls solange sie nicht auf die Idee kamen, an Deck zu suchen.
Durch die schmalen Ritzen zwischen den Holzplanken fiel das grelle Licht der Taschenlampen. Es glitt auf Peter zu, immer näher und schließlich über ihn hinweg. Er wollte gerade erleichtert aufatmen, als der Lichtfleck plötzlich stehen blieb.
»Hier ist was!«, rief die Frau. »Leuchte mal rüber!« Ein zweiter Lichtkegel gesellte sich hinzu. »Das ist Blut! Jemand ist auf das Schiff geklettert.«
21.14 Uhr - Fluchtversuche
»Mr Peacock!« Bob löste sich aus seiner Starre und rannte auf den am Boden liegenden Museumsdirektor zu. »Bleib stehen!«, fauchte Alpha und richtete die Waffe auf ihn. Bob gehorchte. »Aber... aber er braucht Hilfe!« Alpha zögerte einen Moment, dann senkte er seine Pistole und nickte.
Nachdem der dritte Detektiv sich neben den Direktor gekniet hatte, drehte er ihn vorsichtig auf den Rücken und fühlte seinen Puls. »Er ist nur bewusstlos«, stellte er erleichtert fest.
»Natürlich. Hätte ich ihn umbringen wollen, hätte ich meine Waffe anders benutzt. Das hat sich dieser Verrückte selbst zuzuschreiben. Ich hoffe, du lernst aus seinem Fehler. Los, bring ihn ins Büro!«
Bob schleifte den bewusstlosen Mann vorsichtig aus dem Flur.
Im Sicherheitsbüro zog er seine Anzugjacke aus, faltete sie zusammen und bettete den Kopf des Direktors darauf. Dabei fiel sein Blick auf Mr Peacocks Jackett. Aus der Tasche blitzte etwas hervor: die Schlüssel!
»Er wacht nicht wieder auf«, sagte Bob und tastete erneut nach dem Puls. Wie zufällig rutschte er dabei in eine Position, die Peacock vor Alphas Blicken abschirmte. Rasch griff Bob nach dem Schlüsselbund und ließ ihn in seine Hosentasche gleiten.
»Bestimmt haben Sie ihn schwer verletzt und er braucht einen Arzt.«
»Der kommt schon wieder zu sich«, war Alpha überzeugt.
»Sind Sie sicher?«, fragte Bob angriffslustig. Alphas Gesicht verfinsterte sich. »Hör zu, Junge. Ich kann auch anders mit dir umspringen! Du hast die Wahl: Entweder du hältst dein Maul und darfst unserem geschätzten Museumsdirektor das Händ-chen halten oder du liegst gleich neben ihm!«
Bob schwieg. Alpha war kein Gegner, den er durch Reden in die Ecke drängen konnte. Justus hätte das vielleicht geschafft.
Er konnte Gesprächspartner so beeinflussen, dass sie am Ende nicht einmal mehr ihren Namen wussten. Aber Justus war nicht hier. Plötzlich ging ihm auf, dass sie gegenüber Alpha und seiner Bande einen Vorteil hatten: Sie wussten, dass im Fahrstuhl noch zwei Menschen steckten. Nur hatten Justus und Morton keine Ahnung, in welcher Situation sie sich befanden.
Und es gab keine Möglichkeit, sie zu informieren. Hoffentlich konnte wenigstens Peter den Gangstern entwischen. Vielleicht kam er sogar aus diesem Gefängnis heraus und konnte die Polizei verständigen. Allerdings hatte Bob nicht die leiseste Idee, wie er das fertig bringen sollte.
Peter sackte schlagartig das Herz in die Hose. Sie hatten ihn entdeckt!
»He! Komm raus! Wir wissen, dass du da oben bist!«, rief die Frau.
Die Gedanken des Zweiten Detektivs rasten. Wenn er sich nicht stellte, würden sie vielleicht Gewalt anwenden. Andererseits ... was machten sie mit ihm, wenn er sich tatsächlich stellte?
»Du hast keine Chance! Wir haben dein Versteck umzingelt!«
Das war eine Lüge. Sie waren nur zu zweit. Von umzingeln konnte keine Rede sein. Plötzlich hatte Peter eine Idee: Sie konnten nicht wissen, dass er noch hier oben war. Er hätte das Schiff längst verlassen haben können. Hoffentlich waren die Gangster auch so schlau, um so weit zu denken. »Vielleicht ist er gar nicht mehr da, Beth«, hörte er prompt den Mann flüstern.
»Finden wir es doch heraus. Ich werde raufklettern. Hol Ernie zur Verstärkung!«
Schritte entfernten sich, wenig später kamen zwei Personen zurück. »Ihr habt ihn?«
»Fast. Er ist da oben. Wahrscheinlich jedenfalls.«
»Und wenn er bewaffnet ist?«
»Dann hätte er längst geschossen. Ich klettere jetzt rauf. Gebt mir Feuerschutz.«
Peter blieb nur eine Chance: Er musste sie ablenken. Sein Blick fiel auf das Segel, das mit einem locker geknoteten Tau in Spannung gehalten wurde. Blitzschnell zog er seine Schuhe aus, hockte sich in Startposition und wartete. Die Frau kletterte an der Schiffswand hoch und schwang sich gekonnt an Deck.
In diesem Moment schleuderte Peter einen Schuh zum Heck des Schiffes, wo er auf die Holzbohlen polterte. Den zweiten warf er gleich hinterher. Der Schuh flog über die Reling und krachte auf einen Schaukasten unter ihnen. Für einen Augenblick waren sie abgelenkt und sahen nicht in seine Richtung.
Peter sprang auf, riss das Tau los und schlüpfte unter dem fal-lenden Segel hindurch. Auf der anderen Seite kletterte er über die Brüstung auf den Boden. Das Manöver hatte funktioniert: Die drei hatten nur auf das Poltern der Schuhe und das herun-terkrachende Segel geachtet, ohne ihn zu bemerken. »Wo ist er? Er muss hier irgendwo sein!«, schrie Beth. Doch Peter war längst nicht mehr an Bord des Schiffes, sondern auf dem Weg hinaus. Wenn er unbemerkt den Wikingersaal verlassen konnte, war er vorerst in Sicherheit. Er schaffte es nicht. Drei Schritte vor dem Ausgang rief Ernie: »Dog! Beth! Da ist er!«
Drei Verfolger konnte er sich nicht lange vom Hals halten. Es gab nur eine Möglichkeit: Er musste nach unten, zum Ausgang! Wie der Blitz raste er zur Treppe und sprang die Stufen hinunter. Die Verfolger fielen zurück. Seinem jahrelang trai-nierten Kurzstreckensprint waren sie nicht gewachsen. Immer vier Stufen auf einmal nehmend hechtete er dem Erdgeschoss entgegen. Mit Schwung sprang er ins Foyer - und sah den Mann, der vor dem Ausgang postiert stand. Bei dem Versuch kehrtzumachen rutschte er mit seinen Socken auf dem glatten Steinboden aus und stürzte. Rufe wurden laut. Panisch riss Peter die Socken von seinen Füßen, rappelte sich auf und lief barfuß zu einer kleinen Tür an der Seitenwand der Eingangshalle, dem einzigen Weg, der ihm noch nicht abgeschnitten war. Bitte, sei offen!, schickte er ein Stoßgebet zum Himmel.
Die Tür ging auf. Er schlüpfte hindurch und warf sie hinter sich zu.
Es war stockdunkel. Doch in der halben Sekunde, in der Licht hineingefallen war, hatte er ein kahles Treppenhaus erkannt.
Blind tastend fand er das Geländer und stolperte die Stufen hinauf, wobei er sich schmerzhaft die nackten Zehen stieß.
Unter ihm hörte er schon wieder seine Verfolger. Sie sparten ihre Kräfte und hatten aufgehört zu brüllen, aber Peter konnte ihr Keuchen und das Trampeln ihrer Schuhe auf dem Beton hören. Mehr zufällig berührten Peters Finger eine Klinke. Er drückte sie hinunter, sprang durch den Ausgang und befand sich im Hauptflur des zweiten Stockes. Einer der Stühle für das Wachpersonal stand an der Wand gegenüber. Der Zweite Detektiv schnappte ihn und klemmte die Rückenlehne unter die Türklinke. Keine Sekunde zu früh, denn schon rüttelten die Gangster daran. Der Stuhl blockierte die Tür. Aber das würde sie nicht lange aufhalten. In spätestens einer Minute konnten sie das Treppenhaus in einem anderen Stockwerk verlassen haben und über die Haupttreppe kommen. Er brauchte ein Versteck!
Erschöpft stolperte er in den nächsten Saal, wo ihn das riesige Plastikmodell einer Vogelspinne empfing. Doch Peter hatte keinen Blick für die lehrreichen Dinge, die es hier über Spin-nen und Insekten zu erfahren gab. Er suchte dunkle Ecken und Winkel, in denen ihn niemand fand. Schließlich verkroch er sich unter einem großen, flachen Schaukasten, in dem Schmetterlinge aufgespießt waren. Mit geschlossenen Augen gab er seinem Kreislauf die Chance sich zu beruhigen.
Seine Füße schmerzten und auch seine Hand tat immer noch weh. Hoffentlich hatte er nicht wieder eine Blutspur hinterlassen. Doch erleichtert stellte er fest, dass die Wunde schon etwas verkrustet war.
Was sollte er jetzt tun? Er hatte noch immer keine Ahnung, wo Bob und Mr Peacock sich aufhielten. Justus und Morton steckten wahrscheinlich immer noch im Fahrstuhl und hatten keine Ahnung, was vor sich ging. Er musste sie informieren.
Justus fiel bestimmt etwas ein! Ihm fiel immer etwas ein!
Schritte näherten sich. Es war nur eine einzelne Person. Sie hatten sich wohl getrennt, um nach ihm zu suchen. Glück-licherweise wussten sie nicht, in welchem Stockwerk er sich befand. Die Schritte passierten den Eingang zur Insektenausstellung und entfernten sich wieder. Peter wartete noch einige Minuten, bis er sicher war, dass sich niemand in der Nähe befand, dann krabbelte er aus seinem Versteck hervor und spähte vorsichtig in den Flur. Niemand da. Ganz in der Nähe sah er im Halbdunkel den Fahrstuhleingang, der in einem besonders tiefen Schatten lag. Dort verharrte er noch ein paar Sekunden, dann krallte er seine Finger in den Spalt der Schiebetür und zog sie mit aller Kraft auseinander. Er blickte in den schwar-
zen Schacht. Nur zwei Meter unter ihm war die Kabine stecken geblieben.
Peter beugte sich etwas nach vorn, als sich mit eisernem Griff eine Hand auf seinen Mund legte.
»Ich muss schon sagen, ihr Jungs habt ein erstaunliches Talent dafür, immer wieder in Schwierigkeiten zu geraten«, sagte Morton, nachdem Justus die Geschichte über seine abenteuer-liche U-Boot-Fahrt erzählt hatte.
»Nicht wahr? Ich weiß auch nicht, wie wir das immer wieder schaffen. Selbst wenn sich gerade keine Verbrecher in unserer Nähe aufhalten, gibt es Ärger. Beispielsweise bleibt der Fahrstuhl stecken.« Justus wurde ernster. »Obwohl ich mir gar nicht mehr sicher bin, ob hinter diesem Stromausfall nicht doch mehr steckt. Ich mache mir Sorgen.«
»Ich gestehe, dass auch mir die Situation einige unangenehme Überlegungen aufdrängt«, bekannte Morton. »Vielleicht sollten wir durch Eigeninitiative versuchen unserem Gefängnis zu entkommen. Auch wenn die halbe Stunde noch nicht um ist.«
»Das ist ein sehr guter Vorschlag!« Justus sprang auf und bat Morton Licht zu machen. Im Schein der kleinen Flamme streckte er sich zu dem Metallgitter. Doch der nicht gerade hoch gewachsene Erste Detektiv konnte lediglich seine Finger zwischen die Stäbe stecken. »Wir sollten die Rollen tauschen.
Sie sind größer.«
Nun machte Morton sich an dem Gitter zu schaffen, während Justus das Feuerzeug hielt. »Es ist verschraubt«, stellte der Chauffeur fest. »Offensichtlich hat man hier so sehr auf das funktionierende Notrufsystem vertraut, dass man einen Notausstieg für unnötig hielt.«
»Sie haben nicht zufällig einen Schraubenzieher dabei«, lachte Justus. »Zufällig doch.«
»Wie bitte?«
Morton griff in die Innentasche seiner Jacke und zog ein Taschenmesser hervor. »In meiner Jugend war ich Pfadfinder«, erklärte er. »Abgesehen vom Grundsatz, jeden Tag eine gute Tat zu tun, habe ich gelernt, dass es von Nutzen sein kann, ein Taschenmesser bei sich zu tragen.«
»Morton, Sie sind ein Genie!«, rief Justus begeistert. »Und Sie haben nun Gelegenheit die gute Tat des Tages zu tun. Legen Sie los, Morton!«
»Sehr wohl, der Herr.« Er machte sich an die Arbeit. Die Schrauben waren bald gelöst. Nun ließ sich das Gitter abnehmen. Darunter kam, wie sie vermutet hatten, ein Gewirr aus Kabeln und Glühlampen zum Vorschein, die an einer Kunststoffplatte befestigt waren. »Hier dürfte es etwas schwieriger werden, wenn wir nichts beschädigen wollen.«
»Aua!« Justus ließ das Feuerzeug fallen. Es war so heiß geworden, dass er sich verbrannt hatte. »Wir haben ein Problem.
Selbst wenn das Feuerzeug kalt bleiben würde, ist es bald leer.
Ich möchte ungern gleich im Dunkeln dastehen.«
»Ohne Licht wird es mir kaum möglich sein, die Platte zu entfernen.«
»Na schön.« Der Erste Detektiv wartete einen Moment, bis sich ihre Lichtquelle abgekühlt hatte, dann ließ er die Flamme erneut aufleuchten. Morton begann die Lampen auszu-schrauben, die Kabel zu lösen und so nach und nach die Platte freizulegen. Es dauerte lange und sie mussten die Arbeit immer wieder unterbrechen, um dem Feuerzeug, Justus' Fingern und Mortons Armen eine Ruhepause zu gönnen. Gerade als Morton die letzten Kabel entfernt hatte, geschah das Unver-meidliche: Die Flamme wurde immer kleiner, bis sie nur noch als winziger blauer Punkt in der Dunkelheit schwebte. »Das war's dann wohl«, sagte der Erste Detektiv, woraufhin das Feuer ganz verlosch. »Jetzt müssen wir blind weitermachen.
Schaffen Sie das, Morton?«
»Vielleicht nach einer kleinen Pause.« Der Chauffeur setzte sich erschöpft hin. »Meine Arme sind etwas schwer geworden.«
»Uns drängt ja keiner«, scherzte Justus, um sein Unwohlsein zu überspielen. »Vielleicht könnten wir -« Er brach ab. »Was ist, Justus?«
»Pst! Hören Sie das? Da war ein Geräusch!« Ein leises Schaben und Quietschen erklang. Es kam von oben aus dem Fahrstuhlschacht.
»Das ist wahrscheinlich unsere Rettungsmannschaft«, sagte Morton. »Da haben wir die Kabinenbeleuchtung wohl etwas zu früh demontiert. Dies dürfte der geeignete Zeitpunkt sein sich bemerkbar zu machen.« Er holte tief Luft.
»Nein, Morton!«, zischte Justus. »Noch nicht!«
»Warum denn nicht?«
»Ich... habe ein komisches Gefühl. Wir sollten abwarten, ob jemand nach uns ruft.«
Sie schwiegen. Das Quietschen wiederholte sich, dann ein leises Poltern und es blieb einige Sekunden lang still. Schließlich hörte Justus flüsternde Stimmen.
21.20 Uhr - Lauschangriff
Als Peter die Hand auf seinem Mund spürte, fiel er vor Schreck fast in den Fahrstuhlschacht. Doch ein Arm legte sich um seine Schulter und hielt ihn fest. Peter versuchte sich los-zureißen, aber der Griff war eisern. Um Hilfe zu schreien hatte keinen Zweck. Es wunderte Peter, dass der Fremde nicht nach Verstärkung rief. Und warum hielt er ihm eigentlich den Mund zu? Etwas stimmte hier nicht.
»Schhht!«, zischte der Mann leise. »Du gehörst nicht zu denen, oder?«
Peter gab seinen Widerstand auf. Fast augenblicklich löste sich die Umklammerung des Fremden. Und als der Zweite Detektiv antworten wollte, verschwand auch die Hand von seinem Mund, jedoch nicht ohne Warnung: »Sei leise!«
»Wer sind Sie?«, flüsterte Peter und drehte sich um. Das Gesicht des Mannes war in der Dunkelheit nur ein schwarzer Fleck.
»James Elroy«, stellte er sich knapp vor. »Ich bin der Nachtwächter.«
»Der Nachtwächter?«, fragte Peter überrascht - und ein wenig zu laut. »Pst!«
»Ja, schon gut. Seit wann sind Sie hier? Wissen Sie, was hier vor sich geht?«
»Ich weiß, dass der Strom plötzlich ausfiel und fünf Leute in das Museum eindrangen. Ich wollte die Polizei alarmieren, doch in diesem Gebäude funktioniert buchstäblich nichts mehr.
Dann bemerkte ich, dass Direktor Peacock in Begleitung von euch Jungs hier war.«
»Was sollen wir jetzt tun? Wie kommen wir hier heraus?«
»Zuerst müssen wir den blauen Diamanten in Sicherheit bringen. Raus kommen wir so schnell nicht. Es gibt nur zwei Aus-gange und die werden bewacht von diesem langhaarigen Typ.
Du hast den Stein doch?«
»Ja, ich habe ihn.« Peter holte ihn hervor. »Gib ihn mir! Ich weiß ein absolut sicheres Versteck für ihn.« Mr Elroy griff nach dem Edelstein, doch Peter zog die Hand im letzten Moment zurück. »Wer sagt mir, dass ich Ihnen trauen kann?«
»Niemand sagt dir das!«, antwortete der Nachtwächter aufgebracht. »Aber ich arbeite für Direktor Peacock. Ich bin auf deiner Seite! Wenn diese Kerle dich erwischen und du den Stein bei dir hast, sind wir verloren. Oder glaubst du im Ernst, sie werden Zeugen leben lassen?«
Peter erschrak. So weit hatte er noch gar nicht gedacht. »Aber was bringt es uns, den Stein zu verstecken? Wenn sie uns schnappen, sind wir trotzdem dran.«
Mr Elroy schüttelte den Kopf. »Nicht, wenn sie die Beute noch nicht haben. Ohne das Feuer des Mondes werden sie bestimmt nicht verschwinden.«
»Woher wissen Sie das alles so genau?« Doch der Nachtwächter hatte keine Zeit mehr zu antworten. Schritte kamen näher. »Wir müssen verschwinden!«, zischte er, griff nach dem Stein und war zwei Sekunden später mit der Dunkelheit ver-schmolzen.
Verdutzt blickte Peter auf seine immer noch geöffnete, aber nun leere Hand, dann in den Fahrstuhlschacht. Jetzt war es zu spät, mit Justus Kontakt aufzunehmen. »Ich komme wieder!«, flüsterte er hinunter in der Hoffnung, dass der Erste Detektiv ihn hören konnte. Dann schob er die Tür zu und suchte sein Versteck in der Insektenausstellung auf. »Ich habe heute ein verdammt schlechtes Timing«, murmelte er und wartete darauf, dass seine Verfolger wieder verschwanden.
Immer wieder sah Bob besorgt zu Mr Peacock hinunter, der nach wie vor bewusstlos am Boden lag. Er brauchte vielleicht ärztliche Hilfe, Bob konnte nichts für ihn tun. Inzwischen ging Alpha unruhig im Büro auf und ab. Er hatte wohl erwartet, dass seine Leute Peter schneller fassen würden. Bob kannte den Zweiten Detektiv gut genug, um zu wissen, dass er mit seinen sportlichen Höchstleistungen nicht so einfach zu fangen war. Aber es war nur eine Frage der Zeit. Er musste etwas tun!
Er ging zum Schreibtisch hinüber und setzte sich langsam auf den Stuhl, den Anführer der Bande immer beobachtend. Doch Alpha schien ihn gar nicht zu bemerken. Bob nahm einen Ku-gelschreiber in die Hand und spielte damit herum. Dabei ließ er seinen Blick über den Tisch wandern. Im Schein der schwachen Neonröhre erkannte er schwarze Monitore, Com-
putertastaturen und unzählige Knöpfe und Schalter an einem langen Bedienungsfeld, das an die Wand montiert war. Einige der Knöpfe waren beschriftet, jedoch meist nur mit Abkür-zungen, denen Bob nicht viel entnehmen konnte. Vermutlich waren es Schalter für einzelne Sicherheitssysteme. Einige Schilder gaben auch ausführlicher Auskunft: ›Kamera l ‹,
›Kamera 2‹, ›Kamera 3‹, ›Belüftung 1‹, ›Belüftung2‹, ›Lift Notruf‹, ›Beleuchtung Foyer‹... Bob stutzte. Lift Notruf! Unter dem Kippschalter waren ein winziger Lautsprecher und ein kleines Mikrofon angebracht. Die Verbindung zur Fahrstuhlkabine für Notfälle! Bob warf einen schnellen Blick zu Alpha, doch der wanderte ganz in Gedanken versunken immer noch auf und ab. Bob hatte das sichere Gefühl, dass er die Gegensprechanlage zu seinem Vorteil nutzen konnte. Nur wie?
Bei Stromausfall funktionierte sehr wahrscheinlich auch dieses System nicht. Andererseits brauchte man den Notruf gerade in solchen Fällen. Vielleicht war er mit einer Batterie ausgestattet? Wenn er die Sprechanlage einschaltete, würde man alles, was im Fahrstuhl gesprochen wurde, hier im Büro hören können und dann wusste Alpha, dass sich zwei weitere Personen im Museum befanden.
Der dritte Detektiv dachte fieberhaft nach. Dann entdeckte er einen weiteren Knopf. Darunter stand ›Sprechen‹. Scheinbar geistesabwesend riss Bob einen kleinen Streifen Papier von der Schreibtischunterlage und faltete ihn unauffällig, die Hände im Schoß versteckt, zu einem winzigen Keil. Als Alpha ihm den Rücken zuwandte, drückte Bob den ›Sprechen‹-Knopf und schob den Keil dazwischen, so dass der Knopf nicht wieder zurückschnellen konnte. Seine Hände zuckten zurück, als Alpha sich ihm zuwandte.
»Wo bleiben die denn!«, presste er wütend hervor und starrte Bob an, als erwartete er von ihm eine Antwort. Dann setzte er seine Wanderung durch das Büro fort. Bob tastete nach dem Kippschalter und legte ihn um. Dabei räusperte er sich leise, um das Klicken zu übertönen. Ein rotes Lämpchen flammte auf. Die Sprechanlage war in Betrieb! Die Lampe starrte wie ein glühendes Auge in den dämmrigen Raum. Schnell schob Bob einen kleinen Tischkalender davor, bevor Alpha sich umdrehte. »He! Was fummelst du da herum?«
Die Akustik des Fahrstuhlschachtes sorgte dafür, dass Justus jedes Wort verstand, das zwei Meter über ihm geflüstert wurde. Gebannt lauschten Morton und er, bis das Gespräch ein abruptes Ende fand und die Aufzugstüren knirschend geschlossen wurden. Erst dann wagte Justus zu atmen.
»Haben Sie das gehört, Morton?«
»Das habe ich in der Tat. Mir scheint, unser Problem ist größer als angenommen.«
»Unser Problem ist gewaltig«, flüsterte Justus unwillkürlich.
»Ich hatte also Recht mit meiner Vermutung, dass hier etwas faul ist. Und wie faul! Wir müssen etwas unternehmen!«
»Und was?«
»Zuerst mal müssen wir hier raus.«
»Ich bin nicht sicher, ob das eine gute Idee ist«, zweifelte Morton. »Wenn sich tatsächlich fünf kriminelle Subjekte in diesem Gebäude aufhalten, ist es wenig ratsam, ihnen zu be-gegnen.«
»Aber irgendwas müssen wir doch tun! Sie wissen nicht, dass wir hier sind. Jedenfalls hoffe ich das. Peter läuft frei herum.
Sollten Bob und Mr Peacock sich bereits in der Gewalt der Gangster befinden, so haben sie uns bestimmt nicht verraten.
Sonst hätten wir nämlich schon längst Besuch bekommen.«
Justus knetete seine Unterlippe. Das tat er immer, wenn sein Gehirn auf Hochtouren lief. »Den Einbrechern geht es um das Feuer des Mondes. Aber das haben sie nicht. Also haben sie im Moment andere Sorgen als den Fahrstuhl zu inspizieren. Vielleicht kommen wir unbemerkt raus und können Hilfe holen.
Zusammen mit Peter und dem Nachtwächter sind wir schon mal zu viert.«
»Zu dreieinhalbt«, widersprach Morton. »Meine Handlungs-möglichkeiten sind infolge des Gipsbeins etwas einge-schränkt.«
»Schaffen Sie es trotzdem, unseren Notausgang freizulegen?«
»Ich denke schon.« Morton versuchte die Kunststoffplatte zu entfernen, hielt jedoch schon nach wenigen Augenblicken inne. »Auch die ist angeschraubt«, erklärte er. »In der Dun-
kelheit wird es etwas länger dauern, bis ich die Schrauben gelöst habe.« Er machte sich an die Arbeit, während Justus geduldig wartete.
»Vielleicht finden wir Peter, wenn wir erst mal hier raus sind.
Oder er kommt zurück. Hat er ja versprochen. Gemeinsam entdecken wir bestimmt einen Weg aus diesem verfluchten Museum. Bevor sie uns entdecken, meine ich. Wie ist es der Bande nur gelungen, den Strom abzustellen? Ein Museum ist kein normales Mietshaus. Es gibt Sicherheitsvorkehrungen! Da muss sich jemand verdammt gut ausgekannt haben. Na ja, sonst hätte er es bestimmt nicht gewagt, hier einzusteigen. Ich möchte zu gern wissen, ob es ihnen nur um den Diamanten geht oder ob nicht vielleicht noch etwas anderes dahinter steckt. Was meinen Sie, Morton?« Plötzlich wurde Justus bewusst, dass er die ganze Zeit laut gedacht hatte, um seine Nervosität unter Kontrolle zu bekommen - und das beklemmende Gefühl, das sich in seinem Magen ausbreitete. Diese Kabine war eng und dunkel. Justus hasste Enge und Dunkelheit.
»Ich weiß nicht«, antwortete der Chauffeur einsilbig, ganz auf seine Arbeit konzentriert. Nach fünf Minuten hatte er es geschafft: »So, die Platte lässt sich abnehmen.«
»Darüber ist die Decke«, stellte Justus fest, der aufgestanden war und das Ergebnis betastete. »Hoffentlich ist es wirklich die Decke und nicht bloß eine weitere Schicht, die wir abschrau-ben müssen.«
»Nein«, sagte Morton. »Ich kann einen schmalen Spalt fühlen, der ein Rechteck bildet. Das könnte eine Art Notausstieg sein.
Die Frage ist nur, wie man ihn öffnet.«
»Drücken Sie mal dagegen«, schlug Justus vor. »Das tue ich bereits.«
»Vielleicht gibt es irgendwo einen Hebel oder... ah! Ich glaube, hier ist was! Eine Art Klammer oder so. Ich zieh mal dran.« Mit einem lauten Klicken schnappte der Bügel auf, der die Metallpiatte wie den Deckel eines Einmachglases festge-halten hatte. Nun ließ sich der Ausstieg nach oben freilegen.
Mit leisem Scheppern schob Morton die Platte beiseite. Der Erste Detektiv hatte gehofft, dass durch die Öffnung etwas Licht fallen würde. Doch es blieb dunkel. »Das hätten wir also.
Meinen Sie, dass Sie hochklettern können?«
»Ich kann es versuchen.« Justus hörte Morton ächzen. Aber schon nach wenigen Augenblicken gab der Chauffeur auf. Er ließ sich zurückfallen und stöhnte leise vor Schmerzen. »Es tut mir außerordentlich Leid, Justus, aber ich kann mein Bein nicht beugen. So komme ich niemals durch die Luke.«
»Und wenn ich Ihnen helfe?«
»Du müsstest mich schon hochziehen.«
»Na schön«, murmelte Justus. »Dann muss ich es wohl versuchen.« Er war noch nie ein begeisterter Kletterer gewesen.
Doch mit Mortons Hilfe, der seine Hände zu einer Räuberleiter verschränkte, gelang es ihm, sich durch die enge Öffnung zu zwängen. Unsicher stand er auf dem Dach der Fahrstuhlkabine, die bedenklich wackelte. Zumindest kam es ihm so vor. Vorsichtig tastete er seine Umgebung ab. Dicke Stahlseile hielten den Lift in seiner Position. In die Betonwände waren metallene Schienen eingelassen, in denen die Kabine reibungslos auf und ab gleiten konnte. Ein schrecklicher Gedanke durchzuckte Justus: Was, wenn der Strom plötzlich wieder anging und der Aufzug sich in Bewegung setzte? Er sollte sich auf jeden Fall beeilen. »Ich will mal versuchen nach oben zu klettern«, flüsterte er Morton zu. »Hier sind leider keinerlei Vorsprünge oder Einbuchtungen in den Wänden, ich muss mich also an den Stahlseilen hochziehen.«
»Sei vorsichtig! Viel Glück!«
»Danke, kann ich gebrauchen!« Sein Vorhaben erinnerte ihn an verhasste Turnstunden, in denen er gezwungen war dämli-che Taue emporzuklettern, die von der Hallendecke herab-hingen. Meistens endeten diese Anstrengungen damit, dass er wie ein nasser Sack hilflos einen Meter über dem Boden baumelte und nicht weiterkam, während alle anderen kletterten, als stammten sie in direkter Linie von Affen ab. Justus atmete einmal tief durch, ergriff das Seil und presste die Innenseiten seiner Schuhsohlen als zusätzlichen Halt dagegen. Mühsam schob er sich Stück für Stück vorwärts und dachte kurz an seinen Anzug. Vermutlich war er ruiniert. Doch das Öl, das an dem Seil klebte, wurde nicht nur seiner Kleidung zum Ver-
hängnis, sondern auch seinen Kletterkünsten. Als er schon ein gutes Stück geschafft hatte, glitten seine Füße plötzlich ab.
Seine Hände packten nicht kräftig genug zu und er rutschte abwärts, wobei sich die Stahlfasern brennend in die Handin-nenflächen schnitten. Mit einem Schmerzensschrei landete er auf dem Dach der Kabine und wäre um ein Haar durch den Notausgang gleich ein Stockwerk tiefer gestürzt. Fluchend wedelte er mit den Händen, sie brannten wie Feuer. »Was ist passiert?«, rief Morton besorgt. »Ich bin abgerutscht! Aua, meine Hände!«
»Schaffst du es noch einmal?«
Justus berührte testweise das Seil, doch sofort durchzuckte ihn der Schmerz. »Nicht mit diesen Händen!«
»Gibt es keine andere Möglichkeit?«
»Ich fürchte, nein. Das verflixte Seil!« Justus trat wütend dagegen, dass die Kabine bedenklich zitterte, und kletterte dann mühsam hinunter. »So viel zu unseren genialen Aus-bruchsplänen«, fluchte er und pustete auf seine aufgeschürfte Haut. »Ich bin aber auch ein Trottel!«
»Das hätte jedem passieren können, Justus.«
»Geben Sie sich keine Mühe mich zu trösten, Morton. Das ist zwar nett gemeint, bringt uns aber keinen Schritt weiter. Was sollen wir denn jetzt tun?« Darauf wusste Morton keine Antwort. Minutenlang herrschte betretenes Schweigen. Dann hörten sie plötzlich ein seltsames Geräusch. Etwas knackte. Justus fürchtete schon, sein Tritt gegen das Seil hätte fatale Folgen nach sich gezogen, da erklang eine Stimme. Sie kam nicht von oben wie beim letzten Mal, als sie Peter und den Nachtwächter belauscht hatten. Die Stimme war neben ihm, sie kam direkt aus der Kabine. »He! Was fummelst du da herum?«
21.44 Uhr - Geständnisse
Bob zuckte zusammen und blickte Alpha unschuldig an. »Ich habe nichts getan, wirklich.«
»Finger weg. klar?« Ohne ein weiteres Wort drehte er wieder seine Runden.
»Wie... wie sind Sie in das Museum gekommen?«, brach Bob das Schweigen.
»Durch die Tür«, brummte Alpha unwillig. »Ich meine, wie haben Sie die Alarmanlage ausgeschaltet?« Alpha blieb stehen und blickte Bob scharf an. »Warum plötzlich so gesprächig, Kleiner?«
Bob schluckte. »Ich... es interessiert mich einfach.«
»Willst wohl später auch mal so ein Ding drehen, was?« Er lachte rau. »Na schön. Ich geb dir Unterricht, solange wir darauf warten, dass meine Leute den Kerl schnappen. Ein Museum ist mit verschiedenen Sicherheitssystemen ausgestattet.
Fällt eines aus, springt ein anderes dafür ein und der Vorfall wird sofort gemeldet. Auch bei der Stromversorgung setzt man auf mehr als ein einziges Pferd. Schließlich kann immer mal ein Kabel durchschmoren oder eine Leitung durch ein Erdbe-ben beschädigt werden. Im Fall des Steadman-Museums sind es fünf unterschiedliche Quellen, die den Komplex mit Energie versorgen. Und man muss alle fünf gleichzeitig ausschalten, damit die unterbrochene Stromzufuhr keinen Alarm bei der Polizei auslöst.«
»Fünf verschiedene Quellen«, sagte Bob. »Dann ist es also kein Zufall, dass Sie zu fünft hier sind.« Alpha lachte. »Ganz und gar nicht.«
»Aber wie haben Sie die Energieversorgung unterbrochen?
Woher wussten Sie, wo die Verbindungen liegen? Ich hätte davon überhaupt keine Ahnung.«
»Das war Sache des Auftraggebers.«
»Sie arbeiten im Auftrag von jemandem?«, fragte Bob überrascht. »Ich dachte, Sie hätten es selbst auf das Feuer des Mondes abgesehen?«
»Ich? Niemals! Kostet viel zu viel Zeit und Mühe, so was in Geld zu verwandeln. Die Objekte sind bekannt, man muss vorsichtig sein, sonst läuft man einem verdeckten Ermittler in die Hände, wenn man sie verkaufen will. Nein, nein, das über-lasse ich lieber anderen Leuten.«
»Ihrem Auftraggeber.«
»Genau.«
»Und ... wer ist das?«
»Du machst mir Spaß, Junge! Ich komme mir vor wie bei einem Polizeiverhör. Du willst Namen, was?« Lachend wandte er sich ab und ging im Büro umher. »Selbst wenn ich wollte, könnte ich es nicht sagen.«
Bob runzelte die Stirn. »Was soll das heißen? Wissen Sie den Namen Ihres ... Klienten denn nicht?«
»Ich kenne nicht einmal sein Gesicht.«
»Wie darf ich das denn verstehen?«
»Du bist ganz schön neugierig.« Alpha warf Bob einen scharfen Blick zu. Dann lachte er verächtlich: »Was soll's. Mit den Informationen wirst du sowieso nichts anfangen können. Alles lief über Telefon«, erklärte er. »Wir nennen ihn nur ›die Stimmen Er gab mir den Auftrag und die Instruktionen, ohne dass wir uns je persönlich begegneten. Die Stimme sagte mir, wie man die Alarmanlagen des Museums umgeht.«
»Woher weiß sie das?«
»Keine Ahnung, und es ist mir auch egal, solange die Informationen stimmen. Mein Auftraggeber sagte, es sei ganz einfach in ein Museum einzusteigen, wenn man nur weiß, wie man es anstellen muss. Er hat Recht behalten. Es war ein Kin-derspiel.«
»Wenn die Stimme das alles so genau weiß, warum stiehlt sie das Feuer des Mondes dann nicht selbst?«, fragte Bob.
»Vielleicht hatte sie nicht genügend Leute. Oder sie wollte sich nicht die Finger schmutzig machen. Es bleibt ja immer ein gewisses Restrisiko.« Alphas Miene verfinsterte sich. »Wie wir grade sehr schön am eigenen Leib erfahren.« Bob wollte das Thema umgehen. Ein plaudernder Alpha war wesentlich ungefährlicher als ein jähzornig brüllender. »Wie weiß Ihr Auftraggeber denn, dass Sie den Stein auch wirklich abliefern werden?«
»Er weiß es nicht. Es ist eine Sache des gegenseitigen Vertrauens. Wir vertrauen darauf, dass er uns nicht in eine Falle lockt und uns die Polizei auf den Hals hetzt, er vertraut darauf, dass wir mit der Ware auch am vereinbarten Übergabeort er-scheinen.«
»Und werden Sie es tun? Immerhin könnten Sie den blauen Diamanten einfach behalten und verschwinden.« Bob konnte sich nicht verkneifen hinzuzufügen: »Wenn Sie ihn haben.«